“Wenn die saubere Diagonale nicht klappt, ist das Nächstbeste eine Diagonale mit ein paar Einsen knapp darüber.”
— Leitidee dieses Kapitels
Du hast früher gelernt, eine Matrix in Diagonalform zu bringen: Man sucht eine reguläre Matrix , so dass eine Diagonalmatrix ist. Auf der Diagonale stehen dann die Eigenwerte, und die Spalten von sind die zugehörigen Eigenvektoren. Aber jetzt die ehrliche Frage: Was, wenn das gar nicht geht?
Diagonalisieren funktioniert nur, wenn genug Eigenvektoren hat, nämlich linear unabhängige. Manche Matrizen haben einen Eigenwert, der mehrfach als Nullstelle auftaucht, aber zu wenige Eigenvektoren dazu liefert. Dann fehlt eine Achse, und das Koordinatensystem aus Eigenvektoren lässt sich nicht ganz aufspannen. Genau hier scheitert die Diagonalform, und die Jordansche Normalform springt ein.
Um den Unterschied sauber zu fassen, brauchen wir zwei Zählweisen für „wie oft ein Eigenwert vorkommt". Beide klingen ähnlich, messen aber völlig verschiedene Dinge. Verwechsle sie nicht.
Die erste Zählweise ist die algebraische Vielfachheit eines Eigenwerts . Man berechnet das charakteristische Polynom und zerlegt es in Linearfaktoren. Die algebraische Vielfachheit von zählt, wie oft der Faktor darin vorkommt. Anschaulich: Wie oft ist eine Nullstelle des charakteristischen Polynoms?
Die zweite Zählweise ist die geometrische Vielfachheit von . Sie ist die Dimension des Eigenraums , also die Anzahl linear unabhängiger Eigenvektoren zu . Anschaulich: Wie viele eigene Achsen liefert dieser Eigenwert wirklich?
Diese Ungleichung ist der Schlüssel. Solange für jeden Eigenwert die geometrische Vielfachheit gleich der algebraischen ist, hat genau Eigenvektoren, und alles ist sauber diagonalisierbar. Sobald aber für irgendeinen Eigenwert die geometrische Vielfachheit kleiner als die algebraische ausfällt, fehlen Eigenvektoren, und ist nicht diagonalisierbar. Dann ist die Jordansche Normalform die richtige Form.
Klappt die saubere Diagonale nicht, ist das Nächstbeste eine Diagonale mit ein paar Einsen knapp darüber. Genau das leistet die Jordansche Normalform. Sie ist „fast diagonal": die Eigenwerte stehen wie gewohnt auf der Hauptdiagonale, und die fehlenden Eigenvektoren werden durch Einsen direkt über der Diagonale ausgeglichen.
Der zentrale Satz garantiert, dass das für jede komplexe quadratische Matrix funktioniert. Es gibt also immer eine Jordan-Zerlegung, auch wenn die Matrix nicht diagonalisierbar ist.
In Worten: Wir wechseln mit in ein passendes Koordinatensystem, dort sieht aus wie (fast diagonal), und mit wechseln wir zurück. Das ist dieselbe Bauart wie bei der Diagonalisierung , nur dass etwas mehr als eine reine Diagonalmatrix sein darf.
Die Form selbst ist eine Blockdiagonalmatrix: Auf ihrer Diagonale sitzen kleinere quadratische Blöcke , die Jordan-Blöcke. Überall sonst steht Null.
Jeder einzelne Jordan-Block hat eine sehr klare Bauart: ein Eigenwert steht auf der ganzen Diagonale des Blocks, direkt darüber (auf der oberen Nebendiagonale, der Superdiagonale) stehen lauter Einsen, und alles andere ist Null. Die sind genau die Eigenwerte von .
Achtung beim Index: ist der Eigenwert des -ten Blocks, nicht eine Nummerierung verschiedener Eigenwerte. Ein und derselbe Eigenwert kann in mehreren Blöcken auftreten (nämlich dann, wenn seine geometrische Vielfachheit größer als ist). „Block-Index" und „Eigenwert-Nummer" sind also nicht dasselbe.
Zwei Regeln verknüpfen die Struktur von direkt mit den Vielfachheiten aus Abschnitt 10.1.1. Erstens: Die Anzahl der Jordan-Blöcke zu einem Eigenwert ist seine geometrische Vielfachheit (so viele eigene Achsen, so viele Blöcke). Zweitens: Die Gesamtdimension aller Jordan-Blöcke zu einem Eigenwert ist seine algebraische Vielfachheit (so oft taucht der Eigenwert insgesamt auf der Diagonale auf).
Schau dir die Diagonale einer Matrix an: Woran erkennst du, ob ein wiederholter Eigenwert einen einzigen großen Block oder mehrere kleine Blöcke bildet? Das entscheidet sich nicht durch Raten, sondern durch die Vielfachheiten. Wir rechnen ein Beispiel durch, an dem die Block-Logik sichtbar wird.
Die Matrix ist nicht diagonal. Die Zerlegung wird uns vorgegeben (in der Praxis liefert sie ein Rechner). Unsere Aufgabe ist nicht, selbst zu berechnen, sondern aus der gegebenen Zerlegung die Eigenwerte und ihre Vielfachheiten abzulesen. Genau dabei zeigt sich die feine Stolperfalle bei wiederholten Eigenwerten.
Eine nicht-diagonalisierbare Matrix ist kein Kuriosum, sie taucht direkt bei Differentialgleichungssystemen auf. Hier zahlt sich die Jordanform aus: Sie erlaubt es, das Matrixexponential auch dann auszurechnen, wenn keine Eigenbasis besitzt.
Der Trick beginnt bei einem einzelnen Jordan-Block. Für einen Block mit Eigenwert hat das Exponential eine schöne geschlossene Form: ein Faktor mal eine obere Dreiecksmatrix, deren Einträge die Potenzreihen-Terme sind. Dabei ist die reelle Variable (im Anwendungsfall meist die Zeit), kein Vektor und keine Matrixspalte.
Für die ganze Matrix nutzt man jetzt die Jordan-Zerlegung. Schiebt man die Zerlegung in die Definition des Matrixexponentials, fällt alles zwischen und schön zusammen, und es bleibt . Das Exponential der Blockdiagonalmatrix ist dabei wieder blockdiagonal: man exponiert einfach jeden Block einzeln.
Jetzt der eigentliche Nutzen: ein Anfangswertproblem für ein lineares Differentialgleichungssystem. Gesucht ist eine vektorwertige Funktion mit und vorgegebenem Startwert . Die Lösung ist kompakt das Matrixexponential angewendet auf den Startvektor.
Damit schließt sich der Kreis. Du weißt jetzt, was eine Jordansche Normalform ist (eine fast-Diagonalform mit Einsen für die fehlenden Eigenvektoren), wie du Anzahl und Größe der Blöcke und damit die Vielfachheiten aus einer gegebenen Zerlegung abliest, und wozu das gut ist: das Matrixexponential und damit lineare DGL-Systeme lassen sich auch für nicht-diagonalisierbare Matrizen lösen.
Übungsaufgaben mit Musterlösungen werden in Kürze ergänzt.
Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.