1Enveloppe einer Kurvenschar

1.1 Hüllkurve einer Kurvenfamilie

Stell dir eine ganze Familie von Wurfparabeln vor, alle aus derselben Kanone, nur in verschiedene Richtungen abgefeuert. Wo verläuft der Rand des erreichbaren Bereichs?

Das ist die Frage dieses Kapitels. Wir haben eine Schar von Kurven (jeder Abschusswinkel α\alpha eine eigene Wurfparabel) und suchen eine Kurve ausserhalb der Schar, die jeden ihrer Punkte mit genau einer Schar-Kurve teilt und sie wie ein Schatten umgrenzt. Sie heisst Enveloppe (deutsch Hüllkurve oder Umhüllende).

Formal: gegeben eine Kurvenschar mit Parameter CRC \in \mathbb{R}. Eine Kurve KK heisst Enveloppe, wenn sie in jedem ihrer Punkte eine Schar-Kurve berührt, also denselben Punkt und dieselbe Tangente teilt. Die Enveloppe gehört nicht zur Schar; sie ist ein neuer Akteur, den die Schar erzeugt.

Definition Enveloppe (Hüllkurve)
Kurve KK, die in jedem ihrer Punkte eine Kurve der gegebenen Schar berührt (Tangenten stimmen dort überein). KK selbst gehört nicht zur Schar.
Notation F(x,y,C)F(x, y, C)
Dreistellige Funktion: zwei Raumvariablen x,yx, y plus Scharparameter CC. Nicht zu verwechseln mit f(x,y)f(x, y) aus VII.3, das nur die rechte Seite einer DGL ist.
Merke Synonyme
Enveloppe == Hüllkurve == Umhüllende. Drei Worte für dasselbe Objekt. Die Vorlesung nennt das Kapitel „Enveloppen“; viele Lehrbücher sagen Hüllkurve.

1.2 Berechnung über das System F(x,y,C)=0F(x, y, C) = 0 und FC(x,y,C)=0F_C(x, y, C) = 0

Wie findet man die Hüllkurve mathematisch, wenn die Schar als implizite Gleichung F(x,y,C)=0F(x, y, C) = 0 gegeben ist?

Die Antwort ist verblüffend kompakt: lös das System aus zwei Gleichungen, eine für die Schar und eine für ihre Ableitung nach dem Parameter CC. Dahinter steckt eine geometrische Idee, die wir jetzt skizzieren, denn sie macht die Formel sofort plausibel.

Schau auf die Enveloppe als parametrisierte Kurve C(x(C),y(C))C \mapsto \bigl(x(C), y(C)\bigr): für jedes CC der Punkt, an dem sie die zugehörige Schar-Kurve berührt.

Da dieser Punkt auf der Schar-Kurve liegt, gilt F(x(C),y(C),C)=0F\bigl(x(C), y(C), C\bigr) = 0 für alle CC. Die totale Ableitung nach CC ist also identisch null:

!
Totale Ableitung der Schar-Bedingung
Fxx˙(C)+Fyy˙(C)+FC=0F_x\, \dot{x}(C) + F_y\, \dot{y}(C) + F_C = 0
Fx,Fy,FCF_x, F_y, F_C sind die partiellen Ableitungen von FF nach x,y,Cx, y, C. Punkt-Bezeichner x˙(C)=dx/dC\dot{x}(C) = dx/dC als Ableitung der Enveloppen-Parametrisierung nach CC.

Die Berührbedingung liefert die zweite Information: an jedem Berührungspunkt stimmen die Steigungen von Enveloppe und Schar-Kurve überein.

Die Steigung der Enveloppe ist y˙/x˙\dot{y}/\dot{x}, die der impliziten Schar-Kurve Fx/Fy-F_x/F_y. Gleichsetzen und Umstellen gibt Fxx˙+Fyy˙=0F_x \dot{x} + F_y \dot{y} = 0.

Vergleich mit der totalen Ableitung von oben: subtrahiert man die Berührbedingung von der totalen Ableitung, bleibt FC=0F_C = 0 übrig. Genau diese eine Gleichung suchen wir zusätzlich. Damit ist das Enveloppen-System komplett:

!!!
Enveloppen-System
F(x,y,C)=0FC(x,y,C)=0\begin{aligned} F(x, y, C) &= 0 \\ F_C(x, y, C) &= 0 \end{aligned}
Zwei Gleichungen, drei Unbekannte (x,y,C)(x, y, C). Eliminiere CC, und du erhältst eine einzige Gleichung in (x,y)(x, y). Das ist die Gleichung der Enveloppe.
Formel Enveloppen-System
F=0    FC=0F = 0 \;\wedge\; F_C = 0
Zwei Gleichungen, dann CC eliminieren. Liefert die Enveloppe (oder Ausnahmepunkte als Beifang).
Notation FCF_C
Partielle Ableitung von FF nach dem Scharparameter CC, also F/C\partial F/\partial C bei festgehaltenen x,yx, y. Differenzialrechnung in mehreren Variablen, vgl. Kap. IV.
Merke Drei-Schritte-Algorithmus
(1) Schar in Form F(x,y,C)=0F(x, y, C) = 0 bringen. (2) FC=0F_C = 0 ausrechnen. (3) CC aus beiden Gleichungen eliminieren.
Querverweis Verweise
→ VII.3 §5.2 Schar erzeugt DGL

1.3 Wurfparabel-Schar und Geradenschar mit Hyperbel-Hülle

Winkel α\alpha 45.0°
Berührpunkt xx 1.00
Steigung dort −1.00
Hülle − Parabel 0.00
45
Abb. 1: Wurfparabel-Schar (alle aus derselben Kanone, Tempo v0=1v_0 = 1, g=1g = 1) und ihre Sicherheitsparabel y=1212x2y = \tfrac12 - \tfrac12 x^2 in Gold. Ziehe den Abschusswinkel; die fette Parabel berührt die Hülle in genau einem Punkt.

Wie rechnet man eine Enveloppe konkret aus? Zwei Standardbeispiele zum Mitrechnen: die Sicherheitsparabel aus der Ballistik und eine Geradenschar mit einer Hyperbel als Hülle.

Beispiel 1, Wurfparabel-Schar. Ein Massenpunkt wird vom Ursprung mit Anfangsgeschwindigkeit v0v_0 unter dem Winkel α\alpha schräg nach oben abgefeuert. Erdbeschleunigung g>0g > 0. Eliminiert man die Zeit aus den Bewegungsgleichungen, erhält man die Bahnkurve in Abhängigkeit von xx:

!!
Wurfparabel zum Winkel α\alpha
y(x)=xtan(α)g2v02cos2(α)x2y(x) = x \tan(\alpha) - \dfrac{g}{2\, v_0^2 \cos^2(\alpha)}\, x^2
Parameter ist der Abschusswinkel α(0,π/2)\alpha \in (0, \pi/2). Jeder Winkel liefert eine eigene Parabel. Reichweite, Steighöhe und Form hängen alle von α\alpha ab.

Mit der Abkürzung h:=g/(2v02)h := g/(2 v_0^2) lautet die Schar-Form F(x,y,α):=yxtan(α)+(h/cos2(α))x2=0F(x, y, \alpha) := y - x \tan(\alpha) + (h/\cos^2(\alpha))\, x^2 = 0.

Die Ableitung nach α\alpha gibt Fα=x/cos2(α)+2hsin(α)x2/cos3(α)=0F_\alpha = -x/\cos^2(\alpha) + 2h\, \sin(\alpha)\, x^2/\cos^3(\alpha) = 0, also tan(α)=1/(2hx)\tan(\alpha) = 1/(2hx). Einsetzen in F=0F = 0 liefert nach Vereinfachung die Enveloppe:

!!!
Sicherheitsparabel (Enveloppe der Wurfparabeln)
y(x)=v022gg2v02x2y(x) = \dfrac{v_0^2}{2 g} - \dfrac{g}{2\, v_0^2}\, x^2
Selbst wieder eine Parabel, nach unten offen. Maximalhöhe v02/(2g)v_0^2/(2g) bei x=0x = 0. Maximalreichweite v02/gv_0^2/g bei y=0y = 0. Jenseits dieser Parabel kann kein Schuss landen, egal mit welchem Winkel.

Beispiel 2, Geradenschar mit Hyperbel-Hülle. Familie y=Cx+Cy = C\, x + \sqrt{-C} mit C<0C < 0, in Schar-Form F(x,y,C):=y+Cx+C=0F(x, y, C) := -y + C x + \sqrt{-C} = 0.

Ableiten nach CC: FC=x12C=0F_C = x - \dfrac{1}{2\sqrt{-C}} = 0, also C=1/(2x)\sqrt{-C} = 1/(2x) und C=1/(4x2)C = -1/(4x^2) für x>0x > 0. Einsetzen liefert y=1/(4x)+1/(2x)=1/(4x)y = -1/(4x) + 1/(2x) = 1/(4x):

!
Hyperbel als Enveloppe der Geradenschar
y(x)=14x,x>0y(x) = \dfrac{1}{4x}, \quad x > 0
Die Enveloppe ist der positive Ast einer Hyperbel xy=1/4x\, y = 1/4. Jede Gerade der Schar tangiert diese Hyperbel in genau einem Punkt; die Hyperbel wird von der Geradenschar von aussen eingehüllt.
Formel Sicherheitsparabel
y=v022gg2v02x2y = \dfrac{v_0^2}{2g} - \dfrac{g}{2\, v_0^2} x^2
Maximalhöhe v02/(2g)v_0^2/(2g), Reichweite v02/gv_0^2/g. Klassisches Resultat aus der Ballistik.
Notation v0,g,αv_0, g, \alpha
v0v_0: Anfangsgeschwindigkeit (m/s). gg: Erdbeschleunigung (≈ 9.81 m/s²). α\alpha: Abschusswinkel zur Horizontalen, Schar-Parameter.
Merke Reichweiten-Faustformeln
Optimaler Winkel: α=45°\alpha = 45° für maximale Reichweite. Reichweite bei optimalem Winkel: v02/gv_0^2/g. Steighöhe bei senkrechtem Schuss: v02/(2g)v_0^2/(2g).

2Singuläre Lösungen

2.1 Lösung, die nicht zur Schar gehört

Aus VII.4 §2.4 kennen wir konstante Lösungen, die im Trennungsverfahren herausgekürzt werden. Wie passt das zum Enveloppen-Bild?

Erinnerung an die separierbare DGL y=g(x)h(y)y' = g(x)\, h(y): das Trennen verlangt h(y)0h(y) \neq 0. An den Nullstellen von hh versteckt sich oft eine zusätzliche Lösung, die das Verfahren nicht findet, die singuläre Lösung: eine Lösung, die in der allgemeinen Schar (mit Parameter CC) nicht enthalten ist.

!!
Singuläre Lösung (Definition)
y(x) lo¨st DGL,y(x){yC(x):CR}\begin{aligned} &y_*(x) \text{ löst DGL}, \\ &y_*(x) \notin \bigl\{y_C(x) : C \in \mathbb{R}\bigr\} \end{aligned}
yCy_C bezeichnet die allgemeine Lösungsschar. yy_* ist eine Lösung „ausserhalb des Familienalbums“. Der Parameter CC kann sie nicht mehr aufnehmen, egal welchen Wert man wählt.

Konkretes Beispiel zum Anker. Die DGL y=3y2/3y' = 3\, y^{2/3} (separierbar mit g(x)=3g(x) = 3 und h(y)=y2/3h(y) = y^{2/3}) hat als allgemeine Lösung die Schar y(x)=(xC)3y(x) = (x - C)^3 mit CRC \in \mathbb{R}. Daneben löst auch y0y \equiv 0 die DGL: 0=0=302/30' = 0 = 3 \cdot 0^{2/3}, passt. Die Nulllösung steckt nicht in der Schar (kein CC macht (xC)30(x-C)^3 \equiv 0). Sie ist die singuläre Lösung, herausgekürzt durch das Trennen mit h(y)=y2/3h(y) = y^{2/3} im Nenner.

Schau dir die Schar an: jede Kurve y=(xC)3y = (x - C)^3 läuft durch (C,0)(C, 0), hat dort eine waagrechte Tangente und berührt so die xx-Achse, jede an einer anderen Stelle.

Die xx-Achse (y0y \equiv 0) ist also die Enveloppe der Schar, sie berührt jede Lösung in (C,0)(C, 0). Genau diese Doppelrolle (singuläre Lösung und Enveloppe) ist der Grund für dieses Kapitel.

Definition Singuläre Lösung
Eine Lösung der DGL, die nicht in der allgemeinen Lösungsschar enthalten ist. Kein Wert des Scharparameters CC kann sie reproduzieren.
Merke Erkennungs-Reflex
Separable DGL y=g(x)h(y)y' = g(x) h(y): Nullstellen von hh sind Verdachtskandidaten. Konstante Funktionen yyy \equiv y_* mit h(y)=0h(y_*) = 0 lösen die DGL automatisch.

2.2 Singuläre Lösung als Enveloppe

CC 0.00
Berührpunkt (0.00, 0)
Steigung in (C,0)(C,0) 0.00
0.00
Abb. 2: Lösungsschar y=(xC)3y = (x - C)^3 der DGL y=3y2/3y' = 3\, y^{2/3} (blass) und die singuläre Lösung y0y \equiv 0 in Gold. Ziehe CC: die fette Kubik berührt die xx-Achse in (C,0)(C, 0) mit waagrechter Tangente.

Warum ist die singuläre Lösung meistens genau die Enveloppe der allgemeinen Lösungsschar? Zeigen wir es an einem Beispiel.

Zurück zur DGL y=3y2/3y' = 3\, y^{2/3} aus §2.1. Allgemeine Lösungsschar y=(xC)3y = (x - C)^3, singuläre Lösung y0y \equiv 0. Frage: in welchem Verhältnis steht die Nulllösung zur Schar geometrisch?

Schau auf einen Punkt (C0,0)(C_0, 0). Die Schar-Kurve y=(xC0)3y = (x - C_0)^3 läuft durch ihn, ihre Ableitung dort ist y=3(xC0)2x=C0=0y' = 3(x - C_0)^2|_{x = C_0} = 0, dieselbe Steigung wie die Nulllösung y0y \equiv 0. Die beiden berühren sich also in (C0,0)(C_0, 0).

Da das für jedes C0C_0 gilt, berührt die Nulllösung in jedem Punkt der xx-Achse genau eine Schar-Kurve. Das ist die Definition einer Enveloppe (§1.1).

!!
Sing-Lösung als Enveloppe
y0  beru¨hrt  y=(xC)3in jedem Punkt  (C,0)\begin{aligned} &y \equiv 0 \;\text{berührt}\; y = (x - C)^3 \\ &\text{in jedem Punkt}\; (C, 0) \end{aligned}
Die singuläre Lösung übernimmt geometrisch die Rolle der Enveloppe. Dieses Muster ist typisch, nicht nur Spezialfall: singuläre Lösungen sind in der Regel Enveloppen der allgemeinen Schar.
Merke Geometrische Identität
Singuläre Lösung == Enveloppe der allgemeinen Lösungsschar (in den allermeisten Fällen). Diese Verbindung erlaubt es, singuläre Lösungen über die Enveloppen-Berechnung aus §1.2 zu finden.

2.3 Wann hat eine DGL singuläre Lösungen?

Welche DGL-Klassen haben überhaupt singuläre Lösungen? Eine kurze Übersicht der Verdachtsfälle, ohne tiefere Theorie.

Die Existenz singulärer Lösungen ist nicht garantiert: lineare DGLs (Kap. VII.5) und separierbare DGLs ohne Nullstellen-Probleme haben meist keine. Drei Klassen sind aber regelmässige Verdachtskandidaten:

DGL-Klasse Verdachtsstelle Beispiel
Separierbar y=g(x)h(y)y' = g(x) h(y) h(y)=0h(y) = 0 (Nullstellen) y=y2/3y0y' = y^{2/3} \Rightarrow y \equiv 0
Implizit F(x,y,y)=0F(x, y, y') = 0 F/y=0\partial F/\partial y' = 0 Verzweigungs-Punkte
Clairaut y=xy+g(y)y = x y' + g(y') immer Enveloppe der Geraden vgl. §3
Verdachtsfälle für singuläre Lösungen

Die Tabelle ist nicht vollständig, fängt aber die Klassen aus der Vorlesung ab. Bei impliziten DGLs (Zeile 2) liegen die Verdachtsstellen dort, wo sich die DGL nicht eindeutig nach yy' auflösen lässt und sich Lösungszweige treffen.

Bei Clairaut-DGLs (Zeile 3) ist die singuläre Lösung stets vorhanden und immer die Enveloppe der Geradenschar, wie §3 zeigt.

Verbindung zu Orthogonaltrajektorien. Im vorigen Kapitel (VII.6) traten Schar-Berechnungen aus anderem Grund auf: dort fragt man nach Kurvenfamilien, die eine Schar überall senkrecht schneiden. Auch das nutzt das Schar-Verfahren aus §1.2, nur mit einem Vorzeichen-Trick. Enveloppen und Orthogonaltrajektorien sind Geschwister-Konzepte: eines berührt die Schar parallel, das andere schneidet sie senkrecht.

Merke Reflex-Tabelle
Drei Verdachtsklassen: (1) separierbar mit h(y)=0h(y_*) = 0, (2) implizit, (3) Clairaut. Bei jeder dieser Klassen separat nach singulären Lösungen schauen.
Prüfungstipp Lineare DGLs (Kap. VII.5) haben in der Regel keine singulären Lösungen. Erst nicht-lineare DGLs werden bezüglich Eindeutigkeit interessant.

3Die Clairaut'sche Differentialgleichung

3.1 Standardform y = x · y' + g(y')

Stell dir eine DGL vor, in der yy selbst auf der rechten Seite über yy' vorkommt: y=xy+g(y)y = x y' + g(y'). Klingt eigenartig, ist es auch. Und lehrreich obendrein.

Die ungewöhnliche Form ist nicht künstlich, sondern taucht überall dort auf, wo die Tangente einer Kurve eine geometrische Bedingung erfüllen muss (etwa: ihre Achsabschnitte bilden ein Dreieck fester Fläche). Solche Probleme führen direkt auf die Standardform mit gegebener Funktion gg:

!!!
Clairaut'sche Differentialgleichung
y=xy+g(y)y = x\, y' + g(y')
g:RRg: \mathbb{R} \to \mathbb{R} ist eine gegebene Funktion einer Variablen (nämlich yy'). Auf der rechten Seite steht yy' einmal linear in xyx\, y' und einmal nicht-linear in g(y)g(y'). Die Variable yy kommt rechts nicht direkt vor.

Ein konkretes Beispiel: y=xy(y)2y = x\, y' - (y')^2 ist eine Clairaut-DGL mit g(p)=p2g(p) = -p^2. Der Koeffizient von yy' ist genau xx (Pflicht für Clairaut), und (y)2-(y')^2 ist eine reine yy'-Funktion, also g(y)g(y'). Wir lösen es in §3.2 und §3.3 vollständig auf.

Das Eigenartige daran: die Clairaut-DGL liefert ihre Lösungen in zwei sauber getrennten Klassen, eine Schar von Geraden (die allgemeine Lösung) und eine zusätzliche Kurve, die diese Geraden umhüllt (die singuläre Lösung).

Dass eine DGL zwei so unterschiedliche Lösungsfamilien produziert, ist nicht selbstverständlich und liegt an der schiefen Bauart. Wie genau, zeigt §3.2.

Definition Clairaut'sche DGL
Differentialgleichung der Form y=xy+g(y)y = x\, y' + g(y') mit gegebener Funktion gg einer Variablen. Strikt: Koeffizient von yy' ist xx, kein anderer Ausdruck.
Notation g(y)g(y') vs g(x)g(x)
Achtung: in der Clairaut-DGL ist gg eine Funktion in yy', nicht in xx. Das andere gg aus VII.4 (Faktor in y=g(x)h(y)y' = g(x) h(y)) ist eine reine xx-Funktion. Selber Buchstabe, andere Argumente.
Merke Zwei-Bauteile-Struktur
Die Clairaut-DGL hat zwei Lösungsklassen: (a) Geradenschar als allgemeine Lösung, (b) deren Enveloppe als singuläre Lösung. Beide sind Pflichtbestandteile der Antwort.

3.2 Differenzieren liefert y' = C: Geradenschar als allgemeine Lösung

Was passiert, wenn wir die Clairaut'sche DGL einmal nach xx differenzieren? Eine elegante Fallunterscheidung wartet.

Schau auf die Standardform y=xy+g(y)y = x\, y' + g(y'). Differenzieren beider Seiten nach xx, mit Kettenregel auf der rechten Seite (denn yy' ist eine Funktion von xx):

!!
Differenzieren der Standardform
y=y+xy+g(y)y0=(x+g(y))y\begin{aligned} y' &= y' + x\, y'' + g'(y')\, y'' \\ 0 &= \bigl(x + g'(y')\bigr)\, y'' \end{aligned}
Die zwei yy'-Terme links und rechts heben sich weg. Übrig bleibt ein Produkt aus zwei Faktoren (x+g(y))y\bigl(x + g'(y')\bigr) \cdot y''. Da das Produkt null ist, muss mindestens einer der beiden Faktoren null sein.

Die zwei Faktoren liefern zwei Fälle. Diese Fallunterscheidung ist der Kern des ganzen Kapitels: zwei unabhängige Lösungsklassen aus einer einzigen Produkt-Bedingung.

Fall A: y=0y'' = 0. Die zweite Ableitung verschwindet überall, also ist yy' konstant. Wir schreiben y=Cy' = C mit CRC \in \mathbb{R}. Einsetzen in die ursprüngliche Standardform liefert sofort die allgemeine Lösung:

!!!
Allgemeine Lösung der Clairaut-DGL
y(x)=Cx+g(C)y(x) = C\, x + g(C)
Eine Schar von Geraden mit Steigung CC und yy-Achsenabschnitt g(C)g(C). Jeder Wert von CC liefert eine eigene Gerade; insgesamt eine einparametrige Lösungsschar. Probe: y=Cy' = C, und einsetzen ergibt Cx+g(C)=xC+g(C)C x + g(C) = x C + g(C), passt.

Fall B: x+g(y)=0x + g'(y') = 0. Hier verschwindet der andere Faktor. Diese Bedingung definiert ebenfalls eine Lösung, allerdings nicht als Geradengleichung, sondern parametrisch über yy'. Was geometrisch dabei herauskommt und warum es genau die Enveloppe der Geraden aus Fall A ist, schauen wir uns gleich in §3.3 in voller Schönheit an.

Formel Allg. Lösung Clairaut
y(x)=Cx+g(C)y(x) = C\, x + g(C)
Geradenschar mit Steigung CC und yy-Achsenabschnitt g(C)g(C). Direktes Resultat aus Fall A (y=0y'' = 0).
Merke Differenziations-Trick
Ableitung beider Seiten nach xx liefert 0=(x+g(y))y0 = \bigl(x + g'(y')\bigr) y''. Produkt-null-Bedingung mit zwei Faktoren, zwei Lösungsklassen.
Notation Hilfssymbol p:=yp := y'
In vielen Texten wird p:=yp := y' als Abkürzung verwendet, vor allem bei der parametrischen Darstellung der singulären Lösung. Inhaltlich identisch mit yy'.

3.3 Singuläre Lösung als Enveloppe der Geradenschar

Steigung CC 1.00
Berührpunkt xx 2.00
Enveloppe y = x²/4
1.00
Abb. 3: Clairaut-DGL y=xy+g(y)y = x\, y' + g(y'). Allgemeine Lösung: Geradenschar y=Cx+g(C)y = C x + g(C) (blass), singuläre Lösung: ihre Enveloppe (Gold). Ziehe CC; die fette Gerade tangiert die Enveloppe.

Der zweite Fall aus 3.2 liefert eine ganz neue Lösung. Was ist sie geometrisch, und wie hängt sie mit §1 zusammen?

Wir greifen Fall B aus §3.2 auf: x+g(y)=0x + g'(y') = 0. Schreib das Hilfssymbol p:=yp := y' und löse die Gleichung nach xx auf: x=g(p)x = -g'(p). Setze dieses xx in die Clairaut-DGL ein und erhalte yy als Funktion von pp:

!!
Singuläre Lösung in Parameterdarstellung
x(p)=g(p)y(p)=pg(p)+g(p)\begin{aligned} x(p) &= -g'(p) \\ y(p) &= -p\, g'(p) + g(p) \end{aligned}
Parametrische Darstellung der singulären Lösung der Clairaut-DGL, mit Parameter p=yp = y'. Aus den zwei Gleichungen kann man pp eliminieren, falls möglich, und so eine implizite Gleichung y=y(x)y = y(x) bekommen.

Warum ist das die Enveloppe der Geradenschar? Die Schar y=Cx+g(C)y = C x + g(C) hat FF-Form F=y+Cx+g(C)=0F = -y + C x + g(C) = 0. Ableiten nach CC: FC=x+g(C)=0F_C = x + g'(C) = 0, also x=g(C)x = -g'(C), genau die Bedingung aus Fall B (mit CpC \leftrightarrow p).

Einsetzen in F=0F = 0 gibt wieder y=pg(p)+g(p)y = -p\, g'(p) + g(p). Die singuläre Lösung ist also das Enveloppen-System aus §1.2, angewandt auf die Geradenschar: sie ist die Enveloppe der allgemeinen Schar.

Konkretes Beispiel aus der Vorlesung. Wähle g(p)=p2g(p) = -p^2, also die Clairaut-DGL y=xy(y)2y = x\, y' - (y')^2. Allgemeine Lösung: die Geradenschar y=CxC2y = C x - C^2.

Für die singuläre Lösung: g(p)=2pg'(p) = -2p, also x=g(p)=2px = -g'(p) = 2p und p=x/2p = x/2. Einsetzen gibt y=pg(p)+g(p)=2p2p2=p2=(x/2)2=x2/4y = -p\, g'(p) + g(p) = 2p^2 - p^2 = p^2 = (x/2)^2 = x^2/4:

!!
Beispiel: g(p)=p2g(p) = -p^2
yallg(x)=CxC2ysing(x)=x24\begin{aligned} y_{\text{allg}}(x) &= C\, x - C^2 \\ y_{\text{sing}}(x) &= \dfrac{x^2}{4} \end{aligned}
Allg. Lösung: Geradenschar. Singuläre Lösung: nach oben offene Parabel, die alle Geraden tangiert. Probe: ysing=x/2y_{\text{sing}}' = x/2, einsetzen in DGL liefert x(x/2)(x/2)2=x2/2x2/4=x2/4x \cdot (x/2) - (x/2)^2 = x^2/2 - x^2/4 = x^2/4, passt.
Formel Sing. Lösung parametrisch
x=g(p)y=pg(p)+g(p)\begin{aligned} x &= -g'(p) \\ y &= -p\, g'(p) + g(p) \end{aligned}
Parameter p=yp = y'. Aus beiden Gleichungen pp eliminieren, um y(x)y(x) zu bekommen.
Merke Clairaut-Lösungsstruktur
Allgemeine Lösung: Geradenschar y=Cx+g(C)y = C x + g(C). Singuläre Lösung: Enveloppe in Parameterform x=g(p),y=pg(p)+g(p)x = -g'(p), y = -p g'(p) + g(p). Beide gleichzeitig hinschreiben.
Prüfungstipp Caustic == Enveloppe einer Strahlenschar in der Optik. Selber mathematischer Apparat wie hier, andere physikalische Interpretation.

Aufgaben mit Musterlösungen

Übungsaufgaben werden in Kürze ergänzt.

Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.

MerkeErst selbst rechnen, dann Lösung prüfen!