1Was heisst statisch unbestimmt?

1.1 Ein Lager zu viel

Stell dir einen Balken vor, der auf zwei Lagern liegt. Du belastest ihn, er biegt sich durch, und mit den drei Gleichgewichtsbedingungen aus der Statik (Summe der Kräfte in zwei Richtungen, Summe der Momente) rechnest du alle Lagerkräfte aus. Das nennt man statisch bestimmt: genau so viele Gleichungen wie Unbekannte, das System geht glatt auf.

Jetzt schiebst du ein drittes Lager unter den Balken. Plötzlich hast du mehr Lagerkräfte als Gleichgewichtsbedingungen. Die Statik allein reicht nicht mehr, um sie alle zu bestimmen. Genau das ist ein statisch unbestimmtes System: es hat mehr Bindungen, als für das blosse Gleichgewicht nötig wären. Die zusätzlichen Lager sind statisch überzählig.

Warum baut man so etwas überhaupt? Ein überzähliges Lager macht das Tragwerk steifer und sicherer. Fällt eine Bindung aus, steht das System nicht sofort still. Der Preis dafür: die Lagerkräfte lassen sich nicht mehr mit dem Gleichgewicht allein finden. Man braucht eine zusätzliche Information, und die kommt aus der Verformung.

Wie oft ist ein System unbestimmt? Das misst der Grad der statischen Unbestimmtheit. Zähle alle unbekannten Reaktions- und Schnittgrössen hh (Lagerwertigkeiten plus innere Verbindungen) und stelle ihnen die Anzahl verfügbarer Gleichgewichtsbedingungen mm gegenüber. Die Differenz n=hmn = h - m sagt dir, wie viele überzählige Bindungen es gibt: n=1n = 1 heisst einfach unbestimmt, n=2n = 2 zweifach unbestimmt, und so weiter.

Ein konkretes Beispiel. Bei einem ebenen Rahmen aus mehreren Stäben liefert jedes Lager und jedes Gelenk eine bestimmte Anzahl Wertigkeiten. Zählt man etwa h=10h = 10 unbekannte Grössen und hat m=9m = 9 Gleichgewichtsbedingungen, dann ist n=109=1n = 10 - 9 = 1: das System ist genau einfach statisch unbestimmt. Genau diese eine überzählige Grösse müssen wir mit einer Verformungsbedingung knacken.

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Grad der statischen Unbestimmtheit
n=hmn = h - m
hh = Anzahl unbekannter Reaktions- und Schnittgrössen, mm = Anzahl Gleichgewichtsbedingungen. nn überzählige Bindungen brauchen nn Verformungsbedingungen.
Notation Notation: nn, hh, mm
nn = Grad der statischen Unbestimmtheit. hh = Anzahl unbekannter Kraftgrössen (Lager plus innere Bindungen). mm = Anzahl der Gleichgewichtsbedingungen.
Merke Bestimmt vs. unbestimmt
n=0n = 0: Gleichgewicht genügt. n1n \geq 1: zusätzlich Verformung nötig, nn überzählige Bindungen.

1.2 Die Idee: ein Lager lösen, dann korrigieren

Frage: Wie kommt man an ein System heran, das die Statik allein nicht löst? Der Trick ist verblüffend einfach. Wir nehmen die überzählige Bindung weg, schneiden also zum Beispiel ein Lager heraus. Übrig bleibt ein statisch bestimmtes Grundsystem, und genau dieses können wir mit den Werkzeugen aus Kapitel 11 vollständig durchrechnen.

Aber wir haben das Lager doch gebraucht. Richtig. Ohne das Lager würde sich der Balken an dieser Stelle durchbiegen, obwohl das echte Lager das verhindert. Diesen Fehler reparieren wir, indem wir die unbekannte Lagerkraft als äussere Kraft wieder anbringen und ihre Grösse so einstellen, dass die Verschiebung an der gelösten Stelle am Ende wieder null wird (denn dort sitzt ja in Wirklichkeit ein Lager).

Wie macht man das praktisch? Wir nutzen die Superposition: das Verhalten des freigeschnittenen Grundsystems setzt sich aus zwei Anteilen zusammen, die wir getrennt rechnen und dann addieren.

Den ersten Anteil liefert das 0-System (auch Lastfall 0, kurz LF0): das Grundsystem nur mit den echten äusseren Lasten. Den zweiten Anteil liefert das 1-System (Lastfall 1, LF1): dasselbe Grundsystem, belastet nur mit einer Hilfskraft an der Stelle der überzähligen Bindung. Multipliziert man das 1-System mit dem richtigen Faktor und addiert beide, erhält man das wahre, statisch unbestimmte System zurück.

Notation Notation: Grundsystem
Grundsystem = das statisch bestimmte System, das übrig bleibt, wenn man die überzähligen Bindungen entfernt. Auch Hauptsystem genannt.
Merke Drei Schritte im Kern
1. überzählige Bindung lösen → Grundsystem. 2. echte Last (0-System) plus Hilfskraft (1-System) superponieren. 3. Hilfskraft aus der Verformungsbedingung bestimmen.

2Das Kraftgrössenverfahren

2.1 0-System und 1-System: die Superposition

Schauen wir genau hin, was die beiden Hilfssysteme tragen. Wir wählen eine statisch überzählige Kraftgrösse und nennen sie XX. Das ist die Unbekannte, meist eine Lagerkraft, manchmal eine innere Schnittgrösse. An ihrer Stelle schneiden wir frei und erhalten das Grundsystem.

Das 0-System trägt nur die realen äusseren Lasten (Streckenlast, Einzelkräfte). Aus ihm gewinnen wir mit den Methoden aus Kapitel 11 die Schnittgrössenverläufe M0(x)M_0(x), N0(x)N_0(x), T0(x)T_0(x). Der Index 00 erinnert daran: das ist der Lastfall ohne die Hilfskraft.

Das 1-System trägt nur eine Hilfskraft der Grösse 1, angesetzt genau dort und in der Richtung, in der XX wirkt. Es liefert die Schnittgrössen M1(x)M_1(x), N1(x)N_1(x), T1(x)T_1(x). Das ist eine reine Einheitslast, sie hat noch nichts mit der wahren Grösse von XX zu tun.

Jetzt setzen wir beide zusammen. Die wahre Beanspruchung des unbestimmten Systems entsteht, indem wir das 0-System nehmen und das 1-System mit dem (noch unbekannten) Faktor XX dazuzählen. Für das Biegemoment heisst das:

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Superposition der Beanspruchung
M~(x)=M0(x)+M1(x)X\tilde{M}(x) = M_0(x) + M_1(x)\,X
Echtes Biegemoment des unbestimmten Systems = 0-System plus XX-faches 1-System. Genauso für N~=N0+N1X\tilde{N} = N_0 + N_1 X und T~=T0+T1X\tilde{T} = T_0 + T_1 X.
Notation Notation: XX, M0M_0, M1M_1
XX = gesuchte überzählige Kraftgrösse. M0,N0,T0M_0, N_0, T_0 = Beanspruchung im 0-System (reale Last). M1,N1,T1M_1, N_1, T_1 = Beanspruchung im 1-System (Hilfskraft 1).
Notation Notation: M~\tilde{M}
Die Tilde markiert Grössen am echten, statisch unbestimmten System: M~=M0+M1X\tilde{M} = M_0 + M_1 X. Ohne Tilde: Grössen am bestimmten Grundsystem.
Merke 0-System plus 1-System
M~=M0+M1X\tilde{M} = M_0 + M_1 X. Reale Last (LF0) plus XX-faches Einheitslast-System (LF1).

2.2 Die Verträglichkeitsbedingung: woher X kommt

Frage: Welche Bedingung bestimmt den Faktor XX? Genau die geometrische Tatsache, die wir vorhin geopfert haben. Dort, wo wir das Lager entfernt haben, darf in Wirklichkeit keine Verschiebung auftreten. Die gesamte Verschiebung an dieser Stelle, zusammengesetzt aus 0-System und XX-fachem 1-System, muss null sein. Das ist die Verträglichkeitsbedingung (auch kinematische Bedingung).

In Formeln. Nenne δ10\delta_{10} die Verschiebung an der Stelle von XX infolge der realen Last (also gemessen im 1-Sinn, verursacht vom 0-System) und δ11\delta_{11} die Verschiebung dort infolge der Hilfskraft 1. Dann verschiebt das XX-fache 1-System die Stelle um Xδ11X \cdot \delta_{11}, und die Summe muss verschwinden:

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Verträglichkeitsbedingung
δ10+Xδ11=0\delta_{10} + X\,\delta_{11} = 0
Die Verschiebung an der gelösten Stelle muss null sein. δ10\delta_{10} = Verschiebung infolge realer Last, δ11\delta_{11} = Verschiebung infolge Hilfskraft 1.

Nach XX auflösen. Diese eine Gleichung hat genau eine Unbekannte, also lösen wir direkt nach XX auf. Das ist das Herzstück des ganzen Verfahrens: eine einzige Division liefert die überzählige Kraftgrösse.

!!!
Überzählige Kraftgrösse
X=δ10δ11X = -\frac{\delta_{10}}{\delta_{11}}
Die gesuchte Kraft. Das Minuszeichen sorgt dafür, dass das 1-System die Last-Verschiebung gerade aufhebt.
Notation Notation: δij\delta_{ij}
δij\delta_{ij} = Verschiebung an der Stelle ii infolge der Last jj. Erster Index: Ort der Auswertung. Zweiter Index: verursachende Last. Manche Texte schreiben vijv_{ij} oder δi0\delta_{i0} statt δ10\delta_{10}.
Formel Kernformel
X=δ10δ11X = -\frac{\delta_{10}}{\delta_{11}}
Aus der Verträglichkeitsbedingung δ10+Xδ11=0\delta_{10} + X\delta_{11} = 0.
Merke Verschiebung null
An der gelösten Stelle ist die Verschiebung des realen Systems null. Genau das legt XX fest.

3Die Verschiebungen berechnen

3.1 Die δ-Koeffizienten aus der Arbeitsgleichung

Frage: Woher bekommt man δ10\delta_{10} und δ11\delta_{11} konkret? Genau wie jede Verschiebung in Kapitel 11: über die Arbeitsgleichung mit virtuellen Kräften. Beide δ\delta sind Verschiebungen am statisch bestimmten Grundsystem, und dort ist die Rechnung Routine. Man koppelt die Beanspruchungsverläufe der beteiligten Lastfälle und integriert über die ganze Struktur.

δ11\delta_{11} ist die Nachgiebigkeit der Hilfskraft. Sie misst, wie weit sich die Hilfskraft 1 ihren eigenen Angriffspunkt verschiebt. Dafür koppelt man das 1-System mit sich selbst, das heisst, man integriert das Quadrat seiner Beanspruchung.

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Nachgiebigkeit δ₁₁
δ11=LM12EIdx+LN12EAdx+LT12GITdx\delta_{11} = \int_L \frac{M_1^2}{EI}\,\mathrm{d}x + \int_L \frac{N_1^2}{EA}\,\mathrm{d}x + \int_L \frac{T_1^2}{G I_T}\,\mathrm{d}x
1-System mit sich selbst gekoppelt. Biege-, Dehn- und Torsionsanteil. δ11>0\delta_{11} > 0 immer. Nur die tatsächlich auftretenden Anteile mitnehmen.

δ10\delta_{10} ist die Last-Verschiebung an derselben Stelle. Sie misst, wie weit sich die Stelle von XX unter der realen Last verschiebt. Dafür koppelt man das 0-System (reale Last) mit dem 1-System (Einheitslast). Es ist exakt die Koppeltafel-Rechnung aus Kapitel 11, nur mit den beiden Verläufen M0M_0 und M1M_1.

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Last-Verschiebung δ₁₀
δ10=LM0M1EIdx+LN0N1EAdx+LT0T1GITdx\delta_{10} = \int_L \frac{M_0 M_1}{EI}\,\mathrm{d}x + \int_L \frac{N_0 N_1}{EA}\,\mathrm{d}x + \int_L \frac{T_0 T_1}{G I_T}\,\mathrm{d}x
0-System mit 1-System gekoppelt. Kann positiv oder negativ sein, je nach Vorzeichen der Verläufe.
Formel δ₁₁
δ11=LM12EIdx+LN12EAdx\delta_{11} = \int_L \frac{M_1^2}{EI}\,\mathrm{d}x + \int_L \frac{N_1^2}{EA}\,\mathrm{d}x
1-System mit sich selbst. Immer positiv.
Formel δ₁₀
δ10=LM0M1EIdx+LN0N1EAdx\delta_{10} = \int_L \frac{M_0 M_1}{EI}\,\mathrm{d}x + \int_L \frac{N_0 N_1}{EA}\,\mathrm{d}x
0-System mit 1-System gekoppelt.

3.2 Was bedeutet das Vorzeichen von X?

Frage: Ich habe XX ausgerechnet, aber was ist das jetzt physikalisch? Eine wichtige Buchhaltungs-Regel: XX kommt immer als Kraft in Richtung der Hilfskraft heraus, also genau in der Richtung, in der du im 1-System die Einheitslast angesetzt hast. Das Vorzeichen sagt dir, ob die echte Lagerkraft wirklich so zeigt oder entgegengesetzt.

Konkret. Ist X>0X > 0, dann wirkt die überzählige Lagerkraft tatsächlich in der angenommenen Hilfskraft-Richtung. Ist X<0X < 0, zeigt sie in die Gegenrichtung. Hast du die Hilfskraft nach oben angesetzt und es kommt X<0X < 0 heraus, dann drückt das Lager in Wirklichkeit nach unten. An der Rechnung ändert das Vorzeichen nichts, aber bei der Interpretation musst du genau hinschauen.

Warum diese Form und nicht eine andere? Man könnte die Hilfskraft auch mit einem anderen Betrag HH statt 11 ansetzen. Dann lautet die Bedingung δ10+(X/H)δ11=0\delta_{10} + (X/H)\,\delta_{11} = 0 und es folgt X=Hδ10/δ11X = -H\,\delta_{10}/\delta_{11}. Die Einheitslast H=1H = 1 ist einfach die bequemste Wahl: sie macht das 1-System zur reinen Schablone und spart das Mitschleppen eines zusätzlichen Faktors.

Merke Vorzeichen von X
X>0X > 0: Lagerkraft in Hilfskraft-Richtung. X<0X < 0: entgegengesetzt. Am Ende immer prüfen.
Prüfungstipp Richtung gleich anpassen
Hilfskraft so ansetzen wie die gefragte Lagerkraft, dann passt das Vorzeichen direkt.

4Das Kochrezept

4.1 Sechs Schritte für ein einfach unbestimmtes System

Jetzt fügen wir alles zu einem festen Ablauf zusammen. Für ein einfach statisch unbestimmtes System (n=1n = 1) ist das Vorgehen immer dasselbe. Wenn du diese sechs Schritte verinnerlichst, läuft jede Aufgabe nach demselben Muster. Bei nn überzähligen Bindungen bekommst du entsprechend nn Unbekannte und ein lineares Gleichungssystem, aber die Idee bleibt identisch.

Schritt Was du tust Ergebnis
1 Grad nn prüfen, eine überzählige Bindung XX lösen statisch bestimmtes Grundsystem
2 0-System rechnen (reale Last) M0,N0,T0M_0, N_0, T_0
3 1-System rechnen (Hilfskraft 1) M1,N1,T1M_1, N_1, T_1
4 Koppeln und integrieren δ10\delta_{10} und δ11\delta_{11}
5 Verträglichkeitsbedingung auflösen X=δ10/δ11X = -\delta_{10}/\delta_{11}
6 Vorzeichen deuten, ggf. ins reale System einsetzen alle Lagerkräfte, M~\tilde{M}
Ablauf für ein einfach statisch unbestimmtes System (n=1n = 1).
Merke Sechs Schritte
Bindung lösen → 0-System → 1-System → δ10,δ11\delta_{10}, \delta_{11}X=δ10/δ11X = -\delta_{10}/\delta_{11} → Vorzeichen deuten.
Prüfungstipp Wähle klug
Überzählige Bindung so lösen, dass das Grundsystem stabil und möglichst symmetrisch bleibt.

4.2 Wenn alle Lagerkräfte gesucht sind

Frage: Was, wenn nicht nur XX, sondern alle Lagerkräfte gefragt sind? Dann hast du nach Schritt 5 die schwierige Arbeit schon erledigt. Die überzählige Kraft XX ist jetzt bekannt. Setze sie als bekannte äussere Kraft in das ursprüngliche, statisch unbestimmte System ein. Damit ist dieses System nicht mehr unbestimmt: alle übrigen Lagerkräfte folgen aus den ganz normalen Gleichgewichtsbedingungen.

Ein kurzes Zahlenbeispiel zur Gleichgewichts-Routine. Angenommen, du hast für einen abgewinkelten Träger die Auflagerkraft RR aus der Verträglichkeit bestimmt, und das Biegemoment MzAM_z^A an der Einspannung AA ist gefragt. Du setzt RR ein und schreibst das Momentengleichgewicht um AA auf. Greift dort etwa eine Last FF mit Hebelarm ll und die Auflagerkraft RR mit Hebelarm 2l\sqrt{2}\,l an, dann liefert MA=0\sum M_A = 0 direkt MzA=2lRFlM_z^A = \sqrt{2}\,l\,R - F\,l. Die unbestimmte Rechnung ist vorbei, ab hier ist es reine Statik.

Merke Danach reine Statik
XX ins reale System einsetzen, dann liefern die Gleichgewichtsbedingungen alle übrigen Lagerkräfte.

5Beispiel: Balken mit elastischer Stütze

5.1 Beispiel: die Kraft in der Pendelstütze

Worum geht es? Ein Balken (Biegesteifigkeit EIEI) liegt an seinen beiden Enden AA und BB auf Gelenklagern und ist in der Mitte zusätzlich über eine elastische Pendelstütze (Dehnsteifigkeit EAEA, Länge ll) abgestützt. Auf den ganzen Balken wirkt eine gleichmässige Streckenlast qq. Beide Balkenfelder sind gleich lang (ll), die Gesamtspannweite ist also 2l2l. Unbelastet ist das System spannungsfrei. Gesucht: die Kraft, die in der Stütze übertragen wird.

Warum ist das unbestimmt? Zwei Gelenklager plus die Stütze ergeben eine Bindung mehr, als das Gleichgewicht braucht. Das System ist einfach statisch unbestimmt (n=1n = 1). Wir lösen die Stützenkraft als überzählige Grösse X=CyX = C_y und arbeiten das Rezept aus Sec. 4 ab. Die Stütze überträgt nur Normalkraft, der Balken nur Biegung, also bleiben pro Lastfall genau zwei Anteile.

Lösungsweg in 5 Schritten

  1. Schritt 1: überzählige Bindung wählen
    Das System ist einfach unbestimmt. Wir trennen die Pendelstütze auf und führen ihre Kraft als Unbekannte X=CyX = C_y ein. Grundsystem: der durchlaufende Balken auf den beiden Endlagern AA und BB.
    Verträglichkeit: an der Trennstelle (Mitte) darf das reale System keine Vertikalverschiebung haben, also v0+Xv1=0v_0 + X\,v_1 = 0 mit v0=δ10v_0 = \delta_{10} und v1=δ11v_1 = \delta_{11}.
  2. Schritt 2: 1-System (Einheitskraft in der Mitte)
    Wir setzen eine Einheitskraft an der Mitte an (in Richtung der Stützenkraft). Der Balken bekommt ein Dreieck-Moment mit Spitze l/2l/2 über die Spannweite 2l2l, die Stütze eine Normalkraft N1=1N_1 = -1. Koppeln mit sich selbst (Biege- plus Dehnanteil):
    δ11=1EI(13l2l22l)+1EAl=l36EI+lEA\begin{aligned} \delta_{11} &= \frac{1}{EI}\left(\frac{1}{3}\cdot\frac{l}{2}\cdot\frac{l}{2}\cdot 2l\right) + \frac{1}{EA}\,l \\ &= \frac{l^3}{6\,EI} + \frac{l}{EA} \end{aligned}
  3. Schritt 3: 0-System (reale Streckenlast)
    Am Grundsystem trägt der einfache Balken die Streckenlast qq. In der Mitte entsteht das parabolische Moment mit Maximum ql2/2q l^2/2. Die Stütze ist im 0-System unbelastet (N0=0N_0 = 0). Koppeln des Parabel-Moments mit dem Dreieck-Moment des 1-Systems:
    δ10=1EI(512ql22l22l)=524ql4EI\begin{aligned} \delta_{10} &= \frac{1}{EI}\left(\frac{5}{12}\cdot\frac{q l^2}{2}\cdot\frac{l}{2}\cdot 2l\right) \\ &= \frac{5}{24}\cdot\frac{q l^4}{EI} \end{aligned}
  4. Schritt 4: Verträglichkeitsbedingung auflösen
    Jetzt kommt die eine Bedingung. Wir setzen δ10\delta_{10} und δ11\delta_{11} in X=δ10/δ11X = -\delta_{10}/\delta_{11} ein:
    X=δ10δ11=1EI524ql4l36EI+lEAX = -\frac{\delta_{10}}{\delta_{11}} = -\frac{\frac{1}{EI}\cdot\frac{5}{24}q l^4}{\frac{l^3}{6\,EI} + \frac{l}{EA}}
  5. Schritt 5: kürzen und deuten
    Mit EI=EIEI = E\,I und EA=EAEA = E\,A kürzt sich EE heraus, übrig bleibt eine reine Geometrie- und Steifigkeits-Kombination.
    Das Ergebnis ist negativ: die Stütze wurde mit der Einheitskraft nach unten eingeführt, also zeigt CyC_y nach unten (die Stütze wird gedrückt).
    Cy=X=54qAl36I+Al2C_y = X = -\frac{5}{4}\cdot\frac{q A l^3}{6 I + A l^2}
Notation Notation: Pendelstütze
Pendelstütze = beidseitig gelenkig angeschlossener gerader Stab. Überträgt nur Normalkraft, kein Biegemoment. Daher im 1-System nur N1N_1.
Merke Ergebnis
Cy=54qAl36I+Al2C_y = -\dfrac{5}{4}\dfrac{q A l^3}{6 I + A l^2}. Negativ: Stütze unter Druck.
Querverweis Brücke
→ Kap. 11: Koppeltafel

6Verformung am unbestimmten System

6.1 Eine Verschiebung berechnen, wenn das System schon gelöst ist

Frage: Und wenn am Ende noch eine Verschiebung gesucht ist? Oft will eine Aufgabe nach der überzähligen Kraft zusätzlich eine Durchbiegung wissen, etwa die Verschiebung an einer Stelle 2. Naiv würde man dafür die Arbeitsgleichung am unbestimmten System ansetzen, mit der echten Beanspruchung M~=M0+M1X\tilde{M} = M_0 + M_1 X und einem neuen 2-System (Einheitslast an der gesuchten Stelle). Das funktioniert, ist aber unbequem, weil M~\tilde{M} schon den gelösten Wert XX enthält.

Der bequeme Weg. Man rechnet das 2-System einfach am statisch bestimmten Grundsystem (Einheitslast an Stelle 2, alle überzähligen Bindungen gelöst). Dann setzt sich die gesuchte Verschiebung v~\tilde{v} genauso zusammen wie vorher die Beanspruchung: das 0-System plus das XX-fache 1-System, jeweils mit dem 2-System gekoppelt.

!!
Verschiebung am unbestimmten System
v~=δ20+Xδ21\tilde{v} = \delta_{20} + X\,\delta_{21}
δ20\delta_{20} = 2-System mit 0-System gekoppelt, δ21\delta_{21} = 2-System mit 1-System gekoppelt. Alle Integrale laufen über das bestimmte Grundsystem.

Warum darf man am bestimmten System rechnen? Setzt man M~=M0+M1X\tilde{M} = M_0 + M_1 X in die Arbeitsgleichung ein und sortiert um, fällt ein Teil wegen der Verträglichkeitsbedingung δ10+Xδ11=0\delta_{10} + X\delta_{11} = 0 heraus. Übrig bleibt genau v~=δ20+Xδ21\tilde{v} = \delta_{20} + X\delta_{21}, mit lauter Grössen am Grundsystem. Man spart sich also, M~\tilde{M} überhaupt explizit aufzustellen. Das nennt man auch den Reduktionssatz.

Notation Notation: v~\tilde{v}, δ20\delta_{20}, δ21\delta_{21}
v~\tilde{v} = gesuchte Verschiebung am unbestimmten System. δ20\delta_{20} = 2-System mit 0-System, δ21\delta_{21} = 2-System mit 1-System, beide am Grundsystem gekoppelt.
Formel Reduktionssatz
v~=δ20+Xδ21\tilde{v} = \delta_{20} + X\,\delta_{21}
Verschiebung am unbestimmten System, gerechnet am bestimmten Grundsystem.
Merke Warum es geht
Die Verträglichkeit δ10+Xδ11=0\delta_{10} + X\delta_{11} = 0 streicht den Restterm. Übrig bleibt nur das Grundsystem.

Aufgaben mit Musterlösungen

Aufgaben zu Kapitel 12 folgen. Bis dahin: rechne das Beispiel aus Sec. 5 mit eigenen Zahlen für EIEI, EAEA und ll durch und prüfe die beiden Grenzfälle (EAEA \to \infty und EA0EA \to 0). Übe ausserdem, bei einem Balken mit drei Lagern die mittlere Stützkraft als überzählige Grösse X=δ10/δ11X = -\delta_{10}/\delta_{11} zu bestimmen.

Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.

MerkeErst selbst rechnen, dann Lösung prüfen!