Stell dir einen Kragträger vor, an dessen Ende du mit dem Finger drückst. Das Ende gibt nach und senkt sich um ein Stück ab. Bis jetzt hast du solche Verschiebungen über die Differentialgleichung der Biegelinie ausgerechnet: zweimal integrieren, Randbedingungen einsetzen, die ganze Funktion bestimmen. Das ist viel Arbeit, wenn dich am Ende nur eine einzige Zahl interessiert, nämlich wie weit sich genau der Punkt verschiebt, an dem die Kraft angreift.
Es geht viel kürzer, über Energie. Wenn du eine Kraft langsam aufbringst und der Stab sich dabei verbiegt, leistet die Kraft Arbeit. Diese Arbeit verschwindet nicht, sie steckt als Verformungsenergie im gebogenen Stab, genau wie in einer gespannten Feder. Setzt man beide Beträge gleich, fällt die Verschiebung als einzige Unbekannte heraus, ohne dass man je eine Differentialgleichung anfasst. Dieses Vorgehen ist die Arbeitsgleichung (auch Arbeitssatz genannt), und dieses Kapitel baut sie Schritt für Schritt auf.
Worum geht es zuerst? Bevor wir Arbeit und Energie gleichsetzen, müssen wir sauberer fassen, was „Arbeit einer Kraft" überhaupt heisst. Den Begriff kennst du aus Mechanik I, wir frischen ihn kurz auf und übertragen ihn auf den langsam belasteten Stab.
Arbeit ist Kraft mal Weg. Bewegt sich der Angriffspunkt einer Kraft mit der Geschwindigkeit , dann ist die momentane Leistung das Skalarprodukt der beiden. Über die Zeit aufintegriert ergibt das die geleistete Arbeit. Das ist nichts Neues, nur die saubere Schreibweise von „Kraft mal Weg".
Frage: Wohin geht die Arbeit, die du in den Stab steckst? Bei einem elastischen Körper geht nichts verloren. Die gesamte Arbeit der äusseren Lasten wird im verformten Material als innere Energie gespeichert und ist vollständig zurückgewinnbar (lässt du los, federt der Stab zurück und gibt sie wieder ab). Diese gespeicherte innere Energie heisst Deformationsenergie (auch Formänderungsenergie oder freie innere Energie).
Das ist der erste Hauptsatz für unseren Fall. Wir bringen die Last langsam auf, es entsteht keine Bewegungsenergie und keine Wärme. Dann sagt die Energiebilanz schlicht: was aussen an Arbeit hineingeht, sitzt innen als Deformationsenergie. Diese Gleichheit ist die Arbeitsgleichung.
Wie sieht die äussere Arbeit konkret aus? Jede äussere Einzelkraft leistet Arbeit längs der Verschiebung ihres eigenen Angriffspunktes, jedes äussere Moment längs der Verdrehung dort, und eine verteilte Last längs der Durchbiegung unter ihr. Der Faktor taucht überall auf, weil die Last langsam von null bis zu ihrem Endwert anwächst. Warum gerade ein Halb, klärt die nächste Section anschaulich.
Denk an eine lineare Feder. Drückst du sie um den Weg zusammen, wächst die nötige Kraft proportional mit: am Anfang (noch nicht gespannt) brauchst du fast nichts, am Ende die volle Kraft . Trägst du die Kraft über dem Weg auf, bekommst du eine Gerade von null bis . Die geleistete Arbeit ist die Fläche unter dieser Geraden, und das ist ein Dreieck.
Ein Dreieck hat die halbe Fläche des Rechtecks. Genau daher kommt der Faktor . Würde die volle Kraft von Anfang an über den ganzen Weg wirken, wäre die Arbeit (Rechteck). Weil die Kraft aber erst linear anwächst, ist es nur die Hälfte. Formal ist das genau das Integral der anwachsenden Kraft über den Weg.
Für ein Moment gilt dasselbe Bild. Bringst du ein Moment langsam auf, wächst es linear mit der Verdrehung mit, und die Arbeit ist wieder die halbe Rechteckfläche: . Kraft und Verschiebung, Moment und Verdrehung, immer dasselbe Dreieck.
Frage: Wie viel Energie steckt eigentlich im Stab? Die äussere Arbeit haben wir, jetzt brauchen wir die andere Seite der Gleichung, die innere Energie . Anschaulich entsteht sie auf Höhe der einzelnen Materialwürfel: jede Spannung verzerrt ihren Würfel ein wenig und speichert dabei Energie, genau wie eine winzige Feder. Summiert man diese Beiträge über den ganzen Stab, bekommt man als Funktion der Schnittgrössen.
Die Herleitung im Schnelldurchlauf. Pro Volumen ist die gespeicherte Energie aus der Normalspannung und aus jeder Schubspannung (mit dem Elastizitätsmodul und dem Schubmodul aus Kap. 5). Setzt man die bekannten Spannungsverteilungen ein (Normalspannung aus , , ; Schubspannung aus und den Querkräften) und integriert über den Querschnitt, tauchen genau die Flächenkennwerte , , , , wieder auf. Übrig bleibt für jede Beanspruchung ein Integral über die Stablänge.
Das Ergebnis ist die wichtigste Tabelle des Kapitels. Jede Schnittgrösse liefert einen eigenen Energie-Term derselben Bauart: das Quadrat der Schnittgrösse, geteilt durch die doppelte Steifigkeit, über die Länge integriert. Du musst die Herleitung nicht auswendig können, aber diese sechs Terme schon.
| Beanspruchung | Energie-Term |
|---|---|
| Normalkraft | |
| Biegemoment | |
| Biegemoment | |
| Torsionsmoment | |
| Querkraft | |
| Querkraft |
Alle zusammen ergeben die gesamte Deformationsenergie. In einer realen Aufgabe wirken meist nur ein oder zwei dieser Beanspruchungen, dann fallen die übrigen Terme weg. Man addiert die vorhandenen einfach auf.
Was ist die Schubfläche ? Die Querkraft erzeugt keine gleichmässige Schubspannung über den Querschnitt, sondern eine, die in der Mitte am grössten und am Rand null ist (Kap. 8). Damit der einfache Energie-Term mit trotzdem stimmt, ersetzt man die volle Fläche durch eine kleinere Schubfläche . Der Schubkorrekturfaktor hängt nur von der Querschnittsform ab.
Frage: Darf ich die Energien zweier Lasten einfach addieren? Bei den Schnittgrössen selbst hast du das immer gedurft: wirken zwei Lasten, addieren sich ihre Biegemomente zu . Bei der Energie geht das aber nicht, denn in der Energie steht das Quadrat der Schnittgrösse, und ein Quadrat einer Summe ist nicht die Summe der Quadrate.
Das ist reine Algebra. . Der gemischte Term fehlt, wenn man nur rechnet. Genau dieser Kreuzterm ist es, der gleich in Section 4 die Verschiebung an beliebiger Stelle liefert, also kein lästiges Detail, sondern der Schlüssel zur ganzen Methode.
Jetzt setzen wir beide Seiten gleich. Aussen leistet die Kraft die Dreiecksarbeit , innen sitzt die Deformationsenergie aus der Tabelle. Der Arbeitssatz verknüpft beide, und die gesuchte Verschiebung ist die einzige Unbekannte. Auflösen liefert sie direkt.
Daraus wird ein festes Kochrezept. Vier Schritte, immer dieselben, und du hast die Verschiebung am Angriffspunkt der Last.
Worum geht es? Ein durchgehender Balken A-B-D (Biegesteifigkeit ) ist an der Stelle B über eine schräge Strebe B-E (Dehnsteifigkeit ) gelenkig abgestützt. Die drei Felder A-B, B-D haben je die Länge . An der Stelle A greift eine Kraft nach unten an. Gesucht ist die Absenkung genau unter dieser Kraft. Weil und am selben Punkt sitzen, passt die direkte Methode aus Section 3.1 perfekt. Es treten zwei Beanspruchungen auf: Biegung im Balken und Normalkraft in der Strebe.
Frage: Wie weit verschiebt sich ein Punkt, an dem gar keine Last angreift? Die direkte Methode braucht eine Kraft genau dort, wo du die Verschiebung wissen willst. Oft ist aber die interessante Stelle lastfrei: die Mitte eines Trägers, ein Auflager, irgendein Konstruktionspunkt. Dort gibt es kein , durch das man teilen könnte.
Auch zwei Lasten machen Ärger. Wirken gleichzeitig und , dann ist eine einzige Gleichung mit zwei unbekannten Verschiebungen. Eine Gleichung, zwei Unbekannte, das ist nicht lösbar. Die direkte Methode stösst hier an ihre Grenze.
Die Idee in einem Satz. Setze gedanklich eine zusätzliche Hilfskraft genau an die Stelle, deren Verschiebung du suchst, und genau in die Richtung, in die du sie suchst. Diese Hilfskraft schafft den fehlenden Hebel: ihre Arbeit an der gesuchten Verschiebung macht diese rechenbar. Wie das im Detail funktioniert und warum am Ende eine Hilfskraft der Grösse „1" genügt, zeigt die nächste Section.
Wir trennen die Belastung in zwei Lastfälle. Das 0-System (Lastfall LF0) ist das gegebene, statisch bestimmte Tragwerk unter den wirklichen Lasten, es erzeugt die Schnittgrössen . Das 1-System (Lastfall LF1) ist dasselbe Tragwerk, aber belastet nur durch eine Hilfskraft „1" an der gesuchten Stelle, es erzeugt .
Jetzt nutzen wir die Nicht-Superponierbarkeit aus Section 2.3. Bringt man beide Lastfälle gemeinsam auf, steht in der Energie das Quadrat der Summe der Momente. Beim Ausmultiplizieren entsteht der Kreuzterm: . Der Mittelteil ist genau die zusätzliche Arbeit , die entsteht, weil die schon voll wirkende Hilfskraft längs der vom 0-System erzeugten Verschiebung mitarbeitet.
Diese Zusatzarbeit ist Hilfskraft mal gesuchte Verschiebung. Die Hilfskraft ist während des Kreuzterms voll da und verschiebt sich um die gesuchte Strecke (Verschiebung an Stelle 1, verursacht durch Lastfall 0). Also . Stellt man nach um, steht die gesuchte Verschiebung da.
Der entscheidende Trick: das Moment ist proportional zur Hilfskraft. Verdoppelst du die Hilfskraft, verdoppelt sich ihr Momenten-Verlauf . Der Quotient bleibt also gleich, unabhängig von der gewählten Grösse der Hilfskraft. Deshalb darf man die Hilfskraft beliebig wählen, am bequemsten genau .
Setzt man die Hilfskraft auf eins, entsteht die zentrale Formel des Kapitels. Sie gilt nicht nur für Biegung, sondern für jede Beanspruchung: jede Schnittgrösse aus dem 0-System wird mit derselben Schnittgrösse aus dem 1-System multipliziert, durch die zugehörige Steifigkeit geteilt und über die Länge integriert. Die einzelnen Beiträge werden addiert.
Verdrehung statt Verschiebung? Nimm ein Einheitsmoment. Willst du nicht die Verschiebung, sondern die Verdrehung an einer Stelle wissen, setzt du dort statt einer Einheitskraft ein Einheitsmoment „1" als 1-System an. Die Formel bleibt identisch, nur erzeugt das Hilfsmoment jetzt den Verlauf . Verschiebung in beliebige Richtung, Verdrehung um beliebige Achse, an jedem Punkt machbar.
Das praktische Vorgehen. Drei Schritte führen zum Ziel, und ein cleverer Trick spart Rechenzeit.
Frage: Muss ich jedes wirklich von Hand integrieren? Zum Glück nicht. Die Schnittgrössen-Verläufe in statisch bestimmten Tragwerken sind fast immer einfache Formen: konstante Rechtecke, lineare Dreiecke, quadratische Parabeln. Das Produkt zweier solcher Standardformen, integriert über die Länge, ergibt jedes Mal denselben Typ von Ausdruck. Diese Ergebnisse sind ein für alle Mal in einer Koppeltafel (auch Integraltafel) zusammengefasst.
Wie liest man sie? Du hast zwei Verläufe über demselben Abschnitt der Länge : den einen nennst du , den anderen . Du suchst in der Tabelle die Zeile für die Form von und die Spalte für die Form von , liest den Faktor ab und setzt die Spitzenwerte und sowie die Länge ein. Fertig ist das Integral, ganz ohne Stammfunktion.
Hier sind die wichtigsten Einträge. Jede Zeile gibt das Integral für eine Kombination der beiden Verlaufsformen, ausgedrückt durch die Spitzenwerte , und die Abschnittslänge . Bei zwei linearen Verläufen, die an den Enden verschiedene Werte (links) und (rechts) annehmen, braucht es die allgemeineren Formeln am Schluss.
Worum geht es? Ein bei A eingespannter Kragträger A-B-C (Länge , Biegesteifigkeit ) wird an der Stelle B durch eine schräge Kraft vom Betrag unter belastet. Diese Schrägkraft zerlegt sich in eine vertikale und eine horizontale Komponente vom Betrag je . Gesucht sind am freien Ende C die Vertikalverschiebung und die Neigung . Beide Stellen sind lastfrei, also brauchen wir die Einheitslast-Methode aus Section 4.
Was liefert das 0-System? Die vertikale Komponente an B erzeugt ein dreieckförmiges Biegemoment mit dem Spitzenwert an der Einspannung A (und null ab B nach C, weil dahinter keine Querlast mehr wirkt). Die horizontale Komponente erzeugt nur eine Normalkraft, die für die Biege-Verschiebung nicht zählt. Wir rechnen daher nur mit der Biegung.
Und die Neigung am Ende? Für die Verdrehung ändern wir nur das 1-System: statt einer Einheitskraft setzen wir an C ein Einheitsmoment an. Das 0-System bleibt unverändert.
Aufgaben zu Kapitel 11 folgen. Bis dahin: rechne das Beispiel aus Section 5.3 mit eigenen Zahlen nach und prüfe, dass eine Verschiebung mit und eine Verdrehung mit skaliert.
Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.