Du hast bei den Eigenwerten gelernt, das Matrixexponential auszurechnen. Jetzt kommt die Belohnung dafür. Stell dir drei Federn vor, die hintereinander hängen und gleichzeitig schwingen: jede zieht an ihrem Nachbarn, alles bewegt sich auf einmal. So ein gekoppeltes System lässt sich mit genau diesem Werkzeug exakt lösen. Dieses Kapitel zeigt wie.
Fangen wir ganz klein an, mit dem, was du schon aus Analysis kennst. Eine einzelne homogene lineare Differentialgleichung (DGL) sucht eine Funktion , deren Ableitung proportional zu ihr selbst ist: . Der Strich bedeutet Ableitung nach . Das ist das Gesetz von Wachstum und Zerfall: je mehr schon da ist, desto schneller wächst (oder zerfällt) es. Die Lösung ist die Exponentialfunktion , mit einer freien Konstante . Eine einzige Anfangsbedingung legt sie fest, dann ist .
Die Lösungsmenge dieser einen Gleichung ist ein 1-dimensionaler Unterraum von , dem Raum der einmal stetig differenzierbaren Funktionen: alle Vielfachen von . Festzuhalten ist die Idee, nicht die Formel: Ableiten wird zu Multiplizieren mit , und die Antwort ist eine -Funktion. Genau diese Idee tragen wir jetzt von einer Zahl auf einen ganzen Vektor.
Jetzt der Sprung in mehrere Dimensionen. In der Linearen Algebra interessiert uns nicht eine einzelne DGL, sondern ein ganzes System: mehrere gesuchte Funktionen , deren Ableitungen voneinander abhängen. Komponentenweise sieht das aus wie ein lineares Gleichungssystem, nur dass links Ableitungen stehen. Fasst man die Funktionen zu einem Vektor zusammen, schrumpft alles zur kompakten Form , mit der konstanten Koeffizientenmatrix .
Die Analogie ist exakt: die Zahl wird zur Matrix , und das Skalar wird zum Matrixexponential . Eine Anfangsbedingung ist jetzt ein ganzer Vektor , und die Lösung lautet formal . Diesmal ist die Lösungsmenge ein -dimensionaler Unterraum von , hat also freie Konstanten.
Wie löst man , ohne mühsam als Reihe zu berechnen? Hier die Schlüsselbeobachtung: Wäre eine Diagonalmatrix, dann hingen die Gleichungen gar nicht zusammen. Zeile wäre schlicht , also getrennte Wachstumsgleichungen, jede mit der bekannten Lösung . Diagonalisierung macht aus genau so eine Diagonalmatrix, in einer gedrehten Basis. Dafür brauchen wir, dass diagonalisierbar ist, also linear unabhängige Eigenvektoren besitzt.
Wenn diagonalisierbar ist, gibt es eine reguläre Matrix und eine Diagonalmatrix mit . Die Spalten von sind die Eigenvektoren, die Diagonale von trägt die zugehörigen Eigenwerte. Eingesetzt in das formale liefert das sofort die geschlossene Lösung. Aber wir gehen den Weg lieber Schritt für Schritt: das folgende Kochrezept ist schneller und einprägsamer als jede Reihe.
Die allgemeine Lösung hat freie Konstanten . Sie beschreibt also nicht eine Bahn, sondern eine ganze Familie. Wie pickt man die eine Lösung heraus, die zu einem konkreten Start gehört? Genau dafür gibt es die Anfangsbedingung . Sie ist gewissermaßen die Stellung aller Regler zum Zeitpunkt .
Stell dir die als Lautstärke-Regler vor, einen pro Eigenmode. Die allgemeine Lösung ist der Mix aus allen Moden, jede so laut wie ihr . Die Anfangsbedingung stellt alle Regler auf einen Schlag so ein, dass die Überlagerung bei genau ergibt. Ein Anfangswertproblem (AWP) ist also: allgemeine Lösung plus eine Anfangsbedingung.
Genug Theorie, jetzt rechnen wir. Das erste Beispiel ist ein vollständiges -System mit einer Zusatzfrage nach dem Langzeitverhalten („Bedingungen im Unendlichen"). Das zweite ist ein kompaktes -Anfangswertproblem. Versuch jedes zuerst selbst, schau erst danach in den Lösungsweg.
Ein drittes -Beispiel zeigt die gleiche Mechanik mit zwei gemischten Bedingungen. Für ergibt die Eigenwerte , , mit Eigenvektoren , und . Die allgemeine Lösung ist .
Verlangt man und , so zwingt wieder ; aus und der zweiten Bedingung folgt . Die Lösung ist dann . Dasselbe Muster, dieselben drei Schritte: Eigenwerte, Eigenvektoren, Konstanten aus den Bedingungen.
Was ändert sich, wenn links nicht , sondern steht? Aus Wachstum wird Schwingung. Erinnere dich an die einzelne Feder: ist die Schwingungsgleichung, ihre Lösung sind und . Die Form ist nichts anderes als die mehrdimensionale Schwingungsgleichung: Federn, die miteinander koppelt.
Analog zum System erster Ordnung sucht ein System zweiter Ordnung Funktionen , deren zweite Ableitungen linear voneinander abhängen. In Matrixform . Weil jetzt zweimal abgeleitet wird, braucht es zwei Anfangsbedingungen, eine für die Position und eine für die Geschwindigkeit . Die Lösungsmenge ist wieder ein -dimensionaler Unterraum, allerdings mit freien Konstanten, weil jede Mode jetzt zwei davon trägt.
Der Trick bleibt derselbe: Diagonalisieren entkoppelt. Die Substitution macht aus die entkoppelten Gleichungen . Nur lösen wir jede jetzt nicht mit -Funktionen, sondern mit und , sofern negativ ist.
Jetzt gibt es Konstanten, Stück und Stück . Wie legen die zwei Anfangsbedingungen und sie alle fest? Die Antwort ist überraschend sauber: die Position bei bestimmt die , die Geschwindigkeit bei die . Sie trennen sich von selbst.
Der Grund steckt in den Werten der Winkelfunktionen bei null: und . Die Position sieht deshalb nur die -Terme, also die . Leitet man ab, vertauschen und ihre Rollen, und die Geschwindigkeit sieht nur die -Terme, also die , allerdings mit einem zusätzlichen Faktor aus der Kettenregel.
Zwei vollständige -Beispiele. Das erste hat ganzzahlige Frequenzen , das zweite irrationale und einen Start aus der Ruhe heraus. Beide durchlaufen genau die fünf Rezeptschritte. Rechne erst selbst.
Was, wenn gar kein System dasteht, sondern nur eine Gleichung höherer Ordnung, etwa ? Dann lässt sich der bisherige Eigenwert-Weg nicht direkt anwenden, denn der braucht ein System erster Ordnung. Der Ausweg ist ein einfacher Trick: jede Ableitung bekommt einen eigenen Namen. Aus einer Gleichung -ter Ordnung werden so Gleichungen erster Ordnung, und wir sind zurück bei Abschnitt 8.1.
Die Idee in Worten: Setze , , , und so weiter bis . Dann ist die Ableitung jeder dieser neuen Variablen einfach die nächste, , , und die ursprüngliche DGL liefert die letzte Zeile. Das Ergebnis ist ein System mit einer charakteristischen Begleitmatrix: Einsen auf der Nebendiagonale, und in der letzten Zeile die Koeffizienten der Gleichung. Diese Methode ist erstaunlich mächtig, sie funktioniert sogar bei nicht konstanten Koeffizienten und bei inhomogenen Gleichungen.
Auch gemischte Systeme lassen sich so behandeln. Liegt etwa , vor, substituiert man und erhält ein System erster Ordnung in den drei Funktionen , , . Achtung: das hier ist eine neue gesuchte Funktion (die Geschwindigkeit ), nicht die unabhängige Variable. Die Begleitmatrix ist mit Eigenwerten , , .
Daraus baut man und und liest die allgemeine Lösung ab: . Wieder gilt: gesucht ist hier (und ), während nur die mitgeführte Ableitung ist.
Was kommt dazu, wenn rechts ein konstanter Störterm steht, also ? Anschaulich ist eine Dauer-Anregung, wie eine konstant gedrückte Pumpe oder eine ständig anliegende Kraft. Die Lösung zerfällt dann in zwei Teile: das freie Verhalten des Systems (die homogene Lösung ) plus den erzwungenen Daueranteil (die partikuläre Lösung ).
Das ist dieselbe Superpositionsstruktur wie bei einer einzelnen inhomogenen linearen DGL: Gesamtlösung gleich homogene Lösung plus eine partikuläre Lösung. Der Clou im konstanten Fall: Wenn konstant ist, ist die einfachste denkbare Dauer-Antwort selbst konstant. Mit dem Ansatz ist , und aus der DGL wird ein simples lineares Gleichungssystem . Eine DGL wird zu einem LGS.
Ein zweites Beispiel zeigt den inhomogenen Fall mit komplexen Eigenwerten. Für ist , also , , , mit Eigenräumen , und . Aus dem komplexen Paar gewinnt man über Real- und Imaginärteil von zwei reelle Lösungen.
Die homogene Lösung ist damit . Für liefert der konstante Ansatz die partikuläre Lösung , und die Anfangsbedingung ergibt , , . Beachte: hier steht mit Punkt-Notation und Variable , exakt dasselbe wie in der übrigen Notation des Kapitels.
Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.