1DGL einer Kurvenschar

1.1 Eine Schar als Niveaulinien eines Potentials

Stell dir eine Wanderkarte vor: alle Linien gleicher Höhe heissen Niveaulinien. Wie schreiben wir eine ganze Schar davon mathematisch hin?

Aus Kap. VI.1 kennen wir das Setup. Eine skalare Funktion g:R2Rg: \mathbb{R}^2 \to \mathbb{R} ordnet jedem Punkt der Ebene eine Höhe zu, im Geist eines Höhenfeldes. Wenn wir die Höhe auf einen festen Wert CRC \in \mathbb{R} einfrieren, bleibt eine Kurve in der Ebene übrig, die Niveaulinie zum Niveau CC. Lassen wir CC alle reellen Werte durchlaufen, entsteht eine ganze einparametrige Kurvenschar; das ist genau die Familie aller Höhenlinien auf der Wanderkarte.

Notations-Konvention: das Skalarfeld heisst gg, gleiche Bezeichnung wie in der Vorlesung. Du kannst dir gg als Potential (Höhenfeld) vorstellen, eine skalare Funktion von zwei Variablen. Der Parameter CC heisst Scharparameter oder Niveau und pickt eine konkrete Höhenlinie aus der Familie.

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Schar als Niveaulinien
g(x,y)=C,CRg(x, y) = C, \quad C \in \mathbb{R}
gg ist ein Skalarfeld auf R2\mathbb{R}^2 (das „Potential“). Für jeden festen Wert CC ist die Lösungsmenge eine Niveaulinie, also eine Kurve in der Ebene. Die Familie aller Niveaulinien ist die Kurvenschar mit Parameter CC.

Brücke zu VII.3. Dort haben wir mit ebenen Vektorfeldern und ihren Feldlinien gearbeitet (vgl. VII.3 §5.1, reguläre Kurvenschar). Jetzt nähern wir dieselbe Geometrie aus der anderen Richtung: statt eines Vektorfeldes geben wir uns ein Potential gg vor und betrachten dessen Niveaulinien. In §4 schliesst sich der Kreis, denn die Feldlinien des Gradienten (g)\vec{\nabla} (g) stehen senkrecht auf den Niveaulinien.

Notation gg, CC
g:R2Rg: \mathbb{R}^2 \to \mathbb{R} ist das Potential (Skalarfeld). CRC \in \mathbb{R} ist der Scharparameter (Niveau). Gleiche Bezeichnung gg wie in der Vorlesung.
Definition Niveaulinie
Zur Funktion gg und zum Wert CC die Lösungsmenge {(x,y):g(x,y)=C}\{(x, y) : g(x, y) = C\} in der Ebene. Eine Schar von Niveaulinien parametrisiert man durch CC.

1.2 Wie eine Schar ihre DGL erzeugt

Wenn die Schar als g(x,y)=Cg(x, y) = C gegeben ist, wie kommen wir an die DGL, der ihre Tangenten gehorchen?

Idee: jede Niveaulinie ist lokal der Graph einer Funktion y=y(x)y = y(x), solange sie keine vertikale Tangente hat. Eingesetzt in die Schar-Gleichung entsteht die Identität g(x,y(x))=Cg(x, y(x)) = C, gültig für jedes xx entlang der Linie.

Beide Seiten nach xx ableiten mit der verallgemeinerten Kettenregel (Kap. IV): rechts 00 (konstant), links gx+gyyg_x + g_y \cdot y'. Zusammen gx+gyy=0g_x + g_y \cdot y' = 0.

Notations-Anker: gxg_x steht für g/x\partial g / \partial x, gyg_y für g/y\partial g / \partial y, beides Standard aus Kap. IV (partielle Ableitungen). Sie sind selbst wieder Funktionen von (x,y)(x, y).

Solange gy(x,y)0g_y(x, y) \neq 0 können wir nach yy' auflösen und erhalten die explizite Standardform aus VII.3 §1.1: y=gx/gyy' = -g_x / g_y. Diese DGL ist genau die DGL der Schar; die allgemeine Lösung ist die Niveaulinien-Schar, mit der wir gestartet sind.

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Implizite Differentiation der Schar
gx(x,y)+gy(x,y)y=0g_x(x, y) + g_y(x, y) \cdot y' = 0
Folgt aus g(x,y(x))=Cg(x, y(x)) = C durch Ableiten nach xx mit der verallgemeinerten Kettenregel (Kap. IV). gxg_x und gyg_y sind die partiellen Ableitungen.
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Explizite Form (Standardform)
y=gx(x,y)gy(x,y),gy0y' = -\dfrac{g_x(x, y)}{g_y(x, y)}, \quad g_y \neq 0
Auflösen nach yy' liefert die DGL der Niveaulinien-Schar in der Standardform y=f(x,y)y' = f(x, y) aus VII.3 §1.1, hier mit f=gx/gyf = -g_x / g_y.
Notation gxg_x, gyg_y
Partielle Ableitungen aus Kap. IV: gx=g/xg_x = \partial g / \partial x und gy=g/yg_y = \partial g / \partial y, selbst wieder Funktionen von (x,y)(x, y).
Formel DGL der Niveaulinien
y=gxgyy' = -\dfrac{g_x}{g_y}
Gültig für gy0g_y \neq 0. Allgemeine Lösung ist die Schar g(x,y)=Cg(x, y) = C.

1.3 Konzentrische Kreise und Hyperbeln

x0x_0 1.40
y0y_0 0.80
Niveau C=g(x0,y0)C = g(x_0, y_0) 2.60
Steigung y=gx/gyy' = -g_x/g_y −1.75
Abb. 1: Niveaulinien g(x,y)=Cg(x, y) = C eines Potentials. Wechsle das Potential; ziehe den Punkt, die Niveaulinie durch ihn wird hervorgehoben und die DGL-Steigung y=gx/gyy' = -g_x/g_y abgelesen.

Wie sieht die DGL zu einer konkret gegebenen Niveaulinien-Schar aus? Zwei klassische Scharen, zwei DGLs als Aufwärmrunde für exakte DGL und Orthogonaltrajektorien.

Konzentrische Kreise. Wähle das Potential g(x,y)=x2+y2g(x, y) = x^2 + y^2. Die Niveaulinien zum Wert C0C \geq 0 sind Kreise um den Ursprung mit Radius C\sqrt{C}. Partielle Ableitungen: gx=2xg_x = 2x, gy=2yg_y = 2y. Einsetzen in die Standardform gibt y=2x/(2y)=x/yy' = -2x/(2y) = -x/y, gültig für y0y \neq 0. Wie erwartet wird die Steigung der Tangente steiler, je näher man der xx-Achse kommt (dort vertikale Tangenten), und sie verschwindet, wo die Niveaulinie die yy-Achse schneidet (x=0x = 0).

Hyperbeln. Wähle g(x,y)=x2y2g(x, y) = x^2 - y^2. Die Niveaulinien sind Hyperbeln mit Asymptoten y=±xy = \pm x und Achse je nach Vorzeichen von CC. Partielle Ableitungen: gx=2xg_x = 2x, gy=2yg_y = -2y. Einsetzen liefert y=2x/(2y)=x/yy' = -2x/(-2y) = x/y, gültig für y0y \neq 0. Auf der Asymptotik y=±xy = \pm x ist die Steigung ±1\pm 1; auf der yy-Achse (x=0x = 0) ist sie null, was zu den horizontalen Scheiteln der Hyperbel-Äste passt.

Plausibilitäts-Check. Nimm eine konkrete Linie der Schar, parametrisiere sie und prüfe die DGL nach. Für den Einheitskreis x=cos(t)x = \cos(t), y=sin(t)y = \sin(t) ist y=y˙/x˙=cos(t)/(sin(t))=x/yy' = \dot y / \dot x = \cos(t) / (-\sin(t)) = -x / y, passt. So fängst du Vorzeichenfehler in der Ableitung ab, ohne die ganze Theorie zu re-rechnen.

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Konzentrische Kreise
g=x2+y2    y=xyg = x^2 + y^2 \;\Rightarrow\; y' = -\dfrac{x}{y}
Niveaulinien zum Wert C0C \geq 0 sind Kreise um den Ursprung mit Radius C\sqrt{C}. DGL gilt für y0y \neq 0.
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Hyperbeln
g=x2y2    y=xyg = x^2 - y^2 \;\Rightarrow\; y' = \dfrac{x}{y}
Niveaulinien sind Hyperbeln mit Asymptoten y=±xy = \pm x. DGL gilt für y0y \neq 0; die DGL ist separierbar und liefert y2x2=Cy^2 - x^2 = C, ebenfalls eine Hyperbelschar.
Formel Kreis-DGL
y=xyy' = -\dfrac{x}{y}
DGL der Schar konzentrischer Kreise um den Ursprung. Separierbar; allg. Lösung x2+y2=C2x^2 + y^2 = C^2.
Merke Verfahren
gxg_x und gyg_y berechnen, in y=gx/gyy' = -g_x / g_y einsetzen. Kürzer als Schar-Elimination aus VII.3 §5.2.

2Exakte Differentialgleichungen

2.1 Standardform M+Ny=0M + N\, y' = 0

Wann ist eine DGL der Form M+Ny=0M + N y' = 0 exakt? Die Antwort liegt in einem versteckten Potential, das wir gleich freilegen.

Wir kehren die Frage aus §1.2 um. Dort war die Schar (das Potential gg) gegeben und die DGL die Antwort; jetzt ist umgekehrt die DGL gegeben, in der Form M(x,y)+N(x,y)y=0M(x, y) + N(x, y) \cdot y' = 0 mit zwei Funktionen M,NM, N.

Die Frage: existiert ein Potential gg mit gx=Mg_x = M und gy=Ng_y = N? Wenn ja, ist die DGL die Niveaulinien-DGL aus §1.2 und ihre Lösung die Schar g(x,y)=Cg(x, y) = C.

Notations-Anker. MM und NN sind hier lokal eingeführte Namen für die zwei Funktionen, die in der DGL auftauchen; sie haben nichts mit „Masse“ oder „Newton“ zu tun. Die Vorlesung schreibt dieselbe DGL als φ(x,y)+ψ(x,y)y=0\varphi(x, y) + \psi(x, y)\, y' = 0, also φ\varphi statt MM und ψ\psi statt NN; wir bleiben beim weit verbreiteten M,NM, N. Manche Texte schreiben die DGL ausserdem als Mdx+Ndy=0M\, dx + N\, dy = 0 (Differential-Form, äquivalent zu M+Ny=0M + N y' = 0 nach formaler Multiplikation mit dxdx). Alle drei Schreibweisen meinen dasselbe.

Sprachregelung. Exakt ist ein terminus technicus und meint nicht „präzise gerechnet“, sondern: die DGL ist das Total-Differential eines Potentials, trägt also ein verstecktes gg. Genau deshalb lohnt das Verfahren: viele kompliziert aussehende DGLs lassen sich als exakt entlarven und über ihre Stammfunktion gg knacken.

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Standardform
M(x,y)+N(x,y)y=0M(x, y) + N(x, y) \cdot y' = 0
MM und NN sind beliebige Funktionen zweier Variablen. Äquivalente Schreibweise als Differentialform: Mdx+Ndy=0M\, dx + N\, dy = 0.
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Definition: exakte DGL
g:gx=M,gy=N\exists\,g: \quad g_x = M, \quad g_y = N
Die DGL heisst exakt, wenn sie sich als Total-Differential eines Potentials gg schreiben lässt. Allgemeine Lösung dann implizit g(x,y)=Cg(x, y) = C.
Notation MM, NN
Lokale Namen für die zwei Funktionen in M(x,y)+N(x,y)y=0M(x, y) + N(x, y) \cdot y' = 0. Nichts mit Masse oder Newton; reine Bezeichner für diesen Abschnitt.
Definition Exakte DGL
DGL der Form M+Ny=0M + N y' = 0, für die ein gg mit gx=M,gy=Ng_x = M, g_y = N existiert. Allg. Lösung implizit g(x,y)=Cg(x, y) = C.

2.2 Integrabilitätsbedingung (Schwarz)

Wie merkst du einer DGL ohne grosse Rechnung an, ob sie exakt ist?

Begründung über den Satz von Schwarz. Existiert ein (zweimal stetig differenzierbares) gg mit gx=Mg_x = M und gy=Ng_y = N, dann sind die gemischten zweiten Ableitungen vertauschbar: gxy=gyxg_{xy} = g_{yx} (Satz von Schwarz, Kap. IV).

Einsetzen: My=gxyM_y = g_{xy} und Nx=gyxN_x = g_{yx}, also My=NxM_y = N_x. Das ist die Integrabilitätsbedingung.

Notations-Hinweis. Die Bedingung hat zwei Namen: Integrabilitätsbedingung (sie garantiert eine Stammfunktion für Mdx+NdyM\, dx + N\, dy) und Schwarz-Bedingung (nach dem Satz zur Vertauschbarkeit der gemischten Ableitungen). Beide meinen dasselbe.

Notwendig versus hinreichend. Aus „exakt“ folgt My=NxM_y = N_x (notwendig). Auf einem einfach-zusammenhängenden Gebiet (ganze Ebene, Rechteck, Kreisinneres ohne Löcher) ist die Bedingung auch hinreichend: gilt My=NxM_y = N_x, lässt sich gg tatsächlich konstruieren.

Für die Klausur und alle Standard-Gebiete reicht also der Test My=?NxM_y \stackrel{?}{=} N_x, um exakt zu erkennen und mit §2.3 weiterzumachen.

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Integrabilitätsbedingung (Schwarz)
My=Nx\dfrac{\partial M}{\partial y} = \dfrac{\partial N}{\partial x}
Notwendig, damit die DGL exakt ist; auf einfach-zusammenhängendem Gebiet auch hinreichend. Beide Seiten sind partielle Ableitungen, in Kurzform MyM_y und NxN_x.
Formel Schwarz-Bedingung
My=NxM_y = N_x
Schreibweise mit Index-Subskript für die partiellen Ableitungen. Notwendig für exakt; auf einfach-zusammenhängendem Gebiet auch hinreichend.
Notation Synonyme
Integrabilitätsbedingung = Schwarz-Bedingung. Erstes Wort betont die Existenz der Stammfunktion, zweites den zugrundeliegenden Satz aus Kap. IV.
Prüfungstipp Reflex: erst My=?NxM_y \stackrel{?}{=} N_x prüfen, dann erst die Konstruktion aus §2.3 starten.

2.3 Lösung über die Stammfunktion φ

x0x_0 1.00
y0y_0 2.00
My=NxM_y = N_x −3.00
Niveau C=g(x0,y0)C = g(x_0, y_0) −9.33
Abb. 2: Das Vorlesungs-Beispiel 2x2y2+y+(2xy+x4y)y=02x^2 - y^2 + y + (-2xy + x - 4y)\,y' = 0 ist exakt. Seine Lösungskurven sind die Niveaulinien des rekonstruierten Potentials g=23x3xy2+xy2y2g = \tfrac{2}{3}x^3 - xy^2 + xy - 2y^2.

Wenn die DGL exakt ist, wie bekommt man die Stammfunktion und damit die Lösung in der Hand?

Anschauliches Bild zuerst. Eine exakte DGL trägt eine versteckte Höhenlandschaft gg; gx=Mg_x = M und gy=Ng_y = N sind ihre lokalen Steigungen in xx- und yy-Richtung. Aus diesen rekonstruieren wir die Landschaft: in einer Richtung integrieren, mit der anderen korrigieren. Die Lösungskurven sind die Höhenlinien g(x,y)=Cg(x, y) = C.

Der Algorithmus hat drei Phasen.

Erstens: integriere gx=Mg_x = M nach xx (mit yy als Parameter). Als Integrationskonstante kommt eine beliebige Funktion h(y)h(y) dazu, denn jeder reine yy-Term fällt beim Ableiten nach xx weg.

Zweitens: leite das Ergebnis nach yy ab und setze gleich gy=Ng_y = N; das gibt eine Gleichung für h(y)h'(y).

Drittens: integriere h(y)h'(y) nach yy und setze hh ein. Die allgemeine Lösung ist implizit g(x,y)=Cg(x, y) = C.

Plausibilitäts-Probe am Ende. Sobald du gg aufgeschrieben hast, prüfe nochmal: gx=?Mg_x \stackrel{?}{=} M und gy=?Ng_y \stackrel{?}{=} N. Wenn beide stimmen, ist alles richtig; wenn nicht, sitzt ein Algebra-Fehler in der h(y)h(y)-Bestimmung. Diese Probe ist Pflicht, weil die Konstruktion mehrere Zwischenschritte hat, an denen ein Vorzeichen oder ein Faktor schiefgehen kann.

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Konstruktion der Stammfunktion
1.g(x,y)=M(x,y)dx+h(y)2.gy(x,y)=N(x,y)    h(y)3.h(y)=h(y)dy\begin{aligned} \text{1.}\quad & g(x, y) = \int M(x, y)\, dx + h(y) \\ \text{2.}\quad & g_y(x, y) = N(x, y) \;\Rightarrow\; h'(y) \\ \text{3.}\quad & h(y) = \int h'(y)\, dy \end{aligned}
Phase 1 integriert gx=Mg_x = M nach xx mit yy-Konstante als Funktion h(y)h(y). Phase 2 vergleicht gyg_y mit NN und löst nach h(y)h'(y). Phase 3 integriert h(y)h'(y) nach yy. Probe: gx=?Mg_x \stackrel{?}{=} M, gy=?Ng_y \stackrel{?}{=} N.
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Implizite allgemeine Lösung
g(x,y)=Cg(x, y) = C
CRC \in \mathbb{R} ist der Scharparameter aus §1.1. Auflösen nach yy ist ein optionaler Folgeschritt, oft nicht in geschlossener Form möglich.
Schritt Formel Hinweis
1. Integration in xx g=Mdx+h(y)g = \int M\, dx + h(y) yy als Konstante behandeln; h(y)h(y) als unbestimmte yy-Konstante.
2. Vergleich mit NN gy=Nh(y)g_y = N \Rightarrow h'(y) Erst nach yy ableiten, dann h(y)h'(y) isolieren; alle xx-Terme heben sich heraus.
3. Integration in yy h(y)=h(y)dyh(y) = \int h'(y)\, dy Liefert hh bis auf eine echte Konstante; einsetzen in Phase 1 schliesst gg ab.
Konstruktions-Algorithmus als Cheat-Sheet

Mach den ganzen Ablauf am Beispiel aus der Vorlesung mit: 2x2y2+y+(2xy+x4y)y=02x^2 - y^2 + y + (-2xy + x - 4y)\, y' = 0, also M=2x2y2+yM = 2x^2 - y^2 + y und N=2xy+x4yN = -2xy + x - 4y. Erst der Exakt-Test aus §2.2: My=2y+1M_y = -2y + 1 und Nx=2y+1N_x = -2y + 1, beide gleich, die DGL ist exakt. Es gibt also ein Potential gg.

Phase 1: integriere MM nach xx (yy konstant): g=(2x2y2+y)dx=23x3xy2+xy+h(y)g = \int (2x^2 - y^2 + y)\, dx = \tfrac{2}{3} x^3 - x y^2 + x y + h(y), wobei h(y)h(y) die reinen yy-Terme trägt.

Phase 2: leite nach yy ab und setze gleich NN: gy=2xy+x+h(y)=!2xy+x4yg_y = -2xy + x + h'(y) \stackrel{!}{=} -2xy + x - 4y, die xx-Terme heben sich weg, also h(y)=4yh'(y) = -4y.

Phase 3: integriere zu h(y)=2y2h(y) = -2y^2 und setze zusammen.

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Lösung des Beispiels 2x² − y² + y + (−2xy + x − 4y)y' = 0
g(x,y)=23x3xy2+xy2y2=Cg(x, y) = \tfrac{2}{3} x^3 - x y^2 + x y - 2 y^2 = C
Die Niveaulinien-Schar des rekonstruierten Potentials. Probe: gx=2x2y2+y=Mg_x = 2x^2 - y^2 + y = M ✓ und gy=2xy+x4y=Ng_y = -2xy + x - 4y = N ✓. Implizit ableiten gibt die Ausgangs-DGL zurück.

Mit Anfangsbedingung. Sucht man die Lösungskurve durch den Punkt (1,2)(1, 2), so legt das den Scharparameter CC fest. Einsetzen von x=1x = 1, y=2y = 2 in g(x,y)=Cg(x, y) = C gibt C=234+28=283C = \tfrac{2}{3} - 4 + 2 - 8 = -\tfrac{28}{3}. Die spezielle Lösung lautet damit 23x3xy2+xy2y2=283\tfrac{2}{3} x^3 - x y^2 + x y - 2 y^2 = -\tfrac{28}{3}.

Formel Implizite Lösung
g(x,y)=Cg(x, y) = C
Volle allgemeine Lösung der exakten DGL. Auflösen nach yy ist optionaler Folgeschritt, oft gar nicht geschlossen möglich.
Formel AWP y(1)=2y(1) = 2
C=283C = -\tfrac{28}{3}
Einsetzen von x=1x = 1, y=2y = 2 in g(x,y)=Cg(x, y) = C legt den Scharparameter fest.
Merke Probe
Nach Phase 3: gx=?Mg_x \stackrel{?}{=} M und gy=?Ng_y \stackrel{?}{=} N. Beide stimmen → fertig; einer falsch → Algebra-Fehler suchen.

3Orthogonaltrajektorien

3.1 Senkrechte Schnitte als geometrische Idee

x0x_0 1.30
y0y_0 0.90
mnm \cdot n (Schar · Orthog.) −1.00
Schnittwinkel 90.0°
Abb. 3: Zwei Scharen, die sich überall im rechten Winkel schneiden. Wechsle zwischen Kreisen \perp Geraden und Parabeln y=Cx2y = Cx^2 \perp Ellipsen. Ziehe den Schnittpunkt, der Winkel bleibt 90°90°.

Was bedeutet „Orthogonaltrajektorien“ anschaulich? Bild aus der Physik: das E-Feld steht senkrecht auf jeder Äquipotentialfläche.

Definition (anschaulich). Gegeben eine Kurvenschar in der Ebene. Eine Orthogonaltrajektorie ist eine Kurve, die jede Kurve der gegebenen Schar im rechten Winkel schneidet. Die Familie aller solchen Kurven bildet selbst wieder eine Schar, die Schar der Orthogonaltrajektorien. Die beiden Scharen stehen damit überall paarweise senkrecht aufeinander; man sagt, sie bilden ein orthogonales Kurvensystem.

Anschauliche Bilder. An einer Hügelflanke laufen die Höhenlinien waagrecht, der Bach läuft senkrecht dazu hinunter: der Bach ist eine Orthogonaltrajektorie zur Schar der Höhenlinien.

Genauso im E-Feld: Äquipotentialflächen und Feldlinien stehen orthogonal aufeinander. Im Magnetfeld eines Drahtes stehen die kreisförmigen Feldlinien senkrecht auf den radialen Strahlen.

Anwendungsbereich. Sobald ein physikalisches Problem eine interessante Kurvenschar liefert, steht die orthogonale Schar fast automatisch daneben: Potential und Feldlinien in der Elektrostatik, Strom- und Äquipotentiallinien in der Strömung, Höhen- und Falllinien in der Kartographie, Isothermen und Wärmestromlinien. Überall liefert das Rezept aus §3.2 die DGL der orthogonalen Schar.

Definition Orthogonaltrajektorie
Kurve, die jede Kurve einer gegebenen Schar im rechten Winkel schneidet. Die Schar aller solchen Kurven heisst Schar der Orthogonaltrajektorien.
Merke Anwendungsbeispiele
E-Feld \perp Äquipotentialfläche, Bach \perp Höhenlinie, Stromlinie \perp Äquipotential-Linie in Strömung, Feldlinie \perp Niveaulinie ganz allgemein.

3.2 Die DGL y' ↦ −1 / f(x, y) der Orthogonaltrajektorien

Wie kommt man von der DGL einer Schar zur DGL der Orthogonaltrajektorien? Das Rezept ist verblüffend einfach.

Ausgangspunkt. Sei y=f(x,y)y' = f(x, y) die DGL einer regulären Kurvenschar (VII.3 §5.1: durch jeden Punkt genau eine Kurve). An (x0,y0)(x_0, y_0) hat die Kurve die Steigung m=f(x0,y0)m = f(x_0, y_0).

Die orthogonale Tangente dort hat Steigung n=1/mn = -1/m, denn für senkrechte Geraden ist das Steigungs-Produkt 1-1 (Schul-Geometrie).

Notations-Anker. ff ist hier eine Funktion zweier Variablen, also f:D(f)R2Rf: D(f) \subset \mathbb{R}^2 \to \mathbb{R}, wie in der Standardform aus VII.3 §1.1. Achtung: in der homogenen Substitution aus VII.4 §4.2 stand derselbe Buchstabe ff für eine Funktion einer Variablen f(u)f(u). Gleicher Buchstabe, andere Stelligkeit; hier durchgehend zweistellig.

Folgerung. Die orthogonalen Tangenten haben überall die Steigung 1/f(x,y)-1/f(x, y). Die Schar dieser orthogonalen Tangenten ist also die allgemeine Lösung der DGL y=1/f(x,y)y' = -1/f(x, y). Damit ist das Rezept ausgesprochen: ersetze ff in der ursprünglichen DGL durch 1/f-1/f, und du hast die DGL der Orthogonaltrajektorien.

Geometrische Beweis-Skizze. Die Tangentenrichtung der Schar ist (1,f)(1, f), der dazu senkrechte Vektor (f,1)(-f, 1) (Skalarprodukt f+f=0-f + f = 0). Dessen Steigung ist 1/(f)=1/f1/(-f) = -1/f, die DGL der orthogonalen Schar.

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DGL der Orthogonaltrajektorien
y=1f(x,y)y' = -\dfrac{1}{f(x, y)}
Aus y=f(x,y)y' = f(x, y) wird durch f1/ff \mapsto -1/f die DGL der Orthogonaltrajektorien. Gilt für f0f \neq 0; an Stellen mit f=0f = 0 läuft eine vertikale orthogonale Tangente, an Stellen mit ff \to \infty eine horizontale.
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Geometrische Herleitung
Tangente Schar:(1,f)Senkrechter Vektor:(f,1)Steigung Orthogonal:1/f\begin{aligned} \text{Tangente Schar:} \quad & (1, f) \\ \text{Senkrechter Vektor:} \quad & (-f, 1) \\ \text{Steigung Orthogonal:} \quad & -1/f \end{aligned}
Vektor-Argument: (1,f)(f,1)=f+f=0(1, f) \cdot (-f, 1) = -f + f = 0, also senkrecht. Steigung des senkrechten Vektors als Quotient y/xy/x-Komponente.
Formel Orthogonal-Rezept
y=1f(x,y)y' = -\dfrac{1}{f(x, y)}
Aus y=f(x,y)y' = f(x, y) wird y=1/fy' = -1/f für die orthogonale Schar. Punktweise Anwendung des Steigungs-Produkts mn=1m \cdot n = -1.
Notation ff zweistellig
Hier ist f:R2Rf: \mathbb{R}^2 \to \mathbb{R} (zweistellig), wie in VII.3 §1.1. Nicht zu verwechseln mit dem einstelligen f(u)f(u) aus VII.4 §4.2 (homogene Substitution).

3.3 Konzentrische Kreise und ihre Radien

Liefert das Rezept beim Lehrbuchbeispiel das erwartete Resultat? Konzentrische Kreise und ihre Radien sind der Klassiker für ein orthogonales Kurvensystem. Schauen wir nach.

Ausgangs-Schar. Konzentrische Kreise x2+y2=C2x^2 + y^2 = C^2, also Niveaulinien des Potentials g(x,y)=x2+y2g(x, y) = x^2 + y^2. Die DGL der Schar ist aus §1.3 und VII.3 §5.3 bekannt: y=x/yy' = -x/y, also f(x,y)=x/yf(x, y) = -x/y, gültig für y0y \neq 0.

Anwenden des Orthogonal-Rezepts. Ersetze ff durch 1/f-1/f: aus f=x/yf = -x/y wird 1/f=1/(x/y)=y/x-1/f = -1/(-x/y) = y/x. Die DGL der Orthogonaltrajektorien ist also y=y/xy' = y/x, gültig für x0x \neq 0.

Lösen der neuen DGL. y=y/xy' = y/x ist separierbar (VII.4 §2.1): dy/y=dx/xdy/y = dx/x, integriert lny=lnx+C1\ln |y| = \ln |x| + C_1, also y=eC1x|y| = e^{C_1} |x|.

Das gibt y=mxy = m \cdot x mit freier Steigung mRm \in \mathbb{R}, genau die Geradenschar durch den Ursprung.

Anschauliches Bild. Stell dir eine Zielscheibe mit Pfeilen vor: die Kreise sind die Trefferringe, die Pfeile zeigen radial vom Mittelpunkt nach aussen. Jeder Pfeil schneidet jeden Kreis im rechten Winkel. Geometrisch ist das offensichtlich; das Rezept hat dieses geometrisch offensichtliche Resultat algebraisch reproduziert, was als Sanity-Check für das Rezept zählt.

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Vom Kreis zur Geraden
Schar:y=x/yOrthogonal:y=y/xLo¨sung:y=mx,    mR\begin{aligned} \text{Schar:} \quad & y' = -x/y \\ \text{Orthogonal:} \quad & y' = y/x \\ \text{Lösung:} \quad & y = m\, x, \;\; m \in \mathbb{R} \end{aligned}
Konzentrische Kreise um den Ursprung gehen orthogonal in die Geradenschar durch den Ursprung über. Geometrisch offensichtlich (Zielscheibe mit radialen Pfeilen), algebraisch durch das f1/ff \mapsto -1/f-Rezept reproduziert.

Das Vorlesungsbeispiel: Parabelschar. Gegeben sei die Schar y=Cx2y = C x^2 mit CRC \in \mathbb{R}, und gesucht ihre Orthogonaltrajektorien.

Schritt 1, DGL der Schar. Ableiten nach xx gibt y=2Cxy' = 2 C x. Den Parameter eliminieren wir über C=y/x2C = y / x^2 aus der Schargleichung; einsetzen liefert y=2(y/x2)x=2y/x=:f(x,y)y' = 2 (y/x^2) x = 2 y / x =: f(x, y).

Schritt 2, Orthogonal-Rezept. Ersetze ff durch 1/f-1/f: y=12y/x=x2yy' = -\dfrac{1}{2 y / x} = -\dfrac{x}{2 y}. Das ist die DGL der Orthogonaltrajektorien.

Schritt 3, lösen. Diese DGL ist separierbar: ydy=12xdx\int y\, dy = -\int \tfrac{1}{2} x\, dx, also y22=x24+C\tfrac{y^2}{2} = -\tfrac{x^2}{4} + C. Aufgeräumt: x24+y22=C\dfrac{x^2}{4} + \dfrac{y^2}{2} = C. Die Orthogonaltrajektorien der Parabelschar y=Cx2y = C x^2 sind also Ellipsen mit Mittelpunkt im Ursprung.

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Parabeln und ihre orthogonalen Ellipsen
Schar:y=Cx2,    y=2y/xOrthogonal:y=x/(2y)Lo¨sung:x24+y22=C\begin{aligned} \text{Schar:} \quad & y = C x^2, \;\; y' = 2y/x \\ \text{Orthogonal:} \quad & y' = -x/(2y) \\ \text{Lösung:} \quad & \tfrac{x^2}{4} + \tfrac{y^2}{2} = C \end{aligned}
Die Schar der Parabeln y=Cx2y = C x^2 und die Schar der Ellipsen x2/4+y2/2=Cx^2/4 + y^2/2 = C bilden ein orthogonales Kurvensystem. Dies ist das Beispiel aus der Vorlesung.
Formel Schar \to Orthogonal
y=x/y    y=y/xy' = -x/y \;\to\; y' = y/x
Konzentrische Kreise \to Geraden durch Ursprung. Klassisches Lehrbuchbeispiel. Lösung der neuen DGL via Trennung der Variablen aus VII.4 §2.1.

4Zusammenhang mit Gradientenfeldern

4.1 Niveaulinien stehen senkrecht zum Gradienten (Querverweis VI.2)

x0x_0 1.30
y0y_0 1.00
g\vec{\nabla} g bei (x0,y0)(x_0, y_0) (2.6, 2.0)
gt\vec{\nabla} g \cdot \mathbf{t} 0.00
Abb. 4: Niveaulinien von gg (blau) und das Gradientenfeld g\vec{\nabla} g (gold). Die Pfeile stehen senkrecht auf den Höhenlinien; ihre Feldlinien sind die Orthogonaltrajektorien.

Aus Kap. VI.2 kennen wir den Spruch: der Gradient steht senkrecht zur Niveaulinie. Was bedeutet das für unser DGL-Setup hier?

Wiederholung aus VI.2. Der Gradient eines Skalarfelds g(x,y)g(x, y) ist der Vektor (g)=(gx,gy)\vec{\nabla} (g) = (g_x, g_y) aus den beiden partiellen Ableitungen. Er zeigt in Richtung steilsten Anstiegs, seine Länge ist die Steigung dort.

Zentrale Eigenschaft: (g)\vec{\nabla} (g) steht in jedem Punkt senkrecht auf der Niveaulinie durch diesen Punkt.

Beweis in einer Zeile. Sei t\mathbf{t} ein Tangentenvektor an die Niveaulinie g=Cg = C. Entlang der Linie bleibt gg konstant, ändert sich in Tangentenrichtung also nicht: t(g)=0\mathbf{t} \cdot \vec{\nabla} (g) = 0. Skalarprodukt null heisst senkrecht, also (g)t\vec{\nabla} (g) \perp \mathbf{t}.

Brücke zurück zu §1.2. Schreib das Skalarprodukt aus: t=(1,y)\mathbf{t} = (1, y') und (g)=(gx,gy)\vec{\nabla} (g) = (g_x, g_y) geben t(g)=gx+gyy=0\mathbf{t} \cdot \vec{\nabla} (g) = g_x + g_y \cdot y' = 0. Das ist exakt die DGL der Niveaulinien aus §1.2. Damit ist die Aussage „Gradient steht senkrecht zur Niveaulinie“ und die Aussage „die Schar erfüllt die DGL gx+gyy=0g_x + g_y \cdot y' = 0“ ein und dieselbe; nur einmal in Vektor-Sprache, einmal in DGL-Sprache.

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Senkrechtheits-Bedingung
(g)t=gx+gyy=0\vec{\nabla} (g) \cdot \mathbf{t} = g_x + g_y \cdot y' = 0
Skalarprodukt von Gradient und Tangentenvektor t=(1,y)\mathbf{t} = (1, y') verschwindet. Vektor-Schreibweise (links) und DGL-Schreibweise (rechts) sagen dasselbe.
Notation (g)\vec{\nabla} (g)
Gradient von gg: der Vektor (gx,gy)(g_x, g_y) aus den beiden partiellen Ableitungen. Zeigt in Richtung steilsten Anstiegs, Länge == Steigung in dieser Richtung.
Merke (g)\vec{\nabla} (g) \perp Niveaulinie
Aus VI.2. Skalarprodukt mit Tangentenvektor verschwindet, weil gg entlang der Linie konstant bleibt. Direkter Brückenkopf zur DGL der Niveaulinien.
Querverweis Verweise
→ VI.2 Gradient und Niveaulinien

4.2 Orthogonaltrajektorien als Feldlinien des Gradienten

Was sind die Orthogonaltrajektorien einer Niveaulinien-Schar eigentlich aus Vektorfeld-Sicht? Genau die Feldlinien des Gradientenfeldes. Damit schliesst sich der Bogen zwischen Kap. VI Vektoranalysis und Kap. VII DGL.

Argumentationskette.

Erstens, aus §4.1: (g)\vec{\nabla} (g) steht senkrecht auf der Niveaulinie.

Zweitens: eine Feldlinie eines Vektorfeldes ist eine Kurve, deren Tangente in jedem Punkt mit dem Vektorfeld zeigt (aus VII.3 §4 und VI.1). Die Feldlinien des Gradientenfeldes (g)\vec{\nabla} (g) haben damit überall die Richtung von (g)\vec{\nabla} (g), also überall senkrecht zur Niveaulinie durch denselben Punkt.

Drittens: damit schneiden die Feldlinien jede Niveaulinie im rechten Winkel; das ist genau die Definition der Orthogonaltrajektorien aus §3.1.

Folgerung. Zur Niveaulinien-Schar g(x,y)=Cg(x, y) = C bilden die Feldlinien des Gradientenfeldes (g)\vec{\nabla} (g) die Schar der Orthogonaltrajektorien. Zwei Sichten auf dieselbe Geometrie: die Potential-Sicht (gg und seine Niveaulinien) und die Feldsicht ((g)\vec{\nabla} (g) und seine Feldlinien). Sie ergänzen sich zu einem orthogonalen Kurvensystem.

Physik-Anwendung. In der Elektrostatik ist gg das elektrische Potential (Spannung), (g)-\vec{\nabla} (g) das Feld E\mathbf{E}. Die Niveaulinien sind die Äquipotentialflächen, die Feldlinien von E\mathbf{E} die elektrischen Feldlinien, und beide Familien stehen überall senkrecht aufeinander. Deshalb versteht man Äquipotentialflächen und Feldlinien immer als Paar.

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Feldlinien-DGL des Gradienten
r(s)=(g)(r(s))\mathbf{r}'(s) = \vec{\nabla} (g)(\mathbf{r}(s))
Eine Feldlinie parametrisiert nach ss; die Ableitung des Ortes ist das Gradientenfeld am momentanen Ort. Aus VII.3 §4. Die so erzeugten Kurven sind die Orthogonaltrajektorien zur Niveaulinien-Schar.
Merke Brücke VI \to VII
Niveaulinien von gg und Feldlinien von (g)\vec{\nabla} (g) bilden ein orthogonales Kurvensystem. Potential-Sicht und Feldsicht sind komplementär.

Aufgaben mit Musterlösungen

Übungsaufgaben zu Niveaulinien-DGL, Exakt-Test mit Schwarz-Bedingung, Konstruktion der Stammfunktion und Orthogonaltrajektorien-Rezept folgen in einer Phase-2-Runde.

Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.

MerkeErst selbst rechnen, dann Lösung prüfen!