Stell dir vor, du wirfst einen Ball hoch und fragst: wo ist er jetzt, wo in einer Sekunde? Solche Fragen tauchen in Physik, Chemie und Biologie ständig auf.
Bei einem System, das sich mit der Zeit ändert (Position, Druck, Stromstärke), kennen wir aber selten eine fertige Formel. Was wir kennen, ist meist die Änderungsrate, also die Ableitung der gesuchten Grösse.
Das ist der Trick: viele Naturgesetze reden über die Ableitung, nicht über die Funktion selbst. Newton sagt nicht, wo ein Teilchen ist, sondern wie sich seine Geschwindigkeit ändert. Die Thermodynamik kennt nicht den Temperaturverlauf, sondern die Rate, mit der ein heisser Topf abkühlt.
Eine Gleichung, in der eine unbekannte Funktion zusammen mit ihren Ableitungen auftritt, heisst Differentialgleichung (kurz DGL). Sie lösen heisst: aus der Information über die Änderungen die ganze Funktion rekonstruieren.
Das wichtigste Beispiel ist Newtons Bewegungsgleichung für ein Teilchen der Masse unter einer Kraft , eine DGL zweiter Ordnung für die Position .
Oft ist es bequemer, dieselbe Information als zwei gekoppelte Gleichungen erster Ordnung zu schreiben. Dazu führen wir die Geschwindigkeit als zweite unbekannte Funktion ein und bekommen ein System.
Was steckt formal hinter dem Wort „Differentialgleichung“? Eine Gleichung, in der eine unbekannte Funktion zusammen mit ihren Ableitungen auftritt. Meist schreiben wir sie so, dass alle Terme auf einer Seite stehen und rechts eine Null.
Das Wort gewöhnlich sagt: die gesuchte Funktion hängt von einer einzigen Variablen ab, meist der Zeit oder einer Ortskoordinate . Hängt sie von mehreren Variablen ab und treten partielle Ableitungen auf, heisst die Gleichung partiell. Partielle DGL sind Thema von Analysis III, nicht von hier.
Ein bekanntes Beispiel ist die Wellengleichung. Hier hängt von Ort und Zeit ab, und es treten die partiellen Ableitungen und auf. Ab jetzt geht es nur noch um gewöhnliche DGL.
Lässt sich Newtons nach auflösen? Klar: .
Bei mancher anderen DGL geht das nicht so leicht. Beide Fälle sind erlaubt und heissen DGL; beide bekommen jetzt einen Namen.
Implizit heisst die Gleichung, wenn sie ohne Auflösung dasteht, alle Terme vermischt. Explizit heisst sie, wenn nach der höchsten Ableitung aufgelöst ist. Newtons ist implizit; Division durch gibt , die explizite Form.
Welche höchste Ableitung steht in der DGL? Diese Zahl heisst Ordnung und ist die zentrale Klassifikation jeder DGL.
In der impliziten Form ist die Ordnung gleich , dem höchsten auftretenden Ableitungsgrad von . Achtung: sie hat nichts mit dem Grad eines Polynoms zu tun und nichts mit der höchsten Potenz, in der vorkommt. Beispiele folgen in Abschnitt 2.2.
Wie liest du die Ordnung an einer konkreten DGL ab, ohne lange zu rechnen? Drei Beispiele zum Üben: eines mit Ordnung 1, eines mit Ordnung 2, eines mit Ordnung 4.
Beispiel 1, Ordnung 1. Die Gleichung tritt überall dort auf, wo etwas mit einer Rate proportional zu sich selbst wächst oder abklingt. Für wächst eine Population exponentiell (Bakterien, Zinseszins). Für zerfällt eine Grösse exponentiell (radioaktiver Zerfall, Abkühlung). Höchste Ableitung: , also Ordnung 1.
Beispiel 2, Ordnung 2. Die harmonische Schwingung beschreibt eine Masse an einer Feder, ein Pendel mit kleiner Auslenkung, eine Schwingung in einem LC-Schaltkreis. Höchste Ableitung: , also Ordnung 2.
Beispiel 3, Ordnung 4. In der Balkenstatik beschreibt die Biegelinie eines Balkens unter einer Streckenlast . Höchste Ableitung: , also Ordnung 4. Ordnungen über 2 kommen in der Mechanik durchaus vor.
Was heisst eigentlich, eine DGL zu „lösen“? Nicht eine Zahl finden wie bei , sondern eine ganze Funktion , die die Gleichung samt ihren Ableitungen erfüllt, sobald wir sie einsetzen. Eine Lösung ist also ein Funktionsverlauf, kein einzelner Zahlenwert.
Wie prüft man, ob eine vorgeschlagene Funktion wirklich löst? Man setzt sie ein und schaut, ob beide Seiten übereinstimmen.
Probieren wir das an mit dem Vorschlag .
Einmal ableiten: . Nochmal ableiten: . Klammere aus, dann steht da wieder genau unser , also .
Einsetzen: . Die Null kommt heraus, und zwar für jede Wahl von und . Der Vorschlag ist also tatsächlich eine Lösung.
Wieso gibt es zu derselben DGL meistens unendlich viele Lösungen?
Schau wieder auf . Wir behaupten: für jede reelle Konstante ist eine Lösung. Einsetzen: , fertig.
Pro Wahl von bekommen wir also eine andere Lösungs-Funktion. Die Menge all dieser Funktionen heisst die allgemeine Lösung der DGL.
Mach dir das mit Zahlen klar. Nimm . Dann gibt die Kurve , die doppelt so hohe , die gespiegelte und die flache Nulllinie.
Diese Kurven bilden einen ganzen Stapel von Exponentialkurven, keine zwei schneiden sich. Genau dieser Stapel ist die allgemeine Lösung, und ist der Knopf, mit dem du eine einzelne Kurve herausziehst.
Wie viele Scharparameter braucht die allgemeine Lösung? Genau so viele, wie die DGL Ordnung hat.
Eine Lösungsschar ist eine Familie von Lösungen, die durch einen oder mehrere Parameter indiziert ist. Bei Ordnung 1 reicht ein Parameter, bei Ordnung 2 brauchen wir zwei, bei Ordnung insgesamt Stück.
Schau auf die drei Modellbeispiele aus Abschnitt 2.2. (Ordnung 1) hat , also einen Parameter . (Ordnung 2) hat , also zwei Parameter .
Bei Newton mit konstanter Kraft, (Ordnung 2), liefert zweimaliges Integrieren , wieder zwei Parameter.
Welche der vielen Lösungen ist die richtige für unser konkretes Problem? Das hängt davon ab, welche Zusatzinformation wir haben.
Schau wieder auf mit allgemeiner Lösung . Wissen wir zusätzlich, dass an einer Stelle der Wert ist, folgt , also . Einsetzen gibt die spezielle Lösung .
Diese Zusatzbedingung heisst Anfangsbedingung. Das Gesamtproblem aus DGL plus Anfangsbedingung heisst Anfangswertproblem (kurz AWP).
Bei Ordnung 2 brauchen wir zwei Anfangsbedingungen. Bei Newton mit konstantem sind das typischerweise Startposition und Startgeschwindigkeit .
Einsetzen in gibt und , also die spezielle Lösung . Die Anzahl Bedingungen passt zur Ordnung.
Übungsaufgaben zu Begriff, Ordnung und Anfangswertproblem folgen in einer Phase-2-Runde.
Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.