1Was ist eine lineare DGL 1. Ordnung?

1.1 Hauptform y' = p(x) · y + q(x)

x0x_0 0.00
y0y_0 2.50
Steigung y=x0y0y' = x_0 - y_0 −2.50
Abb. 1: Richtungsfeld der linearen DGL y=xyy' = x - y (also y+y=xy' + y = x). Ziehe den Anfangspunkt (x0,y0)(x_0, y_0); jede Lösung wird zur Geraden y=x1y = x - 1 hingebogen.

Was unterscheidet eine lineare DGL von allen anderen, und warum macht das das Lösen drastisch einfacher?

Stell dir ein System vor, das proportional auf seine Eingaben reagiert: doppelt rein gibt doppelt raus, halb rein gibt halb raus. Genau diese Eigenschaft trägt den Namen linear. Bei einer DGL erster Ordnung heisst das konkret: die gesuchte Funktion yy und ihre Ableitung yy' kommen jeweils nur in erster Potenz vor. Keine y2y^2, kein sin(y)\sin(y), kein Produkt yyy \cdot y', keine sonstige Verbiegung. Die Vorlesung schreibt die Hauptform so:

!!!
Hauptform einer linearen DGL 1. Ordnung
y(x)=p(x)y(x)+q(x)y'(x) = p(x)\, y(x) + q(x)
p(x)p(x) und q(x)q(x) sind beliebige Funktionen einer Variablen, fest gegeben durch das Problem. Links steht nur yy'. Rechts ein Vielfaches von yy (mit Koeffizient pp) plus die Inhomogenität qq.

Die beiden Bausteine: p(x)p(x) heisst Koeffizient und multipliziert yy auf der rechten Seite, q(x)q(x) heisst Störglied (oder Inhomogenität) und steht als zusätzlicher Summand daneben. Beide dürfen von xx abhängen, aber nicht von yy. Genau das macht die DGL linear. Sobald pp oder qq von yy abhängen (etwa y=y2+xy' = y^2 + x), gilt nichts mehr von dem, was hier folgt.

Definition Lineare DGL 1. Ordnung
Eine DGL der Form y=p(x)y+q(x)y' = p(x)\, y + q(x) mit p,qp, q beliebige Funktionen einer Variablen xx. yy und yy' treten nur in 1. Potenz auf, ohne Produkte und ohne nicht-lineare Funktionen.
Notation p(x)p(x) und q(x)q(x)
pp: Koeffizient von yy (rechts). qq: Störglied (rechts daneben). Beide nur von xx abhängig, nicht von yy.
Notation Alternative Schreibweise
Manche Lehrbücher bringen alles nach links und schreiben y+P(x)y=q(x)y' + P(x)\, y = q(x). Das ist dieselbe DGL mit P=pP = -p. Wir bleiben durchgehend bei der Vorlesungsform y=py+qy' = p\, y + q.
Merke Linear vs nicht-linear
Linear: y,yy, y' nur in 1. Potenz, keine Produkte, keine f(y)f(y). Nicht-linear: alles andere (y2y^2, sin(y)\sin(y), yyy \cdot y', ...).

1.2 Homogener und inhomogener Anteil

Wie zerlegen wir eine DGL in einen „inneren“ Anteil und ein „äusseres Treiben“?

Schau auf die Hauptform y=p(x)y+q(x)y' = p(x)\, y + q(x). Die linke Seite enthält alles, was mit dem System selbst zu tun hat (die unbekannte Funktion yy und ihre Ableitung). Die rechte Seite q(x)q(x) enthält die äussere Anregung. Setzt man die Anregung auf null (also q0q \equiv 0), bleibt das System sich selbst überlassen. Die resultierende Gleichung heisst die homogene DGL:

!!
Homogene DGL (H)
y=p(x)yy' = p(x)\, y
Die DGL ohne Störglied (q0q \equiv 0). Beschreibt das System ohne äussere Anregung, also seine „natürliche“ Bewegung. Wir nennen sie kurz (H).

Die DGL mit q(x)≢0q(x) \not\equiv 0 heisst inhomogen, kurz (I). Ihre Lösung hat zwei Anteile: die homogene Lösung yhy_h (kennt nur pp, das System selbst) und die partikuläre Lösung ypy_p (kennt pp und qq, antwortet auf die Anregung). Wir schreiben sie ypy_p, ganz analog zur homogenen yhy_h; die volle Lösung der inhomogenen DGL heisst einfach yy.

Diese Zerlegung ist die DNA des ganzen Verfahrens. Vorausgreifend: die allgemeine Lösung heisst y=yh+ypy = y_h + y_p.

Definition Homogen vs inhomogen
(H): y=pyy' = p\, y, ohne Störglied. (I): y=py+qy' = p\, y + q, mit Störglied q≢0q \not\equiv 0.
Notation yhy_h und ypy_p
yhy_h: homogene Lösung, löst (H). Kennt nur pp. ypy_p: partikuläre Lösung, löst (I). Kennt pp und qq.
Merke Lösungs-Strategie
Gesamtlösung == homogene Lösung yhy_h ++ partikuläre Lösung ypy_p. Beide Anteile getrennt finden, dann addieren.

1.3 Superpositionsprinzip

Wenn ich zwei Lösungen einer DGL kenne, ist ihre Summe wieder Lösung? Bei beliebigen DGLs lautet die Antwort meistens nein. Bei linearen DGLs lautet sie ja, und genau das ist der zentrale Vorteil dieser Klasse.

Konkret. Sei yhy_h eine Lösung von (H), also yh=pyhy_h' = p\, y_h, und sei ypy_p irgendeine Lösung von (I), also yp=pyp+qy_p' = p\, y_p + q. Dann ist auch yp+yhy_p + y_h eine Lösung von (I). Das prüft man durch direktes Einsetzen, in zwei Zeilen:

!
Beweis der Superposition
(yp+yh)=yp+yh=(pyp+q)yp+pyhyh=p(yp+yh)+q(y_p + y_h)' = y_p' + y_h' = \underbrace{(p\, y_p + q)}_{y_p'} + \underbrace{p\, y_h}_{y_h'} = p\,(y_p + y_h) + q
Eingesetzt liefert ypy_p' den Term pyp+qp\, y_p + q und yhy_h' den Term pyhp\, y_h. Zusammen ergibt das genau p(yp+yh)+qp\,(y_p + y_h) + q, also löst die Summe wieder (I). Linearität der Ableitung ist hier entscheidend.

Daraus folgt direkt die Hauptaussage. Hat man eine partikuläre Lösung ypy_p von (I) und die allgemeine Lösung yhy_h von (H) (also alle homogenen Lösungen auf einmal, parametrisiert durch einen freien Parameter AA), so beschreibt y=yh+ypy = y_h + y_p alle Lösungen von (I). Das ist die zentrale Struktur-Aussage dieses Kapitels:

!!!
Lösungs-Struktur linearer DGL
y(x)=yh(x)+yp(x)y(x) = y_h(x) + y_p(x)
yhy_h: allgemeine Lösung der homogenen DGL (mit freiem Parameter AA). ypy_p: eine partikuläre Lösung der inhomogenen DGL (ohne freien Parameter). yy: allgemeine Lösung der inhomogenen DGL.
Merke Superpositionsprinzip
Sind ypy_p eine Lösung von (I) und yhy_h eine Lösung von (H), so ist yp+yhy_p + y_h wieder eine Lösung von (I). Folgt direkt aus Linearität der DGL.
Formel Lösungs-Struktur
y=yh+ypy = y_h + y_p
Allgemeine Lösung von (I) == allgemeine Lösung von (H) ++ irgendeine partikuläre Lösung.

2Homogene Lösung

2.1 y' = p(x) · y via Separation

Wie löst die Vorlesung die homogene DGL y=p(x)yy' = p(x)\, y konkret?

Erster Schritt, genau wie in der Vorlesung: schreib die DGL als yy=p(x)\dfrac{y'}{y} = p(x). Links steht nur noch yy, rechts nur noch xx, die DGL ist also separierbar (VII.4). Die Vorlesung hält als wichtige Tatsache fest: homogene lineare DGL sind immer separierbar.

Jetzt wird getrennt und integriert, und zwar direkt für die konkret gegebene Funktion p(x)p(x), nicht über eine fertige Formel. Mach es am Vorlesungs-Beispiel mit: y=1xyy' = \dfrac{1}{x}\, y, also p(x)=1xp(x) = \dfrac{1}{x}.

!!!
Trennung der Variablen am Vorlesungs-Beispiel y=1xyy' = \tfrac{1}{x}\, y
dyy=1xdxdyy=1xdxlny=lnx+Cyh(x)=Ax(A=±eC)\begin{aligned} \dfrac{dy}{y} &= \dfrac{1}{x}\, dx \\ \int \dfrac{dy}{y} &= \int \dfrac{1}{x}\, dx \\ \ln|y| &= \ln|x| + C \\ y_h(x) &= A \cdot x \quad (A = \pm e^{C}) \end{aligned}
Genau der Weg aus der Vorlesung: trennen, beide Seiten integrieren, Exponential nehmen. Die Integrationskonstante CC wird beim Exponentialnehmen zu A=±eCA = \pm e^{C}, einer beliebigen reellen Konstante (auch A=0A = 0 liefert die Nulllösung). Ergebnis: yh(x)=Axy_h(x) = A \cdot x, mit dem freien Faktor ARA \in \mathbb{R}.
Merke Separations-Schritte
dy/y=p(x)dxdy/y = p(x)\, dx. Beide Seiten integrieren. Exponential nehmen. Fertig.

2.2 Was yₕ immer gemeinsam hat

Startwert A=yh(0)A = y_h(0) 1.00
p0p_0 −0.60
yh(2)y_h(2) 0.30
-0.6
Abb. 2: Die homogene Lösungsschar yh=Aep0xy_h = A\, e^{p_0 x} (Spezialfall pp konstant). Ziehe den Startwert A=yh(0)A = y_h(0); der Slider stellt p0p_0. Ein freier Faktor, eine ganze Familie.

Egal welches konkrete p(x)p(x) du einsetzt, eines ist immer gleich: am Ende der Separation steht genau ein freier Faktor davor. Die Vorlesung hält das so fest: die homogene Lösung yhy_h trägt immer einen freien Parameter ARA \in \mathbb{R} als Faktor (auch A=0A = 0 ist erlaubt, das ist die triviale Nulllösung). Mehr Struktur braucht man nicht zu merken, der Rest fällt jedes Mal aus der konkreten Trennung der Variablen.

Der wichtigste Spezialfall: pp0p \equiv p_0 konstant. Dann ist die Separation besonders kurz: dyy=p0dx\dfrac{dy}{y} = p_0\, dx, integriert lny=p0x+C\ln|y| = p_0\, x + C, also yh(x)=Aep0xy_h(x) = A \cdot e^{p_0\, x}. Das ist genau die DGL y=ayy' = a\, y aus Kap. VII.2 (mit a=p0a = p_0): Wachstum für p0>0p_0 > 0, Abklingen für p0<0p_0 < 0. Die Zeit- bzw. Längen-Konstante τ=1/p0\tau = 1/|p_0| steuert, wie schnell es geht.

!!
Spezialfall: pp konstant (= y' = a·y aus VII.2)
p(x)p0    yh(x)=Aep0xp(x) \equiv p_0 \;\Rightarrow\; y_h(x) = A \cdot e^{p_0\, x}
Direkt aus der Separation mit konstantem p0p_0. Klassisches Wachstums- (p0>0p_0 > 0) oder Abkling-Verhalten (p0<0p_0 < 0), aus Kap. VII.2 (y=ayy' = a\, y) bekannt. Zeit-/Längen-Konstante τ=1/p0\tau = 1/|p_0| steuert die Geschwindigkeit.

Noch ein konkretes Beispiel zum Mitrechnen. Sei y=2xyy' = 2x\, y, also p(x)=2xp(x) = 2x (nicht konstant). Separieren: dyy=2xdx\int \dfrac{dy}{y} = \int 2x\, dx, also lny=x2+C\ln|y| = x^2 + C. Exponential nehmen mit A=±eCA = \pm e^{C} liefert yh(x)=Aex2y_h(x) = A \cdot e^{x^2}. Schnell-Probe: yh=A2xex2=2xyhy_h' = A \cdot 2x\, e^{x^2} = 2x \cdot y_h. ✓

Du siehst: auch bei nicht-konstantem pp rechnest du nichts auswendig, sondern trennst und integrierst die konkrete Funktion. Bei p=1/xp = 1/x kam yh=Axy_h = A\, x heraus, bei p=2xp = 2x kommt yh=Aex2y_h = A\, e^{x^2} heraus. Jeder Fall einzeln, genau wie in der Vorlesung.

Merke yhy_h immer mit Faktor AA
Egal welches p(x)p(x): nach der Separation steht yhy_h mit genau einem freien Faktor ARA \in \mathbb{R} da (auch A=0A = 0 erlaubt). Rechenweg ist immer Trennung der Variablen.
Merke Spezialfall p=p = const
yh(x)=Aep0xy_h(x) = A \cdot e^{p_0 x}. Reine Wachstums- (p0>0p_0 > 0) oder Abkling-Funktion (p0<0p_0 < 0). τ=1/p0\tau = 1/|p_0| ist die charakteristische Skala. Das ist y=ayy' = a\, y aus VII.2.

3Geschickter Ansatz für die partikuläre Lösung

3.1 Ansatz vom Typ der rechten Seite

Faktor AA 1.00
y(1)=2+Ay(1) = 2 + A 3.00
Abb. 3: Vorlesungs-Beispiel y=1xy+4x2y' = \tfrac{1}{x} y + 4x^2. Allgemeine Lösung y=2x3+Axy = 2x^3 + A\, x: eine feste partikuläre Lösung yp=2x3y_p = 2x^3 plus die homogene Gerade AxA\, x.

Statt blind zu integrieren, was wäre, wenn wir die Form der partikulären Lösung schon erraten und nur die Koeffizienten ausrechnen müssten?

Das ist der geschickte Ansatz (auch Ansatz vom Typ der rechten Seite). Beobachtung: hat q(x)q(x) eine einfache Form (Polynom, Exponential, harmonische Funktion), hat ypy_p meist dieselbe Form mit unbekannten Koeffizienten. Ansatz hinschreiben, einsetzen, Koeffizienten vergleichen, fertig. Kein Integral, nur lineare Algebra.

Drei Standard-Typen mit zugehörigen Ansätzen. Für ein Polynom q(x)=a0+a1x++anxnq(x) = a_0 + a_1 x + \ldots + a_n x^n wähle den Ansatz yp(x)=A0+A1x++Anxny_p(x) = A_0 + A_1 x + \ldots + A_n x^n (gleicher Grad). Für ein Exponential q(x)=aeαxq(x) = a\, e^{\alpha x} wähle yp(x)=Aeαxy_p(x) = A\, e^{\alpha x} (gleicher Exponent). Für eine harmonische Anregung q(x)=acos(ωx)+bsin(ωx)q(x) = a \cos(\omega x) + b \sin(\omega x) wähle yp(x)=Acos(ωx)+Bsin(ωx)y_p(x) = A \cos(\omega x) + B \sin(\omega x) (immer beide Anteile, auch wenn qq nur einen hat, weil Ableiten Sinus und Kosinus ineinander dreht).

Störglied q(x)q(x) Ansatz yp(x)y_p(x) Resonanz wenn
Polynom Grad nn Polynom Grad nn p0p \equiv 0
aeαxa\, e^{\alpha x} AeαxA\, e^{\alpha x} α=p\alpha = p (bei pp const.)
acos(ωx)+bsin(ωx)a \cos (\omega x) + b \sin (\omega x) Acos(ωx)+Bsin(ωx)A \cos (\omega x) + B \sin (\omega x) p0p \equiv 0 und qq in yhy_h
Ansatz-Spickzettel: qq-Typ → ypy_p-Ansatz → Resonanz-Falle

Beispiel zum Mitrechnen (Vorlesungs-Beispiel). Gegeben y=1xy+4x2y' = \dfrac{1}{x}\, y + 4 x^2, also p(x)=1xp(x) = \dfrac{1}{x}, q(x)=4x2q(x) = 4 x^2 (Polynom Grad 2). Welcher Grad muss ypy_p haben? Probier yp=Bx3y_p = B\, x^3 (Grad 3), denn der Term 1xyp\dfrac{1}{x}\, y_p senkt den Grad um eins, also bekommen wir x2x^2 wie gewünscht. Probe: yp=3Bx2y_p' = 3 B\, x^2. Einsetzen in yp=1xyp+4x2y_p' = \dfrac{1}{x}\, y_p + 4 x^2: 3Bx2=1xBx3+4x2=Bx2+4x23 B x^2 = \dfrac{1}{x} \cdot B x^3 + 4 x^2 = B x^2 + 4 x^2, also 2Bx2=4x22 B x^2 = 4 x^2. Koeffizientenvergleich: 2B=42 B = 4, also B=2B = 2 und yp(x)=2x3y_p(x) = 2 x^3. Zusammen mit der homogenen Lösung yh=Axy_h = A\, x aus §2.2 ist die allgemeine Lösung y(x)=Ax+2x3y(x) = A\, x + 2 x^3. ✓

Merke Ansatz-Idee
ypy_p hat dieselbe Form wie qq, mit unbekannten Koeffizienten. In die DGL einsetzen, Koeffizientenvergleich, fertig.
Prüfungstipp Welcher Ansatz? Polynom \to Polynom (gleicher Grad). eαxe^{\alpha x} \to eαxe^{\alpha x} (gleicher Exponent). cos,sin\cos, \sin \to beide Anteile. Sonst VdK.

3.2 Wenn der Ansatz scheitert: weiter mit Variation der Konstanten

Was tut man, wenn der geschickte Ansatz keine Lösung liefert?

Ein Beispiel zeigt das Problem. Sei p1p \equiv -1 und q(x)=aexq(x) = a\, e^{-x}, also (Prof-Form y=y+aexy' = -y + a\, e^{-x}) die homogene Lösung yh=Aexy_h = A \cdot e^{-x} (aus §2.2, da yh=Aepx=Aexy_h = A\, e^{p x} = A\, e^{-x}). Naiver Ansatz yp=bexy_p = b\, e^{-x}.

Einsetzen in yp=yp+aexy_p' = -y_p + a\, e^{-x}: bex=bex+aex-b\, e^{-x} = -b\, e^{-x} + a\, e^{-x}, also 0=aex0 = a\, e^{-x}. Bei a0a \neq 0 scheitert das: kein bb erfüllt die Gleichung.

Warum scheitert er? Weil yp=bexy_p = b\, e^{-x} schon selbst eine homogene Lösung ist (sie erfüllt yp=ypy_p' = -y_p), kann sie auf der rechten Seite nichts produzieren. Der Ansatz steckt im homogenen Lösungsraum.

Der Vorlesungsweg in diesem Fall: wenn der Ansatz scheitert, wechselt man zum Verfahren von Lagrange (Variation der Konstanten, §4). Das liefert immer eine partikuläre Lösung. Für unser Beispiel: yh=Aexy_h = A\, e^{-x}, also Basislösung yh=exy_{h} = e^{-x} und γ(x)=q/yh=aex/ex=aγ'(x) = q/y_{h} = a\, e^{-x}/e^{-x} = a, somit γ(x)=axγ(x) = a\, x und yp=γ(x)yh=axexy_p = γ(x)\, y_{h} = a\, x\, e^{-x}. Genau diese Lösung mit dem Faktor xx fällt also bei VdK automatisch heraus.

!!
Beobachtung: bei VdK entsteht hier der Faktor x
q=aex,  yh=ex    γ(x)=ax    yp=axexq = a\, e^{-x},\; y_{h} = e^{-x} \;\Rightarrow\; γ(x) = a\, x \;\Rightarrow\; y_p = a\, x\, e^{-x}
Wenn der Standardansatz mit der homogenen Lösung übereinstimmt, liefert VdK direkt die richtige partikuläre Lösung (hier mit Faktor xx). Das ist der Vorlesungsweg für die 1. Ordnung.
Merke Ansatz scheitert
Der Ansatz fällt in den homogenen Lösungsraum (gleiche Form wie yhy_h). Dann liefert er keine Lösung. Vorlesungsweg: zu Variation der Konstanten (§4) wechseln.
Formel ·x-Trick (Vorausblick)
ypxypy_p \to x \cdot y_p
Multipliziere den Standardansatz mit xx. Standard bei höherer Ordnung (VII.10, VII.11), nicht der Vorlesungsweg für 1. Ordnung.

3.3 Polynom, Exponential, Sinus und Kosinus als Standardansätze

Welcher Ansatz passt zu welchem Störglied? Drei klassische Störglieder, drei passende Ansätze, alle nach demselben Schema. Das ist dein Spickzettel für die Klausur.

Beispiel 1 (Polynom). Löse y=2y+x2y' = -2 y + x^2.

Zuerst die homogene Lösung. p2p \equiv -2 konstant, also yh=Ae2xy_h = A\, e^{-2 x}.

Nun der Ansatz yp=ax2+bx+dy_p = a x^2 + b x + d. Ableitung yp=2ax+by_p' = 2 a x + b. Einsetzen in yp=2yp+x2y_p' = -2 y_p + x^2 liefert 2ax+b=2(ax2+bx+d)+x2=(12a)x22bx2d2 a x + b = -2 (a x^2 + b x + d) + x^2 = (1 - 2 a) x^2 - 2 b x - 2 d.

Koeffizientenvergleich grad-weise. x2x^2 liefert 0=12a0 = 1 - 2 a, also a=12a = \tfrac{1}{2}. x1x^1 liefert 2a=2b2 a = -2 b, also b=12b = -\tfrac{1}{2}. x0x^0 liefert b=2db = -2 d, also d=14d = \tfrac{1}{4}.

Damit yp(x)=12x212x+14y_p(x) = \tfrac{1}{2} x^2 - \tfrac{1}{2} x + \tfrac{1}{4}, und die allgemeine Lösung lautet y(x)=12x212x+14+Ae2xy(x) = \tfrac{1}{2} x^2 - \tfrac{1}{2} x + \tfrac{1}{4} + A\, e^{-2 x}.

Beispiel 2 (Exponential, ohne Resonanz). Löse y=2y+exy' = 2 y + e^{x}.

Für die homogene Lösung gilt p2p \equiv 2, also yh=Ae2xy_h = A\, e^{2 x}. Der Exponent in qq ist α=1\alpha = 1, der homogene Exponent ist p=2p = 2. Da αp\alpha \neq p haben wir keine Resonanz.

Ansatz yp=aexy_p = a\, e^{x}. Einsetzen in yp=2yp+exy_p' = 2 y_p + e^{x}: aex=2aex+exa e^{x} = 2 a e^{x} + e^{x}, also aex=ex-a e^{x} = e^{x} und a=1a = -1, yp(x)=exy_p(x) = -e^{x}. Allgemeine Lösung y(x)=ex+Ae2xy(x) = -e^{x} + A\, e^{2 x}.

Beispiel 3 (harmonische Anregung). Löse y=y+cos(x)y' = -y + \cos(x).

Für die homogene Lösung haben wir p1p \equiv -1, also yh=Aexy_h = A\, e^{-x} (Exponential, also keine Resonanz mit Sinus oder Kosinus). Ansatz yp=acos(x)+bsin(x)y_p = a \cos(x) + b \sin(x), beide Terme, weil das Ableiten Sinus und Kosinus mischt.

Probe ergibt yp=asin(x)+bcos(x)y_p' = -a \sin(x) + b \cos(x). Einsetzen in yp=yp+cos(x)y_p' = -y_p + \cos(x): asin(x)+bcos(x)=(acos(x)+bsin(x))+cos(x)=(1a)cos(x)bsin(x)-a \sin(x) + b \cos(x) = -(a \cos(x) + b \sin(x)) + \cos(x) = (1 - a) \cos(x) - b \sin(x). Koeffizientenvergleich liefert das System:

!
Beispiel 3: Koeffizientensystem
b=1aa=b  a=b=12\begin{aligned} b &= 1 - a \\ -a &= -b \\[2pt] \Rightarrow\; a = b &= \tfrac{1}{2} \end{aligned}
Standard 2×2-System. Aus der zweiten Gleichung a=ba = b, einsetzen in die erste: a=1aa = 1 - a, also a=b=1/2a = b = 1/2. Daraus yp(x)=12(cos(x)+sin(x))y_p(x) = \tfrac{1}{2}(\cos(x) + \sin(x)).

Damit yp(x)=12(cos(x)+sin(x))y_p(x) = \tfrac{1}{2}(\cos(x) + \sin(x)), und die allgemeine Lösung lautet y(x)=12(cos(x)+sin(x))+Aexy(x) = \tfrac{1}{2}(\cos(x) + \sin(x)) + A\, e^{-x}.

Merke Cheat-Sheet Ansatz
Polynom: selber Grad. eαxe^{\alpha x}: selber Exponent. cos,sin\cos, \sin: beide Anteile. Bei Resonanz x\cdot\, x.
Prüfungstipp Klausur-Workflow: (1) yhy_h lösen. (2) Ansatz von qq ablesen, Resonanz prüfen. (3) Koeffizientenvergleich. (4) AWP.

4Variation der Konstanten (Lagrange)

4.1 Die Konstante zur Funktion γ(x) machen

Was tun, wenn der Ansatz scheitert oder unhandlich wird? Lagrange hat eine eigenartige, aber zuverlässige Idee.

Beobachtung: der Ansatz aus §3 funktioniert nur für eine begrenzte Familie von Störgliedern (Polynom, Exponential, harmonische Funktion). Bei q(x)=ln(x)q(x) = \ln(x), q(x)=11+x2q(x) = \dfrac{1}{1+x^2} oder bei tückischen Resonanz-Konstellationen klappt er nicht, oder die Korrekturen werden chaotisch. Wir brauchen ein universelles Verfahren, das immer funktioniert. Genau das liefert Lagrange.

Lagranges Idee, auch Variation der Konstanten (VdK). Nimm eine konkrete homogene Lösung yh(x)y_h(x), die du in §2.1 per Trennung der Variablen ausgerechnet hast (irgendeine, mit Faktor 11). Und nun das Verrückte: ersetze in AyhA \cdot y_h den Konstanten-Faktor AA durch eine Funktion γ(x)γ(x). Setze yp(x)=γ(x)yh(x)y_p(x) = γ(x) \cdot y_{h}(x) in die DGL ein. Die DGL bestimmt dann eindeutig, welche Funktion γ(x)γ(x) sein muss. Wir „lassen die Konstante atmen“.

Wo ein naiver Ansatz scheitert: y=1xy+4x2y' = \dfrac{1}{x}\, y + 4 x^2 mit dem zu niedrigen Ansatz yp=cx2y_p = c\, x^2 (cc konstant). Einsetzen: 2cx=1xcx2+4x2=cx+4x22 c x = \dfrac{1}{x} c x^2 + 4 x^2 = c x + 4 x^2, also cx=4x2c x = 4 x^2 und c=4xc = 4 x.

Das ist keine Konstante mehr, sondern eine Funktion in xx. (Mit dem richtigen Grad, yp=bx3y_p = b\, x^3 aus §3, hätte der Ansatz hier funktioniert; dieses Beispiel zeigt nur, wie ein falsch gewählter Ansatz scheitert.) Genau hier setzt Lagrange an: wir lassen die Konstante eine Funktion werden und schauen, welche.

Definition Variation der Konstanten (Lagrange)
Ansatz yp(x)=γ(x)yh(x)y_p(x) = γ(x) \cdot y_{h}(x), mit yhy_{h} einer homogenen Basislösung und γ(x)γ(x) einer gesuchten Funktion. Bestimmung von γ(x)γ(x) aus der DGL.
Notation AA vs γ(x)γ(x)
Bisher ARA \in \mathbb{R} als starre Schar-Konstante. Im VdK-Ansatz wird der Faktor zur Funktion γ(x)γ(x) (Notation der Vorlesung). Aus dem festen Faktor wird eine xx-abhängige Funktion.

4.2 Herleitung und Formel

Anregung aa 1.00
yp(1)=a/ey_p(1) = a/e 0.37
1.0
Abb. 4: Resonanzfall y=y+aexy' = -y + a\, e^{-x}. Die homogene Lösung exe^{-x} (gestrichelt) klingt ab; die VdK-Lösung yp=axexy_p = a\, x\, e^{-x} (gold) bekommt den Faktor xx und beult erst aus.

Was passiert, wenn der Konstanten-Faktor AA aus der homogenen Lösung selbst eine Funktion γ(x)γ(x) werden darf?

Setze yp(x)=γ(x)yh(x)y_p(x) = γ(x) \cdot y_{h}(x) in die DGL y=py+qy' = p\, y + q ein. Die Ableitung berechnet sich mit der Produktregel: yp=γ(x)yh(x)+γ(x)yh(x)y_p' = γ'(x)\, y_{h}(x) + γ(x)\, y_{h}'(x). Wir wissen yh=pyhy_{h}' = p \cdot y_{h}, weil yhy_{h} die homogene DGL löst. Einsetzen ergibt:

!!
VdK-Herleitung
yp=γ(x)yh+γ(x)pyh=!pγ(x)yh+q(x)γ(x)yh(x)=q(x)\begin{aligned} y_p' &= γ'(x)\, y_{h} + γ(x)\, p\, y_{h} \\ &\stackrel{!}{=} p\, γ(x)\, y_{h} + q(x) \\ \Rightarrow\quad γ'(x)\, y_{h}(x) &= q(x) \end{aligned}
Die beiden pγyhp\, γ\, y_{h}-Terme heben sich gegenseitig weg. Genau das ist der Trick: yhy_{h} löst die homogene DGL, also fällt der homogene Anteil heraus, und übrig bleibt γyh=qγ'\, y_{h} = q.

Daraus folgt eine einfache Gleichung für γ(x)γ'(x), die wir direkt integrieren können:

!!
Bestimmungsgleichung für γ(x)γ(x)
γ(x)=q(x)yh(x)γ'(x) = \dfrac{q(x)}{y_{h}(x)}
Die konkret berechnete homogene Lösung yhy_{h} steht im Nenner. Integration dieser Gleichung liefert γ(x)γ(x) direkt, ohne weiteren Trick. Genau diese Formel benutzt die Vorlesung.

Integration liefert γ(x)=q(x)yh(x)dxγ(x) = \int \dfrac{q(x)}{y_{h}(x)}\, dx. Wichtig: hier keine Integrationskonstante mitnehmen, wir suchen nur eine partikuläre Lösung. Die freie Konstante steckt schon in yhy_h. Damit:

!!
Partikuläre Lösung via VdK
yp(x)=γ(x)yh(x),γ(x)=q(x)yh(x)dxy_p(x) = γ(x) \cdot y_{h}(x), \qquad γ(x) = \int \dfrac{q(x)}{y_{h}(x)}\, dx
So rechnet die Vorlesung: erst γ(x)=q/yhdxγ(x) = \int q/y_{h}\, dx ausintegrieren, dann mit der Basislösung yhy_{h} multiplizieren. Keine Integrationskonstante in γγ.

Die allgemeine Lösung der inhomogenen DGL ist dann y=yp+yhy = y_p + y_h:

!!!
Allgemeine Lösung der inhomogenen DGL
y(x)=yp(x)+yh(x)=γ(x)yh(x)+Ayh(x) y(x) = y_p(x) + y_h(x) = γ(x)\, y_{h}(x) + A\, y_{h}(x)
Allgemeine Lösung als Summe aus partikulärer Lösung yp=γyhy_p = γ\, y_{h} und allgemeiner homogener Lösung AyhA\, y_{h}, mit der konkret berechneten Basislösung yhy_{h} aus §2.1. ARA \in \mathbb{R} ist der freie Parameter.

Beispiel zum Mitrechnen (Vorlesungs-Beispiel). Löse y=1xy+1y' = \dfrac{1}{x}\, y + 1, also p(x)=1xp(x) = \dfrac{1}{x}, q(x)=1q(x) = 1. Homogene Lösung yh=Axy_h = A\, x (aus §2.2), Basislösung yh(x)=xy_{h}(x) = x. Dann γ(x)=q/yh=1/xγ'(x) = q/y_{h} = 1/x, also γ(x)=lnxγ(x) = \ln|x| (ohne Integrationskonstante). Damit ist yp(x)=γ(x)yh(x)=xlnxy_p(x) = γ(x) \cdot y_{h}(x) = x \ln|x|, und die allgemeine Lösung lautet y(x)=xlnx+Axy(x) = x \ln|x| + A\, x, mit ARA \in \mathbb{R} als freiem Parameter aus yhy_h. Probe ergibt y=lnx+1+Ay' = \ln|x| + 1 + A, und Einsetzen in y=1xy+1y' = \tfrac{1}{x}\, y + 1: 1x(xlnx+Ax)+1=lnx+A+1\dfrac{1}{x}(x \ln|x| + A x) + 1 = \ln|x| + A + 1. ✓

Formel VdK (Vorlesungsweg)
yp=γyh,γ=qyhdxy_p = γ\, y_{h}, \quad γ = \int \tfrac{q}{y_{h}}\, dx
Vorlesungsweg: γγ aus γ=q/yhγ' = q/y_{h} integrieren, dann yp=γyhy_p = γ\, y_{h}. Keine Konstante in γγ.
Merke VdK in 3 Schritten
(1) yhy_{h} per Trennung der Variablen (§2.1). (2) γ(x)=q/yhdxγ(x) = \int q/y_{h}\, dx, ohne Konstante. (3) yp=γ(x)yhy_p = γ(x) \cdot y_{h}.

4.3 Wann lohnt sich Lagrange gegenüber dem Ansatz?

Beide Methoden führen zum Ziel. Wann ist welche die schnellere?

Der geschickte Ansatz aus §3 ist schnell und übersichtlich, aber funktioniert nur bei einer kleinen Familie von Störgliedern: Polynom, Exponential, harmonische Funktion, Linearkombinationen und Produkte davon. Bei Resonanz braucht es zusätzlich den xx-Korrekturfaktor, was die Sache leicht unübersichtlich macht.

Lagrange/VdK aus §4 ist universell, funktioniert für jedes qq, liefert aber ein Integral, das man am Ende ausrechnen muss. Bei einfachen qq ist das Integral trivial; bei kompliziertem qq kann es das Bottleneck sein.

Klausur-Reflex. Erst kurz prüfen, ob ein Ansatz aus der Tabelle in §3.1 passt. Wenn ja, Ansatz nehmen (schneller). Wenn nein (etwa q=ln(x)q = \ln(x), q=arctanxq = \arctan x, q=11+x2q = \dfrac{1}{1+x^2}), direkt zu VdK gehen. Wenn der Ansatz scheitert (gleiche Form wie yhy_h), ist VdK in der 1. Ordnung der saubere Vorlesungsweg; den xx-Korrekturtrick spart man sich.

Prüfungstipp Entscheidung: qq aus {Polynom, Exp, sin,cos\sin, \cos, Mischung}? \to Ansatz. Sonst oder bei scheiterndem Ansatz \to VdK.

5Allgemeine Lösung y = yₕ + yₚ

5.1 Struktur des Lösungsraums

x0x_0 1.00
y0y_0 3.00
Schar-Parameter AA 1.00
Abb. 5: Richtungsfeld von y=1xy+4x2y' = \tfrac{1}{x} y + 4x^2. Ziehe den Anfangspunkt (x0,y0)(x_0, y_0): er fegt durch die ganze affine Schar y=2x3+Axy = 2x^3 + A\, x. Eine partikuläre Lösung, verschoben um alle AxA\, x.

Wie sieht die Menge aller Lösungen einer linearen DGL geometrisch aus, und was ist das Schöne daran?

Aus den vorigen Sections: jede Lösung der inhomogenen DGL ist y=yp+yhy = y_p + y_h, mit einer partikulären ypy_p und irgendeiner homogenen yhy_h.

Die homogenen Lösungen yh=A(Basislo¨sung)y_h = A \cdot (\text{Basislösung}) bilden eine 1-parametrige Familie (ARA \in \mathbb{R}). Die inhomogenen sind diese Familie, um ypy_p verschoben.

!!
Allgemeine Lösung als 1-parametrige Schar
y(x)=yp(x)+Ayh(x),ARy(x) = y_p(x) + A \cdot y_h(x), \quad A \in \mathbb{R}
Die Menge aller Lösungen ist eine 1-parametrige Schar (Struktur y=yp+yhy = y_p + y_h). Eine reguläre Kurvenschar im Sinne von VII.3 §5.1, sobald p,qp, q stetig sind (siehe §5.2 für die Existenz-Aussage).

Geometrisch ist das ein affiner Lösungsraum. Die homogenen Lösungen bilden einen 1-dimensionalen Unterraum (alle Vielfachen der Basislösung yhy_h); die inhomogenen liegen auf einer dazu parallelen Geraden durch ypy_p.

Dasselbe Bild wie bei linearen Gleichungssystemen Ax=bA \vec{x} = \vec{b}: alle Lösungen gleich eine partikuläre plus alle homogenen Lösungen.

Folge: zwei partikuläre Lösungen ypy_p und y~p\tilde{y}_p unterscheiden sich nur um eine homogene Lösung (y~pyp\tilde{y}_p - y_p liegt im homogenen Raum). Es gibt viele gleichberechtigte ypy_p, aber die Schar {yp+Ayh}\{y_p + A\, y_h\} ist immer dieselbe Menge.

Merke Affiner Lösungsraum
Allg. Lösung == partikuläre Lösung ++ 1-parametrige Schar AyhA \cdot y_h, ARA \in \mathbb{R}. Affine Struktur dank Linearität.
Formel Lösungsschar
y=yp+Ayhy = y_p + A \cdot y_h
1-parametrige Schar, parametrisiert durch ARA \in \mathbb{R}. Reguläre Schar im Sinne von VII.3 §5.1.
Querverweis Verweise
→ VII.8 DGL höherer Ordnung

5.2 Anfangswert einbauen

Welche dieser vielen Lösungen ist die richtige für unser konkretes Problem?

Ein Anfangswertproblem (AWP) kommt mit einer Zusatzbedingung der Form y(x0)=y0y(x_0) = y_0, die genau einen Punkt auf der Lösungskurve fixiert (Bezeichnung wie in VII.1 §3.4 und VII.3 §3.1). Aus der 1-parametrigen Schar wird damit eine eindeutige spezielle Lösung. Setze die Anfangsbedingung in die allgemeine Form ein:

!!
Anfangswert fixiert AA
y0=y(x0)=yp(x0)+Ayh(x0)  A=y0yp(x0)yh(x0)y_0 = y(x_0) = y_p(x_0) + A \cdot y_h(x_0) \Rightarrow\; A = \dfrac{y_0 - y_p(x_0)}{y_h(x_0)}
Reine Algebra. Aus der allgemeinen Lösung wird durch eine Bedingung an einer Stelle eine eindeutige spezielle Lösung. Voraussetzung: yh(x0)0y_h(x_0) \neq 0, was bei einer exponentiellen Basislösung automatisch erfüllt ist.

Beispiel zum Mitrechnen. Aus §4.2 kennen wir die allgemeine Lösung von y=1xy+1y' = \dfrac{1}{x}\, y + 1 als y(x)=xlnx+Axy(x) = x \ln|x| + A\, x (für x>0x > 0). Mit AWP y(1)=2y(1) = 2 einsetzen: y(1)=1ln(1)+A1=0+A=A=!2y(1) = 1 \cdot \ln(1) + A \cdot 1 = 0 + A = A \stackrel{!}{=} 2, also A=2A = 2. Die spezielle Lösung ist y(x)=xlnx+2x=x(lnx+2)y(x) = x \ln|x| + 2 x = x(\ln|x| + 2), definiert für x>0x > 0.

Existenz und Eindeutigkeit. Bei linearen DGLs ist Picard-Lindelöf (VII.3 §3.2) besonders gutmütig: sind p(x)p(x) und q(x)q(x) um x0x_0 stetig, existiert dort genau eine Lösung des AWP.

Lineare DGLs haben also keine Verzweigungen, keine singulären Lösungen, solange p,qp, q glatt bleiben. Genau das macht die Klasse so handhabbar (Gegenbeispiele zu nicht-linearen DGLs in VII.3 §3.3).

Merke AWP-Schema
y(x0)=y0y(x_0) = y_0 fixiert AA in der Schar y=yp+Ayhy = y_p + A\, y_h. Reine Algebra, kein neuer Trick.

6Anwendung auf den RC-Schwingkreis

6.1 Aufstellen der DGL aus dem Kirchhoffschen Maschensatz

Wie sieht eine lineare DGL 1. Ordnung in einem echten Schaltkreis aus? Schauen wir uns ein konkretes physikalisches System an: den RC-Kreis. Halten unsere Methoden in der Praxis, was sie versprechen?

Der RC-Kreis ist ein Standard-Schaltkreis aus der Elektronik: ein Widerstand RR und ein Kondensator mit Kapazität CelC_{\mathrm{el}}, in Reihe geschaltet, gespeist von einer Spannungsquelle U0U_0 (zunächst konstant, also Gleichspannung). Frage: wie ändert sich die Spannung am Kondensator uC(t)u_C(t) mit der Zeit, wenn man den Schaltkreis bei t=0t = 0 einschaltet (Kondensator anfangs ungeladen)?

In der Vorlesung wird die Methode am verwandten RL-Kreis mit Wechselspannung U(t)=U^cos(ωt)U(t) = \hat{U}\cos(\omega t) vorgeführt; dort liefert der trigonometrische Ansatz die stationäre Amplitude U^/R2+ω2L2\hat{U} / \sqrt{R^2 + \omega^2 L^2} und eine Phasenverschiebung. Diesen angeregten Fall (Amplitude und Phase als Funktion der Frequenz) greifen wir in VII.11 systematisch auf. Hier bleiben wir zunächst beim einfacheren Gleichspannungs-RC-Kreis.

Wir nutzen den Kirchhoffschen Maschensatz: die Summe der Spannungsabfälle gleich die Quellenspannung, hier U0=UR+uCU_0 = U_R + u_C. Ohmsches Gesetz: UR=RIU_R = R\, I.

Am Kondensator gilt I=Celu˙CI = C_{\mathrm{el}}\, \dot{u}_C (Strom gleich Kapazität mal Spannungs-Änderungsrate). Daraus UR=RCelu˙CU_R = R\, C_{\mathrm{el}}\, \dot{u}_C.

Einsetzen in den Maschensatz und Sortieren auf die Hauptform u˙C=puC+q\dot{u}_C = p\, u_C + q:

!!!
RC-Kreis als lineare DGL 1. Ordnung
RCelu˙C+uC=U0u˙C=1RCeluC+U0RCel\begin{aligned} R\, C_{\mathrm{el}} \cdot \dot{u}_C + u_C &= U_0 \\ \dot{u}_C &= -\dfrac{1}{R\, C_{\mathrm{el}}}\, u_C + \dfrac{U_0}{R\, C_{\mathrm{el}}} \end{aligned}
Lineare DGL 1. Ordnung in uC(t)u_C(t). Hauptform y˙=py+q\dot{y} = p\, y + q mit p=1RCel=1τp = -\dfrac{1}{R\, C_{\mathrm{el}}} = -\dfrac{1}{\tau} und q=U0RCel=U0τq = \dfrac{U_0}{R\, C_{\mathrm{el}}} = \dfrac{U_0}{\tau}, beide konstant. Die Zeitkonstante τ=RCel\tau = R\, C_{\mathrm{el}} taucht hier zum ersten Mal explizit auf.

Kritischer Notations-Konflikt. CC hat jetzt zwei Bedeutungen: Schar-Konstante (der freie Parameter in yhy_h) und Kapazität des Kondensators (Standard in der Elektrotechnik). Damit nichts kollidiert, schreiben wir hier CelC_{\mathrm{el}} für die Kapazität und AA für die Schar-Konstante.

Notation CelC_{\mathrm{el}} vs AA
CelC_{\mathrm{el}}: Kapazität des Kondensators (Einheit Farad). AA: Schar-Konstante in yhy_h (zuvor CC genannt). Doppelte Nutzung von CC vermieden.
Formel RC-DGL
u˙C=uCRCel+U0RCel\dot{u}_C = -\dfrac{u_C}{R\, C_{\mathrm{el}}} + \dfrac{U_0}{R\, C_{\mathrm{el}}}
Hauptform mit p=1/(RCel)=1/τp = -1/(R\, C_{\mathrm{el}}) = -1/\tau und q=U0/τq = U_0/\tau, beide konstant.
Merke Zeitkonstante τ=RCel\tau = R\, C_{\mathrm{el}}
Einzig charakteristische Zeit im System. Einheit: Sekunden. Aus VII.2 §3 (RC-Entladung) als Zeitkonstante des Abklingens schon bekannt.

6.2 Lösung mit Ansatz und mit Lagrange

Welche der beiden Methoden, Ansatz oder Variation der Konstanten, passt besser zum RC-Kreis, und wo liegt der Unterschied im Aufwand?

Zuerst die homogene Lösung. Die homogene DGL ist u˙C=uC/τ\dot{u}_C = -u_C/\tau, mit p=1/τp = -1/\tau konstant. Aus §2.2 (Spezialfall pp konstant) folgt uC,h(t)=Aept=Aet/τu_{C,h}(t) = A \cdot e^{p t} = A \cdot e^{-t/\tau}, mit ARA \in \mathbb{R} als Schar-Konstante. Das ist die natürliche Antwort des Schaltkreises ohne externe Spannung: eine Exponentialfunktion, die mit Zeitkonstante τ=RCel\tau = R\, C_{\mathrm{el}} abklingt.

Variante Ansatz: geschickter Ansatz für uC,pu_{C,p}. Das Störglied q=U0/τq = U_0/\tau ist konstant, also Polynom vom Grad 0. Passender Ansatz aus der Tabelle in §3.1 ist uC,p(t)=Ku_{C,p}(t) = K konstant. Ableitung u˙C,p=0\dot{u}_{C,p} = 0. Einsetzen in u˙C,p=uC,p/τ+U0/τ\dot{u}_{C,p} = -u_{C,p}/\tau + U_0/\tau liefert 0=K/τ+U0/τ0 = -K/\tau + U_0/\tau, also K=U0K = U_0 und uC,p(t)=U0u_{C,p}(t) = U_0. Sehr einfach, der Ansatz passt hier perfekt.

Variante VdK. Basislösung uh(t)=et/τu_h(t) = e^{-t/\tau}, Ansatz uC,0(t)=γ(t)et/τu_{C,0}(t) = γ(t) \cdot e^{-t/\tau}. Bestimmungsgleichung γ(t)=q/uh=(U0/τ)et/τγ'(t) = q/u_h = (U_0/\tau)\, e^{t/\tau}, integriert γ(t)=U0et/τγ(t) = U_0\, e^{t/\tau}.

Damit uC,0=γ(t)uh=U0et/τet/τ=U0u_{C,0} = γ(t)\, u_h = U_0\, e^{t/\tau} \cdot e^{-t/\tau} = U_0, dasselbe Resultat mit mehr Aufwand. Bei konstantem qq ist VdK übertrieben, der Ansatz ist direkter.

Daraus die allgemeine Lösung. uC(t)=uC,p+uC,h=U0+Aet/τu_C(t) = u_{C,p} + u_{C,h} = U_0 + A \cdot e^{-t/\tau}, mit ARA \in \mathbb{R} frei.

Und der Anfangswert uC(0)=0u_C(0) = 0 einbauen. Bei einem zu Beginn ungeladenen Kondensator gilt uC(0)=0u_C(0) = 0. Einsetzen liefert 0=U0+A1=U0+A0 = U_0 + A \cdot 1 = U_0 + A, also A=U0A = -U_0. Endlösung:

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RC-Aufladekurve
uC(t)=U0(1et/τ)u_C(t) = U_0 \left(\,1 - e^{-t/\tau}\,\right)
Standard-Resultat. U0U_0 stationärer Endwert, τ=RCel\tau = R\, C_{\mathrm{el}} Zeitkonstante. Für t=0t = 0: uC=0u_C = 0 (Anfangswert erfüllt). Für tt \to \infty: uCU0u_C \to U_0 (Kondensator voll geladen, Quellspannung erreicht).
Formel uC(t)u_C(t) Aufladekurve
uC(t)=U0(1et/τ)u_C(t) = U_0 (1 - e^{-t/\tau})
Spannung am Kondensator bei Aufladung mit konstanter Quelle U0U_0 aus ungeladenem Zustand.
Merke Konstantes qq → Ansatz
Bei qq konstant: setze yp=Ky_p = K const, löse pK=qp\, K = q. Eine Zeile.

6.3 Einschwingvorgang und stationärer Endzustand

Quellspannung U0U_0 4.00
Zeitkonstante ττ 1.00
uC(τ)63%U0u_C(τ) ≈ 63\,\%\, U_0 2.53
1.0
Abb. 6: Aufladekurve uC(t)=U0(1et/τ)u_C(t) = U_0 (1 - e^{-t/τ}). Sie strebt den stationären Endwert U0U_0 an; nach t=τt = τ sind 63%63\,\% erreicht. Ziehe U0U_0, der Slider stellt die Zeitkonstante τ=RCelτ = R\, C_{el}.

Was bedeutet unsere Lösung physikalisch? Wo sind Einschwingvorgang und stationärer Zustand in der Formel zu erkennen?

Schau auf uC(t)=U0U0et/τu_C(t) = U_0 - U_0 \cdot e^{-t/\tau}. Zerlege in zwei Anteile. Der Term U0U_0 ist konstant und entspricht dem stationären Endzustand: das, was nach langer Zeit übrig bleibt, wenn alles eingeschwungen ist. Der Term U0et/τ-U_0 \cdot e^{-t/\tau} klingt mit Zeitkonstante τ\tau exponentiell ab und entspricht dem Einschwingvorgang: das transiente Verhalten am Anfang.

!!
Zerlegung in stationär + Einschwingen
uC(t)=U0stationa¨rU0et/τEinschwingenu_C(t) = \underbrace{U_0}_{\text{stationär}} - \underbrace{U_0\, e^{-t/\tau}}_{\text{Einschwingen}}
Stationärer Anteil U0U_0 entspricht uC,pu_{C,p} (vom Quellterm). Einschwing-Anteil U0et/τ-U_0\, e^{-t/\tau} entspricht der spezialisierten uC,hu_{C,h} aus dem AWP. Die Zerlegung y=yp+yhy = y_p + y_h entspricht 1:1 der physikalischen Trennung.

Die Zuordnung ist systematisch: partikuläre Lösung = stationärer Endzustand, homogene Lösung = Einschwingvorgang. Bei zeitabhängigem qq (Wechselstrom) wird ypy_p selbst zeitabhängig, aber die Trennung in stationäres Verhalten (von qq getrieben) und Einschwingen (vom System, klingt ab) bleibt. In VII.11 (RLC-Kreis) kommt sie mit Schwingungs-Komponenten wieder.

Zeitkonstante τ\tau als Charakteristikum. Nach t=τt = \tau ist uCu_C bei U0(11/e)63%U_0 \cdot (1 - 1/e) \approx 63\,\% des Endwerts. Nach t=3τt = 3\tau bei etwa 95%95\,\%, nach t=5τt = 5\tau bei etwa 99%99\,\%. Die Praxis-Faustregel: „nach 5 Zeitkonstanten ist die Aufladung praktisch abgeschlossen“. τ\tau ist die einzige Zahl, die das zeitliche Verhalten bestimmt; U0U_0 skaliert nur den Endwert linear, ändert aber nichts am Zeitverlauf der relativen Aufladung.

Was passiert am Widerstand? Spannung UR(t)=U0uC(t)=U0et/τU_R(t) = U_0 - u_C(t) = U_0\, e^{-t/\tau}: anfangs voll, klingt mit derselben Zeitkonstante ab. Strom I(t)=UR/R=(U0/R)et/τI(t) = U_R/R = (U_0/R)\, e^{-t/\tau}: anfangs maximal U0/RU_0/R, versiegt dann.

Im stationären Endzustand fliesst kein Strom mehr (Kondensator voll, sperrt den DC-Kreis). In Gleichstrom-Kreisen wirkt er nach kurzer Aufladephase wie ein offener Schalter.

Formel uCu_C Zerlegung
uC=U0U0et/τu_C = U_0 - U_0\, e^{-t/\tau}
Stationärer Anteil U0U_0 aus uC,pu_{C,p}. Einschwing-Anteil U0et/τ-U_0 e^{-t/\tau} aus dem AWP-spezialisierten uC,hu_{C,h}.
Merke 5τ-Regel
Nach t=5τt = 5\, \tau ist die RC-Aufladung praktisch abgeschlossen (99%\geq 99\,\% des Endwerts).

Aufgaben mit Musterlösungen

Übungsaufgaben zu linearen DGLs 1. Ordnung (geschickter Ansatz, Variation der Konstanten, RC-Kreis-Anwendungen) folgen in einer Phase-2-Runde.

Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.

MerkeErst selbst rechnen, dann Lösung prüfen!