Stell dir vor, jede Matrix wäre nichts weiter als ein Hintereinander von drehen, dann strecken, dann nochmal drehen. Genau das sagt die Singulärwertzerlegung (kurz SVD, von englisch singular value decomposition): Wir schreiben eine beliebige Matrix als Produkt von drei besonders einfachen Bausteinen , und .
Wenn einen Vektor transformiert, lässt sich das in drei Etappen lesen: erst dreht den Vektor in ein neues Koordinatensystem, dann staucht oder streckt die einzelnen Achsen, und zum Schluss dreht das Ergebnis wieder zurück in den Zielraum. Die Streckfaktoren auf der Diagonalen von heißen Singulärwerte, und sie sind der eigentliche Kern dieses Kapitels.
Ein anschauliches Bild dazu: nimm den Einheitskreis (alle Vektoren der Länge 1) und schau, wohin ihn schickt. Heraus kommt immer eine Ellipse. Die Längen ihrer Halbachsen sind genau die Singulärwerte Die SVD zerlegt die Wirkung von also in „in welche Richtungen wird wie stark gestreckt“, und das ist eine der nützlichsten Sichtweisen der ganzen linearen Algebra.
Zwei Eigenschaften machen diese Bausteine so brauchbar. Erstens sind und orthogonal. Das heißt: ihre Spalten stehen paarweise senkrecht aufeinander und haben alle die Länge 1 (man nennt das orthonormiert). Eine orthogonale Matrix dreht und spiegelt nur, sie verzerrt nichts und ändert keine Längen. In Formeln ausgedrückt gilt und , wobei die Einheitsmatrix ist.
Zweitens ist eine Diagonalmatrix: außerhalb der Hauptdiagonalen stehen nur Nullen, und auf der Diagonalen sitzen die Singulärwerte. Genau diese Diagonalgestalt macht die mittlere Etappe zu einer reinen Streckung Achse für Achse. Achtung: ist nur dann quadratisch, wenn quadratisch ist. Bei einer nicht-quadratischen Matrix () erbt deren Rechteckform und bekommt zusätzlich Nullzeilen oder Nullspalten (mehr dazu im Kochrezept).
Schön und gut, . Aber wie kommt man bei einer konkreten Matrix an die drei Faktoren? Die gute Nachricht: es gibt ein festes Rezept mit sechs Schritten, und alles baut auf einer einzigen Hilfsmatrix auf, nämlich .
Warum gerade ? Diese Matrix ist quadratisch und symmetrisch, ganz egal wie aussah. Und symmetrische Matrizen können wir laut Kapitel 6 immer reell diagonalisieren, also ihre Eigenwerte und eine orthonormierte Basis aus Eigenvektoren finden. Genau diese beiden Zutaten brauchen wir. Die Singulärwerte sind die Wurzeln der Eigenwerte von , und die Eigenvektoren liefern die Spalten von . Folge dem Rezept einfach Schritt für Schritt.
Genug Theorie, wir laufen das Rezept einmal an der einfachsten denkbaren Matrix durch: einer -Diagonalmatrix. Gesucht ist ihre vollständige Singulärwertzerlegung .
Manchmal will man gar nicht die ganze Zerlegung, sondern nur die Singulärwerte selbst, etwa um die Kondition oder die Norm einer Matrix abzuschätzen. Dann hört man nach Schritt 3 einfach auf, sobald steht. Dieses Beispiel zeigt das und gleichzeitig den Fall , bei dem eine Nullzeile bekommt.
Die Matrix ist , also höher als breit (). Die Hilfsmatrix ist trotzdem nur , denn ihre Größe richtet sich nach der Spaltenzahl , nicht nach .
Eigene Übungsaufgaben zur Singulärwertzerlegung folgen. Bis dahin sind die beiden durchgerechneten Beispiele in 9.1.3 und 9.1.4 die beste Vorlage, um das Kochrezept selbst zu üben.
Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.