1Exponentielles Wachstum

1.1 Die DGL y' = k·y

Stell dir eine Bakterienkultur in einer Petrischale vor: jede Stunde verdoppelt sich die Population. Was sagt das mathematisch über die Änderungsrate der Masse?

Die Beobachtung „in gleichen Zeitintervallen stets um denselben Prozentsatz wachsen“ packen wir formal: in einer Zeitspanne Δt\Delta t wächst die aktuelle Masse mm um einen festen prozentualen Anteil p(Δt)p(\Delta t). Die Zunahme ist also Δm=p(Δt)m\Delta m = p(\Delta t)\, m.

Jetzt teilen wir durch Δt\Delta t: Δm/Δt=(p(Δt)/Δt)m\Delta m / \Delta t = (p(\Delta t)/\Delta t)\, m.

Lassen wir Δt0\Delta t \to 0 gehen, wird Δm/Δt\Delta m / \Delta t zur Zeitableitung dm/dt\mathrm{d}m/\mathrm{d}t, und p(Δt)/Δtp(\Delta t)/\Delta t konvergiert gegen eine Konstante kk. Das Resultat ist die DGL des ungestörten Wachstums.

Wichtig: kk ist hier strikt positiv, sonst hätten wir Abklingen statt Wachstum. Sie heisst Wachstumsrate und hat Einheit 1/Zeit (pro Sekunde, Stunde oder Jahr).

!
Wachstum im Zeitintervall Δt\Delta t
Δm=p(Δt)m\Delta m = p(\Delta t)\, m
Pro Zeitintervall Δt\Delta t wächst die Masse um einen festen Prozentsatz p(Δt)p(\Delta t) ihres aktuellen Werts. Diese Proportionalität ist die definierende Eigenschaft des ungestörten Wachstums.
!!!
DGL ungestörtes Wachstum
dmdt=km,k>0\dfrac{\mathrm{d}m}{\mathrm{d}t} = k\, m, \quad k > 0
k=limΔt0p(Δt)/Δtk = \lim_{\Delta t \to 0} p(\Delta t)/\Delta t ist die Wachstumsrate, Einheit 1/Zeit. Eine DGL 1. Ordnung mit konstantem Koeffizienten.
kk 0.50
τd\tau_d 1.39
Steigung yy' 0.50
0.50
Abb. 1: Richtungsfeld von y=kyy' = k\, y. Zieh den Anfangspunkt; die Lösungskurve folgt den Pfeilen und wächst exponentiell.
Notation kk
Wachstumsrate, Einheit 1/Zeit, im Wachstumsmodell positiv. Manche Texte schreiben aa statt kk; das bedeutet dasselbe.
Definition Ungestörtes Wachstum
Eine Grösse, die in jedem gleichen Zeitintervall um denselben Prozentsatz zunimmt. Mathematisch: y=kyy' = k\, y mit k>0k > 0.
Querverweis Verweise
→ VII.1 Einleitung

1.2 Lösung und Verdopplungszeit

Welche Funktion erfüllt dm/dt=km\mathrm{d}m/\mathrm{d}t = k\, m, und nach welcher Zeit hat sich die Grösse verdoppelt?

Aus Kap. VII.1 §3.2 kennen wir bereits die allgemeine Lösung m(t)=Cektm(t) = C\, e^{k t} mit einem freien Scharparameter CRC \in \mathbb{R}. Eine ganze Funktionen-Schar also, eine Funktion pro Wahl von CC.

Eine konkrete Funktion bekommen wir durch eine Anfangsbedingung. Nimm m(0)=m0m(0) = m_0, die Anfangsmasse bei t=0t = 0. Einsetzen bei t=0t = 0 gibt m0=Ce0=Cm_0 = C\, e^{0} = C, also C=m0C = m_0, und die spezielle Lösung m(t)=m0ektm(t) = m_0\, e^{k t}.

Jetzt zur Verdopplungszeit τd\tau_d, definiert durch m(τd)=2m(0)m(\tau_d) = 2\, m(0). Einsetzen: m0ekτd=2m0m_0\, e^{k \tau_d} = 2\, m_0.

m0m_0 kürzt sich weg, es bleibt ekτd=2e^{k \tau_d} = 2. Logarithmieren und auflösen: τd=ln(2)/k\tau_d = \ln(2)/k.

Beobachtung: τd\tau_d hängt nicht vom Anfangsbestand m0m_0 ab. Egal ob die Petrischale mit zehn oder zehntausend Bakterien startet, die Verdopplung dauert immer gleich lang.

!!
Allgemeine Lösung
m(t)=Cekt,CRm(t) = C\, e^{k t}, \quad C \in \mathbb{R}
Eine Funktionen-Schar mit Scharparameter CC, gemäss Kap. VII.1 §3.2. Für C=0C = 0 ergibt sich die triviale Nulllösung.
!!
Spezielle Lösung mit AWP m(0)=m0m(0) = m_0
m(t)=m0ektm(t) = m_0\, e^{k t}
Eine Anfangsbedingung bei t=0t = 0 legt den Scharparameter eindeutig fest: C=m0C = m_0.
!!!
Verdopplungszeit
τd=ln(2)k\tau_d = \dfrac{\ln(2)}{k}
Unabhängig vom Anfangswert m0m_0. Hängt nur von der Wachstumsrate kk ab. Numerisch: ln(2)0,693\ln(2) \approx 0{,}693.
Notation τd\tau_d
Verdopplungszeit. Zeit, in der sich die Grösse verdoppelt. Nicht zu verwechseln mit der Halbwertszeit τ\tau aus Abschnitt 2.2 (gleiche Formel, andere Bedeutung).
Formel AWP-Lösung exp. Wachstum
m(t)=m0ektm(t) = m_0\, e^{k t}
Spezielle Lösung mit Startwert m0m_0 bei t=0t = 0. Für Startzeitpunkt t00t_0 \neq 0 siehe Abschnitt 3.1.
Merke Merke
τd=ln(2)/k\tau_d = \ln(2)/k. Verdopplungszeit hängt nur von kk ab, nicht vom Anfangsbestand.

1.3 Bakterien, Zinseszins, ungehemmtes Wachstum

Wo taucht y=kyy' = k\, y in der Wirklichkeit auf? Drei klassische Bilder, alle mit derselben DGL hinter den Kulissen.

Bakterienkultur. Eine Population von Bakterien in einer Petrischale vermehrt sich, solange Nährstoffe und Platz ausreichen, mit konstantem prozentualem Zuwachs pro Zeit. Die Wachstumsrate kk hängt von der Spezies und den Umgebungsbedingungen ab.

Zinseszins. Auf einem Bankkonto mit kontinuierlicher Verzinsung wächst das Kapital K(t)K(t) proportional zum aktuellen Stand. Der Wachstumsfaktor ist der Zinssatz kk (pro Jahr). Die Lösung ist K(t)=K0ektK(t) = K_0\, e^{k t} mit Startkapital K0K_0.

Wirtschaftswachstum. Bei konstanter Wachstumsrate kk wächst das Bruttoinlandsprodukt exponentiell. Auch Energieverbrauch und Bevölkerungswachstum (ohne Sättigung) folgen diesem Schema.

In allen drei Fällen ist die Mathematik identisch. Was sich unterscheidet, ist nur die Zahl kk und die Bedeutung der Grösse yy.

Anwendung yy bedeutet kk bedeutet
Bakterienkultur Anzahl Bakterien Wachstumsrate der Spezies
Zinseszins Kapital K(t)K(t) kontinuierlicher Zinssatz pro Jahr
Wirtschaftswachstum BIP, Produktion, Konsum Wachstumsrate pro Zeit
Drei klassische Anwendungen von y=kyy' = k\, y
!
Kapital mit kontinuierlichem Zinssatz kk
K(t)=K0ektK(t) = K_0\, e^{k t}
Standardmodell der Finanzmathematik. Für k=0,03k = 0{,}03 (also 3 % pro Jahr) beträgt die Verdopplungszeit τd=ln(2)/0,0323\tau_d = \ln(2)/0{,}03 \approx 23 Jahre.
Merke Eine DGL, viele Welten
Bakterien, Zinseszins, BIP: drei Anwendungen, eine DGL y=kyy' = k\, y. Nur kk und die Bedeutung von yy ändern sich.
Notation K0K_0, K(t)K(t)
Startkapital bei t=0t = 0 und Kapital zur Zeit tt. Index 0 bedeutet immer „bei Startzeitpunkt“; gleiches Muster wie m0m_0, y0y_0.

2Abklingvorgänge

2.1 Die DGL y' = −k·y

Was ändert sich, wenn die Grösse mit der Zeit abnimmt statt zunimmt?

Die Herleitung läuft wie in Abschnitt 1.1, nur ist der prozentuale Anteil jetzt negativ. Im Grenzübergang Δt0\Delta t \to 0 entsteht dy/dt=ky\mathrm{d}y/\mathrm{d}t = -k\, y mit k>0k > 0. Achtung: wir lassen kk positiv und ziehen das Minuszeichen explizit vor, dann liest man Wachstum oder Abklingen direkt am Vorzeichen ab.

Die allgemeine Lösung folgt analog zu Abschnitt 1.2: y(t)=Cekty(t) = C\, e^{-k t}. Mit y(t0)=y0y(t_0) = y_0 wird daraus die spezielle Lösung y(t)=y0ek(tt0)y(t) = y_0\, e^{-k(t - t_0)}. Probe bei t=t0t = t_0: e0=1e^{0} = 1, also y(t0)=y0y(t_0) = y_0, passt.

!!!
DGL Abklingen
dydt=ky,k>0\dfrac{\mathrm{d}y}{\mathrm{d}t} = -k\, y, \quad k > 0
k>0k > 0, das Minuszeichen signalisiert die Abnahme. Manche Texte schreiben y=ayy' = a\, y mit a<0a < 0. Wir bleiben bei ky-k\, y mit k>0k > 0, weil dann das Vorzeichen sofort an der DGL ablesbar ist.
!!
Spezielle Lösung mit AWP y(t0)=y0y(t_0) = y_0
y(t)=y0ek(tt0)y(t) = y_0\, e^{-k (t - t_0)}
Bei t=t0t = t_0 ist der Exponent null und y(t0)=y0y(t_0) = y_0. Für t>t0t > t_0 klingt yy exponentiell auf null ab.
kk 0.50
τ\tau 1.39
Steigung yy' −2.00
0.50
Abb. 2: Richtungsfeld von y=kyy' = -k\, y. Zieh den Anfangspunkt; die Lösungskurve klingt exponentiell auf y=0y = 0 ab.
Notation kk (jetzt Abkling-Rate)
Im Wachstum (Abschnitt 1) ist k>0k > 0 die Wachstumsrate, jetzt ist k>0k > 0 die Abkling-Rate. kk bleibt positiv; das Vorzeichen der DGL trägt das Plus oder Minus.
Merke Konvention
y=kyy' = -k\, y mit k>0k > 0. Minuszeichen explizit, kk als Betrag der Rate. So liest man Wachstum vs Abklingen sofort am Vorzeichen ab.
Querverweis Verweise
→ VII.1 Einleitung

2.2 Halbwertszeit

Stell dir eine radioaktive Probe vor. Nach welcher Zeit ist genau die Hälfte zerfallen?

Wir definieren die Halbwertszeit τ\tau als die Zeit, nach der eine abklingende Grösse auf die Hälfte ihres Anfangswerts gesunken ist: y(τ)=12y(0)y(\tau) = \tfrac{1}{2}\, y(0).

Einsetzen in y(t)=y0ekty(t) = y_0\, e^{-k t} (Startzeitpunkt t0=0t_0 = 0): 12y0=y0ekτ\tfrac{1}{2}\, y_0 = y_0\, e^{-k \tau}.

y0y_0 kürzt sich weg, es bleibt ekτ=12e^{-k \tau} = \tfrac{1}{2}. Logarithmieren: kτ=ln(2)-k\, \tau = -\ln(2), also τ=ln(2)/k\tau = \ln(2)/k.

Auffällig: dieselbe Formel wie für die Verdopplungszeit in Abschnitt 1.2. Das ist kein Zufall, sondern die direkte Konsequenz davon, dass die exponentielle Funktion sich pro festem Zeitintervall immer um denselben Faktor ändert.

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Definition Halbwertszeit
y(τ)=12y(0)y(\tau) = \tfrac{1}{2}\, y(0)
Die Zeit, nach der die Grösse yy auf die Hälfte ihres Anfangswerts abgeklungen ist.
!!!
Halbwertszeit
τ=ln(2)k\tau = \dfrac{\ln(2)}{k}
Unabhängig vom Anfangswert y0y_0. Hängt nur von der Abkling-Rate kk ab. Gleiche Formel wie die Verdopplungszeit τd\tau_d aus Abschnitt 1.2, aber andere Bedeutung.
Definition Halbwertszeit
Die Zeit τ\tau, in der die Grösse yy auf die Hälfte ihres Anfangswerts abklingt. Unabhängig vom Anfangswert; eine reine Eigenschaft der DGL.
Formel Halbwertszeit-Formel
τ=ln(2)k\tau = \dfrac{\ln(2)}{k}
Im Modell y=kyy' = -k\, y mit k>0k > 0.
Merke Symmetrie
Verdopplungszeit (+k+k) und Halbwertszeit (k-k) haben beide die Form ln(2)/k\ln(2)/|k|.

2.3 Radioaktiver Zerfall, RC-Entladung, Newton-Abkühlung

Wo taucht y=kyy' = -k\, y in der Wirklichkeit auf? Drei klassische Bilder, alle mit derselben DGL hinter den Kulissen.

Radioaktiver Zerfall. y(t)y(t) ist die aktive Teilchenzahl (oder Masse) eines radioaktiven Materials; die Zahl der pro Zeit zerfallenden Atome ist proportional zur noch vorhandenen. In der Kernphysik heisst kk Zerfallskonstante, oft λ\lambda genannt.

Die Halbwertszeit τ=ln(2)/λ\tau = \ln(2)/\lambda ist eine Materialeigenschaft: Iod-131 hat τ8\tau \approx 8 Tage, Caesium-137 etwa 30 Jahre, Uran-238 etwa 4,5 Milliarden Jahre.

RC-Entladung. Ein geladener Kondensator CC wird über einen Widerstand RR entladen. Der Maschensatz liefert du/dt=u/(RC)\mathrm{d}u/\mathrm{d}t = -u/(R C) mit der Kondensatorspannung u(t)u(t); Vergleich mit der Standardform gibt k=1/(RC)k = 1/(R C).

Die Zeitkonstante τRC=RC=1/k\tau_{R C} = R C = 1/k sagt, nach welcher Zeit die Spannung auf 1/e37%1/e \approx 37\,\% gefallen ist.

Newton-Abkühlung. y(t)y(t) ist die Temperaturdifferenz zwischen Körper und Umgebung, ihre Änderung proportional zur Differenz: dy/dt=ky\mathrm{d}y/\mathrm{d}t = -k\, y mit k>0k > 0. Anschaulich: je heisser der Topf gegenüber der Küche, desto schneller kühlt er ab.

Achtung: nicht die absolute Temperatur des Körpers klingt exponentiell ab, sondern die Differenz zur Umgebung.

Anwendung yy bedeutet kk heisst
Radioaktiver Zerfall aktive Teilchenzahl, Masse Zerfallskonstante λ\lambda
RC-Entladung Kondensatorspannung u(t)u(t) 1/(RC)1/(R C), inverse Zeitkonstante
Newton-Abkühlung Temperaturdifferenz zur Umgebung Wärmeübergangs-Konstante
Drei klassische Anwendungen von y=kyy' = -k\, y
!!
RC-Entladung
dudt=uRC\dfrac{\mathrm{d}u}{\mathrm{d}t} = -\dfrac{u}{R C}
Form y=kyy' = -k\, y mit k=1/(RC)k = 1/(R C). Zeitkonstante τRC=RC\tau_{R C} = R C. Nach 5τRC5\, \tau_{R C} ist die Spannung praktisch null.

Ein verwandtes Beispiel zeigt, wie weit dieser eine Bauplan trägt, auch wenn rechts nicht null steht. Stell dir einen Stromkreis mit Widerstand RR und Spule (Induktivität LL) vor. Zum Zeitpunkt t=0t = 0 legst du eine feste Spannung UU an und fragst: wie baut sich der Strom I(t)I(t) auf? Die Physik (Kirchhoff plus Induktionsgesetz) liefert LI˙=RI+UL\,\dot{I} = -R\,I + U. Das ist nicht mehr reines Abklingen, denn rechts steht ein störender Zusatzterm +U+U. Trotzdem lässt es sich mit einem Trick auf das Abkling-Modell zurückführen.

Einschaltvorgang LR-Kreis: Rückführung aufs Abkling-Modell

  1. Schritt 1: den Endzustand abspalten
    Wenn der Strom sich nicht mehr ändert (I˙=0\dot{I} = 0), bleibt 0=RI+U0 = -R\,I + U, also I=U/RI = U/R. Das ist der stationäre Endwert. Wir messen die Abweichung davon.
    Setze f(t)=I(t)U/Rf(t) = I(t) - U/R, also den Abstand zum Endwert. Dann ist f˙=I˙\dot{f} = \dot{I}, und Einsetzen in LI˙=RI+UL\,\dot{I} = -R\,I + U ergibt Lf˙=R(f+U/R)+U=RfL\,\dot{f} = -R\,(f + U/R) + U = -R\,f.
    f(t)=I(t)UR    f˙=RLff(t) = I(t) - \dfrac{U}{R} \;\Rightarrow\; \dot{f} = -\dfrac{R}{L}\, f
  2. Schritt 2: das Abkling-Modell anwenden
    Die Gleichung für ff ist exakt y=kyy' = -k\,y mit k=R/Lk = R/L. Das haben wir oben schon gelöst, wir müssen nichts neu rechnen.
    Direkt aus Abschnitt 2.1: f(t)=Ce(R/L)tf(t) = C\, e^{-(R/L)\,t}. Zurück in II: I(t)=U/R+Ce(R/L)tI(t) = U/R + C\, e^{-(R/L)\,t}.
    I(t)=UR+Ce(R/L)tI(t) = \dfrac{U}{R} + C\, e^{-(R/L)\,t}
  3. Schritt 3: Anfangsbedingung einarbeiten
    Beim Einschalten fliesst zuerst kein Strom, also I(0)=0I(0) = 0. Das legt die Konstante fest.
    Einsetzen bei t=0t = 0: 0=U/R+C0 = U/R + C, also C=U/RC = -U/R. Damit ist die Lösung vollständig bestimmt.
    I(t)=UR(1e(R/L)t)I(t) = \dfrac{U}{R}\,\bigl(1 - e^{-(R/L)\,t}\bigr)
  4. Schritt 4: physikalisch lesen
    Eine Formel ist erst verstanden, wenn man ihr Verhalten sieht. Schau auf Start, Ende und Tempo.
    Bei t=0t = 0 ist die Klammer null, der Strom startet bei 0. Für tt \to \infty verschwindet das Exponential und IU/RI \to U/R, das Ohmsche Gesetz für den eingeschwungenen Zustand. Die Zeitkonstante L/RL/R steuert, wie schnell das geht; nach etwa 5L/R5\,L/R ist der Endwert praktisch erreicht.
Notation λ\lambda (Zerfallskonstante)
In der Kernphysik gleicher Stellenwert wie kk in dieser Page. λ\lambda steht in der Formel τ=ln(2)/λ\tau = \ln(2)/\lambda für die Halbwertszeit eines Isotops.
Notation τRC\tau_{R C} (Zeitkonstante)
τRC=RC\tau_{R C} = R C, der Kehrwert der Abkling-Rate. Nach τRC\tau_{R C} ist die Spannung auf 1/e37%1/e \approx 37\,\% gefallen, nach 5τRC5\, \tau_{R C} praktisch null.

3Anfangsbedingung und Anfangswertproblem

3.1 Integrationskonstante aus Anfangswert

Wie wird aus der allgemeinen Lösung y(t)=Cekty(t) = C\, e^{k t} eine konkrete Funktion?

Das Rezept ist immer dasselbe: setze die Anfangsbedingung y(t0)=y0y(t_0) = y_0 in die allgemeine Lösung ein und löse nach CC auf. Im Wachstumsmodell: y0=Cekt0y_0 = C\, e^{k t_0}, also C=y0ekt0C = y_0\, e^{-k t_0}. Wieder eingesetzt: y(t)=y0ekt0ekt=y0ek(tt0)y(t) = y_0\, e^{-k t_0}\, e^{k t} = y_0\, e^{k(t - t_0)}.

Sonderfall t0=0t_0 = 0: dann wird ekt0=1e^{-k t_0} = 1 und C=y0C = y_0. Die spezielle Lösung vereinfacht sich zu y(t)=y0ekty(t) = y_0\, e^{k t}. Genau die Form aus Abschnitt 1.2.

Für das Abkling-Modell läuft alles analog: aus y(t)=Cekty(t) = C\, e^{-k t} und y(t0)=y0y(t_0) = y_0 folgt C=y0ekt0C = y_0\, e^{k t_0} und damit y(t)=y0ek(tt0)y(t) = y_0\, e^{-k(t - t_0)}. Der Unterschied steckt im Vorzeichen, das Verfahren ist identisch.

!!
CC aus Anfangsbedingung
y(t0)=y0    C=y0ekt0y(t_0) = y_0 \implies C = y_0\, e^{-k t_0}
Standardrezept: Anfangsbedingung in die allgemeine Lösung einsetzen, nach CC auflösen, wieder einsetzen.
!!
Resultierende spezielle Lösung
y(t)=y0ek(tt0)y(t) = y_0\, e^{k (t - t_0)}
Verifikation: bei t=t0t = t_0 ist e0=1e^{0} = 1, also y(t0)=y0y(t_0) = y_0. Der Anfangswert sitzt jetzt explizit als Vorfaktor.
Formel Allgemeines Schema
y(t0)=y0y(t)=y0e±k(tt0)y(t_0) = y_0 \Rightarrow y(t) = y_0\, e^{\pm k(t - t_0)}
++ bei Wachstum, - bei Abklingen. Der Anfangswert steht als Vorfaktor, das Vorzeichen entscheidet die Richtung.

3.2 Begriff Anfangswertproblem (AWP)

Was unterscheidet ein Anfangswertproblem von der reinen DGL?

Die DGL allein liefert eine ganze Funktionen-Schar (allgemeine Lösung). Ein Anfangswertproblem (AWP) besteht aus der DGL plus genau so vielen Anfangsbedingungen, wie die DGL Ordnung hat. Für Ordnung 1 reicht eine Anfangsbedingung der Form y(t0)=y0y(t_0) = y_0. Die zugehörige Lösung heisst spezielle Lösung.

Begrifflich kennen wir das schon aus Kap. VII.1 §3.4. In Abschnitt 3.1 oben haben wir den Mechanismus an Wachstum und Abklingen ein zweites Mal exerziert, jetzt formalisieren wir die Standardform für DGL 1. Ordnung.

!!!
AWP-Standardform 1. Ordnung
y=f(t,y),y(t0)=y0y' = f(t, y), \quad y(t_0) = y_0
Eine DGL plus eine Anfangsbedingung. Unter milden Voraussetzungen an ff folgt genau eine Lösung, mehr dazu in Abschnitt 3.3 und Kap. VII.3.
Anfangswert y0y_0 4.00
y(1)y(1) auf der Kurve 2.43
4.00
Abb. 3: Die Anfangsbedingung y(0)=y0y(0) = y_0 pickt aus dem Richtungsfeld genau eine Lösungskurve heraus. Zieh den Anfangspunkt.
Definition Anfangswertproblem (AWP)
Eine DGL zusammen mit so vielen Anfangsbedingungen, wie die DGL Ordnung hat. Die Lösung heisst spezielle Lösung.
Merke Faustregel
Ordnung nn braucht nn Anfangsbedingungen. 1. Ordnung: eine. 2. Ordnung: zwei (Position und Geschwindigkeit, siehe Abschnitt 4.1).

3.3 Eindeutigkeit der speziellen Lösung

Hat ein AWP immer genau eine Lösung, oder können verschiedene Funktionen durch denselben Anfangspunkt verlaufen?

Geometrische Intuition: an jedem Punkt (t0,y0)(t_0, y_0) gibt die DGL y=f(t,y)y' = f(t, y) genau einen Wert für die Steigung vor, nämlich f(t0,y0)f(t_0, y_0). Eine Lösungskurve folgt dieser Steigungsvorschrift Schritt für Schritt. Zwei verschiedene Lösungen durch denselben Punkt müssten dort dieselbe Steigung haben, also lokal übereinstimmen, und liefen damit identisch weiter.

Daraus folgt anschaulich: Lösungen können sich nicht kreuzen, sie partitionieren die (t,y)(t, y)-Ebene wie nicht-überschneidende Bahnen in einem Strömungsbild. Für glatte rechte Seiten ff ist diese Eindeutigkeit auch mathematisch streng beweisbar (Existenz- und Eindeutigkeitssatz von Picard-Lindelöf, Kap. VII.3). Bei den Wachstums- und Abkling-Modellen aus Abschnitt 1 und 2 ist f(t,y)=±kyf(t, y) = \pm k\, y überall glatt, also ist die Eindeutigkeit garantiert.

Merke Eindeutigkeit
Bei glatter rechter Seite ff liefert jedes AWP y=f(t,y),y(t0)=y0y' = f(t, y), y(t_0) = y_0 genau eine Lösung. Geometrisch: Lösungskurven kreuzen sich nicht.
Notation Picard-Lindelöf
Der Existenz- und Eindeutigkeitssatz für AWPs. Sagt: bei Lipschitz-stetigem ff gibt es lokal genau eine Lösung. Volle Behandlung in Kap. VII.3.

4Weitere Standardbeispiele

4.1 Harmonische Schwingung y'' + ω²y = 0 (Vorausblick)

Stell dir eine Masse mm an einer Feder vor, die du auslenkst und loslässt. Welche Bewegungsgleichung beschreibt ihre Auslenkung x(t)x(t)?

Das Hooke-Gesetz sagt: die Feder zieht mit einer Kraft kFx-k_F\, x zurück, proportional zur Auslenkung und ihr entgegengesetzt. kFk_F ist die Federkonstante (Einheit N/m), eine Materialeigenschaft, und hat nichts mit der Wachstumsrate kk aus Abschnitt 1 und 2 zu tun. Newtons zweites Gesetz liefert mx¨=kFxm\, \ddot{x} = -k_F\, x.

Umstellen: x¨+(kF/m)x=0\ddot{x} + (k_F/m)\, x = 0. Definieren wir ω2:=kF/m\omega^2 := k_F/m, dann hat die DGL die Form y+ω2y=0y'' + \omega^2\, y = 0 aus Kap. VII.1 §2.2. Eine DGL der Ordnung 2. ω\omega heisst Kreisfrequenz (Einheit rad/s) und ist die Eigenschaft des Systems, die festlegt, wie schnell es schwingt.

Aus Kap. VII.1 §3.3 kennen wir die allgemeine Lösung y(t)=Acos(ωt)+Bsin(ωt)y(t) = A\cos(\omega t) + B\sin(\omega t) mit zwei Scharparametern, passend zur Ordnung 2. Die zwei Anfangsbedingungen sind typischerweise Startauslenkung x(0)=x0x(0) = x_0 und Startgeschwindigkeit x˙(0)=v0\dot{x}(0) = v_0.

Vertieft wird das in Kap. VII.8 (höhere Ordnung) und VII.11 (Schwingungen mit Dämpfung und Resonanz).

!!
Newton + Hooke
mx¨=kFxm\ddot{x} = -k_F\, x
kFk_F ist die Federkonstante (Einheit N/m). Das Minuszeichen kommt von der Rückstellung: die Kraft zieht immer zur Ruhelage zurück.
!!!
Standardform harmonische Schwingung
y+ω2y=0,ω2=kF/my'' + \omega^2\, y = 0, \quad \omega^2 = k_F/m
DGL der Ordnung 2 mit konstantem Koeffizienten. ω=kF/m\omega = \sqrt{k_F/m} ist die Kreisfrequenz, Einheit rad/s.
Notation kFk_F (Federkonstante)
Nicht verwechseln mit der Wachstumsrate kk aus Abschnitt 1 und 2. kFk_F hat Einheit N/m und ist eine Materialeigenschaft der Feder.
Notation ω\omega (Kreisfrequenz)
ω=kF/m\omega = \sqrt{k_F/m}, Einheit rad/s. Bereits in Kap. VII.1 §2.2 als Notation eingeführt. Skalar, nicht zu verwechseln mit der vektoriellen Winkelgeschwindigkeit aus Kap. VI.

4.2 Fall mit Luftwiderstand

Wirf einen Stein aus dem Fenster. Ohne Luftwiderstand würde er unbegrenzt schneller werden. Mit Luftwiderstand stellt sich nach einer Weile eine Endgeschwindigkeit ein. Welche DGL beschreibt das?

Newton in vertikaler Richtung: Schwerkraft mgm g nach unten, Reibungskraft proportional zur Geschwindigkeit und entgegen der Bewegung. Mit positiver Richtung nach unten und Reibungskonstante a>0a > 0 (Einheit kg/s): mx¨=mgax˙m\, \ddot{x} = m g - a\, \dot{x}. Achtung: aa ist hier die Reibungskonstante, nicht zu verwechseln mit der Wachstumsrate kk aus Abschnitt 1.

Eine DGL Ordnung 2 in xx. Trick: uns interessiert nur die Geschwindigkeit v=x˙v = \dot{x}, nicht die Position. Mit v=x˙v = \dot{x} ist v˙=x¨\dot{v} = \ddot{x}, und die DGL wird mv˙=mgavm\, \dot{v} = m g - a\, v: eine lineare DGL 1. Ordnung in vv mit konstanter Inhomogenität mgm g. Dieselbe Reduktion kennen wir aus Kap. VII.1 §1.1, systematisch dann in Kap. VII.12.

Ansatz: v(t)=vpart+vhom(t)v(t) = v_{\mathrm{part}} + v_{\mathrm{hom}}(t). Die konstante Partikulär-Lösung folgt aus 0=mgavpart0 = m g - a\, v_{\mathrm{part}}, also vpart=mg/av_{\mathrm{part}} = m g / a.

Die homogene Gleichung mv˙=avm\, \dot{v} = -a\, v ist das Abkling-Modell aus Abschnitt 2.1 mit Rate a/ma/m, Lösung vhom(t)=Ceat/mv_{\mathrm{hom}}(t) = C\, e^{-a t / m}. Gesamtlösung: v(t)=mg/a+Ceat/mv(t) = m g / a + C\, e^{-a t / m}.

Anfangsbedingung v(0)=0v(0) = 0 (Stein losgelassen, nicht geworfen): 0=mg/a+C0 = m g / a + C, also C=mg/aC = -m g / a. Einsetzen: v(t)=(mg/a)(1eat/m)v(t) = (m g / a)\, (1 - e^{-a t / m}).

Die Endgeschwindigkeit ist die Asymptote für tt \to \infty: v=mg/av_\infty = m g / a. Die allgemeine Behandlung dieser Klasse folgt in Kap. VII.5.

!!!
Newton mit Luftwiderstand
mx¨=mgax˙m\ddot{x} = m g - a\, \dot{x}
aa ist die Reibungskonstante (Einheit kg/s). nicht zu verwechseln mit der Wachstumsrate kk aus Abschnitt 1.
!!
Reduktion auf Ordnung 1 mit v=x˙v = \dot{x}
mv˙=mgavm\dot{v} = m g - a\, v
Die Substitution v=x˙v = \dot{x} verwandelt eine DGL 2. Ordnung in xx in eine DGL 1. Ordnung in vv. Pattern aus Kap. VII.1 §1.1.
!!!
Spezielle Lösung mit AWP v(0)=0v(0) = 0
v(t)=mga(1eat/m)v(t) = \dfrac{m g}{a}\,\bigl(1 - e^{-a t / m}\bigr)
Für t=0t = 0 ist die Klammer null. Für tt \to \infty klingt der Exponential-Term ab und vv nähert sich der Endgeschwindigkeit.
!!
Endgeschwindigkeit
v=mgav_\infty = \dfrac{m g}{a}
Asymptote für tt \to \infty. Bei dieser Geschwindigkeit wird Schwerkraft gleich Reibungskraft, Netto-Kraft null, Beschleunigung null.
Reibungs-Rate kk 0.50
v=g/kv_\infty = g/k 19.62
vv' am Start 9.81
0.50
Abb. 4: Geschwindigkeit v(t)v(t) beim Fall mit Luftwiderstand, v=gkvv' = g - k\, v. vv läuft auf die Endgeschwindigkeit v=g/kv_\infty = g/k zu; zieh den Startwert v0v_0.
Notation aa (Reibungskonstante)
Nicht verwechseln mit der Wachstumsrate kk aus Abschnitt 1. Hier: Einheit kg/s, Proportionalitätsfaktor zwischen Reibungskraft und Geschwindigkeit.
Notation gg (Erdbeschleunigung)
g9,81g \approx 9{,}81 m/s². Konstante im Schwerefeld der Erde nahe der Oberfläche.
Formel Endgeschwindigkeit
v=mgav_\infty = \dfrac{m g}{a}
Asymptote des freien Falls mit Luftwiderstand. Schwerkraft im Gleichgewicht mit Reibungskraft.

Aufgaben mit Musterlösungen

Übungsaufgaben zu Wachstum, Abklingen und Anfangswertproblem folgen in einer Phase-2-Runde.

Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.

MerkeErst selbst rechnen, dann Lösung prüfen!