1Was ist Torsion?

1.1 Wann verdreht sich ein Stab?

Stell dir einen Schraubenzieher vor. Du hältst den Griff fest und drückst die Klinge in eine festsitzende Schraube. Die Hand dreht oben, die Spitze steckt unten fest, und dazwischen verdrillt sich die Klinge ein kleines Stück. Genau das ist Torsion: ein Stab wird um seine eigene Längsachse verdreht. Dieselbe Beanspruchung steckt in jeder Antriebswelle, in jedem Bohrer und in jedem Schraubenschlüssel.

Die zugehörige Schnittgrösse heisst Torsionsmoment TT. Schneidest du den Stab gedanklich an einer Stelle durch, dann überträgt der eine Teil auf den anderen ein Moment, dessen Achse entlang der Stabachse zeigt (nicht quer dazu wie das Biegemoment). Dieses achsparallele Moment ist das Torsionsmoment TT. In manchen Büchern heisst es MtM_t oder MxM_x; in dieser Vorlesung schreiben wir konsequent TT.

Was ist bei reiner Torsion sonst noch los? Erstaunlich wenig. Bei einem tordierten Kreisstab verschwinden Normalkraft und beide Biegemomente, und es gibt keine Normalspannung in Längsrichtung: σx=0\sigma_x = 0. Auch die Querkräfte QyQ_y und QzQ_z heben sich über den Querschnitt auf. Übrig bleibt einzig eine Schubspannung τ\tau, und die ganze Theorie dreht sich um diese eine Spannung und um den Verdrehwinkel.

Vorzeichen von TT. Wie bei jeder Schnittgrösse brauchen wir eine Vorzeichen-Regel. Wir legen die Stab-Längsachse als xx-Achse fest. Ein positives Torsionsmoment T>0T > 0 dreht per Rechte-Hand-Regel um die positive xx-Achse: Daumen in +x+x-Richtung, die gekrümmten Finger zeigen den Drehsinn von TT. Beim Freischneiden balanciert das innere TT das aufgebrachte äussere Moment. Greift am Ende einer Welle ein Moment M0M_0 an, liefert der Schnitt also T(x)=M0T(x) = -M_0 oder T(x)=+M0T(x) = +M_0, je nach Schnittufer und Drehsinn. Achte beim Aufstellen immer zuerst auf diese Konvention.

Notation Notation: TT
Torsionsmoment, die Schnittgrösse mit Momentachse entlang der Stabachse. Andere Texte: MtM_t oder MxM_x. Einheit [T]=[T] = N·m.
Merke Reine Torsion
σx=0\sigma_x = 0, nur Schubspannung τ\tau. Normalkraft, Biegemomente und Querkräfte verschwinden.

1.2 Der Deformationsansatz: der Querschnitt dreht sich starr

Frage: Wie bewegt sich das Material, wenn der Stab tordiert wird? Schau auf einen runden Stab und denk dir aufgemalte Kreisscheiben quer zur Achse. Beim Verdrehen passiert beim Kreisquerschnitt etwas Schönes: jede Scheibe dreht sich als Ganzes ein Stück weiter, bleibt aber eben und kreisrund. Sie kippt nicht, sie wölbt sich nicht, sie ändert ihre Form nicht. Das ist der Deformationsansatz von Saint-Venant für den Kreis.

Der Verdrehwinkel ϑ(x)\vartheta(x). Jede Scheibe an der Stelle xx ist um einen Winkel ϑ(x)\vartheta(x) gegenüber dem unverdrehten Zustand verdreht. Weiter hinten am Stab ist die Verdrehung grösser, also wächst ϑ\vartheta mit xx. Die Ableitung ϑ(x)=dϑ/dx\vartheta'(x) = \mathrm{d}\vartheta/\mathrm{d}x nennen wir Verdrillung: sie sagt, wie viel Verdrehwinkel pro Längeneinheit dazukommt. (Manche Texte schreiben den Winkel als θ\theta; das ist derselbe Buchstabe.)

Vom Drehen zur Verzerrung. Dreht sich eine Scheibe um den kleinen Winkel ϑ\vartheta, verschiebt sich ein Punkt (y,z)(y, z) tangential. Setzt man diese Drehbewegung in die Verzerrungs-Definition aus Kap. 4 ein, entstehen genau zwei von null verschiedene Schub-Verzerrungen, und zwar proportional zur Verdrillung ϑ\vartheta' und zum Abstand von der Achse.

Schub-Verzerrungen bei Torsion (Kreisquerschnitt)
γxy=ϑzγxz=ϑy\begin{aligned} \gamma_{xy} &= -\vartheta'\,z \\ \gamma_{xz} &= \vartheta'\,y \end{aligned}
Aus dem Deformationsansatz (starre Scheibendrehung um den Winkel ϑ\vartheta). y,zy, z sind die Koordinaten im Querschnitt, gemessen vom Schwerpunkt.
Notation Notation: ϑ\vartheta, ϑ\vartheta'
ϑ(x)\vartheta(x) = Verdrehwinkel der Scheibe (auch θ\theta). ϑ(x)=dϑ/dx\vartheta'(x) = \mathrm{d}\vartheta/\mathrm{d}x = Verdrillung (Verdrehwinkel pro Länge), Einheit rad/m.
Querverweis Brücke
→ Kap. 4: Verzerrungen

2Schubspannung im Kreisquerschnitt

2.1 Wie verteilt sich die Spannung über den Querschnitt?

Von der Verzerrung zur Spannung. Im Kap. 5 haben wir gelernt: Schubspannung und Schub-Verzerrung hängen über den Schubmodul GG zusammen, τ=Gγ\tau = G\,\gamma. Setzen wir die beiden Verzerrungen aus Sec. 1.2 ein, bekommen wir sofort die beiden Schubspannungs-Komponenten im Querschnitt.

Schubspannungen aus dem Stoffgesetz
τxy=Gϑzτxz=Gϑy\begin{aligned} \tau_{xy} &= -G\,\vartheta'\,z \\ \tau_{xz} &= G\,\vartheta'\,y \end{aligned}
GG = Schubmodul aus Kap. 5. Beide Komponenten wachsen linear mit dem Abstand von der Drehachse.

Wie sieht die resultierende Spannung aus? Die beiden Komponenten τxy\tau_{xy} und τxz\tau_{xz} setzen sich am Punkt (y,z)(y, z) zu einem Schubspannungs-Vektor zusammen. Rechnet man seinen Betrag aus, kürzt sich die Richtung weg und es bleibt etwas sehr Anschauliches: der Betrag hängt nur vom Abstand r=y2+z2r = \sqrt{y^2 + z^2} zur Achse ab.

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Betrag der resultierenden Schubspannung
τ=τxy2+τxz2=Gϑr|\tau| = \sqrt{\tau_{xy}^2 + \tau_{xz}^2} = G\,|\vartheta'|\,r
rr = Abstand von der Stabachse. Die Spannung wächst linear von null (Mitte) bis zum Maximum (Rand).
Notation Notation: GG
Schubmodul, G=E/[2(1+ν)]G = E/[2(1+\nu)]. Verbindet Schubspannung und Schub-Verzerrung: τ=Gγ\tau = G\,\gamma.
Merke Verteilung
τ|\tau| linear in rr: null auf der Achse, maximal am Rand. Immer tangential (senkrecht zum Radius).
Querverweis Brücke
→ Kap. 5: Stoffgesetz, GG

2.2 Torsionsmoment und Verdrillung: die Grundgleichung

Frage: Wie hängt die Verdrillung mit dem aufgebrachten Moment zusammen? Bis jetzt steckt in den Formeln noch die unbekannte Verdrillung ϑ\vartheta'. Die bestimmen wir, indem wir das Torsionsmoment TT als Summe aller Schubspannungen über den Querschnitt aufschreiben. Jeder kleine Flächenanteil dA\mathrm{d}A trägt mit seinem Hebelarm zum Gesamtmoment um die Achse bei.

Aufsummieren über den Querschnitt. Das Moment der Schubspannungen um die xx-Achse ist T=A(yτxzzτxy)dAT = \int_A (y\,\tau_{xz} - z\,\tau_{xy})\,\mathrm{d}A. Setzt man die Spannungen aus Sec. 2.1 ein, klammert man GϑG\,\vartheta' aus, und es bleibt ein rein geometrisches Integral über r2=y2+z2r^2 = y^2 + z^2.

Torsionsmoment als Integral der Schubspannungen
T=A(yτxzzτxy)dA=GϑAr2dAT = \int_A (y\,\tau_{xz} - z\,\tau_{xy})\,\mathrm{d}A = G\,\vartheta' \int_A r^2\,\mathrm{d}A
Der Hebelarm jedes Flächenelements mal seine Schubspannung, aufsummiert über den ganzen Querschnitt.

Das geometrische Integral ist das polare Flächenträgheitsmoment. Den Ausdruck Ar2dA\int_A r^2\,\mathrm{d}A kennen wir: er misst, wie weit das Material im Mittel von der Achse weg sitzt. Er heisst polares Flächenträgheitsmoment IpI_p und ist gerade die Summe der beiden Biege-Trägheitsmomente IyI_y und IzI_z aus Kap. 6.

Polares Flächenträgheitsmoment
Ip=Ar2dA=Iy+IzI_p = \int_A r^2\,\mathrm{d}A = I_y + I_z
Rein geometrische Grösse, Einheit m⁴. Beim Kreis ist IpI_p gleichzeitig die Torsionssteifigkeits-Kennzahl ITI_T (Sec. 3).

Die Grundgleichung der Torsion. Stellt man die Beziehung nach der Verdrillung um, erhält man die zentrale Differentialgleichung der Torsion. Sie ist das exakte Gegenstück zu den Biege-Differentialgleichungen aus Kap. 6 und 7. Für den Kreisquerschnitt steht im Nenner IpI_p; allgemein schreibt man das Torsionsträgheitsmoment ITI_T, das beim Kreis mit IpI_p übereinstimmt (mehr dazu in Sec. 3 und 4).

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Grundgleichung der Torsion (Verdrillung)
ϑ(x)=T(x)GIT\vartheta'(x) = \frac{T(x)}{G\,I_T}
Verdrillung = Torsionsmoment geteilt durch Torsionssteifigkeit GITG\,I_T. Beim Kreis gilt IT=IpI_T = I_p.
Notation Notation: IpI_p, ITI_T
Ip=Ar2dA=Iy+IzI_p = \int_A r^2\,\mathrm{d}A = I_y + I_z = polares Flächenträgheitsmoment (Geometrie). ITI_T = Torsionsträgheitsmoment in der Grundgleichung. Beim Kreis: IT=IpI_T = I_p.
Formel Grundgleichung
ϑ=TGIT\vartheta' = \frac{T}{G\,I_T}
Verdrillung aus Torsionsmoment und Torsionssteifigkeit GITG\,I_T.
Merke Steifigkeits-Analogie
GITG\,I_T (Torsion) \leftrightarrow EIE\,I (Biegung) \leftrightarrow EAE\,A (Dehnung).

2.3 Die fertige Spannungsformel

Jetzt setzen wir alles zusammen. Aus Sec. 2.1 wissen wir τ=Gϑr|\tau| = G\,|\vartheta'|\,r, aus Sec. 2.2 die Verdrillung ϑ=T/(GIT)\vartheta' = T/(G\,I_T). Einsetzen, GG kürzt sich weg, und wir erhalten die Schubspannung direkt aus dem Torsionsmoment und der Geometrie. Für den Kreisquerschnitt schreibt man die tangentiale Komponente als τxφ\tau_{x\varphi} (der Index φ\varphi steht für die Umfangsrichtung).

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Schubspannung im Kreisquerschnitt
τxφ(r)=TITr\tau_{x\varphi}(r) = \frac{T}{I_T}\,r
Lineare Verteilung über den Radius rr. Beim Kreis IT=Ip=πR4/2I_T = I_p = \pi R^4/2 (Sec. 3).

Wo ist die Spannung am grössten? Weil τxφ\tau_{x\varphi} linear mit rr wächst, sitzt das Maximum immer am äusseren Rand, bei r=Rr = R. Diesen Wert braucht man für den Festigkeitsnachweis. Man fasst die Geometrie dort in einer einzigen Kennzahl zusammen, dem Torsionswiderstandsmoment WT=IT/RW_T = I_T/R, und erhält die kompakte Maximalspannungs-Formel.

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Maximale Schubspannung
τmax=TWT\tau_{\max} = \frac{T}{W_T}
Gilt für jeden Vollquerschnitt, wenn WTW_T aus der Tabelle (Sec. 3) genommen wird. Für nicht-runde Profile ist das oft alles, was man braucht.
Notation Notation: τxφ\tau_{x\varphi}, WTW_T
τxφ\tau_{x\varphi} = tangentiale Schubspannung (Umfangsrichtung φ\varphi). WT=IT/RW_T = I_T/R = Torsionswiderstandsmoment, Einheit m³.
Formel Maximalspannung
τmax=TWT\tau_{\max} = \frac{T}{W_T}
Für den Festigkeitsnachweis. WTW_T aus der Tabelle.
Merke Maximum am Rand
τxφr\tau_{x\varphi} \propto r, also τmax\tau_{\max} bei r=Rr = R (Aussenrand).

3Kennwerte der Querschnitte

3.1 Torsionsträgheitsmoment und Widerstandsmoment

Frage: Woher kommen ITI_T und WTW_T konkret? Für die Rechnung brauchst du Zahlenwerte. Die beiden Kennzahlen ITI_T (Steifigkeit) und WTW_T (Festigkeit) sind reine Geometrie-Grössen und für jeden Standard-Querschnitt tabelliert. Du leitest sie in der Klausur nicht her, du liest sie ab. Wichtig ist nur, die richtige Spalte zu treffen.

Der Kreis als Referenz. Beim Vollkreis mit Radius RR ist IT=Ip=πR4/2I_T = I_p = \pi R^4/2 (das ist gerade Iy+Iz=πR4/4+πR4/4I_y + I_z = \pi R^4/4 + \pi R^4/4). Das Widerstandsmoment folgt aus WT=IT/R=πR3/2W_T = I_T/R = \pi R^3/2. In Durchmessern geschrieben: IT=πd4/32I_T = \pi d^4/32 und WT=πd3/16W_T = \pi d^3/16. Diese vier Ausdrücke solltest du im Schlaf können.

Vollquerschnitt ITI_T WTW_T
Kreis, Radius RR πR4/2\pi R^4/2 πR3/2\pi R^3/2
Kreis, Durchmesser dd πd4/32\pi d^4/32 πd3/16\pi d^3/16
Quadrat, Seite hh 0,141h40{,}141\,h^4 0,208h30{,}208\,h^3
Ellipse, Halbachsen a,ba, b πa3b3/(a2+b2)\pi a^3 b^3/(a^2+b^2) πab2/2\pi a b^2/2
Torsionskennwerte gängiger Vollquerschnitte. Für Rechteck und Dreieck ist ITI_T nicht durch eine einfache geschlossene Formel gegeben.
Merke Kreis auswendig
IT=πR4/2=πd4/32I_T = \pi R^4/2 = \pi d^4/32,   WT=πR3/2=πd3/16\;W_T = \pi R^3/2 = \pi d^3/16.
Prüfungstipp Nur Kreis: IT=IpI_T = I_p
Bei allen anderen Profilen ITIy+IzI_T \neq I_y + I_z. Wert aus der Tabelle.

3.2 Torsionssteifigkeit und der Gesamtverdrehwinkel

Frage: Um wie viel verdreht sich der ganze Stab? Die Grundgleichung ϑ=T/(GIT)\vartheta' = T/(G\,I_T) gibt die Verdrillung an jeder Stelle. Den gesamten Verdrehwinkel zwischen zwei Querschnitten bekommst du durch Aufintegrieren über die Länge, genau wie du aus der Krümmung die Durchbiegung gewinnst.

Der einfache Standardfall. Sind das Torsionsmoment TT, der Schubmodul GG und das Trägheitsmoment ITI_T über die ganze Länge LL konstant, ist das Integral trivial: der Verdrehwinkel wächst linear mit xx, und über die volle Länge LL ergibt sich ein einfacher Bruch.

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Gesamtverdrehwinkel bei konstantem TT
Δϑ=0Lϑdx=TLGIT\Delta\vartheta = \int_0^L \vartheta'\,\mathrm{d}x = \frac{T\,L}{G\,I_T}
Nur wenn TT, GG, ITI_T über die Länge LL konstant sind. Sonst abschnittsweise integrieren.

Die Analogie zu Dehnung und Biegung. Vergleiche die Steifigkeits-Gesetze nebeneinander: ein Zugstab verlängert sich um Δ=NL/(EA)\Delta\ell = N\,L/(E\,A), ein Stab unter Torsion verdreht sich um Δϑ=TL/(GIT)\Delta\vartheta = T\,L/(G\,I_T). Dieselbe Struktur: Last mal Länge, geteilt durch Steifigkeit. Wer Zug und Biegung verstanden hat, kann Torsion auf genau dieselbe Art lesen.

Wann brauche ich den Verdrehwinkel? Immer dann, wenn nicht die Spannung, sondern die Verformung zählt: Wie stark verdreht sich die Antriebswelle unter Last? Passt das Bauteil noch zusammen, wenn es sich um ϑ\vartheta dreht? Bei statisch unbestimmten Systemen liefert der Verdrehwinkel zudem die nötige geometrische Bedingung (siehe Kap. 11 und 12).

Formel Verdrehwinkel
Δϑ=TLGIT\Delta\vartheta = \frac{T\,L}{G\,I_T}
Bei konstantem TT, GG, ITI_T. Sonst integrieren.
Merke Drei Steifigkeiten
EAE A (Dehnung), EIE I (Biegung), GITG I_T (Torsion). Gleiche Struktur.
Querverweis Voraus
→ Kap. 11: Arbeitsgleichung

4Beliebige Vollquerschnitte: die Verwölbung

4.1 Warum wird es kompliziert, sobald der Querschnitt nicht rund ist?

Frage: Warum bleibt die schöne Theorie nur dem Kreis vorbehalten? Der Grund ist eine Randbedingung. An der freien Mantelfläche des Stabes (aussen, wo nichts dranklebt) darf keine Schubspannung herauszeigen: die Spannung muss tangential zur Wand verlaufen. Mathematisch heisst das Tn=0\boldsymbol{T}\cdot\boldsymbol{n} = \boldsymbol{0} am Rand, mit der Flächennormale n\boldsymbol{n}.

Beim Kreis ist das gratis. Wir haben in Sec. 2.1 gesehen: die Schubspannung steht ohnehin senkrecht zum Radius, also tangential zum Kreisrand. Die Randbedingung ist automatisch erfüllt, ohne dass wir etwas tun mussten. Deshalb war der Kreis so einfach.

Beim Rechteck oder Dreieck nicht. Sobald der Rand nicht kreisförmig ist (eine gerade Kante, eine Ecke), passt die einfache Spannungsverteilung nicht mehr zur Randbedingung. Der Querschnitt reagiert darauf, indem er sich aus seiner Ebene heraus verwölbt: Punkte, die vorher in einer Ebene lagen, wandern in xx-Richtung nach vorne oder hinten. Diese axiale Verschiebung u(x,y)u(x, y) ist die Verwölbung.

Die gute Nachricht für die Praxis. Die exakte Lösung mit Verwölbung ist aufwendig und hängt von der genauen Form ab. Für den Festigkeitsnachweis brauchst du sie meist gar nicht: es interessiert nur die maximale Schubspannung am Rand, und die liefert weiterhin τmax=T/WT\tau_{\max} = T/W_T, mit WTW_T aus der Tabelle. Die Verteilung im Inneren überlässt man der Tabelle, das Maximum genügt.

Notation Notation: Verwölbung uu
u(x,y)u(x, y) = axiale Verschiebung der Querschnittspunkte aus ihrer Ebene heraus. Beim Kreis u=0u = 0, sonst u0u \neq 0.
Merke Randbedingung
Tn=0\boldsymbol{T}\cdot\boldsymbol{n} = \boldsymbol{0}: Schub am Rand immer tangential zur Wand.

4.2 Der elliptische Querschnitt als Beispiel

Ein Fall, der sich noch von Hand lösen lässt. Die Ellipse ist der einfachste nicht-kreisförmige Vollquerschnitt mit geschlossener Lösung. Sie zeigt schön, wie die Verwölbung aussieht und wie das Torsionsträgheitsmoment von der reinen Geometrie Iy+IzI_y + I_z abweicht. Für eine Ellipse mit den Halbachsen aa (in yy) und bb (in zz) lautet die Verwölbung:

Verwölbung des elliptischen Querschnitts
u(y,z)=a2b2a2+b2ϑyzu(y, z) = -\frac{a^2 - b^2}{a^2 + b^2}\,\vartheta'\,y\,z
Verschwindet für a=ba = b (Kreis): dann ist u=0u = 0. Je unrunder die Ellipse, desto stärker die Verwölbung.

Das Torsionsträgheitsmoment der Ellipse. Trägt man die Spannungen wieder zum Moment auf, erhält man dieselbe Struktur T=GITϑT = G\,I_T\,\vartheta' wie beim Kreis, nur mit einem anderen ITI_T. Für die Ellipse ist es das Ersatz-Flächenmoment IT=πa3b3/(a2+b2)I_T = \pi a^3 b^3/(a^2 + b^2), das man auch direkt der Tabelle in Sec. 3 entnimmt.

Torsionsträgheitsmoment der Ellipse
IT=πa3b3a2+b2I_T = \frac{\pi a^3 b^3}{a^2 + b^2}
Für a=b=Ra = b = R wird daraus πR4/2\pi R^4/2, der Kreiswert. Allgemein ist dieses ITI_T kleiner als Iy+IzI_y + I_z.
Merke Ellipse
IT=πa3b3a2+b2I_T = \dfrac{\pi a^3 b^3}{a^2+b^2},   WT=πab22\;W_T = \dfrac{\pi a b^2}{2}. Für a=ba=b: Kreiswerte.
Prüfungstipp Grenzfall Kreis
a=bu=0a = b \Rightarrow u = 0 und IT=IpI_T = I_p. Der Kreis ist die runde Ellipse.

5Beispiel: Welle unter Torsion und Normalkraft

5.1 Beispiel: der Spannungstensor einer belasteten Welle

Worum geht es? Ein realistischer Querschnitt trägt selten nur Torsion. Hier kombinieren wir Torsion und Normalkraft auf einer Kreisvollwelle und stellen den vollständigen Spannungstensor an einem konkreten Randpunkt auf. Die Aufgabe verbindet Kap. 9 (Torsion) mit dem Spannungstensor aus Kap. 2.

Lösungsweg in 5 Schritten

  1. Schritt 1: Beanspruchungen sammeln
    Welche Schnittgrössen wirken? Eine Kreisvollwelle (Aussenradius RR) trägt eine Normalkraft N=2πR2σ0N = 2\pi R^2 \sigma_0 und ein Torsionsmoment T=2πR3σ0T = \sqrt{2}\,\pi R^3 \sigma_0.
    Die Normalkraft liefert eine Normalspannung σx\sigma_x, das Torsionsmoment eine Schubspannung. Gesucht ist der Spannungstensor am Randpunkt y=R/2y = -R/\sqrt{2}, z=R/2z = R/\sqrt{2} (er liegt mit r=y2+z2=Rr = \sqrt{y^2 + z^2} = R genau auf dem Rand).
  2. Schritt 2: Normalspannung aus der Normalkraft
    Die Normalkraft verteilt sich gleichmässig über die Querschnittsfläche A=πR2A = \pi R^2.
    σx=NA=2πR2σ0πR2=2σ0\sigma_x = \frac{N}{A} = \frac{2\pi R^2 \sigma_0}{\pi R^2} = 2\,\sigma_0
  3. Schritt 3: Torsionsträgheitsmoment aus der Tabelle
    Für die Schubspannung brauchen wir ITI_T des Kreises. Aus der Tabelle (Sec. 3):
    IT=πR42I_T = \frac{\pi R^4}{2}
  4. Schritt 4: Schubspannung am Rand
    Mit der Kreisformel τxφ(r)=(T/IT)r\tau_{x\varphi}(r) = (T/I_T)\,r am Aussenrand r=Rr = R:
    τxφ(R)=TITR=2πR3σ0πR4/2R=22σ0\tau_{x\varphi}(R) = \frac{T}{I_T}\,R = \frac{\sqrt{2}\,\pi R^3 \sigma_0}{\pi R^4/2}\,R = 2\sqrt{2}\,\sigma_0
  5. Schritt 5: Komponenten zerlegen und Tensor aufstellen
    Die resultierende Schubspannung steht tangential (senkrecht zum Ortsvektor). Projiziert auf die yy- und zz-Achse ergibt das an diesem Punkt τxy=12τxφ=2σ0\tau_{xy} = -\tfrac{1}{\sqrt{2}}\,\tau_{x\varphi} = -2\sigma_0 und τxz=2σ0\tau_{xz} = -2\sigma_0.
    Zusammengesetzt (alle übrigen Komponenten sind null):
    {T}xyz=(222200200)σ0\{\boldsymbol{T}\}_{xyz} = \begin{pmatrix} 2 & -2 & -2 \\ -2 & 0 & 0 \\ -2 & 0 & 0 \end{pmatrix}\sigma_0
Merke Kombinierte Last
NN auf der Diagonale (σx\sigma_x), TT in den Schub-Einträgen (τxy,τxz\tau_{xy}, \tau_{xz}).

Aufgaben mit Musterlösungen

Aufgaben zu Kapitel 9 folgen. Bis dahin: rechne die Beispiel-Welle aus Sec. 5 mit eigenen Zahlen durch und prüfe die Verdrehwinkel-Formel Δϑ=TL/(GIT)\Delta\vartheta = T L/(G I_T) an einem geraden Wellenstück.

Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.

MerkeErst selbst rechnen, dann Lösung prüfen!