Was unterscheidet eine DGL zweiter Ordnung von einer erster Ordnung, und warum brauchen wir überhaupt höhere Ableitungen? In Kapitel VII.3 kam in jeder Gleichung nur die erste Ableitung vor. Jetzt lassen wir auch , und noch höhere Ableitungen zu.
Die Ordnung einer Differentialgleichung ist einfach die höchste Ableitung, die in ihr auftaucht. Kommt ein vor, aber kein , ist die DGL von zweiter Ordnung. Eine DGL höherer Ordnung ist nichts anderes als eine Differentialgleichung, in der Ableitungen ab der zweiten vorkommen.
Meistens schreiben wir eine DGL -ter Ordnung so, dass die höchste Ableitung allein auf einer Seite steht und alles andere auf der anderen:
In Worten: die höchste Ableitung wird durch die niedrigeren bestimmt. Kennst du an einer Stelle den Wert von und aller Ableitungen bis , sagt dir , wie gross die nächste Ableitung ist. Genau deshalb stellt man die höchste Ableitung allein hin: die Form sagt direkt, wie es weitergeht.
Wann brauchst du das? Überall, wo eine Beschleunigung im Spiel ist: Federn, Pendel, Schwingkreise, Planetenbahnen. Newton liefert fast immer eine zweite Ableitung, also fast immer eine DGL zweiter Ordnung. Höhere Ordnungen sind kein Selbstzweck, sie tauchen auf, sobald die Natur es verlangt.
Schau auf vier konkrete Differentialgleichungen und zähl die Striche an : das ist die Ordnung. Mehr steckt zunächst nicht dahinter.
Die Physik schreibt zweite Zeitableitungen gern mit zwei Punkten über der Variablen: . Das ist nur eine andere Schreibweise für dieselbe zweite Ableitung. Newtons Bewegungsgleichung ist deshalb ebenfalls von zweiter Ordnung.
| Differentialgleichung | Ordnung |
|---|---|
| 1 | |
| 2 | |
| 2 | |
| 3 | |
| 4 |
Wann ist es einfach? Wenn die rechte Seite gar nicht von und seinen Ableitungen abhängt, sondern nur von , lässt sich die DGL durch reines Integrieren lösen. Genau das passiert gleich in §2 mit .
Müssen wir für jede Ordnung eine neue Theorie bauen? Nein. Jede DGL -ter Ordnung lässt sich als System aus Differentialgleichungen erster Ordnung umschreiben. Das ist der Grund, warum die schwere Theorie eigentlich nur einmal, für erste Ordnung, bewiesen werden muss.
Der Trick ist simpel: gib jeder Ableitung einen eigenen Namen. Setze , , , und so weiter bis . Dann ist die Ableitung von gerade , die von gerade , und die letzte Gleichung kommt direkt aus der ursprünglichen DGL.
In Worten: eine schwierige Gleichung mit hohen Ableitungen wird gegen harmlose mit nur ersten Ableitungen getauscht. Details und ein durchgerechnetes Beispiel in Kapitel VII.12.
Bei erster Ordnung kam genau eine freie Konstante heraus. Wie viele sind es bei -ter Ordnung, und warum genau ?
Die Antwort steckt im Integrieren: jedes Rückgängigmachen einer Ableitung wirft eine Integrationskonstante ab. Eine DGL -ter Ordnung musst du salopp -mal integrieren, um von zurück zu zu kommen, und sammelst dabei Konstanten .
Die allgemeine Lösung hängt deshalb von frei wählbaren Konstanten ab.
Diese Familie heisst n-parametrige Kurvenschar: freie Konstanten, also Stellschrauben. Zwei bei zweiter Ordnung, drei bei dritter, bei -ter Ordnung. Ab jetzt nennen wir sie kurz „die Schar“.
Lass uns die einfachst-mögliche DGL zweiter Ordnung lösen und sehen, wie zwei Konstanten von ganz allein erscheinen. Wir nehmen : die zweite Ableitung ist überall null.
Integrierst du einmal, bekommst du , eine konstante Steigung. Integrierst du noch einmal, steht da . Da sind die beiden Konstanten, eine pro Integration.
Mach die Probe: aus folgt und . Die DGL ist erfüllt, egal welche Werte und haben. Genau das meint die zweiparametrige Schar: zwei Konstanten, beide frei.
Etwas allgemeiner, das Beispiel aus der Vorlesung. Statt nimm mit einer Konstanten . Zweimal integrieren gibt und , eine zweiparametrige Schar von Parabeln (für ). Der Fall ist davon der Spezialfall , bei dem die Parabeln zu Geraden entarten.
Was bedeutet eine zweiparametrige Schar geometrisch? Stell dir alle möglichen Lösungskurven gleichzeitig im Plot vor, als eine ganze Familie. Bei ist das die Menge aller Geraden der Ebene: ist die Steigung, verschiebt nach oben oder unten.
Zwei Konstanten heissen zwei unabhängige Stellschrauben. Mit der einen kippst du die Gerade, mit der anderen schiebst du sie. Jede Kombination liefert eine andere Kurve aus der Schar.
Warum diese Form, nicht eine andere? Man könnte die Geraden auch über zwei Punkte beschreiben. Die Form ist aber die natürliche: sie fällt direkt aus den zwei Integrationen heraus und trennt Steigung und Verschiebung sauber voneinander.
Eine einzige Konstante festzulegen brauchte einen Anfangswert; zwei Konstanten brauchen zwei Bedingungen. Wie sehen die aus?
Bei einer DGL -ter Ordnung gibt man und seine ersten Ableitungen an einer Stelle vor.
Ein Anfangswertproblem (kurz AWP) ist die DGL zusammen mit diesen Anfangsbedingungen, alle an demselben Punkt :
In Worten: bei erster Ordnung reichte ein Startwert. Jede zusätzliche Ordnung verlangt einen weiteren: nicht nur, wo du startest, sondern auch wie schnell sich dort ändert, wie stark sich die Änderung selbst ändert, und so weiter.
Warum genau Bedingungen? Weil die Schar freie Konstanten hat. Jede Bedingung liefert eine Gleichung, und Gleichungen reichen gerade, um Unbekannte festzunageln. Mehr wären überbestimmt, weniger liessen Konstanten offen.
Reichen die Bedingungen wirklich, um die Konstanten eindeutig festzulegen? Ja, sofern das zugehörige Gleichungssystem eindeutig lösbar ist.
Der Weg ist mechanisch: setze die allgemeine Lösung und ihre Ableitungen am Punkt ein.
Jede Anfangsbedingung wird so zu einer Gleichung in den Unbekannten . Du erhältst Gleichungen für Unbekannte, ein lineares Gleichungssystem. Hat es genau eine Lösung, sind die Konstanten eindeutig bestimmt und damit die ganze Lösungskurve.
Schau es dir an der Geradenschar an, mit den Bedingungen und . Einsetzen gibt und . Beide Konstanten fallen sofort heraus, und die eine passende Kurve steht fest:
Wann hat ein Anfangswertproblem überhaupt eine Lösung, und wann ist sie eindeutig?
Diese Frage beantwortet der Existenz- und Eindeutigkeitssatz. Er knüpft an Bedingungen an die rechte Seite der DGL.
Anschaulich: wenn sauber genug ist, klappt alles. Sauber genug heisst zweierlei. Erstens muss stetig sein, also keine Sprünge machen.
Zweitens darf in den -Variablen nicht zu wild sein; technisch eine Lipschitz-Bedingung: ändert sich nicht beliebig schnell, wenn man oder eine Ableitung ein wenig variiert.
Kurz: ohne Sprünge und ohne explosionsartige Reaktion auf kleine -Änderungen. Das genügt, damit sich das AWP brav verhält, und fast alle DGL aus der Vorlesung erfüllen es.
Achtung: der Satz garantiert keine Lösung für alle , sondern nur in einem kleinen Stück um . Was heisst das konkret? Es gibt ein Intervall um den Startpunkt , auf dem genau eine Lösung existiert. Wie gross dieses Intervall ist, sagt der Satz nicht, und über seinen Rand hinaus gibt er keine Garantie.
Wie beim Wetter: die Vorhersage für morgen ist verlässlich, die für in 14 Tagen nicht. Der Existenzsatz garantiert die nähere Umgebung von , nicht den fernen Verlauf.
Genauer ausgearbeitet, mit dem Satz von Picard und Lindelöf, findest du diese Garantie für erste Ordnung in Kapitel VII.3. Über die Reduktion aus §1.3 überträgt sie sich auf jede höhere Ordnung.
Das ist die wichtigste DGL zweiter Ordnung der ganzen Physik. Stell dir eine Masse an einer Feder vor, ohne Reibung, einmal angestossen. Wie bewegt sie sich? Sie schwingt hin und her, immer gleich, und hört nie auf.
Die Physik dahinter ist das Hooke-Gesetz: eine ausgelenkte Feder zieht mit einer Kraft proportional zur Auslenkung zurück, .
Newtons wird damit . Teilst du durch und setzt , steht die berühmte Gleichung da:
In Worten: die Beschleunigung ist immer entgegengesetzt zur Auslenkung und proportional zu ihr. Je weiter aussen, desto stärker zieht es zurück zur Mitte. Diese Rückstellkraft ist der Motor jeder Schwingung.
Welche zwei Funktionen ergeben zweimal abgeleitet ein Minus-ihrer-selbst, erfüllen also ?
Genau Sinus und Kosinus: leitest du zweimal ab, kommt heraus. Wir raten die Lösung und prüfen durch Einsetzen.
Die allgemeine Lösung ist die Kombination aus beiden, mit zwei freien Konstanten und , wie es die zweite Ordnung verlangt:
Mach die Probe: aus folgt . Eingesetzt ergibt das , die DGL ist erfüllt, für jedes und jedes .
Dieselbe Schwingung lässt sich auch als eine einzige verschobene Kosinuswelle schreiben. Diese Form macht Amplitude und Phase direkt sichtbar:
| Darstellung | Bedeutung der Parameter | Wofür praktisch |
|---|---|---|
| , : Gewichte von Kosinus und Sinus | leicht aus den Anfangsbedingungen abzulesen | |
| : Amplitude, : Phase | Amplitude und Verschiebung direkt sichtbar |
Wir starten die Feder bei Auslenkung und Anfangsgeschwindigkeit . Wie liest man und daraus ab? Setze in die Lösung und in ihre Ableitung ein.
Bei ist , , also .
Die Geschwindigkeit gibt bei gerade , also .
In Worten: die Anfangsauslenkung wird im Kosinus-Teil, die Anfangsgeschwindigkeit im Sinus-Teil. Damit ist aus der Schar genau die Schwingung gewählt, die zu deinem Start passt.
Die Schwingungsdauer ist , die Frequenz . Beide hängen nur an , nicht an den Anfangsbedingungen: anstossen ändert wie weit die Feder ausschlägt, nicht wie schnell sie schwingt.
Ein zweites physikalisches Modell zeigt, wie direkt eine DGL 2. Ordnung aus der Mechanik kommt: die Durchbiegung eines Balkens. Stell dir einen waagrechten Balken der Länge vor, links bei fest eingespannt, am freien rechten Ende mit einer Last nach unten belastet. Gesucht ist die Biegelinie , also wie weit der Balken an jeder Stelle durchhängt.
An der Stelle wirkt das Biegemoment : die Last am Hebelarm biegt den Balken. Die Balkentheorie verknüpft Moment und Krümmung über , wobei die Biegesteifigkeit ist (Elastizitätsmodul mal Flächenträgheitsmoment des Querschnitts).
Zweimal integrieren und beide Konstanten aus den Anfangsbedingungen bestimmen ( und setzen sie beide auf null) liefert die Biegelinie in geschlossener Form.
Eine Kurvenschar mit Konstanten erfüllt welche DGL? Bisher gingen wir von der DGL zur Schar.
Jetzt drehen wir die Richtung um: gegeben die Schar, gesucht die DGL, die jede einzelne Kurve erfüllt.
Die Idee: leite mal ab und eliminiere dabei die Konstanten. Jedes Ableiten liefert eine neue Gleichung, und mit genug Gleichungen kannst du die Konstanten herausrechnen, bis nur noch und seine Ableitungen übrig bleiben.
In Worten: aus einer Schar willst du die eine DGL finden, die alle Kurven erfüllen. Um Konstanten loszuwerden, brauchst du zusätzliche Gleichungen, also -maliges Ableiten.
Lass uns das konkret machen. Welche DGL erfüllt jede beliebige Gerade? Und welche jede beliebige Parabel? Wir wenden das Rezept auf drei vertraute Scharen an.
Geradenschar , zwei Konstanten. Einmal ableiten gibt , noch einmal . Die zweite Ableitung enthält keine Konstante mehr: die DGL der Geradenschar ist . Genau die Schar aus §2, jetzt von hinten gelesen.
Parabelschar , drei Konstanten. Ableiten: , dann , dann .
Drei Konstanten, dritte Ordnung: die DGL ist .
Gemischte Exponentialschar , zwei Konstanten. Hier wird die zweite Ableitung interessant: und .
Die DGL ist also , ganz ohne übrig bleibende Konstante.
Übungsaufgaben werden in Kürze ergänzt.
Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.