Was unterscheidet eine lineare DGL von allen anderen, und warum macht das das Lösen drastisch einfacher?
Stell dir ein System vor, das proportional auf seine Eingaben reagiert: doppelt rein gibt doppelt raus, halb rein gibt halb raus. Genau diese Eigenschaft trägt den Namen linear. Bei einer DGL erster Ordnung heisst das konkret: die gesuchte Funktion und ihre Ableitung kommen jeweils nur in erster Potenz vor. Keine , kein , kein Produkt , keine sonstige Verbiegung. Die Vorlesung schreibt die Hauptform so:
Die beiden Bausteine: heisst Koeffizient und multipliziert auf der rechten Seite, heisst Störglied (oder Inhomogenität) und steht als zusätzlicher Summand daneben. Beide dürfen von abhängen, aber nicht von . Genau das macht die DGL linear. Sobald oder von abhängen (etwa ), gilt nichts mehr von dem, was hier folgt.
Wie zerlegen wir eine DGL in einen „inneren“ Anteil und ein „äusseres Treiben“?
Schau auf die Hauptform . Die linke Seite enthält alles, was mit dem System selbst zu tun hat (die unbekannte Funktion und ihre Ableitung). Die rechte Seite enthält die äussere Anregung. Setzt man die Anregung auf null (also ), bleibt das System sich selbst überlassen. Die resultierende Gleichung heisst die homogene DGL:
Die DGL mit heisst inhomogen, kurz (I). Ihre Lösung hat zwei Anteile: die homogene Lösung (kennt nur , das System selbst) und die partikuläre Lösung (kennt und , antwortet auf die Anregung). Wir schreiben sie , ganz analog zur homogenen ; die volle Lösung der inhomogenen DGL heisst einfach .
Diese Zerlegung ist die DNA des ganzen Verfahrens. Vorausgreifend: die allgemeine Lösung heisst .
Wenn ich zwei Lösungen einer DGL kenne, ist ihre Summe wieder Lösung? Bei beliebigen DGLs lautet die Antwort meistens nein. Bei linearen DGLs lautet sie ja, und genau das ist der zentrale Vorteil dieser Klasse.
Konkret. Sei eine Lösung von (H), also , und sei irgendeine Lösung von (I), also . Dann ist auch eine Lösung von (I). Das prüft man durch direktes Einsetzen, in zwei Zeilen:
Daraus folgt direkt die Hauptaussage. Hat man eine partikuläre Lösung von (I) und die allgemeine Lösung von (H) (also alle homogenen Lösungen auf einmal, parametrisiert durch einen freien Parameter ), so beschreibt alle Lösungen von (I). Das ist die zentrale Struktur-Aussage dieses Kapitels:
Wie löst die Vorlesung die homogene DGL konkret?
Erster Schritt, genau wie in der Vorlesung: schreib die DGL als . Links steht nur noch , rechts nur noch , die DGL ist also separierbar (VII.4). Die Vorlesung hält als wichtige Tatsache fest: homogene lineare DGL sind immer separierbar.
Jetzt wird getrennt und integriert, und zwar direkt für die konkret gegebene Funktion , nicht über eine fertige Formel. Mach es am Vorlesungs-Beispiel mit: , also .
Egal welches konkrete du einsetzt, eines ist immer gleich: am Ende der Separation steht genau ein freier Faktor davor. Die Vorlesung hält das so fest: die homogene Lösung trägt immer einen freien Parameter als Faktor (auch ist erlaubt, das ist die triviale Nulllösung). Mehr Struktur braucht man nicht zu merken, der Rest fällt jedes Mal aus der konkreten Trennung der Variablen.
Der wichtigste Spezialfall: konstant. Dann ist die Separation besonders kurz: , integriert , also . Das ist genau die DGL aus Kap. VII.2 (mit ): Wachstum für , Abklingen für . Die Zeit- bzw. Längen-Konstante steuert, wie schnell es geht.
Noch ein konkretes Beispiel zum Mitrechnen. Sei , also (nicht konstant). Separieren: , also . Exponential nehmen mit liefert . Schnell-Probe: . ✓
Du siehst: auch bei nicht-konstantem rechnest du nichts auswendig, sondern trennst und integrierst die konkrete Funktion. Bei kam heraus, bei kommt heraus. Jeder Fall einzeln, genau wie in der Vorlesung.
Statt blind zu integrieren, was wäre, wenn wir die Form der partikulären Lösung schon erraten und nur die Koeffizienten ausrechnen müssten?
Das ist der geschickte Ansatz (auch Ansatz vom Typ der rechten Seite). Beobachtung: hat eine einfache Form (Polynom, Exponential, harmonische Funktion), hat meist dieselbe Form mit unbekannten Koeffizienten. Ansatz hinschreiben, einsetzen, Koeffizienten vergleichen, fertig. Kein Integral, nur lineare Algebra.
Drei Standard-Typen mit zugehörigen Ansätzen. Für ein Polynom wähle den Ansatz (gleicher Grad). Für ein Exponential wähle (gleicher Exponent). Für eine harmonische Anregung wähle (immer beide Anteile, auch wenn nur einen hat, weil Ableiten Sinus und Kosinus ineinander dreht).
| Störglied | Ansatz | Resonanz wenn |
|---|---|---|
| Polynom Grad | Polynom Grad | |
| (bei const.) | ||
| und in |
Beispiel zum Mitrechnen (Vorlesungs-Beispiel). Gegeben , also , (Polynom Grad 2). Welcher Grad muss haben? Probier (Grad 3), denn der Term senkt den Grad um eins, also bekommen wir wie gewünscht. Probe: . Einsetzen in : , also . Koeffizientenvergleich: , also und . Zusammen mit der homogenen Lösung aus §2.2 ist die allgemeine Lösung . ✓
Was tut man, wenn der geschickte Ansatz keine Lösung liefert?
Ein Beispiel zeigt das Problem. Sei und , also (Prof-Form ) die homogene Lösung (aus §2.2, da ). Naiver Ansatz .
Einsetzen in : , also . Bei scheitert das: kein erfüllt die Gleichung.
Warum scheitert er? Weil schon selbst eine homogene Lösung ist (sie erfüllt ), kann sie auf der rechten Seite nichts produzieren. Der Ansatz steckt im homogenen Lösungsraum.
Der Vorlesungsweg in diesem Fall: wenn der Ansatz scheitert, wechselt man zum Verfahren von Lagrange (Variation der Konstanten, §4). Das liefert immer eine partikuläre Lösung. Für unser Beispiel: , also Basislösung und , somit und . Genau diese Lösung mit dem Faktor fällt also bei VdK automatisch heraus.
Welcher Ansatz passt zu welchem Störglied? Drei klassische Störglieder, drei passende Ansätze, alle nach demselben Schema. Das ist dein Spickzettel für die Klausur.
Beispiel 1 (Polynom). Löse .
Zuerst die homogene Lösung. konstant, also .
Nun der Ansatz . Ableitung . Einsetzen in liefert .
Koeffizientenvergleich grad-weise. liefert , also . liefert , also . liefert , also .
Damit , und die allgemeine Lösung lautet .
Beispiel 2 (Exponential, ohne Resonanz). Löse .
Für die homogene Lösung gilt , also . Der Exponent in ist , der homogene Exponent ist . Da haben wir keine Resonanz.
Ansatz . Einsetzen in : , also und , . Allgemeine Lösung .
Beispiel 3 (harmonische Anregung). Löse .
Für die homogene Lösung haben wir , also (Exponential, also keine Resonanz mit Sinus oder Kosinus). Ansatz , beide Terme, weil das Ableiten Sinus und Kosinus mischt.
Probe ergibt . Einsetzen in : . Koeffizientenvergleich liefert das System:
Damit , und die allgemeine Lösung lautet .
Was tun, wenn der Ansatz scheitert oder unhandlich wird? Lagrange hat eine eigenartige, aber zuverlässige Idee.
Beobachtung: der Ansatz aus §3 funktioniert nur für eine begrenzte Familie von Störgliedern (Polynom, Exponential, harmonische Funktion). Bei , oder bei tückischen Resonanz-Konstellationen klappt er nicht, oder die Korrekturen werden chaotisch. Wir brauchen ein universelles Verfahren, das immer funktioniert. Genau das liefert Lagrange.
Lagranges Idee, auch Variation der Konstanten (VdK). Nimm eine konkrete homogene Lösung , die du in §2.1 per Trennung der Variablen ausgerechnet hast (irgendeine, mit Faktor ). Und nun das Verrückte: ersetze in den Konstanten-Faktor durch eine Funktion . Setze in die DGL ein. Die DGL bestimmt dann eindeutig, welche Funktion sein muss. Wir „lassen die Konstante atmen“.
Wo ein naiver Ansatz scheitert: mit dem zu niedrigen Ansatz ( konstant). Einsetzen: , also und .
Das ist keine Konstante mehr, sondern eine Funktion in . (Mit dem richtigen Grad, aus §3, hätte der Ansatz hier funktioniert; dieses Beispiel zeigt nur, wie ein falsch gewählter Ansatz scheitert.) Genau hier setzt Lagrange an: wir lassen die Konstante eine Funktion werden und schauen, welche.
Was passiert, wenn der Konstanten-Faktor aus der homogenen Lösung selbst eine Funktion werden darf?
Setze in die DGL ein. Die Ableitung berechnet sich mit der Produktregel: . Wir wissen , weil die homogene DGL löst. Einsetzen ergibt:
Daraus folgt eine einfache Gleichung für , die wir direkt integrieren können:
Integration liefert . Wichtig: hier keine Integrationskonstante mitnehmen, wir suchen nur eine partikuläre Lösung. Die freie Konstante steckt schon in . Damit:
Die allgemeine Lösung der inhomogenen DGL ist dann :
Beispiel zum Mitrechnen (Vorlesungs-Beispiel). Löse , also , . Homogene Lösung (aus §2.2), Basislösung . Dann , also (ohne Integrationskonstante). Damit ist , und die allgemeine Lösung lautet , mit als freiem Parameter aus . Probe ergibt , und Einsetzen in : . ✓
Beide Methoden führen zum Ziel. Wann ist welche die schnellere?
Der geschickte Ansatz aus §3 ist schnell und übersichtlich, aber funktioniert nur bei einer kleinen Familie von Störgliedern: Polynom, Exponential, harmonische Funktion, Linearkombinationen und Produkte davon. Bei Resonanz braucht es zusätzlich den -Korrekturfaktor, was die Sache leicht unübersichtlich macht.
Lagrange/VdK aus §4 ist universell, funktioniert für jedes , liefert aber ein Integral, das man am Ende ausrechnen muss. Bei einfachen ist das Integral trivial; bei kompliziertem kann es das Bottleneck sein.
Klausur-Reflex. Erst kurz prüfen, ob ein Ansatz aus der Tabelle in §3.1 passt. Wenn ja, Ansatz nehmen (schneller). Wenn nein (etwa , , ), direkt zu VdK gehen. Wenn der Ansatz scheitert (gleiche Form wie ), ist VdK in der 1. Ordnung der saubere Vorlesungsweg; den -Korrekturtrick spart man sich.
Wie sieht die Menge aller Lösungen einer linearen DGL geometrisch aus, und was ist das Schöne daran?
Aus den vorigen Sections: jede Lösung der inhomogenen DGL ist , mit einer partikulären und irgendeiner homogenen .
Die homogenen Lösungen bilden eine 1-parametrige Familie (). Die inhomogenen sind diese Familie, um verschoben.
Geometrisch ist das ein affiner Lösungsraum. Die homogenen Lösungen bilden einen 1-dimensionalen Unterraum (alle Vielfachen der Basislösung ); die inhomogenen liegen auf einer dazu parallelen Geraden durch .
Dasselbe Bild wie bei linearen Gleichungssystemen : alle Lösungen gleich eine partikuläre plus alle homogenen Lösungen.
Folge: zwei partikuläre Lösungen und unterscheiden sich nur um eine homogene Lösung ( liegt im homogenen Raum). Es gibt viele gleichberechtigte , aber die Schar ist immer dieselbe Menge.
Welche dieser vielen Lösungen ist die richtige für unser konkretes Problem?
Ein Anfangswertproblem (AWP) kommt mit einer Zusatzbedingung der Form , die genau einen Punkt auf der Lösungskurve fixiert (Bezeichnung wie in VII.1 §3.4 und VII.3 §3.1). Aus der 1-parametrigen Schar wird damit eine eindeutige spezielle Lösung. Setze die Anfangsbedingung in die allgemeine Form ein:
Beispiel zum Mitrechnen. Aus §4.2 kennen wir die allgemeine Lösung von als (für ). Mit AWP einsetzen: , also . Die spezielle Lösung ist , definiert für .
Existenz und Eindeutigkeit. Bei linearen DGLs ist Picard-Lindelöf (VII.3 §3.2) besonders gutmütig: sind und um stetig, existiert dort genau eine Lösung des AWP.
Lineare DGLs haben also keine Verzweigungen, keine singulären Lösungen, solange glatt bleiben. Genau das macht die Klasse so handhabbar (Gegenbeispiele zu nicht-linearen DGLs in VII.3 §3.3).
Wie sieht eine lineare DGL 1. Ordnung in einem echten Schaltkreis aus? Schauen wir uns ein konkretes physikalisches System an: den RC-Kreis. Halten unsere Methoden in der Praxis, was sie versprechen?
Der RC-Kreis ist ein Standard-Schaltkreis aus der Elektronik: ein Widerstand und ein Kondensator mit Kapazität , in Reihe geschaltet, gespeist von einer Spannungsquelle (zunächst konstant, also Gleichspannung). Frage: wie ändert sich die Spannung am Kondensator mit der Zeit, wenn man den Schaltkreis bei einschaltet (Kondensator anfangs ungeladen)?
In der Vorlesung wird die Methode am verwandten RL-Kreis mit Wechselspannung vorgeführt; dort liefert der trigonometrische Ansatz die stationäre Amplitude und eine Phasenverschiebung. Diesen angeregten Fall (Amplitude und Phase als Funktion der Frequenz) greifen wir in VII.11 systematisch auf. Hier bleiben wir zunächst beim einfacheren Gleichspannungs-RC-Kreis.
Wir nutzen den Kirchhoffschen Maschensatz: die Summe der Spannungsabfälle gleich die Quellenspannung, hier . Ohmsches Gesetz: .
Am Kondensator gilt (Strom gleich Kapazität mal Spannungs-Änderungsrate). Daraus .
Einsetzen in den Maschensatz und Sortieren auf die Hauptform :
Kritischer Notations-Konflikt. hat jetzt zwei Bedeutungen: Schar-Konstante (der freie Parameter in ) und Kapazität des Kondensators (Standard in der Elektrotechnik). Damit nichts kollidiert, schreiben wir hier für die Kapazität und für die Schar-Konstante.
Welche der beiden Methoden, Ansatz oder Variation der Konstanten, passt besser zum RC-Kreis, und wo liegt der Unterschied im Aufwand?
Zuerst die homogene Lösung. Die homogene DGL ist , mit konstant. Aus §2.2 (Spezialfall konstant) folgt , mit als Schar-Konstante. Das ist die natürliche Antwort des Schaltkreises ohne externe Spannung: eine Exponentialfunktion, die mit Zeitkonstante abklingt.
Variante Ansatz: geschickter Ansatz für . Das Störglied ist konstant, also Polynom vom Grad 0. Passender Ansatz aus der Tabelle in §3.1 ist konstant. Ableitung . Einsetzen in liefert , also und . Sehr einfach, der Ansatz passt hier perfekt.
Variante VdK. Basislösung , Ansatz . Bestimmungsgleichung , integriert .
Damit , dasselbe Resultat mit mehr Aufwand. Bei konstantem ist VdK übertrieben, der Ansatz ist direkter.
Daraus die allgemeine Lösung. , mit frei.
Und der Anfangswert einbauen. Bei einem zu Beginn ungeladenen Kondensator gilt . Einsetzen liefert , also . Endlösung:
Was bedeutet unsere Lösung physikalisch? Wo sind Einschwingvorgang und stationärer Zustand in der Formel zu erkennen?
Schau auf . Zerlege in zwei Anteile. Der Term ist konstant und entspricht dem stationären Endzustand: das, was nach langer Zeit übrig bleibt, wenn alles eingeschwungen ist. Der Term klingt mit Zeitkonstante exponentiell ab und entspricht dem Einschwingvorgang: das transiente Verhalten am Anfang.
Die Zuordnung ist systematisch: partikuläre Lösung = stationärer Endzustand, homogene Lösung = Einschwingvorgang. Bei zeitabhängigem (Wechselstrom) wird selbst zeitabhängig, aber die Trennung in stationäres Verhalten (von getrieben) und Einschwingen (vom System, klingt ab) bleibt. In VII.11 (RLC-Kreis) kommt sie mit Schwingungs-Komponenten wieder.
Zeitkonstante als Charakteristikum. Nach ist bei des Endwerts. Nach bei etwa , nach bei etwa . Die Praxis-Faustregel: „nach 5 Zeitkonstanten ist die Aufladung praktisch abgeschlossen“. ist die einzige Zahl, die das zeitliche Verhalten bestimmt; skaliert nur den Endwert linear, ändert aber nichts am Zeitverlauf der relativen Aufladung.
Was passiert am Widerstand? Spannung : anfangs voll, klingt mit derselben Zeitkonstante ab. Strom : anfangs maximal , versiegt dann.
Im stationären Endzustand fliesst kein Strom mehr (Kondensator voll, sperrt den DC-Kreis). In Gleichstrom-Kreisen wirkt er nach kurzer Aufladephase wie ein offener Schalter.
Übungsaufgaben zu linearen DGLs 1. Ordnung (geschickter Ansatz, Variation der Konstanten, RC-Kreis-Anwendungen) folgen in einer Phase-2-Runde.
Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.