1.1Schreibweisen eines Gleichungssystems

1.1.1 Explizite Form

Stell dir vor, du hast drei Bedingungen an drei unbekannte Zahlen, und alle drei müssen gleichzeitig stimmen. Das ist ein Schloss mit mehreren Stiften: ein einziger Schlüssel muss sie alle auf einmal öffnen, nicht jeden für sich. Genau das ist ein lineares Gleichungssystem. Bevor wir lösen können, brauchen wir eine saubere Sprache, um solche Bündel von Bedingungen aufzuschreiben.

Ein lineares Gleichungssystem (LGS) ist eine Sammlung von mm Gleichungen in nn Unbekannten x1,x2,,xnx_1, x_2, \ldots, x_n. „Linear" heisst dabei: jede Unbekannte kommt nur mit der ersten Potenz vor, nie als x12x_1^2, nie als x1x2x_1 x_2, nie unter einer Wurzel. Wir suchen alle Wertekombinationen der xjx_j, die jede einzelne Gleichung erfüllen.

Die explizite Form schreibt jede Gleichung einzeln untereinander. Bevor du die nächste Formel liest, eine Sache zur Notation, an der Anfänger oft hängenbleiben: der Koeffizient aija_{ij} trägt zwei Indizes. Der erste Index ii sagt, in welcher Gleichung (welcher Zeile) wir stehen; der zweite Index jj sagt, zu welcher Unbekannten xjx_j er gehört. Also: a23a_{23} ist der Faktor vor x3x_3 in der zweiten Gleichung. Die rechte Seite bib_i ist die Zahl, die in der ii-ten Gleichung hinter dem Gleichheitszeichen steht.

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Explizite Form eines LGS mit m Gleichungen und n Unbekannten
a11x1+a12x2++a1nxn=b1a21x1+a22x2++a2nxn=b2am1x1+am2x2++amnxn=bm\begin{array}{rcl} a_{11}x_1 + a_{12}x_2 + \cdots + a_{1n}x_n &=& b_1 \\ a_{21}x_1 + a_{22}x_2 + \cdots + a_{2n}x_n &=& b_2 \\ \vdots & & \vdots \\ a_{m1}x_1 + a_{m2}x_2 + \cdots + a_{mn}x_n &=& b_m \end{array}
m = Anzahl Gleichungen (Zeilen), n = Anzahl Unbekannten. Jede Zeile ist genau eine Gleichung.

Ein ganz kleines Beispiel zum Anfassen: zwei Gleichungen, zwei Unbekannte. Hier ist m=2m = 2 und n=2n = 2.

Beispiel: ein 2×2-System
x1+x2=02x13x2=2\begin{array}{rcl} x_1 + x_2 &=& 0 \\ 2x_1 - 3x_2 &=& 2 \end{array}
Gesucht ist das Zahlenpaar (x₁, x₂), das beide Zeilen zugleich erfüllt.
Notation Notation: aija_{ij}, bib_i, xjx_j
aija_{ij}: Koeffizient in Gleichung ii vor Unbekannter xjx_j (erster Index = Zeile, zweiter = Spalte). bib_i: rechte Seite der ii-ten Gleichung. xjx_j: die jj-te Unbekannte.
Definition Lineares Gleichungssystem (LGS)
Sammlung von mm linearen Gleichungen in nn Unbekannten x1,,xnx_1, \ldots, x_n. Gesucht: alle x\mathbf{x}, die alle mm Gleichungen gleichzeitig erfüllen.

1.1.2 Matrixform

Das viele aija_{ij}-Hinschreiben nervt schnell, vor allem bei grösseren Systemen. Geht das kürzer? Ja. Wir sortieren die Koeffizienten in ein Rechteck, die Unbekannten in eine Spalte und die rechten Seiten in eine zweite Spalte. Aus dem ganzen Block wird dann eine einzige kompakte Gleichung.

Die Koeffizientenmatrix AA sammelt alle aija_{ij} in einem rechteckigen Schema: Zeile ii, Spalte jj trägt den Eintrag aija_{ij}. Der Unbekanntenvektor x\mathbf{x} stapelt x1,,xnx_1, \ldots, x_n in eine Spalte, der Vektor b\mathbf{b} stapelt die rechten Seiten b1,,bmb_1, \ldots, b_m. Damit schrumpft das ganze System auf die Matrixform Ax=bA\mathbf{x} = \mathbf{b}. Vektoren schreiben wir in der linearen Algebra fett (x\mathbf{x}, b\mathbf{b}), nicht mit Pfeil; ein fettes Symbol ist also immer ein ganzer Spaltenvektor, ein normales Symbol eine einzelne Zahl.

Eine kleine, aber wichtige Notationsregel zur Grösse: Am×nA^{m \times n} (oder Am×nA_{m \times n}) bedeutet, dass AA genau mm Zeilen und nn Spalten hat. Reihenfolge: Zeilen zuerst, Spalten danach. Das ist die klassische Verwechslungsstelle; präg dir „Zeilen mal Spalten" ein, wie bei einer Kinosaal-Angabe „Reihen mal Plätze".

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Matrixform eines LGS
Ax=bA\mathbf{x} = \mathbf{b}
Eine einzige Gleichung steht jetzt für das ganze System.
Die drei Bausteine A, x und b
A=(a11a12a1na21a22a2nam1am2amn),x=(x1x2xn),b=(b1b2bm)\begin{aligned} A &= \begin{pmatrix} a_{11} & a_{12} & \cdots & a_{1n} \\ a_{21} & a_{22} & \cdots & a_{2n} \\ \vdots & \vdots & \ddots & \vdots \\ a_{m1} & a_{m2} & \cdots & a_{mn} \end{pmatrix}, \\[6pt] \mathbf{x} &= \begin{pmatrix} x_1 \\ x_2 \\ \vdots \\ x_n \end{pmatrix}, \qquad \mathbf{b} = \begin{pmatrix} b_1 \\ b_2 \\ \vdots \\ b_m \end{pmatrix} \end{aligned}
A hat m Zeilen und n Spalten, x hat n Einträge, b hat m Einträge.

Unser 2×2-Beispiel von oben sieht in Matrixform so aus.

Beispiel: das 2×2-System als Matrix und Vektor
A=(1123),b=(02)A = \begin{pmatrix} 1 & 1 \\ 2 & -3 \end{pmatrix}, \quad \mathbf{b} = \begin{pmatrix} 0 \\ 2 \end{pmatrix}

Beim Rechnen tippt man AA und b\mathbf{b} nicht getrennt, sondern schreibt sie nebeneinander in ein Schema und trennt sie durch einen senkrechten Strich. Das heisst augmentierte Matrix [Ab][\,A \mid \mathbf{b}\,]. Der Strich ist reine Buchhaltung: er erinnert dich nur daran, wo die Koeffizienten aufhören und die rechte Seite beginnt, und hat selbst keine mathematische Bedeutung. So musst du bei den Umformungen die rechte Seite nicht aus den Augen verlieren.

Augmentierte Matrix
[Ab]=[a11a12a1nb1a21a22a2nb2am1am2amnbm][\,A \mid \mathbf{b}\,] = \left[\begin{array}{cccc|c} a_{11} & a_{12} & \cdots & a_{1n} & b_1 \\ a_{21} & a_{22} & \cdots & a_{2n} & b_2 \\ \vdots & \vdots & \ddots & \vdots & \vdots \\ a_{m1} & a_{m2} & \cdots & a_{mn} & b_m \end{array}\right]
Der senkrechte Strich trennt Koeffizienten von der rechten Seite und hat keine eigene mathematische Bedeutung.
Notation Notation: Am×nA^{m \times n}
Am×nA^{m \times n} bedeutet: AA hat mm Zeilen und nn Spalten. Reihenfolge: Zeilen zuerst, Spalten danach.
Definition Augmentierte Matrix
Schreibhilfe [Ab][\,A \mid \mathbf{b}\,], die Koeffizienten und rechte Seite in einem Objekt zusammenfasst. Der Trennstrich markiert nur die Grenze, er trägt keine mathematische Bedeutung.
Merke Worauf alles zielt
Wie wir gesehen haben: auf die Matrixschreibweise. Sie ist die Form, in der wir gleich die Lösungen finden, das ganze Verfahren spielt auf [Ab][\,A \mid \mathbf{b}\,].

1.2Lösungen finden mit dem Gauss-Verfahren

1.2.1 Erlaubte Zeilenoperationen

Welche Umformungen darf ich an einem Gleichungssystem überhaupt machen, ohne die Lösungen zu verfälschen? Diese Frage steht vor allem anderen. Denke an eine normale Gleichung wie 2x=62x = 6: du darfst beide Seiten halbieren und bekommst x=3x = 3, dieselbe Lösung. Genau dieselbe Idee, nur mit ganzen Zeilen statt einer Gleichung, steckt hinter dem Gauss-Verfahren.

Ein LGS lösen heisst: das System so lange in ein gleichwertiges (äquivalentes) System umzuformen, bis die Antwort direkt dasteht. „Gleichwertig" bedeutet: das neue System hat exakt dieselbe Lösungsmenge wie das alte. Erlaubt sind dafür drei elementare Zeilenoperationen. Wir schreiben RiR_i für die ii-te Zeile (engl. row):

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Die drei elementaren Zeilenoperationen
(1) Tausch:RiRj(2) Skalieren:RiλRi,λ0(3) Addition:RiRi+αRj,ij\begin{array}{ll} \text{(1) Tausch:} & R_i \leftrightarrow R_j \\ \text{(2) Skalieren:} & R_i \to \lambda\, R_i, \quad \lambda \neq 0 \\ \text{(3) Addition:} & R_i \to R_i + \alpha\, R_j, \quad i \neq j \end{array}
λ ist ein beliebiger Skalar ungleich 0, α ein beliebiger Skalar. Alle drei Operationen erhalten die Lösungsmenge.

In Worten: (1) du darfst zwei Zeilen vertauschen; (2) du darfst eine Zeile mit einer Zahl λ0\lambda \neq 0 multiplizieren; (3) du darfst zu einer Zeile ein Vielfaches einer anderen Zeile addieren. Warum genau diese drei und warum ändern sie nichts? Weil jede von ihnen umkehrbar ist: einen Zeilentausch macht ein erneuter Tausch rückgängig, ein Skalieren mit λ\lambda das Skalieren mit 1/λ1/\lambda, eine Addition von αRj\alpha R_j die Subtraktion desselben. Wenn man jeden Schritt wieder zurückdrehen kann, kann auch keine Lösung verlorengehen oder dazukommen, die Lösungsmenge bleibt unangetastet.

Eine ehrliche Anmerkung zur Quelle: in der Vorlesung werden formal nur zwei Operationen genannt (Tausch und Addition), und sie sind dort sogar für Zeilen oder Spalten erlaubt. Das Skalieren einer Zeile ist aber ebenfalls eine völlig legale, umkehrbare Operation, und in der Praxis (und in der Übung) braucht man sie ständig, etwa um einen Pivot auf 11 zu bringen. Wir führen sie deshalb von Anfang an mit auf. Und wir beschränken uns bewusst auf Zeilen: ein Spaltentausch vertauscht die Unbekannten xjx_j untereinander und müsste extra mitprotokolliert werden, sonst verwechselt man am Ende, welche Zahl zu welcher Variablen gehört.

Notation Notation: RiR_i
RiR_i steht für die ii-te Zeile der (augmentierten) Matrix. RiRjR_i \leftrightarrow R_j: tausche Zeile ii und jj. RiRi+αRjR_i \to R_i + \alpha R_j: ersetze Zeile ii durch sich selbst plus α\alpha-mal Zeile jj.
Definition Elementare Zeilenoperation
Eine von drei zulässigen Umformungen einer Zeile: Tausch, Skalierung mit λ0\lambda \neq 0, oder Addition eines Vielfachen einer anderen Zeile. Jede erhält die Lösungsmenge.
Merke Abweichung von der Vorlesung
Die Vorlesung listet formal nur zwei Operationen (auch für Spalten). Wir nehmen das Skalieren dazu und bleiben bei Zeilen, das ist der saubere Standard fürs Lösen eines LGS.

1.2.2 Kochrezept der Gauss-Elimination

Jetzt das Rezept selbst, in drei Schritten. Danach kennst du zu jedem System die vollständige Lösungsmenge, egal ob es eine, keine oder unendlich viele Lösungen hat. Das Bild dazu: wir bauen aus dem Wust von Gleichungen eine Treppe. Jede Stufe der Treppe fixiert eine Variable mehr, und ganz unten steht am Ende die einfachste Gleichung, aus der wir starten.

Schritt 1. Bringe die augmentierte Matrix [Ab][\,A \mid \mathbf{b}\,] mit den Zeilenoperationen aus 1.2.1 auf Zeilenstufenform (ZSF), auch Dreiecksform genannt. Ziel: unterhalb der Treppenstufen stehen nur noch Nullen. Schritt 2. Lies die Lösung durch Rückwärtseinsetzen ab: starte bei der untersten nicht-trivialen Zeile, berechne die dortige Variable, setze sie in die Zeile darüber ein, und arbeite dich nach oben. Schritt 3. Bestimme, welcher der drei Fälle vorliegt: eindeutige Lösung, unendlich viele Lösungen oder keine Lösung. Wie man diesen Fall der ZSF ansieht, ist genau das Thema von 1.2.3.

Das erste Nicht-Null-Element einer Zeile in der ZSF heisst Pivot (sprich: „Piwo", franz. für Dreh- oder Angelpunkt). Die Pivots sind die Vorderkanten der Treppenstufen und der Bezugspunkt für das ganze Verfahren: an ihnen orientiert sich, was du eliminierst und welche Variable eine Stufe bekommt.

Zeilenstufenform (Schema, Pivots markiert)
[00000000]\begin{bmatrix} \boxed{\ast} & \ast & \ast & \ast \\ 0 & \boxed{\ast} & \ast & \ast \\ 0 & 0 & 0 & \boxed{\ast} \\ 0 & 0 & 0 & 0 \end{bmatrix}
Jeder Pivot (markiert) steht strikt weiter rechts als der Pivot der Zeile darüber. Reine Nullzeilen stehen ganz unten.

Ein konkretes Zahlenbeispiel einer fertigen ZSF, damit du die Pivots wirklich siehst. Hier sind 11, 44 und 66 die Pivots (die markierten Einträge).

Beispiel: eine Matrix in Zeilenstufenform
(123704580069)\begin{pmatrix} \boxed{1} & 2 & 3 & 7 \\ 0 & \boxed{4} & 5 & 8 \\ 0 & 0 & \boxed{6} & 9 \end{pmatrix}
Pivots: 1, 4, 6. Unter jedem Pivot stehen nur Nullen, jeder Pivot weiter rechts als der darüber.
Notation Notation: Pivot
Pivot = erstes Nicht-Null-Element einer Zeile in der Zeilenstufenform. Die Pivots sind die Vorderkanten der Treppenstufen.
Definition Zeilenstufenform (ZSF)
Matrixform, bei der in jeder Zeile der Pivot strikt rechts vom Pivot der Zeile darüber liegt und Nullzeilen ganz unten stehen. Auch Dreiecksform genannt.
Merke Drei mögliche Fälle
Nach dem Aufstellen der ZSF gibt es genau drei Möglichkeiten für die Lösungsmenge: eindeutig, unendlich viele, oder keine. Welcher Fall vorliegt, klärt 1.2.3.

1.2.3 Folgerungen aus der Stufenform

Die Zeilenstufenform steht da, die Treppe ist gebaut. Wie liest man ihr jetzt ab, ob es Lösungen gibt und wie viele? Das ist die wichtigste Frage des ganzen Kapitels, und sie hängt an einer einzigen Zahl: dem Rang. Wir bauen die Antwort Stück für Stück auf.

Zuerst die Variablen. Eine Variable xkx_k, über deren Spalte ein Pivot steht, heisst Pivot-Variable. Alle übrigen Variablen heissen freie Variablen oder freie Parameter: ihren Wert darfst du frei wählen, und jede Wahl liefert eine eigene Lösung. Die Pivot-Variablen ergeben sich dann zwangsläufig aus den freien.

Beispiel: Pivot-Variablen und freie Variablen
[12140823]\left[\begin{array}{ccc|c} \boxed{1} & 2 & -1 & 4 \\ 0 & \boxed{-8} & 2 & -3 \end{array}\right]
Pivots in Spalte 1 und 2, also sind x₁ und x₂ Pivot-Variablen; x₃ hat keinen Pivot und ist freier Parameter.

Jetzt die zentrale Kennzahl. Der Rang rr einer Matrix ist die Anzahl der Nicht-Null-Zeilen in ihrer Zeilenstufenform, gleichbedeutend: die Anzahl der Pivots. Anschaulich misst rr, wie viele der Zeilen wirklich unabhängige Information tragen; eine Zeile, die sich aus anderen kombinieren lässt, fällt in der ZSF zu einer Nullzeile zusammen und zählt nicht mit. Man kann den Rang gleichwertig als die maximale Anzahl linear unabhängiger Zeilen (oder Spalten) definieren. Wir notieren ihn r=rang(A)r = \operatorname{rang}(A). Ein Hinweis aus der Vorlesung: der Rang ist eine Eigenschaft der Matrix, nicht des LGS.

Beispiel: Rang einer Matrix in ZSF
A=(123045006),rang(A)=r=3A = \begin{pmatrix} 1 & 2 & 3 \\ 0 & 4 & 5 \\ 0 & 0 & 6 \end{pmatrix}, \quad \operatorname{rang}(A) = r = 3
Drei Nicht-Null-Zeilen, also r = 3. Hier ist die Matrix 3×3 mit vollem Rang.

Der Rang verknüpft sich direkt mit der Zählung der Variablen. Erinnerung an die Grössen-Notation: Am×nA^{m \times n} hat mm Zeilen und nn Spalten. Es gilt immer 0rm0 \le r \le m (mehr Pivots als Zeilen kann es nicht geben). Und wenn m=nm = n (quadratische Matrix), ist die Anzahl der Pivot-Variablen genau rr, und die Anzahl der freien Variablen genau nrn - r. Diese Differenz nrn - r ist die Zahl, die uns gleich verrät, wie viele Parameter eine unendliche Lösungsmenge hat.

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Rang, Pivot-Variablen und freie Variablen
0rm,#Pivot-Variablen=r,#freie Variablen=nr\begin{aligned} 0 &\le r \le m, \\[2pt] \#\,\text{Pivot-Variablen} &= r, \\[2pt] \#\,\text{freie Variablen} &= n - r \end{aligned}
Die Zählung der freien Variablen über nrn - r gilt allgemein; rmr \le m folgt, weil es nicht mehr Pivots als Zeilen geben kann.

Bleibt die Frage nach der Lösbarkeit. Bringt man [Ab][\,A \mid \mathbf{b}\,] auf ZSF, kann es passieren, dass eine Zeile auf der linken Seite komplett Null wird, rechts aber eine Zahl 0\neq 0 stehenbleibt. So eine Zeile fordert 0=(etwas0)0 = (\text{etwas} \neq 0), also etwas Unmögliches. Das allgemeine Schema sieht so aus: die ersten rr Zeilen tragen Pivots, darunter (Zeilen r+1r+1 bis mm) ist die linke Seite Null.

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ZSF-Schema für die Verträglichkeit
[b10b2000br0000br+10000bm]\left[\begin{array}{ccccc|c} \ast & \ast & \cdots & \ast & \ast & b_1 \\ 0 & \ast & \cdots & \ast & \ast & b_2 \\ \vdots & & \ddots & & \vdots & \vdots \\ 0 & 0 & \cdots & 0 & \ast & b_r \\ 0 & 0 & \cdots & 0 & 0 & b_{r+1} \\ \vdots & & & & \vdots & \vdots \\ 0 & 0 & \cdots & 0 & 0 & b_m \end{array}\right]
Verträglichkeitsbedingung: das LGS ist lösbar (konsistent) genau dann, wenn br+1==bm=0b_{r+1} = \cdots = b_m = 0.

Daraus liest man die Verträglichkeitsbedingungen ab: Sind alle diese unteren rechten Seiten Null (br+1==bm=0b_{r+1} = \cdots = b_m = 0), gibt es keinen Widerspruch, das LGS heisst konsistent (lösbar). Steht hingegen in irgendeiner dieser Zeilen rechts ein bi0b_i \neq 0 (mit i>ri > r), ist das System inkonsistent (unlösbar). Ein konkretes unlösbares Beispiel: die letzte Zeile fordert 0x3=90 \cdot x_3 = 9, was nie stimmen kann.

Beispiel: ein unlösbares System
[123704580009]\left[\begin{array}{ccc|c} 1 & 2 & 3 & 7 \\ 0 & 4 & 5 & 8 \\ 0 & 0 & 0 & 9 \end{array}\right]
Letzte Zeile: 0·x₁ + 0·x₂ + 0·x₃ = 9, unerfüllbar. Das LGS ist unlösbar.

Jetzt lassen sich die drei Fälle als saubere Regeln formulieren. Halte r=rang(A)r = \operatorname{rang}(A) und n=n = Anzahl Spalten (Unbekannte) bereit:

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Die drei Lösungsfälle als Regeln
Eindeutige Lo¨sung:r=n (=#Spalten)Unendlich viele:r<n undVertra¨glichkeit erfu¨llt,mit nr freien ParameternKeine Lo¨sung:Nullzeile links,aber bi0 fu¨r ein i>r\begin{array}{ll} \textbf{Eindeutige Lösung:} & r = n \ (= \#\text{Spalten}) \\[2pt] \textbf{Unendlich viele:} & r < n \ \text{und} \\ & \text{Verträglichkeit erfüllt,} \\ & \text{mit } n - r \text{ freien Parametern} \\[2pt] \textbf{Keine Lösung:} & \text{Nullzeile links,} \\ & \text{aber } b_i \neq 0 \ \text{für ein } i > r \end{array}
Lösbar überhaupt     \iff Verträglichkeitsbedingungen erfüllt, also br+1==bm=0b_{r+1} = \cdots = b_m = 0.

Ein Wort zur Vorlesungsformulierung: das dortige Kriterium für „mindestens eine Lösung" lautet sinngemäss r=mr = m, oder r<mr < m mit erfüllten Verträglichkeitsbedingungen. Sauber zusammengefasst ist das genau die Verträglichkeit von oben: lösbar ist das System dann und nur dann, wenn keine widersprüchliche Zeile 0=(0)0 = (\neq 0) entsteht. Man trifft dasselbe auch unter dem Namen Frobenius-Kriterium: rang(A)=rang([Ab])\operatorname{rang}(A) = \operatorname{rang}([\,A \mid \mathbf{b}\,]), der Rang der Koeffizientenmatrix muss gleich dem Rang der augmentierten Matrix sein. „Verträglichkeitsbedingungen" ist unser Hauptbegriff, „Frobenius" der gängige Aliasname.

Zum Schluss der Sonderfall, der nie unlösbar sein kann. Ein LGS heisst homogen (ein HLGS), wenn die rechte Seite komplett Null ist: b=0=(0,,0)T\mathbf{b} = \mathbf{0} = (0, \ldots, 0)^{\mathsf{T}}. Dann lösen x1==xn=0x_1 = \cdots = x_n = 0 trivialerweise jede Zeile, denn A0=0A\mathbf{0} = \mathbf{0}. Diese triviale Lösung x=0\mathbf{x} = \mathbf{0} existiert immer. Interessant ist nur, ob es zusätzlich nichttriviale Lösungen gibt, und das ist genau dann der Fall, wenn r<nr < n.

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Homogenes LGS (HLGS)
Ax=0,b=0=(0,,0)TA\mathbf{x} = \mathbf{0}, \qquad \mathbf{b} = \mathbf{0} = (0, \ldots, 0)^{\mathsf{T}}
Immer konsistent. Triviale Lösung x = 0 existiert stets; nichttriviale Lösungen genau dann, wenn r < n.

Ein letzter Zusammenhang für quadratische Systeme (m=nm = n), der in Prüfungen oft als Brücke gebraucht wird: das System Ax=bA\mathbf{x} = \mathbf{b} ist für jede beliebige rechte Seite b\mathbf{b} lösbar genau dann, wenn das zugehörige homogene System Ax=0A\mathbf{x} = \mathbf{0} nur die triviale Lösung besitzt. Anschaulich: hat das homogene System „Spielraum" (nichttriviale Lösungen), dann gibt es rechte Seiten, die danebenliegen und nicht erreicht werden.

Lösbarkeit für beliebiges b (quadratischer Fall m = n)
Ax=b fu¨r jedes b lo¨sbar    Ax=0 hat nur x=0A\mathbf{x} = \mathbf{b} \ \text{für jedes } \mathbf{b} \text{ lösbar} \iff A\mathbf{x} = \mathbf{0} \ \text{hat nur } \mathbf{x} = \mathbf{0}
Gilt für m = n. Gleichbedeutend mit r = n (voller Rang).
Notation Notation: r = Rang(A)
r=rang(A)r = \operatorname{rang}(A) = Anzahl Nicht-Null-Zeilen (Pivots) in der ZSF = maximale Anzahl linear unabhängiger Zeilen bzw. Spalten. Eigenschaft der Matrix, nicht des LGS.
Definition Pivot-Variable / freier Parameter
Pivot-Variable: xkx_k mit Pivot über ihrer Spalte. Freie Variable (freier Parameter): jede übrige Variable, frei wählbar. Anzahl freie Variablen =nr= n - r.
Definition Homogenes LGS (HLGS)
LGS mit b=0\mathbf{b} = \mathbf{0}. Immer konsistent; triviale Lösung x=0\mathbf{x} = \mathbf{0} existiert stets. Nichttriviale Lösungen     r<n\iff r < n.
Formel Verträglichkeit
br+1==bm=0b_{r+1} = \cdots = b_m = 0
Lösbar (konsistent) genau dann, wenn alle rechten Seiten unter den Pivot-Zeilen Null sind. Aliasname: Frobenius, rang(A)=rang([Ab])\operatorname{rang}(A) = \operatorname{rang}([\,A \mid \mathbf{b}\,]).
Merke Auf einen Blick: 3 Fälle
r=nr = n: eindeutig. r<nr < n und verträglich: unendlich viele, nrn - r Parameter. Nullzeile links mit bi0b_i \neq 0: keine Lösung.

1.2.4 Durchgerechnete Beispiele

Genug Theorie, jetzt rechnen wir vollständig durch. Wir nehmen fünf Systeme: je eines für die drei Fälle (eindeutig, unendlich viele, und die Verträglichkeit), dann das Schmuckstück, ein System mit einem Parameter aa, bei dem sich der Fall mit aa ändert und eine saubere Fallunterscheidung verlangt, und zum Schluss eine Anwendung aus der Physik, bei der das LGS gar nicht vorgegeben ist, sondern erst aus einer ganz anderen Frage entsteht. Achtung zur Notation: das aa hier ist eine echte reelle Zahl als Parameter (aRa \in \mathbb{R}), kein Matrixeintrag-Index. Folge bei jedem Beispiel den nummerierten Schritten, das „Warum" steht jeweils kursiv dabei.

Beispiel A: eindeutige Lösung

  1. Schritt 1: System aufschreiben
    Wir wollen die drei Bedingungen sehen, bevor wir sie in eine Matrix packen.
    Das LGS lautet:
    x1x2+2x3=02x1+x26x3=0x1x22x3=3\begin{array}{rcl} x_1 - x_2 + 2x_3 &=& 0 \\ -2x_1 + x_2 - 6x_3 &=& 0 \\ x_1 \phantom{{}- x_2} - 2x_3 &=& 3 \end{array}
  2. Schritt 2: augmentieren
    In der augmentierten Matrix verlieren wir die rechte Seite beim Umformen nicht aus den Augen.
    Koeffizientenmatrix A und rechte Seite b:
    A=(112216102),b=(003)A = \begin{pmatrix} 1 & -1 & 2 \\ -2 & 1 & -6 \\ 1 & 0 & -2 \end{pmatrix}, \quad \mathbf{b} = \begin{pmatrix} 0 \\ 0 \\ 3 \end{pmatrix}
  3. Schritt 3: auf Zeilenstufenform bringen
    Wir eliminieren die Einträge unter dem ersten Pivot (die 1 links oben), dann unter dem zweiten. Pivot 1 spart Brüche.
    Mit R2R2+2R1R_2 \to R_2 + 2R_1 und R3R3R1R_3 \to R_3 - R_1, danach R3R3+R2R_3 \to R_3 + R_2:
    [112021601023][112001200143][112001200063]\left[\begin{array}{ccc|c} 1 & -1 & 2 & 0 \\ -2 & 1 & -6 & 0 \\ 1 & 0 & -2 & 3 \end{array}\right] \longrightarrow \left[\begin{array}{ccc|c} 1 & -1 & 2 & 0 \\ 0 & -1 & -2 & 0 \\ 0 & 1 & -4 & 3 \end{array}\right] \longrightarrow \left[\begin{array}{ccc|c} 1 & -1 & 2 & 0 \\ 0 & -1 & -2 & 0 \\ 0 & 0 & -6 & 3 \end{array}\right]
  4. Schritt 4: Fall bestimmen
    Drei Pivots bei drei Spalten bedeutet r = n = 3, also nach unserer Regel eindeutige Lösung.
    Es gibt keine freie Variable; das System ist eindeutig lösbar.
  5. Schritt 5: Rückwärtseinsetzen
    Wir starten ganz unten, wo nur noch eine Variable steht, und arbeiten uns nach oben.
    Aus der letzten Zeile 6x3=3-6x_3 = 3 folgt x3x_3; einsetzen liefert x2x_2 und dann x1x_1:
    x3=12,x2=1,x1=2x_3 = -\tfrac{1}{2}, \qquad x_2 = 1, \qquad x_1 = 2

Beispiel B: unendlich viele Lösungen

  1. Schritt 1: System augmentieren
    Wir starten direkt in Matrixform; A und b sind gegeben.
    Mit Ax=bA\mathbf{x} = \mathbf{b} und
    A=(121254266),b=(012)A = \begin{pmatrix} 1 & 2 & 1 \\ 2 & 5 & 4 \\ 2 & 6 & 6 \end{pmatrix}, \quad \mathbf{b} = \begin{pmatrix} 0 \\ 1 \\ 2 \end{pmatrix}
  2. Schritt 2: auf Zeilenstufenform bringen
    Erst die zwei Einträge unter dem ersten Pivot eliminieren, dann unter dem zweiten.
    Mit R2R22R1R_2 \to R_2 - 2R_1 und R3R32R1R_3 \to R_3 - 2R_1, danach R3R32R2R_3 \to R_3 - 2R_2:
    [121025412662][121001210242][121001210000]\left[\begin{array}{ccc|c} 1 & 2 & 1 & 0 \\ 2 & 5 & 4 & 1 \\ 2 & 6 & 6 & 2 \end{array}\right] \longrightarrow \left[\begin{array}{ccc|c} 1 & 2 & 1 & 0 \\ 0 & 1 & 2 & 1 \\ 0 & 2 & 4 & 2 \end{array}\right] \longrightarrow \left[\begin{array}{ccc|c} 1 & 2 & 1 & 0 \\ 0 & 1 & 2 & 1 \\ 0 & 0 & 0 & 0 \end{array}\right]
  3. Schritt 3: Nullzeile erkennen und Fall bestimmen
    Die letzte Zeile ist komplett Null (auch rechts), also kein Widerspruch: verträglich. Es gibt nur r = 2 Pivots bei n = 3 Spalten.
    Wegen r=2<3=nr = 2 < 3 = n und erfüllter Verträglichkeit: unendlich viele Lösungen mit nr=1n - r = 1 freien Parameter.
  4. Schritt 4: freien Parameter einführen
    Warum ein Parameter? Weil die Spalte von x₃ keinen Pivot hat, ist x₃ frei wählbar. Jede Wahl gibt eine Lösung.
    Wir setzen x3=tx_3 = t mit tRt \in \mathbb{R}.
    x3=t,tRx_3 = t, \quad t \in \mathbb{R}
  5. Schritt 5: Rückwärtseinsetzen
    Mit x₃ = t liefert Zeile 2 die Pivot-Variable x₂, danach Zeile 1 die Pivot-Variable x₁, beide in Abhängigkeit von t.
    Die Lösungsmenge ist eine Gerade im Raum, parametrisiert durch t:
    x3=t,x2=12t,x1=3t2x_3 = t, \qquad x_2 = 1 - 2t, \qquad x_1 = 3t - 2

Beispiel C: Fallunterscheidung mit Parameter a

  1. Schritt 1: das parameterabhängige System
    Hier steckt ein Parameter a in den Koeffizienten. Frage: für welche a hat das LGS eine, keine, unendlich viele Lösungen?
    Das System lautet:
    x1+ax2+a2x3=2ax1+x2+a2x3=2a2x1+ax2+x3=2\begin{array}{rcl} x_1 + a\,x_2 + a^2 x_3 &=& 2 \\ a\,x_1 + x_2 + a^2 x_3 &=& 2 \\ a^2 x_1 + a\,x_2 + x_3 &=& 2 \end{array}
  2. Schritt 2: auf Zeilenstufenform bringen (mit a)
    Wir rechnen die Elimination einmal allgemein mit a durch, damit wir die Fälle danach nur noch ablesen müssen.
    Mit R2R2aR1R_2 \to R_2 - a\,R_1 und R3R3a2R1R_3 \to R_3 - a^2 R_1, danach R3R3aR2R_3 \to R_3 - a\,R_2:
    [1aa22a1a22a2a12][1aa2201a2a2(1a)2(1a)001a32(1a)]\left[\begin{array}{ccc|c} 1 & a & a^2 & 2 \\ a & 1 & a^2 & 2 \\ a^2 & a & 1 & 2 \end{array}\right] \longrightarrow \left[\begin{array}{ccc|c} 1 & a & a^2 & 2 \\ 0 & 1-a^2 & a^2(1-a) & 2(1-a) \\ 0 & 0 & 1-a^3 & 2(1-a) \end{array}\right]
  3. Schritt 3: Fall a = 0
    Einsetzen von a = 0 macht die Matrix zur Einheitsmatrix; drei Pivots, r = n = 3.
    Eindeutige Lösung:
    [100201020012]    x=(2,2,2)T\left[\begin{array}{ccc|c} 1 & 0 & 0 & 2 \\ 0 & 1 & 0 & 2 \\ 0 & 0 & 1 & 2 \end{array}\right] \;\Rightarrow\; \mathbf{x} = (2,\, 2,\, 2)^{\mathsf{T}}
  4. Schritt 4: Fall a = 1
    Für a=1a = 1 werden Zeile 2 und 3 komplett Null (auch rechts: 2(11)=02(1-1) = 0). Verträglich, aber nur r=1r = 1 Pivot bei n=3n = 3.
    Unendlich viele Lösungen mit nr=2n - r = 2 freien Parametern x3=tx_3 = t, x2=ux_2 = u:
    [111200000000]    x=(2tu,  u,  t)T,u,tR\left[\begin{array}{ccc|c} 1 & 1 & 1 & 2 \\ 0 & 0 & 0 & 0 \\ 0 & 0 & 0 & 0 \end{array}\right] \;\Rightarrow\; \mathbf{x} = (2 - t - u,\; u,\; t)^{\mathsf{T}}, \quad u, t \in \mathbb{R}
  5. Schritt 5: Fall a = -1
    Für a=1a = -1 wird nur die letzte Zeile Null; es bleiben r=2r = 2 Pivots bei n=3n = 3.
    Unendlich viele Lösungen mit einem freien Parameter x2=sx_2 = s, daraus x3=2x_3 = 2 und x1=sx_1 = s:
    [111200240000]    x=(s,  s,  2)T,sR\left[\begin{array}{ccc|c} 1 & -1 & 1 & 2 \\ 0 & 0 & 2 & 4 \\ 0 & 0 & 0 & 0 \end{array}\right] \;\Rightarrow\; \mathbf{x} = (s,\; s,\; 2)^{\mathsf{T}}, \quad s \in \mathbb{R}
  6. Schritt 6: Fall a ∉ {-1, 1}
    Nur wenn weder a=1a = 1 noch a=1a = -1, sind alle drei Pivots ungleich Null (denn 1a3=(1a)(a2+a+1)01 - a^3 = (1-a)(a^2+a+1) \neq 0). Dann r=n=3r = n = 3, eindeutig.
    Rückwärtseinsetzen liefert für alle drei Komponenten denselben Ausdruck:
    x1=x2=x3=2a2+a+1x_1 = x_2 = x_3 = \frac{2}{a^2 + a + 1}

Die Disziplin aus Beispiel C ist prüfungswichtig: bei einem Parameter immer sauber alle Fälle durchgehen (a=0a = 0, a=1a = 1, a=1a = -1, Rest), sonst vergisst man einen Teil der Lösung. Genau dafür rechnet man die Elimination einmal allgemein mit aa durch und liest die Fälle danach ab.

Beispiel D (Zusatz): liegt ein Vektor im Bild von A?

  1. Schritt 1: die Frage
    Anwendung des Verträglichkeits-Kriteriums: ein Vektor liegt genau dann im Bild von A, wenn das LGS Ax = x lösbar ist. Hier hängt A von zwei Parametern a, b ab.
    Gegeben AA; für welche a,bRa, b \in \mathbb{R} liegt x=(1,4,3)T\mathbf{x} = (1, -4, 3)^{\mathsf{T}} in Bild(A)\operatorname{Bild}(A)?
    A=(105448b2018b4a+9)A = \begin{pmatrix} -1 & 0 & 5 \\ 4 & 4-8b & -20 \\ -1 & 8b-4 & a+9 \end{pmatrix}
  2. Schritt 2: A mit dem Zielvektor augmentieren und eliminieren
    Wir hängen den gesuchten Vektor als rechte Seite an und bringen alles auf ZSF, um die Verträglichkeit abzulesen.
    Mit R2R2+4R1R_2 \to R_2 + 4R_1 und R3R3R1R_3 \to R_3 - R_1, danach R3R3+R2R_3 \to R_3 + R_2:
    [1051448b20418b4a+93][1051048b0000a+42]\left[\begin{array}{ccc|c} -1 & 0 & 5 & 1 \\ 4 & 4-8b & -20 & -4 \\ -1 & 8b-4 & a+9 & 3 \end{array}\right] \longrightarrow \left[\begin{array}{ccc|c} -1 & 0 & 5 & 1 \\ 0 & 4-8b & 0 & 0 \\ 0 & 0 & a+4 & 2 \end{array}\right]
  3. Schritt 3: Verträglichkeit ablesen
    Die letzte Zeile lautet (a+4)x3=2(a+4)\,x_3 = 2. Sie ist nur dann ein Widerspruch, wenn a+4=0a+4 = 0 (dann stünde 0=20 = 2 da). Der Term 48b4 - 8b ist unkritisch: selbst für 48b=04 - 8b = 0 bleibt die Verträglichkeit erfüllt.
    Der Zielvektor liegt im Bild von AA genau dann, wenn a+40a + 4 \neq 0:
    x=(1,4,3)TBild(A)    a4(b beliebig)\mathbf{x} = (1, -4, 3)^{\mathsf{T}} \in \operatorname{Bild}(A) \iff a \neq -4 \quad (b \text{ beliebig})
  4. Schritt 4: Rang in Abhängigkeit von a und b
    Dieselbe ZSF verrät auch den Rang von AA: jede Nullzeile drückt ihn um eins. Zeile 2 wird Null bei b=12b = \tfrac{1}{2}, Zeile 3 bei a=4a = -4.
    Die Rang-Klassifikation:
    rang(A)=3    a4 und b12rang(A)=2    a=4 oder b=12rang(A)=1    a=4 und b=12\begin{array}{ll} \operatorname{rang}(A) = 3 & \iff a \neq -4 \ \text{und}\ b \neq \tfrac{1}{2} \\ \operatorname{rang}(A) = 2 & \iff a = -4 \ \text{oder}\ b = \tfrac{1}{2} \\ \operatorname{rang}(A) = 1 & \iff a = -4 \ \text{und}\ b = \tfrac{1}{2} \end{array}

Wozu der ganze Aufwand mit Zeilenstufenform und Rang eigentlich? Hier ein Beispiel, das zeigt, wann man ein LGS überhaupt braucht: in der Physik taucht ein Gleichungssystem oft nicht fertig auf, sondern man baut es sich selbst, um eine ganz andere Frage zu beantworten. Ein Klassiker ist die Dimensionsanalyse: man weiss, von welchen Grössen eine gesuchte Grösse abhängt, und sucht die Potenzen, mit denen sie eingehen, damit die Einheiten am Ende stimmen. Genau dieses „die Einheiten müssen passen" wird gleich zu einem LGS.

Beispiel E (Anwendung): Dimensionsanalyse als LGS

  1. Schritt 1: die physikalische Frage
    Wir wollen die Teilchenzahldichte nn (Teilchen pro Volumen) aus drei bekannten Grössen zusammensetzen. Welche Potenzen müssen es sein, damit die Einheiten aufgehen?
    Gesucht sind die Exponenten a,b,ca, b, c im Ansatz n=ρaMbNAcn = \rho^{a}\, M^{b}\, N_A^{c}, mit Massendichte ρ\rho, molarer Masse MM und Avogadro-Konstante NAN_A.
    n=ρaMbNAcn = \rho^{a}\, M^{b}\, N_A^{c}
  2. Schritt 2: Einheiten in Basisgrössen ausdrücken
    Jede Grösse zerlegen wir in die drei Basisdimensionen Masse, Länge und Stoffmenge (in mol). Erst dann kann man Potenzen vergleichen.
    Mit Masse, Länge und Stoffmenge als Basis: die Dichte ρ\rho ist Masse pro Volumen, die molare Masse MM ist Masse pro mol, die Avogadro-Konstante NAN_A ist Teilchen pro mol, und die gesuchte Dichte nn ist Teilchen pro Volumen.
    [ρ]=MasseLa¨nge3,[M]=Massemol,[NA]=1mol,[n]=1La¨nge3\begin{aligned} [\rho] &= \frac{\text{Masse}}{\text{Länge}^3}, & [M] &= \frac{\text{Masse}}{\text{mol}}, \\[4pt] [N_A] &= \frac{1}{\text{mol}}, & [n] &= \frac{1}{\text{Länge}^3} \end{aligned}
  3. Schritt 3: Exponentenvergleich aufstellen
    Setzt man die Einheiten in den Ansatz ein, muss für jede Basisdimension die Summe der Exponenten links gleich rechts sein. Das gibt pro Basisdimension genau eine Gleichung in a,b,ca, b, c.
    Masse: a+b=0a + b = 0. Länge: die 3a-3a links muss die 3-3 rechts treffen, also a=1a = 1. Stoffmenge (mol): bc=0-b - c = 0. Das ist ein LGS in den Unbekannten a,b,ca, b, c:
    bc=0a+b=0c=1\begin{array}{rcl} -b - c &=& 0 \\ a + b &=& 0 \\ c &=& 1 \end{array}
  4. Schritt 4: als augmentierte Matrix lösen
    Jetzt sind wir wieder im vertrauten Geschäft: ein LGS, das wir mit den Zeilenoperationen lösen. Die letzte Zeile gibt cc direkt, der Rest folgt durch Rückwärtseinsetzen.
    Aus der dritten Zeile c=1c = 1, eingesetzt in die erste b1=0-b - 1 = 0 folgt b=1b = -1, und die zweite a+b=0a + b = 0 liefert a=1a = 1:
    [011011000011]    a=1,b=1,c=1\left[\begin{array}{ccc|c} 0 & -1 & -1 & 0 \\ 1 & 1 & 0 & 0 \\ 0 & 0 & 1 & 1 \end{array}\right] \;\Rightarrow\; a = 1, \quad b = -1, \quad c = 1
  5. Schritt 5: Ergebnis deuten
    Die Exponenten zurück in den Ansatz gesetzt, ergeben die fertige Formel. Probe: die Einheiten gehen jetzt auf, MasseLa¨nge31molmolMasse=1La¨nge3\tfrac{\text{Masse}}{\text{Länge}^3} \cdot \tfrac{1}{\text{mol}} \cdot \tfrac{\text{mol}}{\text{Masse}} = \tfrac{1}{\text{Länge}^3}.
    Die Teilchenzahldichte ist also Massendichte mal Avogadro-Konstante, geteilt durch die molare Masse:
    n=ρ1M1NA1=ρNAMn = \rho^{1}\, M^{-1}\, N_A^{1} = \frac{\rho\, N_A}{M}
Prüfungstipp Disziplin bei Parametern
Wie in der Vorlesung betont: bei einem Parameter immer alle Fälle sauber durchgehen, sonst vergisst man Lösungsteile. Erst allgemein eliminieren, dann Fälle ablesen.
Notation Notation: a ∈ ℝ
In den Beispielen C und D ist aa (bzw. bb) ein reeller Parameter, keine Variable des LGS und kein Index. Der Lösungsfall hängt von seinem Wert ab.
Notation Notation: ρ\rho, MM, NAN_A, nn
In Beispiel E: ρ\rho Massendichte, MM molare Masse, NAN_A Avogadro-Konstante, nn Teilchenzahldichte. Die Unbekannten sind hier die Exponenten a,b,ca, b, c.

Aufgaben mit Musterlösungen

Aufgaben mit ausführlichen Musterlösungen folgen in Kürze. Sie werden den Schwerpunkt dieses Kapitels aufgreifen: Systeme auf Zeilenstufenform bringen, den Lösungsfall (eindeutig, unendlich viele, keine) bestimmen und parameterabhängige Systeme sauber durch eine Fallunterscheidung lösen.

Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.

MerkeErst selbst rechnen, dann Lösung prüfen!