Stell dir eine Wanderkarte vor: alle Linien gleicher Höhe heissen Niveaulinien. Wie schreiben wir eine ganze Schar davon mathematisch hin?
Aus Kap. VI.1 kennen wir das Setup. Eine skalare Funktion ordnet jedem Punkt der Ebene eine Höhe zu, im Geist eines Höhenfeldes. Wenn wir die Höhe auf einen festen Wert einfrieren, bleibt eine Kurve in der Ebene übrig, die Niveaulinie zum Niveau . Lassen wir alle reellen Werte durchlaufen, entsteht eine ganze einparametrige Kurvenschar; das ist genau die Familie aller Höhenlinien auf der Wanderkarte.
Notations-Konvention: das Skalarfeld heisst , gleiche Bezeichnung wie in der Vorlesung. Du kannst dir als Potential (Höhenfeld) vorstellen, eine skalare Funktion von zwei Variablen. Der Parameter heisst Scharparameter oder Niveau und pickt eine konkrete Höhenlinie aus der Familie.
Brücke zu VII.3. Dort haben wir mit ebenen Vektorfeldern und ihren Feldlinien gearbeitet (vgl. VII.3 §5.1, reguläre Kurvenschar). Jetzt nähern wir dieselbe Geometrie aus der anderen Richtung: statt eines Vektorfeldes geben wir uns ein Potential vor und betrachten dessen Niveaulinien. In §4 schliesst sich der Kreis, denn die Feldlinien des Gradienten stehen senkrecht auf den Niveaulinien.
Wenn die Schar als gegeben ist, wie kommen wir an die DGL, der ihre Tangenten gehorchen?
Idee: jede Niveaulinie ist lokal der Graph einer Funktion , solange sie keine vertikale Tangente hat. Eingesetzt in die Schar-Gleichung entsteht die Identität , gültig für jedes entlang der Linie.
Beide Seiten nach ableiten mit der verallgemeinerten Kettenregel (Kap. IV): rechts (konstant), links . Zusammen .
Notations-Anker: steht für , für , beides Standard aus Kap. IV (partielle Ableitungen). Sie sind selbst wieder Funktionen von .
Solange können wir nach auflösen und erhalten die explizite Standardform aus VII.3 §1.1: . Diese DGL ist genau die DGL der Schar; die allgemeine Lösung ist die Niveaulinien-Schar, mit der wir gestartet sind.
Wie sieht die DGL zu einer konkret gegebenen Niveaulinien-Schar aus? Zwei klassische Scharen, zwei DGLs als Aufwärmrunde für exakte DGL und Orthogonaltrajektorien.
Konzentrische Kreise. Wähle das Potential . Die Niveaulinien zum Wert sind Kreise um den Ursprung mit Radius . Partielle Ableitungen: , . Einsetzen in die Standardform gibt , gültig für . Wie erwartet wird die Steigung der Tangente steiler, je näher man der -Achse kommt (dort vertikale Tangenten), und sie verschwindet, wo die Niveaulinie die -Achse schneidet ().
Hyperbeln. Wähle . Die Niveaulinien sind Hyperbeln mit Asymptoten und Achse je nach Vorzeichen von . Partielle Ableitungen: , . Einsetzen liefert , gültig für . Auf der Asymptotik ist die Steigung ; auf der -Achse () ist sie null, was zu den horizontalen Scheiteln der Hyperbel-Äste passt.
Plausibilitäts-Check. Nimm eine konkrete Linie der Schar, parametrisiere sie und prüfe die DGL nach. Für den Einheitskreis , ist , passt. So fängst du Vorzeichenfehler in der Ableitung ab, ohne die ganze Theorie zu re-rechnen.
Wann ist eine DGL der Form exakt? Die Antwort liegt in einem versteckten Potential, das wir gleich freilegen.
Wir kehren die Frage aus §1.2 um. Dort war die Schar (das Potential ) gegeben und die DGL die Antwort; jetzt ist umgekehrt die DGL gegeben, in der Form mit zwei Funktionen .
Die Frage: existiert ein Potential mit und ? Wenn ja, ist die DGL die Niveaulinien-DGL aus §1.2 und ihre Lösung die Schar .
Notations-Anker. und sind hier lokal eingeführte Namen für die zwei Funktionen, die in der DGL auftauchen; sie haben nichts mit „Masse“ oder „Newton“ zu tun. Die Vorlesung schreibt dieselbe DGL als , also statt und statt ; wir bleiben beim weit verbreiteten . Manche Texte schreiben die DGL ausserdem als (Differential-Form, äquivalent zu nach formaler Multiplikation mit ). Alle drei Schreibweisen meinen dasselbe.
Sprachregelung. Exakt ist ein terminus technicus und meint nicht „präzise gerechnet“, sondern: die DGL ist das Total-Differential eines Potentials, trägt also ein verstecktes . Genau deshalb lohnt das Verfahren: viele kompliziert aussehende DGLs lassen sich als exakt entlarven und über ihre Stammfunktion knacken.
Wie merkst du einer DGL ohne grosse Rechnung an, ob sie exakt ist?
Begründung über den Satz von Schwarz. Existiert ein (zweimal stetig differenzierbares) mit und , dann sind die gemischten zweiten Ableitungen vertauschbar: (Satz von Schwarz, Kap. IV).
Einsetzen: und , also . Das ist die Integrabilitätsbedingung.
Notations-Hinweis. Die Bedingung hat zwei Namen: Integrabilitätsbedingung (sie garantiert eine Stammfunktion für ) und Schwarz-Bedingung (nach dem Satz zur Vertauschbarkeit der gemischten Ableitungen). Beide meinen dasselbe.
Notwendig versus hinreichend. Aus „exakt“ folgt (notwendig). Auf einem einfach-zusammenhängenden Gebiet (ganze Ebene, Rechteck, Kreisinneres ohne Löcher) ist die Bedingung auch hinreichend: gilt , lässt sich tatsächlich konstruieren.
Für die Klausur und alle Standard-Gebiete reicht also der Test , um exakt zu erkennen und mit §2.3 weiterzumachen.
Wenn die DGL exakt ist, wie bekommt man die Stammfunktion und damit die Lösung in der Hand?
Anschauliches Bild zuerst. Eine exakte DGL trägt eine versteckte Höhenlandschaft ; und sind ihre lokalen Steigungen in - und -Richtung. Aus diesen rekonstruieren wir die Landschaft: in einer Richtung integrieren, mit der anderen korrigieren. Die Lösungskurven sind die Höhenlinien .
Der Algorithmus hat drei Phasen.
Erstens: integriere nach (mit als Parameter). Als Integrationskonstante kommt eine beliebige Funktion dazu, denn jeder reine -Term fällt beim Ableiten nach weg.
Zweitens: leite das Ergebnis nach ab und setze gleich ; das gibt eine Gleichung für .
Drittens: integriere nach und setze ein. Die allgemeine Lösung ist implizit .
Plausibilitäts-Probe am Ende. Sobald du aufgeschrieben hast, prüfe nochmal: und . Wenn beide stimmen, ist alles richtig; wenn nicht, sitzt ein Algebra-Fehler in der -Bestimmung. Diese Probe ist Pflicht, weil die Konstruktion mehrere Zwischenschritte hat, an denen ein Vorzeichen oder ein Faktor schiefgehen kann.
| Schritt | Formel | Hinweis |
|---|---|---|
| 1. Integration in | als Konstante behandeln; als unbestimmte -Konstante. | |
| 2. Vergleich mit | Erst nach ableiten, dann isolieren; alle -Terme heben sich heraus. | |
| 3. Integration in | Liefert bis auf eine echte Konstante; einsetzen in Phase 1 schliesst ab. |
Mach den ganzen Ablauf am Beispiel aus der Vorlesung mit: , also und . Erst der Exakt-Test aus §2.2: und , beide gleich, die DGL ist exakt. Es gibt also ein Potential .
Phase 1: integriere nach ( konstant): , wobei die reinen -Terme trägt.
Phase 2: leite nach ab und setze gleich : , die -Terme heben sich weg, also .
Phase 3: integriere zu und setze zusammen.
Mit Anfangsbedingung. Sucht man die Lösungskurve durch den Punkt , so legt das den Scharparameter fest. Einsetzen von , in gibt . Die spezielle Lösung lautet damit .
Was bedeutet „Orthogonaltrajektorien“ anschaulich? Bild aus der Physik: das E-Feld steht senkrecht auf jeder Äquipotentialfläche.
Definition (anschaulich). Gegeben eine Kurvenschar in der Ebene. Eine Orthogonaltrajektorie ist eine Kurve, die jede Kurve der gegebenen Schar im rechten Winkel schneidet. Die Familie aller solchen Kurven bildet selbst wieder eine Schar, die Schar der Orthogonaltrajektorien. Die beiden Scharen stehen damit überall paarweise senkrecht aufeinander; man sagt, sie bilden ein orthogonales Kurvensystem.
Anschauliche Bilder. An einer Hügelflanke laufen die Höhenlinien waagrecht, der Bach läuft senkrecht dazu hinunter: der Bach ist eine Orthogonaltrajektorie zur Schar der Höhenlinien.
Genauso im E-Feld: Äquipotentialflächen und Feldlinien stehen orthogonal aufeinander. Im Magnetfeld eines Drahtes stehen die kreisförmigen Feldlinien senkrecht auf den radialen Strahlen.
Anwendungsbereich. Sobald ein physikalisches Problem eine interessante Kurvenschar liefert, steht die orthogonale Schar fast automatisch daneben: Potential und Feldlinien in der Elektrostatik, Strom- und Äquipotentiallinien in der Strömung, Höhen- und Falllinien in der Kartographie, Isothermen und Wärmestromlinien. Überall liefert das Rezept aus §3.2 die DGL der orthogonalen Schar.
Wie kommt man von der DGL einer Schar zur DGL der Orthogonaltrajektorien? Das Rezept ist verblüffend einfach.
Ausgangspunkt. Sei die DGL einer regulären Kurvenschar (VII.3 §5.1: durch jeden Punkt genau eine Kurve). An hat die Kurve die Steigung .
Die orthogonale Tangente dort hat Steigung , denn für senkrechte Geraden ist das Steigungs-Produkt (Schul-Geometrie).
Notations-Anker. ist hier eine Funktion zweier Variablen, also , wie in der Standardform aus VII.3 §1.1. Achtung: in der homogenen Substitution aus VII.4 §4.2 stand derselbe Buchstabe für eine Funktion einer Variablen . Gleicher Buchstabe, andere Stelligkeit; hier durchgehend zweistellig.
Folgerung. Die orthogonalen Tangenten haben überall die Steigung . Die Schar dieser orthogonalen Tangenten ist also die allgemeine Lösung der DGL . Damit ist das Rezept ausgesprochen: ersetze in der ursprünglichen DGL durch , und du hast die DGL der Orthogonaltrajektorien.
Geometrische Beweis-Skizze. Die Tangentenrichtung der Schar ist , der dazu senkrechte Vektor (Skalarprodukt ). Dessen Steigung ist , die DGL der orthogonalen Schar.
Liefert das Rezept beim Lehrbuchbeispiel das erwartete Resultat? Konzentrische Kreise und ihre Radien sind der Klassiker für ein orthogonales Kurvensystem. Schauen wir nach.
Ausgangs-Schar. Konzentrische Kreise , also Niveaulinien des Potentials . Die DGL der Schar ist aus §1.3 und VII.3 §5.3 bekannt: , also , gültig für .
Anwenden des Orthogonal-Rezepts. Ersetze durch : aus wird . Die DGL der Orthogonaltrajektorien ist also , gültig für .
Lösen der neuen DGL. ist separierbar (VII.4 §2.1): , integriert , also .
Das gibt mit freier Steigung , genau die Geradenschar durch den Ursprung.
Anschauliches Bild. Stell dir eine Zielscheibe mit Pfeilen vor: die Kreise sind die Trefferringe, die Pfeile zeigen radial vom Mittelpunkt nach aussen. Jeder Pfeil schneidet jeden Kreis im rechten Winkel. Geometrisch ist das offensichtlich; das Rezept hat dieses geometrisch offensichtliche Resultat algebraisch reproduziert, was als Sanity-Check für das Rezept zählt.
Das Vorlesungsbeispiel: Parabelschar. Gegeben sei die Schar mit , und gesucht ihre Orthogonaltrajektorien.
Schritt 1, DGL der Schar. Ableiten nach gibt . Den Parameter eliminieren wir über aus der Schargleichung; einsetzen liefert .
Schritt 2, Orthogonal-Rezept. Ersetze durch : . Das ist die DGL der Orthogonaltrajektorien.
Schritt 3, lösen. Diese DGL ist separierbar: , also . Aufgeräumt: . Die Orthogonaltrajektorien der Parabelschar sind also Ellipsen mit Mittelpunkt im Ursprung.
Aus Kap. VI.2 kennen wir den Spruch: der Gradient steht senkrecht zur Niveaulinie. Was bedeutet das für unser DGL-Setup hier?
Wiederholung aus VI.2. Der Gradient eines Skalarfelds ist der Vektor aus den beiden partiellen Ableitungen. Er zeigt in Richtung steilsten Anstiegs, seine Länge ist die Steigung dort.
Zentrale Eigenschaft: steht in jedem Punkt senkrecht auf der Niveaulinie durch diesen Punkt.
Beweis in einer Zeile. Sei ein Tangentenvektor an die Niveaulinie . Entlang der Linie bleibt konstant, ändert sich in Tangentenrichtung also nicht: . Skalarprodukt null heisst senkrecht, also .
Brücke zurück zu §1.2. Schreib das Skalarprodukt aus: und geben . Das ist exakt die DGL der Niveaulinien aus §1.2. Damit ist die Aussage „Gradient steht senkrecht zur Niveaulinie“ und die Aussage „die Schar erfüllt die DGL “ ein und dieselbe; nur einmal in Vektor-Sprache, einmal in DGL-Sprache.
Was sind die Orthogonaltrajektorien einer Niveaulinien-Schar eigentlich aus Vektorfeld-Sicht? Genau die Feldlinien des Gradientenfeldes. Damit schliesst sich der Bogen zwischen Kap. VI Vektoranalysis und Kap. VII DGL.
Argumentationskette.
Erstens, aus §4.1: steht senkrecht auf der Niveaulinie.
Zweitens: eine Feldlinie eines Vektorfeldes ist eine Kurve, deren Tangente in jedem Punkt mit dem Vektorfeld zeigt (aus VII.3 §4 und VI.1). Die Feldlinien des Gradientenfeldes haben damit überall die Richtung von , also überall senkrecht zur Niveaulinie durch denselben Punkt.
Drittens: damit schneiden die Feldlinien jede Niveaulinie im rechten Winkel; das ist genau die Definition der Orthogonaltrajektorien aus §3.1.
Folgerung. Zur Niveaulinien-Schar bilden die Feldlinien des Gradientenfeldes die Schar der Orthogonaltrajektorien. Zwei Sichten auf dieselbe Geometrie: die Potential-Sicht ( und seine Niveaulinien) und die Feldsicht ( und seine Feldlinien). Sie ergänzen sich zu einem orthogonalen Kurvensystem.
Physik-Anwendung. In der Elektrostatik ist das elektrische Potential (Spannung), das Feld . Die Niveaulinien sind die Äquipotentialflächen, die Feldlinien von die elektrischen Feldlinien, und beide Familien stehen überall senkrecht aufeinander. Deshalb versteht man Äquipotentialflächen und Feldlinien immer als Paar.
Übungsaufgaben zu Niveaulinien-DGL, Exakt-Test mit Schwarz-Bedingung, Konstruktion der Stammfunktion und Orthogonaltrajektorien-Rezept folgen in einer Phase-2-Runde.
Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.