Stell dir eine ganze Familie von Wurfparabeln vor, alle aus derselben Kanone, nur in verschiedene Richtungen abgefeuert. Wo verläuft der Rand des erreichbaren Bereichs?
Das ist die Frage dieses Kapitels. Wir haben eine Schar von Kurven (jeder Abschusswinkel eine eigene Wurfparabel) und suchen eine Kurve ausserhalb der Schar, die jeden ihrer Punkte mit genau einer Schar-Kurve teilt und sie wie ein Schatten umgrenzt. Sie heisst Enveloppe (deutsch Hüllkurve oder Umhüllende).
Formal: gegeben eine Kurvenschar mit Parameter . Eine Kurve heisst Enveloppe, wenn sie in jedem ihrer Punkte eine Schar-Kurve berührt, also denselben Punkt und dieselbe Tangente teilt. Die Enveloppe gehört nicht zur Schar; sie ist ein neuer Akteur, den die Schar erzeugt.
Wie findet man die Hüllkurve mathematisch, wenn die Schar als implizite Gleichung gegeben ist?
Die Antwort ist verblüffend kompakt: lös das System aus zwei Gleichungen, eine für die Schar und eine für ihre Ableitung nach dem Parameter . Dahinter steckt eine geometrische Idee, die wir jetzt skizzieren, denn sie macht die Formel sofort plausibel.
Schau auf die Enveloppe als parametrisierte Kurve : für jedes der Punkt, an dem sie die zugehörige Schar-Kurve berührt.
Da dieser Punkt auf der Schar-Kurve liegt, gilt für alle . Die totale Ableitung nach ist also identisch null:
Die Berührbedingung liefert die zweite Information: an jedem Berührungspunkt stimmen die Steigungen von Enveloppe und Schar-Kurve überein.
Die Steigung der Enveloppe ist , die der impliziten Schar-Kurve . Gleichsetzen und Umstellen gibt .
Vergleich mit der totalen Ableitung von oben: subtrahiert man die Berührbedingung von der totalen Ableitung, bleibt übrig. Genau diese eine Gleichung suchen wir zusätzlich. Damit ist das Enveloppen-System komplett:
Wie rechnet man eine Enveloppe konkret aus? Zwei Standardbeispiele zum Mitrechnen: die Sicherheitsparabel aus der Ballistik und eine Geradenschar mit einer Hyperbel als Hülle.
Beispiel 1, Wurfparabel-Schar. Ein Massenpunkt wird vom Ursprung mit Anfangsgeschwindigkeit unter dem Winkel schräg nach oben abgefeuert. Erdbeschleunigung . Eliminiert man die Zeit aus den Bewegungsgleichungen, erhält man die Bahnkurve in Abhängigkeit von :
Mit der Abkürzung lautet die Schar-Form .
Die Ableitung nach gibt , also . Einsetzen in liefert nach Vereinfachung die Enveloppe:
Beispiel 2, Geradenschar mit Hyperbel-Hülle. Familie mit , in Schar-Form .
Ableiten nach : , also und für . Einsetzen liefert :
Aus VII.4 §2.4 kennen wir konstante Lösungen, die im Trennungsverfahren herausgekürzt werden. Wie passt das zum Enveloppen-Bild?
Erinnerung an die separierbare DGL : das Trennen verlangt . An den Nullstellen von versteckt sich oft eine zusätzliche Lösung, die das Verfahren nicht findet, die singuläre Lösung: eine Lösung, die in der allgemeinen Schar (mit Parameter ) nicht enthalten ist.
Konkretes Beispiel zum Anker. Die DGL (separierbar mit und ) hat als allgemeine Lösung die Schar mit . Daneben löst auch die DGL: , passt. Die Nulllösung steckt nicht in der Schar (kein macht ). Sie ist die singuläre Lösung, herausgekürzt durch das Trennen mit im Nenner.
Schau dir die Schar an: jede Kurve läuft durch , hat dort eine waagrechte Tangente und berührt so die -Achse, jede an einer anderen Stelle.
Die -Achse () ist also die Enveloppe der Schar, sie berührt jede Lösung in . Genau diese Doppelrolle (singuläre Lösung und Enveloppe) ist der Grund für dieses Kapitel.
Warum ist die singuläre Lösung meistens genau die Enveloppe der allgemeinen Lösungsschar? Zeigen wir es an einem Beispiel.
Zurück zur DGL aus §2.1. Allgemeine Lösungsschar , singuläre Lösung . Frage: in welchem Verhältnis steht die Nulllösung zur Schar geometrisch?
Schau auf einen Punkt . Die Schar-Kurve läuft durch ihn, ihre Ableitung dort ist , dieselbe Steigung wie die Nulllösung . Die beiden berühren sich also in .
Da das für jedes gilt, berührt die Nulllösung in jedem Punkt der -Achse genau eine Schar-Kurve. Das ist die Definition einer Enveloppe (§1.1).
Welche DGL-Klassen haben überhaupt singuläre Lösungen? Eine kurze Übersicht der Verdachtsfälle, ohne tiefere Theorie.
Die Existenz singulärer Lösungen ist nicht garantiert: lineare DGLs (Kap. VII.5) und separierbare DGLs ohne Nullstellen-Probleme haben meist keine. Drei Klassen sind aber regelmässige Verdachtskandidaten:
| DGL-Klasse | Verdachtsstelle | Beispiel |
|---|---|---|
| Separierbar | (Nullstellen) | |
| Implizit | Verzweigungs-Punkte | |
| Clairaut | immer Enveloppe der Geraden | vgl. §3 |
Die Tabelle ist nicht vollständig, fängt aber die Klassen aus der Vorlesung ab. Bei impliziten DGLs (Zeile 2) liegen die Verdachtsstellen dort, wo sich die DGL nicht eindeutig nach auflösen lässt und sich Lösungszweige treffen.
Bei Clairaut-DGLs (Zeile 3) ist die singuläre Lösung stets vorhanden und immer die Enveloppe der Geradenschar, wie §3 zeigt.
Verbindung zu Orthogonaltrajektorien. Im vorigen Kapitel (VII.6) traten Schar-Berechnungen aus anderem Grund auf: dort fragt man nach Kurvenfamilien, die eine Schar überall senkrecht schneiden. Auch das nutzt das Schar-Verfahren aus §1.2, nur mit einem Vorzeichen-Trick. Enveloppen und Orthogonaltrajektorien sind Geschwister-Konzepte: eines berührt die Schar parallel, das andere schneidet sie senkrecht.
Stell dir eine DGL vor, in der selbst auf der rechten Seite über vorkommt: . Klingt eigenartig, ist es auch. Und lehrreich obendrein.
Die ungewöhnliche Form ist nicht künstlich, sondern taucht überall dort auf, wo die Tangente einer Kurve eine geometrische Bedingung erfüllen muss (etwa: ihre Achsabschnitte bilden ein Dreieck fester Fläche). Solche Probleme führen direkt auf die Standardform mit gegebener Funktion :
Ein konkretes Beispiel: ist eine Clairaut-DGL mit . Der Koeffizient von ist genau (Pflicht für Clairaut), und ist eine reine -Funktion, also . Wir lösen es in §3.2 und §3.3 vollständig auf.
Das Eigenartige daran: die Clairaut-DGL liefert ihre Lösungen in zwei sauber getrennten Klassen, eine Schar von Geraden (die allgemeine Lösung) und eine zusätzliche Kurve, die diese Geraden umhüllt (die singuläre Lösung).
Dass eine DGL zwei so unterschiedliche Lösungsfamilien produziert, ist nicht selbstverständlich und liegt an der schiefen Bauart. Wie genau, zeigt §3.2.
Was passiert, wenn wir die Clairaut'sche DGL einmal nach differenzieren? Eine elegante Fallunterscheidung wartet.
Schau auf die Standardform . Differenzieren beider Seiten nach , mit Kettenregel auf der rechten Seite (denn ist eine Funktion von ):
Die zwei Faktoren liefern zwei Fälle. Diese Fallunterscheidung ist der Kern des ganzen Kapitels: zwei unabhängige Lösungsklassen aus einer einzigen Produkt-Bedingung.
Fall A: . Die zweite Ableitung verschwindet überall, also ist konstant. Wir schreiben mit . Einsetzen in die ursprüngliche Standardform liefert sofort die allgemeine Lösung:
Fall B: . Hier verschwindet der andere Faktor. Diese Bedingung definiert ebenfalls eine Lösung, allerdings nicht als Geradengleichung, sondern parametrisch über . Was geometrisch dabei herauskommt und warum es genau die Enveloppe der Geraden aus Fall A ist, schauen wir uns gleich in §3.3 in voller Schönheit an.
Der zweite Fall aus 3.2 liefert eine ganz neue Lösung. Was ist sie geometrisch, und wie hängt sie mit §1 zusammen?
Wir greifen Fall B aus §3.2 auf: . Schreib das Hilfssymbol und löse die Gleichung nach auf: . Setze dieses in die Clairaut-DGL ein und erhalte als Funktion von :
Warum ist das die Enveloppe der Geradenschar? Die Schar hat -Form . Ableiten nach : , also , genau die Bedingung aus Fall B (mit ).
Einsetzen in gibt wieder . Die singuläre Lösung ist also das Enveloppen-System aus §1.2, angewandt auf die Geradenschar: sie ist die Enveloppe der allgemeinen Schar.
Konkretes Beispiel aus der Vorlesung. Wähle , also die Clairaut-DGL . Allgemeine Lösung: die Geradenschar .
Für die singuläre Lösung: , also und . Einsetzen gibt :
Übungsaufgaben werden in Kürze ergänzt.
Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.