1Was sind dünnwandige Profile?

1.1 Warum ein eigenes Kapitel für dünne Wände?

Denk an ein Getränkedöschen, ein Stahlrohr oder einen Fahrradrahmen. Das sind alles Stäbe, aber das Material steckt nur in einer dünnen Haut aussen, drinnen ist Luft. Genau solche Querschnitte heissen dünnwandig: die Wandstärke ist viel kleiner als die übrigen Abmessungen des Profils. Sie sind im Leichtbau allgegenwärtig, weil sie pro Kilogramm Material erstaunlich steif und fest sind.

Im vorigen Kapitel war der Stab massiv. Bei Kap. 9 ging es um den Vollquerschnitt: ein voller Kreis, ein voller Rechteckblock. Die Schubspannung lief dort über den ganzen, gefüllten Querschnitt. Hier ist alles hohl oder dünn, und genau das macht die Rechnung am Ende einfacher statt schwerer, weil sich die Spannung über die kleine Wandstärke kaum ändert und wir sie als konstant durch die Wand annehmen dürfen.

Worum es im ganzen Kapitel geht. Wir tordieren einen dünnwandigen Stab und fragen nur zwei Dinge: Wie gross wird die Schubspannung in der Wand? (Festigkeit) und um wie viel verdreht sich der Stab? (Steifigkeit). Wie schon beim Vollquerschnitt brauchen wir dafür zwei Querschnittskennzahlen, ein Torsionsträgheitsmoment ITI_T und ein Torsionswiderstandsmoment WTW_T. Nur ihre Formeln sehen jetzt anders aus.

Die Schnittgrösse bleibt dieselbe. Wie in Kap. 9 ist die Beanspruchung das Torsionsmoment TT: das Moment, dessen Achse entlang der Stabachse zeigt. Auch die Grundgleichung der Torsion ϑ=T/(GIT)\vartheta' = T/(G\,I_T) aus Kap. 9 gilt unverändert weiter. Neu ist nur, wie wir ITI_T, WTW_T und die Spannungsverteilung für ein dünnwandiges Profil bestimmen. Und dabei trennen sich zwei Welten: geschlossene und offene Profile.

Notation Notation: dünnwandig, ee
Dünnwandig = Wandstärke ee viel kleiner als die Profilabmessungen. e=e(s)e = e(s) darf entlang des Umfangs variieren. Manche Texte schreiben die Wandstärke als tt.
Merke Zwei Fragen
Festigkeit: wie gross ist τ\tau? Steifigkeit: wie gross ist ϑ\vartheta? Beantwortet durch WTW_T und ITI_T.

1.2 Geschlossen oder offen: ein Loch macht den Unterschied

Frage: Was ist der Unterschied zwischen einem Rohr und einem aufgeschnittenen Rohr? Stell dir ein geschlossenes Rohr vor, einen vollen Ring aus Blech. Jetzt säge es der Länge nach auf, sodass ein durchgehender Schlitz entsteht. Aus dem Querschnitt ist eine offene Linie geworden. Mechanisch sind das zwei komplett verschiedene Tragwerke, obwohl fast gleich viel Material verbaut ist.

Geschlossen heisst: die Wand bildet eine umlaufende Schleife. Ein Rohr, ein Kastenprofil, ein hohler Rechteckträger. Man kann mit dem Finger einmal um den Hohlraum herumfahren, ohne abzusetzen, und kommt wieder am Start an. Diese geschlossene Zelle umschliesst eine Fläche, und genau diese Fläche wird gleich der Hauptdarsteller (Sec. 3).

Offen heisst: die Wand ist eine Linie mit zwei Enden. Ein I-Träger, ein L-Winkel, ein U-Profil, ein aufgeschlitztes Rohr. Es gibt keinen umschlossenen Hohlraum mehr, die Profilmittellinie hat einen Anfang und ein Ende. Solche Profile sind unter Torsion dramatisch weicher und schwächer als geschlossene (Sec. 5 rechnet es vor).

Merkmal Geschlossen Offen
Form der Wand umlaufende Schleife Linie mit zwei Enden
Beispiele Rohr, Kasten, Hohlprofil I-Träger, L, U, Schlitzrohr
Torsionssteifigkeit hoch sehr niedrig
Formeln Bredt (Sec. 3) Rechteck-Summe (Sec. 4)
Die beiden Profilfamilien dieses Kapitels im Überblick.
Notation Notation: Profilmittellinie
Die Profilmittellinie läuft in der Mitte der Wandstärke entlang. Bei geschlossenen Profilen ist sie eine geschlossene Kurve, bei offenen eine Kurve mit zwei freien Enden.
Merke Faustregel
Geschlossen \gg offen in Steifigkeit und Festigkeit, bei gleichem Materialeinsatz.

2Der Schubfluss

2.1 Wasser im Ringkanal: warum etwas konstant bleibt

Bild im Kopf: ein ringförmiger Wasserkanal. Denk an eine geschlossene Rinne, in der Wasser im Kreis fliesst, mal durch einen breiten, mal durch einen engen Abschnitt. Weil kein Wasser verschwindet, muss pro Sekunde überall dieselbe Menge durchlaufen: wo der Kanal eng ist, fliesst es schnell, wo er breit ist, langsam. Das Produkt aus Geschwindigkeit und Kanalbreite ist überall gleich. Genau dieses Bild trägt die ganze Theorie der geschlossenen Profile.

Übersetzt auf die tordierte Wand. In der dünnen Wand läuft die Schubspannung τxs\tau_{xs} rundherum, parallel zur Profilmittellinie (der Index ss steht für die Umlaufrichtung). Schneidet man ein kleines Stück Wand frei und stellt das Kräftegleichgewicht in Längsrichtung auf, kommt etwas Bemerkenswertes heraus: das Produkt aus Schubspannung und Wandstärke ist überall am Umfang gleich gross. Dieses Produkt heisst Schubfluss qq.

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Schubfluss ist konstant entlang der Profilmittellinie
q=τxs(s)e(s)=konstantq = \tau_{xs}(s)\,e(s) = \text{konstant}
qq = Schubfluss (Kraft pro Länge, Einheit N/m). Folgt aus dem Längs-Kräftegleichgewicht eines Wandelements. Wie die Durchflussmenge im Ringkanal: überall gleich.

Was bedeutet das für die Spannung? Wenn q=τxseq = \tau_{xs}\,e konstant ist, dann muss dort, wo die Wand dünn ist, die Schubspannung gross sein, und wo die Wand dick ist, klein. Spannung und Wandstärke sind zueinander umgekehrt proportional. Das ist exakt das Wasser-Bild: enge Stelle, schnelle Strömung. Daraus folgt sofort die wichtigste Konsequenz für die Festigkeit, gleich in Sec. 2.2.

Notation Notation: ss, τxs\tau_{xs}, qq
ss = Umlaufkoordinate entlang der Profilmittellinie. τxs\tau_{xs} = Schubspannung in Wandrichtung. q=τxseq = \tau_{xs}\,e = Schubfluss (Kraft pro Länge).
Merke Schubfluss
q=τxse=q = \tau_{xs}\,e = konstant rund um die geschlossene Wand. Maximale τ\tau an der dünnsten Wand.
Querverweis Brücke
→ Kap. 8: Schub aus Querkraft

2.2 Die erste Bredtsche Formel: vom Moment zur Spannung

Frage: Wie gross ist der Schubfluss bei einem gegebenen Torsionsmoment TT? Bis jetzt wissen wir nur, dass qq konstant ist, aber noch nicht seinen Wert. Den bekommen wir, indem wir das Torsionsmoment als Summe aller kleinen Schub-Kräfte um die Stabachse aufschreiben. Jedes Wandstück trägt mit seinem Hebelarm bei, und beim Aufsummieren rund um die Schleife taucht eine schöne geometrische Grösse auf.

Die umschlossene Fläche AmA_m. Summiert man den Hebelarm entlang der ganzen Profilmittellinie auf, ergibt das genau das Doppelte der von der Profilmittellinie eingeschlossenen Fläche. Diese Fläche heisst AmA_m (das mm steht für die Mittellinie). Anschaulich: AmA_m ist die Fläche des Lochs, gemessen bis zur Wandmitte. Damit lässt sich der konstante Schubfluss direkt durch TT und AmA_m ausdrücken.

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Schubfluss aus dem Torsionsmoment
q=T2Amq = \frac{T}{2\,A_m}
AmA_m = von der Profilmittellinie eingeschlossene Fläche. Der Schubfluss ist einfach das Moment, geteilt durch die doppelte umschlossene Fläche.

Und jetzt die Spannung selbst. Aus q=τxseq = \tau_{xs}\,e folgt sofort τxs=q/e\tau_{xs} = q/e. Setzt man den Schubfluss ein, steht die Schubspannung an jeder Stelle der Wand da. Diese Beziehung ist die erste Bredtsche Formel, benannt nach Rudolf Bredt, und sie ist das Arbeitspferd für jedes geschlossene dünnwandige Profil.

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Erste Bredtsche Formel (Schubspannung)
τxs(s)=T2Ame(s)\tau_{xs}(s) = \frac{T}{2\,A_m\,e(s)}
e(s)e(s) = Wandstärke an der Stelle ss. Die Spannung ist dort am grössten, wo ee am kleinsten ist.
Notation Notation: AmA_m
AmA_m = die von der Profilmittellinie eingeschlossene Fläche (Fläche des Hohlraums bis zur Wandmitte), Einheit m².
Formel 1. Bredtsche Formel
τxs=T2Ame(s)\tau_{xs} = \frac{T}{2\,A_m\,e(s)}
Schubspannung im geschlossenen dünnwandigen Profil.
Merke Schubfluss
q=T/(2Am)q = T/(2 A_m) konstant. Spannung =q/e= q/e, also maximal bei minimalem ee.

3Geschlossene Profile: Bredt komplett

3.1 Die umschlossene Fläche richtig bestimmen

Frage: Wie finde ich AmA_m für ein konkretes Profil? AmA_m steckt in jeder Bredt-Formel, also lohnt es sich, sie sauber zu bestimmen. Die Regel ist einfach: zeichne die Profilmittellinie (mittig durch die Wandstärke) und bestimme die Fläche, die diese Linie umschliesst. Bei einem dünnwandigen Profil ist die Wandstärke klein, also darfst du oft direkt mit den äusseren Massen rechnen, der Unterschied ist von der Ordnung der Wandstärke und damit vernachlässigbar.

Die häufigsten Fälle. Bei einem Kreisrohr mit Mittellinienradius RmR_m ist Am=πRm2A_m = \pi R_m^2. Bei einem quadratischen Kastenprofil mit Mittellinien-Seitenlänge aa ist Am=a2A_m = a^2. Bei einem rechteckigen Kasten mit den Mittellinienmassen bb und hh ist Am=bhA_m = b\,h. Immer die vom Hohlraum eingeschlossene Fläche, nie die Materialfläche der Wand.

Merke Standard-AmA_m
Rohr: Am=πRm2A_m = \pi R_m^2. Quadratkasten Seite aa: Am=a2A_m = a^2. Rechteckkasten: Am=bhA_m = b\,h.

3.2 Torsionsträgheitsmoment und Verdrehwinkel

Frage: Um wie viel verdreht sich ein dünnwandiges Rohr? Für die Verformung brauchen wir das Torsionsträgheitsmoment ITI_T. Die Grundgleichung der Torsion aus Kap. 9 gilt unverändert: ϑ=T/(GIT)\vartheta' = T/(G\,I_T). Neu ist nur der Ausdruck für ITI_T. Er kommt heraus, wenn man die gespeicherte Verformung über den ganzen Umlauf aufsummiert, und das Ergebnis ist die zweite Bredtsche Formel.

Das Umlaufintegral UU. In der Formel taucht ein Integral der Wandstärke entlang der Profilmittellinie auf. Man fasst es in der Hilfsgrösse UU zusammen: dem Umlaufintegral von 1/e(s)1/e(s) einmal rund um die Schleife. Bei konstanter Wandstärke ist das einfach der Umfang geteilt durch die Wandstärke.

Umlaufintegral der Profilmittellinie
U=1e(s)dsU = \oint \frac{1}{e(s)}\,\mathrm{d}s
Umlaufintegral entlang der Profilmittellinie. Bei konstanter Wandstärke ee: U=UUmfang/eU = U_{\text{Umfang}}/e, also Profilumfang geteilt durch Wandstärke.
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Zweite Bredtsche Formel (Torsionsträgheitsmoment)
IT=(2Am)2UI_T = \frac{(2\,A_m)^2}{U}
UU aus dem Umlaufintegral. Grosses AmA_m und dicke Wand (kleines UU) geben ein grosses ITI_T, also ein steifes Profil.

Und der Verdrehwinkel? Genau wie beim Vollquerschnitt: ϑ=T/(GIT)\vartheta' = T/(G\,I_T) gibt die Verdrillung an jeder Stelle, und über eine Länge LL mit konstantem TT, GG und ITI_T integriert man das zum Gesamtverdrehwinkel auf. Die Struktur Last mal Länge durch Steifigkeit ist dieselbe wie immer.

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Gesamtverdrehwinkel bei konstantem TT
Δϑ=TLGIT\Delta\vartheta = \frac{T\,L}{G\,I_T}
Nur wenn TT, GG, ITI_T über die Länge LL konstant sind. Das Produkt GITG\,I_T ist die Torsionssteifigkeit, analog zu EIE\,I (Biegung) und EAE\,A (Dehnung).
Notation Notation: UU, ITI_T
U=ds/e(s)U = \oint \mathrm{d}s/e(s) = Umlaufintegral. IT=(2Am)2/UI_T = (2 A_m)^2/U = Torsionsträgheitsmoment des geschlossenen Profils, Einheit m⁴.
Formel 2. Bredtsche Formel
IT=(2Am)2UI_T = \frac{(2 A_m)^2}{U}
Torsionsträgheitsmoment, geschlossenes dünnwandiges Profil.
Merke Steifigkeits-Analogie
GITG\,I_T (Torsion) \leftrightarrow EIE\,I (Biegung) \leftrightarrow EAE\,A (Dehnung).

3.3 Widerstandsmoment und die Maximalspannung

Frage: Wie hoch wird die Spannung höchstens? Für den Festigkeitsnachweis interessiert nur das Maximum von τxs\tau_{xs}. Aus Sec. 2 wissen wir: das sitzt an der dünnsten Wand, e=min(e)e = \min(e). Man packt die Geometrie wieder in eine einzige Kennzahl, das Torsionswiderstandsmoment WTW_T, und schreibt die Maximalspannung kompakt als τmax=T/WT\tau_{\max} = T/W_T, genau wie beim Vollquerschnitt.

Das Widerstandsmoment des geschlossenen Profils. Setzt man e=min(e)e = \min(e) in die erste Bredtsche Formel ein und vergleicht mit τmax=T/WT\tau_{\max} = T/W_T, liest man WTW_T direkt ab: es ist das Doppelte der umschlossenen Fläche mal der dünnsten Wandstärke.

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Torsionswiderstandsmoment (geschlossen)
WT=2Ammin(e)W_T = 2\,A_m\,\min(e)
min(e)\min(e) = kleinste Wandstärke im Profil. Damit ist τmax=T/WT\tau_{\max} = T/W_T, mit dem Maximum an der dünnsten Wand.

Ein praktischer Sonderfall: das dünne Rohr. Für ein Kreisrohr mit Mittellinienradius RmR_m und Wandstärke tt (RmtR_m \gg t) liefern die Bredtschen Formeln besonders einfache Ausdrücke. Mit Am=πRm2A_m = \pi R_m^2 und konstanter Wandstärke bekommt man die Kennwerte direkt. Sie stehen so auch in der Querschnittstabelle und sind gute Merkwerte.

Profil ITI_T WTW_T
Dünnes Rohr (RmtR_m \gg t) 2πRm3t2\pi R_m^3\,t 2πRm2t2\pi R_m^2\,t
Schmales Rechteck (heh \gg e) he33\dfrac{h\,e^3}{3} he23\dfrac{h\,e^2}{3}
Torsionskennwerte zweier dünnwandiger Standardprofile. RmR_m = Mittellinienradius, tt = Wandstärke, hh = Länge, ee = Wandstärke des schmalen Rechtecks.
Notation Notation: WTW_T, min(e)\min(e)
WT=2Ammin(e)W_T = 2 A_m \min(e) = Torsionswiderstandsmoment, Einheit m³. min(e)\min(e) = dünnste Wandstärke, dort sitzt τmax\tau_{\max}.
Formel Maximalspannung
τmax=TWT\tau_{\max} = \frac{T}{W_T}
WT=2Ammin(e)W_T = 2 A_m \min(e) für das geschlossene Profil.
Merke Dünnes Rohr
IT=2πRm3tI_T = 2\pi R_m^3 t,   WT=2πRm2t\;W_T = 2\pi R_m^2 t. Nicht mit dem Vollkreis verwechseln.

4Offene Profile

4.1 Aufteilen in schmale Rechtecke

Frage: Was tun, wenn die Schleife fehlt? Bei einem offenen Profil (I, L, U, Schlitzrohr) gibt es keinen umschlossenen Hohlraum, also kein AmA_m und keine Bredtschen Formeln. Stattdessen denkt man sich das Profil in seine geraden Wandstücke zerlegt: jeder Schenkel ist ein langes, schmales Rechteck. Für ein einzelnes schmales Rechteck der Länge sis_i und Dicke eie_i kennen wir das Torsionsträgheitsmoment bereits (siei3/3s_i e_i^3/3, Sec. 3.3).

Einfach aufsummieren. Das gesamte Torsionsträgheitsmoment des offenen Profils ist näherungsweise die Summe der Beiträge aller Teilrechtecke. Jeder Schenkel trägt mit seiner Länge mal der dritten Potenz seiner Dicke bei. Genau diese dritte Potenz ist der Grund, warum dünne offene Profile so weich sind: halbiert man die Wandstärke, sinkt ITI_T auf ein Achtel.

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Torsionsträgheitsmoment (offenes Profil)
IT13isiei3I_T \approx \frac{1}{3}\sum_i s_i\,e_i^3
sis_i = Länge des ii-ten Schenkels (entlang der Mittellinie), eie_i = seine Wandstärke. Summe über alle geraden Teilrechtecke. Die dritte Potenz von eie_i macht offene Profile sehr weich.

Wie sieht die Spannung in einem Schenkel aus? Anders als beim geschlossenen Profil läuft die Schubspannung in einem offenen Schenkel nicht einseitig rundherum, sondern bildet über die kleine Wandstärke eine Schleife: auf der einen Wandseite hin, auf der anderen zurück. Über die Dicke wächst sie linear von der Mitte (null) zum Rand. In jedem Teilrechteck gilt τxs=2Gϑei\tau_{xs} = 2\,G\,\vartheta'\,e_i am Rand, sie ist also proportional zur lokalen Wandstärke eie_i.

Notation Notation: sis_i, eie_i
sis_i = Länge des ii-ten geraden Teilrechtecks, eie_i = seine Wandstärke. Summiert über alle Schenkel des offenen Profils.
Formel Offenes ITI_T
IT13isiei3I_T \approx \frac{1}{3}\sum_i s_i\,e_i^3
Summe schmaler Rechtecke. Wandstärke in dritter Potenz.
Merke Spannung im Schenkel
τxs=2Gϑei\tau_{xs} = 2\,G\,\vartheta'\,e_i am Rand, proportional zur lokalen Wandstärke eie_i.

4.2 Die dickste Wand trägt die höchste Spannung

Frage: Wo versagt ein offenes Profil zuerst? Hier kehrt sich die Geschlossen-Regel um. Beim geschlossenen Profil sass die grösste Spannung an der dünnsten Wand (konstanter Schubfluss). Beim offenen Profil ist es genau andersherum: weil τxs=2Gϑei\tau_{xs} = 2 G \vartheta' e_i proportional zur Wandstärke ist, sitzt die grösste Schubspannung an der dicksten Wand.

Widerstandsmoment und Maximalspannung. Man fasst auch hier die Geometrie in einem Widerstandsmoment WTW_T zusammen, gebildet aus ITI_T und der grössten Wandstärke. Damit gilt wieder die vertraute Form τmax=T/WT\tau_{\max} = T/W_T. Ausgeschrieben ist die Maximalspannung das Torsionsmoment mal die dickste Wandstärke, geteilt durch ITI_T.

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Widerstandsmoment (offenes Profil)
WTITmax(ei)W_T \approx \frac{I_T}{\max(e_i)}
max(ei)\max(e_i) = grösste Wandstärke im Profil. Achtung: beim offenen Profil zählt die dickste Wand, nicht die dünnste.
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Maximale Schubspannung (offenes Profil)
τmaxTITmax(ei)\tau_{\max} \approx \frac{T}{I_T}\,\max(e_i)
Gleichwertig zu τmax=T/WT\tau_{\max} = T/W_T. Die maximale Schubspannung tritt an der Stelle der grössten lokalen Wandstärke auf.
Formel Offenes WTW_T und τmax\tau_{\max}
τmaxTITmax(ei)\tau_{\max} \approx \frac{T}{I_T}\max(e_i)
Mit WTIT/max(ei)W_T \approx I_T/\max(e_i). Maximum an der dicksten Wand.
Merke Spiegelregel
Geschlossen: τmax\tau_{\max} an dünnster Wand. Offen: τmax\tau_{\max} an dickster Wand.

5Geschlossen gegen offen

5.1 Warum ein Schlitz das Profil ruiniert

Die wichtigste Praxis-Botschaft des Kapitels. Nimm zweimal exakt dasselbe Blech und forme einmal ein geschlossenes Rohr, einmal ein längs aufgeschlitztes Rohr. Gleiches Material, gleiche Masse. Trotzdem ist das geschlossene Profil unter Torsion um Grössenordnungen steifer und fester. Der einzige Unterschied ist die schliessende Zelle, die den Schubfluss rundlaufen lässt.

Woran liegt das? Im geschlossenen Profil läuft der Schubfluss einmal voll um den grossen Hohlraum herum, mit dem riesigen Hebelarm AmA_m (IT=(2Am)2/UI_T = (2 A_m)^2/U wächst mit dem Quadrat der Fläche). Im offenen Profil bleibt der Schub in jedem dünnen Schenkel auf sich allein gestellt und bildet nur eine winzige Schleife über die Wandstärke (IT13siei3I_T \approx \frac{1}{3}\sum s_i e_i^3, nur dritte Potenz der dünnen Wand). Die grosse umschlossene Fläche fehlt komplett.

Konkrete Grössenordnung. Das durchgerechnete Beispiel in Sec. 6 vergleicht ein quadratisches Kastenprofil einmal geschlossen, einmal aufgeschlitzt (gleiche Masse, gleiche Last). Das geschlossene Profil ist dort rund 90-mal steifer (verdreht sich 90-mal weniger) und seine Maximalspannung ist etwa 13-mal kleiner. Ein einziger Schnitt durch die Wand kostet also fast die gesamte Torsionsfähigkeit.

Eigenschaft Geschlossen Offen
Schubfluss läuft um AmA_m herum nur kleine Schleife je Wand
ITI_T (2Am)2/U(2 A_m)^2/U, gross 13siei3\frac{1}{3}\sum s_i e_i^3, klein
Steifigkeit, Festigkeit hoch drastisch niedriger
τmax\tau_{\max} sitzt an dünnster Wand dickster Wand
Geschlossen gegen offen, qualitativer Vergleich bei gleichem Materialeinsatz.
Merke Kernaussage
Geschlossen \gg offen: gleiches Material, aber bis zu hundertfach steifer und vielfach fester. Die umschlossene Fläche AmA_m macht den Unterschied.

6Beispiel: Kastenprofil

6.1 Beispiel: quadratisches Kastenprofil unter Torsion

Worum geht es? Ein einseitig eingespannter Stab (Länge LL) trägt am freien Ende ein Torsionsmoment MTM_T. Der Querschnitt ist ein quadratisches Kastenprofil mit Mittellinien-Seitenlänge aa und Wandstärke tt (dünnwandig, tat \ll a). Gesucht sind die maximale Schubspannung und der Verdrehwinkel am freien Ende. Danach schneiden wir denselben Kasten längs auf und vergleichen, das ist die Pointe aus Sec. 5.

Lösungsweg in 5 Schritten (geschlossener Kasten)

  1. Schritt 1: Torsionsmoment im Stab
    Welches Moment wirkt im Querschnitt? Der Stab ist einseitig eingespannt und am freien Ende mit MTM_T belastet, dazwischen greift nichts an.
    Das Torsionsmoment ist über die ganze Länge konstant:
    T(x)=MTT(x) = M_T
  2. Schritt 2: umschlossene Fläche
    Für jede Bredt-Formel brauchen wir AmA_m, die von der Profilmittellinie eingeschlossene Fläche. Das Quadrat hat die Mittellinien-Seitenlänge aa.
    Am=a2A_m = a^2
  3. Schritt 3: maximale Schubspannung (1. Bredt)
    Mit der ersten Bredtschen Formel und der dünnsten Wand e=te = t. Hier ist die Wandstärke überall tt, also min(e)=t\min(e) = t.
    Einsetzen in τxs=T/(2Ame)\tau_{xs} = T/(2 A_m e):
    τmax=MT2Amt=MT2a2t\tau_{\max} = \frac{M_T}{2\,A_m\,t} = \frac{M_T}{2\,a^2\,t}
  4. Schritt 4: Torsionsträgheitsmoment (2. Bredt)
    Für den Verdrehwinkel brauchen wir IT=(2Am)2/UI_T = (2 A_m)^2/U. Bei konstanter Wandstärke ist U=ds/e=(Umfang)/t=4a/tU = \oint \mathrm{d}s/e = (\text{Umfang})/t = 4a/t.
    Damit wird das Torsionsträgheitsmoment:
    IT=(2a2)24a/t=4a44a/t=a3tI_T = \frac{(2 a^2)^2}{4a/t} = \frac{4a^4}{4a/t} = a^3\,t
  5. Schritt 5: Verdrehwinkel am freien Ende
    TT, GG und ITI_T sind über die ganze Länge konstant, also gilt der einfache Verdrehwinkel direkt.
    Mit ϑB=MTL/(GIT)\vartheta_B = M_T L/(G I_T):
    ϑB=MTLGIT=MTLGa3t\vartheta_B = \frac{M_T\,L}{G\,I_T} = \frac{M_T\,L}{G\,a^3\,t}

Jetzt der Vergleich: derselbe Kasten, aber aufgeschlitzt. Schneidet man den Kasten der Länge nach auf, ist er offen. Statt Bredt gilt jetzt die Rechteck-Summe IT13siei3I_T \approx \frac{1}{3}\sum s_i e_i^3, und die Maximalspannung sitzt an der dicksten Wand (τmax(T/IT)max(ei)\tau_{\max} \approx (T/I_T)\max(e_i)). Setzt man konkrete Zahlen ein (a=20a = 20 mm, t=1t = 1 mm, L=500L = 500 mm, G=80G = 80 GPa, MT=2M_T = 2 N·m), wird der Unterschied drastisch sichtbar.

Grösse Geschlossen Offen (aufgeschlitzt)
ITI_T ≈ 10670 mm⁴ ≈ 120 mm⁴
Verdrehwinkel ϑB\vartheta_B ≈ 0.067° ≈ 6°
Maximalspannung τmax\tau_{\max} ≈ 2.5 MPa ≈ 33 MPa
Zahlenvergleich für a=20a = 20 mm, t=1t = 1 mm, L=500L = 500 mm, G=80G = 80 GPa, MT=2M_T = 2 N·m. Der Schlitz kostet fast die gesamte Torsionsfähigkeit.
Notation Notation: MTM_T
MTM_T = aufgebrachtes Torsionsmoment am freien Ende. Im Stab gilt T(x)=MTT(x) = M_T (konstant). Andere Texte schreiben das innere Moment als TT.
Formel Kasten geschlossen
τmax=MT2a2t\tau_{\max} = \frac{M_T}{2 a^2 t}
Mit Am=a2A_m = a^2, IT=a3tI_T = a^3 t, ϑB=MTL/(Ga3t)\vartheta_B = M_T L/(G a^3 t).

Aufgaben mit Musterlösungen

Aufgaben zu Kapitel 10 folgen. Bis dahin: rechne das Kastenprofil aus Sec. 6 mit eigenen Zahlen durch und prüfe, um welchen Faktor sich der Verdrehwinkel ändert, wenn du den Kasten aufschlitzt.

Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.

MerkeErst selbst rechnen, dann Lösung prüfen!