1Was ist eine DGL höherer Ordnung?

1.1 Form y⁽ⁿ⁾ = f(x, y, y', …, y⁽ⁿ⁻¹⁾)

C1C_1 (Steigung) 0.00
C2C_2 (Höhe) 0.00
yy'' überall 1.00
1.0
Abb. 1: Eine DGL 2. Ordnung y=ay'' = a hat zwei freie Konstanten. Ziehe Steigung C1C_1 und Höhe C2C_2; die Parabel y=a2x2+C1x+C2y = \tfrac{a}{2}x^2 + C_1 x + C_2 verschiebt sich, doch yy'' bleibt überall gleich aa.

Was unterscheidet eine DGL zweiter Ordnung von einer erster Ordnung, und warum brauchen wir überhaupt höhere Ableitungen? In Kapitel VII.3 kam in jeder Gleichung nur die erste Ableitung yy' vor. Jetzt lassen wir auch yy'', yy''' und noch höhere Ableitungen zu.

Die Ordnung einer Differentialgleichung ist einfach die höchste Ableitung, die in ihr auftaucht. Kommt ein yy'' vor, aber kein yy''', ist die DGL von zweiter Ordnung. Eine DGL höherer Ordnung ist nichts anderes als eine Differentialgleichung, in der Ableitungen ab der zweiten vorkommen.

Meistens schreiben wir eine DGL nn-ter Ordnung so, dass die höchste Ableitung allein auf einer Seite steht und alles andere auf der anderen:

!!!
Standardform einer DGL n-ter Ordnung
y(n)=f(x,y,y,,y(n1))y^{(n)} = f(x,\, y,\, y',\, \dots,\, y^{(n-1)})
ff ist die rechte Seite. Sie darf von xx, von yy und von allen Ableitungen bis zur Ordnung n1n-1 abhängen.

In Worten: die höchste Ableitung y(n)y^{(n)} wird durch die niedrigeren bestimmt. Kennst du an einer Stelle den Wert von yy und aller Ableitungen bis y(n1)y^{(n-1)}, sagt dir ff, wie gross die nächste Ableitung y(n)y^{(n)} ist. Genau deshalb stellt man die höchste Ableitung allein hin: die Form sagt direkt, wie es weitergeht.

Wann brauchst du das? Überall, wo eine Beschleunigung im Spiel ist: Federn, Pendel, Schwingkreise, Planetenbahnen. Newton liefert fast immer eine zweite Ableitung, also fast immer eine DGL zweiter Ordnung. Höhere Ordnungen sind kein Selbstzweck, sie tauchen auf, sobald die Natur es verlangt.

Notation y(n)y^{(n)}
nn-te Ableitung von yy. Bis zur dritten schreibt man Striche (yy', yy'', yy'''), ab der vierten die Klammer-Form y(4)y^{(4)}, y(5)y^{(5)}. Das nn ist die Ordnung der DGL.
Definition Ordnung einer DGL
Die höchste Ableitung, die in der Gleichung vorkommt. y+y=0y'' + y = 0 hat Ordnung 2, y=0y''' = 0 hat Ordnung 3.
Merke Standardform
Höchste Ableitung allein links, der ganze Rest steckt in f(x,y,y,,y(n1))f(x, y, y', \dots, y^{(n-1)}) rechts.

1.2 Konkrete DGLs der 2. und 3. Ordnung

Schau auf vier konkrete Differentialgleichungen und zähl die Striche an yy: das ist die Ordnung. Mehr steckt zunächst nicht dahinter.

Die Physik schreibt zweite Zeitableitungen gern mit zwei Punkten über der Variablen: x¨=d2xdt2\ddot{x} = \frac{d^2 x}{dt^2}. Das ist nur eine andere Schreibweise für dieselbe zweite Ableitung. Newtons Bewegungsgleichung mx¨=F(t)m\,\ddot{x} = F(t) ist deshalb ebenfalls von zweiter Ordnung.

Differentialgleichung Ordnung
y=yy' = y 1
y+y=0y'' + y = 0 2
mx¨=F(t)m\,\ddot{x} = F(t) 2
y=0y''' = 0 3
y(4)=0y^{(4)} = 0 4
Differentialgleichung und ihre Ordnung

Wann ist es einfach? Wenn die rechte Seite gar nicht von yy und seinen Ableitungen abhängt, sondern nur von xx, lässt sich die DGL durch reines Integrieren lösen. Genau das passiert gleich in §2 mit y=0y'' = 0.

Notation x¨\ddot{x}
Newton-Schreibweise für die zweite Zeitableitung, x¨=d2x/dt2\ddot{x} = d^2 x / dt^2. Ein Punkt steht für dx/dtdx/dt, zwei Punkte für die zweite Ableitung.
Merke Ordnung ablesen
Höchste Ableitung zählen, nicht höchste Potenz. (y)3=0(y')^3 = 0 ist Ordnung 1.

1.3 Reduktion auf System 1. Ordnung (Querverweis VII.12)

Müssen wir für jede Ordnung eine neue Theorie bauen? Nein. Jede DGL nn-ter Ordnung lässt sich als System aus nn Differentialgleichungen erster Ordnung umschreiben. Das ist der Grund, warum die schwere Theorie eigentlich nur einmal, für erste Ordnung, bewiesen werden muss.

Der Trick ist simpel: gib jeder Ableitung einen eigenen Namen. Setze y1=yy_1 = y, y2=yy_2 = y', y3=yy_3 = y'', und so weiter bis yn=y(n1)y_n = y^{(n-1)}. Dann ist die Ableitung von y1y_1 gerade y2y_2, die von y2y_2 gerade y3y_3, und die letzte Gleichung yn=f(x,y1,,yn)y_n' = f(x, y_1, \dots, y_n) kommt direkt aus der ursprünglichen DGL.

!!
Reduktion auf ein System erster Ordnung
y1=y2y2=y3yn=f(x,y1,,yn)\begin{aligned} y_1' &= y_2 \\ y_2' &= y_3 \\ &\vdots \\ y_n' &= f(x,\, y_1,\, \dots,\, y_n) \end{aligned}
y1=yy_1 = y, y2=yy_2 = y', bis yn=y(n1)y_n = y^{(n-1)}. Aus einer Gleichung mit hohen Ableitungen werden nn Gleichungen mit nur ersten Ableitungen.

In Worten: eine schwierige Gleichung mit hohen Ableitungen wird gegen nn harmlose mit nur ersten Ableitungen getauscht. Details und ein durchgerechnetes Beispiel in Kapitel VII.12.

Merke Reduktions-Idee
Jede Ableitung als eigene Funktion benennen: y1=yy_1 = y, y2=yy_2 = y', .... Aus Ordnung nn werden nn Gleichungen erster Ordnung.
Querverweis Verweise
→ VII.12 Systeme von DGL

2n-parametrige Lösungsschar

2.1 Allgemeine Lösung mit n Integrationskonstanten

Bei erster Ordnung kam genau eine freie Konstante heraus. Wie viele sind es bei nn-ter Ordnung, und warum genau nn?

Die Antwort steckt im Integrieren: jedes Rückgängigmachen einer Ableitung wirft eine Integrationskonstante ab. Eine DGL nn-ter Ordnung musst du salopp nn-mal integrieren, um von y(n)y^{(n)} zurück zu yy zu kommen, und sammelst dabei nn Konstanten C1,,CnC_1, \dots, C_n.

Die allgemeine Lösung hängt deshalb von nn frei wählbaren Konstanten ab.

!!!
Allgemeine Lösung mit n Konstanten
y(x)=y(x;C1,C2,,Cn)y(x) = y(x;\, C_1,\, C_2,\, \dots,\, C_n)
Die allgemeine Lösung ist nicht eine Funktion, sondern eine ganze Familie. Jede Wahl der nn Konstanten gibt eine konkrete Lösungskurve.

Diese Familie heisst n-parametrige Kurvenschar: nn freie Konstanten, also nn Stellschrauben. Zwei bei zweiter Ordnung, drei bei dritter, nn bei nn-ter Ordnung. Ab jetzt nennen wir sie kurz „die Schar“.

Definition n-parametrige Kurvenschar
Die Familie aller Lösungen einer DGL nn-ter Ordnung. Sie hängt von nn frei wählbaren Konstanten C1,,CnC_1, \dots, C_n ab.
Notation CiC_i
Integrationskonstanten. Jede entsteht beim Rückgängigmachen einer Ableitung. Ihre Anzahl ist gleich der Ordnung nn.
Merke Kernregel
Ordnung nn gibt genau nn freie Konstanten. Eine pro Integration.

2.2 y'' = 0 liefert die Geradenschar y = C₁x + C₂

C1C_1 (Steigung) 0.80
C2C_2 (Achsenabschnitt) 0.50
yy'' 0.00
0.8
Abb. 2: Die Lösungsschar von y=0y'' = 0 ist die Familie aller Geraden y=C1x+C2y = C_1 x + C_2. Zwei Konstanten, zwei Freiheiten: C1C_1 kippt, C2C_2 verschiebt.

Lass uns die einfachst-mögliche DGL zweiter Ordnung lösen und sehen, wie zwei Konstanten von ganz allein erscheinen. Wir nehmen y=0y'' = 0: die zweite Ableitung ist überall null.

Integrierst du einmal, bekommst du y=C1y' = C_1, eine konstante Steigung. Integrierst du noch einmal, steht da y=C1x+C2y = C_1 x + C_2. Da sind die beiden Konstanten, eine pro Integration.

!!
y'' = 0 zweimal integriert
y=0y=C1y=C1x+C2\begin{aligned} y'' &= 0 \\ y' &= C_1 \\ y &= C_1\,x + C_2 \end{aligned}
Zwei Integrationen, zwei Konstanten. C1C_1 ist die Steigung, C2C_2 der yy-Achsenabschnitt.

Mach die Probe: aus y=C1x+C2y = C_1 x + C_2 folgt y=C1y' = C_1 und y=0y'' = 0. Die DGL ist erfüllt, egal welche Werte C1C_1 und C2C_2 haben. Genau das meint die zweiparametrige Schar: zwei Konstanten, beide frei.

Etwas allgemeiner, das Beispiel aus der Vorlesung. Statt y=0y'' = 0 nimm y=ay'' = a mit einer Konstanten aRa \in \mathbb{R}. Zweimal integrieren gibt y=ax+C1y' = a x + C_1 und y=a2x2+C1x+C2y = \tfrac{a}{2} x^2 + C_1 x + C_2, eine zweiparametrige Schar von Parabeln (für a0a \neq 0). Der Fall y=0y'' = 0 ist davon der Spezialfall a=0a = 0, bei dem die Parabeln zu Geraden entarten.

!!
y'' = a zweimal integriert (Vorlesungsbeispiel)
y=a    y=a2x2+C1x+C2y'' = a \;\Rightarrow\; y = \tfrac{a}{2} x^2 + C_1 x + C_2
Zwei Integrationen, zwei Konstanten C1,C2C_1, C_2. Für a0a \neq 0 eine Parabelschar, für a=0a = 0 die Geradenschar.
Formel Geradenschar
y=C1x+C2y = C_1\,x + C_2
Die allgemeine Lösung von y=0y'' = 0: alle Geraden der Ebene.
Merke Probe
y=C1x+C2y=C1y=0y = C_1 x + C_2 \Rightarrow y' = C_1 \Rightarrow y'' = 0, für alle C1,C2C_1, C_2.

2.3 Geometrische Interpretation

Was bedeutet eine zweiparametrige Schar geometrisch? Stell dir alle möglichen Lösungskurven gleichzeitig im Plot vor, als eine ganze Familie. Bei y=C1x+C2y = C_1 x + C_2 ist das die Menge aller Geraden der Ebene: C1C_1 ist die Steigung, C2C_2 verschiebt nach oben oder unten.

Zwei Konstanten heissen zwei unabhängige Stellschrauben. Mit der einen kippst du die Gerade, mit der anderen schiebst du sie. Jede Kombination liefert eine andere Kurve aus der Schar.

Warum diese Form, nicht eine andere? Man könnte die Geraden auch über zwei Punkte beschreiben. Die Form C1x+C2C_1 x + C_2 ist aber die natürliche: sie fällt direkt aus den zwei Integrationen heraus und trennt Steigung und Verschiebung sauber voneinander.

Merke Geometrie der Schar
y=C1x+C2y = C_1 x + C_2 ist die Familie aller Geraden. C1C_1 kippt die Gerade, C2C_2 verschiebt sie.

3Anfangswertproblem höherer Ordnung

3.1 n Anfangsbedingungen y(x₀), y'(x₀), …, y⁽ⁿ⁻¹⁾(x₀)

y0=y(0)y_0 = y(0) 1.00
y0=y(0)y_0' = y'(0) 2.00
gewählte Gerade y = 2x + 1
2.0
Abb. 3: Ein AWP zweiter Ordnung braucht zwei Werte am Punkt x0=0x_0 = 0: die Höhe y0y_0 und die Steigung y0y_0'. Erst beide zusammen picken aus der Schar y=C1x+C2y = C_1 x + C_2 genau eine Gerade.

Eine einzige Konstante festzulegen brauchte einen Anfangswert; zwei Konstanten brauchen zwei Bedingungen. Wie sehen die aus?

Bei einer DGL nn-ter Ordnung gibt man yy und seine ersten n1n-1 Ableitungen an einer Stelle x0x_0 vor.

Ein Anfangswertproblem (kurz AWP) ist die DGL zusammen mit diesen nn Anfangsbedingungen, alle an demselben Punkt x0x_0:

!!
n Anfangsbedingungen am Punkt x₀
y(x0)=y0y(x0)=y0y(n1)(x0)=y0(n1)\begin{aligned} y(x_0) &= y_0 \\ y'(x_0) &= y_0' \\ &\vdots \\ y^{(n-1)}(x_0) &= y_0^{(n-1)} \end{aligned}
Alle Bedingungen am selben Punkt x0x_0. Genau nn Stück, eine pro freier Konstante.

In Worten: bei erster Ordnung reichte ein Startwert. Jede zusätzliche Ordnung verlangt einen weiteren: nicht nur, wo du startest, sondern auch wie schnell sich yy dort ändert, wie stark sich die Änderung selbst ändert, und so weiter.

Warum genau nn Bedingungen? Weil die Schar nn freie Konstanten hat. Jede Bedingung liefert eine Gleichung, und nn Gleichungen reichen gerade, um nn Unbekannte festzunageln. Mehr wären überbestimmt, weniger liessen Konstanten offen.

Definition Anfangswertproblem (AWP)
Eine DGL plus nn Anfangsbedingungen y(x0),y(x0),,y(n1)(x0)y(x_0), y'(x_0), \dots, y^{(n-1)}(x_0), alle am selben Punkt x0x_0.
Merke Anzahl Bedingungen
Ordnung nn braucht nn Anfangsbedingungen, eine pro freier Konstante.
Querverweis Verweise
→ VII.3 AWP erster Ordnung

3.2 Eindeutige Festlegung der Konstanten

Reichen die nn Bedingungen wirklich, um die nn Konstanten eindeutig festzulegen? Ja, sofern das zugehörige Gleichungssystem eindeutig lösbar ist.

Der Weg ist mechanisch: setze die allgemeine Lösung und ihre Ableitungen am Punkt x0x_0 ein.

Jede Anfangsbedingung wird so zu einer Gleichung in den Unbekannten C1,,CnC_1, \dots, C_n. Du erhältst nn Gleichungen für nn Unbekannte, ein lineares Gleichungssystem. Hat es genau eine Lösung, sind die Konstanten eindeutig bestimmt und damit die ganze Lösungskurve.

Schau es dir an der Geradenschar y=C1x+C2y = C_1 x + C_2 an, mit den Bedingungen y(0)=1y(0) = 1 und y(0)=2y'(0) = 2. Einsetzen gibt y(0)=C2=1y(0) = C_2 = 1 und y(0)=C1=2y'(0) = C_1 = 2. Beide Konstanten fallen sofort heraus, und die eine passende Kurve steht fest:

!!
Eindeutige Lösung des AWP
y(x)=2x+1y(x) = 2x + 1
Aus y(0)=1y(0)=1 und y(0)=2y'(0)=2 folgt C2=1C_2 = 1, C1=2C_1 = 2. Genau eine Kurve der Schar erfüllt beide Bedingungen.
Merke Konstanten bestimmen
Allgemeine Lösung und ihre Ableitungen bei x0x_0 einsetzen, dann das lineare System für C1,,CnC_1, \dots, C_n lösen.
Prüfungstipp AWP vs. Randwertproblem
AWP: alle Bedingungen bei einem x0x_0, eindeutig. Verschiedene Punkte: Randwertproblem, Eindeutigkeit nicht garantiert.

4Existenz- und Eindeutigkeitssatz

4.1 Voraussetzungen

y(0)y(0) (beide) 1.00
y(0)y'(0) gold 0.00
y(0)y'(0) blau 1.50
1.5
Abb. 4: Warum zwei Startwerte? Beide Kurven lösen y+y=0y'' + y = 0 und starten bei derselben Höhe y(0)=1y(0) = 1, doch mit verschiedener Anfangssteigung y(0)y'(0). Sie laufen sofort auseinander.

Wann hat ein Anfangswertproblem überhaupt eine Lösung, und wann ist sie eindeutig?

Diese Frage beantwortet der Existenz- und Eindeutigkeitssatz. Er knüpft an Bedingungen an die rechte Seite ff der DGL.

Anschaulich: wenn ff sauber genug ist, klappt alles. Sauber genug heisst zweierlei. Erstens muss ff stetig sein, also keine Sprünge machen.

Zweitens darf ff in den yy-Variablen nicht zu wild sein; technisch eine Lipschitz-Bedingung: ff ändert sich nicht beliebig schnell, wenn man yy oder eine Ableitung ein wenig variiert.

Kurz: ff ohne Sprünge und ohne explosionsartige Reaktion auf kleine yy-Änderungen. Das genügt, damit sich das AWP brav verhält, und fast alle DGL aus der Vorlesung erfüllen es.

Definition Existenz- und Eindeutigkeitssatz
Ist ff stetig und Lipschitz in y,,y(n1)y, \dots, y^{(n-1)}, so hat das AWP nahe x0x_0 genau eine Lösung.
Notation Lipschitz-Bedingung
ff ändert sich höchstens proportional zur Änderung der yy-Argumente. Verhindert, dass zwei Lösungen durch denselben Punkt gehen.

4.2 Was er garantiert, und nur lokal

Achtung: der Satz garantiert keine Lösung für alle xx, sondern nur in einem kleinen Stück um x0x_0. Was heisst das konkret? Es gibt ein Intervall um den Startpunkt x0x_0, auf dem genau eine Lösung existiert. Wie gross dieses Intervall ist, sagt der Satz nicht, und über seinen Rand hinaus gibt er keine Garantie.

Wie beim Wetter: die Vorhersage für morgen ist verlässlich, die für in 14 Tagen nicht. Der Existenzsatz garantiert die nähere Umgebung von x0x_0, nicht den fernen Verlauf.

Genauer ausgearbeitet, mit dem Satz von Picard und Lindelöf, findest du diese Garantie für erste Ordnung in Kapitel VII.3. Über die Reduktion aus §1.3 überträgt sie sich auf jede höhere Ordnung.

Merke Nur lokal
Der Satz sichert Existenz und Eindeutigkeit nur in einer Umgebung von x0x_0, nicht für alle xx.
Prüfungstipp Keine globale Garantie
Lösungen können in endlichem xx ins Unendliche laufen. Globale Existenz braucht ein zusätzliches Argument.
Querverweis Verweise
→ VII.3 Picard-Lindelöf

5Harmonische Schwingung als Modellfall

5.1 Die DGL y'' + ω²y = 0

y0=Ay_0 = A 1.00
B=v0/ωB = v_0/\omega 0.00
Amplitude RR 1.00
Periode TT 6.28
1.0
0.0
Abb. 5: Die harmonische Schwingung y(t)=Acos(ωt)+Bsin(ωt)y(t) = A\cos(\omega t) + B\sin(\omega t), Lösung von y+ω2y=0y'' + \omega^2 y = 0. Ziehe die Anfangsauslenkung y0=Ay_0 = A; Frequenz ω\omega und Startgeschwindigkeit v0v_0 stellen die Slider.

Das ist die wichtigste DGL zweiter Ordnung der ganzen Physik. Stell dir eine Masse an einer Feder vor, ohne Reibung, einmal angestossen. Wie bewegt sie sich? Sie schwingt hin und her, immer gleich, und hört nie auf.

Die Physik dahinter ist das Hooke-Gesetz: eine ausgelenkte Feder zieht mit einer Kraft proportional zur Auslenkung zurück, F=kyF = -k\,y.

Newtons my=Fm\,y'' = F wird damit my=kym\,y'' = -k\,y. Teilst du durch mm und setzt ω2=k/m\omega^2 = k/m, steht die berühmte Gleichung da:

!!!
Harmonische Schwingung
y+ω2y=0y'' + \omega^2\,y = 0
ω\omega ist die Kreisfrequenz, bei der Feder ω2=k/m\omega^2 = k/m. Das Minuszeichen aus F=kyF = -k\,y steckt jetzt im Term +ω2y+\,\omega^2 y.

In Worten: die Beschleunigung yy'' ist immer entgegengesetzt zur Auslenkung yy und proportional zu ihr. Je weiter aussen, desto stärker zieht es zurück zur Mitte. Diese Rückstellkraft ist der Motor jeder Schwingung.

Notation ω\omega
Kreisfrequenz, Einheit 1/s1/\text{s}. Hängt mit der Schwingungsdauer zusammen über T=2π/ωT = 2\pi/\omega. Bei der Feder ist ω=k/m\omega = \sqrt{k/m}.
Definition Harmonische Schwingung
Die DGL y+ω2y=0y'' + \omega^2 y = 0: reibungsfreie Schwingung mit fester Frequenz ω\omega, die nie abklingt.

5.2 Allgemeine Lösung y = A cos(ωt) + B sin(ωt)

Welche zwei Funktionen ergeben zweimal abgeleitet ein Minus-ihrer-selbst, erfüllen also y=ω2yy'' = -\omega^2 y?

Genau Sinus und Kosinus: leitest du cos(ωt)\cos(\omega t) zweimal ab, kommt ω2cos(ωt)-\omega^2 \cos(\omega t) heraus. Wir raten die Lösung und prüfen durch Einsetzen.

Die allgemeine Lösung ist die Kombination aus beiden, mit zwei freien Konstanten AA und BB, wie es die zweite Ordnung verlangt:

!!!
Allgemeine Lösung der harmonischen Schwingung
y(t)=Acos(ωt)+Bsin(ωt)y(t) = A\cos(\omega t) + B\sin(\omega t)
AA und BB sind die zwei freien Konstanten der Schar. ω\omega ist fest durch die DGL gegeben.

Mach die Probe: aus y=Acos(ωt)+Bsin(ωt)y = A\cos(\omega t) + B\sin(\omega t) folgt y=ω2Acos(ωt)ω2Bsin(ωt)=ω2yy'' = -\omega^2 A\cos(\omega t) - \omega^2 B\sin(\omega t) = -\omega^2 y. Eingesetzt ergibt das y+ω2y=0y'' + \omega^2 y = 0, die DGL ist erfüllt, für jedes AA und jedes BB.

Dieselbe Schwingung lässt sich auch als eine einzige verschobene Kosinuswelle schreiben. Diese Form macht Amplitude und Phase direkt sichtbar:

!!!
Amplituden-Phasen-Form
y(t)=Rcos(ωtφ)y(t) = R\cos(\omega t - \varphi)
mit R=A2+B2R = \sqrt{A^2 + B^2} (Amplitude) und tan(φ)=B/A\tan(\varphi) = B/A (Phasenverschiebung). Dieselbe Schwingung, andere Schreibweise.
Darstellung Bedeutung der Parameter Wofür praktisch
Acos(ωt)+Bsin(ωt)A\cos(\omega t) + B\sin(\omega t) AA, BB: Gewichte von Kosinus und Sinus leicht aus den Anfangsbedingungen abzulesen
Rcos(ωtφ)R\cos(\omega t - \varphi) RR: Amplitude, φ\varphi: Phase Amplitude und Verschiebung direkt sichtbar
Harmonische Schwingung in zwei Darstellungen
Formel Lösungsformel
y(t)=Acos(ωt)+Bsin(ωt)y(t) = A\cos(\omega t) + B\sin(\omega t)
AA, BB: zwei freie Konstanten. ω\omega: feste Kreisfrequenz aus der DGL.
Formel Amplitude und Phase
R=A2+B2R = \sqrt{A^2 + B^2}
Phase aus tan(φ)=B/A\tan(\varphi) = B/A. Verwandelt die Summenform in eine verschobene Kosinuswelle.
Merke Zwei Konstanten
AA und BB sind genau die zwei freien Konstanten, die zweite Ordnung verlangt.

5.3 Anfangsbedingungen Auslenkung und Geschwindigkeit

Wir starten die Feder bei Auslenkung y0y_0 und Anfangsgeschwindigkeit v0v_0. Wie liest man AA und BB daraus ab? Setze t=0t = 0 in die Lösung und in ihre Ableitung ein.

Bei t=0t = 0 ist cos(0)=1\cos(0) = 1, sin(0)=0\sin(0) = 0, also y(0)=A=y0y(0) = A = y_0.

Die Geschwindigkeit y(t)=Aωsin(ωt)+Bωcos(ωt)y'(t) = -A\,\omega\sin(\omega t) + B\,\omega\cos(\omega t) gibt bei t=0t = 0 gerade y(0)=Bω=v0y'(0) = B\,\omega = v_0, also B=v0/ωB = v_0/\omega.

!!
Konstanten aus den Anfangsbedingungen
A=y0B=v0ω\begin{aligned} A &= y_0 \\ B &= \dfrac{v_0}{\omega} \end{aligned}
y0y_0 Startauslenkung, v0v_0 Startgeschwindigkeit. AA ist sofort die Auslenkung, BB die Geschwindigkeit geteilt durch ω\omega.

In Worten: die Anfangsauslenkung wird AA im Kosinus-Teil, die Anfangsgeschwindigkeit B=v0/ωB = v_0/\omega im Sinus-Teil. Damit ist aus der Schar genau die Schwingung gewählt, die zu deinem Start passt.

Die Schwingungsdauer ist T=2π/ωT = 2\pi/\omega, die Frequenz f=ω/(2π)f = \omega/(2\pi). Beide hängen nur an ω\omega, nicht an den Anfangsbedingungen: anstossen ändert wie weit die Feder ausschlägt, nicht wie schnell sie schwingt.

Notation x0x_0, y0y_0, v0v_0
x0x_0 die Startstelle (hier t=0t = 0), y0=y(0)y_0 = y(0) die Startauslenkung, v0=y(0)v_0 = y'(0) die Startgeschwindigkeit.
Merke Faustformel
A=y(0)A = y(0), B=y(0)/ωB = y'(0)/\omega. Auslenkung direkt, Geschwindigkeit durch ω\omega geteilt.
Formel Periode
T=2πωT = \dfrac{2\pi}{\omega}
Schwingungsdauer. Hängt nur an ω\omega, nicht an AA oder BB.

5.4 Anwendung: Durchbiegung eines Balkens

Ein zweites physikalisches Modell zeigt, wie direkt eine DGL 2. Ordnung aus der Mechanik kommt: die Durchbiegung eines Balkens. Stell dir einen waagrechten Balken der Länge LL vor, links bei x=0x = 0 fest eingespannt, am freien rechten Ende mit einer Last PP nach unten belastet. Gesucht ist die Biegelinie y(x)y(x), also wie weit der Balken an jeder Stelle durchhängt.

An der Stelle xx wirkt das Biegemoment M(x)=(Lx)PM(x) = -(L - x)\, P: die Last PP am Hebelarm (Lx)(L - x) biegt den Balken. Die Balkentheorie verknüpft Moment und Krümmung über EJy(x)=M(x)E\,J\, y''(x) = M(x), wobei EJE\,J die Biegesteifigkeit ist (Elastizitätsmodul mal Flächenträgheitsmoment des Querschnitts).

!!
Biege-DGL des eingespannten Balkens
EJy(x)=(Lx)PE\,J\, y''(x) = -(L - x)\, P
DGL 2. Ordnung. Die feste Einspannung bei x=0x = 0 liefert die zwei Anfangsbedingungen y(0)=0y(0) = 0 (keine Auslenkung) und y(0)=0y'(0) = 0 (waagrechte Tangente), genau das Anfangswertproblem aus §3.

Zweimal integrieren und beide Konstanten aus den Anfangsbedingungen bestimmen (y(0)=0y'(0) = 0 und y(0)=0y(0) = 0 setzen sie beide auf null) liefert die Biegelinie in geschlossener Form.

!!!
Biegelinie und Durchbiegung am freien Ende
y(x)=PEJx22(x3L),y(L)=PEJL33y(x) = \frac{P}{E\,J}\,\frac{x^2}{2}\left(\frac{x}{3} - L\right), \qquad y(L) = -\frac{P}{E\,J}\,\frac{L^3}{3}
Die Durchbiegung am Ende wächst mit der dritten Potenz der Länge LL und ist proportional zur Last PP.

6DGL zu einer Kurvenschar gewinnen

6.1 Schar mit n Parametern erfordert n-fache Ableitung

Eine Kurvenschar mit nn Konstanten erfüllt welche DGL? Bisher gingen wir von der DGL zur Schar.

Jetzt drehen wir die Richtung um: gegeben die Schar, gesucht die DGL, die jede einzelne Kurve erfüllt.

Die Idee: leite nn mal ab und eliminiere dabei die nn Konstanten. Jedes Ableiten liefert eine neue Gleichung, und mit genug Gleichungen kannst du die Konstanten herausrechnen, bis nur noch yy und seine Ableitungen übrig bleiben.

In Worten: aus einer Schar y=C1()+C2()y = C_1 (\dots) + C_2 (\dots) willst du die eine DGL finden, die alle Kurven erfüllen. Um nn Konstanten loszuwerden, brauchst du nn zusätzliche Gleichungen, also nn-maliges Ableiten.

Merke Rezept in drei Schritten
Erstens die Schar nn-mal ableiten. Zweitens die nn Konstanten eliminieren. Drittens die übrig bleibende DGL ablesen. Ordnung gleich Anzahl Konstanten.

6.2 Geradenschar und Parabelschar

Konstanten 2
Ordnung 2
DGL der Schar y'' = 0
Abb. 6: Von der Schar zur DGL. Wähle eine Kurvenfamilie und ziehe ihre Konstanten; das Readout zeigt, welche DGL alle Kurven erfüllen. Die Anzahl der Konstanten ist die Ordnung.

Lass uns das konkret machen. Welche DGL erfüllt jede beliebige Gerade? Und welche jede beliebige Parabel? Wir wenden das Rezept auf drei vertraute Scharen an.

Geradenschar y=C1x+C2y = C_1 x + C_2, zwei Konstanten. Einmal ableiten gibt y=C1y' = C_1, noch einmal y=0y'' = 0. Die zweite Ableitung enthält keine Konstante mehr: die DGL der Geradenschar ist y=0y'' = 0. Genau die Schar aus §2, jetzt von hinten gelesen.

!!
DGL der Geradenschar
y=0y'' = 0
Zwei Konstanten, also zweite Ordnung. Identisch zur Schar aus §2.

Parabelschar y=C1x2+C2x+C3y = C_1 x^2 + C_2 x + C_3, drei Konstanten. Ableiten: y=2C1x+C2y' = 2 C_1 x + C_2, dann y=2C1y'' = 2 C_1, dann y=0y''' = 0.

Drei Konstanten, dritte Ordnung: die DGL ist y=0y''' = 0.

!!
DGL der Parabelschar
y=0y''' = 0
Drei Konstanten, also dritte Ordnung.

Gemischte Exponentialschar y=C1ex+C2exy = C_1 e^{x} + C_2 e^{-x}, zwei Konstanten. Hier wird die zweite Ableitung interessant: y=C1exC2exy' = C_1 e^{x} - C_2 e^{-x} und y=C1ex+C2ex=yy'' = C_1 e^{x} + C_2 e^{-x} = y.

Die DGL ist also y=yy'' = y, ganz ohne übrig bleibende Konstante.

!!
DGL der Exponentialschar
y=yy'' = y
Zwei Konstanten, zweite Ordnung. Diesmal ist die DGL nicht y(n)=0y^{(n)} = 0, sondern koppelt yy'' an yy.
Merke Muster
Gerade: y=0y'' = 0. Exponentialmix: y=yy'' = y. Parabel: y=0y''' = 0. Ordnung gleich Anzahl Konstanten.

Aufgaben mit Musterlösungen

Übungsaufgaben werden in Kürze ergänzt.

Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.

MerkeErst selbst rechnen, dann Lösung prüfen!