Stell dir einen Balken vor, der auf zwei Lagern liegt. Du belastest ihn, er biegt sich durch, und mit den drei Gleichgewichtsbedingungen aus der Statik (Summe der Kräfte in zwei Richtungen, Summe der Momente) rechnest du alle Lagerkräfte aus. Das nennt man statisch bestimmt: genau so viele Gleichungen wie Unbekannte, das System geht glatt auf.
Jetzt schiebst du ein drittes Lager unter den Balken. Plötzlich hast du mehr Lagerkräfte als Gleichgewichtsbedingungen. Die Statik allein reicht nicht mehr, um sie alle zu bestimmen. Genau das ist ein statisch unbestimmtes System: es hat mehr Bindungen, als für das blosse Gleichgewicht nötig wären. Die zusätzlichen Lager sind statisch überzählig.
Warum baut man so etwas überhaupt? Ein überzähliges Lager macht das Tragwerk steifer und sicherer. Fällt eine Bindung aus, steht das System nicht sofort still. Der Preis dafür: die Lagerkräfte lassen sich nicht mehr mit dem Gleichgewicht allein finden. Man braucht eine zusätzliche Information, und die kommt aus der Verformung.
Wie oft ist ein System unbestimmt? Das misst der Grad der statischen Unbestimmtheit. Zähle alle unbekannten Reaktions- und Schnittgrössen (Lagerwertigkeiten plus innere Verbindungen) und stelle ihnen die Anzahl verfügbarer Gleichgewichtsbedingungen gegenüber. Die Differenz sagt dir, wie viele überzählige Bindungen es gibt: heisst einfach unbestimmt, zweifach unbestimmt, und so weiter.
Ein konkretes Beispiel. Bei einem ebenen Rahmen aus mehreren Stäben liefert jedes Lager und jedes Gelenk eine bestimmte Anzahl Wertigkeiten. Zählt man etwa unbekannte Grössen und hat Gleichgewichtsbedingungen, dann ist : das System ist genau einfach statisch unbestimmt. Genau diese eine überzählige Grösse müssen wir mit einer Verformungsbedingung knacken.
Frage: Wie kommt man an ein System heran, das die Statik allein nicht löst? Der Trick ist verblüffend einfach. Wir nehmen die überzählige Bindung weg, schneiden also zum Beispiel ein Lager heraus. Übrig bleibt ein statisch bestimmtes Grundsystem, und genau dieses können wir mit den Werkzeugen aus Kapitel 11 vollständig durchrechnen.
Aber wir haben das Lager doch gebraucht. Richtig. Ohne das Lager würde sich der Balken an dieser Stelle durchbiegen, obwohl das echte Lager das verhindert. Diesen Fehler reparieren wir, indem wir die unbekannte Lagerkraft als äussere Kraft wieder anbringen und ihre Grösse so einstellen, dass die Verschiebung an der gelösten Stelle am Ende wieder null wird (denn dort sitzt ja in Wirklichkeit ein Lager).
Wie macht man das praktisch? Wir nutzen die Superposition: das Verhalten des freigeschnittenen Grundsystems setzt sich aus zwei Anteilen zusammen, die wir getrennt rechnen und dann addieren.
Den ersten Anteil liefert das 0-System (auch Lastfall 0, kurz LF0): das Grundsystem nur mit den echten äusseren Lasten. Den zweiten Anteil liefert das 1-System (Lastfall 1, LF1): dasselbe Grundsystem, belastet nur mit einer Hilfskraft an der Stelle der überzähligen Bindung. Multipliziert man das 1-System mit dem richtigen Faktor und addiert beide, erhält man das wahre, statisch unbestimmte System zurück.
Schauen wir genau hin, was die beiden Hilfssysteme tragen. Wir wählen eine statisch überzählige Kraftgrösse und nennen sie . Das ist die Unbekannte, meist eine Lagerkraft, manchmal eine innere Schnittgrösse. An ihrer Stelle schneiden wir frei und erhalten das Grundsystem.
Das 0-System trägt nur die realen äusseren Lasten (Streckenlast, Einzelkräfte). Aus ihm gewinnen wir mit den Methoden aus Kapitel 11 die Schnittgrössenverläufe , , . Der Index erinnert daran: das ist der Lastfall ohne die Hilfskraft.
Das 1-System trägt nur eine Hilfskraft der Grösse 1, angesetzt genau dort und in der Richtung, in der wirkt. Es liefert die Schnittgrössen , , . Das ist eine reine Einheitslast, sie hat noch nichts mit der wahren Grösse von zu tun.
Jetzt setzen wir beide zusammen. Die wahre Beanspruchung des unbestimmten Systems entsteht, indem wir das 0-System nehmen und das 1-System mit dem (noch unbekannten) Faktor dazuzählen. Für das Biegemoment heisst das:
Frage: Welche Bedingung bestimmt den Faktor ? Genau die geometrische Tatsache, die wir vorhin geopfert haben. Dort, wo wir das Lager entfernt haben, darf in Wirklichkeit keine Verschiebung auftreten. Die gesamte Verschiebung an dieser Stelle, zusammengesetzt aus 0-System und -fachem 1-System, muss null sein. Das ist die Verträglichkeitsbedingung (auch kinematische Bedingung).
In Formeln. Nenne die Verschiebung an der Stelle von infolge der realen Last (also gemessen im 1-Sinn, verursacht vom 0-System) und die Verschiebung dort infolge der Hilfskraft 1. Dann verschiebt das -fache 1-System die Stelle um , und die Summe muss verschwinden:
Nach auflösen. Diese eine Gleichung hat genau eine Unbekannte, also lösen wir direkt nach auf. Das ist das Herzstück des ganzen Verfahrens: eine einzige Division liefert die überzählige Kraftgrösse.
Frage: Woher bekommt man und konkret? Genau wie jede Verschiebung in Kapitel 11: über die Arbeitsgleichung mit virtuellen Kräften. Beide sind Verschiebungen am statisch bestimmten Grundsystem, und dort ist die Rechnung Routine. Man koppelt die Beanspruchungsverläufe der beteiligten Lastfälle und integriert über die ganze Struktur.
ist die Nachgiebigkeit der Hilfskraft. Sie misst, wie weit sich die Hilfskraft 1 ihren eigenen Angriffspunkt verschiebt. Dafür koppelt man das 1-System mit sich selbst, das heisst, man integriert das Quadrat seiner Beanspruchung.
ist die Last-Verschiebung an derselben Stelle. Sie misst, wie weit sich die Stelle von unter der realen Last verschiebt. Dafür koppelt man das 0-System (reale Last) mit dem 1-System (Einheitslast). Es ist exakt die Koppeltafel-Rechnung aus Kapitel 11, nur mit den beiden Verläufen und .
Frage: Ich habe ausgerechnet, aber was ist das jetzt physikalisch? Eine wichtige Buchhaltungs-Regel: kommt immer als Kraft in Richtung der Hilfskraft heraus, also genau in der Richtung, in der du im 1-System die Einheitslast angesetzt hast. Das Vorzeichen sagt dir, ob die echte Lagerkraft wirklich so zeigt oder entgegengesetzt.
Konkret. Ist , dann wirkt die überzählige Lagerkraft tatsächlich in der angenommenen Hilfskraft-Richtung. Ist , zeigt sie in die Gegenrichtung. Hast du die Hilfskraft nach oben angesetzt und es kommt heraus, dann drückt das Lager in Wirklichkeit nach unten. An der Rechnung ändert das Vorzeichen nichts, aber bei der Interpretation musst du genau hinschauen.
Warum diese Form und nicht eine andere? Man könnte die Hilfskraft auch mit einem anderen Betrag statt ansetzen. Dann lautet die Bedingung und es folgt . Die Einheitslast ist einfach die bequemste Wahl: sie macht das 1-System zur reinen Schablone und spart das Mitschleppen eines zusätzlichen Faktors.
Jetzt fügen wir alles zu einem festen Ablauf zusammen. Für ein einfach statisch unbestimmtes System () ist das Vorgehen immer dasselbe. Wenn du diese sechs Schritte verinnerlichst, läuft jede Aufgabe nach demselben Muster. Bei überzähligen Bindungen bekommst du entsprechend Unbekannte und ein lineares Gleichungssystem, aber die Idee bleibt identisch.
| Schritt | Was du tust | Ergebnis |
|---|---|---|
| 1 | Grad prüfen, eine überzählige Bindung lösen | statisch bestimmtes Grundsystem |
| 2 | 0-System rechnen (reale Last) | |
| 3 | 1-System rechnen (Hilfskraft 1) | |
| 4 | Koppeln und integrieren | und |
| 5 | Verträglichkeitsbedingung auflösen | |
| 6 | Vorzeichen deuten, ggf. ins reale System einsetzen | alle Lagerkräfte, |
Frage: Was, wenn nicht nur , sondern alle Lagerkräfte gefragt sind? Dann hast du nach Schritt 5 die schwierige Arbeit schon erledigt. Die überzählige Kraft ist jetzt bekannt. Setze sie als bekannte äussere Kraft in das ursprüngliche, statisch unbestimmte System ein. Damit ist dieses System nicht mehr unbestimmt: alle übrigen Lagerkräfte folgen aus den ganz normalen Gleichgewichtsbedingungen.
Ein kurzes Zahlenbeispiel zur Gleichgewichts-Routine. Angenommen, du hast für einen abgewinkelten Träger die Auflagerkraft aus der Verträglichkeit bestimmt, und das Biegemoment an der Einspannung ist gefragt. Du setzt ein und schreibst das Momentengleichgewicht um auf. Greift dort etwa eine Last mit Hebelarm und die Auflagerkraft mit Hebelarm an, dann liefert direkt . Die unbestimmte Rechnung ist vorbei, ab hier ist es reine Statik.
Worum geht es? Ein Balken (Biegesteifigkeit ) liegt an seinen beiden Enden und auf Gelenklagern und ist in der Mitte zusätzlich über eine elastische Pendelstütze (Dehnsteifigkeit , Länge ) abgestützt. Auf den ganzen Balken wirkt eine gleichmässige Streckenlast . Beide Balkenfelder sind gleich lang (), die Gesamtspannweite ist also . Unbelastet ist das System spannungsfrei. Gesucht: die Kraft, die in der Stütze übertragen wird.
Warum ist das unbestimmt? Zwei Gelenklager plus die Stütze ergeben eine Bindung mehr, als das Gleichgewicht braucht. Das System ist einfach statisch unbestimmt (). Wir lösen die Stützenkraft als überzählige Grösse und arbeiten das Rezept aus Sec. 4 ab. Die Stütze überträgt nur Normalkraft, der Balken nur Biegung, also bleiben pro Lastfall genau zwei Anteile.
Frage: Und wenn am Ende noch eine Verschiebung gesucht ist? Oft will eine Aufgabe nach der überzähligen Kraft zusätzlich eine Durchbiegung wissen, etwa die Verschiebung an einer Stelle 2. Naiv würde man dafür die Arbeitsgleichung am unbestimmten System ansetzen, mit der echten Beanspruchung und einem neuen 2-System (Einheitslast an der gesuchten Stelle). Das funktioniert, ist aber unbequem, weil schon den gelösten Wert enthält.
Der bequeme Weg. Man rechnet das 2-System einfach am statisch bestimmten Grundsystem (Einheitslast an Stelle 2, alle überzähligen Bindungen gelöst). Dann setzt sich die gesuchte Verschiebung genauso zusammen wie vorher die Beanspruchung: das 0-System plus das -fache 1-System, jeweils mit dem 2-System gekoppelt.
Warum darf man am bestimmten System rechnen? Setzt man in die Arbeitsgleichung ein und sortiert um, fällt ein Teil wegen der Verträglichkeitsbedingung heraus. Übrig bleibt genau , mit lauter Grössen am Grundsystem. Man spart sich also, überhaupt explizit aufzustellen. Das nennt man auch den Reduktionssatz.
Aufgaben zu Kapitel 12 folgen. Bis dahin: rechne das Beispiel aus Sec. 5 mit eigenen Zahlen für , und durch und prüfe die beiden Grenzfälle ( und ). Übe ausserdem, bei einem Balken mit drei Lagern die mittlere Stützkraft als überzählige Grösse zu bestimmen.
Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.