Denk an ein Getränkedöschen, ein Stahlrohr oder einen Fahrradrahmen. Das sind alles Stäbe, aber das Material steckt nur in einer dünnen Haut aussen, drinnen ist Luft. Genau solche Querschnitte heissen dünnwandig: die Wandstärke ist viel kleiner als die übrigen Abmessungen des Profils. Sie sind im Leichtbau allgegenwärtig, weil sie pro Kilogramm Material erstaunlich steif und fest sind.
Im vorigen Kapitel war der Stab massiv. Bei Kap. 9 ging es um den Vollquerschnitt: ein voller Kreis, ein voller Rechteckblock. Die Schubspannung lief dort über den ganzen, gefüllten Querschnitt. Hier ist alles hohl oder dünn, und genau das macht die Rechnung am Ende einfacher statt schwerer, weil sich die Spannung über die kleine Wandstärke kaum ändert und wir sie als konstant durch die Wand annehmen dürfen.
Worum es im ganzen Kapitel geht. Wir tordieren einen dünnwandigen Stab und fragen nur zwei Dinge: Wie gross wird die Schubspannung in der Wand? (Festigkeit) und um wie viel verdreht sich der Stab? (Steifigkeit). Wie schon beim Vollquerschnitt brauchen wir dafür zwei Querschnittskennzahlen, ein Torsionsträgheitsmoment und ein Torsionswiderstandsmoment . Nur ihre Formeln sehen jetzt anders aus.
Die Schnittgrösse bleibt dieselbe. Wie in Kap. 9 ist die Beanspruchung das Torsionsmoment : das Moment, dessen Achse entlang der Stabachse zeigt. Auch die Grundgleichung der Torsion aus Kap. 9 gilt unverändert weiter. Neu ist nur, wie wir , und die Spannungsverteilung für ein dünnwandiges Profil bestimmen. Und dabei trennen sich zwei Welten: geschlossene und offene Profile.
Frage: Was ist der Unterschied zwischen einem Rohr und einem aufgeschnittenen Rohr? Stell dir ein geschlossenes Rohr vor, einen vollen Ring aus Blech. Jetzt säge es der Länge nach auf, sodass ein durchgehender Schlitz entsteht. Aus dem Querschnitt ist eine offene Linie geworden. Mechanisch sind das zwei komplett verschiedene Tragwerke, obwohl fast gleich viel Material verbaut ist.
Geschlossen heisst: die Wand bildet eine umlaufende Schleife. Ein Rohr, ein Kastenprofil, ein hohler Rechteckträger. Man kann mit dem Finger einmal um den Hohlraum herumfahren, ohne abzusetzen, und kommt wieder am Start an. Diese geschlossene Zelle umschliesst eine Fläche, und genau diese Fläche wird gleich der Hauptdarsteller (Sec. 3).
Offen heisst: die Wand ist eine Linie mit zwei Enden. Ein I-Träger, ein L-Winkel, ein U-Profil, ein aufgeschlitztes Rohr. Es gibt keinen umschlossenen Hohlraum mehr, die Profilmittellinie hat einen Anfang und ein Ende. Solche Profile sind unter Torsion dramatisch weicher und schwächer als geschlossene (Sec. 5 rechnet es vor).
| Merkmal | Geschlossen | Offen |
|---|---|---|
| Form der Wand | umlaufende Schleife | Linie mit zwei Enden |
| Beispiele | Rohr, Kasten, Hohlprofil | I-Träger, L, U, Schlitzrohr |
| Torsionssteifigkeit | hoch | sehr niedrig |
| Formeln | Bredt (Sec. 3) | Rechteck-Summe (Sec. 4) |
Bild im Kopf: ein ringförmiger Wasserkanal. Denk an eine geschlossene Rinne, in der Wasser im Kreis fliesst, mal durch einen breiten, mal durch einen engen Abschnitt. Weil kein Wasser verschwindet, muss pro Sekunde überall dieselbe Menge durchlaufen: wo der Kanal eng ist, fliesst es schnell, wo er breit ist, langsam. Das Produkt aus Geschwindigkeit und Kanalbreite ist überall gleich. Genau dieses Bild trägt die ganze Theorie der geschlossenen Profile.
Übersetzt auf die tordierte Wand. In der dünnen Wand läuft die Schubspannung rundherum, parallel zur Profilmittellinie (der Index steht für die Umlaufrichtung). Schneidet man ein kleines Stück Wand frei und stellt das Kräftegleichgewicht in Längsrichtung auf, kommt etwas Bemerkenswertes heraus: das Produkt aus Schubspannung und Wandstärke ist überall am Umfang gleich gross. Dieses Produkt heisst Schubfluss .
Was bedeutet das für die Spannung? Wenn konstant ist, dann muss dort, wo die Wand dünn ist, die Schubspannung gross sein, und wo die Wand dick ist, klein. Spannung und Wandstärke sind zueinander umgekehrt proportional. Das ist exakt das Wasser-Bild: enge Stelle, schnelle Strömung. Daraus folgt sofort die wichtigste Konsequenz für die Festigkeit, gleich in Sec. 2.2.
Frage: Wie gross ist der Schubfluss bei einem gegebenen Torsionsmoment ? Bis jetzt wissen wir nur, dass konstant ist, aber noch nicht seinen Wert. Den bekommen wir, indem wir das Torsionsmoment als Summe aller kleinen Schub-Kräfte um die Stabachse aufschreiben. Jedes Wandstück trägt mit seinem Hebelarm bei, und beim Aufsummieren rund um die Schleife taucht eine schöne geometrische Grösse auf.
Die umschlossene Fläche . Summiert man den Hebelarm entlang der ganzen Profilmittellinie auf, ergibt das genau das Doppelte der von der Profilmittellinie eingeschlossenen Fläche. Diese Fläche heisst (das steht für die Mittellinie). Anschaulich: ist die Fläche des Lochs, gemessen bis zur Wandmitte. Damit lässt sich der konstante Schubfluss direkt durch und ausdrücken.
Und jetzt die Spannung selbst. Aus folgt sofort . Setzt man den Schubfluss ein, steht die Schubspannung an jeder Stelle der Wand da. Diese Beziehung ist die erste Bredtsche Formel, benannt nach Rudolf Bredt, und sie ist das Arbeitspferd für jedes geschlossene dünnwandige Profil.
Frage: Wie finde ich für ein konkretes Profil? steckt in jeder Bredt-Formel, also lohnt es sich, sie sauber zu bestimmen. Die Regel ist einfach: zeichne die Profilmittellinie (mittig durch die Wandstärke) und bestimme die Fläche, die diese Linie umschliesst. Bei einem dünnwandigen Profil ist die Wandstärke klein, also darfst du oft direkt mit den äusseren Massen rechnen, der Unterschied ist von der Ordnung der Wandstärke und damit vernachlässigbar.
Die häufigsten Fälle. Bei einem Kreisrohr mit Mittellinienradius ist . Bei einem quadratischen Kastenprofil mit Mittellinien-Seitenlänge ist . Bei einem rechteckigen Kasten mit den Mittellinienmassen und ist . Immer die vom Hohlraum eingeschlossene Fläche, nie die Materialfläche der Wand.
Frage: Um wie viel verdreht sich ein dünnwandiges Rohr? Für die Verformung brauchen wir das Torsionsträgheitsmoment . Die Grundgleichung der Torsion aus Kap. 9 gilt unverändert: . Neu ist nur der Ausdruck für . Er kommt heraus, wenn man die gespeicherte Verformung über den ganzen Umlauf aufsummiert, und das Ergebnis ist die zweite Bredtsche Formel.
Das Umlaufintegral . In der Formel taucht ein Integral der Wandstärke entlang der Profilmittellinie auf. Man fasst es in der Hilfsgrösse zusammen: dem Umlaufintegral von einmal rund um die Schleife. Bei konstanter Wandstärke ist das einfach der Umfang geteilt durch die Wandstärke.
Und der Verdrehwinkel? Genau wie beim Vollquerschnitt: gibt die Verdrillung an jeder Stelle, und über eine Länge mit konstantem , und integriert man das zum Gesamtverdrehwinkel auf. Die Struktur Last mal Länge durch Steifigkeit ist dieselbe wie immer.
Frage: Wie hoch wird die Spannung höchstens? Für den Festigkeitsnachweis interessiert nur das Maximum von . Aus Sec. 2 wissen wir: das sitzt an der dünnsten Wand, . Man packt die Geometrie wieder in eine einzige Kennzahl, das Torsionswiderstandsmoment , und schreibt die Maximalspannung kompakt als , genau wie beim Vollquerschnitt.
Das Widerstandsmoment des geschlossenen Profils. Setzt man in die erste Bredtsche Formel ein und vergleicht mit , liest man direkt ab: es ist das Doppelte der umschlossenen Fläche mal der dünnsten Wandstärke.
Ein praktischer Sonderfall: das dünne Rohr. Für ein Kreisrohr mit Mittellinienradius und Wandstärke () liefern die Bredtschen Formeln besonders einfache Ausdrücke. Mit und konstanter Wandstärke bekommt man die Kennwerte direkt. Sie stehen so auch in der Querschnittstabelle und sind gute Merkwerte.
| Profil | ||
|---|---|---|
| Dünnes Rohr () | ||
| Schmales Rechteck () |
Frage: Was tun, wenn die Schleife fehlt? Bei einem offenen Profil (I, L, U, Schlitzrohr) gibt es keinen umschlossenen Hohlraum, also kein und keine Bredtschen Formeln. Stattdessen denkt man sich das Profil in seine geraden Wandstücke zerlegt: jeder Schenkel ist ein langes, schmales Rechteck. Für ein einzelnes schmales Rechteck der Länge und Dicke kennen wir das Torsionsträgheitsmoment bereits (, Sec. 3.3).
Einfach aufsummieren. Das gesamte Torsionsträgheitsmoment des offenen Profils ist näherungsweise die Summe der Beiträge aller Teilrechtecke. Jeder Schenkel trägt mit seiner Länge mal der dritten Potenz seiner Dicke bei. Genau diese dritte Potenz ist der Grund, warum dünne offene Profile so weich sind: halbiert man die Wandstärke, sinkt auf ein Achtel.
Wie sieht die Spannung in einem Schenkel aus? Anders als beim geschlossenen Profil läuft die Schubspannung in einem offenen Schenkel nicht einseitig rundherum, sondern bildet über die kleine Wandstärke eine Schleife: auf der einen Wandseite hin, auf der anderen zurück. Über die Dicke wächst sie linear von der Mitte (null) zum Rand. In jedem Teilrechteck gilt am Rand, sie ist also proportional zur lokalen Wandstärke .
Frage: Wo versagt ein offenes Profil zuerst? Hier kehrt sich die Geschlossen-Regel um. Beim geschlossenen Profil sass die grösste Spannung an der dünnsten Wand (konstanter Schubfluss). Beim offenen Profil ist es genau andersherum: weil proportional zur Wandstärke ist, sitzt die grösste Schubspannung an der dicksten Wand.
Widerstandsmoment und Maximalspannung. Man fasst auch hier die Geometrie in einem Widerstandsmoment zusammen, gebildet aus und der grössten Wandstärke. Damit gilt wieder die vertraute Form . Ausgeschrieben ist die Maximalspannung das Torsionsmoment mal die dickste Wandstärke, geteilt durch .
Die wichtigste Praxis-Botschaft des Kapitels. Nimm zweimal exakt dasselbe Blech und forme einmal ein geschlossenes Rohr, einmal ein längs aufgeschlitztes Rohr. Gleiches Material, gleiche Masse. Trotzdem ist das geschlossene Profil unter Torsion um Grössenordnungen steifer und fester. Der einzige Unterschied ist die schliessende Zelle, die den Schubfluss rundlaufen lässt.
Woran liegt das? Im geschlossenen Profil läuft der Schubfluss einmal voll um den grossen Hohlraum herum, mit dem riesigen Hebelarm ( wächst mit dem Quadrat der Fläche). Im offenen Profil bleibt der Schub in jedem dünnen Schenkel auf sich allein gestellt und bildet nur eine winzige Schleife über die Wandstärke (, nur dritte Potenz der dünnen Wand). Die grosse umschlossene Fläche fehlt komplett.
Konkrete Grössenordnung. Das durchgerechnete Beispiel in Sec. 6 vergleicht ein quadratisches Kastenprofil einmal geschlossen, einmal aufgeschlitzt (gleiche Masse, gleiche Last). Das geschlossene Profil ist dort rund 90-mal steifer (verdreht sich 90-mal weniger) und seine Maximalspannung ist etwa 13-mal kleiner. Ein einziger Schnitt durch die Wand kostet also fast die gesamte Torsionsfähigkeit.
| Eigenschaft | Geschlossen | Offen |
|---|---|---|
| Schubfluss | läuft um herum | nur kleine Schleife je Wand |
| , gross | , klein | |
| Steifigkeit, Festigkeit | hoch | drastisch niedriger |
| sitzt an | dünnster Wand | dickster Wand |
Worum geht es? Ein einseitig eingespannter Stab (Länge ) trägt am freien Ende ein Torsionsmoment . Der Querschnitt ist ein quadratisches Kastenprofil mit Mittellinien-Seitenlänge und Wandstärke (dünnwandig, ). Gesucht sind die maximale Schubspannung und der Verdrehwinkel am freien Ende. Danach schneiden wir denselben Kasten längs auf und vergleichen, das ist die Pointe aus Sec. 5.
Jetzt der Vergleich: derselbe Kasten, aber aufgeschlitzt. Schneidet man den Kasten der Länge nach auf, ist er offen. Statt Bredt gilt jetzt die Rechteck-Summe , und die Maximalspannung sitzt an der dicksten Wand (). Setzt man konkrete Zahlen ein ( mm, mm, mm, GPa, N·m), wird der Unterschied drastisch sichtbar.
| Grösse | Geschlossen | Offen (aufgeschlitzt) |
|---|---|---|
| ≈ 10670 mm⁴ | ≈ 120 mm⁴ | |
| Verdrehwinkel | ≈ 0.067° | ≈ 6° |
| Maximalspannung | ≈ 2.5 MPa | ≈ 33 MPa |
Aufgaben zu Kapitel 10 folgen. Bis dahin: rechne das Kastenprofil aus Sec. 6 mit eigenen Zahlen durch und prüfe, um welchen Faktor sich der Verdrehwinkel ändert, wenn du den Kasten aufschlitzt.
Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.