8.1Lineare Systeme erster Ordnung

8.1.1 Allgemeine Lösung

Du hast bei den Eigenwerten gelernt, das Matrixexponential eAe^{A} auszurechnen. Jetzt kommt die Belohnung dafür. Stell dir drei Federn vor, die hintereinander hängen und gleichzeitig schwingen: jede zieht an ihrem Nachbarn, alles bewegt sich auf einmal. So ein gekoppeltes System lässt sich mit genau diesem Werkzeug exakt lösen. Dieses Kapitel zeigt wie.

Fangen wir ganz klein an, mit dem, was du schon aus Analysis kennst. Eine einzelne homogene lineare Differentialgleichung (DGL) sucht eine Funktion y(x)y(x), deren Ableitung proportional zu ihr selbst ist: y(x)=ay(x)y'(x) = a\,y(x). Der Strich bedeutet Ableitung nach xx. Das ist das Gesetz von Wachstum und Zerfall: je mehr schon da ist, desto schneller wächst (oder zerfällt) es. Die Lösung ist die Exponentialfunktion y(x)=Ceaxy(x) = C\,e^{ax}, mit einer freien Konstante CC. Eine einzige Anfangsbedingung y(0)=y0y(0) = y_0 legt sie fest, dann ist y(x)=eaxy0y(x) = e^{ax}\,y_0.

Die Lösungsmenge dieser einen Gleichung ist ein 1-dimensionaler Unterraum von C1(R)C^1(\mathbb{R}), dem Raum der einmal stetig differenzierbaren Funktionen: alle Vielfachen von eaxe^{ax}. Festzuhalten ist die Idee, nicht die Formel: Ableiten wird zu Multiplizieren mit aa, und die Antwort ist eine ee-Funktion. Genau diese Idee tragen wir jetzt von einer Zahl auf einen ganzen Vektor.

Skalare homogene lineare DGL (Warm-up aus der Analysis)
y(x)=ay(x),aRy(x)=Ceax,CRy'(x) = a\,y(x), \quad a \in \mathbb{R} \qquad\Longrightarrow\qquad y(x) = C\,e^{ax}, \quad C \in \mathbb{R}
Mit Anfangsbedingung y(0) = y₀ wird daraus y(x) = eaxe^{ax} · y₀. Die Lösungsmenge ist 1-dimensional.

Jetzt der Sprung in mehrere Dimensionen. In der Linearen Algebra interessiert uns nicht eine einzelne DGL, sondern ein ganzes System: mehrere gesuchte Funktionen y1(x),,yn(x)y_1(x), \ldots, y_n(x), deren Ableitungen voneinander abhängen. Komponentenweise sieht das aus wie ein lineares Gleichungssystem, nur dass links Ableitungen stehen. Fasst man die nn Funktionen zu einem Vektor y(x)=(y1(x),,yn(x))T\mathbf{y}(x) = (y_1(x), \ldots, y_n(x))^{\mathsf{T}} zusammen, schrumpft alles zur kompakten Form y=Ay\mathbf{y}' = A\,\mathbf{y}, mit der konstanten Koeffizientenmatrix ARn×nA \in \mathbb{R}^{n \times n}.

Die Analogie ist exakt: die Zahl aa wird zur Matrix AA, und das Skalar eaxe^{ax} wird zum Matrixexponential eAxe^{Ax}. Eine Anfangsbedingung ist jetzt ein ganzer Vektor y(0)=y0Rn\mathbf{y}(0) = \mathbf{y}_0 \in \mathbb{R}^n, und die Lösung lautet formal y(x)=eAxy0\mathbf{y}(x) = e^{Ax}\,\mathbf{y}_0. Diesmal ist die Lösungsmenge ein nn-dimensionaler Unterraum von C1(Rn)C^1(\mathbb{R}^n), hat also nn freie Konstanten.

!!
System erster Ordnung in Matrixform
y(x)=Ay(x),ARn×n,y(x)=(y1(x)yn(x))\mathbf{y}'(x) = A\,\mathbf{y}(x), \qquad A \in \mathbb{R}^{n \times n}, \quad \mathbf{y}(x) = \begin{pmatrix} y_1(x) \\ \vdots \\ y_n(x) \end{pmatrix}
Komponentenweise: y₁' = a₁₁y₁ + … + a₁ₙyₙ, …, yₙ' = aₙ₁y₁ + … + aₙₙyₙ. Mit Anfangsbedingung y(0) = y₀ formal y(x) = eAxe^{Ax} · y₀.

Wie löst man y=Ay\mathbf{y}' = A\,\mathbf{y}, ohne eAxe^{Ax} mühsam als Reihe zu berechnen? Hier die Schlüsselbeobachtung: Wäre AA eine Diagonalmatrix, dann hingen die Gleichungen gar nicht zusammen. Zeile ii wäre schlicht yi=λiyiy_i' = \lambda_i\,y_i, also nn getrennte Wachstumsgleichungen, jede mit der bekannten Lösung yi=cieλixy_i = c_i\,e^{\lambda_i x}. Diagonalisierung macht aus AA genau so eine Diagonalmatrix, in einer gedrehten Basis. Dafür brauchen wir, dass AA diagonalisierbar ist, also nn linear unabhängige Eigenvektoren besitzt.

Wenn AA diagonalisierbar ist, gibt es eine reguläre Matrix TT und eine Diagonalmatrix D=diag(λ1,,λn)D = \operatorname{diag}(\lambda_1, \ldots, \lambda_n) mit T1AT=DT^{-1} A T = D. Die Spalten von TT sind die Eigenvektoren, die Diagonale von DD trägt die zugehörigen Eigenwerte. Eingesetzt in das formale eAxe^{Ax} liefert das sofort die geschlossene Lösung. Aber wir gehen den Weg lieber Schritt für Schritt: das folgende Kochrezept ist schneller und einprägsamer als jede Reihe.

Diagonalisierung als Schlüssel (so könnte man rechnen)
T1AT=diag(λ1,,λn)=Dy(x)=eAxy0=Tdiag ⁣(eλ1x,,eλnx)T1y0\begin{aligned} T^{-1} A T &= \operatorname{diag}(\lambda_1, \ldots, \lambda_n) = D \\ \Longrightarrow\quad \mathbf{y}(x) &= e^{Ax}\,\mathbf{y}_0 \\ &= T\,\operatorname{diag}\!\big(e^{\lambda_1 x}, \ldots, e^{\lambda_n x}\big)\,T^{-1}\,\mathbf{y}_0 \end{aligned}
λ₁, …, λₙ sind die Eigenwerte von A, die Spalten von T die zugehörigen Eigenvektoren. Statt dieser Formel rechnen wir mit dem Kochrezept darunter.

Kochrezept: allgemeine Lösung von y=Ay\mathbf{y}' = A\,\mathbf{y}

  1. Voraussetzung prüfen
    Das Rezept verlangt, dass AA diagonalisierbar ist, also nn linear unabhängige Eigenvektoren besitzt. Nur dann zerfällt das System sauber in Einzelgleichungen.
    Gegeben ist das Problem:
    y=Ay\mathbf{y}' = A\,\mathbf{y}
  2. Schritt I: Eigenwerte und Eigenvektoren bestimmen
    Sie liefern die gedrehte Basis, in der das System diagonal wird. Das ist reine Kapitel-6-Arbeit.
    Man berechnet die Eigenwerte λi\lambda_i und Eigenvektoren von AA und baut daraus TT (Eigenvektoren als Spalten) und DD:
    T1AT=D=diag(λ1,,λn)T^{-1} A T = D = \operatorname{diag}(\lambda_1, \ldots, \lambda_n)
  3. Schritt II: Substitution y=Tz\mathbf{y} = T\,\mathbf{z}
    Wechselt in die Eigenbasis. In dieser Basis koppeln die Gleichungen nicht mehr.
    Aus y=Tz\mathbf{y} = T\,\mathbf{z} folgt z=Dz\mathbf{z}' = D\,\mathbf{z}, also komponentenweise lauter getrennte Gleichungen. Das System ist jetzt entkoppelt:
    z=Dzzi=λizi\mathbf{z}' = D\,\mathbf{z} \qquad\Longleftrightarrow\qquad z_i' = \lambda_i\,z_i
  4. Schritt III: jede Einzelgleichung lösen
    Jedes zi=λiziz_i' = \lambda_i\,z_i ist genau die skalare Warm-up-Gleichung von oben. Die Lösung kennen wir auswendig.
    Mit dem Ansatz z(x)=eλxc\mathbf{z}(x) = e^{\lambda x}\,\mathbf{c} ergibt sich:
    z(x)=diag ⁣(eλ1x,,eλnx)(c1cn)=(c1eλ1xcneλnx)\mathbf{z}(x) = \operatorname{diag}\!\big(e^{\lambda_1 x}, \ldots, e^{\lambda_n x}\big) \begin{pmatrix} c_1 \\ \vdots \\ c_n \end{pmatrix} = \begin{pmatrix} c_1\,e^{\lambda_1 x} \\ \vdots \\ c_n\,e^{\lambda_n x} \end{pmatrix}
  5. Schritt IV: rücksubstituieren y=Tz\mathbf{y} = T\,\mathbf{z}
    Zurück in die ursprüngliche Basis. Das Produkt TzT\,\mathbf{z} ist nichts anderes als eine Linearkombination der Eigenvektoren.
    Mit t(1),,t(n)\mathbf{t}^{(1)}, \ldots, \mathbf{t}^{(n)} als den Eigenvektoren zu λ1,,λn\lambda_1, \ldots, \lambda_n steht die allgemeine Lösung da:
    y(x)=Tz(x)=c1eλ1xt(1)+c2eλ2xt(2)++cneλnxt(n)\begin{aligned} \mathbf{y}(x) = T\,\mathbf{z}(x) = {}&c_1\,e^{\lambda_1 x}\,\mathbf{t}^{(1)} \\ &+ c_2\,e^{\lambda_2 x}\,\mathbf{t}^{(2)} \\ &+ \cdots + c_n\,e^{\lambda_n x}\,\mathbf{t}^{(n)} \end{aligned}
Notation Notation: y\mathbf{y}' und y\mathbf{y}
y\mathbf{y}' ist die Ableitung des Vektors y(x)\mathbf{y}(x) nach xx, komponentenweise. Der Strich meint ddx\tfrac{d}{dx}. AA ist die konstante n×nn \times n-Koeffizientenmatrix; λi\lambda_i ihre Eigenwerte, t(i)\mathbf{t}^{(i)} die Eigenvektoren.
Notation Notation: TT, DD, z\mathbf{z}, cic_i
TT hat die Eigenvektoren als Spalten. D=diag(λ1,,λn)D = \operatorname{diag}(\lambda_1, \ldots, \lambda_n) trägt die Eigenwerte. z\mathbf{z} ist die entkoppelte Hilfsvariable aus y=Tz\mathbf{y} = T\,\mathbf{z}. Die cic_i sind die freien Konstanten der Lösung.
Formel Auf einen Blick: 1. Ordnung
y(x)=i=1ncieλixt(i)\begin{aligned} \mathbf{y}(x) ={}& \sum_{i=1}^{n} c_i\,e^{\lambda_i x}\,\mathbf{t}^{(i)} \end{aligned}
Allgemeine Lösung von y=Ay\mathbf{y}' = A\,\mathbf{y}: pro Eigenwert ein Term aus eλixe^{\lambda_i x} mal Eigenvektor.
Definition Diagonalisierbar
AA heißt diagonalisierbar, wenn es nn linear unabhängige Eigenvektoren gibt, gleichbedeutend mit T1AT=DT^{-1} A T = D für ein reguläres TT. Voraussetzung für das ganze Kochrezept.
Prüfungstipp Verschiedene Eigenwerte \Rightarrow automatisch diagonalisierbar. Das ist der bequeme Normalfall in den Beispielen.

8.1.2 Anfangswertproblem

Die allgemeine Lösung hat nn freie Konstanten c1,,cnc_1, \ldots, c_n. Sie beschreibt also nicht eine Bahn, sondern eine ganze Familie. Wie pickt man die eine Lösung heraus, die zu einem konkreten Start gehört? Genau dafür gibt es die Anfangsbedingung y(0)=y0\mathbf{y}(0) = \mathbf{y}_0. Sie ist gewissermaßen die Stellung aller Regler zum Zeitpunkt x=0x = 0.

Stell dir die cic_i als nn Lautstärke-Regler vor, einen pro Eigenmode. Die allgemeine Lösung ist der Mix aus allen Moden, jede so laut wie ihr cic_i. Die Anfangsbedingung y(0)=y0\mathbf{y}(0) = \mathbf{y}_0 stellt alle Regler auf einen Schlag so ein, dass die Überlagerung bei x=0x = 0 genau y0\mathbf{y}_0 ergibt. Ein Anfangswertproblem (AWP) ist also: allgemeine Lösung plus eine Anfangsbedingung.

Kochrezept: Anfangswertproblem y=Ay\mathbf{y}' = A\,\mathbf{y}, y(0)=y0\mathbf{y}(0) = \mathbf{y}_0

  1. Schritt a: allgemeine Lösung
    Ohne die nn Eigenmoden gibt es keine Konstanten, die man einstellen könnte.
    Man bestimmt mit dem Rezept aus 8.1.1 die allgemeine Lösung y(x)=icieλixt(i)\mathbf{y}(x) = \sum_i c_i\,e^{\lambda_i x}\,\mathbf{t}^{(i)}.
  2. Schritt b: Anfangsbedingung einsetzen
    Bei x=0x = 0 ist jeder Faktor eλi0=1e^{\lambda_i \cdot 0} = 1. Die ganze ee-Funktionen-Maschinerie verschwindet, übrig bleibt nur die Linearkombination der Eigenvektoren.
    Setze x=0x = 0 ein. Mit c=z(0)\mathbf{c} = \mathbf{z}(0) als unbekanntem Vektor wird daraus:
    y(0)=Tz(0)=y0\mathbf{y}(0) = T\,\mathbf{z}(0) = \mathbf{y}_0
  3. Schritt c: lineares Gleichungssystem lösen
    Das ist ein ganz gewöhnliches LGS mit den cic_i als Unbekannten, kein Hexenwerk mehr.
    Löse Tc=y0T\,\mathbf{c} = \mathbf{y}_0 nach c\mathbf{c} auf, etwa mit Gauss. Einsetzen der gefundenen cic_i liefert die gesuchte spezielle Lösung:
    Tc=y0c=(c1,,cn)TT\,\mathbf{c} = \mathbf{y}_0 \quad\Longrightarrow\quad \mathbf{c} = (c_1, \ldots, c_n)^{\mathsf{T}}
Sonderfall: TT orthogonal
T orthogonalc=TTy0T \text{ orthogonal} \qquad\Longrightarrow\qquad \mathbf{c} = T^{\mathsf{T}}\,\mathbf{y}_0
Spart die Gauss-Rechnung, weil dann T1=TTT^{-1} = T^{\mathsf{T}}. Gilt nur, wenn A symmetrisch ist und die Eigenvektoren normiert sind.
Notation Notation: y0\mathbf{y}_0
y0=y(0)Rn\mathbf{y}_0 = \mathbf{y}(0) \in \mathbb{R}^n ist der vorgegebene Anfangsvektor. Er macht aus der Lösungsfamilie eine einzelne Lösung.
Formel Auf einen Blick: AWP
Tc=y0T\,\mathbf{c} = \mathbf{y}_0
Konstanten aus der Anfangsbedingung: x=0x = 0 einsetzen, LGS lösen. Orthogonales TT: c=TTy0\mathbf{c} = T^{\mathsf{T}}\mathbf{y}_0.
Merke Merke: Bei x=0x = 0 ist eλi0=1e^{\lambda_i \cdot 0} = 1. Das AWP ist nur ein LGS, keine DGL mehr.

8.1.3 Durchgerechnete Beispiele

Genug Theorie, jetzt rechnen wir. Das erste Beispiel ist ein vollständiges 3×33 \times 3-System mit einer Zusatzfrage nach dem Langzeitverhalten („Bedingungen im Unendlichen"). Das zweite ist ein kompaktes 2×22 \times 2-Anfangswertproblem. Versuch jedes zuerst selbst, schau erst danach in den Lösungsweg.

Beispiel 1: gegebene Matrix
A=(602931903)A = \begin{pmatrix} -6 & 0 & 2 \\ -9 & 3 & 1 \\ -9 & 0 & 3 \end{pmatrix}
a) allgemeine Lösung von y' = A y. b) für welche Anfangswerte gilt limx\lim_{x \to \infty} y(x) = (1,2,3)T(1, 2, 3)^{\mathsf{T}}?

Beispiel 1: 3×33 \times 3-System mit Langzeitverhalten

  1. Schritt 1: charakteristisches Polynom
    Die Nullstellen von PA(λ)=det(AλI)P_A(\lambda) = \det(A - \lambda I) sind die Eigenwerte, das Rückgrat der ganzen Lösung.
    Entwickeln und faktorisieren ergibt drei einfache, verschiedene Eigenwerte:
    PA(λ)=det(AλI)=(6λ)(3λ)2+2[9(3λ)]=λ(λ3)(λ+3)\begin{aligned} P_A(\lambda) &= \det(A - \lambda I) = (-6 - \lambda)(3 - \lambda)^2 + 2\big[9(3 - \lambda)\big] \\ &= \lambda(\lambda - 3)(\lambda + 3) \end{aligned}
  2. Schritt 2: Eigenwerte ablesen
    Drei verschiedene Eigenwerte bedeuten drei linear unabhängige Eigenvektoren, also ist AA sicher diagonalisierbar.
    Die Eigenwerte sind, jeweils mit algebraischer Vielfachheit 1:
    λ1=0,λ2=3,λ3=3\lambda_1 = 0, \qquad \lambda_2 = 3, \qquad \lambda_3 = -3
  3. Schritt 3: Eigenvektoren bestimmen
    Jeder Eigenvektor löst (AλiI)x=0(A - \lambda_i I)\,\mathbf{x} = \mathbf{0} und gibt die Richtung seiner Eigenmode.
    Lösen der drei homogenen Systeme liefert:
    t(1)=(123)t(2)=(010)t(3)=(456)\begin{aligned} \mathbf{t}^{(1)} &= \begin{pmatrix} 1 \\ 2 \\ 3 \end{pmatrix} \\ \mathbf{t}^{(2)} &= \begin{pmatrix} 0 \\ 1 \\ 0 \end{pmatrix} \\ \mathbf{t}^{(3)} &= \begin{pmatrix} 4 \\ 5 \\ 6 \end{pmatrix} \end{aligned}
  4. Schritt 4: allgemeine Lösung aufschreiben
    Mit Eigenwerten und Eigenvektoren steht die Lösung direkt da, ein Term pro Mode.
    Damit lautet die allgemeine Lösung von y=Ay\mathbf{y}' = A\,\mathbf{y}:
    y(x)=c1(123)+c2e3x(010)+c3e3x(456)\begin{aligned} \mathbf{y}(x) = {}&c_1 \begin{pmatrix} 1 \\ 2 \\ 3 \end{pmatrix} + c_2\,e^{3x} \begin{pmatrix} 0 \\ 1 \\ 0 \end{pmatrix} \\ &+ c_3\,e^{-3x} \begin{pmatrix} 4 \\ 5 \\ 6 \end{pmatrix} \end{aligned}
  5. Schritt 5: Langzeitverhalten erzwingen (Teil b)
    Für xx \to \infty explodiert der Term mit e3xe^{3x} und der Term mit e3xe^{-3x} verschwindet. Soll der Grenzwert endlich und gleich t(1)\mathbf{t}^{(1)} sein, müssen die richtigen Konstanten gewählt werden.
    e3xe^{3x} \to \infty zwingt c2=0c_2 = 0; e3x0e^{-3x} \to 0, also ist c3c_3 beliebig; der erste Term bleibt konstant, und c1=1c_1 = 1 trifft den Grenzwert (1,2,3)T(1, 2, 3)^{\mathsf{T}}. Die zulässigen Anfangswerte sind:
    y(0)=(123)+c3(456),c3R\mathbf{y}(0) = \begin{pmatrix} 1 \\ 2 \\ 3 \end{pmatrix} + c_3 \begin{pmatrix} 4 \\ 5 \\ 6 \end{pmatrix}, \qquad c_3 \in \mathbb{R}
Beispiel 2: Anfangswertproblem
A=(1162),y=Ay,y(0)=(010)A = \begin{pmatrix} 1 & 1 \\ 6 & 2 \end{pmatrix}, \qquad \mathbf{y}' = A\,\mathbf{y}, \quad \mathbf{y}(0) = \begin{pmatrix} 0 \\ 10 \end{pmatrix}

Beispiel 2: 2×22 \times 2-Anfangswertproblem

  1. Schritt 1: Eigenwerte
    Wie immer beginnt alles mit PA(λ)=det(AλI)P_A(\lambda) = \det(A - \lambda I).
    Das charakteristische Polynom faktorisiert sauber:
    PA(λ)=det(AλI)=λ23λ4=(λ4)(λ+1)λ1=4, λ2=1\begin{aligned} P_A(\lambda) \\ &= \det(A - \lambda I) \\ &= \lambda^2 - 3\lambda - 4 \\ &= (\lambda - 4)(\lambda + 1) \\ &\Longrightarrow \lambda_1 = 4,\ \lambda_2 = -1 \end{aligned}
  2. Schritt 2: Eigenvektoren
    Zwei verschiedene Eigenwerte, zwei Richtungen.
    Lösen von (AλiI)x=0(A - \lambda_i I)\,\mathbf{x} = \mathbf{0} ergibt:
    t(1)=(13) (λ=4),t(2)=(12) (λ=1)\mathbf{t}^{(1)} = \begin{pmatrix} 1 \\ 3 \end{pmatrix} \ (\lambda = 4), \qquad \mathbf{t}^{(2)} = \begin{pmatrix} 1 \\ -2 \end{pmatrix} \ (\lambda = -1)
  3. Schritt 3: allgemeine Lösung direkt
    Mit dem Rezept im Kopf darf man die Lösung sofort hinschreiben.
    Die allgemeine Lösung ist:
    y(x)=c1e4x(13)+c2ex(12)\mathbf{y}(x) = c_1\,e^{4x} \begin{pmatrix} 1 \\ 3 \end{pmatrix} + c_2\,e^{-x} \begin{pmatrix} 1 \\ -2 \end{pmatrix}
  4. Schritt 4: Anfangsbedingung einsetzen
    Bei x=0x = 0 werden beide Exponentialfaktoren zu 1, übrig bleibt ein 2×22 \times 2-LGS für c1,c2c_1, c_2.
    Aus y(0)=(0,10)T\mathbf{y}(0) = (0, 10)^{\mathsf{T}} wird das System c1+c2=0c_1 + c_2 = 0, 3c12c2=103c_1 - 2c_2 = 10 mit der Lösung:
    c1=c2=2c_1 = -c_2 = 2
  5. Schritt 5: spezielle Lösung
    Einsetzen der Konstanten beantwortet das AWP eindeutig.
    Die gesuchte spezielle Lösung lautet:
    y(x)=2e4x(13)2ex(12)\mathbf{y}(x) = 2\,e^{4x} \begin{pmatrix} 1 \\ 3 \end{pmatrix} - 2\,e^{-x} \begin{pmatrix} 1 \\ -2 \end{pmatrix}

Ein drittes 3×33 \times 3-Beispiel zeigt die gleiche Mechanik mit zwei gemischten Bedingungen. Für A=(125111521)A = \begin{pmatrix} 1 & -2 & 5 \\ 1 & 1 & -1 \\ 5 & 2 & 1 \end{pmatrix} ergibt PA(λ)=λ(λ+3)(λ6)P_A(\lambda) = -\lambda(\lambda + 3)(\lambda - 6) die Eigenwerte λ1=0\lambda_1 = 0, λ2=3\lambda_2 = -3, λ3=6\lambda_3 = 6 mit Eigenvektoren (1,2,1)T(-1, 2, 1)^{\mathsf{T}}, (2,1,2)T(-2, 1, 2)^{\mathsf{T}} und (1,0,1)T(1, 0, 1)^{\mathsf{T}}. Die allgemeine Lösung ist y(x)=c1(1,2,1)T+c2e3x(2,1,2)T+c3e6x(1,0,1)T\mathbf{y}(x) = c_1\,(-1, 2, 1)^{\mathsf{T}} + c_2\,e^{-3x}\,(-2, 1, 2)^{\mathsf{T}} + c_3\,e^{6x}\,(1, 0, 1)^{\mathsf{T}}.

Verlangt man limxy3(x)=2\lim_{x \to \infty} y_3(x) = 2 und y2(0)=0y_2(0) = 0, so zwingt e6xe^{6x} \to \infty wieder c3=0c_3 = 0; aus y3c1=2y_3 \to c_1 = 2 und der zweiten Bedingung 2c1+c2=02c_1 + c_2 = 0 folgt c2=4c_2 = -4. Die Lösung ist dann (y1,y2,y3)(x)=(2,4,2)T+e3x(8,4,8)T(y_1, y_2, y_3)(x) = (-2, 4, 2)^{\mathsf{T}} + e^{-3x}\,(8, -4, -8)^{\mathsf{T}}. Dasselbe Muster, dieselben drei Schritte: Eigenwerte, Eigenvektoren, Konstanten aus den Bedingungen.

Prüfungstipp Erst selbst rechnen, dann den Lösungsweg aufklappen. Drei verschiedene Eigenwerte heißt: sofort diagonalisierbar.
Formel Schlussresultat Beispiel 1
y(x)=c1(123)+c2e3x(010)+c3e3x(456)\begin{aligned} \mathbf{y}(x) ={}& c_1 \begin{pmatrix} 1 \\ 2 \\ 3 \end{pmatrix} \\ &+ c_2\,e^{3x} \begin{pmatrix} 0 \\ 1 \\ 0 \end{pmatrix} \\ &+ c_3\,e^{-3x} \begin{pmatrix} 4 \\ 5 \\ 6 \end{pmatrix} \end{aligned}
Allgemeine Lösung des ersten 3×33 \times 3-Systems.
Merke Vorzeichen-Regel: λ>0\lambda > 0 \Rightarrow Term explodiert (Konstante muss 0); λ<0\lambda < 0 \Rightarrow Term zerfällt (Konstante egal); λ=0\lambda = 0 \Rightarrow konstant (legt Grenzwert fest).

8.2Lineare Systeme zweiter Ordnung

8.2.1 Allgemeine Lösung

Was ändert sich, wenn links nicht y\mathbf{y}', sondern y\mathbf{y}'' steht? Aus Wachstum wird Schwingung. Erinnere dich an die einzelne Feder: y=ω2yy'' = -\omega^2\,y ist die Schwingungsgleichung, ihre Lösung sind sin\sin und cos\cos. Die Form y=Ay\mathbf{y}'' = A\,\mathbf{y} ist nichts anderes als die mehrdimensionale Schwingungsgleichung: nn Federn, die AA miteinander koppelt.

Analog zum System erster Ordnung sucht ein System zweiter Ordnung nn Funktionen y1(x),,yn(x)y_1(x), \ldots, y_n(x), deren zweite Ableitungen linear voneinander abhängen. In Matrixform y=Ay\mathbf{y}'' = A\,\mathbf{y}. Weil jetzt zweimal abgeleitet wird, braucht es zwei Anfangsbedingungen, eine für die Position y(0)=y0\mathbf{y}(0) = \mathbf{y}_0 und eine für die Geschwindigkeit y(0)=y0\mathbf{y}'(0) = \mathbf{y}_0'. Die Lösungsmenge ist wieder ein nn-dimensionaler Unterraum, allerdings mit 2n2n freien Konstanten, weil jede Mode jetzt zwei davon trägt.

Der Trick bleibt derselbe: Diagonalisieren entkoppelt. Die Substitution y=Tz\mathbf{y} = T\,\mathbf{z} macht aus y=Ay\mathbf{y}'' = A\,\mathbf{y} die entkoppelten Gleichungen zi=λiziz_i'' = \lambda_i\,z_i. Nur lösen wir jede jetzt nicht mit ee-Funktionen, sondern mit sin\sin und cos\cos, sofern λi\lambda_i negativ ist.

!!
System zweiter Ordnung in Matrixform
y(x)=Ay(x),y(0)=y0,y(0)=y0Rn\mathbf{y}''(x) = A\,\mathbf{y}(x), \qquad \mathbf{y}(0) = \mathbf{y}_0, \quad \mathbf{y}'(0) = \mathbf{y}_0' \in \mathbb{R}^n
Komponentenweise: y₁'' = a₁₁y₁ + … + a₁ₙyₙ, …. Zweimal ableiten heißt zwei Anfangsbedingungen, insgesamt 2n freie Konstanten.

Kochrezept: allgemeine Lösung von y=Ay\mathbf{y}'' = A\,\mathbf{y}

  1. Schritt I: Eigenwerte und Eigenvektoren
    Wie bei erster Ordnung liefern sie TT und DD, die das System diagonalisieren. AA muss diagonalisierbar sein.
    Man bestimmt TT (Eigenvektoren als Spalten) und D=diag(λ1,,λn)D = \operatorname{diag}(\lambda_1, \ldots, \lambda_n).
  2. Schritt II: Substitution y=Tz\mathbf{y} = T\,\mathbf{z}
    Entkoppelt das System genau wie zuvor.
    Aus y=Tz\mathbf{y} = T\,\mathbf{z} folgt z=Dz\mathbf{z}'' = D\,\mathbf{z}, also komponentenweise:
    zi=λiziz_i'' = \lambda_i\,z_i
  3. Schritt III: Frequenz einführen
    Bei einem negativen Eigenwert ist λi>0-\lambda_i > 0, und λi\sqrt{-\lambda_i} ist reell. Genau diese Zahl ist die Schwingungsfrequenz der Mode.
    Mit ωi=λi\omega_i = \sqrt{-\lambda_i} wird jede Einzelgleichung zur Schwingungsgleichung des harmonischen Oszillators:
    ωi=λizi+ωi2zi=0\omega_i = \sqrt{-\lambda_i} \qquad\Longrightarrow\qquad z_i'' + \omega_i^2\,z_i = 0
  4. Schritt IV: Einzelgleichungen lösen
    Die Lösung der Schwingungsgleichung kennst du aus der Analysis: eine Überlagerung von cos\cos und sin\sin mit Frequenz ωi\omega_i.
    Mit Konstanten aia_i und bib_i je Mode:
    zi(x)=aicos(ωix)+bisin(ωix)z_i(x) = a_i\,\cos(\omega_i x) + b_i\,\sin(\omega_i x)
  5. Schritt V: rücksubstituieren y=Tz\mathbf{y} = T\,\mathbf{z}
    Zurück in die Originalbasis. Jede Mode schwingt in ihrer Eigenrichtung t(i)\mathbf{t}^{(i)} mit ihrer Frequenz ωi\omega_i.
    Die allgemeine Lösung ist die Überlagerung aller schwingenden Eigenmoden:
    y(x)=i=1n[aicos(ωix)+bisin(ωix)]t(i)\mathbf{y}(x) = \sum_{i=1}^{n} \big[a_i\,\cos(\omega_i x) + b_i\,\sin(\omega_i x)\big]\,\mathbf{t}^{(i)}
Notation Notation: ωi\omega_i, aia_i, bib_i
ωi=λi\omega_i = \sqrt{-\lambda_i} ist die Eigenfrequenz der ii-ten Mode. aia_i und bib_i sind ihre zwei Konstanten (Amplituden von cos\cos und sin\sin), insgesamt 2n2n Stück.
Formel Auf einen Blick: 2. Ordnung
y(x)=i=1n[aicos(ωix)+bisin(ωix)]t(i)\begin{aligned} \mathbf{y}(x) ={}& \sum_{i=1}^{n} \big[a_i \cos(\omega_i x) \\ &+ b_i \sin(\omega_i x)\big]\,\mathbf{t}^{(i)} \end{aligned}
mit ωi=λi\omega_i = \sqrt{-\lambda_i}. Allgemeine Lösung von y=Ay\mathbf{y}'' = A\,\mathbf{y}.
Merke Merke: negativer Eigenwert \Rightarrow reelle Frequenz \Rightarrow Schwingung. Jede Eigenrichtung ist eine Eigenschwingung.

8.2.2 Anfangswertproblem

Jetzt gibt es 2n2n Konstanten, nn Stück aia_i und nn Stück bib_i. Wie legen die zwei Anfangsbedingungen y(0)\mathbf{y}(0) und y(0)\mathbf{y}'(0) sie alle fest? Die Antwort ist überraschend sauber: die Position bei x=0x = 0 bestimmt die aia_i, die Geschwindigkeit bei x=0x = 0 die bib_i. Sie trennen sich von selbst.

Der Grund steckt in den Werten der Winkelfunktionen bei null: cos(0)=1\cos(0) = 1 und sin(0)=0\sin(0) = 0. Die Position y(0)\mathbf{y}(0) sieht deshalb nur die cos\cos-Terme, also die aia_i. Leitet man ab, vertauschen sin\sin und cos\cos ihre Rollen, und die Geschwindigkeit y(0)\mathbf{y}'(0) sieht nur die sin\sin-Terme, also die bib_i, allerdings mit einem zusätzlichen Faktor ωi\omega_i aus der Kettenregel.

Kochrezept: AWP y=Ay\mathbf{y}'' = A\,\mathbf{y}, y(0)=y0\mathbf{y}(0) = \mathbf{y}_0, y(0)=y0\mathbf{y}'(0) = \mathbf{y}_0'

  1. Schritt a: allgemeine Lösung
    Erst alle 2n2n Eigenmoden bereitstellen.
    Man bestimmt mit dem Rezept aus 8.2.1 die allgemeine Lösung samt aller ωi\omega_i, aia_i, bib_i.
  2. Schritt b: beide Anfangsbedingungen einsetzen
    Position und Geschwindigkeit bei x=0x = 0 liefern je ein LGS. Wegen cos(0)=1\cos(0) = 1, sin(0)=0\sin(0) = 0 trennen sie aa von bb.
    Mit c=z(0)\mathbf{c} = \mathbf{z}(0) (die aia_i) und d=z(0)\mathbf{d} = \mathbf{z}'(0):
    y(0)=Tz(0)=y0,y(0)=Tz(0)=y0\mathbf{y}(0) = T\,\mathbf{z}(0) = \mathbf{y}_0, \qquad \mathbf{y}'(0) = T\,\mathbf{z}'(0) = \mathbf{y}_0'
  3. Schritt c: die zwei LGS lösen
    Ganz gewöhnliche lineare Gleichungssysteme, eines für c\mathbf{c}, eines für d\mathbf{d}.
    Löse Tc=y0T\,\mathbf{c} = \mathbf{y}_0 und Td=y0T\,\mathbf{d} = \mathbf{y}_0'. Ist TT orthogonal, geht es per c=TTy0\mathbf{c} = T^{\mathsf{T}}\mathbf{y}_0, d=TTy0\mathbf{d} = T^{\mathsf{T}}\mathbf{y}_0':
    Tc=y0,Td=y0T\,\mathbf{c} = \mathbf{y}_0, \qquad T\,\mathbf{d} = \mathbf{y}_0'
  4. Schritt d: die ω\omega-Korrektur auflösen
    Die Ableitung zieht aus jedem sin\sin-Term den Faktor ωi\omega_i heraus. Deshalb liefert y(0)\mathbf{y}'(0) nicht bib_i direkt, sondern ωibi\omega_i\,b_i.
    Es gilt di=ωieid_i = \omega_i\,e_i, wobei eie_i die sin\sin-Koeffizienten (die bib_i) sind. Nach eie_i auflösen:
    di=ωieiei=diωid_i = \omega_i\,e_i \qquad\Longrightarrow\qquad e_i = \frac{d_i}{\omega_i}
Notation Notation: eie_i (Achtung)
eie_i ist hier eine Hilfs-Konstante, die sin\sin-Amplitude bib_i aus z(0)\mathbf{z}'(0), nicht der Einheitsvektor. Es gilt di=ωieid_i = \omega_i\,e_i. Variantenwarnung: gleiches Symbol, andere Bedeutung.
Formel Auf einen Blick: AWP 2. Ordnung
Tc=y0Td=y0di=ωiei\begin{aligned} T\,\mathbf{c} &= \mathbf{y}_0 \\ T\,\mathbf{d} &= \mathbf{y}_0' \\ d_i &= \omega_i\,e_i \end{aligned}
Position \to die aia_i (über c\mathbf{c}), Geschwindigkeit \to die bib_i (über d\mathbf{d}, dann durch ωi\omega_i teilen).
Prüfungstipp Die ωi\omega_i-Korrektur aus y(0)\mathbf{y}'(0) ist die häufigste Fehlerquelle. Niemals direkt bi=dib_i = d_i setzen.

8.2.3 Durchgerechnete Beispiele

Zwei vollständige 2×22 \times 2-Beispiele. Das erste hat ganzzahlige Frequenzen ω=1,2\omega = 1, 2, das zweite irrationale ω=6,3\omega = \sqrt{6}, \sqrt{3} und einen Start aus der Ruhe heraus. Beide durchlaufen genau die fünf Rezeptschritte. Rechne erst selbst.

Beispiel 1: gegeben
A=(518310)y=Ayy(0)=(02)y(0)=(10)\begin{aligned} A &= \begin{pmatrix} 5 & -18 \\ 3 & -10 \end{pmatrix} \\ \mathbf{y}'' &= A\,\mathbf{y} \\ \mathbf{y}(0) &= \begin{pmatrix} 0 \\ 2 \end{pmatrix} \\ \mathbf{y}'(0) &= \begin{pmatrix} 1 \\ 0 \end{pmatrix} \end{aligned}

Beispiel 1: ganzzahlige Frequenzen

  1. Schritt 1: Eigenwerte
    Wieder PA(λ)=det(AλI)P_A(\lambda) = \det(A - \lambda I). Beide Eigenwerte sind negativ, also gibt es echte Schwingungen.
    Das charakteristische Polynom faktorisiert:
    PA(λ)=(5λ)(10λ)+54=λ2+5λ+4=(λ+1)(λ+4)λ1=1, λ2=4\begin{aligned} P_A(\lambda) \\ &= (5 - \lambda)(-10 - \lambda) + 54 \\ &= \lambda^2 + 5\lambda + 4 \\ &= (\lambda + 1)(\lambda + 4) \\ &\Rightarrow \lambda_1 = -1,\ \lambda_2 = -4 \end{aligned}
  2. Schritt 2: Eigenvektoren und Frequenzen
    Eigenvektoren geben die Schwingungsrichtungen, ωi=λi\omega_i = \sqrt{-\lambda_i} die Frequenzen. Hier beide ganzzahlig.
    Man erhält t(1)=(3,1)T\mathbf{t}^{(1)} = (3, 1)^{\mathsf{T}} zu λ=1\lambda = -1 und t(2)=(2,1)T\mathbf{t}^{(2)} = (2, 1)^{\mathsf{T}} zu λ=4\lambda = -4, mit:
    ω1=1=1,ω2=4=2\omega_1 = \sqrt{1} = 1, \qquad \omega_2 = \sqrt{4} = 2
  3. Schritt 3: allgemeine Lösung
    Eine schwingende Eigenmode pro Eigenwert, überlagert.
    Die allgemeine Lösung lautet:
    y(x)=[a1cos(x)+b1sin(x)](31)+[a2cos(2x)+b2sin(2x)](21)\begin{aligned} \mathbf{y}(x) ={}& \big[a_1 \cos(x) + b_1 \sin(x)\big] \begin{pmatrix} 3 \\ 1 \end{pmatrix} \\ &+ \big[a_2 \cos(2x) + b_2 \sin(2x)\big] \begin{pmatrix} 2 \\ 1 \end{pmatrix} \end{aligned}
  4. Schritt 4: Position liefert die aia_i
    Bei x=0x = 0 ist cos(0)=1\cos(0) = 1, sin(0)=0\sin(0) = 0: y(0)\mathbf{y}(0) sieht nur die cos\cos-Amplituden.
    Aus y(0)=(0,2)T\mathbf{y}(0) = (0, 2)^{\mathsf{T}} wird 3a1+2a2=03a_1 + 2a_2 = 0, a1+a2=2a_1 + a_2 = 2 mit der Lösung:
    a1=4,a2=6a_1 = -4, \qquad a_2 = 6
  5. Schritt 5: Geschwindigkeit liefert die bib_i
    Ableiten zieht die Frequenz heraus; y(0)\mathbf{y}'(0) ergibt ein LGS in ωibi\omega_i\,b_i. Hier sind die Frequenzen schon in den Koeffizienten verrechnet.
    Mit y(x)=[a1sin(x)+b1cos(x)](3,1)T+[2a2sin(2x)+2b2cos(2x)](2,1)T\mathbf{y}'(x) = [-a_1 \sin(x) + b_1 \cos(x)](3,1)^{\mathsf{T}} + [-2a_2 \sin(2x) + 2b_2 \cos(2x)](2,1)^{\mathsf{T}} und y(0)=(1,0)T\mathbf{y}'(0) = (1, 0)^{\mathsf{T}} folgt 3b1+4b2=13b_1 + 4b_2 = 1, b1+2b2=0b_1 + 2b_2 = 0, also:
    b1=1,b2=12b_1 = 1, \qquad b_2 = -\tfrac{1}{2}
  6. Schritt 6: spezielle Lösung
    Alle vier Konstanten einsetzen.
    Die gesuchte Lösung ist:
    y(x)=[4cos(x)+sin(x)](31)+[6cos(2x)12sin(2x)](21)\begin{aligned} \mathbf{y}(x) ={}& \big[-4\cos(x) + \sin(x)\big] \begin{pmatrix} 3 \\ 1 \end{pmatrix} \\ &+ \big[6\cos(2x) - \tfrac{1}{2}\sin(2x)\big] \begin{pmatrix} 2 \\ 1 \end{pmatrix} \end{aligned}
Beispiel 2: Start aus der Ruhe
A=(5214)y=Ayy(0)=(60)y(0)=(00)\begin{aligned} A &= \begin{pmatrix} -5 & 2 \\ 1 & -4 \end{pmatrix} \\ \mathbf{y}'' &= A\,\mathbf{y} \\ \mathbf{y}(0) &= \begin{pmatrix} 6 \\ 0 \end{pmatrix} \\ \mathbf{y}'(0) &= \begin{pmatrix} 0 \\ 0 \end{pmatrix} \end{aligned}

Beispiel 2: irrationale Frequenzen

  1. Schritt 1: Eigenwerte
    Standardstart über das charakteristische Polynom.
    Es ergibt sich:
    PA(λ)=(5λ)(4λ)2=λ2+9λ+18=(λ+3)(λ+6)λ1=6, λ2=3\begin{aligned} P_A(\lambda) \\ &= (-5 - \lambda)(-4 - \lambda) - 2 \\ &= \lambda^2 + 9\lambda + 18 \\ &= (\lambda + 3)(\lambda + 6) \\ &\Rightarrow \lambda_1 = -6,\ \lambda_2 = -3 \end{aligned}
  2. Schritt 2: Eigenvektoren und Frequenzen
    Die Frequenzen sind diesmal irrational, aber das ändert am Rezept nichts.
    Man erhält t(1)=(2,1)T\mathbf{t}^{(1)} = (2, -1)^{\mathsf{T}} zu λ=6\lambda = -6 und t(2)=(1,1)T\mathbf{t}^{(2)} = (1, 1)^{\mathsf{T}} zu λ=3\lambda = -3, mit:
    ω1=6,ω2=3\omega_1 = \sqrt{6}, \qquad \omega_2 = \sqrt{3}
  3. Schritt 3: allgemeine Lösung
    Trig-Argumente immer vollständig in Klammern, auch bei Wurzeln.
    Die allgemeine Lösung lautet:
    y(x)=[a1cos(6x)+b1sin(6x)](21)+[a2cos(3x)+b2sin(3x)](11)\begin{aligned} \mathbf{y}(x) ={}& \big[a_1 \cos(\sqrt{6}\,x) + b_1 \sin(\sqrt{6}\,x)\big] \begin{pmatrix} 2 \\ -1 \end{pmatrix} \\ &+ \big[a_2 \cos(\sqrt{3}\,x) + b_2 \sin(\sqrt{3}\,x)\big] \begin{pmatrix} 1 \\ 1 \end{pmatrix} \end{aligned}
  4. Schritt 4: Position liefert die aia_i
    y(0)\mathbf{y}(0) sieht nur die cos\cos-Amplituden.
    Aus y(0)=(6,0)T\mathbf{y}(0) = (6, 0)^{\mathsf{T}} wird 2a1+a2=62a_1 + a_2 = 6, a1+a2=0-a_1 + a_2 = 0, also:
    a1=2,a2=2a_1 = 2, \qquad a_2 = 2
  5. Schritt 5: Geschwindigkeit gleich null
    Start aus der Ruhe: y(0)=0\mathbf{y}'(0) = \mathbf{0}. Beide sin\sin-Amplituden müssen verschwinden.
    Das LGS aus y(0)=(0,0)T\mathbf{y}'(0) = (0,0)^{\mathsf{T}} ist 26b1+3b2=02\sqrt{6}\,b_1 + \sqrt{3}\,b_2 = 0, 6b1+3b2=0-\sqrt{6}\,b_1 + \sqrt{3}\,b_2 = 0 mit der Lösung:
    b1=0,b2=0b_1 = 0, \qquad b_2 = 0
  6. Schritt 6: spezielle Lösung
    Ohne sin\sin-Anteil bleibt eine reine Kosinus-Schwingung.
    Die Lösung ist:
    y(x)=2cos(6x)(21)+2cos(3x)(11)\mathbf{y}(x) = 2\cos(\sqrt{6}\,x) \begin{pmatrix} 2 \\ -1 \end{pmatrix} + 2\cos(\sqrt{3}\,x) \begin{pmatrix} 1 \\ 1 \end{pmatrix}
Prüfungstipp Erst selbst rechnen. ωi=λi\omega_i = \sqrt{-\lambda_i}: das Minus nicht vergessen, der Eigenwert ist negativ.
Formel Schlussresultat Beispiel 1
y(x)=[4cos(x)+sin(x)](31)+[6cos(2x)12sin(2x)](21)\begin{aligned} \mathbf{y}(x) ={}& [-4\cos(x) + \sin(x)] \begin{pmatrix} 3 \\ 1 \end{pmatrix} \\ &+ [6\cos(2x) - \tfrac{1}{2}\sin(2x)] \begin{pmatrix} 2 \\ 1 \end{pmatrix} \end{aligned}
Spezielle Lösung des ersten Schwingungsbeispiels.
Merke Merke: y(0)=0\mathbf{y}'(0) = \mathbf{0} \Rightarrow alle bi=0b_i = 0 \Rightarrow reine Kosinus-Schwingung (Start aus der Ruhe).

8.3Rückführung von Gleichungen n-ter Ordnung

8.3.1 Durchgerechnete Beispiele

Was, wenn gar kein System dasteht, sondern nur eine Gleichung höherer Ordnung, etwa y=5y+4yy'' = -5y + 4y'? Dann lässt sich der bisherige Eigenwert-Weg nicht direkt anwenden, denn der braucht ein System erster Ordnung. Der Ausweg ist ein einfacher Trick: jede Ableitung bekommt einen eigenen Namen. Aus einer Gleichung nn-ter Ordnung werden so nn Gleichungen erster Ordnung, und wir sind zurück bei Abschnitt 8.1.

Die Idee in Worten: Setze y0=yy_0 = y, y1=yy_1 = y', y2=yy_2 = y'', und so weiter bis yn1=y(n1)y_{n-1} = y^{(n-1)}. Dann ist die Ableitung jeder dieser neuen Variablen einfach die nächste, y0=y1y_0' = y_1, y1=y2y_1' = y_2, und die ursprüngliche DGL liefert die letzte Zeile. Das Ergebnis ist ein System y=Ay\mathbf{y}' = A\,\mathbf{y} mit einer charakteristischen Begleitmatrix: Einsen auf der Nebendiagonale, und in der letzten Zeile die Koeffizienten a0,a1,,an1a_0, a_1, \ldots, a_{n-1} der Gleichung. Diese Methode ist erstaunlich mächtig, sie funktioniert sogar bei nicht konstanten Koeffizienten und bei inhomogenen Gleichungen.

!!
Rückführung: lineare DGL n-ter Ordnung in ein System
y(n)=a0y+a1y++an1y(n1)    yk=y(k)    (y0y1yn1)=(010000100001a0a1a2an1)(y0y1yn1)\begin{aligned} y^{(n)} \\ &= a_0\,y + a_1\,y' + \cdots + a_{n-1}\,y^{(n-1)} \;\xrightarrow{\;y_k = y^{(k)}\;}\; \begin{pmatrix} y_0 \\ y_1 \\ \vdots \\ y_{n-1} \end{pmatrix}' \\ &= \begin{pmatrix} 0 & 1 & 0 & \cdots & 0 \\ 0 & 0 & 1 & \cdots & 0 \\ \vdots & & & \ddots & \vdots \\ 0 & 0 & 0 & \cdots & 1 \\ a_0 & a_1 & a_2 & \cdots & a_{n-1} \end{pmatrix} \begin{pmatrix} y_0 \\ y_1 \\ \vdots \\ y_{n-1} \end{pmatrix} \end{aligned}
Begleitmatrix: Einsen auf der Nebendiagonale, Koeffizienten a₀, …, aₙ₋₁ in der letzten Zeile. Gesuchte Lösung ist y₀ = y. Funktioniert auch bei nicht konstanten Koeffizienten und inhomogen.
Beispiel 1: gegebene Gleichung
y(x)=5y(x)+4y(x)y''(x) = -5\,y(x) + 4\,y'(x)
In ein System 1. Ordnung überführen und die allgemeine Lösung bestimmen. Führt auf komplexe Eigenwerte.

Beispiel 1: Rückführung mit komplexen Eigenwerten

  1. Schritt 1: Variablen umbenennen
    Jede Ableitungsstufe wird zu einer eigenen Funktion. Aus einer Gleichung werden zwei.
    Setze y0=yy_0 = y, y1=yy_1 = y'. Dann ist y0=y1y_0' = y_1 und y1=5y0+4y1y_1' = -5y_0 + 4y_1, in Matrixform:
    (y0y1)=(0154)(y0y1)\begin{pmatrix} y_0 \\ y_1 \end{pmatrix}' = \begin{pmatrix} 0 & 1 \\ -5 & 4 \end{pmatrix} \begin{pmatrix} y_0 \\ y_1 \end{pmatrix}
  2. Schritt 2: Eigenwerte (komplex)
    Das charakteristische Polynom hat keine reellen Nullstellen. Komplexe Eigenwerte sind hier normal, nicht schlimm.
    Mit der Begleitmatrix A=(0154)A = \begin{pmatrix} 0 & 1 \\ -5 & 4 \end{pmatrix}:
    PA(λ)=λ24λ+5λ1=2+i,λ2=2iP_A(\lambda) = \lambda^2 - 4\lambda + 5 \quad\Longrightarrow\quad \lambda_1 = 2 + i, \quad \lambda_2 = 2 - i
  3. Schritt 3: Eigenvektor (und sein Konjugiertes)
    Komplexe Eigenwerte treten immer als konjugiertes Paar auf, und der zweite Eigenvektor ist das komplex Konjugierte des ersten. Das spart die halbe Rechnung.
    Zum Eigenwert 2+i2 + i gehört t(1)=(2i, 5)T\mathbf{t}^{(1)} = (2 - i,\ 5)^{\mathsf{T}}; das Konjugierte (2+i, 5)T(2 + i,\ 5)^{\mathsf{T}} gehört zu 2i2 - i:
    t(1)=(2i5),t(2)=(2+i5)\mathbf{t}^{(1)} = \begin{pmatrix} 2 - i \\ 5 \end{pmatrix}, \qquad \mathbf{t}^{(2)} = \begin{pmatrix} 2 + i \\ 5 \end{pmatrix}
  4. Schritt 4: allgemeine Lösung in komplexer Form
    Formal genau wie bei reellen Eigenwerten: pro Eigenwert ein Term aus eλxe^{\lambda x} mal Eigenvektor.
    Die (komplexe) allgemeine Lösung ist:
    (y0y1)=c1e(2+i)x(2i5)+c2e(2i)x(2+i5)\begin{aligned} \begin{pmatrix} y_0 \\ y_1 \end{pmatrix} ={}& c_1\,e^{(2+i)x} \begin{pmatrix} 2 - i \\ 5 \end{pmatrix} \\ &+ c_2\,e^{(2-i)x} \begin{pmatrix} 2 + i \\ 5 \end{pmatrix} \end{aligned}
  5. Schritt 5: Euler-Relation einsetzen
    Die Euler-Formel verwandelt die komplexen Exponentialfunktionen in reelle cos\cos- und sin\sin-Terme, die man tatsächlich rechnen kann.
    Mit e±ix=cos(x)±isin(x)e^{\pm i x} = \cos(x) \pm i\sin(x) und e(2±i)x=e2x(cos(x)±isin(x))e^{(2 \pm i)x} = e^{2x}\big(\cos(x) \pm i\sin(x)\big) wird daraus:
    (y0y1)=c1e2x(cos(x)+isin(x))(2i5)+c2e2x(cos(x)isin(x))(2+i5)\begin{aligned} \begin{pmatrix} y_0 \\ y_1 \end{pmatrix} ={}& c_1\,e^{2x}\big(\cos(x) + i\sin(x)\big) \begin{pmatrix} 2 - i \\ 5 \end{pmatrix} \\ &+ c_2\,e^{2x}\big(\cos(x) - i\sin(x)\big) \begin{pmatrix} 2 + i \\ 5 \end{pmatrix} \end{aligned}

Auch gemischte Systeme lassen sich so behandeln. Liegt etwa y(t)=2y(t)+z(t)y''(t) = -2y(t) + z(t), z(t)=6y(t)+3z(t)z'(t) = -6y(t) + 3z(t) vor, substituiert man y(t)=x(t)y'(t) = x(t) und erhält ein System erster Ordnung in den drei Funktionen x(t)x(t), y(t)y(t), z(t)z(t). Achtung: das x(t)x(t) hier ist eine neue gesuchte Funktion (die Geschwindigkeit yy'), nicht die unabhängige Variable. Die Begleitmatrix ist (021100063)\begin{pmatrix} 0 & -2 & 1 \\ 1 & 0 & 0 \\ 0 & -6 & 3 \end{pmatrix} mit Eigenwerten λ1=0\lambda_1 = 0, λ2=1\lambda_2 = 1, λ3=2\lambda_3 = 2.

Daraus baut man T=(012111236)T = \begin{pmatrix} 0 & 1 & 2 \\ 1 & 1 & 1 \\ 2 & 3 & 6 \end{pmatrix} und D=diag(0,1,2)D = \operatorname{diag}(0, 1, 2) und liest die allgemeine Lösung ab: (x,y,z)T=c1(0,1,2)T+c2et(1,1,3)T+c3e2t(2,1,6)T(x, y, z)^{\mathsf{T}} = c_1\,(0, 1, 2)^{\mathsf{T}} + c_2\,e^{t}\,(1, 1, 3)^{\mathsf{T}} + c_3\,e^{2t}\,(2, 1, 6)^{\mathsf{T}}. Wieder gilt: gesucht ist hier yy (und zz), während x=yx = y' nur die mitgeführte Ableitung ist.

Notation Notation: y0,y1,y_0, y_1, \ldots
Die neuen Variablen sind die Ableitungsstufen: y0=yy_0 = y, y1=yy_1 = y', y2=yy_2 = y'', usw. Gesucht ist immer nur y0=yy_0 = y; die übrigen sind Hilfsgrößen.
Notation Notation: x(t)x(t) im gemischten System
In Beispiel 2 ist x(t)=y(t)x(t) = y'(t) eine neue gesuchte Funktion (eine Zustandskomponente), nicht die unabhängige Variable. Die unabhängige Variable heißt dort tt.
Formel Auf einen Blick: Euler
e±ix=cos(x)±isin(x)e^{\pm i x} = \cos(x) \pm i\sin(x)
Verwandelt komplexe Exponentialfunktionen in reelle cos\cos/sin\sin. Schlüssel für komplexe Eigenwerte.
Merke Merke: Begleitmatrix = Einsen auf der Nebendiagonale, Koeffizienten unten. Antwort ist y0=yy_0 = y.

8.4Inhomogene lineare Systeme

8.4.1 Durchgerechnete Beispiele

Was kommt dazu, wenn rechts ein konstanter Störterm b\mathbf{b} steht, also y=Ay+b\mathbf{y}' = A\,\mathbf{y} + \mathbf{b}? Anschaulich ist b\mathbf{b} eine Dauer-Anregung, wie eine konstant gedrückte Pumpe oder eine ständig anliegende Kraft. Die Lösung zerfällt dann in zwei Teile: das freie Verhalten des Systems (die homogene Lösung yh\mathbf{y}_h) plus den erzwungenen Daueranteil (die partikuläre Lösung yp\mathbf{y}_p).

Das ist dieselbe Superpositionsstruktur wie bei einer einzelnen inhomogenen linearen DGL: Gesamtlösung gleich homogene Lösung plus eine partikuläre Lösung. Der Clou im konstanten Fall: Wenn b\mathbf{b} konstant ist, ist die einfachste denkbare Dauer-Antwort selbst konstant. Mit dem Ansatz yp=const\mathbf{y}_p = \text{const} ist yp=0\mathbf{y}_p' = \mathbf{0}, und aus der DGL wird ein simples lineares Gleichungssystem Ayp=bA\,\mathbf{y}_p = -\mathbf{b}. Eine DGL wird zu einem LGS.

!!!
Inhomogenes System und seine Lösungsstruktur
y=Ay+by(x)=yh(x)+yp(x)\mathbf{y}' = A\,\mathbf{y} + \mathbf{b} \qquad\Longrightarrow\qquad \mathbf{y}(x) = \mathbf{y}_h(x) + \mathbf{y}_p(x)
yh\mathbf{y}_h: allgemeine Lösung des homogenen Systems y=Ay\mathbf{y}' = A\mathbf{y} (mit allen Konstanten). yp\mathbf{y}_p: irgendeine partikuläre Lösung des inhomogenen Systems.

Kochrezept: inhomogenes System y=Ay+b\mathbf{y}' = A\,\mathbf{y} + \mathbf{b}

  1. Schritt a: homogen lösen
    Setze b=0\mathbf{b} = \mathbf{0}. Das ist genau das System erster Ordnung aus 8.1, mit allen freien Konstanten.
    Bestimme die allgemeine Lösung yh(x)\mathbf{y}_h(x) von y=Ay\mathbf{y}' = A\,\mathbf{y}.
  2. Schritt b: eine partikuläre Lösung finden
    Man braucht irgendeine einzelne Lösung des vollen Systems. Bei konstantem b\mathbf{b} ist der konstante Ansatz am bequemsten: dann ist yp=0\mathbf{y}_p' = \mathbf{0}.
    Mache den Ansatz yp=const\mathbf{y}_p = \text{const}. Aus y=Ay+b\mathbf{y}' = A\,\mathbf{y} + \mathbf{b} wird ein LGS:
    yp=0Ayp=b\mathbf{y}_p' = \mathbf{0} \quad\Longrightarrow\quad A\,\mathbf{y}_p = -\mathbf{b}
  3. Schritt c: addieren
    Wegen der Linearität ist die Summe wieder eine Lösung, und sie enthält alle Konstanten.
    Die Gesamtlösung ist:
    y(x)=yh(x)+yp(x)\mathbf{y}(x) = \mathbf{y}_h(x) + \mathbf{y}_p(x)
Beispiel 1: System mit Parameter, dann inhomogen
A=(1a0a1a0a1)Teil c: a=1, y=Ayb, b=(001)\begin{aligned} A &= \begin{pmatrix} -1 & a & 0 \\ a & -1 & a \\ 0 & a & -1 \end{pmatrix} \\ \text{Teil c: } a &= 1, \ \mathbf{y}' = A\,\mathbf{y} - \mathbf{b}, \ \mathbf{b} = \begin{pmatrix} 0 \\ 0 \\ 1 \end{pmatrix} \end{aligned}

Beispiel 1: homogen, AWP, dann inhomogen

  1. Schritt 1: Eigenwerte mit Parameter
    Das charakteristische Polynom hängt von aa ab, faktorisiert aber sauber.
    Es gilt PA(λ)=(1λ)((1λ)22a2)P_A(\lambda) = (-1 - \lambda)\big((-1 - \lambda)^2 - 2a^2\big), also:
    λ1=1,λ2=1+2a,λ3=12a\lambda_1 = -1, \quad \lambda_2 = -1 + \sqrt{2}\,a, \quad \lambda_3 = -1 - \sqrt{2}\,a
  2. Schritt 2: Eigenvektoren und homogene Lösung
    Drei Eigenwerte, drei Richtungen, daraus die allgemeine homogene Lösung.
    Mit t(1)=(1,0,1)T\mathbf{t}^{(1)} = (1, 0, -1)^{\mathsf{T}}, t(2)=(1,2,1)T\mathbf{t}^{(2)} = (1, \sqrt{2}, 1)^{\mathsf{T}}, t(3)=(1,2,1)T\mathbf{t}^{(3)} = (1, -\sqrt{2}, 1)^{\mathsf{T}}:
    yh(x)=c1ex(101)+c2e(1+2a)x(121)+c3e(12a)x(121)\begin{aligned} \mathbf{y}_h(x) ={}& c_1\,e^{-x} \begin{pmatrix} 1 \\ 0 \\ -1 \end{pmatrix} \\ &+ c_2\,e^{(-1 + \sqrt{2}a)x} \begin{pmatrix} 1 \\ \sqrt{2} \\ 1 \end{pmatrix} \\ &+ c_3\,e^{(-1 - \sqrt{2}a)x} \begin{pmatrix} 1 \\ -\sqrt{2} \\ 1 \end{pmatrix} \end{aligned}
  3. Schritt 3: AWP (Teil b)
    Anfangsbedingung einsetzen, LGS für die Konstanten lösen.
    Aus y(0)=(2,0,2)T\mathbf{y}(0) = (2, 0, 2)^{\mathsf{T}} folgt (c1,c2,c3)=(0,1,1)(c_1, c_2, c_3) = (0, 1, 1), also:
    y(x)=e(1+2a)x(121)+e(12a)x(121)\mathbf{y}(x) = e^{(-1 + \sqrt{2}a)x} \begin{pmatrix} 1 \\ \sqrt{2} \\ 1 \end{pmatrix} + e^{(-1 - \sqrt{2}a)x} \begin{pmatrix} 1 \\ -\sqrt{2} \\ 1 \end{pmatrix}
  4. Schritt 4: partikuläre Lösung (Teil c, a=1a = 1)
    Konstanter Ansatz. Achtung: die Aufgabe ist y=Ayb\mathbf{y}' = A\,\mathbf{y} - \mathbf{b}, also lautet das LGS Ayp=bA\,\mathbf{y}_p = \mathbf{b} mit +b+\mathbf{b}.
    Mit a=1a = 1 und b=(0,0,1)T\mathbf{b} = (0, 0, 1)^{\mathsf{T}} löst man Ayp=(0,0,1)TA\,\mathbf{y}_p = (0, 0, 1)^{\mathsf{T}} eindeutig:
    yp(x)=(110)\mathbf{y}_p(x) = \begin{pmatrix} 1 \\ 1 \\ 0 \end{pmatrix}
  5. Schritt 5: Gesamtlösung
    Homogene plus partikuläre Lösung.
    Die allgemeine Lösung des inhomogenen Systems (mit a=1a = 1) ist:
    y(x)=yh(x)+(110)\mathbf{y}(x) = \mathbf{y}_h(x) + \begin{pmatrix} 1 \\ 1 \\ 0 \end{pmatrix}

Ein zweites Beispiel zeigt den inhomogenen Fall mit komplexen Eigenwerten. Für A=(100212321)A = \begin{pmatrix} 1 & 0 & 0 \\ 2 & 1 & -2 \\ 3 & 2 & 1 \end{pmatrix} ist PA(λ)=(λ1)(λ22λ+5)P_A(\lambda) = (\lambda - 1)(\lambda^2 - 2\lambda + 5), also λ1=1\lambda_1 = 1, λ2=1+2i\lambda_2 = 1 + 2i, λ3=12i\lambda_3 = 1 - 2i, mit Eigenräumen E1=(2,3,2)TE_1 = \langle (2, -3, 2)^{\mathsf{T}} \rangle, E1+2i=(0,i,1)TE_{1+2i} = \langle (0, i, 1)^{\mathsf{T}} \rangle und E12i=(0,i,1)TE_{1-2i} = \langle (0, -i, 1)^{\mathsf{T}} \rangle. Aus dem komplexen Paar gewinnt man über Real- und Imaginärteil von e(1+2i)t(0,i,1)T=et[(0,sin(2t),cos(2t))T+i(0,cos(2t),sin(2t))T]e^{(1+2i)t}(0, i, 1)^{\mathsf{T}} = e^{t}\big[(0, -\sin(2t), \cos(2t))^{\mathsf{T}} + i\,(0, \cos(2t), \sin(2t))^{\mathsf{T}}\big] zwei reelle Lösungen.

Die homogene Lösung ist damit x(t)=et[C1(2,3,2)T+C2(0,sin(2t),cos(2t))T+C3(0,cos(2t),sin(2t))T]\mathbf{x}(t) = e^{t}\big[C_1\,(2, -3, 2)^{\mathsf{T}} + C_2\,(0, -\sin(2t), \cos(2t))^{\mathsf{T}} + C_3\,(0, \cos(2t), \sin(2t))^{\mathsf{T}}\big]. Für x˙=Ax+(5,5,5)T\dot{\mathbf{x}} = A\,\mathbf{x} + (5, 5, 5)^{\mathsf{T}} liefert der konstante Ansatz Axp=(5,5,5)TA\,\mathbf{x}_p = (-5, -5, -5)^{\mathsf{T}} die partikuläre Lösung xp=(5,5,0)T\mathbf{x}_p = (-5, 5, 0)^{\mathsf{T}}, und die Anfangsbedingung x(0)=(3,4,0)T\mathbf{x}(0) = (-3, 4, 0)^{\mathsf{T}} ergibt C1=1C_1 = 1, C2=2C_2 = -2, C3=2C_3 = 2. Beachte: hier steht x(t)\mathbf{x}(t) mit Punkt-Notation x˙\dot{\mathbf{x}} und Variable tt, exakt dasselbe wie y(x)\mathbf{y}'(x) in der übrigen Notation des Kapitels.

Notation Notation: b\mathbf{b}, yh\mathbf{y}_h, yp\mathbf{y}_p
b\mathbf{b} ist der konstante Störvektor (Inhomogenität). yh\mathbf{y}_h ist die homogene Lösung (mit allen Konstanten), yp\mathbf{y}_p irgendeine partikuläre Lösung des vollen Systems.
Formel Auf einen Blick: inhomogen
y=yh+yp,Ayp=b\mathbf{y} = \mathbf{y}_h + \mathbf{y}_p, \qquad A\,\mathbf{y}_p = -\mathbf{b}
Erst homogen (alle cic_i), dann konstanter Ansatz Ayp=bA\,\mathbf{y}_p = -\mathbf{b}, dann addieren. Anfangsbedingung zuletzt auf die Summe.
Merke Achtung Vorzeichen: y=Ay+bAyp=b\mathbf{y}' = A\mathbf{y} + \mathbf{b} \Rightarrow A\mathbf{y}_p = -\mathbf{b}, aber y=AybAyp=+b\mathbf{y}' = A\mathbf{y} - \mathbf{b} \Rightarrow A\mathbf{y}_p = +\mathbf{b}.

Aufgaben mit Musterlösungen

Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.

MerkeErst selbst rechnen, dann Lösung prüfen!