Stell dir einen Schraubenzieher vor. Du hältst den Griff fest und drückst die Klinge in eine festsitzende Schraube. Die Hand dreht oben, die Spitze steckt unten fest, und dazwischen verdrillt sich die Klinge ein kleines Stück. Genau das ist Torsion: ein Stab wird um seine eigene Längsachse verdreht. Dieselbe Beanspruchung steckt in jeder Antriebswelle, in jedem Bohrer und in jedem Schraubenschlüssel.
Die zugehörige Schnittgrösse heisst Torsionsmoment . Schneidest du den Stab gedanklich an einer Stelle durch, dann überträgt der eine Teil auf den anderen ein Moment, dessen Achse entlang der Stabachse zeigt (nicht quer dazu wie das Biegemoment). Dieses achsparallele Moment ist das Torsionsmoment . In manchen Büchern heisst es oder ; in dieser Vorlesung schreiben wir konsequent .
Was ist bei reiner Torsion sonst noch los? Erstaunlich wenig. Bei einem tordierten Kreisstab verschwinden Normalkraft und beide Biegemomente, und es gibt keine Normalspannung in Längsrichtung: . Auch die Querkräfte und heben sich über den Querschnitt auf. Übrig bleibt einzig eine Schubspannung , und die ganze Theorie dreht sich um diese eine Spannung und um den Verdrehwinkel.
Vorzeichen von . Wie bei jeder Schnittgrösse brauchen wir eine Vorzeichen-Regel. Wir legen die Stab-Längsachse als -Achse fest. Ein positives Torsionsmoment dreht per Rechte-Hand-Regel um die positive -Achse: Daumen in -Richtung, die gekrümmten Finger zeigen den Drehsinn von . Beim Freischneiden balanciert das innere das aufgebrachte äussere Moment. Greift am Ende einer Welle ein Moment an, liefert der Schnitt also oder , je nach Schnittufer und Drehsinn. Achte beim Aufstellen immer zuerst auf diese Konvention.
Frage: Wie bewegt sich das Material, wenn der Stab tordiert wird? Schau auf einen runden Stab und denk dir aufgemalte Kreisscheiben quer zur Achse. Beim Verdrehen passiert beim Kreisquerschnitt etwas Schönes: jede Scheibe dreht sich als Ganzes ein Stück weiter, bleibt aber eben und kreisrund. Sie kippt nicht, sie wölbt sich nicht, sie ändert ihre Form nicht. Das ist der Deformationsansatz von Saint-Venant für den Kreis.
Der Verdrehwinkel . Jede Scheibe an der Stelle ist um einen Winkel gegenüber dem unverdrehten Zustand verdreht. Weiter hinten am Stab ist die Verdrehung grösser, also wächst mit . Die Ableitung nennen wir Verdrillung: sie sagt, wie viel Verdrehwinkel pro Längeneinheit dazukommt. (Manche Texte schreiben den Winkel als ; das ist derselbe Buchstabe.)
Vom Drehen zur Verzerrung. Dreht sich eine Scheibe um den kleinen Winkel , verschiebt sich ein Punkt tangential. Setzt man diese Drehbewegung in die Verzerrungs-Definition aus Kap. 4 ein, entstehen genau zwei von null verschiedene Schub-Verzerrungen, und zwar proportional zur Verdrillung und zum Abstand von der Achse.
Von der Verzerrung zur Spannung. Im Kap. 5 haben wir gelernt: Schubspannung und Schub-Verzerrung hängen über den Schubmodul zusammen, . Setzen wir die beiden Verzerrungen aus Sec. 1.2 ein, bekommen wir sofort die beiden Schubspannungs-Komponenten im Querschnitt.
Wie sieht die resultierende Spannung aus? Die beiden Komponenten und setzen sich am Punkt zu einem Schubspannungs-Vektor zusammen. Rechnet man seinen Betrag aus, kürzt sich die Richtung weg und es bleibt etwas sehr Anschauliches: der Betrag hängt nur vom Abstand zur Achse ab.
Frage: Wie hängt die Verdrillung mit dem aufgebrachten Moment zusammen? Bis jetzt steckt in den Formeln noch die unbekannte Verdrillung . Die bestimmen wir, indem wir das Torsionsmoment als Summe aller Schubspannungen über den Querschnitt aufschreiben. Jeder kleine Flächenanteil trägt mit seinem Hebelarm zum Gesamtmoment um die Achse bei.
Aufsummieren über den Querschnitt. Das Moment der Schubspannungen um die -Achse ist . Setzt man die Spannungen aus Sec. 2.1 ein, klammert man aus, und es bleibt ein rein geometrisches Integral über .
Das geometrische Integral ist das polare Flächenträgheitsmoment. Den Ausdruck kennen wir: er misst, wie weit das Material im Mittel von der Achse weg sitzt. Er heisst polares Flächenträgheitsmoment und ist gerade die Summe der beiden Biege-Trägheitsmomente und aus Kap. 6.
Die Grundgleichung der Torsion. Stellt man die Beziehung nach der Verdrillung um, erhält man die zentrale Differentialgleichung der Torsion. Sie ist das exakte Gegenstück zu den Biege-Differentialgleichungen aus Kap. 6 und 7. Für den Kreisquerschnitt steht im Nenner ; allgemein schreibt man das Torsionsträgheitsmoment , das beim Kreis mit übereinstimmt (mehr dazu in Sec. 3 und 4).
Jetzt setzen wir alles zusammen. Aus Sec. 2.1 wissen wir , aus Sec. 2.2 die Verdrillung . Einsetzen, kürzt sich weg, und wir erhalten die Schubspannung direkt aus dem Torsionsmoment und der Geometrie. Für den Kreisquerschnitt schreibt man die tangentiale Komponente als (der Index steht für die Umfangsrichtung).
Wo ist die Spannung am grössten? Weil linear mit wächst, sitzt das Maximum immer am äusseren Rand, bei . Diesen Wert braucht man für den Festigkeitsnachweis. Man fasst die Geometrie dort in einer einzigen Kennzahl zusammen, dem Torsionswiderstandsmoment , und erhält die kompakte Maximalspannungs-Formel.
Frage: Woher kommen und konkret? Für die Rechnung brauchst du Zahlenwerte. Die beiden Kennzahlen (Steifigkeit) und (Festigkeit) sind reine Geometrie-Grössen und für jeden Standard-Querschnitt tabelliert. Du leitest sie in der Klausur nicht her, du liest sie ab. Wichtig ist nur, die richtige Spalte zu treffen.
Der Kreis als Referenz. Beim Vollkreis mit Radius ist (das ist gerade ). Das Widerstandsmoment folgt aus . In Durchmessern geschrieben: und . Diese vier Ausdrücke solltest du im Schlaf können.
| Vollquerschnitt | ||
|---|---|---|
| Kreis, Radius | ||
| Kreis, Durchmesser | ||
| Quadrat, Seite | ||
| Ellipse, Halbachsen |
Frage: Um wie viel verdreht sich der ganze Stab? Die Grundgleichung gibt die Verdrillung an jeder Stelle. Den gesamten Verdrehwinkel zwischen zwei Querschnitten bekommst du durch Aufintegrieren über die Länge, genau wie du aus der Krümmung die Durchbiegung gewinnst.
Der einfache Standardfall. Sind das Torsionsmoment , der Schubmodul und das Trägheitsmoment über die ganze Länge konstant, ist das Integral trivial: der Verdrehwinkel wächst linear mit , und über die volle Länge ergibt sich ein einfacher Bruch.
Die Analogie zu Dehnung und Biegung. Vergleiche die Steifigkeits-Gesetze nebeneinander: ein Zugstab verlängert sich um , ein Stab unter Torsion verdreht sich um . Dieselbe Struktur: Last mal Länge, geteilt durch Steifigkeit. Wer Zug und Biegung verstanden hat, kann Torsion auf genau dieselbe Art lesen.
Wann brauche ich den Verdrehwinkel? Immer dann, wenn nicht die Spannung, sondern die Verformung zählt: Wie stark verdreht sich die Antriebswelle unter Last? Passt das Bauteil noch zusammen, wenn es sich um dreht? Bei statisch unbestimmten Systemen liefert der Verdrehwinkel zudem die nötige geometrische Bedingung (siehe Kap. 11 und 12).
Frage: Warum bleibt die schöne Theorie nur dem Kreis vorbehalten? Der Grund ist eine Randbedingung. An der freien Mantelfläche des Stabes (aussen, wo nichts dranklebt) darf keine Schubspannung herauszeigen: die Spannung muss tangential zur Wand verlaufen. Mathematisch heisst das am Rand, mit der Flächennormale .
Beim Kreis ist das gratis. Wir haben in Sec. 2.1 gesehen: die Schubspannung steht ohnehin senkrecht zum Radius, also tangential zum Kreisrand. Die Randbedingung ist automatisch erfüllt, ohne dass wir etwas tun mussten. Deshalb war der Kreis so einfach.
Beim Rechteck oder Dreieck nicht. Sobald der Rand nicht kreisförmig ist (eine gerade Kante, eine Ecke), passt die einfache Spannungsverteilung nicht mehr zur Randbedingung. Der Querschnitt reagiert darauf, indem er sich aus seiner Ebene heraus verwölbt: Punkte, die vorher in einer Ebene lagen, wandern in -Richtung nach vorne oder hinten. Diese axiale Verschiebung ist die Verwölbung.
Die gute Nachricht für die Praxis. Die exakte Lösung mit Verwölbung ist aufwendig und hängt von der genauen Form ab. Für den Festigkeitsnachweis brauchst du sie meist gar nicht: es interessiert nur die maximale Schubspannung am Rand, und die liefert weiterhin , mit aus der Tabelle. Die Verteilung im Inneren überlässt man der Tabelle, das Maximum genügt.
Ein Fall, der sich noch von Hand lösen lässt. Die Ellipse ist der einfachste nicht-kreisförmige Vollquerschnitt mit geschlossener Lösung. Sie zeigt schön, wie die Verwölbung aussieht und wie das Torsionsträgheitsmoment von der reinen Geometrie abweicht. Für eine Ellipse mit den Halbachsen (in ) und (in ) lautet die Verwölbung:
Das Torsionsträgheitsmoment der Ellipse. Trägt man die Spannungen wieder zum Moment auf, erhält man dieselbe Struktur wie beim Kreis, nur mit einem anderen . Für die Ellipse ist es das Ersatz-Flächenmoment , das man auch direkt der Tabelle in Sec. 3 entnimmt.
Worum geht es? Ein realistischer Querschnitt trägt selten nur Torsion. Hier kombinieren wir Torsion und Normalkraft auf einer Kreisvollwelle und stellen den vollständigen Spannungstensor an einem konkreten Randpunkt auf. Die Aufgabe verbindet Kap. 9 (Torsion) mit dem Spannungstensor aus Kap. 2.
Aufgaben zu Kapitel 9 folgen. Bis dahin: rechne die Beispiel-Welle aus Sec. 5 mit eigenen Zahlen durch und prüfe die Verdrehwinkel-Formel an einem geraden Wellenstück.
Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.