3.1Berechnung der Determinante

3.1.1 Berechnungsfälle: von 1×1 bis n-mal-n

Stell dir vor, du hast eine ganze quadratische Tabelle von Zahlen vor dir, eine Matrix AA. Die Determinante presst diese ganze Tabelle auf eine einzige Zahl zusammen. Diese eine Zahl beantwortet eine zentrale Frage: Kann ich das Gleichungssystem Ax=bA\mathbf{x} = \mathbf{b} eindeutig lösen, oder kollabiert dabei etwas? Wie wir gleich rechnen lernen und in Abschnitt 3.4 sehen werden, gilt die Faustregel: Determinante ungleich null heisst „alles sauber lösbar", Determinante null heisst „hier geht etwas schief".

Bevor wir loslegen, eine wichtige Vorbedingung. Die Determinante ist nur für quadratische Matrizen definiert, also für ARn×nA \in \mathbb{R}^{n \times n} mit gleich vielen Zeilen wie Spalten. Eine 2×32 \times 3-Matrix hat keine Determinante. Merke dir das gut: Wer in einer Aufgabe die Determinante einer nicht-quadratischen Matrix bilden will, hat sich verrechnet.

Jetzt zur eigentlichen Frage: Wie rechne ich diese Zahl überhaupt aus? Die Antwort hängt von der Grösse ab. Für kleine Matrizen (1×11 \times 1, 2×22 \times 2, 3×33 \times 3) gibt es feste Kochrezepte, die man auswendig kennt. Für beliebig grosse n×nn \times n-Matrizen gibt es eine allgemeine Methode, die Laplace-Entwicklung. Wir gehen die Fälle der Reihe nach durch.

!!
Definition: was die Determinante ist
det ⁣:Rn×nR,Adet(A)\det \colon \mathbb{R}^{n \times n} \longrightarrow \mathbb{R}, \qquad A \longmapsto \det(A)
Ordnet jeder quadratischen n×nn \times n-Matrix genau eine reelle Zahl zu. In Worten: ein Mass dafür, ob die Matrix „nicht entartet" ist.

Fall n=1n = 1. Eine 1×11 \times 1-Matrix ist nur eine einzelne Zahl, A=(a)A = (a). Ihre Determinante ist genau diese Zahl selbst, det(A)=a\det(A) = a. Beispiel: det(35)=35\det(35) = 35. Mehr ist hier nicht zu tun.

Determinante einer 1×1-Matrix
A=(a)det(A)=aA = (a) \quad\Longrightarrow\quad \det(A) = a
Mini-Beispiel: det(35)=35\det(35) = 35. Manche Texte schreiben hier a=a|a| = a, gemeint ist dasselbe und nicht der Absolutbetrag.

Fall n=2n = 2. Für eine 2×22 \times 2-Matrix A=(abcd)A = \begin{pmatrix} a & b \\ c & d \end{pmatrix} gilt die Formel det(A)=adbc\det(A) = a\,d - b\,c. In Worten: das Produkt der Hauptdiagonale (von links oben nach rechts unten) minus das Produkt der Nebendiagonale (von rechts oben nach links unten). Diese Formel solltest du im Schlaf können, sie taucht in jeder zweiten Aufgabe auf.

Konkretes Beispiel: für A=(3172)A = \begin{pmatrix} 3 & 1 \\ 7 & 2 \end{pmatrix} rechnet man det(A)=3217=67=1\det(A) = 3 \cdot 2 - 1 \cdot 7 = 6 - 7 = -1. Das Vorzeichen darf also durchaus negativ sein, das ist völlig normal und hat sogar eine geometrische Bedeutung (siehe Abschnitt 3.2).

!!!
Determinante einer 2×2-Matrix
det ⁣(abcd)=adbc\det\!\begin{pmatrix} a & b \\ c & d \end{pmatrix} = a\,d - b\,c
Hauptdiagonale minus Nebendiagonale. Beispiel: det ⁣(3172)=3217=1\det\!\begin{pmatrix} 3 & 1 \\ 7 & 2 \end{pmatrix} = 3\cdot 2 - 1 \cdot 7 = -1.

Fall n=3n = 3: die Regel von Sarrus. Für eine allgemeine 3×33 \times 3-Matrix A=(a11a12a13a21a22a23a31a32a33)A = \begin{pmatrix} a_{11} & a_{12} & a_{13} \\ a_{21} & a_{22} & a_{23} \\ a_{31} & a_{32} & a_{33} \end{pmatrix} gibt es ein hübsches Merkbild. Man schreibt rechts neben die Matrix nochmals die ersten zwei Spalten an. Dann bildet man die Produkte entlang der drei nach rechts unten laufenden Diagonalen (Hauptdiagonalrichtung) und addiert sie; davon zieht man die Produkte entlang der drei nach links unten laufenden Diagonalen (Nebendiagonalrichtung) ab.

In kompakter Worten-Form: det(A)=(Produkte in Hauptdiagonalrichtung)(Produkte in Nebendiagonalrichtung)\det(A) = \sum(\text{Produkte in Hauptdiagonalrichtung}) - \sum(\text{Produkte in Nebendiagonalrichtung}). Ausgeschrieben ergibt das die Formel im Kasten unten. Wichtig, und ein häufiger Stolperstein: die Regel von Sarrus gilt ausschliesslich für 3×33 \times 3. Für 4×44 \times 4 und grösser liefert sie falsche Ergebnisse, dort braucht man die Laplace-Entwicklung.

!!!
Regel von Sarrus (nur 3×3)
det(A)=  a11a22a33+a12a23a31+a13a21a32(a31a22a13+a32a23a11+a33a21a12)\begin{aligned} \det(A) = \;& a_{11}a_{22}a_{33} + a_{12}a_{23}a_{31} + a_{13}a_{21}a_{32} \\ &- (a_{31}a_{22}a_{13} + a_{32}a_{23}a_{11} + a_{33}a_{21}a_{12}) \end{aligned}
Drei Diagonalen in Hauptrichtung plus, drei in Nebenrichtung minus. Funktioniert nur für 3×33 \times 3, niemals für 4×44 \times 4.

Ein durchgerechnetes Sarrus-Beispiel. Für A=(023456789)A = \begin{pmatrix} 0 & 2 & 3 \\ 4 & 5 & 6 \\ 7 & 8 & 9 \end{pmatrix} liefert die Regel von Sarrus: det(A)=(059+267+348)(753+860+942)=(0+84+96)(105+0+72)=180177=3\det(A) = (0\cdot 5\cdot 9 + 2\cdot 6\cdot 7 + 3\cdot 4\cdot 8) - (7\cdot 5\cdot 3 + 8\cdot 6\cdot 0 + 9\cdot 4\cdot 2) = (0 + 84 + 96) - (105 + 0 + 72) = 180 - 177 = 3.

Sarrus-Beispiel
det ⁣(023456789)=(0+84+96)(105+0+72)=3\det\!\begin{pmatrix} 0 & 2 & 3 \\ 4 & 5 & 6 \\ 7 & 8 & 9 \end{pmatrix} = (0 + 84 + 96) - (105 + 0 + 72) = 3

Fall nn beliebig: die Laplace-Entwicklung. Für grössere Matrizen baut man die Determinante rekursiv aus kleineren Determinanten auf. Man entwickelt nach einer Zeile oder Spalte. Die Formel bei Entwicklung nach der ersten Spalte lautet: det(A)=k=1n(1)k+1ak1det(Ak1)\det(A) = \sum_{k=1}^{n} (-1)^{k+1} \, a_{k1} \, \det(A_{k1}). Dabei ist Ak1A_{k1} die Streichungsmatrix (oder Untermatrix): die (n1)×(n1)(n-1)\times(n-1)-Matrix, die übrig bleibt, wenn man Zeile kk und Spalte 11 wegstreicht.

Der Faktor (1)k+1(-1)^{k+1} ist das Vorzeichen. Es wechselt schachbrettartig: bei Position (i,j)(i, j) ist das Vorzeichen (1)i+j(-1)^{i+j}. Oben links (++), daneben (-), dann wieder (++) und so weiter. Man kann sich das als Schachbrettmuster merken: (+++++)\begin{pmatrix} + & - & + \\ - & + & - \\ + & - & + \end{pmatrix}. Statt das Muster auswendig zu lernen, rechnet man das Vorzeichen einfach über (1)i+j(-1)^{i+j} aus, das ist eindeutig und narrensicher.

Damit das nicht zu abstrakt bleibt, hier das Kochrezept in vier Schritten, das die Rechnung in der Praxis enorm vereinfacht:

!!!
Laplace-Entwicklung (nach der ersten Spalte)
det(A)=k=1n(1)k+1ak1det(Ak1)\det(A) = \sum_{k=1}^{n} (-1)^{k+1}\, a_{k1}\, \det(A_{k1})
Ak1A_{k1} = Streichungsmatrix nach Streichen von Zeile kk und Spalte 11. Manche Texte nennen det(Ak1)\det(A_{k1}) den Minor. Man kann nach jeder Zeile oder Spalte entwickeln.
Schritt Was zu tun ist
I Wähle die Spalte oder Zeile mit den meisten Nullen und fange beim ersten Element an.
II Bilde die Untermatrix durch Streichen von Zeile und Spalte des Elements. Ist sie noch zu gross für die fertigen Formeln, wende Schritt I erneut darauf an.
III Multipliziere die Determinante der Untermatrix mit dem Element und seinem Vorzeichen (1)i+j(-1)^{i+j}.
IV Addiere die Ergebnisse über alle Elemente der gewählten Spalte oder Zeile.
Kochrezept für die Laplace-Entwicklung (Schritte I bis IV)

Ein Mini-Beispiel zur Laplace-Entwicklung, das die Wirkung von Nullen zeigt. Für die 4×44 \times 4-Matrix A=(0023045607891000)A = \begin{pmatrix} 0 & 0 & 2 & 3 \\ 0 & 4 & 5 & 6 \\ 0 & 7 & 8 & 9 \\ 1 & 0 & 0 & 0 \end{pmatrix} wählt man nach Schritt I die letzte Zeile, denn sie enthält drei Nullen. Nur das Element a41=1a_{41} = 1 trägt bei. Sein Vorzeichen an Position (4,1)(4, 1) ist (1)4+1=1(-1)^{4+1} = -1. Übrig bleibt nach Streichen von Zeile 4 und Spalte 1 genau die 3×33 \times 3-Matrix (023456789)\begin{pmatrix} 0 & 2 & 3 \\ 4 & 5 & 6 \\ 7 & 8 & 9 \end{pmatrix}, deren Determinante wir oben schon zu 33 berechnet haben. Also det(A)=(1)3=3\det(A) = -(1)\cdot 3 = -3. Drei Nullen in einer Zeile haben die Rechnung von 24 Produkten auf einen einzigen Minor reduziert.

Notation Notation: det(A) und |A|
det(A)\det(A) ist die Determinante der quadratischen Matrix AA. Viele Texte (auch in der Übung) schreiben dafür kurz A|A| mit senkrechten Strichen, etwa abcd\begin{vmatrix} a & b \\ c & d \end{vmatrix}. Beide Schreibweisen meinen dasselbe; mit dem Absolutbetrag hat das nichts zu tun. Wir nutzen durchgehend det(A)\det(A).
Definition Quadratisch nötig
det\det ist nur für ARn×nA \in \mathbb{R}^{n \times n} definiert (gleich viele Zeilen wie Spalten). Nicht-quadratische Matrizen haben keine Determinante.
Formel Schlüsselformel 2×2
det ⁣(abcd)=adbc\det\!\begin{pmatrix} a & b \\ c & d \end{pmatrix} = ad - bc
Notation Notation: Streichungsmatrix
Ak1A_{k1} ist die Untermatrix, die durch Streichen von Zeile kk und Spalte 11 entsteht. Ihre Determinante det(Ak1)\det(A_{k1}) heisst auch Minor.

3.1.2 Eigenschaften, die das Rechnen abkürzen

Muss ich wirklich jede 4×44 \times 4 stur per Laplace durchrechnen? Nein. Die Determinante reagiert auf Zeilenoperationen nach festen Regeln, und genau die nutzt man aus, um sich das Leben leicht zu machen. Die Idee: bringe die Matrix mit Gauss in eine bequeme Form (viele Nullen, am besten Dreiecksform) und lies die Determinante dann fast ab. Hier sind die sieben Eigenschaften, die du dafür brauchst.

Bevor wir starten, eine kleine Notations-Vereinbarung für die Rechnungen. Wir bezeichnen die ii-te Zeile einer Matrix mit RiR_i (von englisch „row"). Eine Zeilenoperation wie R3R3R1R_3 \to R_3 - R_1 heisst dann: „ersetze Zeile 3 durch Zeile 3 minus Zeile 1". So eine Operation ist das Werkzeug, mit dem wir gezielt Nullen erzeugen.

(1) Zeilentausch wechselt das Vorzeichen. Vertauscht man zwei Zeilen von AA, so wechselt det(A)\det(A) das Vorzeichen. Tauscht man zweimal, ist man wieder beim ursprünglichen Vorzeichen. Diese Eigenschaft ist der Grund für den (1)(-1)-Faktor, der uns in Abschnitt 3.3 (LR-Zerlegung) wieder begegnet.

(2) Zeilenaddition ändert nichts. Addiert man ein Vielfaches einer Zeile zu einer anderen, so ändert sich die Determinante nicht. Das ist die wichtigste Eigenschaft überhaupt, denn genau diese Operation benutzt der Gauss-Algorithmus, um Nullen zu erzeugen. Heisst: du darfst die Matrix mit Gauss zu Nullen umformen, ohne dass sich die Determinante ändert.

(3) Ein Faktor pro Zeile lässt sich herausziehen. Multipliziert ein Koeffizient α\alpha alle Elemente einer Zeile, so kann man ihn vor die Determinante ziehen (siehe Kasten). Achtung, hier lauert eine Verwechslung mit Eigenschaft (6); dazu gleich mehr.

(4) Zwei gleiche Zeilen geben null. Hat eine Matrix zwei identische Zeilen, ist ihre Determinante 00. Allgemeiner: sind zwei Zeilen (oder Spalten) linear abhängig, ist die Determinante 00. Das ist oft ein Geschenk in Prüfungen, du musst gar nicht rechnen.

(5) Eine Nullzeile gibt null. Hat eine Matrix eine komplette Nullzeile (oder Nullspalte), ist ihre Determinante 00.

(6) Ein globaler Faktor wird zu αn\alpha^n. Multipliziert man die ganze Matrix mit α\alpha, so gilt det(αA)=αndet(A)\det(\alpha A) = \alpha^n \det(A) für ARn×nA \in \mathbb{R}^{n \times n}. Der Exponent nn kommt daher, dass jede der nn Zeilen einen Faktor α\alpha beisteuert.

(7) Dreiecksmatrix = Produkt der Diagonale. Die Determinante einer Dreiecksmatrix (alle Einträge ober- oder unterhalb der Diagonale sind null) ist einfach das Produkt der Diagonalelemente. Das ist die Belohnung für das Gauss-Umformen aus Eigenschaft (2).

Eigenschaft (3): Faktor aus einer Zeile herausziehen
det ⁣(αai1αain)=αdet ⁣(ai1ain)\det\!\begin{pmatrix} \vdots \\ \alpha\, a_{i1} & \cdots & \alpha\, a_{in} \\ \vdots \end{pmatrix} = \alpha \cdot \det\!\begin{pmatrix} \vdots \\ a_{i1} & \cdots & a_{in} \\ \vdots \end{pmatrix}
Multipliziert ein Koeffizient eine ganze Zeile, kann man ihn herausziehen. Gilt genau einmal pro skalierter Zeile.
!!!
Eigenschaften (1) bis (7) im Überblick
(1)  Zeilentauschdet wechselt Vorzeichen(2)  RiRi+αRjdet unvera¨ndert(4)  zwei gleiche Zeilendet=0(5)  Nullzeiledet=0(6)  det(αA)=αndet(A),ARn×n(7)  det(Dreiecksmatrix)=d1d2dn\begin{aligned} \text{(1)}\;& \text{Zeilentausch} \Rightarrow \det \text{ wechselt Vorzeichen} \\ \text{(2)}\;& R_i \to R_i + \alpha R_j \Rightarrow \det \text{ unverändert} \\ \text{(4)}\;& \text{zwei gleiche Zeilen} \Rightarrow \det = 0 \\ \text{(5)}\;& \text{Nullzeile} \Rightarrow \det = 0 \\ \text{(6)}\;& \det(\alpha A) = \alpha^n \det(A), \quad A \in \mathbb{R}^{n\times n} \\ \text{(7)}\;& \det(\text{Dreiecksmatrix}) = d_1 \cdot d_2 \cdots d_n \end{aligned}
Alle Eigenschaften gelten genauso für Spalten statt Zeilen.
Merke Der Gauss-Trick
Eigenschaft (2): Zeilenaddition ändert det\det nicht. Eigenschaft (7): Dreiecksmatrix \Rightarrow det\det = Produkt der Diagonale. Zusammen: Gauss bis Dreiecksform, dann Diagonale multiplizieren.
Notation Notation: Zeilenoperation
RiR_i bezeichnet die ii-te Zeile. R3R3R1R_3 \to R_3 - R_1 heisst: ziehe Zeile 1 von Zeile 3 ab. Diese Operation lässt nach (2) die Determinante unverändert.
Prüfungstipp det(αA)=αndet(A)\det(\alpha A) = \alpha^n \det(A), nicht αdet(A)\alpha\, \det(A). Der Exponent ist die Matrixgrösse nn.

3.1.3 Rechenregeln für Produkt, Transponierte, Inverse und Blöcke

Was passiert mit der Determinante, wenn ich Matrizen multipliziere, transponiere oder invertiere? Diese Frage taucht ständig auf, etwa wenn in einer Aufgabe det(AT)\det(A^{\mathsf{T}}) oder det(A1)\det(A^{-1}) gefragt ist und man AA gar nicht erst umformen will. Vier Rechenregeln decken alles ab. Sie sparen oft enorm viel Arbeit, weil man Determinanten einzeln ausrechnet und dann nur noch multipliziert oder Kehrwerte bildet.

(a) Transponieren ändert nichts. Es gilt det(A)=det(AT)\det(A) = \det(A^{\mathsf{T}}). Dabei ist ATA^{\mathsf{T}} die Transponierte: die an der Hauptdiagonale gespiegelte Matrix (Zeilen werden zu Spalten und umgekehrt). Praktische Folge: alles, was für Zeilen gilt, gilt auch für Spalten, und du darfst frei zwischen beiden wechseln.

(b) Produktregel. Es gilt det(AB)=det(A)det(B)\det(A \cdot B) = \det(A) \cdot \det(B). Die Determinante eines Matrixprodukts ist das Produkt der Determinanten. Das ist eine der mächtigsten Regeln, denn das Ausmultiplizieren von ABA \cdot B ist meist viel aufwändiger als zwei kleine Determinanten einzeln.

(c) Inverse. Falls AA invertierbar ist, gilt det(A1)=1det(A)\det(A^{-1}) = \dfrac{1}{\det(A)}. Das folgt direkt aus der Produktregel (b), angewandt auf AA1=IA \cdot A^{-1} = I. Wichtige Bemerkung am Rande: ist AA invertierbar, dann ist automatisch det(A)0\det(A) \neq 0, sonst dürfte man gar nicht durch det(A)\det(A) teilen.

(d) Blockdreiecks-Regel. Hat eine Matrix MM die Blockstruktur M=(AB0C)M = \begin{pmatrix} A & B \\ 0 & C \end{pmatrix} mit Untermatrizen AA, BB, CC und einem Nullblock unten links, dann gilt det(M)=det(A)det(C)\det(M) = \det(A) \cdot \det(C). Der Block BB oben rechts spielt für die Determinante keine Rolle. Bemerkung zu den Grössen: AA ist m×mm \times m, BB ist m×nm \times n, CC ist n×nn \times n, damit die Blöcke zusammenpassen.

!!!
Rechenregeln (a) bis (d)
(a)  det(A)=det(AT)(b)  det(AB)=det(A)det(B)(c)  det(A1)=1det(A)(falls A invertierbar)(d)  det ⁣(AB0C)=det(A)det(C)\begin{aligned} \text{(a)}\;& \det(A) = \det(A^{\mathsf{T}}) \\ \text{(b)}\;& \det(A \cdot B) = \det(A) \cdot \det(B) \\ \text{(c)}\;& \det(A^{-1}) = \frac{1}{\det(A)} \quad (\text{falls } A \text{ invertierbar}) \\ \text{(d)}\;& \det\!\begin{pmatrix} A & B \\ 0 & C \end{pmatrix} = \det(A) \cdot \det(C) \end{aligned}
Bei (d): AA ist m×mm\times m, CC ist n×nn\times n. Der Block BB oben rechts geht nicht ein.

Zwei Spezialfälle, die direkt aus diesen Regeln folgen und die du als fertige Formeln im Kopf haben solltest. Eine Diagonalmatrix hat ihre Determinante als Produkt der Diagonale: det(diag(d1,,dn))=d1d2dn\det(\operatorname{diag}(d_1, \ldots, d_n)) = d_1 \cdot d_2 \cdots d_n. Das ist nichts anderes als Eigenschaft (7) aus dem letzten Abschnitt, denn eine Diagonalmatrix ist ein Spezialfall der Dreiecksmatrix.

Diagonal- und Dreiecksmatrix
det(diag(d1,d2,,dn))=d1d2dn=det(Dreiecksmatrix)\begin{aligned} \det(\operatorname{diag}(d_1, d_2, \ldots, d_n)) &= d_1 \cdot d_2 \cdots d_n \\ &= \det(\text{Dreiecksmatrix}) \end{aligned}
Produkt der Diagonalelemente. Folgt aus Eigenschaft (7).
Formel Produktregel
det(AB)=det(A)det(B)\det(AB) = \det(A)\,\det(B)
Notation Notation: A transponiert
ATA^{\mathsf{T}} ist die an der Hauptdiagonale gespiegelte Matrix (Zeilen \leftrightarrow Spalten). Es gilt det(AT)=det(A)\det(A^{\mathsf{T}}) = \det(A).
Formel Inverse und Block
det(A1)=1det(A)det ⁣(AB0C)=det(A)det(C)\begin{aligned} \det(A^{-1}) &= \tfrac{1}{\det(A)} \\ \det\!\begin{pmatrix} A & B \\ 0 & C \end{pmatrix} &= \det(A)\det(C) \end{aligned}
Prüfungstipp det(A+B)det(A)+det(B)\det(A+B) \neq \det(A) + \det(B). Für Summen gibt es keine Formel. Gegenbeispiel in 3.6.

3.1.4 Durchgerechnete Beispiele

Jetzt rechnen wir drei typische Aufgaben Schritt für Schritt durch, in denen die Regeln aus 3.1.1 bis 3.1.3 zusammenspielen. Bei jedem Schritt steht das Warum daneben, damit du nicht nur siehst, was passiert, sondern auch, warum genau diese Regel zieht.

Beispiel 1: Produktregel, det(AB)\det(A \cdot B)

  1. Schritt 1: Die Aufgabe
    Gefragt ist det(AB)\det(A \cdot B). Statt ABA \cdot B mühsam auszumultiplizieren, nutzen wir die Produktregel (b) und rechnen die zwei Determinanten einzeln.
    Gegeben sind die zwei Matrizen:
    A=(148346211),B=(315401226)A = \begin{pmatrix} 1 & 4 & 8 \\ 3 & 4 & 6 \\ 2 & 1 & 1 \end{pmatrix}, \qquad B = \begin{pmatrix} 3 & 1 & 5 \\ 4 & 0 & 1 \\ 2 & 2 & 6 \end{pmatrix}
  2. Schritt 2: det(A) mit Sarrus
    Beide Matrizen sind 3×33 \times 3, also greift die Regel von Sarrus direkt.
    Hauptdiagonalen minus Nebendiagonalen:
    det(A)=(4+48+24)(64+6+12)=7682=6\det(A) = (4 + 48 + 24) - (64 + 6 + 12) = 76 - 82 = -6
  3. Schritt 3: det(B) mit Sarrus
    Gleiches Rezept für BB.
    Wieder Sarrus:
    det(B)=(0+2+40)(0+6+24)=4230=12\det(B) = (0 + 2 + 40) - (0 + 6 + 24) = 42 - 30 = 12
  4. Schritt 4: Produktregel anwenden
    Regel (b) sagt det(AB)=det(A)det(B)\det(A \cdot B) = \det(A) \cdot \det(B). Kein Ausmultiplizieren nötig.
    Einsetzen:
    det(AB)=(6)12=72\det(A \cdot B) = (-6) \cdot 12 = -72
  5. Schritt 5: Kontrolle durch Ausmultiplizieren
    Zur Probe rechnen wir ABA \cdot B doch aus und nehmen Sarrus. Hier sieht man, warum die Produktregel so wertvoll ist: die Einträge werden riesig.
    Mit AB=(35175737155512417)A \cdot B = \begin{pmatrix} 35 & 17 & 57 \\ 37 & 15 & 55 \\ 12 & 4 & 17 \end{pmatrix} liefert Sarrus dieselbe Zahl:
    det(AB)=(8925+11220+8436)(10260+7700+10693)=72\det(A \cdot B) = (8925 + 11220 + 8436) - (10260 + 7700 + 10693) = -72

Beispiel 2: det((AT)2)\det((A^{\mathsf{T}})^2) mit den Regeln (a) und (b)

  1. Schritt 1: Die Aufgabe und der Trick
    Gefragt ist det((AT)2)\det((A^{\mathsf{T}})^2). Mit Regel (b) ist det((AT)2)=det(AT)det(AT)=det(AT)2\det((A^{\mathsf{T}})^2) = \det(A^{\mathsf{T}}) \cdot \det(A^{\mathsf{T}}) = \det(A^{\mathsf{T}})^2, und mit Regel (a) ist det(AT)=det(A)\det(A^{\mathsf{T}}) = \det(A). Also reduziert sich alles auf det(A)2\det(A)^2.
    Gegeben:
    A=(101011112),det((AT)2)=det(A)2A = \begin{pmatrix} 1 & 0 & 1 \\ 0 & 1 & -1 \\ 1 & 1 & 2 \end{pmatrix}, \qquad \det((A^{\mathsf{T}})^2) = \det(A)^2
  2. Schritt 2: det(A) per Laplace nach der ersten Spalte
    Die erste Spalte hat eine Null (Position a21=0a_{21} = 0), das spart einen Minor. Wir entwickeln nach Spalte 1.
    Es tragen nur a11=1a_{11} = 1 und a31=1a_{31} = 1 bei, mit Vorzeichen (1)1+1=+(-1)^{1+1} = + und (1)3+1=+(-1)^{3+1} = +:
    det(A)=1det ⁣(1112)+1det ⁣(0111)\det(A) = 1 \cdot \det\!\begin{pmatrix} 1 & -1 \\ 1 & 2 \end{pmatrix} + 1 \cdot \det\!\begin{pmatrix} 0 & 1 \\ 1 & -1 \end{pmatrix}
  3. Schritt 3: Die zwei 2×2-Determinanten
    Beide Minoren sind 2×22 \times 2, also Hauptdiagonale minus Nebendiagonale.
    Ausrechnen:
    det(A)=1(2(1))+1(01)=31=2\det(A) = 1 \cdot (2 - (-1)) + 1 \cdot (0 - 1) = 3 - 1 = 2
  4. Schritt 4: Quadrieren
    Eingesetzt in det((AT)2)=det(A)2\det((A^{\mathsf{T}})^2) = \det(A)^2 aus Schritt 1.
    Ergebnis:
    det((AT)2)=22=4\det((A^{\mathsf{T}})^2) = 2^2 = 4

Beispiel 3: det(A1)\det(A^{-1}) mit Regel (c)

  1. Schritt 1: det(A) zuerst
    Regel (c) liefert det(A1)\det(A^{-1}) direkt aus det(A)\det(A). Also brauchen wir nur die Determinante von AA, nicht die ganze Inverse.
    Für die 2×22 \times 2-Matrix:
    A=(1234),det(A)=1423=2A = \begin{pmatrix} 1 & 2 \\ 3 & 4 \end{pmatrix}, \qquad \det(A) = 1 \cdot 4 - 2 \cdot 3 = -2
  2. Schritt 2: Regel (c) anwenden
    det(A1)=1det(A)\det(A^{-1}) = \frac{1}{\det(A)}, da det(A)=20\det(A) = -2 \neq 0 und AA damit invertierbar ist.
    Kehrwert bilden:
    det(A1)=1det(A)=12=12\det(A^{-1}) = \frac{1}{\det(A)} = \frac{1}{-2} = -\frac{1}{2}
  3. Schritt 3: Kontrolle über die explizite Inverse
    Zur Probe bilden wir A1A^{-1} explizit und rechnen die Determinante direkt.
    Mit A1=(213212)A^{-1} = \begin{pmatrix} -2 & 1 \\ \tfrac{3}{2} & -\tfrac{1}{2} \end{pmatrix} ergibt Hauptdiagonale minus Nebendiagonale:
    det(A1)=(2)(12)132=132=12\det(A^{-1}) = (-2)\cdot\left(-\tfrac{1}{2}\right) - 1\cdot\tfrac{3}{2} = 1 - \tfrac{3}{2} = -\tfrac{1}{2}
Merke Strategie
Erst die Rechenregel suchen, dann rechnen. Produkt \to (b), Transponierte \to (a), Inverse \to (c), Block \to (d).

3.2Graphische Bedeutung

3.2 Die Determinante als orientierter Flächeninhalt und Volumen

Bisher war die Determinante eine reine Rechenvorschrift. Aber was misst diese Zahl eigentlich geometrisch? Die Antwort ist überraschend anschaulich. Stell dir die Spalten der Matrix als Kantenvektoren vor, die einen Körper aufspannen. Bei einer 3×33 \times 3-Matrix spannen die drei Spalten einen verzerrten Schuhkarton auf (Fachwort: Parallelepiped oder Spat). Der Betrag det(A)|\det(A)| ist genau das Volumen dieses Schuhkartons.

Und das Vorzeichen? Es kodiert die Orientierung. Ein positives det\det bedeutet, die Spalten sind „rechtshändig" angeordnet wie die Standardbasis; ein negatives det\det heisst, die Schachtel ist sozusagen gespiegelt, auf die andere Seite gedreht. Der Volumeninhalt selbst ist immer der Betrag, das Vorzeichen sagt nur, in welcher Drehrichtung die Kanten liegen.

2×2: Fläche eines Parallelogramms. Ist AA eine 2×22 \times 2-Matrix, so ist det(A)\det(A) die (orientierte) Fläche des Parallelogramms, das von den zwei Spalten von AA aufgespannt wird. Die zwei Spaltenvektoren bilden zwei Kanten, das aufgespannte Parallelogramm hat als Flächeninhalt det(A)|\det(A)|.

3×3: Volumen eines Parallelepipeds. Ist AA eine 3×33 \times 3-Matrix, so ist det(A)\det(A) das (orientierte) Volumen des Parallelepipeds, das von den drei Spalten von AA aufgespannt wird. Das ist der verzerrte Schuhkarton von oben.

Bonus: Pyramidenvolumen. Aus dem Parallelepiped-Volumen folgt direkt das Volumen der zugehörigen Pyramide (Tetraeder), nämlich 16det(A)\tfrac{1}{6} \det(A). Der Faktor 16\tfrac{1}{6} ist derselbe wie bei der Formel „Grundfläche mal Höhe durch drei", nur in der Determinanten-Sprache.

!!
Geometrische Bedeutung (2×2 und 3×3)
det(A)=Fla¨che des Spalten-Parallelogramms(2×2)det(A)=Volumen des Spalten-Parallelepipeds(3×3)16det(A)=Pyramidenvolumen\begin{aligned} \det(A) &= \text{Fläche des Spalten-Parallelogramms} && (2 \times 2) \\ \det(A) &= \text{Volumen des Spalten-Parallelepipeds} && (3 \times 3) \\ \tfrac{1}{6}\det(A) &= \text{Pyramidenvolumen} \end{aligned}
Betrag = Inhalt, Vorzeichen = Orientierung (rechtshändig oder gespiegelt).

Diese geometrische Sicht erklärt sofort, warum det=0\det = 0 so besonders ist. Volumen null bedeutet: der Schuhkarton ist platt gedrückt. Die drei Kantenvektoren (Spalten) liegen dann in einer gemeinsamen Ebene oder gar auf einer Geraden, sie sind linear abhängig. Geometrisch ist eine Dimension kollabiert. Algebraisch heisst das: der Spaltenraum füllt nicht mehr den ganzen Rn\mathbb{R}^n, und damit ist AA nicht invertierbar. Genau diese Kette det=0\det = 0 \Leftrightarrow Volumen null \Leftrightarrow Spalten abhängig \Leftrightarrow nicht invertierbar verbindet die Geometrie mit der Lösbarkeitsfrage aus Abschnitt 3.4.

Merke Kernbild
det(A)|\det(A)| = Volumen des von den Spalten aufgespannten Parallelepipeds (verzerrter Schuhkarton). Vorzeichen = Orientierung.
Definition Parallelepiped
Der von drei Vektoren aufgespannte „verzerrte Schuhkarton" im R3\mathbb{R}^3 (auch Spat). Im R2\mathbb{R}^2 wird daraus ein Parallelogramm.

3.3Effiziente Berechnung der Determinante

3.3 Determinante aus der LR-Zerlegung

Angenommen, du hast AA bereits einmal mit Gauss in Dreiecksform gebracht, etwa weil du die LR-Zerlegung aus Kapitel 1 oder 2 schon berechnet hast. Musst du die Determinante dann nochmal von vorne rechnen? Nein. Du liest sie fast direkt ab. Das ist die effizienteste Art, eine Determinante zu bestimmen, sobald die Zerlegung vorliegt.

Kurz zur Notation, falls die LR-Zerlegung gerade nicht präsent ist. Bei der Zerlegung schreibt man LR=PALR = PA. Dabei ist LL eine Linksdreiecksmatrix (alles oberhalb der Diagonale null), RR eine Rechtsdreiecksmatrix (alles unterhalb der Diagonale null), und PP eine Permutationsmatrix, die buchführt, welche Zeilen beim Gauss vertauscht wurden. Manche Texte schreiben LL und UU statt LL und RR, gemeint ist dasselbe.

!!
Determinante via LR-Zerlegung
LR=PA    det(A)=det(P)det(R)=(1)#Zeilenvertauschungendet(R)\begin{aligned} LR = PA \;\Longrightarrow\; \det(A) &= \det(P)\cdot\det(R) \\ &= (-1)^{\#\text{Zeilenvertauschungen}} \cdot \det(R) \end{aligned}
PP = Permutationsmatrix, RR = Rechtsdreiecksmatrix.

Der entscheidende Punkt: RR ist eine Dreiecksmatrix, und für Dreiecksmatrizen ist die Determinante nach Eigenschaft (7) einfach das Produkt der Diagonale. Also det(R)=r11r22rnn\det(R) = r_{11} \cdot r_{22} \cdots r_{nn}. Der Faktor (1)#Zeilenvertauschungen(-1)^{\#\text{Zeilenvertauschungen}} vor dem Produkt zählt, wie oft beim Gauss Zeilen getauscht wurden; jeder Tausch flippt nach Eigenschaft (1) das Vorzeichen. Zusammengesetzt ergibt das die kompakte Formel im Kasten unten.

Determinante als Diagonalprodukt von R
det(A)=(1)#Zeilenvertauschungenr11r22rnn\det(A) = (-1)^{\#\text{Zeilenvertauschungen}} \cdot r_{11} \cdot r_{22} \cdots r_{nn}
Da RR eine Dreiecksmatrix ist (Eigenschaft 7): Determinante = Produkt der Diagonale, korrigiert um das Tausch-Vorzeichen.
Formel Schlüsselformel
det(A)=(1)#Vert.r11rnn\det(A) = (-1)^{\#\text{Vert.}} \cdot r_{11} \cdots r_{nn}
Notation Notation: L, R, P
LL = Linksdreiecksmatrix, RR = Rechtsdreiecksmatrix, PP = Permutationsmatrix (Zeilentausch-Buchführung), mit LR=PALR = PA. Manche Texte schreiben UU statt RR.

3.4Determinante und lineare Gleichungssysteme

3.4 Was die Determinante über die Lösbarkeit verrät

Wofür das alles? Hier ist die Auszahlung des ganzen Kapitels: für eine quadratische Matrix entscheidet eine einzige Zahl über die komplette Lösungsstruktur des Systems Ax=bA\mathbf{x} = \mathbf{b}. Du rechnest det(A)\det(A) aus, schaust, ob sie null ist oder nicht, und weisst sofort, ob das System eindeutig, gar nicht oder mehrdeutig lösbar ist. Die folgende Tabelle fasst die zwei Fälle zusammen.

Es gilt det(A)0\det(A) \neq 0 Es gilt det(A)=0\det(A) = 0
Ax=bA\mathbf{x} = \mathbf{b} ist für alle b\mathbf{b} lösbar Ax=bA\mathbf{x} = \mathbf{b} hat entweder keine oder unendlich viele Lösungen
Ax=bA\mathbf{x} = \mathbf{b} hat genau eine Lösung (je nach b\mathbf{b}: kein gemeinsamer Schnitt oder ganzer Lösungsraum)
Ax=0A\mathbf{x} = \mathbf{0} hat nur die triviale Lösung x=0\mathbf{x} = \mathbf{0} Ax=0A\mathbf{x} = \mathbf{0} hat unendlich viele Lösungen
rang(A)=n\operatorname{rang}(A) = n (voller Rang) rang(A)<n\operatorname{rang}(A) < n (Rangdefekt)
Determinante und Lösbarkeit für quadratische ARn×nA \in \mathbb{R}^{n \times n}

Zwei Begriffe, die hier immer wieder vorkommen und oft synonym verwendet werden, einmal sauber eingeführt. Eine Matrix heisst regulär, wenn sie invertierbar ist, also det(A)0\det(A) \neq 0. Sie heisst singulär, wenn sie nicht invertierbar ist, also det(A)=0\det(A) = 0. Regulär ist der „gute" Fall (eindeutig lösbar), singulär der „kritische" (etwas kollabiert). Diese Wörter solltest du ab jetzt im Schlaf zuordnen können.

Der Fall det(A)0\det(A) \neq 0 ist sogar Teil einer ganzen Kette gleichwertiger Aussagen. Für eine quadratische Matrix ARn×nA \in \mathbb{R}^{n \times n} sind die folgenden neun Aussagen alle äquivalent: sobald eine gilt, gelten alle; scheitert eine, scheitern alle. Die Determinante ist dabei der schnellste Auslöser, denn sie ist meist mit einer einzigen Rechnung geprüft.

Aussage Kurzform Perspektive
Voller Rang rang(A)=n\operatorname{rang}(A) = n Algebraisch
Determinante nicht null det(A)0\det(A) \neq 0 Volumen
Invertierbarkeit A1A^{-1} existiert Algebraisch
Allgemeine Lösbarkeit Ax=bA\mathbf{x} = \mathbf{b} b\forall \mathbf{b} Spaltensicht
Eindeutigkeit Genau eine Lösung Abbildungstheorie
Trivialer Kern ker(A)={0}\operatorname{ker}(A) = \{\mathbf{0}\} Homogenes System
Lineare Unabhängigkeit Spalten unabhängig Geometrisch
Basis Spalten = Basis von Rn\mathbb{R}^n Strukturell
Eigenwerte 00 kein Eigenwert Spektraltheorie
Die neun äquivalenten Aussagen für ARn×nA \in \mathbb{R}^{n \times n} (det(A)0\det(A) \neq 0 als Auslöser)
Merke Die Schlüsselkette
det(A)=0    \det(A) = 0 \;\Leftrightarrow\; singulär     \;\Leftrightarrow\; nicht invertierbar     \;\Leftrightarrow\; rang(A)<n\operatorname{rang}(A) < n (Rang nicht voll). Eine Zahl, vier Aussagen.
Notation Notation: regulär und singulär
regulär = invertierbar = det(A)0\det(A) \neq 0. singulär = nicht invertierbar = det(A)=0\det(A) = 0.

3.5Zusammenfassung der Konzepte

3.5 Der Lösbarkeits-Entscheidungsbaum

Fassen wir alle Fälle in einem Bild zusammen, das du im Kopf abspielen kannst, wenn ein Gleichungssystem vor dir liegt. Der ganze Entscheidungsbaum hat nur zwei Verzweigungen: Erstens, ist die Matrix quadratisch (n×nn \times n) oder nicht (m×nm \times n)? Zweitens, je nach Fall: was sagen Rang beziehungsweise Determinante? Aus diesen zwei Fragen folgt die komplette Lösungsstruktur. Keine neuen Formeln, nur eine saubere Synthese von Abschnitt 3.4 und den Lösungsfällen aus Kapitel 1.

Fall 1: nicht-quadratische Matrix ARm×nA \in \mathbb{R}^{m \times n}. Hier gibt es keine Determinante, man argumentiert über den Rang. Man vergleicht rang(A)\operatorname{rang}(A) mit rang([Ab])\operatorname{rang}([A \mid \mathbf{b}]) (dem Rang der augmentierten Matrix). Sind sie verschieden, hat das System keine Lösung. Sind sie gleich (nennen wir den Wert rr), so hängt es von rr gegen nn ab: ist r=nr = n, gibt es eine eindeutige Lösung; ist r<nr < n, gibt es nrn - r freie Parameter und damit unendlich viele Lösungen.

Fall 1: A ist m×n (Rangvergleich)
rang(A)rang([Ab])  keine Lo¨sungrang(A)=rang([Ab])=r=n  eindeutige Lo¨sungrang(A)=rang([Ab])=r<n  (nr) freie Parameter\begin{aligned} &\operatorname{rang}(A) \neq \operatorname{rang}([A \mid \mathbf{b}]) \\ &\quad \Rightarrow\; \text{keine Lösung} \\ &\operatorname{rang}(A) = \operatorname{rang}([A \mid \mathbf{b}]) = r = n \\ &\quad \Rightarrow\; \text{eindeutige Lösung} \\ &\operatorname{rang}(A) = \operatorname{rang}([A \mid \mathbf{b}]) = r < n \\ &\quad \Rightarrow\; (n - r) \text{ freie Parameter} \end{aligned}
[Ab][A \mid \mathbf{b}] = augmentierte Matrix. Dies ist das Frobenius-Kriterium aus Kapitel 1.

Fall 2: quadratische Matrix ARn×nA \in \mathbb{R}^{n \times n}. Hier kommt die Determinante ins Spiel, und man trennt zusätzlich nach inhomogenem (Ax=bA\mathbf{x} = \mathbf{b}) und homogenem (Ax=0A\mathbf{x} = \mathbf{0}) System. Bei det(A)0\det(A) \neq 0 gibt es für Ax=bA\mathbf{x} = \mathbf{b} stets eine eindeutige Lösung und für Ax=0A\mathbf{x} = \mathbf{0} nur die triviale Lösung x=0\mathbf{x} = \mathbf{0}. Bei det(A)=0\det(A) = 0 hat Ax=bA\mathbf{x} = \mathbf{b} je nach b\mathbf{b} keine oder (nr)(n - r)-parametrige Lösungen (mit r=rang(A)<nr = \operatorname{rang}(A) < n), und Ax=0A\mathbf{x} = \mathbf{0} hat stets unendlich viele (mindestens eine nichttriviale).

!!
Fall 2: A ist n×n (Determinante entscheidet)
det(A)0:Ax=b    eindeutige Lo¨sungAx=0    nur x=0det(A)=0:Ax=b    keine oder (nr)-parametrigAx=0    unendlich viele\begin{aligned} &\det(A) \neq 0: \\ &\quad A\mathbf{x} = \mathbf{b} \;\Rightarrow\; \text{eindeutige Lösung} \\ &\quad A\mathbf{x} = \mathbf{0} \;\Rightarrow\; \text{nur } \mathbf{x} = \mathbf{0} \\[4pt] &\det(A) = 0: \\ &\quad A\mathbf{x} = \mathbf{b} \;\Rightarrow\; \text{keine oder } (n-r)\text{-parametrig} \\ &\quad A\mathbf{x} = \mathbf{0} \;\Rightarrow\; \text{unendlich viele} \end{aligned}
r=rang(A)r = \operatorname{rang}(A). Das homogene System Ax=0A\mathbf{x} = \mathbf{0} ist immer lösbar (mindestens x=0\mathbf{x} = \mathbf{0}).
Merke Drei Zutaten
Der ganze Baum = Rang + Determinante + „quadratisch?". Quadratisch und det0\det \neq 0 \Rightarrow eindeutig. Sonst Rangvergleich rang(A)\operatorname{rang}(A) gegen rang([Ab])\operatorname{rang}([A \mid \mathbf{b}]).
Formel Freie Parameter
#freie Parameter=nrang(A)\#\text{freie Parameter} = n - \operatorname{rang}(A)

3.6Beispiele

3.6 Durchgerechnete Beispiele

Zum Abschluss vier grössere Aufgaben, in denen die effizienten Tricks (Gauss, Laplace, Blockregel und das blosse Hinschauen) den Unterschied zwischen einer Minute und einer Stunde machen. Achte bei jedem Beispiel darauf, welche Eigenschaft oder Regel den Aufwand drückt; das ist die eigentliche Lektion, nicht das Endergebnis.

Beispiel A: 6×6 mit der Blockregel (d) und Singularität

  1. Schritt 1: Die Aufgabe
    Eine 6×66 \times 6-Matrix mit Parametern a,b,c,da, b, c, d rekursiv per Laplace zu rechnen wäre sehr lang. Aber der Nullblock unten rechts schreit nach der Blockregel (d).
    Gegeben ist die Matrix mit einem grossen Nullbereich:
    M=(a000001201002b030007120014071c51d412)M = \begin{pmatrix} a & 0 & 0 & 0 & 0 & 0 \\ 1 & -2 & 0 & -1 & 0 & 0 \\ 2 & b & 0 & 3 & 0 & 0 \\ 0 & 7 & 1 & -2 & 0 & 0 \\ -1 & 4 & 0 & 7 & -1 & c \\ 5 & 1 & d & 4 & 1 & 2 \end{pmatrix}
  2. Schritt 2: In Blöcke aufteilen
    Die Blockregel (d) verlangt die Form (AB0C)\begin{pmatrix} A & B \\ 0 & C \end{pmatrix} mit Nullblock unten links. Wir teilen MM in einen 4×44 \times 4-Block AA oben links und einen 2×22 \times 2-Block DD unten rechts.
    Mit AA als oberer 4×44 \times 4-Block und DD als unterer 2×22 \times 2-Block (der Block oben rechts ist null, also liegt die passende Blockform vor):
    det(M)=det(A)det(D),A=(a00012012b030712),  D=(1c12)\det(M) = \det(A) \cdot \det(D), \quad A = \begin{pmatrix} a & 0 & 0 & 0 \\ 1 & -2 & 0 & -1 \\ 2 & b & 0 & 3 \\ 0 & 7 & 1 & -2 \end{pmatrix},\; D = \begin{pmatrix} -1 & c \\ 1 & 2 \end{pmatrix}
  3. Schritt 3: det(A) per Laplace
    Die erste Spalte von AA hat zwei Nullen, die dritte Spalte sogar drei. Wir entwickeln geschickt nach Zeilen und Spalten mit Nullen und erhalten nach kurzer Rechnung einen Ausdruck in aa und bb.
    Entwickeln liefert (zuerst aa aus der ersten Spalte herausziehen, dann den 3×33 \times 3-Minor):
    det(A)=a(1)det ⁣(21b3)=a(b6)\det(A) = a \cdot (-1) \cdot \det\!\begin{pmatrix} -2 & -1 \\ b & 3 \end{pmatrix} = -a \cdot (b - 6)
  4. Schritt 4: det(D) direkt
    DD ist nur 2×22 \times 2, also Hauptdiagonale minus Nebendiagonale.
    Ausrechnen:
    det(D)=det ⁣(1c12)=(1)2c1=2c\det(D) = \det\!\begin{pmatrix} -1 & c \\ 1 & 2 \end{pmatrix} = (-1)\cdot 2 - c\cdot 1 = -2 - c
  5. Schritt 5: Zusammensetzen
    Blockregel (d): einfach die beiden Block-Determinanten multiplizieren.
    Das Gesamtergebnis:
    det(M)=a(b6)(2c)\det(M) = -a \cdot (b - 6) \cdot (-2 - c)
  6. Schritt 6: Wann ist M singulär?
    MM ist genau dann singulär, wenn det(M)=0\det(M) = 0. Ein Produkt ist null, sobald einer der Faktoren null ist. Beachte: der Parameter dd taucht im Ergebnis gar nicht auf, er ist für die Determinante irrelevant.
    det(M)=0\det(M) = 0 tritt ein für:
    a=0oderb=6oderc=2a = 0 \quad \text{oder} \quad b = 6 \quad \text{oder} \quad c = -2

Beispiel B: det(A+B)det(A)+det(B)\det(A + B) \neq \det(A) + \det(B) am Gegenbeispiel

  1. Schritt 1: Die Frage
    Diese Aufgabe löst die in Abschnitt 3.1.3 angekündigte Stolperfalle ein: gilt det(A+B)=det(A)+det(B)\det(A + B) = \det(A) + \det(B)? Wir prüfen es an konkreten 4×44 \times 4-Matrizen nach.
    Gegeben:
    A=(0111101111011110),B=(40311312401361124)A = \begin{pmatrix} 0 & 1 & 1 & 1 \\ 1 & 0 & 1 & 1 \\ 1 & 1 & 0 & 1 \\ 1 & 1 & 1 & 0 \end{pmatrix}, \quad B = \begin{pmatrix} 4 & 0 & 3 & 1 \\ 1 & 3 & 12 & 4 \\ 0 & 1 & 3 & 6 \\ 1 & 1 & 2 & 4 \end{pmatrix}
  2. Schritt 2: det(A) per Gauss und Laplace
    Mit Zeilenoperationen (Eigenschaft 2, ändert nichts) erzeugen wir Nullen und entwickeln dann.
    Nach Umformung und Entwicklung:
    det(A)=3\det(A) = -3
  3. Schritt 3: det(B) per Gauss und Laplace
    Gleiches Vorgehen für BB: Nullen erzeugen, dann Laplace.
    Man erhält:
    det(B)=120\det(B) = 120
  4. Schritt 4: Die Summe der Determinanten
    Das wäre die rechte Seite der fraglichen Gleichung.
    Addieren:
    det(A)+det(B)=3+120=117\det(A) + \det(B) = -3 + 120 = 117
  5. Schritt 5: det(A + B) separat
    Jetzt bilden wir erst A+BA + B und rechnen davon die Determinante, also die linke Seite.
    Mit A+B=(41422313512372234)A + B = \begin{pmatrix} 4 & 1 & 4 & 2 \\ 2 & 3 & 13 & 5 \\ 1 & 2 & 3 & 7 \\ 2 & 2 & 3 & 4 \end{pmatrix} liefert die Rechnung:
    det(A+B)=173\det(A + B) = 173
  6. Schritt 6: Vergleich
    Die zwei Zahlen sind verschieden, also ist die Gleichung widerlegt.
    Da 117173117 \neq 173, gilt:
    det(A+B)det(A)+det(B)\det(A + B) \neq \det(A) + \det(B)

Beispiel C: Parameter-Matrix per Gauss auf Dreiecksform

  1. Schritt 1: Die Aufgabe
    Die Spalten sind Vielfache von a,b,c,da, b, c, d. Direktes Laplace wäre unübersichtlich; stattdessen formen wir mit Gauss auf Dreiecksform um (Eigenschaft 2 ändert die Determinante nicht) und lesen sie als Diagonalprodukt ab (Eigenschaft 7).
    Gegeben:
    A=(abcd3a2b3c2dabcd2a2b2cd)A = \begin{pmatrix} a & b & c & d \\ -3a & 2b & 3c & 2d \\ a & b & -c & d \\ -2a & -2b & -2c & d \end{pmatrix}
  2. Schritt 2: Gauss auf Dreiecksform
    Mit den Zeilenoperationen R2R2+3R1R_2 \to R_2 + 3R_1, R3R3R1R_3 \to R_3 - R_1, R4R4+2R1R_4 \to R_4 + 2R_1 entstehen Nullen unter der ersten Spalte. Eigenschaft (2) garantiert, dass sich die Determinante dabei nicht ändert.
    Nach den Umformungen liegt eine obere Dreiecksform vor:
    A    (abcd05b6c5d002c00003d)A \;\longrightarrow\; \begin{pmatrix} a & b & c & d \\ 0 & 5b & 6c & 5d \\ 0 & 0 & -2c & 0 \\ 0 & 0 & 0 & 3d \end{pmatrix}
  3. Schritt 3: Diagonale multiplizieren
    Für eine Dreiecksmatrix ist die Determinante nach Eigenschaft (7) das Produkt der Diagonalelemente.
    Diagonalprodukt a5b(2c)3da \cdot 5b \cdot (-2c) \cdot 3d:
    det(A)=a5b(2c)3d=30abcd\det(A) = a \cdot 5b \cdot (-2c) \cdot 3d = -30\,abcd

Beispiel D: 7×7, aber erst hinschauen statt rechnen

  1. Schritt 1: Die Aufgabe
    Eine 7×77 \times 7-Matrix voller Parameter sieht nach stundenlanger Rechnung aus. Panik? Aber warte, erst genau hinschauen.
    Gegeben ist eine 7×77 \times 7-Matrix mit Einträgen aus {a,b,c,d}\{a, b, c, d\}. Beim genauen Vergleich der Zeilen fällt etwas auf:
    AR7×7,Zeile 2=Zeile 6A \in \mathbb{R}^{7 \times 7}, \qquad \text{Zeile } 2 = \text{Zeile } 6
  2. Schritt 2: Eigenschaft (4) anwenden
    Die zweite und die sechste Zeile sind identisch. Nach Eigenschaft (4) ist die Determinante einer Matrix mit zwei gleichen Zeilen sofort null, ganz ohne Rechnung.
    Es folgt direkt:
    det(A)=0\det(A) = 0
Merke Erst hinschauen
Vor jeder grossen Rechnung prüfen: zwei gleiche Zeilen (Eig. 4)? Nullzeile (Eig. 5)? Block- oder Dreiecksstruktur (Eig. 7, Regel d)? Oft ist die Aufgabe in zwei Zeilen erledigt.
Formel Blockregel im Einsatz
det ⁣(AB0C)=det(A)det(C)\det\!\begin{pmatrix} A & B \\ 0 & C \end{pmatrix} = \det(A)\det(C)

Aufgaben mit Musterlösungen

Aufgaben mit ausführlichen Musterlösungen folgen, sobald geeignete Übungsaufgaben ausgewählt sind. Bis dahin lohnt es sich, die durchgerechneten Beispiele in 3.1.4 und 3.6 selbst nachzurechnen.

Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.

MerkeErst selbst rechnen, dann Lösung prüfen!