1.1 Eine Frage zuerst

Stell dir eine geschlossene Schleife S\partial S irgendwo im Raum vor, etwa einen Drahtring, der schief im Wind hängt. Du willst die Arbeit eines Vektorfelds v\mathbf{v} entlang dieser Schleife. Erste Idee: Wegintegral aus Kap. VI.7 ansetzen, also Schleife parametrisieren, Tangente bilden, Skalarprodukt, integrieren. Bei einer krummen Schleife im 3D oft mühsam.

Stokes dreht die Frage um. Spann irgendeine Fläche SS in die Schleife, wie eine Seifenhaut in einen Drahtring. Dann ist die Arbeit auf dem Rand gleich dem Fluss der Rotation rotv\operatorname{rot}\mathbf{v} durch diese Fläche. Krummes Wegintegral wird Flächenintegral, oder umgekehrt. Du suchst dir aus, welche der zwei Rechnungen einfacher ist.

Merke Eine Frage
Wie viel Arbeit leistet v\mathbf{v} entlang der Schleife S\partial S? Stokes ersetzt das Wegintegral durch ein Flussintegral der Rotation.
Notation rotv\operatorname{rot}\mathbf{v}
Rotation, eingeführt in Kap. VI.2 als formales Kreuzprodukt ×v\nabla \times \mathbf{v}. Komponenten: (v3,yv2,z,v1,zv3,x,v2,xv1,y)(v_{3,y}-v_{2,z},\, v_{1,z}-v_{3,x},\, v_{2,x}-v_{1,y}).

1.2 Theorem-Statement

Bevor wir die Formel hinschreiben, klären wir die Voraussetzungen. Die sind keine Beiwerk-Fussnote: sobald eine davon verletzt ist, gilt der Satz nicht mehr (Section 2). Vier Punkte:

(1) v\mathbf{v} ist ein stetig differenzierbares Vektorfeld auf einem Definitionsbereich D(v)R3D(\mathbf{v}) \subset \mathbb{R}^3. Heisst: alle partiellen Ableitungen, die in rotv\operatorname{rot}\mathbf{v} stecken, existieren und sind stetig.

(2) SR3S \subset \mathbb{R}^3 ist eine beschränkte Fläche (zweidimensional, evtl. krumm im Raum) mit SD(v)S \subset D(\mathbf{v}). Achtung: ganz SS muss im Definitionsbereich liegen, nicht nur ihr Rand.

(3) S\partial S ist der Rand von SS, eine geschlossene Kurve (siehe Kap. VI.3). Bei einer Kreisscheibe etwa: der Kreisrand. Bei einer Halbkugelschale: der Äquator.

(4) n\mathbf{n} ist der Normaleneinheitsvektor auf SS, orientiert nach Daumenregel der rechten Hand: Daumen zeigt in n\mathbf{n}, die Finger krümmen sich in Durchlaufrichtung von S\partial S.

!!!
Satz von Stokes
A=Svdr=SrotvndO\begin{aligned} A &= \int_{\partial S} \mathbf{v}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} \\ &= \iint_S \operatorname{rot}\mathbf{v}\cdot\mathbf{n}\,\mathrm{d}O \end{aligned}
v\mathbf{v} stetig differenzierbar auf D(v)D(\mathbf{v}). SD(v)S \subset D(\mathbf{v}) beschränkte Fläche. S\partial S ihre Randkurve, geschlossen. n\mathbf{n} Normaleneinheitsvektor mit Daumenregel zum Durchlaufsinn von S\partial S.

In Worten: die Arbeit auf der Randkurve S\partial S ist gleich dem Fluss der Rotation durch die Fläche SS. Linke Seite ist eine Rechnung auf einer 1D-Kurve, rechte Seite eine Rechnung auf einer 2D-Fläche. Welche der beiden leichter ist, hängt von der Aufgabe ab; die Sektionen 6 und 7 zeigen, wann welche Richtung lohnt.

Definition Satz von Stokes
Für v\mathbf{v} stetig differenzierbar, SD(v)S \subset D(\mathbf{v}) beschränkt mit Rand S\partial S und Daumenregel-orientierter Normale n\mathbf{n}: Arbeit auf S\partial S gleich Fluss der Rotation durch SS.
Formel Hauptformel
Svdr=SrotvndO\int_{\partial S} \mathbf{v}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} = \iint_S \operatorname{rot}\mathbf{v}\cdot\mathbf{n}\,\mathrm{d}O
Notation S\partial S
Rand einer Fläche SS, eine geschlossene Kurve (1D). NICHT V\partial V aus VI.5 (das war die Hülle eines Volumens, eine 2D-Fläche). Hier ist S\partial S eine 1D-Kurve, die Berandung einer 2D-Fläche.
Notation SS
Fläche (2D, evtl. krumm im Raum). S\partial S ist ihr Rand. NICHT VV aus VI.5 (Volumen). NICHT die Schleife selbst, sondern das, was die Schleife einspannt.
Notation WW vs S\partial S
WW war in VI.7 ein freier Weg von PP nach QQ. S\partial S ist der Rand einer Fläche, also eine geschlossene Kurve mit W=SW = \partial S für ein passendes SS. Stokes braucht diese Geschlossenheit.

1.3 Daumenregel als Bild

Die Konvention im Satz steckt in einem Handzeichen. Stell dir die rechte Hand vor: Daumen zeigt in Richtung n\mathbf{n}, die Finger krümmen sich in Durchlaufsinn von S\partial S. Bei einer flachen Kreisscheibe in der xyxy-Ebene mit n=+e^z\mathbf{n} = +\hat{\mathbf{e}}_z (nach oben): S\partial S läuft im Gegenuhrzeigersinn (von oben gesehen). Drehst du die Normale um auf n=e^z\mathbf{n} = -\hat{\mathbf{e}}_z: dann läuft S\partial S im Uhrzeigersinn.

Wer die Konvention vertauscht (Normale richtig, Durchlauf falsch oder umgekehrt), kriegt das Vorzeichen des Resultats geflippt. Die Aufgabentexte verstecken die Vorgabe gerne: „von oben gesehen“, „im Uhrzeigersinn“, „Normale mit positiver zz-Komponente“. Lies die Aufgabe zweimal und notiere n\mathbf{n} und Durchlaufsinn explizit, bevor du integrierst.

Merke Daumenregel
Daumen rechte Hand zeigt in n\mathbf{n}, Finger krümmen sich in Durchlaufsinn von S\partial S. Vertauschung flippt das Vorzeichen.
Notation n\mathbf{n}
Normaleneinheitsvektor auf SS, n=1|\mathbf{n}| = 1. Anders als beim Fluss in VI.4 (dort frei wählbar mit Vorzeichen-Konsequenz) ist n\mathbf{n} in Stokes durch den Durchlaufsinn von S\partial S vorgegeben.
Prüfungstipp Aufgabe genau lesen
„Von oben gesehen“, „im Uhrzeigersinn“, „nach aussen“ sind die typischen Trigger. Notiere die geforderte Orientierung, bevor du integrierst.

1.4 Wozu der Trick taugt

Wann lohnt sich Stokes? Pragmatisch: immer dann, wenn eine der zwei Seiten der Identität deutlich einfacher ist als die andere. Drei dankbare Konstellationen:

(a) rotv0\operatorname{rot}\mathbf{v} \equiv \mathbf{0} auf einer passenden Fläche SS. Flussintegral verschwindet, also ist auch die Arbeit null. Bekanntes Beispiel: alle Gradientenfelder v=f\mathbf{v} = \nabla f erfüllen rotf=0\operatorname{rot}\nabla f = \mathbf{0} (Identität aus VI.2), das Coulombfeld E=er/r3\mathbf{E} = e\mathbf{r}/r^3 ausserhalb des Ursprungs.

(b) rotv\operatorname{rot}\mathbf{v} konstant auf SS. Flussintegral ist Konstante mal Flächeninhalt, fertig in einer Zeile.

(c) rotv\operatorname{rot}\mathbf{v} einfach und SS in einer Koordinatenebene. Skalarprodukt rotvn\operatorname{rot}\mathbf{v}\cdot\mathbf{n} pickt eine Komponente raus, Flächenintegral wird zum Doppelintegral in zwei Variablen.

Prüfungstipp Drei goldene Fälle
rotv0\operatorname{rot}\mathbf{v} \equiv \mathbf{0}: Arbeit = 0. rotv\operatorname{rot}\mathbf{v} konstant: Konstante mal Fläche. rotv\operatorname{rot}\mathbf{v} einfach + SS in Koord.-Ebene: Doppelintegral.
Merke Faustregel
Geschlossene Schleife plus einfache Rotation: Stokes statt direkter Wegintegration. Spart oft die ganze Rechnung.

2.1 Stetig differenzierbar auf ganz SS

Diese Voraussetzung ist die wichtigste und die am häufigsten verletzte. Wie beim Divergenzsatz reicht es nicht, dass v\mathbf{v} auf der Randkurve S\partial S wohldefiniert ist. Auch ein einziger Punkt im Inneren der Fläche SS, an dem v\mathbf{v} nicht stetig differenzierbar ist, killt den Satz.

Klassisches Gegenbeispiel. Das Magnetfeld eines geraden Stromleiters lautet B=2J(y/(x2+y2),x/(x2+y2),0)\mathbf{B} = 2J\,(-y/(x^2+y^2),\, x/(x^2+y^2),\, 0). Sein Definitionsbereich ist R3\mathbb{R}^3 ohne die zz-Achse, denn auf der Achse explodiert der Nenner. Eine Kreisscheibe in der xyxy-Ebene um den Ursprung enthält den singulären Punkt; Stokes ist also nicht direkt anwendbar.

Die globale Aussage WBdr=4πJ\oint_W \mathbf{B}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} = 4\pi J gilt trotzdem (siehe VI.7 Sec 6.4), aber im Distributionssinne, nicht über einen direkten Stokes-Tausch.

Prüfungstipp Singularitäten zuerst
Punkt- oder Linien-Singularität in SS? Stokes nicht direkt; Hilfsstück um Singularität ausschneiden (Vorgriff VI.9).
Formel Magnetfeld Stromleiter
B=2Jx2+y2(y,x,0)\mathbf{B} = \dfrac{2J}{x^2+y^2}\,(-y, x, 0)
Merke Counterexample
B\mathbf{B} singulär auf der zz-Achse. Kreisscheibe um Ursprung enthält Singularität, Stokes nicht direkt anwendbar.

2.2 Geschlossene Kurve Pflicht

Der Satz braucht S\partial S als Rand einer Fläche, also eine geschlossene Kurve. Eine offene Kurve mit zwei freien Enden (etwa ein Halbkreis-Bogen oder ein Spline-Stück) ist nicht der Rand einer Fläche und scheidet direkt aus.

Standard-Lösung. Ergänze ein Hilfsstück WW', sodass WWW \cup W' geschlossen wird. Wähle SS als Fläche mit S=WW\partial S = W \cup W', wende Stokes an, ziehe am Ende das Wegintegral über WW' ab.

!!
Schliess-Strategie für offene Kurven
Wvdr=SrotvndO=Wvdr\begin{aligned} \int_W \mathbf{v}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} &= \iint_S \operatorname{rot}\mathbf{v}\cdot\mathbf{n}\,\mathrm{d}O \\ &\phantom{=} - \int_{W'} \mathbf{v}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} \end{aligned}
WW offene Originalkurve, WW' ergänzendes Stück, SS Fläche mit S=WW\partial S = W \cup W' (Wege konsistent zu n\mathbf{n} orientiert).
Merke Schliess-Trick
Offene Kurve? Hilfsstück WW' addieren, Stokes auf WWW \cup W', am Ende Wvdr\int_{W'} \mathbf{v}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} abziehen.
Formel Zerlegung
W=SrotvndOW\int_W = \iint_S \operatorname{rot}\mathbf{v}\cdot\mathbf{n}\,\mathrm{d}O - \int_{W'}

2.3 n\mathbf{n}-Orientierung konsistent mit Durchlaufsinn

Die Daumenregel ist Konvention im Satz, kein Beiwerk. Wer n\mathbf{n} falsch herum wählt oder S\partial S in der falschen Richtung durchläuft, kriegt einen Vorzeichen-Flip im Resultat.

Aufgaben verstecken die Vorgabe gerne in der Formulierung: „von oben gesehen“, „im Uhrzeigersinn“, „Normalenvektor mit positiver zz-Komponente“, „äussere Normale“. Lies die Aufgabe zweimal, notiere n\mathbf{n} und Durchlaufsinn explizit, bevor du parametrisierst. Diese 30 Sekunden sparen oft fünf Minuten Vorzeichen-Suchen am Ende.

Merke Konvention im Satz
n\mathbf{n} und Durchlaufsinn von S\partial S per Daumenregel verkoppelt. Andere Wahl: Vorzeichen-Flip.
Prüfungstipp Fläche SS klug wählen
Bei vorgegebener Schleife S\partial S: SS frei wählbar. Nimm die Fläche, für die rotvn\operatorname{rot}\mathbf{v}\cdot\mathbf{n} am einfachsten wird (siehe Section 6).

3.1 Rotation als Wirbelarbeit pro Fläche

Bisher hatten wir die Rotation aus Kap. VI.2 nur als Rechenrezept gesehen: rotv=×v\operatorname{rot}\mathbf{v} = \nabla \times \mathbf{v}, ein formales Kreuzprodukt. Was die Vektor-Grösse an einem Punkt eigentlich bedeutet, blieb undurchsichtig: drei Komponenten, jede eine Differenz von zwei partiellen Ableitungen, ohne klare geometrische Lesart.

Mit Stokes in der Hand bekommen wir eine zweite Lesart, die viel anschaulicher ist. Die Rotation an einem Punkt r0\mathbf{r}_0, projiziert auf eine Achse n\mathbf{n}, ist die Zirkulation pro Flächeneinheit einer kleinen Schleife um r0\mathbf{r}_0, deren Fläche senkrecht zu n\mathbf{n} steht. Wirbelarbeit pro Fläche, gemessen in einer Achse.

Merke Zweite Lesart in einem Satz
rotvn\operatorname{rot}\mathbf{v}\cdot\mathbf{n} an einem Punkt = Zirkulation pro Fläche einer kleinen Schleife um den Punkt mit Normalenachse n\mathbf{n}.
Notation Zirkulation
Γ=vdr\Gamma = \oint \mathbf{v}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r}, eingeführt in VI.7 Sec 2.3 als Arbeit auf einem geschlossenen Weg. Der Kreis im Integral signalisiert: Start gleich Ende.

3.2 Mittelwertsatz-Argument

Wie kommen wir formal zur Limes-Definition? Sei n\mathbf{n} ein fester Einheitsvektor, r0\mathbf{r}_0 ein fester Punkt, und SrS_r eine kleine Fläche um r0\mathbf{r}_0 mit n\mathbf{n} als Normale; Cr=SrC_r = \partial S_r ist die Randkurve. Aus dem Mittelwertsatz für Flächenintegrale folgt: es gibt einen Punkt PrSrP_r \in S_r mit

Mittelwertsatz für die Rotation
SrrotvndO=Fla¨che(Sr)(rotv(Pr)n)\begin{aligned} & \iint_{S_r} \operatorname{rot}\mathbf{v}\cdot\mathbf{n}\,\mathrm{d}O \\ &= \operatorname{Fläche}(S_r) \cdot \bigl(\operatorname{rot}\mathbf{v}(P_r) \cdot \mathbf{n}\bigr) \end{aligned}
PrSrP_r \in S_r heisst „Punkt mit durchschnittlicher Rotation in Richtung n\mathbf{n}“ über SrS_r. Existenz garantiert durch Stetigkeit von rotv\operatorname{rot}\mathbf{v}.

Anschaulich: PrP_r ist der Punkt mit „durchschnittlicher Rotations-Komponente entlang n\mathbf{n}“ über SrS_r. Schrumpft jetzt die Fläche SrS_r auf r0\mathbf{r}_0 zu (also Fla¨che(Sr)0\operatorname{Fläche}(S_r) \to 0), so wird auch Prr0P_r \to \mathbf{r}_0 erzwungen (PrP_r liegt in SrS_r). Aus der Stetigkeit von rotv\operatorname{rot}\mathbf{v} folgt rotv(Pr)rotv(r0)\operatorname{rot}\mathbf{v}(P_r) \to \operatorname{rot}\mathbf{v}(\mathbf{r}_0).

Notation Cr,SrC_r,\, S_r
SrS_r kleine Fläche um r0\mathbf{r}_0 mit Normale n\mathbf{n} und Radius rr. Cr=SrC_r = \partial S_r ihr Rand, im Gegenuhrzeigersinn bezüglich n\mathbf{n} (Daumenregel).
Merke Mittelwertsatz
Es gibt PrSrP_r \in S_r mit SrrotvndO=Fla¨che(Sr)(rotv(Pr)n)\iint_{S_r} \operatorname{rot}\mathbf{v}\cdot\mathbf{n}\,\mathrm{d}O = \operatorname{Fläche}(S_r) \cdot (\operatorname{rot}\mathbf{v}(P_r) \cdot \mathbf{n}). Brücke zwischen Integral und Punktwert.

3.3 Limes-Definition

Setze die Mittelwert-Identität zusammen mit Stokes auf SrS_r. Aus SrrotvndO=Crvdr\iint_{S_r} \operatorname{rot}\mathbf{v}\cdot\mathbf{n}\,\mathrm{d}O = \int_{C_r} \mathbf{v}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} wird mit dem Mittelwert eine Punkt-Aussage. Teile durch Fla¨che(Sr)\operatorname{Fläche}(S_r) und schicke die Fläche auf null:

!!!
Rotation als Limes (koordinatenfreie Definition)
rotv(r0)n=limr01Fla¨che(Sr)Crvdr\begin{aligned} \operatorname{rot}\mathbf{v}(\mathbf{r}_0)\cdot\mathbf{n} &= \lim_{r \to 0} \frac{1}{\operatorname{Fläche}(S_r)} \int_{C_r} \mathbf{v}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} \end{aligned}
r0\mathbf{r}_0 fester Punkt, n\mathbf{n} beliebiger Einheitsvektor, SrS_r schrumpfende Fläche um r0\mathbf{r}_0 mit n\mathbf{n} senkrecht, Cr=SrC_r = \partial S_r im Gegenuhrzeigersinn bezüglich n\mathbf{n}.

In Worten: die Komponente der Rotation entlang einer Achse n\mathbf{n} ist der Limes der Zirkulation pro Fläche, gemessen auf einer schrumpfenden Schleife um den Punkt mit Achse n\mathbf{n}. Damit hat das vorher abstrakte rotvn\operatorname{rot}\mathbf{v}\cdot\mathbf{n} eine geometrische Bedeutung, die nicht von Koordinaten abhängt.

Formel Limes-Definition
rotv(r0)n=limr01Fla¨che(Sr)Crvdr\operatorname{rot}\mathbf{v}(\mathbf{r}_0)\cdot\mathbf{n} = \lim_{r \to 0} \dfrac{1}{\operatorname{Fläche}(S_r)} \int_{C_r} \mathbf{v}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r}
Merke Merksatz
„rotn\cdot\mathbf{n} ist die Ableitung der Zirkulation nach der Fläche.“ Im selben Sinn wie ff' die Ableitung von ff in Analysis I.

3.4 Maximal bei paralleler Stellung

Aus der Limes-Formel folgt eine starke geometrische Aussage. rotvn\operatorname{rot}\mathbf{v} \cdot \mathbf{n} ist ein Skalarprodukt: es wird maximal, wenn n\mathbf{n} und rotv\operatorname{rot}\mathbf{v} parallel zeigen, und null, wenn sie senkrecht aufeinander stehen.

Geometrisch heisst das: die Achse, um die das Feld am stärksten wirbelt, ist genau die Richtung von rotv\operatorname{rot}\mathbf{v} selbst, und der Betrag rotv|\operatorname{rot}\mathbf{v}| ist die Wirbelstärke. Das ist die mathematische Begründung für das Paddel-Rad-Bild aus Kap. VI.2: die Achse, in die sich das Rad am stärksten dreht, zeigt in rotv\operatorname{rot}\mathbf{v}, und die Drehrate ist proportional zu rotv/2|\operatorname{rot}\mathbf{v}|/2.

Merke rot zeigt in Wirbelachse
rotvn\operatorname{rot}\mathbf{v}\cdot\mathbf{n} maximal bei nrotv\mathbf{n} \parallel \operatorname{rot}\mathbf{v}. Achse maximaler Wirbelung gleich Richtung rotv\operatorname{rot}\mathbf{v}, Betrag gleich Wirbelstärke.
Querverweis Verweise
→ VI.2 Paddel-Rad-Bild

4.1 Definition wirbelfrei

Ein Vektorfeld v\mathbf{v} heisst wirbelfrei auf einem Gebiet DD, wenn rotv0\operatorname{rot}\mathbf{v} \equiv \mathbf{0} überall auf DD. Anschaulich: ein Paddel-Rad an irgendeiner Stelle in DD dreht sich nicht, egal wie du es ausrichtest.

Bekannte Beispiele aus VI.2: alle Gradientenfelder v=f\mathbf{v} = \nabla f sind wirbelfrei (Identität rotf=0\operatorname{rot}\nabla f = \mathbf{0}); das Coulombfeld E=er/r3\mathbf{E} = e\mathbf{r}/r^3 ist wirbelfrei ausserhalb des Ursprungs; jedes homogene Feld v(r)=a\mathbf{v}(\mathbf{r}) = \mathbf{a} ist wirbelfrei.

Definition Wirbelfrei
v\mathbf{v} heisst wirbelfrei auf DD, wenn rotv0\operatorname{rot}\mathbf{v} \equiv \mathbf{0} auf DD. Beispiele: alle Gradientenfelder, Coulombfeld, homogene Felder.
Querverweis Verweise
→ VI.2 rot-Identitäten

4.2 Erste Konsequenz: A=0A = 0 auf jedem Rand

Was sagt Stokes, wenn rotv0\operatorname{rot}\mathbf{v} \equiv \mathbf{0} auf SS? Die rechte Seite verschwindet, weil der Integrand überall null ist. Also auch die linke:

Wirbelfreies Feld: Arbeit auf jedem Rand verschwindet
AS=SrotvndO=S0ndO=0\begin{aligned} A_{\partial S} &= \iint_S \operatorname{rot}\mathbf{v}\cdot\mathbf{n}\,\mathrm{d}O \\ &= \iint_S \mathbf{0}\cdot\mathbf{n}\,\mathrm{d}O \\ &= 0 \end{aligned}
Voraussetzung: rotv0\operatorname{rot}\mathbf{v} \equiv \mathbf{0} auf SD(v)S \subset D(\mathbf{v}). Folgt unmittelbar aus Stokes.

Anschaulich: bei einem wirbelfreien Vektorfeld ist die Arbeit auf jedem geschlossenen Weg null, der Rand einer Fläche SD(v)S \subset D(\mathbf{v}) ist. Spart oft die ganze Rechnung. Voraussetzung ist allerdings, dass die Fläche SS ganz im Definitionsbereich von v\mathbf{v} liegt; das schliesst Wege aus, die einen singulären Punkt umrunden.

Merke Wirbelfrei → A=0A = 0
Wirbelfreies Feld: Arbeit auf jeder Schleife S\partial S in D(v)D(\mathbf{v}) verschwindet. Spart oft die ganze Integration.
Formel Folgerung
rotv0    Svdr=0\operatorname{rot}\mathbf{v} \equiv \mathbf{0} \;\Longrightarrow\; \oint_{\partial S} \mathbf{v}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} = 0

4.3 Zweite Konsequenz: gleicher Rand → gleicher Wert

Stell dir zwei verschiedene Flächen S1S_1 und S2S_2 vor mit demselben Rand S1=S2\partial S_1 = \partial S_2. S1S_1 wölbt sich nach oben wie eine Halbkugelschale, S2S_2 ist flach wie ein Deckel; dazwischen liegt ein Volumen.

Wenn v\mathbf{v} wirbelfrei auf einer einfach zusammenhängenden Region ist, die beide Flächen enthält, dann gilt S1rotvndO=S2rotvndO\iint_{S_1} \operatorname{rot}\mathbf{v}\cdot\mathbf{n}\,\mathrm{d}O = \iint_{S_2} \operatorname{rot}\mathbf{v}\cdot\mathbf{n}\,\mathrm{d}O. Beide Flächenintegrale messen dieselbe Wegintegral-Aussage über den gemeinsamen Rand. Die Wahl der Fläche ist also egal, nur ihr Rand zählt; das ist die topologische Tiefe des Stokes'schen Satzes.

Merke Gleicher Rand, gleiches Resultat
Bei wirbelfreiem v\mathbf{v}: zwei Flächen mit gleichem Rand liefern dasselbe Flussintegral der Rotation. Form egal, Rand zählt.

4.4 Dritte Konsequenz: Wegunabhängigkeit

Aus 4.2 folgt direkt die Wegunabhängigkeit der Arbeit in einem wirbelfreien Feld auf einer einfach zusammenhängenden Region. Für zwei beliebige Wege W1,W2W_1, W_2 von PP nach QQ im Gebiet gilt W1vdr=W2vdr\int_{W_1} \mathbf{v}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} = \int_{W_2} \mathbf{v}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r}.

Begründung in zwei Sätzen: W1+(W2)W_1 + (-W_2) ist ein geschlossener Weg, also Rand einer Fläche im Gebiet, also Arbeit null nach 4.2. Daher heben sich Hinweg und Rückweg auf, und beide Hinweg-Arbeiten müssen gleich sein. Diese Charakterisierung führt direkt zum Begriff Potentialfeld in Kap. VI.10.

Merke Wegunabhängigkeit
Wirbelfrei plus einfach zusammenhängend \Longrightarrow W1=W2\int_{W_1} = \int_{W_2} für beliebige Wege W1,W2:PQW_1, W_2: P \to Q im Gebiet.
Querverweis Verweise
→ VI.10 Potentialfelder

5.1 Idee

Wir beweisen Stokes für die einfachste Fläche: ein achsenparalleles Rechteck S=[a,b]×[c,d]×{e}S = [a,b] \times [c,d] \times \{e\}, also ein flaches Rechteck in einer Ebene parallel zur xyxy-Ebene. Aussennormale n=(0,0,1)\mathbf{n} = (0,0,1)^\top (nach oben), Rand im Gegenuhrzeigersinn von oben gesehen.

Der Beweis für allgemeine Flächen folgt durch Triangulierung der Fläche in viele kleine Rechteck-artige Stücke; auf jedem Stück gilt die hier gezeigte Aussage, und die Beiträge der inneren Trennlinien heben sich beim Aufsummieren auf. Das Skelett des Arguments ist hier; die volle Triangulierungs-Ausarbeitung steht in der Mitschrift.

Merke Beweis-Geometrie
Achsenparalleles Rechteck S=[a,b]×[c,d]×{e}S = [a,b]\times[c,d]\times\{e\} mit n=+e^z\mathbf{n} = +\hat{\mathbf{e}}_z. Allgemeiner Fall via Triangulierung.

5.2 Setup und Komponenten

Mit n=e^z\mathbf{n} = \hat{\mathbf{e}}_z pickt das Skalarprodukt rotvn\operatorname{rot}\mathbf{v}\cdot\mathbf{n} nur die zz-Komponente von rotv\operatorname{rot}\mathbf{v} raus:

!!
Rotation und Skalarprodukt
rotv=(v3,yv2,zv1,zv3,xv2,xv1,y)rotvn=v2,xv1,y\begin{aligned} \operatorname{rot}\mathbf{v} &= \begin{pmatrix} v_{3,y} - v_{2,z} \\ v_{1,z} - v_{3,x} \\ v_{2,x} - v_{1,y} \end{pmatrix} \\ \operatorname{rot}\mathbf{v}\cdot\mathbf{n} &= v_{2,x} - v_{1,y} \end{aligned}
vi,jv_{i,j} steht für vi/xj\partial v_i/\partial x_j. Bei n=e^z\mathbf{n} = \hat{\mathbf{e}}_z überlebt nur die letzte Komponente.
Notation e^x,e^y,e^z\hat{\mathbf{e}}_x, \hat{\mathbf{e}}_y, \hat{\mathbf{e}}_z
Standard-Basisvektoren des R3\mathbb{R}^3. e^x=(1,0,0)\hat{\mathbf{e}}_x = (1,0,0)^\top, analog für y,zy, z. Manche Texte schreiben dafür i,j,k\mathbf{i}, \mathbf{j}, \mathbf{k}.
Merke n=e^z\mathbf{n} = \hat{\mathbf{e}}_z pickt z-Komponente
rotve^z=v2,xv1,y\operatorname{rot}\mathbf{v}\cdot\hat{\mathbf{e}}_z = v_{2,x} - v_{1,y}. Erste zwei Komponenten der Rotation tauchen im Beweis nicht auf.

5.3 Hauptsatz pro Komponente

Wir zeigen S(v2,xv1,y)dO=Svdr\iint_S (v_{2,x} - v_{1,y})\,\mathrm{d}O = \int_{\partial S} \mathbf{v}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r}. Linke Seite zerlegen wir in die zwei Summanden und werten jeden mit dem Hauptsatz der Analysis I aus, einmal in xx, einmal in yy.

!!
Erster Summand: Hauptsatz in xx
Sv2,xdO=cdabv2,xdxdy=cd[v2(b,y,e)=cdv2(a,y,e)]dy\begin{aligned} \iint_S v_{2,x}\,\mathrm{d}O &= \int_c^d \int_a^b v_{2,x}\,\mathrm{d}x\,\mathrm{d}y \\ &= \int_c^d \bigl[v_2(b,y,e) \\ &\phantom{= \int_c^d}- v_2(a,y,e)\bigr]\,\mathrm{d}y \end{aligned}
Innere Integration ist Hauptsatz: abv2,xdx=v2(b,y,e)v2(a,y,e)\int_a^b v_{2,x}\,\mathrm{d}x = v_2(b,y,e) - v_2(a,y,e).
!!
Zweiter Summand: Hauptsatz in yy
Sv1,ydO=abcdv1,ydydx=ab[v1(x,d,e)=abv1(x,c,e)]dx\begin{aligned} \iint_S v_{1,y}\,\mathrm{d}O &= \int_a^b \int_c^d v_{1,y}\,\mathrm{d}y\,\mathrm{d}x \\ &= \int_a^b \bigl[v_1(x,d,e) \\ &\phantom{= \int_a^b}- v_1(x,c,e)\bigr]\,\mathrm{d}x \end{aligned}
Analog. Innere Integration: cdv1,ydy=v1(x,d,e)v1(x,c,e)\int_c^d v_{1,y}\,\mathrm{d}y = v_1(x,d,e) - v_1(x,c,e).
Merke Vergleich mit Hauptsatz HSI
abv2,xdx=v2(b,y,e)v2(a,y,e)\int_a^b v_{2,x}\,\mathrm{d}x = v_2(b,y,e) - v_2(a,y,e). Der HSI macht aus dem Doppelintegral der Ableitung ein einfaches Randintegral.

5.4 Identifikation mit den 4 Seiten

Die vier Randintegrale aus 5.3 entsprechen genau den vier Seiten des Rechtecks im Gegenuhrzeigersinn. Schreibe pro Seite die Tangentenrichtung und das Skalarprodukt vdr\mathbf{v}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} explizit hin:

Rechte Seite: x=bx = b, yy läuft von cc nach dd, Tangente +e^y+\hat{\mathbf{e}}_y. Beitrag +cdv2(b,y,e)dy+\int_c^d v_2(b,y,e)\,\mathrm{d}y.

Obere Seite: y=dy = d, xx läuft von bb nach aa, Tangente e^x-\hat{\mathbf{e}}_x. Beitrag abv1(x,d,e)dx-\int_a^b v_1(x,d,e)\,\mathrm{d}x.

Linke Seite: x=ax = a, yy läuft von dd nach cc, Tangente e^y-\hat{\mathbf{e}}_y. Beitrag cdv2(a,y,e)dy-\int_c^d v_2(a,y,e)\,\mathrm{d}y.

Untere Seite: y=cy = c, xx läuft von aa nach bb, Tangente +e^x+\hat{\mathbf{e}}_x. Beitrag +abv1(x,c,e)dx+\int_a^b v_1(x,c,e)\,\mathrm{d}x.

Summe der vier Beiträge ist Svdr\int_{\partial S} \mathbf{v}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r}. Vergleich mit den Hauptsatz-Resultaten aus 5.3 zeigt: S(v2,xv1,y)dO\iint_S (v_{2,x} - v_{1,y})\,\mathrm{d}O entspricht genau dieser Summe. ∎

Merke Vier Tangenten
Rechts +e^y+\hat{\mathbf{e}}_y, oben e^x-\hat{\mathbf{e}}_x, links e^y-\hat{\mathbf{e}}_y, unten +e^x+\hat{\mathbf{e}}_x. Alle vier zusammen: Gegenuhrzeigersinn.
Querverweis Verweise
→ VI.6 Beweis-Skizze Quader

6.1 Übersichts-Tabelle

In Klausur-Aufgaben mit Stokes tauchen immer wieder dieselben Standard-Flächen auf. Die Tabelle gibt einen Überblick auf einer Zeile pro Geometrie; die folgenden Subsections holen jede Fläche einzeln raus mit Parametrisierung, Bereich und Hinweis auf den Rand S\partial S.

Fläche r(u,v)\mathbf{r}(u,v) ndO\mathbf{n}\,\mathrm{d}O
Kreisscheibe (xyxy) (u,v,0)(u, v, 0) (0,0,1)dudv(0,0,1)\,\mathrm{d}u\,\mathrm{d}v
Halbkugelschale R(sinvcosu,sinvsinu,cosv)R(\sin v\cos u, \sin v\sin u, \cos v) ±R2sinvr^\pm R^2\sin v\,\hat{\mathbf{r}}
Zylindermantel (Rcosu,Rsinu,v)(R\cos u, R\sin u, v) R(cosu,sinu,0)dudvR(\cos u, \sin u, 0)\,\mathrm{d}u\,\mathrm{d}v
Kegelmantel (scosu,ssinu,h(1s/R))(s\cos u, s\sin u, h(1{-}s/R)) schräg radial
Graph z=f(x,y)z=f(x,y) (u,v,f(u,v))(u, v, f(u,v)) (fu,fv,1)dudv(-f_u, -f_v, 1)\,\mathrm{d}u\,\mathrm{d}v
Standard-Flächen für Stokes-Aufgaben
Merke Spickzettel
Diese Tabelle ist die Cheat-Sheet-Seite für Standard-Flächen. Jede Aufgabe mit Stokes fängt hier an.
Prüfungstipp Vorzeichen n\mathbf{n}
Halbkugel: ru×rv\vec{r}_u \times \vec{r}_v zeigt INNEN; für Aussennormale Vorzeichen anpassen. Konvention im Satz: n\mathbf{n} per Daumenregel zum Durchlaufsinn.

6.2 Kreisscheibe in Koordinatenebene

Die einfachste berandete Fläche und der häufigste Stokes-Trick: Kreisscheibe mit Radius RR in der xyxy-Ebene. Spezialfall einer Graph-Fläche mit f0f \equiv 0.

!!
Kreisscheibe
r(u,v)=(u,v,0)B:u2+v2R2ndO=(0,0,1)dudv\begin{aligned} \mathbf{r}(u,v) &= (u, v, 0)^\top \\ B &: u^2 + v^2 \leq R^2 \\ \mathbf{n}\,\mathrm{d}O &= (0, 0, 1)^\top\,\mathrm{d}u\,\mathrm{d}v \end{aligned}
Rand S\partial S ist der Kreis u2+v2=R2u^2 + v^2 = R^2 in der xyxy-Ebene, im Gegenuhrzeigersinn von oben gesehen (zu n=+e^z\mathbf{n} = +\hat{\mathbf{e}}_z).
Formel Kreisscheibe
r(u,v)=(u,v,0)\mathbf{r}(u,v) = (u, v, 0)^\top
Merke Rand und n\mathbf{n}
S\partial S: Kreis in xyxy-Ebene, Gegenuhrzeigersinn. n=+e^z\mathbf{n} = +\hat{\mathbf{e}}_z nach oben.

6.3 Halbkugelschale (oberer Halbraum)

Obere Halbkugelschale mit Radius RR um den Ursprung: {(x,y,z):x2+y2+z2=R2,z0}\{(x,y,z) : x^2+y^2+z^2 = R^2,\, z \geq 0\}. Standard-Param mit Polarwinkel vv und Azimut uu.

!!
Halbkugelschale
r(u,v)=R(sinvcosu,sinvsinu,cosv)u[0,2π)v[0,π/2]\begin{aligned} \mathbf{r}(u,v) &= R\,(\sin v\cos u, \sin v\sin u, \cos v)^\top \\ u &\in [0, 2\pi) \\ v &\in [0, \pi/2] \end{aligned}
Polarwinkel vv vom Nordpol gemessen, Azimut uu um die zz-Achse. Rand S\partial S ist der Äquator z=0z = 0, Kreis vom Radius RR in der xyxy-Ebene.

Vorzeichen-Disziplin. ru×rv\vec{r}_u \times \vec{r}_v zeigt für diese Param INNEN, also zum Ursprung hin. Für die Aussennormale n=+r^\mathbf{n} = +\hat{\mathbf{r}} braucht es ein zusätzliches Minus, wie in VI.4 Sec 5 für die Sphäre. Konvention im Satz: n\mathbf{n} per Daumenregel zum Durchlaufsinn von S\partial S.

Formel Halbkugelschale
r(u,v)=R(sinvcosu,sinvsinu,cosv)\mathbf{r}(u,v) = R(\sin v\cos u, \sin v\sin u, \cos v)^\top
Prüfungstipp ru×rv\vec{r}_u \times \vec{r}_v zeigt innen
Aussennormale: Vorzeichen-Flip zur Cross-Product-Richtung. Siehe VI.4 Sec 5 für Sphären-Konvention.

6.4 Zylindermantel (ohne Deckel)

Zylindermantel mit Radius RR und Höhe hh, Achse auf der zz-Achse, ohne obere und untere Kreisscheibe. Standard-Param mit Azimut uu und Höhe vv.

!!
Zylindermantel
r(u,v)=(Rcosu,Rsinu,v)u[0,2π)v[0,h]n=(cosu,sinu,0)\begin{aligned} \mathbf{r}(u,v) &= (R\cos u, R\sin u, v)^\top \\ u &\in [0, 2\pi) \\ v &\in [0, h] \\ \mathbf{n} &= (\cos u, \sin u, 0)^\top \end{aligned}
Aussennormale n\mathbf{n} zeigt radial weg von der Achse. Rand S\partial S besteht aus zwei Kreisen (v=0v = 0 und v=hv = h), die für Stokes zusammen mit konsistenter Orientierung durchlaufen werden.
Formel Zylindermantel
r(u,v)=(Rcosu,Rsinu,v)\mathbf{r}(u,v) = (R\cos u, R\sin u, v)^\top
Merke Rand: zwei Kreise
S={v=0}{v=h}\partial S = \{v=0\} \cup \{v=h\}. Zwei Kreise mit zueinander entgegengesetztem Durchlaufsinn (Aussennormale n\mathbf{n} konsistent).

6.5 Kegelmantel

Stehender Kegelmantel mit Spitze unten und Radius RR am offenen oberen Ende der Höhe hh. Standard-Param mit Slant-Distanz ss und Azimut uu.

!!
Kegelmantel
r(u,v)=(scosu,ssinu,h(1s/R))u[0,2π)s[0,R]\begin{aligned} \mathbf{r}(u,v) &= \bigl(s\cos u,\, s\sin u,\, h(1-s/R)\bigr)^\top \\ u &\in [0, 2\pi) \\ s &\in [0, R] \end{aligned}
Bei s=0s = 0 Spitze, bei s=Rs = R Bodenkreis. Rand S\partial S ist ein Kreis am offenen Ende, in der Ebene z=0z = 0 (oder z=hz = h je nach Bauart).
Formel Kegelmantel
r(u,s)=(scosu,ssinu,h(1s/R))\mathbf{r}(u,s) = (s\cos u, s\sin u, h(1-s/R))^\top
Merke Rand: ein Kreis
S\partial S ist der Kreis am offenen Ende. Spitze ist KEIN Rand (Punkt, nicht Kurve).

6.6 Graph z=f(x,y)z = f(x,y)

Allgemeinster Standardfall: Fläche als Graph einer Funktion über einem Bereich BB in der xyxy-Ebene. Die natürliche Parametrisierung ist (u,v,f(u,v))(u, v, f(u,v)), der Rand S\partial S ist das Bild der Bereichs-Berandung B\partial B unter ff.

!!
Graph-Fläche
r(u,v)=(u,v,f(u,v))ndO=(fu,fv,1)dudv\begin{aligned} \mathbf{r}(u,v) &= (u, v, f(u,v))^\top \\ \mathbf{n}\,\mathrm{d}O &= (-f_u, -f_v, 1)^\top\,\mathrm{d}u\,\mathrm{d}v \end{aligned}
zz-Komponente von n\mathbf{n} positiv: Aussennormale „nach oben“. fu=f/uf_u = \partial f/\partial u, fv=f/vf_v = \partial f/\partial v.

Anschauliche Beispiele. Bei zentrierten Bereichen B=B = Kreisscheibe um den Ursprung mit Radius aa ist B\partial B ein Kreis und S\partial S die gehobene Kurve f(acost,asint)f(a\cos t, a\sin t). Spezialfälle: f0f \equiv 0 ergibt die flache Kreisscheibe aus 6.2; f(u,v)=h(1u2+v2/R)f(u,v) = h\,(1 - \sqrt{u^2+v^2}/R) ergibt einen flachgedrückten Kegel.

Formel Graph
ndO=(fu,fv,1)dudv\mathbf{n}\,\mathrm{d}O = (-f_u, -f_v, 1)^\top\,\mathrm{d}u\,\mathrm{d}v
Merke Rand S\partial S
S\partial S ist die gehobene Bereichs-Berandung: {(r(t)):tB}\{(\mathbf{r}(t)) : t \in \partial B\}.

6.7 Hilfsstücke: offene Kurve schliessen

Wenn die Aufgabe ein Wegintegral über eine offene Kurve WW verlangt (zwei freie Enden), lässt sich Stokes nicht direkt anwenden. Standard-Trick: ergänze ein Hilfsstück WW', sodass WWW \cup W' geschlossen wird und Rand einer wählbaren Fläche SS ist.

Klassische Hilfsstücke. Geradenstück auf einer Koordinatenachse, Kreisbogen in einer Koordinatenebene, oder gerade Verbindung zwischen den zwei Endpunkten von WW. Wahl so, dass Wvdr\int_{W'} \mathbf{v}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} trivial wird: Standard-Param ist gerade, Skalarprodukt fällt einfach aus, oder v\mathbf{v} steht senkrecht zur Tangente von WW' (dann Beitrag null).

Merke Schliessungs-Strategie
WW offen? WW' ergänzen, Stokes auf WWW \cup W', am Ende W\int_{W'} abziehen. WW' so wählen, dass das Hilfs-Wegintegral leicht ist.

7.1 Strategien-Liste

Für jede Aufgabe mit Stokes oder Wegintegral entlang einer geschlossenen Schleife läufst du diese Reihenfolge durch. Wer sie einhält, erreicht das Resultat oft in einer Zeile.

(1) Wirbelfreiheits-Check zuerst. Falls rotv0\operatorname{rot}\mathbf{v} \equiv \mathbf{0} auf einer Fläche SS mit S=W\partial S = W: Arbeit ist null, Punkt. Beispiel: alle Gradientenfelder, das Coulombfeld ausserhalb des Ursprungs. Spart die ganze Integration.

(2) Stokes-Tausch in die einfachere Richtung. Wegintegral kompliziert, Rotation einfach (Konstante, simple Funktion in einer Koord.-Ebene)? Tausch zu Flussintegral. Umgekehrt: Flussintegral mühsam, Wegintegral leichter? Tausch zu Wegintegral.

(3) Fläche SS klug wählen. Bei Vorgabe nur der Schleife S\partial S ist SS frei wählbar. Nimm die Fläche, für die rotvn\operatorname{rot}\mathbf{v}\cdot\mathbf{n} einfach wird. Standard-Wahl: flache Kreisscheibe in einer Koordinatenebene (Section 6.2), Halbkugel oder Kegel bei rotationssymmetrischer Schleife.

(4) Hilfsstück-Strategie für offene Wege. Schleife nicht geschlossen? Schliessungs-Stück WW' ergänzen, Stokes auf WWW \cup W', Hilfsstück-Integral abziehen (Section 6.7).

(5) Singularitäten ausschneiden. Falls v\mathbf{v} in einem Punkt der Fläche singulär ist (z. B. Magnetfeld eines Stromleiters auf der Achse): kleine Scheibe um die Singularität rausschneiden, Stokes auf die Restfläche, Beitrag der Hilfsscheibe direkt rechnen. Vorgriff auf Kap. VI.9 (Faraday und Ampère).

Merke Reihenfolge
(1) Wirbelfrei? (2) Stokes-Tausch in die leichtere Richtung. (3) Fläche SS klug wählen. (4) Hilfsstück bei offenen Wegen. (5) Singularität ausschneiden.
Prüfungstipp Klausur-Mantra
Ist es wirbelfrei? Falls ja: Arbeit = 0, fertig. Falls nein: in welche Richtung Stokes-tauschen, damit die Rechnung leichter wird?

Aufgaben mit Musterlösungen

Übungsaufgaben werden in Kürze ergänzt.

Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.

MerkeErst selbst rechnen, dann Lösung prüfen!