1Was heisst separierbar?

1.1 Die Vorlesungs-Form y' = g(x) / h(y)

Wann lässt sich eine DGL so zerlegen, dass die rechte Seite ganz in einen xx-Teil und einen yy-Teil zerfällt?

Aus VII.3 §1.1 kennen wir die Standardform y=f(x,y)y' = f(x, y) mit beliebiger rechter Seite. So allgemein gibt es kein universelles Lösungsverfahren; wir brauchen Spezialfälle mit vereinfachender Struktur von ff. Der erste und wichtigste ist die separierbare (oder trennbare) DGL.

Die Vorlesung definiert es so: seien gg und hh Funktionen je einer Variablen, und sei f(x,y)=g(x)/h(y)f(x, y) = g(x) / h(y). Dann heisst die DGL 1. Ordnung y=f(x,y)=g(x)/h(y)y' = f(x, y) = g(x) / h(y) separierbar. Der xx-Teil g(x)g(x) steht im Zähler, der yy-Teil h(y)h(y) im Nenner. Geometrisch heisst das: die Steigungsvorschrift ff koppelt die beiden Variablen nicht beliebig, sondern trennt sie sauber. Genau diese Trennung erlaubt nachher das namensgebende Verfahren von §2.

Notations-Konvention: gg steht ab jetzt immer für den xx-abhängigen Teil (Zähler), hh für den yy-abhängigen (Nenner). Beide sind reelle Funktionen einer Variablen, g:D(g)RRg: D(g) \subset \mathbb{R} \to \mathbb{R} und h:D(h)RRh: D(h) \subset \mathbb{R} \to \mathbb{R}, jeweils stetig auf ihrem Definitionsbereich.

Die Quotienten-Form und die Produkt-Form y=g(x)h~(y)y' = g(x) \cdot \tilde{h}(y) meinen dasselbe; man rechnet die eine in die andere um, indem man h~(y)=1/h(y)\tilde{h}(y) = 1/h(y) setzt. Viele Lehrbücher schreiben gleich das Produkt. Wir folgen der Quotienten-Form der Vorlesung; beim konkreten Rechnen multipliziert man mit h(y)h(y) und erhält h(y)y=g(x)h(y)\, y' = g(x), den direkten Einstieg ins Trennungs-Verfahren von §2.

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Separierbare DGL (Vorlesungs-Form)
y=g(x)h(y)y' = \dfrac{g(x)}{h(y)}
gg hängt nur von xx ab (Zähler), hh nur von yy (Nenner). Spezialfall der Standardform y=f(x,y)y' = f(x, y) mit getrennter rechter Seite. Voraussetzung für das Trennungsverfahren in §2.
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Äquivalente Produkt-Form (Lehrbuch)
y=g(x)h~(y),h~(y)=1h(y)y' = g(x) \cdot \tilde{h}(y), \quad \tilde{h}(y) = \dfrac{1}{h(y)}
Manche Texte schreiben die rechte Seite als Produkt statt als Quotient. Identisch zur Vorlesungs-Form über h~=1/h\tilde{h} = 1/h. Nur eine andere Schreibweise derselben Klasse.
Definition Separierbar
Vorlesungs-Form: eine DGL 1. Ordnung y=g(x)/h(y)y' = g(x) / h(y), mit gg stetig auf D(g)RD(g) \subset \mathbb{R} und hh stetig auf D(h)RD(h) \subset \mathbb{R}. Äquivalent als Produkt y=g(x)(1/h(y))y' = g(x) \cdot (1/h(y)) schreibbar.
Notation gg, hh
Ab Kap. VII.4 fest: gg ist der xx-abhängige Zähler, hh der yy-abhängige Nenner. Beide skalar und stetig auf ihrem Definitionsbereich. Manche Texte schreiben die Produkt-Form g(x)h~(y)g(x) \cdot \tilde{h}(y) mit h~=1/h\tilde{h} = 1/h.
Querverweis Verweise
→ VII.3 §1.1 Standardform

1.2 Separierbare Form erkennen

x0x_0 1.20
y0y_0 1.00
Steigung ff 1.20
Form x / y
Abb. 1: Richtungsfeld einer separierbaren DGL. Wechsle die rechte Seite; bei separierbarer Form zerfällt die Steigung in einen reinen xx-Teil und einen reinen yy-Teil.

Wie siehst du einer beliebigen DGL 1. Ordnung an, ob sie separierbar ist?

Der Algorithmus dazu hat genau einen Schritt: versuche, die rechte Seite so zu schreiben, dass xx und yy getrennt sind, also als g(x)/h(y)g(x)/h(y) (oder gleichwertig als Produkt g(x)h~(y)g(x) \cdot \tilde{h}(y)). Wenn das geht, ist die DGL separierbar; wenn nicht, nicht. Klingt trivial, ist aber in der Praxis oft die einzige Frage, die zwischen einer Klausuraufgabe in fünf Minuten und einer in einer Stunde steht.

Drei Mini-Tests fürs Auge.

Erstens: steht die DGL schon mit getrennten Variablen da, etwa y=g(x)/h(y)y' = g(x)/h(y) oder y=g(x)h~(y)y' = g(x)\, \tilde{h}(y)? Dann fertig.

Zweitens: lässt sich die rechte Seite durch Ausklammern in diese Form bringen? Etwa y=xy+x=x(y+1)y' = x\, y + x = x\, (y + 1), separierbar mit g(x)=xg(x) = x und h~(y)=y+1\tilde{h}(y) = y + 1 (also h(y)=1/(y+1)h(y) = 1/(y+1) in der Quotienten-Form).

Drittens: stehen xx und yy untrennbar in einer Funktion, etwa y=sin(x+y)y' = \sin(x + y) oder y=x2+y2y' = x^2 + y^2? Dann nicht separierbar.

Beispiele zum Mitprüfen. (a) y=xeyy' = x \, e^{-y} ist separierbar: g(x)=xg(x) = x, h~(y)=ey\tilde{h}(y) = e^{-y}. (b) y=yxy' = \dfrac{y}{x} ist separierbar: g(x)=1/xg(x) = 1/x, h~(y)=y\tilde{h}(y) = y, gültig für x0x \neq 0. (c) y=x+yy' = x + y ist nicht separierbar; die Summe lässt sich nicht in getrennte Variablen umrechnen. (d) y=x2+y2y' = x^2 + y^2 aus VII.3 §2.1 ist nicht separierbar, wie schon dort qualitativ besprochen.

Wenn der Test scheitert, ist die DGL nicht hoffnungslos. Sie braucht nur ein anderes Verfahren: Substitution (§4), lineare-DGL-Theorie (Kap. VII.5), exakte DGL (Kap. VII.6) oder, im Notfall, numerische Methoden. „Nicht separierbar“ ist ein Etikett, keine Sackgasse.

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Beispiel: Faktorisierung durch Ausklammern
y=xy+x=x(y+1)y' = x\, y + x = x\, (y + 1)
Aus der Summe wird per Ausklammern ein Produkt mit g(x)=xg(x) = x und h~(y)=y+1\tilde{h}(y) = y + 1, in Quotienten-Schreibweise h(y)=1/(y+1)h(y) = 1/(y+1). Klassischer Trick: erst auf getrennte Variablen umformen, dann lesen.
Merke Erkennungs-Reflex
Lässt sich die rechte Seite mit getrennten Variablen schreiben, g(x)/h(y)g(x)/h(y) (oder g(x)h~(y)g(x) \cdot \tilde{h}(y))? Ja → separierbar, §2 direkt anwendbar. Nein → Substitution oder andere Methoden.

2Trennung der Variablen

2.1 Variablen trennen mit h(y) dy = g(x) dx

Wie machen wir aus den zwei Faktoren auf einer Seite zwei Integrale?

Der Trick heisst Trennung der Variablen. Wir starten mit der Vorlesungs-Form y=g(x)/h(y)y' = g(x)/h(y) und schreiben yy' als Leibniz-Quotient dy/dxdy/dx, also dydx=g(x)h(y)\dfrac{dy}{dx} = \dfrac{g(x)}{h(y)}. Jetzt multiplizieren wir formal mit h(y)h(y) und mit dxdx: h(y)dy=g(x)dxh(y)\, dy = g(x)\, dx. Auf der linken Seite stehen nur noch yy- und dydy-Symbole, auf der rechten nur xx- und dxdx-Symbole. Die Variablen sind getrennt; daher der Name. Das ist exakt der Vorlesungs-Schritt h(y)y=g(x)h(y)\, y' = g(x).

Achtung: die Trennung h(y)dy=g(x)dxh(y)\, dy = g(x)\, dx sieht aus wie ein Umstellen beim Bruch. Streng genommen sind dxdx und dydy aber keine Zahlen, sondern Differential-Symbole; sauber begründet wird der Schritt erst durch die Substitutionsregel der Integration. Das holen wir in §2.2 nach. Bis dahin rechnen wir formal.

Voraussetzung fürs Trennen: man darf nicht durch null teilen. In der gleichwertigen Produkt-Schreibweise y=g(x)h~(y)y' = g(x)\, \tilde{h}(y) mit h~=1/h\tilde{h} = 1/h ist das die Bedingung h~(y)0\tilde{h}(y) \neq 0. Genau wo h~\tilde{h} verschwindet, verstecken sich die singulären Lösungen (§2.4).

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Trennung der Variablen
h(y)dy=g(x)dxh(y)\, dy = g(x)\, dx
Aus der Vorlesungs-Form y=g(x)/h(y)y' = g(x)/h(y) durch formale Umstellung (h(y)y=g(x)h(y)\, y' = g(x)). Variablen sind links und rechts vollständig getrennt; je eine Seite hängt von je einer Variable ab.
Definition Trennung der Variablen
Verfahren: aus y=g(x)/h(y)y' = g(x)/h(y) wird formal h(y)dy=g(x)dxh(y)\, dy = g(x)\, dx (Vorlesungs-Schritt h(y)y=g(x)h(y)\, y' = g(x)). Trennen verlangt, dass der yy-abhängige Faktor der rechten Seite, 1/h(y)1/h(y), nicht verschwindet.
Notation Leibniz y=dy/dxy' = dy/dx
Statt des Strichs yy' schreiben wir den Quotienten dy/dxdy/dx. Beide Notationen meinen dasselbe; der Quotient erlaubt das formale Umstellen wie bei einem Bruch.

2.2 Integration und implizite Lösung

x0x_0 1.50
y0y_0 1.50
x02+y02=Cx_0^2 + y_0^2 = C 4.50
Radius C\sqrt{C} 2.12
Abb. 2: Trennung der Variablen für y=x/yy' = -x/y. Beide Seiten integriert ergibt die implizite Lösung x2+y2=Cx^2 + y^2 = C, also Kreise. Ziehe den Anfangspunkt, der Radius C\sqrt{C} folgt.

Welche Form hat die Lösung, nachdem beide Seiten integriert sind?

Wir integrieren beide Seiten der getrennten Form: links über yy, rechts über xx. Es entsteht eine Gleichung zwischen zwei Stammfunktionen plus einer freien Konstanten CC. Diese Konstante ist exakt der Scharparameter aus VII.3 §5.1; sie parametrisiert die einparametrige Lösungsschar der DGL.

Bezeichnen wir mit H(y):=h(y)dyH(y) := \int h(y)\, dy irgendeine Stammfunktion der linken Seite und mit G(x):=g(x)dxG(x) := \int g(x)\, dx irgendeine Stammfunktion der rechten Seite, dann lautet die implizite allgemeine Lösung H(y)=G(x)+CH(y) = G(x) + C. Diese Form gibt uns yy noch nicht explizit; sie liefert nur einen Zusammenhang. Auflösen nach yy ist ein separater Schritt und manchmal gar nicht möglich.

Warum nur eine Konstante? Weil H(y)+C1=G(x)+C2H(y) + C_1 = G(x) + C_2 sich zu H(y)=G(x)+(C2C1)H(y) = G(x) + (C_2 - C_1) umschreiben lässt, und die Differenz C2C1C_2 - C_1 ist selbst wieder eine freie Konstante CC.

Saubere Begründung (Vorlesungs-Weg). Schreibe y=g(x)/h(y)y' = g(x)/h(y) als h(y(x))y(x)=g(x)h(y(x))\, y'(x) = g(x) und integriere beide Seiten nach xx: h(y(x))y(x)dx=g(x)dx\int h(y(x))\, y'(x)\, dx = \int g(x)\, dx.

Links substituieren wir y=y(x)y = y(x), dy=y(x)dxdy = y'(x)\, dx und erhalten h(y)dy\int h(y)\, dy. Das ist dieselbe Gleichung wie nach der formalen Trennung, und damit ist sie gerechtfertigt.

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Implizite allgemeine Lösung
h(y)dy=g(x)dx+C\int h(y)\, dy = \int g(x)\, dx + C
Stammfunktionen H(y):=h(y)dyH(y) := \int h(y)\, dy und G(x):=g(x)dxG(x) := \int g(x)\, dx erfüllen H(y)=G(x)+CH(y) = G(x) + C. CRC \in \mathbb{R} parametrisiert die Schar (vgl. VII.3 §5.1). Das ist der Vorlesungs-Weg h(u)du=g(x)dx\int h(u)\, du = \int g(x)\, dx.
Formel Allgemeine Lösung
H(y)=G(x)+CH(y) = G(x) + C
Mit H(y)=h(y)dyH(y) = \int h(y)\, dy und G(x)=g(x)dxG(x) = \int g(x)\, dx. Eine Gleichung zwischen Stammfunktionen, parametrisiert durch den Scharparameter CC.
Merke Implizit ist eine Lösung
Die Form H(y)=G(x)+CH(y) = G(x) + C ist die volle allgemeine Lösung. Auflösen nach yy ist ein optionaler Folgeschritt, kein notwendiger.

2.3 Anfangswertproblem einarbeiten

Wie wird aus der impliziten Lösung eine konkrete Funktion y(x)y(x)?

Aus VII.3 §3.1 wissen wir: ein Anfangswertproblem (AWP) gibt eine Anfangsbedingung y(x0)=y0y(x_0) = y_0 vor und legt damit die Scharkonstante eindeutig fest. Bei der separierbaren DGL ist die Mechanik dafür besonders sauber: wir integrieren von x0x_0 bis xx statt unbestimmt. Aus der getrennten Form h(y)dy=g(x)dxh(y)\, dy = g(x)\, dx wird die Integralgleichung mit Anfangswert.

Die Konstante ist dann automatisch absorbiert; auf jeder Seite stehen definite Integrale, die bei x=x0x = x_0 beide null sind. Auflösen nach yy (sofern möglich) liefert die spezielle Lösung des AWP.

Beispiel zum Mitrechnen: y=2xyy' = -2 x\, y mit AWP y(0)=1y(0) = 1. Trennen: dy/y=2xdxdy/y = -2x\, dx (gültig für y0y \neq 0). Definit integrieren von 00 bis xx gibt lny(x)=x2\ln |y(x)| = -x^2.

Wegen y(0)=1>0y(0) = 1 > 0 bleibt yy nahe 00 positiv, der Betrag fällt weg: y(x)=ex2y(x) = e^{-x^2}. Probe: y(x)=2xex2=2xyy'(x) = -2x\, e^{-x^2} = -2x\, y, passt; y(0)=1y(0) = 1, passt.

Beim definiten Integrieren entfällt die separate Bestimmung von CC, direkter Weg vom AWP zur Antwort. Alternativ rechnet man erst die allgemeine Lösung aus und passt CC am Ende an; beide Wege sind äquivalent, der definite ist meist schneller.

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AWP via definite Integration
y0y(x)h(η)dη=x0xg(ξ)dξ\int_{y_0}^{y(x)} h(\eta)\, d\eta = \int_{x_0}^{x} g(\xi)\, d\xi
Definite Integrale absorbieren die Konstante automatisch. η\eta und ξ\xi sind Integrationsvariablen, damit nichts mit dem festen Anfangspunkt (x0,y0)(x_0, y_0) kollidiert.
Formel AWP separierbar
y0ydηh(η)=x0xg(ξ)dξ\int_{y_0}^{y} \dfrac{d\eta}{h(\eta)} = \int_{x_0}^{x} g(\xi)\, d\xi
Definite Integration eliminiert die Konstante. η,ξ\eta, \xi als Hilfsvariablen, um Verwechslungen mit den Grenzen zu vermeiden.

2.4 Singuläre Lösungen aus verschwindendem y-Faktor

Was passiert an Stellen, wo der yy-abhängige Faktor der rechten Seite verschwindet und wir gar nicht trennen dürfen?

In der Produkt-Schreibweise y=g(x)h~(y)y' = g(x)\, \tilde{h}(y) (mit h~=1/h\tilde{h} = 1/h) verlangt das Trennen h~(y)0\tilde{h}(y) \neq 0. Wenn aber h~(y)=0\tilde{h}(y_*) = 0 für ein bestimmtes yy_*, dann ist die konstante Funktion yyy \equiv y_* ebenfalls eine Lösung der DGL. Verifikation per Direkteinsetzen: y=0y' = 0 auf beiden Seiten, denn yyy \equiv y_* ist konstant, und g(x)h~(y)=g(x)0=0g(x) \cdot \tilde{h}(y_*) = g(x) \cdot 0 = 0. Die DGL ist erfüllt für jedes xx.

Solche Lösungen heissen singuläre Lösungen oder stationäre Lösungen. Sie tauchen in der Trennungs-Rechnung nicht von selbst auf, weil wir sie beim Teilen durch h~(y)\tilde{h}(y) herausgefiltert haben. Wer sie vergisst, übersieht eine ganze Familie von Lösungen.

Praxisreflex: bei jeder separierbaren DGL erst die Nullstellen des yy-Faktors h~\tilde{h} bestimmen, bevor man trennt. Jede Nullstelle yy_* liefert eine Lösung yyy \equiv y_*.

Lohnt sich zu prüfen, ob dort die Eindeutigkeit aus VII.3 §3.2 verletzt ist (fyf_y ist an einer solchen Stelle oft unstetig). Ist sie verletzt, können Lösungskurven die singuläre Lösung berühren oder verlassen, wie bei der Verzweigung aus VII.3 §3.3.

Beispiel: y=ycos(x)y' = y\, \cos(x). Trennen liefert dy/y=cos(x)dxdy/y = \cos(x)\, dx (für y0y \neq 0), also lny=sin(x)+C\ln |y| = \sin(x) + C und y(x)=C1esin(x)y(x) = C_1\, e^{\sin(x)} mit C10C_1 \neq 0.

Daneben ist y0y \equiv 0 eine singuläre Lösung. Sie passt hier sogar in die Schar, wenn man C1=0C_1 = 0 zulässt: die volle Lösungsmenge ist y=C1esin(x)y = C_1\, e^{\sin(x)} mit beliebigem C1RC_1 \in \mathbb{R}.

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Singuläre Lösung
h~(y)=0    yy  ist Lo¨sung\tilde{h}(y_*) = 0 \;\Rightarrow\; y \equiv y_* \;\text{ist Lösung}
Per Direkteinsetzen: y=0y' = 0 und g(x)h~(y)=0g(x) \tilde{h}(y_*) = 0. Eine konstante Funktion auf Höhe einer Nullstelle des yy-Faktors h~=1/h\tilde{h} = 1/h. Wird beim Trennen herausgefiltert und muss separat aufgeführt werden.
Definition Singuläre Lösung
Konstante Funktion yyy \equiv y_*, wobei yy_* Nullstelle des yy-Faktors h~=1/h\tilde{h} = 1/h ist. Erfüllt die DGL, wird aber beim Trennen nicht gefunden, weil dort durch h~(y)\tilde{h}(y) geteilt wird.
Prüfungstipp Reflex: Nullstellen des yy-Faktors h~\tilde{h} vor dem Trennen lösen; jede Nullstelle yy_* gibt eine singuläre Lösung yyy \equiv y_* dazu.
Querverweis Verweise
→ VII.3 §3.2 Picard-Lindelöf

3Logistisches Populationsmodell

3.1 Modell und DGL

Anfangsbestand y0y_0 0.10
Kapazität KK 1.00
y˙\dot y bei y0y_0 0.09
1.0
1.0
Abb. 3: Logistisches Wachstum y˙=ry(1y/K)\dot y = r\,y\,(1 - y/K). Lösungen streben die Kapazität KK an: S-Kurve von unten, Abklingen von oben. Ziehe den Anfangsbestand y0y_0.

Wie passt ein Wachstum gegen eine Sättigungsgrenze in eine DGL?

Das ungestörte Wachstum aus VII.2 §1.1 (y=kyy' = k\, y) hat einen unrealistischen Zug: die Population wächst unbeschränkt. In der Realität gibt es immer eine Obergrenze. Bakterien in einer Petrischale verbrauchen ihre Nährstoffe; Tiere in einem Habitat konkurrieren um Wasser, Futter, Raum; Käufer in einem Markt sättigen sich. All das führt dazu, dass die effektive Wachstumsrate mit zunehmender Population abnimmt, statt konstant bei kk zu bleiben.

Das einfachste Modell dafür ist das logistische Wachstum: die Rate ist nicht mehr konstant kk, sondern r(1y/K)r\, (1 - y/K), mit der Sättigungskapazität K>0K > 0 (auch Tragfähigkeit).

Für yKy \ll K ist die effektive Rate r\approx r (volles Wachstum), bei y=K/2y = K/2 halb so gross, bei y=Ky = K null, bei y>Ky > K negativ (Population schrumpft Richtung KK). Genau das passt zur Bakterien-Petrischale.

Die zugehörige DGL ist die logistische DGL: y˙=ry(1y/K)\dot{y} = r\, y\, (1 - y/K), gestartet bei y(0)=y0y(0) = y_0. Die unabhängige Variable nennen wir hier wieder tt (Zeit), passend zur biologischen Anwendung; mathematisch wäre xx genauso korrekt. Die Konstanten r>0r > 0 (intrinsische Wachstumsrate) und K>0K > 0 (Sättigungskapazität) sind Parameter des Modells.

Notations-Achtung: die Wachstumsrate heisst hier rr, nicht kk wie in VII.2. Beide sind 1/Zeit-Konstanten für die anfängliche Rate; rr steht nur, um es mit dem logistischen Parameter KK zusammenzuführen. Manche Texte schreiben MM statt KK.

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Logistische DGL
y˙=ry(1yK),y(0)=y0\dot{y} = r\, y\, \left(1 - \dfrac{y}{K}\right), \quad y(0) = y_0
r>0r > 0 intrinsische Wachstumsrate, K>0K > 0 Sättigungskapazität, AWP y(0)=y0y(0) = y_0 mit 0<y0<K0 < y_0 < K als Standard-Setup. Effektive Rate r(1y/K)r(1 - y/K) nimmt mit wachsendem yy ab.
Definition Logistische DGL
Modell mit Sättigungsgrenze: y˙=ry(1y/K)\dot{y} = r\, y\, (1 - y/K). Effektive Wachstumsrate r(1y/K)r(1 - y/K) nimmt mit yy ab und verschwindet bei y=Ky = K.
Notation rr vs kk
rr ist die intrinsische Wachstumsrate des logistischen Modells. In VII.2 §1.1 hiess die Konstante des ungestörten Wachstums kk. Verschiedene Namen, gleiche Einheit 1/Zeit; die Umbenennung trennt nur die Modelle.
Notation KK (Kapazität)
Sättigungskapazität oder Tragfähigkeit, Einheit der Population. Manche Texte schreiben MM statt KK. Stationäre Lösung der DGL: bei y=Ky = K ist y˙=0\dot{y} = 0.

3.2 Lösung über Separation und Partialbruchzerlegung

Welche Schritte braucht die Separation, wenn die rechte Seite quadratisch in yy ist?

Die logistische DGL ist separierbar mit g(t)=rg(t) = r und dem yy-Faktor h~(y)=y(1y/K)\tilde{h}(y) = y\, (1 - y/K) (in Quotienten-Schreibweise h(y)=1/(y(1y/K))h(y) = 1/(y(1-y/K))). Trennen: dyy(1y/K)=rdt\dfrac{dy}{y\, (1 - y/K)} = r\, dt, gültig für y0y \neq 0 und yKy \neq K (das sind die zwei Nullstellen von h~\tilde{h}, die wir später als singuläre Lösungen in §3.3 wieder treffen).

Die linke Seite ist eine rationale Funktion in yy und lässt sich per Partialbruchzerlegung auf zwei einfache Logarithmen zurückführen. Ansatz: 1y(1y/K)=Ay+B1y/K\dfrac{1}{y\, (1 - y/K)} = \dfrac{A}{y} + \dfrac{B}{1 - y/K} mit zu bestimmenden Konstanten A,BA, B. Multiplizieren mit y(1y/K)y(1 - y/K) liefert 1=A(1y/K)+By1 = A\, (1 - y/K) + B\, y. Einsetzen y=0y = 0: 1=A1 = A, also A=1A = 1. Einsetzen y=Ky = K: 1=BK1 = B\, K, also B=1/KB = 1/K. Damit ist 1y(1y/K)=1y+1/K1y/K\dfrac{1}{y\, (1 - y/K)} = \dfrac{1}{y} + \dfrac{1/K}{1 - y/K}.

Damit integriert die linke Seite zu lnyln1y/K\ln |y| - \ln |1 - y/K| (das Minus kommt von ddy(1y/K)=1/K\tfrac{d}{dy}(1 - y/K) = -1/K), die rechte zu rt+Cr\, t + C.

Zusammen: lny1y/K=rt+C\ln \left| \dfrac{y}{1 - y/K} \right| = r\, t + C, also y1y/K=A1ert\dfrac{y}{1 - y/K} = A_1\, e^{r t} mit einer freien Konstante A1=±eCA_1 = \pm e^C.

AWP einarbeiten: bei t=0t = 0 ist y=y0y = y_0, also A1=y01y0/KA_1 = \dfrac{y_0}{1 - y_0/K}. Einsetzen und nach yy auflösen liefert die geschlossene Lösung der logistischen DGL. Die Auflösung ist Algebra (Hauptnenner, Umstellen, Bruch glätten); das Endresultat ist die Sigmoid-Form mit Asymptote bei KK.

Die Formel zeigt drei Eigenschaften, die zur Modell-Intention passen. Bei t=0t = 0 liefert sie y(0)=y0y(0) = y_0. Für tt \to \infty geht der Exponentialterm ert0e^{-rt} \to 0 und damit y(t)Ky(t) \to K. Für kleine y0Ky_0 \ll K ist die Form in einer frühen Phase fast exponentiell, also y(t)y0erty(t) \approx y_0\, e^{r t}, wie das ungestörte Wachstum aus VII.2.

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Partialbruchzerlegung
1y(1y/K)=1y+1/K1y/K\dfrac{1}{y\, (1 - y/K)} = \dfrac{1}{y} + \dfrac{1/K}{1 - y/K}
Klassischer Ansatz: 1=A(1y/K)+By1 = A\,(1 - y/K) + B\, y, Konstanten durch Einsetzen y=0y = 0 und y=Ky = K bestimmen. Liefert A=1A = 1, B=1/KB = 1/K.
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Implizite Form nach Integration
lny1y/K=rt+C\ln \left| \dfrac{y}{1 - y/K} \right| = r\, t + C
Linke Seite via Partialbruch plus Logarithmen, rechte Seite trivial. Auflösen nach yy über exp\exp und algebraische Manipulation liefert die Sigmoid-Form.
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Logistische Lösung
y(t)=K1+(Ky0y0)erty(t) = \dfrac{K}{1 + \left(\dfrac{K - y_0}{y_0}\right) e^{-r t}}
Spezielle Lösung des AWP mit y(0)=y0y(0) = y_0 und 0<y0<K0 < y_0 < K. Sigmoid-Kurve mit Wendepunkt bei y=K/2y = K/2 und Asymptote yKy \to K für tt \to \infty.
Formel Logistische Lösung
y(t)=K1+(Ky0y0)erty(t) = \dfrac{K}{1 + \left(\dfrac{K - y_0}{y_0}\right) e^{-r t}}
Sigmoid-Kurve, Anfangswert y(0)=y0y(0) = y_0, Asymptote KK. Wendepunkt bei y=K/2y = K/2, also bei tW=(1/r)ln((Ky0)/y0)t_W = (1/r) \ln((K - y_0)/y_0) für y0<K/2y_0 < K/2.
Merke Methode
Separation + Partialbruch + Auflösen über exp\exp. Drei Standard-Schritte. Plausibilitäts-Checks gegen y(0)=y0y(0) = y_0 und yKy \to K ablegen.

3.3 Asymptotik und Kapazitätsgrenze

Wohin strebt die Population langfristig?

Die Antwort lesen wir direkt aus der Lösungsformel ab: für tt \to \infty geht ert0e^{-r t} \to 0, der Nenner wird zu 11, und y(t)Ky(t) \to K. Die Sättigungskapazität KK ist also die langfristige asymptotische Grösse der Population, egal mit welchem Startwert y0(0,K)y_0 \in (0, K) man begonnen hat. Geometrisch ist y=Ky = K eine horizontale Asymptote der Lösungskurve.

Zwei stationäre Lösungen aus den Nullstellen des yy-Faktors h~(y)=y(1y/K)\tilde{h}(y) = y\, (1 - y/K), schon aus §2.4 bekannt. Erstens y0y \equiv 0 (Probe: y˙=0=r01\dot{y} = 0 = r \cdot 0 \cdot 1): die leere Petrischale, ohne Bakterien wächst nichts.

Zweitens yKy \equiv K (Probe: y˙=0=rK0\dot{y} = 0 = r \cdot K \cdot 0): die voll besetzte Petrischale, genau auf der Kapazität.

Stabilitätsanalyse, qualitativ. Die Nulllösung ist instabil: jede kleine Störung nach oben treibt das System ins Wachstum und Richtung KK.

Die Kapazitätslösung ist asymptotisch stabil: yy knapp unter KK wächst zurück hoch, y>Ky > K wird durch das negative Vorzeichen von 1y/K1 - y/K zurückgezogen. Die Asymptote y=Ky = K ist also ein dynamischer Attraktor. Systematisch in Kap. VII.13.

Wendepunkt der Sigmoid-Kurve: aus y¨=0\ddot{y} = 0 folgt nach kurzer Rechnung y=K/2y = K/2. Das heisst: das Wachstum erreicht seinen Höchstwert genau dort, wo die Population die halbe Kapazität ausschöpft. Vor K/2K/2 beschleunigt die Population (zweite Ableitung positiv); nach K/2K/2 verlangsamt sie sich (zweite Ableitung negativ). Diese Form (S-Kurve) ist die mathematische Signatur des logistischen Modells.

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Langfristige Asymptotik
limty(t)=Kfu¨y0>0\lim_{t \to \infty} y(t) = K \quad \text{für } y_0 > 0
Folgt direkt aus der Lösungsformel: der Exponentialterm im Nenner verschwindet. Die Sättigungskapazität KK ist Attraktor; unabhängig vom Startwert (solange y0>0y_0 > 0).
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Stationäre Lösungen
y0  und  yKy \equiv 0 \;\text{und}\; y \equiv K
Nullstellen des yy-Faktors h~(y)=y(1y/K)\tilde{h}(y) = y(1 - y/K). Erste instabil (jeder positive Startwert wandert weg), zweite asymptotisch stabil (Attraktor). Systematische Stabilitätsanalyse in Kap. VII.13.
Formel Attraktor
limty(t)=K\lim_{t \to \infty} y(t) = K
Für jeden Startwert y0>0y_0 > 0. Geometrisch: horizontale Asymptote der Lösungskurve. Stabile stationäre Lösung des Systems.
Merke Sigmoid-Signatur
S-Kurve mit Asymptote bei KK, Wendepunkt bei K/2K/2, charakteristische Zeitskala 1/r1/r. Diese drei Werte definieren das logistische Modell qualitativ vollständig.

4Substitution als Lösungsmethode

4.1 Substitution y = H(x, u) macht separierbar

Was tun, wenn die DGL nicht direkt separierbar aussieht?

Die Antwort heisst Substitution: ersetze die Funktion yy durch eine geeignete Funktion einer neuen Hilfsvariable uu. Wenn die Substitution gut gewählt ist, verwandelt sich die ursprüngliche, nicht-separierbare DGL für yy in eine separierbare DGL für uu. Dann lösen wir die neue DGL mit dem Verfahren aus §2 und rechnen am Schluss zurück.

Allgemeines Schema: schreibe y=H(x,u(x))y = H(x, u(x)) mit einer geschickt gewählten Funktion HH. Die Hilfsvariable u(x)u(x) ist die neue gesuchte Funktion. Die Ableitung folgt aus der Kettenregel: y(x)=Hx(x,u)+Hu(x,u)u(x)y'(x) = H_x(x, u) + H_u(x, u) \cdot u'(x). Einsetzen in die ursprüngliche DGL y=f(x,y)y' = f(x, y) liefert eine DGL für uu, die je nach Wahl von HH separierbar wird (oder nicht).

Wie wählt man HH? Es gibt kein Rezept, nur Erfahrung und Mustererkennung. In der Praxis reichen aber wenige Standard-Substitutionen, die für bestimmte DGL-Formen fast immer greifen (§4.2 und 4.3). Wer diese Muster erkennt, löst die meisten nicht-direkt-separierbaren Klausur-DGLs in Minuten.

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Substitutions-Schema
y=H(x,u(x))y=Hx(x,u)+Hu(x,u)u(x)\begin{aligned} y &= H(x, u(x)) \\ y' &= H_x(x, u) + H_u(x, u) \cdot u'(x) \end{aligned}
Allgemeiner Variablen-Wechsel mit Ableitung über die Kettenregel. Einsetzen in y=f(x,y)y' = f(x, y) liefert eine neue DGL für u(x)u(x). Wahl von HH entscheidet, ob diese DGL separierbar wird.
Definition Substitution
Variablen-Wechsel y=H(x,u(x))y = H(x, u(x)) mit einer geschickt gewählten Funktion HH. Ziel: die DGL für uu ist separierbar.
Notation u(x)u(x)
Hilfsvariable, die neue gesuchte Funktion nach der Substitution. Nach dem Lösen der DGL für uu rechnen wir per y=H(x,u)y = H(x, u) zurück auf yy.
Merke Strategie
Standardfälle (§4.2, 4.3) als Muster lernen. Beim Mustertreffer Substitution anwenden, DGL für uu separieren, zurückrechnen.

4.2 Standardfall y' = f(y/x) via y = u · x

x0x_0 2.00
y0y_0 0.60
u=y0/x0u = y_0/x_0 0.30
Steigung ff 1.86
Abb. 4: Homogene DGL y=(x+y)/(xy)y' = (x+y)/(x-y). Die Steigung hängt nur von u=y/xu = y/x ab, darum sind die Isoklinen Strahlen durch den Ursprung. Genau deshalb macht y=uxy = u\,x sie separierbar.

Welche Substitution macht eine DGL der Form y=f(y/x)y' = f(y/x) automatisch separierbar?

Solche DGLs heissen homogen (nicht zu verwechseln mit „rechte Seite null“ aus der linearen Theorie in Kap. VII.5). Definierende Eigenschaft: ff hängt von xx und yy nur über den Quotienten y/xy/x ab.

Beispiele: y=(x+y)/x=1+y/xy' = (x + y)/x = 1 + y/x, y=(x2+y2)/(xy)=x/y+y/xy' = (x^2 + y^2)/(x\, y) = x/y + y/x, y=y/xy' = y/x.

Die universelle Substitution für diesen Fall: y=u(x)xy = u(x) \cdot x, also u=y/xu = y/x. Die Ableitung folgt aus der Produktregel: y=ux+uy' = u'\, x + u. Einsetzen in y=f(y/x)=f(u)y' = f(y/x) = f(u) liefert ux+u=f(u)u'\, x + u = f(u), also ux=f(u)uu'\, x = f(u) - u, oder u=(f(u)u)/xu' = (f(u) - u)/x. Diese DGL für uu ist separierbar (mit g(x)=1/xg(x) = 1/x und h(u)=f(u)uh(u) = f(u) - u), und genau das war der Plan.

Beispiel zum Mitrechnen 1: y=y/xy' = y/x (Geradenschar durch den Ursprung, vgl. VII.3 §5.3). Hier ist f(y/x)=y/xf(y/x) = y/x, also f(u)=uf(u) = u. Substitution: ux=f(u)u=uu=0u' x = f(u) - u = u - u = 0. Folglich u=0u' = 0, also u(x)=u(x) = const, also u=Cu = C und y=ux=Cxy = u \cdot x = C\, x. Wie erwartet: die Lösungen sind die Geraden durch den Ursprung, parametrisiert durch die Steigung CC.

Beispiel 2: y=1+y/xy' = 1 + y/x, also f(u)=1+uf(u) = 1 + u. Substitution: ux=f(u)u=1u' x = f(u) - u = 1, also u=1/xu' = 1/x, trivial separierbar mit u(x)=lnx+Cu(x) = \ln |x| + C.

Rücksubstitution y=ux=xlnx+Cxy = u\, x = x\, \ln |x| + C\, x. Probe: y=lnx+1+C=1+y/xy' = \ln |x| + 1 + C = 1 + y/x, passt.

Notations-Achtung: ff ist hier eine Funktion einer Variablen u=y/xu = y/x, also f:uf(u)f: u \mapsto f(u). In VII.3 war f(x,y)f(x, y) zweistellig. Gleicher Buchstabe, andere Stelligkeit, lass dich nicht verwirren.

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Substitution y=uxy = u\, x
y=u(x)x    y=ux+uy = u(x)\, x \;\Rightarrow\; y' = u' x + u
Produktregel. Einsetzen in y=f(y/x)=f(u)y' = f(y/x) = f(u) liefert ux=f(u)uu' x = f(u) - u. Standardform: separierbar mit g(x)=1/xg(x) = 1/x und yy-Faktor h~(u)=f(u)u\tilde{h}(u) = f(u) - u.
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Resultierende DGL für uu
u=f(u)uxu' = \dfrac{f(u) - u}{x}
Separierbar: duf(u)u=dxx\dfrac{du}{f(u) - u} = \dfrac{dx}{x}. Voraussetzung f(u)uf(u) \neq u und x0x \neq 0. Lösen, dann rücksubstituieren mit u=y/xu = y/x.
Formel Substitution Schema
ux=f(u)uu' x = f(u) - u
Standardrezept für y=f(y/x)y' = f(y/x): substituiere y=uxy = u\, x, separiere, rücksubstituiere u=y/xu = y/x nach dem Lösen.
Notation ff ein-vs zwei-stellig
In VII.3 war f(x,y)f(x, y) zweistellig. Hier in y=f(y/x)y' = f(y/x) ist ff einstellig: f:uf(u)f: u \mapsto f(u). Gleicher Buchstabe, andere Stelligkeit; aufpassen beim Lesen.

4.3 Weitere typische Substitutionen

Welche weiteren Substitutionen helfen, und welche davon zeigt die Vorlesung?

Die Vorlesung führt genau zwei Substitutions-Muster vor: die homogene Substitution y=uxy = u\, x aus §4.2 und die lineare Kombination im Argument (gleich als Erstes, Vorlesungs-Beispiel y=(4x+5y)2y' = (4x + 5y)^2 mit u=4x+5yu = 4x + 5y). Die beiden danach, Bernoulli und die konstante Verschiebung, gehen über den Vorlesungs-Stoff hinaus. Wir führen sie als nützliche Ergänzung auf, weil sie in Aufgabensammlungen vorkommen; sie sind aber nicht der in der Vorlesung gezeigte Weg. Bei jedem Muster erkennt man die DGL an der Form der rechten Seite; die zugehörige Substitution macht die DGL für die Hilfsvariable uu separierbar (bei Bernoulli zunächst linear).

Erstens, lineare Kombination im Argument (Vorlesung): hat die DGL die Form y=f(ax+by+c)y' = f(a\, x + b\, y + c) (mit b0b \neq 0), ist u=ax+by+cu = a\, x + b\, y + c der Schlüssel. Das verallgemeinert das Vorlesungs-Beispiel y=(4x+5y)2y' = (4x + 5y)^2 mit u=4x+5yu = 4x + 5y.

Ableiten: u=a+byu' = a + b\, y', also y=(ua)/by' = (u' - a)/b. Einsetzen gibt u=a+bf(u)u' = a + b\, f(u), eine reine Funktion von uu (autonom), also separierbar mit g(x)=1g(x) = 1.

Zweitens, Bernoulli-DGL (Ergänzung, nicht Vorlesungsweg): y+p(x)y=q(x)yny' + p(x)\, y = q(x)\, y^n mit n0,1n \neq 0, 1. Wegen yny^n nicht direkt linear; die Substitution u=y1nu = y^{1 - n} macht sie linear. Dieses Muster zeigt die Vorlesung nicht; es hilft aber bei Aufgaben dieses Typs.

Ableiten gibt u=(1n)ynyu' = (1 - n)\, y^{-n}\, y'; multipliziert man die DGL mit (1n)yn(1 - n)\, y^{-n}, entsteht u+(1n)p(x)u=(1n)q(x)u' + (1 - n)\, p(x)\, u = (1 - n)\, q(x), linear in uu. Gelöst wird das mit der Methode aus Kap. VII.5.

Drittens, separierbar plus konstante Verschiebung (Ergänzung, nicht Vorlesungsweg): manchmal steht die DGL nicht direkt mit getrennten Variablen da, wird es aber nach einer einfachen linearen Verschiebung u=yy0u = y - y_0 (vertikale Verschiebung des Funktionsgraphen). Beispiel: y=(y3)2/xy' = (y - 3)^2 / x ist in dieser Form nicht offensichtlich separierbar, wird aber mit u=y3u = y - 3 zu u=u2/xu' = u^2/x, klar separierbar. Auch dieses Muster ist eine Ergänzung über die Vorlesung hinaus.

Damit hast du vier Substitutions-Muster im Werkzeugkasten: die zwei aus der Vorlesung (homogen y=uxy = u\, x und lineare Kombination) und zwei Ergänzungen (Bernoulli und Verschiebung). Wer die beiden Vorlesungs-Muster sicher erkennt, klassifiziert die meisten Substitutions-Aufgaben in wenigen Sekunden; die beiden Ergänzungen erweitern das Repertoire für seltenere Formen.

DGL-Form Substitution Resultierende DGL
y=f(y/x)y' = f(y/x) (homogen) y=uxy = u\, x ux=f(u)uu' x = f(u) - u, separierbar
y=f(ax+by+c)y' = f(ax + by + c) u=ax+by+cu = ax + by + c u=a+bf(u)u' = a + b\, f(u), autonom
Substitutionen aus der Vorlesung
DGL-Form Substitution Resultierende DGL
y+p(x)y=q(x)yny' + p(x) y = q(x) y^n (Bernoulli) u=y1nu = y^{1-n} u+(1n)p(x)u=(1n)q(x)u' + (1-n) p(x) u = (1-n) q(x), linear
y=g(x)h~(yy0)y' = g(x)\, \tilde{h}(y - y_0) (verschoben) u=yy0u = y - y_0 u=g(x)h~(u)u' = g(x) \tilde{h}(u), separierbar
Ergänzungen über die Vorlesung hinaus (nicht Vorlesungsweg)
Merke Substitutions-Muster
Vorlesung: homogen (y=uxy = u x), lineare Kombination (u=ax+by+cu = ax + by + c). Ergänzung (nicht Vorlesungsweg): Bernoulli (u=y1nu = y^{1-n}), verschoben (u=yy0u = y - y_0). Mustererkennung ist der Schlüssel.

Aufgaben mit Musterlösungen

Übungsaufgaben zu separabler Trennung, Partialbruch in der logistischen DGL und Substitutions-Mustern folgen in einer Phase-2-Runde.

Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.

MerkeErst selbst rechnen, dann Lösung prüfen!