1Standardform der linearen DGL n-ter Ordnung

1.1 y⁽ⁿ⁾ + pₙ₋₁(x)·y⁽ⁿ⁻¹⁾ + … + p₀(x)·y = q(x)

Störglied q0q_0 1.50
L[y]=y+yL[y] = y'' + y 1.50
Differenz L[y]qL[y] - q 0.00
1.5
0.6
Abb. 1: Die DGL y+y=q(x)y'' + y = q(x) als Operator-Gleichung L[y]=qL[y] = q. Schiebe das Störglied qq und sieh, wie sich die Lösung y(x)y(x) mitbewegt. Das Readout prüft L[y]=qL[y] = q an der gestrichelten Stelle.

Wie sieht die allgemeinste lineare DGL n-ter Ordnung aus, und woran erkennst du auf einen Blick, dass sie linear ist? In VII.5 hatten wir den Fall n=1n = 1: eine einzige Ableitung yy'. Jetzt erlauben wir Ableitungen bis zur Ordnung nn, also y,y,,y(n)y'', y''', \dots, y^{(n)}. Die Spielregel bleibt aber dieselbe wie in VII.5.

Die Standardform sammelt alle Ableitungen auf der linken Seite, jede mit einer eigenen Koeffizientenfunktion, und stellt das Störglied auf die rechte Seite:

!!!
Standardform der linearen DGL n-ter Ordnung
y(n)+pn1(x)y(n1)++p0(x)y=q(x)y^{(n)} + p_{n-1}(x)\, y^{(n-1)} + \dots + p_0(x)\, y = q(x)
y(n)y^{(n)}: n-te Ableitung. pi(x)p_i(x): Koeffizientenfunktionen. q(x)q(x): Störglied (rechte Seite).

In Worten: nimm die höchste Ableitung y(n)y^{(n)}, häng an jede niedrigere Ableitung einen Vorfaktor pi(x)p_i(x), addiere alles, und setze die Summe gleich der vorgegebenen Funktion q(x)q(x). Mehr ist es nicht.

Woran du Linearität erkennst: die gesuchte Funktion yy und all ihre Ableitungen kommen nur in erster Potenz vor. Kein y2y^2, kein sin(y)\sin(y), kein Produkt yyy \cdot y'. Die Vorfaktoren pi(x)p_i(x) dürfen dagegen beliebige Funktionen von xx sein, das stört die Linearität nicht.

Warum Vorfaktor 11 bei y(n)y^{(n)}? Stünde dort ein Koeffizient an(x)a_n(x), teilst du die ganze Gleichung durch ihn, dann steht y(n)y^{(n)} allein. Diese normierte Form macht alle folgenden Formeln einfacher, deshalb ist sie der Standard, und genau sie brauchst du bei der Variation der Konstanten in §5.

Notation Notation: y(n)y^{(n)}
n-te Ableitung von yy nach xx. Bei kleinen nn schreibt man y,y,yy', y'', y'''; ab n=4n = 4 üblich y(4),y(5),y^{(4)}, y^{(5)}, \dots mit Klammer um den Index.
Notation Notation: pi(x)p_i(x) und q(x)q(x)
pi(x)p_i(x) sind die Koeffizientenfunktionen, q(x)q(x) ist das Störglied. Manche Texte schreiben das Störglied b(x)b(x) oder f(x)f(x); hier durchgehend q(x)q(x) wie in VII.5.
Formel Standardform
y(n)+pn1(x)y(n1)++p0(x)y=q(x)y^{(n)} + p_{n-1}(x)\, y^{(n-1)} + \dots + p_0(x)\, y = q(x)
Querverweis Verweise
→ VII.5 Standardform 1. Ordnung

1.2 Homogen vs inhomogen

Was passiert mit dem System, wenn die externe Anregung wegfällt? Das ist die homogene Variante, formal die rechte Seite auf null gesetzt. Genau das fragt die homogene DGL, bei der das Störglied verschwindet, q(x)0q(x) \equiv 0:

!!
Homogene lineare DGL
y(n)+pn1(x)y(n1)++p0(x)y=0y^{(n)} + p_{n-1}(x)\, y^{(n-1)} + \dots+ p_0(x)\, y = 0
Rechte Seite null. Bei q(x)≢0q(x) \not\equiv 0 heisst die DGL inhomogen.

Anschaulich: das Störglied q(x)q(x) ist der Antrieb von aussen. Eine Schaukel, die niemand anschubst, schwingt nur in ihrem Eigenrhythmus aus, das ist die homogene Lösung.

Schubst du sie im Takt an, kommt eine erzwungene Bewegung dazu, die Antwort auf das inhomogene q(x)q(x).

Die homogene Lösung beschreibt also das Eigenverhalten des Systems (wie es ganz von selbst reagiert), die inhomogene Lösung enthält zusätzlich die erzwungene Antwort auf den Antrieb. Diese Trennung kennst du aus VII.5, sie trägt unverändert in höhere Ordnung.

Definition Homogen und inhomogen
Homogen: q(x)0q(x) \equiv 0 (kein Antrieb). Inhomogen: q(x)≢0q(x) \not\equiv 0 (mit Antrieb). Sonst identische linke Seite.
Merke Zwei Welten
Homogen = Eigenverhalten des Systems. Inhomogen = Eigenverhalten plus erzwungene Antwort auf das Störglied q(x)q(x).

1.3 Linearitäts-Eigenschaft des Operators L[y]

Lass uns die linke Seite als einen Operator LL denken, der jede Funktion yy auf eine neue Funktion abbildet. Was macht LL so freundlich? Wir geben der ganzen linken Seite einen Namen:

!!
Linearer Differentialoperator
L[y]:=y(n)+pn1(x)y(n1)++p0(x)yL[y] :={} y^{(n)} + p_{n-1}(x)\, y^{(n-1)}+ \dots + p_0(x)\, y
L[y]L[y] mit eckigen Klammern. LL wirkt auf die ganze Funktion yy, nicht auf einen einzelnen Punktwert.

Bild dazu: LL ist eine Maschine. Du steckst eine Funktion yy hinein, heraus kommt eine neue Funktion L[y]L[y]. Mit dieser Maschine schreibt sich die homogene DGL kurz als L[y]=0L[y] = 0 und die inhomogene als L[y]=qL[y] = q.

Das Entscheidende: LL ist eine lineare Maschine. Sie respektiert Skalierung (doppelt rein heisst doppelt raus) und Addition (Summe rein heisst Summe raus):

!!
Linearität des Operators
L[αy+βz]=αL[y]+βL[z]L[\alpha\, y + \beta\, z] = \alpha\, L[y] + \beta\, L[z]
Für beliebige Konstanten α,β\alpha, \beta und Funktionen y,zy, z. Das ist der ganze Hebel dieses Kapitels.

Warum gilt das? Es folgt in einer Zeile aus zwei bekannten Tatsachen: Ableiten ist linear, also (αy+βz)=αy+βz(\alpha y + \beta z)' = \alpha y' + \beta z', und das Multiplizieren mit einem Vorfaktor pi(x)p_i(x) ist ebenfalls linear. Setzt man αy+βz\alpha y + \beta z in LL ein, darf man darum jeden Term auseinanderziehen und die Konstanten herausheben.

Notation Notation: L[y]L[y]
Linearer Differentialoperator. Eckige Klammern, weil LL auf die ganze Funktion yy wirkt. Kurzschreibweise: homogen L[y]=0L[y] = 0, inhomogen L[y]=qL[y] = q.
Formel Linearität
L[αy+βz]=αL[y]+βL[z]L[\alpha\, y + \beta\, z] = \alpha\, L[y] + \beta\, L[z]
Merke Der Hebel
Diese eine Eigenschaft trägt das ganze Kapitel: Vektorraum-Struktur, Superposition und die Zerlegung y=yh+ypy = y_h + y_p folgen alle aus ihr.
Querverweis Verweise
→ LinAlg: lineare Abbildung

2Struktur der allgemeinen homogenen Lösung

2.1 Lösungsraum als Vektorraum der Dimension n

C1C_1 1.00
C2C_2 0.50
Wronski W(0)W(0) −1.00
1.0
0.5
Abb. 2: Basis-Bausteine y1=xy_1 = x und y2=exy_2 = e^x (aus dem Applet der Vorlesung) und ihre Linearkombination C1y1+C2y2C_1 y_1 + C_2 y_2. Dreh an C1,C2C_1, C_2: jede Mischung ist wieder eine Lösung.

Bevor wir einzelne Lösungen suchen, klären wir die Struktur der homogenen Lösung: welche Gestalt hat die Menge aller Lösungen von L[y]=0L[y] = 0? Lineare Abbildung plus homogene Gleichung ergeben einen Lösungsraum, der wie ein Vektorraum aussieht.

Das kennst du aus LinAlg: dort hat Ax=0A\, \mathbf{x} = \mathbf{0} als Lösungsmenge einen Unterraum, jede Linearkombination von Lösungen ist wieder eine Lösung. Hier läuft dasselbe Spiel, nur mit Funktionen statt Vektoren.

Warum ist die homogene Lösungsmenge ein Vektorraum? Sind y1y_1 und y2y_2 zwei Lösungen von L[y]=0L[y] = 0, dann liefert die Linearität aus 1.3 sofort L[αy1+βy2]=αL[y1]+βL[y2]=α0+β0=0L[\alpha\, y_1 + \beta\, y_2] = \alpha\, L[y_1] + \beta\, L[y_2] = \alpha \cdot 0 + \beta \cdot 0 = 0. Die Linearkombination ist also wieder eine Lösung. Auch die Nullfunktion löst L[y]=0L[y] = 0. Damit erfüllt die Lösungsmenge alle Unterraum-Eigenschaften aus LinAlg.

Welche Dimension hat dieser Raum? Genau nn, die Ordnung der DGL. Der Grund kommt aus dem Existenz- und Eindeutigkeitssatz (VII.8): eine homogene Lösung ist festgelegt, sobald du die nn Anfangswerte y(x0),,y(n1)(x0)y(x_0), \dots, y^{(n-1)}(x_0) vorgibst.

Das sind genau nn frei wählbare Zahlen, also nn Freiheitsgrade, also Dimension nn.

Merke Lösungsraum ist Vektorraum
Die Lösungsmenge von L[y]=0L[y] = 0 ist ein Vektorraum der Dimension nn. Wie der Kern einer Matrix in LinAlg, nur mit Funktionen statt Vektoren.

2.2 Fundamentalsystem y₁, …, yₙ

Stell dir nn Lösungs-Bausteine vor, alle linear unabhängig. Jede andere homogene Lösung ist eine Linearkombination dieser Bausteine. Genau diese Sammlung von Bausteinen hat einen Namen.

Definition. Ein Fundamentalsystem der homogenen DGL ist eine Menge {y1,y2,,yn}\{ y_1, y_2, \dots, y_n \} aus nn linear unabhängigen Lösungen von L[y]=0L[y] = 0.

In Worten: ein Fundamentalsystem sind nn verschiedene Lösungs-Bausteine, aus denen sich jede homogene Lösung zusammenmischen lässt. Die allgemeine homogene Lösung ist die Linearkombination dieser Bausteine mit beliebigen Konstanten:

!!!
Allgemeine homogene Lösung
yh(x)=C1y1(x)+C2y2(x)++Cnyn(x)y_h(x) ={} C_1\, y_1(x) + C_2\, y_2(x)+ \dots + C_n\, y_n(x)
y1,,yny_1, \dots, y_n: Fundamentalsystem. C1,,CnC_1, \dots, C_n: die nn freien Konstanten aus 2.1.

Die CiC_i sind genau die nn Freiheitsgrade aus 2.1, wie bei Lego: aus nn Steinen baust du jede Form dieser Familie.

Bei einem Anfangswertproblem legen die nn Anfangsbedingungen die CiC_i eindeutig fest, danach ist die Lösung fixiert.

Notation Notation: Fundamentalsystem
{y1,,yn}\{ y_1, \dots, y_n \}: nn linear unabhängige Lösungen der homogenen DGL. Kollektiv gemeint, als Bausteine. In LinAlg-Sprache: eine Basis des Lösungsraums.
Formel Allgemeine homogene Lösung
yh=C1y1++Cnyny_h = C_1\, y_1 + \dots + C_n\, y_n
Merke Basis, nicht eindeutig
Ein Fundamentalsystem ist eine Basis des Lösungsraums. Es gibt viele davon, wie viele Basen eines Vektorraums. Entscheidend: nn Stück und unabhängig.

2.3 Wronski-Determinante und lineare Unabhängigkeit

Wie prüfst du, ob deine nn Lösungen wirklich nn verschiedene Bausteine sind, oder ob eine sich aus den anderen zusammensetzt? Bei Vektoren in LinAlg testest du lineare Unabhängigkeit über eine Determinante. Bei Funktionen geht es genauso, mit der Wronski-Determinante:

!!
Wronski-Determinante
W(y1,,yn)(x)=det(yi(j1)(x))i,jW(y_1, \dots, y_n)(x) = \det\bigl( y_i^{(j-1)}(x) \bigr)_{i,j}
Determinante der Matrix, deren Zeilen die Funktionen und ihre Ableitungen bis zur Ordnung n1n-1 sind.

So ist die Matrix gebaut: in die erste Zeile schreibst du die Funktionen y1,,yny_1, \dots, y_n selbst, in die zweite Zeile ihre ersten Ableitungen, in die dritte die zweiten, und so weiter bis zur (n1)(n-1)-ten Ableitung. Dann nimmst du die Determinante dieser n×nn \times n-Matrix.

!!
Lackmustest für lineare Unabhängigkeit
W(x0)0    y1,,yn linear unabha¨ngigW(x_0) \neq 0 \iff y_1, \dots, y_n \ \text{linear unabhängig}
Für Lösungen derselben homogenen DGL genügt ein einziger Testpunkt x0x_0.

In Worten: die Wronski-Determinante ist ein Lackmustest. W0W \neq 0 heisst unabhängig (echte Bausteine, taugt als Fundamentalsystem), W=0W = 0 heisst abhängig (eine Lösung ist eine Kombination der anderen).

Als konkreter Fall: für yy=0y'' - y = 0 ist {ex,ex}\{ e^x, e^{-x} \} ein Kandidat. Die Wronski-Determinante ist

!!
Wronski von {eˣ, e⁻ˣ}
W=exexexex=11=2W = \begin{vmatrix} e^x & e^{-x} \\ e^x & -e^{-x} \end{vmatrix} = -1 - 1 = -2
W=20W = -2 \neq 0, also sind exe^x und exe^{-x} linear unabhängig und bilden ein Fundamentalsystem.
Notation Notation: W(y1,,yn)W(y_1, \dots, y_n)
Wronski-Determinante. Determinante der Matrix aus den Funktionen und ihren Ableitungen bis Ordnung n1n-1. Gedacht als Lackmustest für lineare Unabhängigkeit.
Formel Wronski-Determinante
W=det(yi(j1))i,jW = \det\bigl( y_i^{(j-1)} \bigr)_{i,j}
Merke Der Test
W0    W \neq 0 \iff linear unabhängig. Bei Lösungen derselben DGL genügt ein einziger Punkt: überall null oder nirgends.
Querverweis Verweise
→ VII.5 Superpositionsprinzip

3Allgemeine Lösung der inhomogenen DGL

3.1 y = yₚ + yₕ (Superposition)

C1C_1 0.80
C2C_2 0.00
y(0)=C1y(0) = C_1 0.80
y(0)=1+C2y'(0) = 1 + C_2 1.00
0.8
0.0
Abb. 3: y+y=xy'' + y = x. Eine feste partikuläre Lösung yp=xy_p = x (blau) plus die homogene Schar yh=C1cosx+C2sinxy_h = C_1\cos x + C_2\sin x ergibt alle Lösungen (gold). Schiebe C1,C2C_1, C_2 durch die Schar.

Wie setzt sich die volle Lösung der inhomogenen DGL zusammen? Die Struktur kennst du aus VII.5: addiere die allgemeine homogene Lösung zu einer beliebigen partikulären Lösung. Gleicher Trick, höhere Ordnung. Die allgemeine Lösung der inhomogenen DGL L[y]=qL[y] = q ist

!!!
Allgemeine Lösung der inhomogenen DGL
y(x)=yp(x)+yh(x)y(x) = y_p(x) + y_h(x)
ypy_p: eine partikuläre Lösung der inhomogenen DGL. yhy_h: allgemeine homogene Lösung (mit nn Konstanten).

In Worten: yhy_h ist die allgemeine Lösung der homogenen DGL aus §2, sie trägt die nn freien Konstanten und beschreibt das Eigenverhalten. ypy_p ist eine einzige Lösung der vollen inhomogenen DGL, eine erzwungene Antwort auf den Antrieb qq. Zusammen decken sie alle Lösungen ab.

Warum stimmt das? Wende LL auf die Summe an und nutze die Linearität aus 1.3: L[yh+yp]=L[yh]+L[yp]=0+q=qL[y_h + y_p] = L[y_h] + L[y_p] = 0 + q = q. Die Summe löst also die inhomogene DGL. Umgekehrt: ist yy irgendeine Lösung, so erfüllt yypy - y_p wegen L[yyp]=qq=0L[y - y_p] = q - q = 0 die homogene DGL, steckt also schon in yhy_h. Mehr Lösungen als yh+ypy_h + y_p gibt es darum nicht.

Ein konkretes Beispiel: y+y=xy'' + y = x. Homogener Teil: y+y=0y'' + y = 0 hat das Fundamentalsystem {cos(x),sin(x)}\{\cos(x), \sin(x)\}, also yh=C1cos(x)+C2sin(x)y_h = C_1 \cos(x) + C_2 \sin(x) (zwei Konstanten, Ordnung 2). Partikulärer Teil: rate yp=xy_p = x, Probe yp+yp=0+x=xy_p'' + y_p = 0 + x = x ✓.

Zusammensetzen: y=C1cos(x)+C2sin(x)+xy = C_1 \cos(x) + C_2 \sin(x) + x. Die zwei Rollen trennen sich sauber: die Sinus-Kosinus-Wolke ist das Eigenverhalten, der lineare Term xx die erzwungene Antwort auf q=xq = x.

Formel Lösungsstruktur
y=yp+yhy = y_p + y_h
Dieselbe Zerlegung wie in VII.5 für 1. Ordnung: allgemeine homogene Lösung plus eine partikuläre Lösung.
Merke Wer trägt die Konstanten?
yhy_h trägt alle nn freien Konstanten. ypy_p trägt keine. Erst zum Schluss, mit Anfangsbedingungen, werden die Konstanten festgelegt.
Querverweis Verweise
→ VII.5 Superpositionsprinzip

3.2 Eine partikuläre Lösung reicht

Warum reicht eine partikuläre Lösung, obwohl es unendlich viele gibt? Tatsächlich ist ypy_p alles andere als eindeutig: addierst du zu einer partikulären Lösung irgendeine homogene Lösung, bekommst du wieder eine partikuläre Lösung. Es gibt also unendlich viele Kandidaten für ypy_p.

Das Argument: seien ypy_p und y~p\tilde{y}_p zwei partikuläre Lösungen. Dann ist L[ypy~p]=qq=0L[y_p - \tilde{y}_p] = q - q = 0, ihre Differenz also eine homogene Lösung.

Zwei partikuläre Lösungen unterscheiden sich somit nur um eine homogene, und die steckt in yhy_h ohnehin schon. Egal also, welche ypy_p du erwischst, die allgemeine Lösung y=yh+ypy = y_h + y_p ist immer dieselbe.

Merke Egal welche
Zwei partikuläre Lösungen unterscheiden sich nur um eine homogene Lösung. Die steckt schon in yhy_h. Darum genügt eine beliebige ypy_p.
Prüfungstipp Bequem wählen
Greif die einfachste ypy_p. Komplizierter ist nicht falsch, nur mehr Arbeit, die allgemeine Lösung bleibt dieselbe.

4Geschickter Ansatz für das Störglied

4.1 Ansatz vom Typ der rechten Seite (Polynom, e⁽ᵅˣ⁾, sin/cos)

Anregung Ω\Omega 1.60
Amplitude AampA_\text{amp} 0.57
Status stabil
1.60
Abb. 4: Harmonischer Ansatz für y+2δy+y=cos(Ωx)y'' + 2\delta\, y' + y = \cos(\Omega x). Blau das Störglied, gold die partikuläre Lösung yp=Acos(Ωx)+Bsin(Ωx)y_p = A\cos(\Omega x) + B\sin(\Omega x). Stell die Anregungsfrequenz Ω\Omega ein.

Wenn q(x)q(x) ein Polynom, ein Exponential oder Sinus und Kosinus ist, hat ypy_p meistens dieselbe Form. Welche genau?

Die Idee ist die aus VII.5: rate die Form der partikulären Lösung vom Typ der rechten Seite, setze sie mit unbekannten Koeffizienten an, setze ein und bestimme sie durch Vergleich.

Bild dazu: das ist wie ein Wachstums-Test. Sieht der Samen polynomial aus, sollte auch die ausgewachsene Pflanze polynomial sein. Sieht qq wie ein Exponential aus, ist auch ypy_p ein Exponential. Die drei Grundtypen:

!!
Ansatz für ein Exponential-Störglied
q(x)=ceαx  yp=Aeαxq(x) = c\, e^{\alpha x} \ \longrightarrow \ y_p = A\, e^{\alpha x}
Stellvertretend für alle drei Grundtypen. Beim Polynom: Polynom-Ansatz; bei cos/sin\cos / \sin: Ansatz mit beiden Funktionen.

Warum funktioniert das? Ableiten führt ein Polynom wieder in ein Polynom über, ein Exponential in dasselbe Exponential, und Sinus und Kosinus ineinander. Diese Funktionstypen sind unter Ableiten abgeschlossen. Setzt du den passenden Ansatz in LL ein, bleibt der Typ erhalten, und ein Koeffizientenvergleich liefert die Unbekannten über ein kleines lineares Gleichungssystem. Die ganze Tabelle der Standardansätze steht in 4.3.

Merke Ansatz vom Typ von q
Rate ypy_p in derselben Form wie das Störglied qq, setze ein, bestimme die Koeffizienten durch Vergleich. Schneller als jedes Integral.
Notation Notation: α\alpha und ω\omega
α\alpha: Exponent im Störglied eαxe^{\alpha x}. ω\omega: Kreisfrequenz in cos(ωx),sin(ωx)\cos(\omega x), \sin(\omega x). Beide griechisch, im Argument immer mit Klammern.
Querverweis Verweise
→ VII.5 Ansatz 1. Ordnung

4.2 Resonanzfall: warum der Ansatz scheitert und was die Vorlesung tut

Was passiert, wenn dein Ansatz schon zur homogenen Lösung gehört? Dann liefert die DGL null zurück und der Ansatz scheitert. Steckt deine geratene Form ypy_p nämlich bereits im Fundamentalsystem, so gilt L[yp]=0L[y_p] = 0. Das kann niemals gleich einem Störglied q0q \neq 0 sein, der Ansatz kollabiert.

Genau dieser Fall ist das Standard-Beispiel der Vorlesung: bei y+ω2y=Pcos(ωx)y'' + \omega^2\, y = P \cos(\omega x) ist der naheliegende Ansatz yp=Acos(ωx)+Bsin(ωx)y_p = A \cos(\omega x) + B \sin(\omega x) selbst schon homogene Lösung, löst also (H)(H) und kann damit unmöglich auch (I)(I) erfüllen.

Der Vorlesungsweg in diesem Fall: Variation der Konstanten (§5). Die Vorlesung bricht hier den geschickten Ansatz ab und löst die Resonanz konsequent über die Variation der Konstanten. Für y+ω2y=Pcos(ωx)y'' + \omega^2\, y = P \cos(\omega x) liefert sie die partikuläre Lösung

!!
Resonanz-Lösung über Variation der Konstanten
yp(x)=P2ωxsin(ωx)y_p(x) = \frac{P}{2\omega}\, x\, \sin(\omega x)
Partikuläre Lösung von y+ω2y=Pcos(ωx)y'' + \omega^2 y = P \cos(\omega x), hergeleitet über die Variation der Konstanten aus §5. Der Faktor xx entsteht von selbst, ein eigener Resonanz-Ansatz ist nicht nötig.

In Worten: trifft die Anregung die Eigenfrequenz, wächst die Amplitude linear in xx an. Dieser anschwellende Faktor xx fällt automatisch aus der Variation der Konstanten heraus, du musst ihn nicht raten.

Merke Resonanz, dann Variation der Konstanten
Ist der geschickte Ansatz schon homogene Lösung, liefert er null. Die Vorlesung wechselt dann zur Variation der Konstanten (§5); der Faktor xx entsteht dort von selbst.
Formel Resonanz-Lösung (VdK)
yp=P2ωxsin(ωx)y_p = \frac{P}{2\omega}\, x\, \sin(\omega x)

4.3 Tabelle der Standardansätze

Welcher Ansatz gehört zu welchem Störglied? Die komplette Übersicht in einem Spickzettel: welches qq ergibt welchen Ansatz, mit welchem Resonanz-Faktor. Lern diese Tabelle, sie deckt fast jedes Klausur-Störglied ab.

Störglied q(x)q(x) Standard-Ansatz ypy_p bei Resonanz
Polynom vom Grad mm amxm++a1x+a0a_m x^m + \dots + a_1 x + a_0 ×xk\times\, x^k
ceαxc\, e^{\alpha x} AeαxA\, e^{\alpha x} ×xk\times\, x^k
c1cos(ωx)+c2sin(ωx)c_1\cos(\omega x) + c_2\sin(\omega x) Acos(ωx)+Bsin(ωx)A\cos(\omega x) + B\sin(\omega x) ×xk\times\, x^k
Produkt oder Summe der obigen gleiches Produkt bzw. gleiche Summe ×xk\times\, x^k
Standardansätze für die partikuläre Lösung

Die Spalte bei Resonanz ist die Lehrbuch-Abkürzung aus 4.2: tritt der Standard-Ansatz schon im Fundamentalsystem auf, multiplizierst du ihn mit xkx^k (kk = Vielfachheit der Nullstelle), ohne Resonanz lässt du den Faktor weg (k=0k = 0). An der Prüfung wird im Resonanzfall die volle Herleitung über die Variation der Konstanten (§5) erwartet, so wie es die Vorlesung vormacht.

Merke Ansatz-Spickzettel
Polynom bleibt Polynom. eαxe^{\alpha x} wird AeαxA\, e^{\alpha x}. cos(ωx),sin(ωx)\cos(\omega x), \sin(\omega x) werden Acos(ωx)+Bsin(ωx)A\cos(\omega x) + B\sin(\omega x). Trifft der Ansatz das Fundamentalsystem (Resonanz), löst die Vorlesung über Variation der Konstanten (§5); die Lehrbuch-Abkürzung wäre ×xk\times\, x^k.
Prüfungstipp Reihenfolge
Erst Standard-Ansatz, dann gegen yhy_h prüfen. Trifft er yhy_h, in den Resonanzfall (4.2) und zur Variation der Konstanten.

5Variation der Konstanten für höhere Ordnung

5.1 Verallgemeinerung gegenüber VII.5

Frequenz ω\omega 1.50
Antrieb PP 1.00
Steigung P2ω\tfrac{P}{2\omega} 0.33
1.5
1.0
Abb. 5: Was die Variation der Konstanten im Resonanzfall liefert: y+ω2y=Pcos(ωx)y'' + \omega^2 y = P\cos(\omega x) hat yp=P2ωxsin(ωx)y_p = \tfrac{P}{2\omega}\, x\, \sin(\omega x). Die Amplitude wächst linear, eingehüllt von ±P2ωx\pm\tfrac{P}{2\omega}\, x.

Wie überträgt sich die Variation der Konstanten aus VII.5 auf nn-te Ordnung? Statt einer Konstante C(x)C(x) atmen jetzt nn Konstanten Ci(x)C_i(x) gleichzeitig.

In VII.5 wurde die eine Konstante zur Funktion C(x)C(x); bei nn Bausteinen machst du es mit allen nn zugleich. Für 2. Ordnung mit Fundamentalsystem {y1,y2}\{ y_1, y_2 \} lautet der Ansatz

!!
VdK-Ansatz für 2. Ordnung
yp(x)=C1(x)y1(x)+C2(x)y2(x)y_p(x) = C_1(x)\, y_1(x) + C_2(x)\, y_2(x)
Wie yhy_h, aber die Konstanten C1,C2C_1, C_2 sind jetzt Funktionen von xx, sie atmen.

Das kleine Problem dabei: du hast nn unbekannte Funktionen Ci(x)C_i(x), aber nur eine Gleichung (die DGL selbst). Das ist unterbestimmt. Darum darfst du dir n1n-1 zusätzliche Hilfsbedingungen frei aussuchen, um das System eindeutig zu machen. Geschickt gewählt vereinfachen sie die Rechnung enorm. Für 2. Ordnung sieht das so aus:

!!
Hilfsbedingungen für 2. Ordnung
C1y1+C2y2=0C1y1+C2y2=q/an\begin{aligned} C_1'\, y_1 + C_2'\, y_2 &= 0 \\ C_1'\, y_1' + C_2'\, y_2' &= q / a_n \end{aligned}
ana_n: Koeffizient der höchsten Ableitung. In Normalform (an=1a_n = 1) steht rechts einfach qq.

Das ist ein lineares 2×22 \times 2-System für die beiden Unbekannten C1C_1' und C2C_2'. Die Vorlesung löst es durch direktes Einsetzen (eine Gleichung nach einer Unbekannten auflösen, in die andere einsetzen). Gleichwertig und etwas schneller geht es mit der Cramerschen Regel, die wir hier als Abkürzung benutzen:

!!
Lösung via Cramer
C1=y2qWC2=y1qW\begin{aligned} C_1' &= -\frac{y_2\, q}{W} \\ C_2' &= \frac{y_1\, q}{W} \end{aligned}
WW ist die Wronski-Determinante aus 2.3. Danach C1,C2C_1, C_2 durch Integration zurückgewinnen.
Formel VdK via Cramer
C1=y2qW, C2=y1qWC_1' = -\frac{y_2\, q}{W}, \ C_2' = \frac{y_1\, q}{W}
WW: Wronski-Determinante aus 2.3. Anschliessend integrieren, um C1,C2C_1, C_2 zu erhalten.
Merke Konstanten atmen
nn Konstanten werden zu Funktionen Ci(x)C_i(x). Dazu n1n-1 frei wählbare Hilfsbedingungen, damit das System eindeutig wird.
Querverweis Verweise
→ VII.5 Variation der Konstanten

5.2 Wann lohnt sie sich?

Wenn der Ansatz nicht funktioniert (das Störglied qq ist kein Polynom, Exponential oder Sinus und Kosinus), greifst du zur Variation der Konstanten. Wann genau lohnt sich der Aufwand? Der grosse Vorteil der Methode: sie ist universell. Sie funktioniert für jedes beliebige Störglied qq, solange du die auftretenden Integrale lösen kannst.

Die Entscheidungsregel: ist qq ein Polynom, ein Exponential, harmonisch oder ein Produkt davon, nimm den geschickten Ansatz aus §4, er ist schneller. Ist qq etwas anderes (etwa tan(x)\tan(x), 1x\tfrac{1}{x}, ln(x)\ln(x) oder 1cos(x)\tfrac{1}{\cos(x)}), dann führt nur die Variation der Konstanten zum Ziel.

Der Preis: du musst Integrale wie y2qWdx\int \tfrac{y_2\, q}{W}\, \mathrm{d}x lösen, und die können hässlich werden, manchmal sogar nicht-elementar. Der Kompromiss: universell, aber potenziell rechenintensiv.

Merke Ansatz oder VdK?
Schönes qq (Polynom, eαxe^{\alpha x}, cos/sin\cos / \sin) \to Ansatz, schneller. Hässliches qq (tan,ln,1x\tan, \ln, \tfrac{1}{x}) \to VdK, universell.
Prüfungstipp Im Zweifel VdK
VdK scheitert nie. Wenn du unsicher bist, welches Werkzeug passt, nimm die Variation der Konstanten und kalkuliere etwas mehr Rechenzeit ein.

6Potenzreihenansatz

6.1 Potenzreihen-Ansatz y(x) = Σ aₖ·xᵏ

Glieder NN 5
Summe bei xx_* 2.717
Referenz bei xx_* 2.718
5
Abb. 6: Die Partialsumme k=0Nakxk\sum_{k=0}^{N} a_k x^k (gold) nähert sich der wahren Lösung (grün), wenn du NN erhöhst. Für y=yy' = y ist ak=1/k!a_k = 1/k! und die Reihe wird exe^x.

Was, wenn die Lösung kein elementares Funktions-Symbol hat? Manche DGLs haben keine Lösung aus bekannten Bausteinen (Polynome, exe^x, sin\sin, cos\cos, ln\ln, Wurzeln), und trotzdem existiert eine.

Wir raten: y(x)y(x) lässt sich um den Nullpunkt als Potenzreihe schreiben, und die DGL bestimmt die Koeffizienten.

Die Vorlesung führt das am Beispiel y+x2y=0y'' + x^2 y = 0 vor; der Koeffizientenvergleich liefert dort die Rekursion ak+2=ak2/((k+1)(k+2))a_{k+2} = -a_{k-2} / ((k+1)(k+2)), etwa a4=a0/12a_4 = -a_0/12. Die Figur unten nutzt die bekannteren Beispiele y=yy' = y (Lösung exe^x) und die Airy-Gleichung y=xyy'' = x\,y, die denselben Mechanismus zeigen.

!!!
Potenzreihen-Ansatz
y(x)=k=0akxky(x) = \sum_{k=0}^{\infty} a_k\, x^k
\sum: Summe. aka_k: die (zunächst unbekannten) Koeffizienten. xkx^k: die Potenzen. Im Unterschied zum Polynom unendlich viele Terme.

Bild dazu: denk an Lego. y(x)y(x) ist ein unendlich langes Polynom, und die DGL diktiert Stein für Stein, welcher Koeffizient aka_k an welche Stelle passt. Du legst keinen Stein willkürlich, die Gleichung schreibt jeden einzelnen vor.

Der Plan: setze die Reihe und ihre Ableitungen in die DGL ein, vergleiche die Koeffizienten gleicher Potenzen, und gewinne so Bestimmungsgleichungen für die aka_k (§6.2).

Notation Notation: kakxk\sum_{k} a_k x^k
Potenzreihe um x=0x = 0. Wie ein Polynom, aber mit unendlich vielen Gliedern. Die aka_k sind die gesuchten Koeffizienten.
Formel Ansatz
y(x)=k=0akxky(x) = \sum_{k=0}^{\infty} a_k\, x^k
Merke Die Idee
Setze die unbekannte Funktion direkt als Potenzreihe an. Die DGL legt dann jeden Koeffizienten aka_k fest.

6.2 Koeffizientenvergleich liefert Rekursion

Was passiert, wenn wir die Potenzreihe in die DGL einsetzen und Koeffizienten gleicher Potenzen vergleichen? Es entsteht eine Rekursion für die aka_k. Zuerst brauchen wir die Ableitungen der Reihe, gliedweise differenziert mit verschobenem Index:

!
Erste Ableitung der Reihe
y(x)=k=0(k+1)ak+1xky'(x) = \sum_{k=0}^{\infty} (k+1)\, a_{k+1}\, x^k
Gliedweise abgeleitet und der Summationsindex so verschoben, dass wieder xkx^k dasteht.

Der Kern der Methode ist der Koeffizientenvergleich: zwei Potenzreihen sind genau dann gleich, wenn alle ihre Koeffizienten übereinstimmen. Setzt du die Reihe in die DGL ein und bringst alles auf die Form einer einzigen Potenzreihe gleich null, muss jeder Koeffizient für sich verschwinden:

!!
Koeffizientenvergleich
kckxk=0    ck=0 fu¨r alle k\sum_{k} c_k\, x^k = 0 \iff c_k = 0 \ \text{für alle } k
Jedes ckc_k ist ein Ausdruck in den aka_k. Die Gleichung ck=0c_k = 0 ist die gesuchte Rekursion.

Jedes ckc_k verknüpft einige der aka_k. Aufgelöst nach dem höchsten beteiligten Koeffizienten entsteht eine Rekursion: spätere Koeffizienten aus früheren.

Die ersten Koeffizienten bleiben frei, und zwar genau nn Stück, dieselben nn Freiheitsgrade wie das Fundamentalsystem aus §2.

Merke Vergleich gibt Rekursion
Reihe einsetzen, alles auf xkx^k bringen, jeden Koeffizienten gleich null setzen. Das ergibt eine Rekursion: spätere aka_k aus früheren.
Formel Koeffizientenvergleich
kckxk=0    ck=0 k\sum_{k} c_k\, x^k = 0 \iff c_k = 0 \ \forall k

6.3 Konvergenzsatz und Konvergenzradius

Wie weit konvergiert die Reihe? Gibt es einen Garantie-Satz für lineare DGLs? Eine Potenzreihe ist nur innerhalb ihres Konvergenzradius RR eine sinnvolle Funktion. Die berechtigte Sorge: vielleicht ist die hingeschriebene Lösungsreihe nur ein formales Gebilde, das nirgends konvergiert. Der Konvergenzsatz nimmt diese Sorge weg.

Der Konvergenzsatz, anschaulich: sind alle Koeffizienten p0(x),,pn1(x)p_0(x), \dots, p_{n-1}(x) und das Störglied q(x)q(x) um x0x_0 brave Potenzreihen (analytisch), dann ist auch jede Lösung um x0x_0 eine konvergente Potenzreihe.

Du musst also keine Angst haben, dass die Reihe auseinanderfliegt: solange die DGL-Koeffizienten brav sind, ist auch die Lösung brav.

Wie weit reicht die Garantie? Der Konvergenzradius der Lösung ist mindestens so gross wie der kleinste Konvergenzradius unter den pip_i und qq. Anders gesagt: die Lösung konvergiert mindestens so weit, bis die erste Koeffizientenfunktion Ärger macht.

Definition Konvergenzsatz
Sind alle pi(x)p_i(x) und q(x)q(x) um x0x_0 analytisch, so ist jede Lösung der DGL um x0x_0 eine konvergente Potenzreihe. Eine Garantie, keine blosse Hoffnung.
Merke Faustregel Konvergenzradius
Der Konvergenzradius der Lösung ist mindestens so gross wie der kleinste der Radien von p0,,pn1p_0, \dots, p_{n-1} und qq.

6.4 y=yy' = y liefert exe^x, Airy-DGL liefert eine neue Funktion

Was liefert der Potenzreihenansatz an konkreten Funktionen? Zwei klassische Beispiele zum Mitrechnen: die Exponentialfunktion fällt aus y=yy' = y heraus, die Airy-Funktion ist neu und nicht elementar darstellbar.

Erstes Beispiel: y=yy' = y mit y(0)=1y(0) = 1. Das ist das Wachstumsmodell aus VII.2. Mit dem Ansatz y=akxky = \sum a_k x^k und der Ableitung aus 6.2 wird y=yy' = y zu (k+1)ak+1=ak(k+1)\, a_{k+1} = a_k. Aufgelöst:

!!
Rekursion für y' = y
(k+1)ak+1=ak    ak+1=akk+1a0=1    ak=1k!\begin{aligned} (k+1)\, a_{k+1} = a_k &\implies a_{k+1} = \frac{a_k}{k+1} \\ a_0 = 1 &\implies a_k = \frac{1}{k!} \end{aligned}
Aus a0=1a_0 = 1 folgt Schritt für Schritt a1=1,a2=12,a3=16,a_1 = 1, a_2 = \tfrac{1}{2}, a_3 = \tfrac{1}{6}, \dots, allgemein ak=1k!a_k = \tfrac{1}{k!}.
!!
Lösung von y' = y
y(x)=k=0xkk!=exy(x) = \sum_{k=0}^{\infty} \frac{x^k}{k!} = e^x
Die Reihe ist genau die Exponentialreihe. Der Ansatz findet exe^x von selbst.

Zweites Beispiel: die Airy-Gleichung yxy=0y'' - x\, y = 0. Diese DGL hat keine elementare Lösung. Mit y=akxky = \sum a_k x^k liefert y=(k+2)(k+1)ak+2xky'' = \sum (k+2)(k+1)\, a_{k+2}\, x^k und xy=ak1xkx\, y = \sum a_{k-1}\, x^k (für k1k \geq 1). Der Koeffizientenvergleich gibt:

!!
Rekursion der Airy-Gleichung
2a2=0    a2=0ak+2=ak1(k+2)(k+1),k1\begin{aligned} 2 a_2 &= 0 \implies a_2 = 0 \\ a_{k+2} &= \frac{a_{k-1}}{(k+2)(k+1)}, \quad k \geq 1 \end{aligned}
Das Glied zu k=0k = 0 erzwingt a2=0a_2 = 0. Die Koeffizienten a0a_0 und a1a_1 bleiben frei.

Die beiden freien Koeffizienten a0a_0 und a1a_1 sind genau die zwei Parameter, die man bei einer DGL 2. Ordnung erwartet (die Freiheitsgrade aus §2).

Die ersten Koeffizienten lauten a2=0a_2 = 0, a3=a06a_3 = \tfrac{a_0}{6}, a4=a112a_4 = \tfrac{a_1}{12}, a5=0a_5 = 0, a6=a0180a_6 = \tfrac{a_0}{180}. Sortiert nach a0a_0 und a1a_1 ergeben sich zwei Reihen:

!!
Fundamentalsystem der Airy-Gleichung
y(x)=a0(1+x36+x6180+)+a1(x+x412+) y(x) = a_0 \Bigl( 1 + \tfrac{x^3}{6} + \tfrac{x^6}{180} + \dots \Bigr) {}+\, a_1 \Bigl( x + \tfrac{x^4}{12} + \dots \Bigr)
Die zwei Reihen sind ein Fundamentalsystem. Sie definieren die Airy-Funktionen, die kein elementares Symbol haben.
Querverweis Verweise
→ VII.2 Wachstum y' = y
Merke Zwei freie Koeffizienten
Bei Airy bleiben a0a_0 und a1a_1 frei, das sind die 22 Bausteine eines Fundamentalsystems, genau die Dimension aus §2.
Querverweis Airy in der Physik
Die Airy-Funktion tritt in der Quantenmechanik (klassisch verbotene Region) und in der Optik (Caustic-Phänomene) auf.

6.5 Wann lohnt sich der Ansatz? (analytische Koeffizienten)

Bei welchen DGLs greifst du zum Potenzreihenansatz? Die Faustregel: der Ansatz lohnt sich, wenn die Koeffizientenfunktionen pi(x)p_i(x) variabel sind (also wirklich von xx abhängen, wie bei Airy mit p0(x)=xp_0(x) = -x) und keine elementare Lösung in Sicht ist.

Der wichtige Gegenfall: sind die Koeffizienten konstant, brauchst du keine Potenzreihen. Dann gibt es das charakteristische Polynom und handfeste elementare Lösungen (eλxe^{\lambda x}, sin\sin, cos\cos). Dieser Spezialfall ist so zentral, dass er ein eigenes Kapitel bekommt, VII.10.

Voraussetzung nicht vergessen: der Konvergenzsatz aus 6.3 verlangt analytische Koeffizienten, bei polynomialen (wie Airy) automatisch erfüllt.

Genau aus solchen DGLs mit variablen Koeffizienten entstehen die speziellen Funktionen der Physik: neben Airy auch Bessel, Legendre und Hermite.

Merke Wann Potenzreihe?
Bei variablen Koeffizienten ohne elementare Lösung. Bei konstanten Koeffizienten unnötig: dann charakteristisches Polynom (VII.10).
Prüfungstipp Schnell-Einordnung
Konstant \to VII.10. Variabel \to Potenzreihe. Inhomogen \to erst yhy_h, dann ypy_p per Ansatz.

Aufgaben mit Musterlösungen

Übungsaufgaben werden in Kürze ergänzt.

Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.

MerkeErst selbst rechnen, dann Lösung prüfen!