1Was ist eine Differentialgleichung?

1.1 Wo treten DGLs auf?

Stell dir vor, du wirfst einen Ball hoch und fragst: wo ist er jetzt, wo in einer Sekunde? Solche Fragen tauchen in Physik, Chemie und Biologie ständig auf.

Bei einem System, das sich mit der Zeit ändert (Position, Druck, Stromstärke), kennen wir aber selten eine fertige Formel. Was wir kennen, ist meist die Änderungsrate, also die Ableitung der gesuchten Grösse.

Das ist der Trick: viele Naturgesetze reden über die Ableitung, nicht über die Funktion selbst. Newton sagt nicht, wo ein Teilchen ist, sondern wie sich seine Geschwindigkeit ändert. Die Thermodynamik kennt nicht den Temperaturverlauf, sondern die Rate, mit der ein heisser Topf abkühlt.

Eine Gleichung, in der eine unbekannte Funktion zusammen mit ihren Ableitungen auftritt, heisst Differentialgleichung (kurz DGL). Sie lösen heisst: aus der Information über die Änderungen die ganze Funktion rekonstruieren.

Das wichtigste Beispiel ist Newtons Bewegungsgleichung für ein Teilchen der Masse mm unter einer Kraft KK, eine DGL zweiter Ordnung für die Position x(t)x(t).

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Newtons Bewegungsgleichung
mx¨=Km\,\ddot{x} = K
x¨\ddot{x} ist die zweite zeitliche Ableitung der Position x(t)x(t). KK ist die wirkende Kraft. Diese Form ist implizit: die höchste Ableitung steht noch verquickt mit mm.

Oft ist es bequemer, dieselbe Information als zwei gekoppelte Gleichungen erster Ordnung zu schreiben. Dazu führen wir die Geschwindigkeit v=x˙v = \dot{x} als zweite unbekannte Funktion ein und bekommen ein System.

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Newton als System 1. Ordnung
x˙=vmv˙=K\begin{aligned} \dot{x} &= v \\ m\,\dot{v} &= K \end{aligned}
Die Substitution v=x˙v = \dot{x} verwandelt eine Gleichung 2. Ordnung in zwei gekoppelte Gleichungen 1. Ordnung. Diese Reduktion spielt in Kap. VII.12 die zentrale Rolle.
kk 0.40
y0y_0 80.0
Steigung yy' −24.0
0.40
Abb. 1: Richtungsfeld der Abkühl-DGL. Zieh den heissen Topf oder klicke ins Feld; die Lösungskurve folgt den Pfeilen zur Raumtemperatur.
Notation x˙\dot{x}, x¨\ddot{x}
Newton-Punkt für Zeitableitungen. x˙=dx/dt\dot{x} = \mathrm{d}x/\mathrm{d}t, x¨=d2x/dt2\ddot{x} = \mathrm{d}^2 x/\mathrm{d}t^2. Unabhängige Variable ist die Zeit tt. In Abschnitt 1.2 nutzen wir stattdessen die Lagrange-Notation yy', yy''.
Merke Was eine DGL leistet
Eine DGL beschreibt nicht die Funktion selbst, sondern den Zusammenhang zwischen ihr und ihren Ableitungen. Lösen heisst: aus diesem Zusammenhang die Funktion rekonstruieren.
Querverweis Verweise
→ VII.2 Einige Beispiele

1.2 Gewöhnliche Differentialgleichung

Was steckt formal hinter dem Wort „Differentialgleichung“? Eine Gleichung, in der eine unbekannte Funktion zusammen mit ihren Ableitungen auftritt. Meist schreiben wir sie so, dass alle Terme auf einer Seite stehen und rechts eine Null.

Das Wort gewöhnlich sagt: die gesuchte Funktion hängt von einer einzigen Variablen ab, meist der Zeit tt oder einer Ortskoordinate xx. Hängt sie von mehreren Variablen ab und treten partielle Ableitungen auf, heisst die Gleichung partiell. Partielle DGL sind Thema von Analysis III, nicht von hier.

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Gewöhnliche Differentialgleichung
F(x,y,y,y,,y(n))=0F\bigl(x, y, y', y'', \ldots, y^{(n)}\bigr) = 0
yy ist die gesuchte Funktion einer einzigen Variablen xx. FF ist eine vorgegebene Bedingung an yy und ihre Ableitungen bis Ordnung nn.

Ein bekanntes Beispiel ist die Wellengleichung. Hier hängt u(x,t)u(x, t) von Ort und Zeit ab, und es treten die partiellen Ableitungen uxxu_{xx} und uttu_{tt} auf. Ab jetzt geht es nur noch um gewöhnliche DGL.

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Beispiel partielle DGL: Wellengleichung
utt=c2uxxu_{tt} = c^2\, u_{xx}
u(x,t)u(x, t) hängt von zwei Variablen ab; cc ist die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Welle. Solche DGL heissen partiell und werden in Analysis III behandelt. In Kap. VII bleiben wir bei gewöhnlichen DGL.
Definition Gewöhnliche DGL
Eine Gleichung der Form F(x,y,y,,y(n))=0F(x, y, y', \ldots, y^{(n)}) = 0. Die gesuchte Funktion yy hängt von einer einzigen unabhängigen Variablen ab.
Notation yy, yy', y(n)y^{(n)}
Lagrange-Apostroph für Ableitungen nach der unabhängigen Variablen xx. y=dy/dxy' = \mathrm{d}y/\mathrm{d}x, y(n)y^{(n)} ist die nn-te Ableitung. Bei Newton oben war es x˙\dot{x}, weil dort die Variable die Zeit tt ist.
Notation DGL und ODE
DGL ist die deutsche Abkürzung für Differentialgleichung. International übliche Abkürzung: ODE (ordinary differential equation). Bedeutet dasselbe.

1.3 Explizite und implizite Schreibweise

Lässt sich Newtons mx¨=Km\ddot{x} = K nach x¨\ddot{x} auflösen? Klar: x¨=K/m\ddot{x} = K/m.

Bei mancher anderen DGL geht das nicht so leicht. Beide Fälle sind erlaubt und heissen DGL; beide bekommen jetzt einen Namen.

Implizit heisst die Gleichung, wenn sie ohne Auflösung dasteht, alle Terme vermischt. Explizit heisst sie, wenn nach der höchsten Ableitung y(n)y^{(n)} aufgelöst ist. Newtons mx¨K=0m\ddot{x} - K = 0 ist implizit; Division durch mm gibt x¨=K/m\ddot{x} = K/m, die explizite Form.

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Implizite Form
F(x,y,y,,y(n))=0F\bigl(x, y, y', \ldots, y^{(n)}\bigr) = 0
Allgemeinste Schreibweise einer DGL der Ordnung nn. FF kann ein nichtlinearer Ausdruck sein.
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Explizite Form
y(n)=f(x,y,y,,y(n1))y^{(n)} = f\bigl(x, y, y', \ldots, y^{(n-1)}\bigr)
Nach der höchsten Ableitung y(n)y^{(n)} aufgelöst. Existenz- und Eindeutigkeitssätze sind meist für diese Form formuliert. Weitere Behandlung in Kap. VII.3.
Notation FF vs ff
FF ist die linke Seite einer impliziten DGL (F()=0F(\ldots) = 0). ff ist die rechte Seite einer expliziten DGL (y(n)=f()y^{(n)} = f(\ldots)). Hier nichts mit Skalarfeldern oder Kräften, sondern lokale Bezeichner für die DGL-Form.
Prüfungstipp Klausur-Trick: explizit hinschreiben spart fast immer Schreibarbeit, weil y(n)y^{(n)} nur noch links steht.

2Ordnung einer DGL

2.1 Definition der Ordnung

Welche höchste Ableitung steht in der DGL? Diese Zahl heisst Ordnung und ist die zentrale Klassifikation jeder DGL.

In der impliziten Form F(x,y,y,,y(n))=0F(x, y, y', \ldots, y^{(n)}) = 0 ist die Ordnung gleich nn, dem höchsten auftretenden Ableitungsgrad von yy. Achtung: sie hat nichts mit dem Grad eines Polynoms zu tun und nichts mit der höchsten Potenz, in der yy vorkommt. Beispiele folgen in Abschnitt 2.2.

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Ordnung nn einer DGL
F(x,y,y,y,,y(n))=0F\bigl(x, y, y', y'', \ldots, y^{(n)}\bigr) = 0
Die Ordnung der DGL ist nn, also der höchste auftretende Ableitungsgrad von yy. Sie bestimmt die Anzahl Anfangsbedingungen und die Anzahl Scharparameter, siehe Abschnitt 3.
Definition Ordnung
Die Ordnung einer gewöhnlichen DGL ist die höchste auftretende Ableitung der gesuchten Funktion yy.
Merke Merke
Ordnung = Anzahl Striche der höchsten Ableitung. Newton-Punkte zählen genauso wie Lagrange-Apostrophe.

2.2 DGLs verschiedener Ordnung im Vergleich

Wie liest du die Ordnung an einer konkreten DGL ab, ohne lange zu rechnen? Drei Beispiele zum Üben: eines mit Ordnung 1, eines mit Ordnung 2, eines mit Ordnung 4.

Beispiel 1, Ordnung 1. Die Gleichung y=ayy' = a\,y tritt überall dort auf, wo etwas mit einer Rate proportional zu sich selbst wächst oder abklingt. Für a>0a > 0 wächst eine Population exponentiell (Bakterien, Zinseszins). Für a<0a < 0 zerfällt eine Grösse exponentiell (radioaktiver Zerfall, Abkühlung). Höchste Ableitung: yy', also Ordnung 1.

Beispiel 2, Ordnung 2. Die harmonische Schwingung y+ω2y=0y'' + \omega^2\, y = 0 beschreibt eine Masse an einer Feder, ein Pendel mit kleiner Auslenkung, eine Schwingung in einem LC-Schaltkreis. Höchste Ableitung: yy'', also Ordnung 2.

Beispiel 3, Ordnung 4. In der Balkenstatik beschreibt y(4)=q(x)y^{(4)} = q(x) die Biegelinie eines Balkens unter einer Streckenlast qq. Höchste Ableitung: y(4)y^{(4)}, also Ordnung 4. Ordnungen über 2 kommen in der Mechanik durchaus vor.

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Modellbeispiel 1. Ordnung
y=ay,aRy' = a\,y, \quad a \in \mathbb{R}
Wachstum für a>0a > 0, Abklingen für a<0a < 0, Stillstand für a=0a = 0. Lösung in Abschnitt 3.2, Anwendungen in Kap. VII.2.
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Modellbeispiel 2. Ordnung (harmonische Schwingung)
y+ω2y=0y'' + \omega^2\, y = 0
ωR\omega \in \mathbb{R} ist die Kreisfrequenz, ein fester Parameter. Lösung wird in Abschnitt 3.1 verifiziert.
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Beispiel 4. Ordnung (Biegelinie)
y(4)=q(x)y^{(4)} = q(x)
Aus der Balkenstatik. q(x)q(x) ist die Streckenlast. Wird in der Mechanik vertieft, nicht in dieser Vorlesung.
Ordnung 2
ω 2.00
T = 2π/ω 3.14
2.00
Abb. 2: Phasenporträt der Schwingung y+ω2y=0y'' + \omega^2 y = 0. Die geschlossene Ellipse belegt die Periodizität; zieh den Startpunkt.
Notation ω\omega
Kreisfrequenz, Einheit rad/s, hier ein fester reeller Parameter. Nicht zu verwechseln mit der vektoriellen Winkelgeschwindigkeit ω\boldsymbol{\vec{\omega}} aus Kap. VI.
Merke Roter Faden
1. Ordnung und 2. Ordnung sind die zwei dominanten Klassen im ganzen Kapitel VII. Höhere Ordnungen werden meist auf Systeme 1. Ordnung reduziert (Kap. VII.12).

3Lösungen und Lösungsschar

3.1 Was heisst „Lösung einer DGL“?

Was heisst eigentlich, eine DGL zu „lösen“? Nicht eine Zahl finden wie bei x2=4x^2 = 4, sondern eine ganze Funktion y(x)y(x), die die Gleichung samt ihren Ableitungen erfüllt, sobald wir sie einsetzen. Eine Lösung ist also ein Funktionsverlauf, kein einzelner Zahlenwert.

Wie prüft man, ob eine vorgeschlagene Funktion wirklich löst? Man setzt sie ein und schaut, ob beide Seiten übereinstimmen.

Probieren wir das an y+ω2y=0y'' + \omega^2 y = 0 mit dem Vorschlag y(x)=Acos(ωx)+Bsin(ωx)y(x) = A\cos(\omega x) + B\sin(\omega x).

Einmal ableiten: y=Aωsin(ωx)+Bωcos(ωx)y' = -A\omega\sin(\omega x) + B\omega\cos(\omega x). Nochmal ableiten: y=Aω2cos(ωx)Bω2sin(ωx)y'' = -A\omega^2\cos(\omega x) - B\omega^2\sin(\omega x). Klammere ω2-\omega^2 aus, dann steht da wieder genau unser yy, also y=ω2yy'' = -\omega^2 y.

Einsetzen: y+ω2y=ω2y+ω2y=0y'' + \omega^2 y = -\omega^2 y + \omega^2 y = 0. Die Null kommt heraus, und zwar für jede Wahl von AA und BB. Der Vorschlag ist also tatsächlich eine Lösung.

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Definition Lösung
F(x,y(x),y(x),,y(n)(x))0F\bigl(x, y(x), y'(x), \ldots, y^{(n)}(x)\bigr) \equiv 0
0\equiv 0 heisst: nach dem Einsetzen der Funktion und ihrer Ableitungen wird die Gleichung identisch in xx erfüllt, nicht nur an einzelnen Stellen.
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Lösung von y+ω2y=0y'' + \omega^2 y = 0
y(x)=Acos(ωx)+Bsin(ωx)y(x) = A\cos(\omega x) + B\sin(\omega x)
Für jede Wahl reeller Parameter AA und BB Lösung. Verifikation: y=ω2yy'' = -\omega^2 y, also y+ω2y=0y'' + \omega^2 y = 0.
Definition Lösung
Eine Funktion y:xy(x)y: x \mapsto y(x), deren Definitionsbereich in der DGL eingesetzt die Gleichung punktweise (für jedes xx) erfüllt.
Notation \equiv
Identisches Gleichheitszeichen. ABA \equiv B heisst: A=BA = B gilt für jedes xx im Definitionsbereich, nicht nur an einzelnen Stellen.

3.2 Allgemeine Lösung

Wieso gibt es zu derselben DGL meistens unendlich viele Lösungen?

Schau wieder auf y=ayy' = a\,y. Wir behaupten: für jede reelle Konstante CC ist y(x)=Ceaxy(x) = C\, e^{a x} eine Lösung. Einsetzen: y=Caeax=a(Ceax)=ayy' = C\,a\, e^{a x} = a\,(C\, e^{a x}) = a\,y, fertig.

Pro Wahl von CC bekommen wir also eine andere Lösungs-Funktion. Die Menge all dieser Funktionen heisst die allgemeine Lösung der DGL.

Mach dir das mit Zahlen klar. Nimm a=1a = 1. Dann gibt C=1C = 1 die Kurve exe^{x}, C=2C = 2 die doppelt so hohe 2ex2e^{x}, C=1C = -1 die gespiegelte ex-e^{x} und C=0C = 0 die flache Nulllinie.

Diese Kurven bilden einen ganzen Stapel von Exponentialkurven, keine zwei schneiden sich. Genau dieser Stapel ist die allgemeine Lösung, und CC ist der Knopf, mit dem du eine einzelne Kurve herausziehst.

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Allgemeine Lösung von y=ayy' = a y
y(x)=Ceax,CRy(x) = C\, e^{a x}, \quad C \in \mathbb{R}
Eine Funktionen-Schar mit dem Scharparameter CC. Für C=0C = 0 ergibt sich die triviale Nulllösung y0y \equiv 0.
a 1.00
C 2.00
y(1) = C·eᵃ 5.44
1.00
2.00
Abb. 3: Richtungsfeld von y=ayy' = a\,y mit der Schar y=Ceaxy = C\,e^{ax}. Jede Kurve ist ein anderes CC, der Stapel schneidet sich nie.
Definition Allgemeine Lösung
Die Menge aller Lösungen einer DGL, geschrieben als Funktionen-Schar mit einem oder mehreren freien Parametern.
Notation CC
Scharparameter, beliebige reelle Konstante. Manche Texte nennen CC auch Integrationskonstante. Höhere Ordnung führt mehrere Parameter ein, üblich C1,C2,,CnC_1, C_2, \ldots, C_n oder A,BA, B.

3.3 Lösungsschar und Scharparameter

Wie viele Scharparameter braucht die allgemeine Lösung? Genau so viele, wie die DGL Ordnung hat.

Eine Lösungsschar ist eine Familie {yC}C\{y_C\}_C von Lösungen, die durch einen oder mehrere Parameter indiziert ist. Bei Ordnung 1 reicht ein Parameter, bei Ordnung 2 brauchen wir zwei, bei Ordnung nn insgesamt nn Stück.

Schau auf die drei Modellbeispiele aus Abschnitt 2.2. y=ayy' = a\,y (Ordnung 1) hat y(x)=Ceaxy(x) = C\, e^{a x}, also einen Parameter CC. y+ω2y=0y'' + \omega^2 y = 0 (Ordnung 2) hat y(x)=Acos(ωx)+Bsin(ωx)y(x) = A\cos(\omega x) + B\sin(\omega x), also zwei Parameter A,BA, B.

Bei Newton mit konstanter Kraft, mx¨=Km\ddot{x} = K (Ordnung 2), liefert zweimaliges Integrieren x(t)=K2mt2+C1t+C0x(t) = \tfrac{K}{2m}\, t^2 + C_1\, t + C_0, wieder zwei Parameter.

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Allgemeine Lösung von y+ω2y=0y'' + \omega^2 y = 0
y(x)=Acos(ωx)+Bsin(ωx)y(x) = A\cos(\omega x) + B\sin(\omega x)
Zwei Scharparameter AA und BB für Ordnung 2.
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Allgemeine Lösung von mx¨=Km\ddot{x} = K (konstantes KK)
mx¨=K    x(t)=K2mt2+C1t+C0m\,\ddot{x} = K \implies x(t) = \dfrac{K}{2m}\, t^2 + C_1\, t + C_0
Zwei Scharparameter C0C_0 und C1C_1 für Ordnung 2. Sie ergeben sich aus zweimaligem Integrieren.
Definition Lösungsschar
Eine Familie {yC}C\{y_C\}_C von Lösungen der DGL, indiziert durch einen oder mehrere Scharparameter.
Merke Anzahl Parameter
Ordnung nnnn Scharparameter. Diese Regel ist die rote Linie von Kap. VII.1 bis VII.13.
Querverweis Verweise
→ VII.8 DGL höherer Ordnung

3.4 Spezielle Lösung durch Zusatzbedingung

Welche der vielen Lösungen ist die richtige für unser konkretes Problem? Das hängt davon ab, welche Zusatzinformation wir haben.

Schau wieder auf y=ayy' = a\,y mit allgemeiner Lösung y(x)=Ceaxy(x) = C\, e^{a x}. Wissen wir zusätzlich, dass an einer Stelle x0x_0 der Wert y(x0)=y0y(x_0) = y_0 ist, folgt y0=Ceax0y_0 = C\, e^{a x_0}, also C=y0eax0C = y_0\, e^{-a x_0}. Einsetzen gibt die spezielle Lösung y(x)=y0ea(xx0)y(x) = y_0\, e^{a(x - x_0)}.

Diese Zusatzbedingung heisst Anfangsbedingung. Das Gesamtproblem aus DGL plus Anfangsbedingung heisst Anfangswertproblem (kurz AWP).

Bei Ordnung 2 brauchen wir zwei Anfangsbedingungen. Bei Newton mit konstantem KK sind das typischerweise Startposition x(0)=x0x(0) = x_0 und Startgeschwindigkeit x˙(0)=v0\dot{x}(0) = v_0.

Einsetzen in x(t)=K2mt2+C1t+C0x(t) = \tfrac{K}{2m}\, t^2 + C_1\, t + C_0 gibt C0=x0C_0 = x_0 und C1=v0C_1 = v_0, also die spezielle Lösung x(t)=K2mt2+v0t+x0x(t) = \tfrac{K}{2m}\, t^2 + v_0\, t + x_0. Die Anzahl Bedingungen passt zur Ordnung.

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Spezielle Lösung von y=ayy' = a y mit AWP
y(x0)=y0    y(x)=y0ea(xx0)y(x_0) = y_0 \implies y(x) = y_0\, e^{a(x - x_0)}
Eine Anfangsbedingung legt den einen Scharparameter CC eindeutig fest.
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AWP für Newtons Bewegungsgleichung
mx¨=K,x(0)=x0,x˙(0)=v0\begin{aligned} m\,\ddot{x} &= K, \\ x(0) &= x_0, \\ \dot{x}(0) &= v_0 \end{aligned}
Zwei Anfangsbedingungen sind nötig, weil die DGL Ordnung 2 hat. Anzahl Bedingungen passt zur Ordnung.
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Spezielle Lösung
x(t)=K2mt2+v0t+x0x(t) = \dfrac{K}{2m}\, t^2 + v_0\, t + x_0
Eindeutig festgelegt durch x(0)x(0) und x˙(0)\dot{x}(0). Die beiden Scharparameter sind durch die Anfangsbedingungen verschwunden.

Vom Begriff bis zur speziellen Lösung, komplett durchgerechnet

  1. Schritt 1: Ordnung ablesen
    Die Ordnung sagt dir, wie viele Scharparameter und wie viele Anfangsbedingungen du erwarten musst. Sie ist immer der erste Blick.
    Wir nehmen die harmonische Schwingung y+ω2y=0y'' + \omega^2 y = 0. Höchste vorkommende Ableitung ist yy'', also Ordnung 2. Erwartung: zwei Scharparameter, zwei Anfangsbedingungen.
    y+ω2y=0Ordnung 2y'' + \omega^2\, y = 0 \quad\Rightarrow\quad \text{Ordnung } 2
  2. Schritt 2: allgemeine Lösung raten und durch Einsetzen prüfen
    Eine DGL löst man oft, indem man die Form errät und durch Einsetzen bestätigt. Gesucht ist eine Funktion, die zweimal abgeleitet ein Minus-ihrer-selbst ergibt.
    Kosinus und Sinus tun genau das. Wir setzen y=Acos(ωx)+Bsin(ωx)y = A\cos(\omega x) + B\sin(\omega x) an, bilden y=ω2Acos(ωx)ω2Bsin(ωx)=ω2yy'' = -\omega^2 A\cos(\omega x) - \omega^2 B\sin(\omega x) = -\omega^2 y und sehen y+ω2y=0y'' + \omega^2 y = 0 für jedes Paar A,BA, B. Bestätigt.
    y(x)=Acos(ωx)+Bsin(ωx)y(x) = A\cos(\omega x) + B\sin(\omega x)
  3. Schritt 3: die Schar als Ganzes sehen
    Bevor wir eine einzelne Lösung herausgreifen, halten wir fest, dass die DGL eine ganze Familie beschreibt. Anschaulich: jede Wahl von A,BA, B ist eine andere Schwingung.
    Die zwei freien Konstanten A,BA, B passen genau zur Ordnung 2 (Regel aus Abschnitt 3.3). Ohne Zusatzinfo bleibt die Lösung uneindeutig.
  4. Schritt 4: Anfangsbedingungen einarbeiten
    Erst eine Zusatzinformation pickt eine einzelne Funktion aus der Schar. Wir geben Startauslenkung und Startgeschwindigkeit vor, das natürliche Paar für eine Bewegung 2. Ordnung.
    Mit y(0)=y0y(0) = y_0: einsetzen bei x=0x = 0 gibt A=y0A = y_0 (denn cos(0)=1\cos(0) = 1, sin(0)=0\sin(0) = 0). Mit y(0)=v0y'(0) = v_0: aus y=Aωsin(ωx)+Bωcos(ωx)y' = -A\omega\sin(\omega x) + B\omega\cos(\omega x) bei x=0x = 0 folgt Bω=v0B\omega = v_0, also B=v0/ωB = v_0/\omega.
    A=y0,B=v0ωA = y_0, \qquad B = \dfrac{v_0}{\omega}
  5. Schritt 5: spezielle Lösung hinschreiben
    Jetzt sind beide Konstanten festgenagelt, die Schar ist auf eine Funktion geschrumpft.
    Einsetzen der Konstanten aus Schritt 4 liefert die eindeutige Lösung des Anfangswertproblems. Genau zwei Bedingungen für eine DGL 2. Ordnung, alles passt zusammen.
    y(x)=y0cos(ωx)+v0ωsin(ωx)y(x) = y_0\cos(\omega x) + \dfrac{v_0}{\omega}\sin(\omega x)
Definition Anfangswertproblem (AWP)
Eine DGL zusammen mit so vielen Anfangsbedingungen, wie die DGL Ordnung hat. Die spezielle Lösung ist diejenige Funktion aus der Schar, die alle Bedingungen erfüllt.
Formel AWP-Schema (1. Ordnung)
y=f(x,y),y(x0)=y0y' = f(x, y), \quad y(x_0) = y_0
Standard-Form, die in Kap. VII.3 systematisch gelöst wird.
Querverweis Verweise
→ VII.3 DGL 1. Ordnung

Aufgaben mit Musterlösungen

Übungsaufgaben zu Begriff, Ordnung und Anfangswertproblem folgen in einer Phase-2-Runde.

Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.

MerkeErst selbst rechnen, dann Lösung prüfen!