Wie sieht die allgemeinste lineare DGL n-ter Ordnung aus, und woran erkennst du auf einen Blick, dass sie linear ist? In VII.5 hatten wir den Fall : eine einzige Ableitung . Jetzt erlauben wir Ableitungen bis zur Ordnung , also . Die Spielregel bleibt aber dieselbe wie in VII.5.
Die Standardform sammelt alle Ableitungen auf der linken Seite, jede mit einer eigenen Koeffizientenfunktion, und stellt das Störglied auf die rechte Seite:
In Worten: nimm die höchste Ableitung , häng an jede niedrigere Ableitung einen Vorfaktor , addiere alles, und setze die Summe gleich der vorgegebenen Funktion . Mehr ist es nicht.
Woran du Linearität erkennst: die gesuchte Funktion und all ihre Ableitungen kommen nur in erster Potenz vor. Kein , kein , kein Produkt . Die Vorfaktoren dürfen dagegen beliebige Funktionen von sein, das stört die Linearität nicht.
Warum Vorfaktor bei ? Stünde dort ein Koeffizient , teilst du die ganze Gleichung durch ihn, dann steht allein. Diese normierte Form macht alle folgenden Formeln einfacher, deshalb ist sie der Standard, und genau sie brauchst du bei der Variation der Konstanten in §5.
Was passiert mit dem System, wenn die externe Anregung wegfällt? Das ist die homogene Variante, formal die rechte Seite auf null gesetzt. Genau das fragt die homogene DGL, bei der das Störglied verschwindet, :
Anschaulich: das Störglied ist der Antrieb von aussen. Eine Schaukel, die niemand anschubst, schwingt nur in ihrem Eigenrhythmus aus, das ist die homogene Lösung.
Schubst du sie im Takt an, kommt eine erzwungene Bewegung dazu, die Antwort auf das inhomogene .
Die homogene Lösung beschreibt also das Eigenverhalten des Systems (wie es ganz von selbst reagiert), die inhomogene Lösung enthält zusätzlich die erzwungene Antwort auf den Antrieb. Diese Trennung kennst du aus VII.5, sie trägt unverändert in höhere Ordnung.
Lass uns die linke Seite als einen Operator denken, der jede Funktion auf eine neue Funktion abbildet. Was macht so freundlich? Wir geben der ganzen linken Seite einen Namen:
Bild dazu: ist eine Maschine. Du steckst eine Funktion hinein, heraus kommt eine neue Funktion . Mit dieser Maschine schreibt sich die homogene DGL kurz als und die inhomogene als .
Das Entscheidende: ist eine lineare Maschine. Sie respektiert Skalierung (doppelt rein heisst doppelt raus) und Addition (Summe rein heisst Summe raus):
Warum gilt das? Es folgt in einer Zeile aus zwei bekannten Tatsachen: Ableiten ist linear, also , und das Multiplizieren mit einem Vorfaktor ist ebenfalls linear. Setzt man in ein, darf man darum jeden Term auseinanderziehen und die Konstanten herausheben.
Bevor wir einzelne Lösungen suchen, klären wir die Struktur der homogenen Lösung: welche Gestalt hat die Menge aller Lösungen von ? Lineare Abbildung plus homogene Gleichung ergeben einen Lösungsraum, der wie ein Vektorraum aussieht.
Das kennst du aus LinAlg: dort hat als Lösungsmenge einen Unterraum, jede Linearkombination von Lösungen ist wieder eine Lösung. Hier läuft dasselbe Spiel, nur mit Funktionen statt Vektoren.
Warum ist die homogene Lösungsmenge ein Vektorraum? Sind und zwei Lösungen von , dann liefert die Linearität aus 1.3 sofort . Die Linearkombination ist also wieder eine Lösung. Auch die Nullfunktion löst . Damit erfüllt die Lösungsmenge alle Unterraum-Eigenschaften aus LinAlg.
Welche Dimension hat dieser Raum? Genau , die Ordnung der DGL. Der Grund kommt aus dem Existenz- und Eindeutigkeitssatz (VII.8): eine homogene Lösung ist festgelegt, sobald du die Anfangswerte vorgibst.
Das sind genau frei wählbare Zahlen, also Freiheitsgrade, also Dimension .
Stell dir Lösungs-Bausteine vor, alle linear unabhängig. Jede andere homogene Lösung ist eine Linearkombination dieser Bausteine. Genau diese Sammlung von Bausteinen hat einen Namen.
Definition. Ein Fundamentalsystem der homogenen DGL ist eine Menge aus linear unabhängigen Lösungen von .
In Worten: ein Fundamentalsystem sind verschiedene Lösungs-Bausteine, aus denen sich jede homogene Lösung zusammenmischen lässt. Die allgemeine homogene Lösung ist die Linearkombination dieser Bausteine mit beliebigen Konstanten:
Die sind genau die Freiheitsgrade aus 2.1, wie bei Lego: aus Steinen baust du jede Form dieser Familie.
Bei einem Anfangswertproblem legen die Anfangsbedingungen die eindeutig fest, danach ist die Lösung fixiert.
Wie prüfst du, ob deine Lösungen wirklich verschiedene Bausteine sind, oder ob eine sich aus den anderen zusammensetzt? Bei Vektoren in LinAlg testest du lineare Unabhängigkeit über eine Determinante. Bei Funktionen geht es genauso, mit der Wronski-Determinante:
So ist die Matrix gebaut: in die erste Zeile schreibst du die Funktionen selbst, in die zweite Zeile ihre ersten Ableitungen, in die dritte die zweiten, und so weiter bis zur -ten Ableitung. Dann nimmst du die Determinante dieser -Matrix.
In Worten: die Wronski-Determinante ist ein Lackmustest. heisst unabhängig (echte Bausteine, taugt als Fundamentalsystem), heisst abhängig (eine Lösung ist eine Kombination der anderen).
Als konkreter Fall: für ist ein Kandidat. Die Wronski-Determinante ist
Wie setzt sich die volle Lösung der inhomogenen DGL zusammen? Die Struktur kennst du aus VII.5: addiere die allgemeine homogene Lösung zu einer beliebigen partikulären Lösung. Gleicher Trick, höhere Ordnung. Die allgemeine Lösung der inhomogenen DGL ist
In Worten: ist die allgemeine Lösung der homogenen DGL aus §2, sie trägt die freien Konstanten und beschreibt das Eigenverhalten. ist eine einzige Lösung der vollen inhomogenen DGL, eine erzwungene Antwort auf den Antrieb . Zusammen decken sie alle Lösungen ab.
Warum stimmt das? Wende auf die Summe an und nutze die Linearität aus 1.3: . Die Summe löst also die inhomogene DGL. Umgekehrt: ist irgendeine Lösung, so erfüllt wegen die homogene DGL, steckt also schon in . Mehr Lösungen als gibt es darum nicht.
Ein konkretes Beispiel: . Homogener Teil: hat das Fundamentalsystem , also (zwei Konstanten, Ordnung 2). Partikulärer Teil: rate , Probe ✓.
Zusammensetzen: . Die zwei Rollen trennen sich sauber: die Sinus-Kosinus-Wolke ist das Eigenverhalten, der lineare Term die erzwungene Antwort auf .
Warum reicht eine partikuläre Lösung, obwohl es unendlich viele gibt? Tatsächlich ist alles andere als eindeutig: addierst du zu einer partikulären Lösung irgendeine homogene Lösung, bekommst du wieder eine partikuläre Lösung. Es gibt also unendlich viele Kandidaten für .
Das Argument: seien und zwei partikuläre Lösungen. Dann ist , ihre Differenz also eine homogene Lösung.
Zwei partikuläre Lösungen unterscheiden sich somit nur um eine homogene, und die steckt in ohnehin schon. Egal also, welche du erwischst, die allgemeine Lösung ist immer dieselbe.
Wenn ein Polynom, ein Exponential oder Sinus und Kosinus ist, hat meistens dieselbe Form. Welche genau?
Die Idee ist die aus VII.5: rate die Form der partikulären Lösung vom Typ der rechten Seite, setze sie mit unbekannten Koeffizienten an, setze ein und bestimme sie durch Vergleich.
Bild dazu: das ist wie ein Wachstums-Test. Sieht der Samen polynomial aus, sollte auch die ausgewachsene Pflanze polynomial sein. Sieht wie ein Exponential aus, ist auch ein Exponential. Die drei Grundtypen:
Warum funktioniert das? Ableiten führt ein Polynom wieder in ein Polynom über, ein Exponential in dasselbe Exponential, und Sinus und Kosinus ineinander. Diese Funktionstypen sind unter Ableiten abgeschlossen. Setzt du den passenden Ansatz in ein, bleibt der Typ erhalten, und ein Koeffizientenvergleich liefert die Unbekannten über ein kleines lineares Gleichungssystem. Die ganze Tabelle der Standardansätze steht in 4.3.
Was passiert, wenn dein Ansatz schon zur homogenen Lösung gehört? Dann liefert die DGL null zurück und der Ansatz scheitert. Steckt deine geratene Form nämlich bereits im Fundamentalsystem, so gilt . Das kann niemals gleich einem Störglied sein, der Ansatz kollabiert.
Genau dieser Fall ist das Standard-Beispiel der Vorlesung: bei ist der naheliegende Ansatz selbst schon homogene Lösung, löst also und kann damit unmöglich auch erfüllen.
Der Vorlesungsweg in diesem Fall: Variation der Konstanten (§5). Die Vorlesung bricht hier den geschickten Ansatz ab und löst die Resonanz konsequent über die Variation der Konstanten. Für liefert sie die partikuläre Lösung
In Worten: trifft die Anregung die Eigenfrequenz, wächst die Amplitude linear in an. Dieser anschwellende Faktor fällt automatisch aus der Variation der Konstanten heraus, du musst ihn nicht raten.
Welcher Ansatz gehört zu welchem Störglied? Die komplette Übersicht in einem Spickzettel: welches ergibt welchen Ansatz, mit welchem Resonanz-Faktor. Lern diese Tabelle, sie deckt fast jedes Klausur-Störglied ab.
| Störglied | Standard-Ansatz | bei Resonanz |
|---|---|---|
| Polynom vom Grad | ||
| Produkt oder Summe der obigen | gleiches Produkt bzw. gleiche Summe |
Die Spalte bei Resonanz ist die Lehrbuch-Abkürzung aus 4.2: tritt der Standard-Ansatz schon im Fundamentalsystem auf, multiplizierst du ihn mit ( = Vielfachheit der Nullstelle), ohne Resonanz lässt du den Faktor weg (). An der Prüfung wird im Resonanzfall die volle Herleitung über die Variation der Konstanten (§5) erwartet, so wie es die Vorlesung vormacht.
Wie überträgt sich die Variation der Konstanten aus VII.5 auf -te Ordnung? Statt einer Konstante atmen jetzt Konstanten gleichzeitig.
In VII.5 wurde die eine Konstante zur Funktion ; bei Bausteinen machst du es mit allen zugleich. Für 2. Ordnung mit Fundamentalsystem lautet der Ansatz
Das kleine Problem dabei: du hast unbekannte Funktionen , aber nur eine Gleichung (die DGL selbst). Das ist unterbestimmt. Darum darfst du dir zusätzliche Hilfsbedingungen frei aussuchen, um das System eindeutig zu machen. Geschickt gewählt vereinfachen sie die Rechnung enorm. Für 2. Ordnung sieht das so aus:
Das ist ein lineares -System für die beiden Unbekannten und . Die Vorlesung löst es durch direktes Einsetzen (eine Gleichung nach einer Unbekannten auflösen, in die andere einsetzen). Gleichwertig und etwas schneller geht es mit der Cramerschen Regel, die wir hier als Abkürzung benutzen:
Wenn der Ansatz nicht funktioniert (das Störglied ist kein Polynom, Exponential oder Sinus und Kosinus), greifst du zur Variation der Konstanten. Wann genau lohnt sich der Aufwand? Der grosse Vorteil der Methode: sie ist universell. Sie funktioniert für jedes beliebige Störglied , solange du die auftretenden Integrale lösen kannst.
Die Entscheidungsregel: ist ein Polynom, ein Exponential, harmonisch oder ein Produkt davon, nimm den geschickten Ansatz aus §4, er ist schneller. Ist etwas anderes (etwa , , oder ), dann führt nur die Variation der Konstanten zum Ziel.
Der Preis: du musst Integrale wie lösen, und die können hässlich werden, manchmal sogar nicht-elementar. Der Kompromiss: universell, aber potenziell rechenintensiv.
Was, wenn die Lösung kein elementares Funktions-Symbol hat? Manche DGLs haben keine Lösung aus bekannten Bausteinen (Polynome, , , , , Wurzeln), und trotzdem existiert eine.
Wir raten: lässt sich um den Nullpunkt als Potenzreihe schreiben, und die DGL bestimmt die Koeffizienten.
Die Vorlesung führt das am Beispiel vor; der Koeffizientenvergleich liefert dort die Rekursion , etwa . Die Figur unten nutzt die bekannteren Beispiele (Lösung ) und die Airy-Gleichung , die denselben Mechanismus zeigen.
Bild dazu: denk an Lego. ist ein unendlich langes Polynom, und die DGL diktiert Stein für Stein, welcher Koeffizient an welche Stelle passt. Du legst keinen Stein willkürlich, die Gleichung schreibt jeden einzelnen vor.
Der Plan: setze die Reihe und ihre Ableitungen in die DGL ein, vergleiche die Koeffizienten gleicher Potenzen, und gewinne so Bestimmungsgleichungen für die (§6.2).
Was passiert, wenn wir die Potenzreihe in die DGL einsetzen und Koeffizienten gleicher Potenzen vergleichen? Es entsteht eine Rekursion für die . Zuerst brauchen wir die Ableitungen der Reihe, gliedweise differenziert mit verschobenem Index:
Der Kern der Methode ist der Koeffizientenvergleich: zwei Potenzreihen sind genau dann gleich, wenn alle ihre Koeffizienten übereinstimmen. Setzt du die Reihe in die DGL ein und bringst alles auf die Form einer einzigen Potenzreihe gleich null, muss jeder Koeffizient für sich verschwinden:
Jedes verknüpft einige der . Aufgelöst nach dem höchsten beteiligten Koeffizienten entsteht eine Rekursion: spätere Koeffizienten aus früheren.
Die ersten Koeffizienten bleiben frei, und zwar genau Stück, dieselben Freiheitsgrade wie das Fundamentalsystem aus §2.
Wie weit konvergiert die Reihe? Gibt es einen Garantie-Satz für lineare DGLs? Eine Potenzreihe ist nur innerhalb ihres Konvergenzradius eine sinnvolle Funktion. Die berechtigte Sorge: vielleicht ist die hingeschriebene Lösungsreihe nur ein formales Gebilde, das nirgends konvergiert. Der Konvergenzsatz nimmt diese Sorge weg.
Der Konvergenzsatz, anschaulich: sind alle Koeffizienten und das Störglied um brave Potenzreihen (analytisch), dann ist auch jede Lösung um eine konvergente Potenzreihe.
Du musst also keine Angst haben, dass die Reihe auseinanderfliegt: solange die DGL-Koeffizienten brav sind, ist auch die Lösung brav.
Wie weit reicht die Garantie? Der Konvergenzradius der Lösung ist mindestens so gross wie der kleinste Konvergenzradius unter den und . Anders gesagt: die Lösung konvergiert mindestens so weit, bis die erste Koeffizientenfunktion Ärger macht.
Was liefert der Potenzreihenansatz an konkreten Funktionen? Zwei klassische Beispiele zum Mitrechnen: die Exponentialfunktion fällt aus heraus, die Airy-Funktion ist neu und nicht elementar darstellbar.
Erstes Beispiel: mit . Das ist das Wachstumsmodell aus VII.2. Mit dem Ansatz und der Ableitung aus 6.2 wird zu . Aufgelöst:
Zweites Beispiel: die Airy-Gleichung . Diese DGL hat keine elementare Lösung. Mit liefert und (für ). Der Koeffizientenvergleich gibt:
Die beiden freien Koeffizienten und sind genau die zwei Parameter, die man bei einer DGL 2. Ordnung erwartet (die Freiheitsgrade aus §2).
Die ersten Koeffizienten lauten , , , , . Sortiert nach und ergeben sich zwei Reihen:
Bei welchen DGLs greifst du zum Potenzreihenansatz? Die Faustregel: der Ansatz lohnt sich, wenn die Koeffizientenfunktionen variabel sind (also wirklich von abhängen, wie bei Airy mit ) und keine elementare Lösung in Sicht ist.
Der wichtige Gegenfall: sind die Koeffizienten konstant, brauchst du keine Potenzreihen. Dann gibt es das charakteristische Polynom und handfeste elementare Lösungen (, , ). Dieser Spezialfall ist so zentral, dass er ein eigenes Kapitel bekommt, VII.10.
Voraussetzung nicht vergessen: der Konvergenzsatz aus 6.3 verlangt analytische Koeffizienten, bei polynomialen (wie Airy) automatisch erfüllt.
Genau aus solchen DGLs mit variablen Koeffizienten entstehen die speziellen Funktionen der Physik: neben Airy auch Bessel, Legendre und Hermite.
Übungsaufgaben werden in Kürze ergänzt.
Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.