Was passiert, wenn alle Koeffizienten in einer linearen DGL konstante Zahlen statt -Funktionen sind? Genau diese Sonderklasse ist es, die sich am einfachsten lösen lässt.
Wir starten von der allgemeinen Form aus VII.9. Dort durften die Vorfaktoren noch beliebige Funktionen von sein. Jetzt schränken wir die Vorfaktoren auf feste Zahlen ein und betrachten die homogene Variante (rechte Seite null):
In Worten: nimm die Funktion und ihre Ableitungen bis zur Ordnung , multipliziere jede mit einer festen Zahl, addiere alles, und das Ergebnis soll null sein. Mehr verlangt diese Klasse nicht.
Anschaulich: die Koeffizienten beschreiben die Eigenschaften eines Systems, das sich mit der Zeit nicht ändert. Eine Schaukel mit gegebener Pendellänge, ein Schwingkreis mit fester Spule und festem Kondensator, ein Balken mit unveränderlicher Steifigkeit. Genau so ein System mit eingebauten, zeitunabhängigen Eigenschaften führt auf eine DGL mit konstanten Koeffizienten.
Warum ist das die einfachste Klasse? Weil sich die Lösung allein durch Algebra erschlagen lässt: kein einziges Integral, nur Nullstellen eines Polynoms. Die Rechnung dazu kommt in §2. Jetzt klären wir nur die Notation und merken uns, dass diese Form überall in Physik und Technik auftaucht.
Welche eine Funktion bleibt bei beliebig oft Ableiten formal immer dieselbe, nur mit anderem Vorfaktor? Genau diese Eigenschaft des Exponentials machen wir uns hier zunutze.
Schau auf die Funktion mit einer noch unbekannten Zahl . Jede Ableitung produziert wieder ein Exponential, nur mit einem zusätzlichen Faktor :
Anschaulich: ist die Eigenfunktion des Ableitens. Wie ein Eigenvektor von der Matrix nur skaliert (nicht gedreht) wird, wird vom Ableiten nur skaliert, mit Faktor .
Setze nun in die DGL aus 1.1 ein. Jeder Term hat denselben Exponential-Faktor , der sich überall herausklammern lässt:
Die ganze DGL kollabiert auf eine Polynomgleichung in . Sie bekommt in §2 einen Namen und ist der Schlüssel zum Kapitel. Aus einem unendlich-dimensionalen Funktionen-Problem wird ein endliches algebraisches, das du in Minuten knackst.
Stell dir vor, du setzt in die DGL ein und das Exponential lässt sich überall herauskürzen. Was übrig bleibt, ist eine reine Polynomgleichung in . Genau diese Gleichung bekommt jetzt einen Namen.
Definition. Das charakteristische Polynom der DGL ist
In Worten: übersetze die DGL Term für Term. Jede -te Ableitung wird zur Potenz , das selbst zu , die Vorfaktoren bleiben. Ein Lese-Trick, kein Rechnen.
Anschaulich: wirkt wie ein Filter. Von allen Exponentialen lässt es genau die durch, deren Exponent es auf null abbildet; alle anderen erfüllen die DGL nicht.
Beispiel (nur Lese-Trick). Nimm . Übersetzung: , , , .
Mit den Vorfaktoren ergibt sich . Mehr ist im Lese-Trick nicht zu tun, die Nullstellen folgen in 3.2.
Wie viele Nullstellen gibt das charakteristische Polynom, und sind das genug Lösungen für ein Fundamentalsystem? Wenn Nullstelle des Polynoms ist, ist Lösung der DGL.
Der Übergang aus 1.2 sagt es bereits: einsetzen von liefert . Da das Exponential nirgends null ist, muss gelten. Wir formulieren das als Hauptsatz:
Anschaulich: die Nullstellen sind die erlaubten Exponenten. Jede Nullstelle liefert einen Lösungs-Baustein . Damit ist die Suche nach Lösungen der DGL auf die Suche nach Nullstellen eines Polynoms reduziert.
Wie viele Nullstellen gibt es? Der Fundamentalsatz der Algebra garantiert: ein Polynom vom Grad hat genau Nullstellen, gezählt mit Vielfachheit und über den komplexen Zahlen. Genau diese Nullstellen liefern uns die Bausteine, die wir gemäss VII.9 für ein Fundamentalsystem brauchen. Die Dimension passt zur Ordnung der DGL, ganz wie in VII.9 §2.1 versprochen.
Achtung Stolperstellen: eine mehrfache Nullstelle liefert nur eine Lösung, obwohl wir mehrere bräuchten; komplexe Nullstellen geben formal komplexe Exponentiale, wir wollen aber reelle Lösungen. Beides reparieren wir in §3.
Der Plan steht aber: Polynom-Nullstellen einsammeln, daraus Exponential-Basis bauen, fertig.
Was passiert im einfachsten Fall, wenn das charakteristische Polynom verschiedene reelle Nullstellen hat? Das Fundamentalsystem fällt direkt aus dem Apparat heraus.
Seien die paarweise verschiedenen reellen Nullstellen von . Jede liefert nach 2.2 einen Baustein , und alle zusammen bilden ein Fundamentalsystem:
Konkreter Fall. Nimm . Lese-Trick: , zwei einfache reelle Nullstellen , .
Damit ist das Fundamentalsystem und . (Diese DGL kommt in 4.2 erneut, mit hyperbolischer Lesart.)
Anschaulich: jede Nullstelle ist eine eigene Wachstums-Geschwindigkeit: Wachsen, Abklingen, konstant. Die allgemeine Lösung mischt diese Modi linear, die Konstanten bestimmen, wie stark jeder beigemischt ist.
Eine doppelte Nullstelle gibt dir nur eine Exponential-Lösung, obwohl du zwei brauchst. Wo kommt die zweite her?
Sei eine Nullstelle von mit Vielfachheit . Das heisst, enthält den Faktor . Naiv bekommst du nur den einen Baustein . Du brauchst aber unabhängige, sonst zerreisst die Dimensions-Bilanz aus 2.2.
Der Trick: multipliziere mit . Diese Funktionen sind linear unabhängig und lösen alle die DGL. Damit hast du genau Bausteine pro Nullstelle der Vielfachheit .
Anschaulich: die doppelte Nullstelle ist wie eine doppelte Resonanz: zwei Bausteine kollabieren in einen, und du erzeugst den zweiten, indem du den ersten mit multiplizierst. Dieselbe Idee wie der Resonanzfall in VII.9 §4.2.
Konkreter Fall. Nimm , also , dreifache Nullstelle . Fundamentalsystem , Lösung .
Probe am mittleren Baustein: , , , einsetzen . Passt.
Bei komplex-konjugierten Nullstellen kämen formal komplexe Exponentiale heraus. Wie holst du daraus reelle Lösungen?
Wir gehen schrittweise vor. Reelle Koeffizienten in garantieren, dass komplexe Nullstellen paarweise als auftreten (, ). Beide liefern formal je einen Exponential-Baustein:
Eulersche Formel: . Damit wird , und entsprechend (Vorzeichenwechsel beim Imaginärteil).
Trick: dank Linearität (VII.9 §1.3) ist jede Linearkombination erlaubt. Halb-Summe der beiden komplexen Bausteine gibt den Realteil, Halb-Differenz (durch ) den Imaginärteil. Beide sind reell und linear unabhängig.
Anschaulich: ist die Dämpfungs-Rate (positives : Anschwellen, negatives : Abklingen, : ungedämpft) und die Schwingungs-Frequenz. Reale Schwingungs-Systeme (Pendel mit Luftreibung, Schwingkreis mit Widerstand) tragen genau diese Bauteile, und der Mantel ist die Einhüllende, in der die Sinus-Welle steckt.
Diese geometrische Lesart ist die Schiene, auf der das nächste Kapitel zur gedämpften Schwingung läuft: die Stärke der Dämpfung entscheidet, ob und beide auftreten oder ob die Nullstelle reell wird.
Kombiniere die beiden Spezialfälle: was ist, wenn ein komplexes Nullstellen-Paar mit Vielfachheit zwei auftritt?
Sei ein konjugiert-komplexes Paar mit Vielfachheit . Aus 3.2 weisst du: pro Vielfachheit musst du den Standard-Baustein mit versehen. Aus 3.3 weisst du: das komplexe Paar liefert reelle Bausteine und . Beides kombinierst du:
Konkreter Fall. Nimm , also , jeweils doppelt (, , ).
Das Fundamentalsystem ist , vier reelle Bausteine (passt zu Polynom-Grad ).
| Nullstellen-Typ | Bedingung | Reelle Bausteine |
|---|---|---|
| reell, einfach | , Vielfachheit | |
| reell, -fach | , Vielfachheit | für |
| komplex, einfach | , Vielfachheit | |
| komplex, -fach | , Vielfachheit | , |
Diese Tabelle ist dein Spickzettel: vier Zeilen, jede liefert die genaue Form. In der Klausur faktorisierst du , identifizierst die Nullstellen-Typen, liest die Zeilen ab, mischst alles mit Konstanten. Mehr Stoff hat dieses Kapitel-Stück nicht.
Was bekommen wir, wenn wir den Apparat auf die wichtigste DGL der Physik anwenden? Genau die und aus VII.8 §5, diesmal aus dem charakteristischen Polynom abgeleitet, nicht geraten.
Gegeben sei mit Konstante . Diese DGL beschreibt die ungedämpfte harmonische Schwingung: Federmasse-System ohne Reibung, mathematisches Pendel im Kleinwinkel-Bereich, idealer LC-Schwingkreis. Anwenden des Lese-Tricks aus 2.1:
Tabellen-Anwendung (Zeile komplex, einfach aus 3.4): mit verschwindet der Dämpfungs-Mantel . Übrig bleiben die zwei reellen Bausteine und .
Probe. , also . Passt. Dasselbe Argument für .
Die wirkliche Pointe: du hast und nicht raten müssen. Das charakteristische Polynom hat sie aus den Koeffizienten herausgepresst. Genau diese Mechanisierung des Lösens ist der Grund, warum konstante Koeffizienten so beliebt sind.
Was passiert, wenn das Vorzeichen vor umkippt? Aus den Schwingungen werden hyperbolische Funktionen. Die Theorie produziert das automatisch aus dem charakteristischen Polynom.
Gegeben sei . Verglichen mit 4.1 hat sich nur das Vorzeichen vor umgedreht (statt steht ). Konsequenz für das charakteristische Polynom:
Tabellen-Anwendung (Zeile reell, einfach aus 3.4): zwei reelle Bausteine und . Die allgemeine Lösung lautet
Anschaulich: das Vorzeichen des Glieds bei entscheidet alles. Vorzeichen heisst rücktreibende Kraft (Schwingung), Vorzeichen heisst abstossende Kraft (exponentielles Auseinanderlaufen). Genau diesen Unterschied liest das charakteristische Polynom aus dem Vorzeichen ab, ohne dass du physikalisch argumentieren müsstest.
Anwendung: hyperbolische Funktionen tauchen in der Wärmeleitung mit festem Temperatur-Profil, in der Statik eines hängenden Seils (Kettenlinie), und im stationären E-Feld in Schichten auf. Immer dort, wo etwas fern vom Rand exponentiell abklingt, statt zu schwingen.
Wie kombinierst du die drei Bauteile aus §3, wenn eine DGL 3. oder 4. Ordnung gleichzeitig reelle, doppelte und komplexe Nullstellen hat? Wie ein Lego-Set: jeder Nullstellen-Typ bringt seine Bausteine ein, am Ende stehst du mit unabhängigen Lösungen da.
Beispiel 1. Nimm . Lese-Trick: , Nullstellen .
Drei verschiedene Nullstellen: eine reell (), ein konjugiert-komplexes Paar ().
Auswertung mit der Tabelle aus 3.4:
Damit ist das Fundamentalsystem und die allgemeine Lösung
Beispiel 2 (komplex und Vielfachheit zusammen). Nimm . Das charakteristische Polynom ist . Damit ist jeweils doppelt. Mit der Tabellen-Zeile komplex--fach ergibt sich das Fundamentalsystem und die allgemeine Lösung
Was, wenn die Koeffizienten nicht konstant, sondern selbst Potenzen von sind, und zwar genau so, dass sich die -Übergewichte aufheben? Diese spezielle Bauart heisst Euler-DGL.
Definition. Eine homogene Euler-DGL der Ordnung hat die Form
In Worten: in jedem Term steht eine Potenz vor genau der -ten Ableitung . Beide Exponenten sind gleich, . Diese genau abgestimmte Bauart unterscheidet Euler-DGL von einer beliebigen DGL mit variablen Koeffizienten.
Anschaulich (Skalierungs-Invarianz): ersetze durch (). Jede Ableitung schluckt nach Kettenregel einen Faktor , jede Potenz wird zu , zusammen , also dieselbe Skalierung in jedem Term.
Die ganze Gleichung lässt sich durch diesen gemeinsamen Faktor teilen und bleibt formal dieselbe. Genau diese Skalierungs-Invarianz gibt der Euler-DGL ihren eigenen Namen.
Achtung: die Euler-DGL ist nur für in dieser Form definiert (sonst werden Potenzen und der spätere Logarithmus problematisch). Für würde man einsetzen. In der Vorlesung beschränken wir uns auf , das genügt für alle Anwendungen.
Beispiel. . Jeder Term passt: (beide ), (beide ), (beide ). Das ist eine Euler-DGL zweiter Ordnung. Lösen folgt in 5.4.
Warum funktioniert bei der Euler-DGL der Exponentialansatz nicht mehr, und was tritt an seine Stelle? Bei konstanten Koeffizienten war der natürliche Ansatz; jetzt sind es Potenzen .
Der Skalierungs-Bauplan aus 5.1 verlangt eine Ansatz-Funktion, die unter Skalierung wieder dieselbe Form bekommt. Das tut die Potenz: . Bis auf einen Vorfaktor identisch. Setze also mit unbekannter Zahl und schaue, was beim Ableiten passiert:
Beobachtung. Multipliziere mit dem zugehörigen aus der Euler-DGL: . Die Potenz ist dieselbe wie bei selbst. Damit lässt sich in der ganzen Euler-DGL überall ausklammern, ähnlich wie das Exponential bei konstanten Koeffizienten in 1.2.
Anschaulich: ist die Eigenfunktion des Operators : jede Anwendung gibt mal eine Konstante. Damit ist die natürliche Sprache skalierungs-invarianter Probleme, wie die der translations-invarianten.
Wie beim charakteristischen Polynom presst der Ansatz die DGL auf eine einzige Polynomgleichung. Hier heisst sie Index-Polynom; die Mechanik ist dieselbe.
Setze in die Euler-DGL aus 5.1 ein und klammere aus. Übrig bleibt das
Speziell für (häufigster Klausurfall): die Euler-DGL liefert das einfachere Index-Polynom
In Worten: wie der Lese-Trick aus 2.1 für konstante Koeffizienten, gibt es auch hier eine direkte Übersetzung von Euler-DGL zu Index-Polynom. Multipliziere die fallende Folge aus den Ableitungen mit dem Vorfaktor , summiere alles, fertig.
Brücke zu konstanten Koeffizienten: die Substitution verwandelt die Euler-DGL in eine mit konstanten Koeffizienten in der Variable . Die Euler-DGL ist also nur eine verkleidete Form.
Wir rechnen das nicht aus, aber merke dir die Idee als Grund, warum und Index-Polynom funktionieren.
Reelle, mehrfache und komplexe Wurzeln des Index-Polynoms werden analog zum konstanten Fall behandelt. Welche Pendants tauchen hier auf?
Die Fallunterscheidung folgt der Struktur aus §3, nur mit der Übersetzung und . Das Wörterbuch:
| Wurzel-Typ | Bedingung | Reelle Bausteine |
|---|---|---|
| reell, einfach | , Vielfachheit | |
| reell, -fach | , Vielfachheit | , |
| komplex, einfach | , Vielfachheit | , |
| komplex, -fach | , Vielfachheit | und analog , |
Übersetzungs-Regel: wo bei konstanten Koeffizienten stand (im Faktor oder im Argument), steht hier . Wo stand, steht hier . Mehr nicht. Diese Tabelle ist dein Spickzettel für die Euler-DGL.
Beispiel. Nimm aus 5.1. Direkt-Aufstellung mit 5.3: , , also . Doppelte reelle Nullstelle . Tabellen-Zeile reell--fach mit :
Schluss-Probe. Setze ein: , , also , , .
Summe nach Vorzeichen: vor , vor . Passt.
Damit ist die Theorie komplett: Euler-DGL erkennen (5.1), Ansatz machen (5.2), Index-Polynom aufstellen (5.3), Tabelle anwenden (5.4). Vier Schritte, mehr Aufwand verlangt diese Klasse nicht.
Übungsaufgaben werden in Kürze ergänzt.
Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.