“Eine Matrix ist eine Zahlentabelle, die zur Maschine wird, sobald man sie auf einen Vektor loslässt.”
— Sinngemäss, aus der Vorlesung
Stell dir eine Tabelle aus Zahlen vor: Zeilen untereinander, Spalten nebeneinander. Genau das ist eine Matrix. Wie ein Sitzplan im Kino (Reihe und Platz) oder eine Tabellenkalkulation: jeder Eintrag hat eine feste Adresse aus zwei Zahlen, und mehr braucht es zunächst nicht.
Wir schreiben und meinen damit: hat Zeilen und Spalten, und alle Einträge sind reelle Zahlen. Den Eintrag in Zeile und Spalte nennen wir oder gleichbedeutend . Die Reihenfolge der Indizes ist nicht verhandelbar: Zeile zuerst, Spalte zuletzt. steht also in der zweiten Zeile, dritten Spalte, niemals umgekehrt.
Wann brauchen wir das überhaupt? Eine Matrix ist die kompakte Schreibweise für ein lineares Gleichungssystem und für jede lineare Abbildung (das haben wir in Kap. 1 gesehen). Sobald zwei Matrizen Eintrag für Eintrag übereinstimmen, nennen wir sie gleich. Das ist banal, aber es ist die Grundlage für jedes Gleichsetzen, das später kommt.
Bevor wir rechnen, lohnt es sich, ein paar besonders häufige Matrix-Typen mit Namen zu kennen, so wie man Vokabeln lernt, bevor man Sätze bildet. Jeder dieser Typen taucht später wieder auf, und sobald du den Namen erkennst, weisst du sofort, was die Matrix kann.
Quadratisch: Eine -Matrix (gleich viele Zeilen wie Spalten) heisst quadratische Matrix. Nur quadratische Matrizen kann man invertieren oder auf Symmetrie prüfen. Nullmatrix : alle Einträge sind Null ( für alle ). Sie ist das neutrale Element der Addition, genau wie die Zahl .
Dreiecksmatrizen: Eine obere Dreiecksmatrix hat unterhalb der Diagonale nur Nullen ( für ); eine untere Dreiecksmatrix hat oberhalb der Diagonale nur Nullen ( für ). Eselsbrücke: das (von „rechts/oben") trägt seine Zahlen im oberen Dreieck, das (von „links/unten") im unteren. Die Buchstaben und kommen direkt aus dem Englischen right und left und tauchen bei der LR-Zerlegung in 2.7 wieder auf.
Diagonalmatrix : nur die Diagonale ist besetzt, alles andere ist Null. Sie ist gleichzeitig obere und untere Dreiecksmatrix. Einheitsmatrix : die Diagonalmatrix mit lauter Einsen auf der Diagonale ( für , sonst ). Sie ist die „" der Matrixwelt. Spalten- und Zeilenvektor: eine -Matrix (eine Spalte) heisst Spaltenvektor, eine -Matrix (eine Zeile) heisst Zeilenvektor. Vektoren sind also nur besonders schmale Matrizen.
| Typ | Bedingung | Mini-Beispiel |
|---|---|---|
| Quadratisch () | gleich viele Zeilen wie Spalten | |
| Nullmatrix | für alle | |
| Obere Dreiecksmatrix | für | |
| Untere Dreiecksmatrix | für | |
| Diagonalmatrix | nur Diagonale besetzt ( und ) | |
| Einheitsmatrix | Diagonale , sonst |
Kippe die Matrix entlang ihrer Hauptdiagonale, so dass Zeilen zu Spalten werden und Spalten zu Zeilen. Das Ergebnis ist die Transponierte . Anschaulich: die Diagonale bleibt ein Spiegel stehen, und alles links unten klappt nach rechts oben (und umgekehrt). Transponieren ist also nichts anderes als eine Spiegelung an der Diagonale.
Formal vertauscht das Transponieren die beiden Indizes: . Der Eintrag, der vorher in Zeile , Spalte stand, steht jetzt in Zeile , Spalte . Das Format dreht sich entsprechend: aus einer -Matrix wird eine -Matrix.
Zwei Spezialfälle bekommen eigene Namen. Gilt (die Matrix ist ihr eigenes Spiegelbild), heisst symmetrisch. Gilt (das Spiegelbild ist das Negative), heisst antisymmetrisch. Beide Begriffe brauchen wir später bei Spannungstensoren, Skalarprodukten und Eigenwerten immer wieder.
Zwei gleich grosse Matrizen addiert man so simpel, wie man hofft: Feld für Feld. Liegen die Matrizen wie zwei deckungsgleiche Tabellen übereinander, addiert man jede Zelle mit der Zelle direkt darunter. Das Ergebnis heisst Summe .
Damit das überhaupt definiert ist, müssen beide Matrizen dasselbe Format haben: eine -Matrix plus eine -Matrix ergibt wieder eine -Matrix. Eintrag für Eintrag heisst das .
Eine Matrix mit einer einzelnen Zahl multiplizieren heisst: jeden Eintrag mit dieser Zahl multiplizieren. Die Zahl nennt man Skalar (üblich: ). Stell dir einen Lautstärkeregler vor, der alle Einträge gleichmässig grösser oder kleiner dreht, die Struktur der Tabelle bleibt, nur die Werte skalieren.
Das Format ändert sich dabei nicht: . Eintrag für Eintrag gilt .
Wie multipliziert man zwei Matrizen? Nicht Feld für Feld, das ist die naheliegende, aber falsche Vermutung. Die Regel heisst stattdessen Zeile mal Spalte, und sie ist der wichtigste Handgriff des ganzen Kapitels.
Die Idee in einem Satz: Der Eintrag in Zeile , Spalte des Produkts ist das Skalarprodukt aus der -ten Zeile der linken Matrix und der -ten Spalte der rechten Matrix. Man läuft also die Zeile und die Spalte gleichzeitig ab, multipliziert die jeweils gegenüberliegenden Zahlen und summiert alles auf. Diese eine Summe liefert genau einen Eintrag des Ergebnisses; für jeden weiteren Eintrag nimmt man die passende Zeile und Spalte.
Als Formel sieht das so aus (siehe Schlüsselformel rechts). Der Buchstabe in der Summe ist nur ein Laufindex: er zählt die gemeinsame „Mitte" ab, über die summiert wird. Welchen Buchstaben man dafür wählt, ist gleichgültig (manche Texte schreiben die Summe mit statt ); die Operation ist immer dieselbe. Wichtig ist nur: der erste Index kommt von der Zeile links, der letzte Index von der Spalte rechts.
Damit das aufgeht, müssen die Formate verträglich sein. Multipliziert man , so ergibt das eine -Matrix. Merkbild: die beiden inneren Zahlen ( und ) müssen übereinstimmen (sonst „passen Zeile und Spalte nicht aufeinander"), die beiden äusseren Zahlen ( und ) ergeben das Format des Resultats.
Welche der gewohnten Algebra-Regeln gelten für Matrizen, und welche nicht? Bei Zahlen ist alles harmlos: man darf umstellen, klammern und ausmultiplizieren, wie man will. Bei Matrizen gelten fast alle diese Regeln, mit einer berühmten Ausnahme.
Für Addition und Multiplikation gilt: die Addition ist kommutativ und assoziativ, das Produkt ist assoziativ und distributiv (man darf also ausklammern). Was nicht gilt, ist die Kommutativität des Produkts: im Allgemeinen ist . Diese eine fehlende Regel ist die Quelle der meisten Fehler in Klausuren.
Auch das Transponieren hat seine eigenen Regeln. Summe und Transponieren vertauschen problemlos. Bei einem Produkt aber dreht sich die Reihenfolge: . Und die Einheitsmatrix ist ihre eigene Transponierte, .
Bei Zahlen ist die Inverse von , denn . Bei Matrizen suchen wir das Gegenstück: eine Matrix , die wieder rückgängig macht, also erfüllt. Anschaulich ist die Matrix, die die Wirkung von exakt umkehrt, wie eine Rückspultaste.
Eine Matrix, für die so ein existiert, heisst invertierbar (gleichbedeutend: regulär oder nicht singulär). Gibt es keine solche Matrix, heisst singulär. Wichtig: nur quadratische Matrizen können überhaupt invertierbar sein, und falls die Inverse existiert, ist sie eindeutig bestimmt.
Berechnet wird mit dem Gauss-Jordan-Verfahren, einer Erweiterung der Gauss-Elimination aus Kap. 1. Der Trick (siehe Lösungsweg) lautet: schreibe und nebeneinander und forme die linke Seite per Zeilenoperationen in um, wobei du jede Operation gleichzeitig auf beiden Seiten ausführst. Wenn links steht, steht rechts .
Ist einmal bekannt, gelten ein paar handliche Regeln, die das weitere Rechnen abkürzen. Sie sind das Gegenstück zu den Transponierten-Regeln aus 2.4.4, und eine davon hat dasselbe „Reihenfolge dreht"-Muster.
Die wichtigste: bei einem Produkt dreht sich beim Invertieren die Reihenfolge um, . Zweimal invertieren bringt das Original zurück, . Die Einheitsmatrix ist ihre eigene Inverse, . Und Transponieren und Invertieren vertauschen, .
Für den Spezialfall gibt es zusätzlich eine direkte Formel, die schneller ist als das ganze Gauss-Jordan-Kochrezept (siehe Ergänzung unten).
Invertierbarkeit, voller Rang und eindeutige Lösbarkeit sind drei Namen für dieselbe Sache. Sobald eine quadratische Matrix invertierbar ist, weisst du sofort, wie sich jedes Gleichungssystem damit verhält, und ebenso, wenn sie es nicht ist. Die folgende Tabelle stellt beide Welten gegenüber.
Ist invertierbar, so ist für jedes lösbar und hat genau eine Lösung (nämlich ); das homogene System hat nur die triviale Lösung ; und der Rang ist voll, . Ist singulär, kippt jede dieser Aussagen: hat keine oder unendlich viele Lösungen, das homogene System hat unendlich viele Lösungen, und . Diese Liste ist Teil der neun Äquivalenzen aus Kap. 1.
Wie sieht man der Matrix den Rang an, wenn sie einen Parameter enthält? Das folgende Beispiel bringt eine parameterabhängige Matrix auf Zeilenstufenform und liest daraus ab, für welche Parameterwerte sie singulär wird.
| Eigenschaft | invertierbar | singulär |
|---|---|---|
| lösbar für jedes , genau eine Lösung | keine oder unendlich viele Lösungen | |
| nur triviale Lösung | unendlich viele Lösungen | |
| Rang | (voll) |
Stell dir vor, du drehst einen starren Körper im Raum: alle Längen und Winkel bleiben erhalten, nur die Orientierung ändert sich. Genau das tut eine orthogonale Matrix. Sie dreht (und spiegelt) den Raum, ohne ihn zu stauchen oder zu verzerren. Solche Matrizen sind die mathematische Beschreibung von Drehungen.
Definiert ist eine quadratische Matrix als orthogonal über die Bedingung (oft auch geschrieben, mit als üblichem Buchstaben für orthogonale Matrizen). Aus dieser einen Gleichung folgt sofort das Bequemste an orthogonalen Matrizen: ihre Inverse ist einfach die Transponierte, . Invertieren wird damit gratis, du musst die Matrix nur kippen.
Drei Eigenschaften fasst die Vorlesung als Theorem zusammen. (i) ist invertierbar mit . (ii) Das Produkt zweier orthogonaler Matrizen ist wieder orthogonal (zwei Drehungen hintereinander ergeben eine Drehung). (iii) Die Spalten (und ebenso die Zeilen) sind normiert (jeder hat Betrag ) und stehen paarweise senkrecht aufeinander (ihr Skalarprodukt ist ). Die Spalten bilden also eine Orthonormalbasis.
Das Standardbeispiel ist die Drehung um die x-Achse um den Winkel . Allgemein gibt es im Raum drei Achsen-Drehmatrizen und in der Ebene die Drehung um den Ursprung. Den Winkel nennen wir durchgehend (manche Texte schreiben oder , das ist dasselbe). Alle vier stehen unten; sie sind das Werkzeug, mit dem man in Grafik, Robotik und Mechanik Objekte dreht.
Muss man für viele verschiedene rechte Seiten lösen, ist es Verschwendung, jedes Mal die ganze Gauss-Elimination neu zu rechnen. Die LR-Zerlegung macht die Elimination ein einziges Mal und verwahrt das Ergebnis so, dass man es für jedes neue wiederverwenden kann. Genau dafür ist sie gedacht.
Die Idee: für eine -Matrix schreibt man die Beziehung . Dabei ist eine untere Dreiecksmatrix, eine obere Dreiecksmatrix und eine Permutationsmatrix, die nur die Zeilenvertauschungen protokolliert. Braucht man keine Vertauschungen, ist und es bleibt schlicht (so kürzt man es oft ab).
Das Kochrezept (siehe Lösungsweg) hat vier Schritte: und nebeneinanderschreiben, per Gauss auf Zeilenstufenform bringen, daraus , und ablesen, und schliesslich für ein gegebenes erst vorwärts und dann rückwärts auflösen. Die durchgerechneten Beispiele dazu stehen in 2.8.
Jetzt rechnen wir das Kochrezept aus 2.7 einmal komplett durch, an einem Fall ohne Zeilenvertauschungen (also ). Gesucht ist die Lösung von . Achte beim Mitlesen besonders darauf, wie die Eliminationskoeffizienten aus der Reduktion direkt in landen.
Was passiert, wenn oben links eine steht? Dann gibt es dort kein Pivot, und wir müssen Zeilen tauschen, bevor wir eliminieren können. Genau dieser Tausch wird in der Permutationsmatrix festgehalten. Gesucht sind hier , und so, dass gilt.
Zum Abschluss zeigen wir, dass das Kochrezept unverändert funktioniert, auch wenn die Matrix einen Parameter enthält und gross ist. Es ändert sich nichts am Verfahren: Gauss bis zur Zeilenstufenform, Koeffizienten als Subtraktion in , und ablesen. Berechnet wird die LR-Zerlegung von .
Aufgaben mit ausführlichen Musterlösungen folgen. Wir erfinden keine Übungen, sondern übernehmen sie aus dem Übungsmaterial, sobald sie aufbereitet sind.
Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.