1.1 Wozu der Divergenzsatz wirklich gut ist

Der Divergenzsatz ist nicht nur eine Identität, mit der man Klausur-Aufgaben verkürzt. Er ist das Werkzeug, mit dem die Physik vier ihrer wichtigsten Bilanzen schreibt. Hydrodynamik, Wärmeleitung, Elektrostatik, Hydrostatik: jede dieser Disziplinen beginnt mit einer Erhaltungsaussage, die als Volumen-Integral formuliert ist. Der Divergenzsatz dreht das Volumen-Integral in ein Oberflächen-Integral oder umgekehrt, und am Ende fällt eine differenzielle Bewegungsgleichung heraus.

Schau dir die vier Phänomene kurz an, bevor wir sie ausarbeiten:

(1) Strömung. Wasser fliesst durch ein Rohr; Masse darf weder erzeugt noch verschwinden. Bilanz: was netto durch die Hülle fliesst, muss innen verschwinden oder entstehen. Resultat: Kontinuitätsgleichung.

(2) Wärme. Eine heisse Pfanne kühlt ab; Energie strömt vom Warmen ins Kalte. Bilanz: Energie-Änderung im Volumen gleich Wärmestrom durch die Hülle. Resultat: Wärmeleitungsgleichung.

(3) Elektrostatik. Eine Punktladung sitzt im Raum; ihr Feld zeigt radial weg. Bilanz: Fluss durch eine Hülle ist proportional zur eingeschlossenen Ladung. Resultat: Grundgleichung von Maxwell.

(4) Auftrieb. Ein Stein fällt ins Wasser und wird leichter. Bilanz: Druckkraft auf die Hülle ist gleich dem Gewicht der verdrängten Flüssigkeit. Resultat: Archimedisches Prinzip.

Merke Kern-Idee
Erhaltung als Volumen-Integral, Bilanz als Fluss durch den Rand, Divergenzsatz als Brücke. Daraus fällt eine differenzielle Gleichung heraus.

1.2 Übersichts-Tabelle

Bevor wir in die Details einsteigen, schau dir das ganze Kapitel auf einen Blick an. Die Tabelle zeigt, welche physikalische Bilanz hinter jeder Anwendung steht und welche Gleichung am Ende der Rechnung steht. Die Spalte „Bilanz-Aussage“ ist umgangssprachlich, die Spalte „Resultat“ ist die mathematische Form, die in den jeweiligen Sections hergeleitet wird.

Phänomen Bilanz-Aussage Resultat
Strömung Massenerhaltung ρt+(ρv)=0\rho_t + \nabla\cdot(\rho\mathbf{v}) = 0
Wärme Energieerhaltung ut=a2Δuu_t = a^2\,\Delta u
Elektrostatik Gauss-Hülle E=4πρ\nabla\cdot\mathbf{E} = 4\pi\rho
Hydrostatik Druck-Bilanz A=γVe^z\mathbf{A} = \gamma V\,\hat{\mathbf{e}}_z
Vier Anwendungen des Divergenzsatzes
Merke Vier Resultate
Kontinuitätsgleichung, Wärmeleitungsgleichung, Grundgleichung der Elektrostatik, archimedisches Prinzip. Jedes ist eine Konsequenz desselben Werkzeugs.
Prüfungstipp Lese-Strategie
Liest du in Klausur-Vorbereitung, geh zur Section, deren Resultat du brauchst. Liest du Stoff zum ersten Mal, lies linear Section 2 bis 7.

2.1 Idee: einfachste Geometrie zuerst

Bevor wir den Divergenzsatz auf Strömungen oder Wärme anwenden, schauen wir kurz auf den Beweis. Nicht die volle technische Version, sondern die Beweis-Skizze für die einfachste Geometrie: einen achsenparallelen Quader. Diese Skizze macht greifbar, woher die Formel überhaupt kommt, und sie liefert das Vorzeichen-Muster, das auch bei den Anwendungen wiederkehrt.

Sei B=[a,b]×[c,d]×[e,f]B = [a,b] \times [c,d] \times [e,f] der Quader. Sein Rand B\partial B besteht aus sechs Rechtecken, die wir S1,S2,,S6S_1, S_2, \ldots, S_6 nennen: zwei senkrechte zur xx-Achse, zwei zur yy-Achse, zwei zur zz-Achse. Auf jeder Wand ist die Aussennormale konstant: ±e^x,±e^y,±e^z\pm \hat{\mathbf{e}}_x, \pm \hat{\mathbf{e}}_y, \pm \hat{\mathbf{e}}_z.

Die allgemeine Form des Divergenzsatzes (für beliebige Volumen) folgt am Schluss daraus, dass man jeden krummen Bereich durch viele kleine Quader-Stücke approximieren kann. Wir machen also den Quader-Fall sauber, alles andere ist Verallgemeinerung.

Notation S1,,S6S_1, \ldots, S_6
Die sechs Seitenflächen des Quaders. S1,S2S_1, S_2 senkrecht zur xx-Achse, S3,S4S_3, S_4 zur yy-Achse, S5,S6S_5, S_6 zur zz-Achse.
Notation Aussennormale n\mathbf{n}
Einheitsvektor, der aus dem Volumen heraus zeigt. Auf jeder Wand des Quaders konstant: ±e^x,±e^y,±e^z\pm \hat{\mathbf{e}}_x, \pm \hat{\mathbf{e}}_y, \pm \hat{\mathbf{e}}_z.

2.2 Komponentenweise Zerlegung

Schreibe die Divergenz aus: v=v1,x+v2,y+v3,z\nabla \cdot \mathbf{v} = v_{1,x} + v_{2,y} + v_{3,z}, eine Summe aus drei partiellen Ableitungen. Das Volumen-Integral ist also auch eine Summe aus drei Stücken, eines pro Komponente:

!!
Volumen-Integral der Divergenz
BvdV=Bv1,xdV+Bv2,ydV+Bv3,zdV\iiint_B \nabla\cdot\mathbf{v}\,dV = \iiint_B v_{1,x}\,dV + \iiint_B v_{2,y}\,dV + \iiint_B v_{3,z}\,dV
v1,x,v2,y,v3,zv_{1,x}, v_{2,y}, v_{3,z} sind die partiellen Ableitungen xv1,yv2,zv3\partial_x v_1, \partial_y v_2, \partial_z v_3. Aufspalten erlaubt, weil das Integral linear ist.

Wir behandeln jede der drei Komponenten einzeln und zeigen, dass sie das Flussintegral über zwei Seitenwände ergibt. Aufaddieren liefert dann den Fluss über alle sechs Wände. Das machen wir jetzt für v1v_1 explizit; die anderen beiden laufen analog.

Merke Strategie
Volumen-Integral linear in den drei Komponenten von v\mathbf{v}. Behandle jede einzeln, am Ende aufsummieren.

2.3 Erste Komponente per Hauptsatz

Schauen wir auf den ersten Term, Bv1,xdV\iiint_B v_{1,x}\,dV. Schreib das iteriert mit xx als innerster Variabel und nutze den Hauptsatz der Integralrechnung in xx:

!!
Hauptsatz-Schritt für v1v_1
Bv1,xdV=ef ⁣ ⁣cdv1(b,y,z)dydz=ef ⁣ ⁣cdv1(a,y,z)dydz\begin{aligned} \iiint_B v_{1,x}\,dV &= \int_e^f\!\!\int_c^d v_1(b,y,z)\,dy\,dz \\ &\phantom{=}- \int_e^f\!\!\int_c^d v_1(a,y,z)\,dy\,dz \end{aligned}
Hauptsatz der Integralrechnung in der xx-Variable: abv1,xdx=v1(b,y,z)v1(a,y,z)\int_a^b v_{1,x}\,dx = v_1(b,y,z) - v_1(a,y,z).

Jetzt der entscheidende Schritt: erkenne die rechten und linken Wände wieder. Auf S1S_1 (rechte Wand, x=bx=b) ist die Aussennormale nS1=(1,0,0)\mathbf{n}_{S_1} = (1,0,0)^{\top}, also v1(b,y,z)=v(b,y,z)e^x=vnS1v_1(b,y,z) = \mathbf{v}(b,y,z) \cdot \hat{\mathbf{e}}_x = \mathbf{v} \cdot \mathbf{n}_{S_1}. Auf S2S_2 (linke Wand, x=ax=a) ist die Aussennormale nS2=(1,0,0)\mathbf{n}_{S_2} = (-1,0,0)^{\top}, also v1(a,y,z)=v(a,y,z)(e^x)=vnS2-v_1(a,y,z) = \mathbf{v}(a,y,z) \cdot (-\hat{\mathbf{e}}_x) = \mathbf{v} \cdot \mathbf{n}_{S_2}.

Beide Doppel-Integrale sind also Flüsse über je eine Quader-Wand:

!!
Identifikation als Flüsse
Bv1,xdV=S1vndO+S2vndO=S1S2vndO\begin{aligned} \iiint_B v_{1,x}\,dV &= \iint_{S_1} \mathbf{v}\cdot\mathbf{n}\,dO + \iint_{S_2} \mathbf{v}\cdot\mathbf{n}\,dO \\ &= \iint_{S_1\cup S_2} \mathbf{v}\cdot\mathbf{n}\,dO \end{aligned}
Auf S1S_1: n=e^x\mathbf{n} = \hat{\mathbf{e}}_x, also vn=v1\mathbf{v}\cdot\mathbf{n} = v_1. Auf S2S_2: n=e^x\mathbf{n} = -\hat{\mathbf{e}}_x, also vn=v1\mathbf{v}\cdot\mathbf{n} = -v_1. Vorzeichen kommt aus der Aussennormale.
Merke Vorzeichen aus der Normale
+v1+v_1 auf der rechten Wand, v1-v_1 auf der linken Wand: beides Mal ist es vn\mathbf{v}\cdot\mathbf{n}, weil die Aussennormale auf den beiden Wänden entgegengesetzt zeigt.
Prüfungstipp Klausur-Hilfe
Wenn dir der Beweis als Erinnerung dient: das Vorzeichen-Pattern ist „rechte Wand plus, linke Wand minus, beides absorbiert durch n\mathbf{n}“.

2.4 Analog für v2,v3v_2, v_3 und Fazit

Dieselbe Rechnung läuft für die anderen beiden Komponenten. Die zweite Komponente v2v_2 liefert die Wände S3S_3 (vorne, y=dy=d) und S4S_4 (hinten, y=cy=c), die dritte Komponente v3v_3 die Wände S5S_5 (oben, z=fz=f) und S6S_6 (unten, z=ez=e). Jede Komponente trägt zwei Wände bei.

Aufsummieren der drei Komponenten ergibt den Fluss über alle sechs Wände, also über den ganzen Rand B\partial B:

!!!
Divergenzsatz für den Quader
BvdV=BvndO\iiint_B \nabla\cdot\mathbf{v}\,dV = \iint_{\partial B} \mathbf{v}\cdot\mathbf{n}\,dO
B=S1S2S6\partial B = S_1 \cup S_2 \cup \ldots \cup S_6 ist die Hülle des Quaders. Aussennormale n\mathbf{n} konstant pro Wand.
Merke Resultat
BvdV=BvndO\iiint_B \nabla\cdot\mathbf{v}\,dV = \iint_{\partial B} \mathbf{v}\cdot\mathbf{n}\,dO. Beweis-Skizze fertig für den Quader-Fall.
Merke Hauptsatz-Analogie
Aussennormale n\mathbf{n} ist die mehrdimensionale Form der Vorzeichen ±1\pm 1 an den Intervall-Endpunkten.

3.1 Frage zuerst: Masse pro Volumen

Stell dir ein Volumen BB in einer Strömung vor (zum Beispiel ein imaginärer Würfel mitten im Wasser eines Flusses). Die Masse darin kann sich mit der Zeit ändern, weil Flüssigkeit hinein- oder herausfliesst. Aber: Masse entsteht nicht aus dem Nichts und verschwindet nicht im Nichts. Wie verbinden wir das in eine Gleichung?

Wir brauchen zwei Felder: die Massendichte ρ(x,y,z,t)\rho(x,y,z,t) (Masse pro Volumen, in kg/m³) und das Strömungsgeschwindigkeitsfeld v(x,y,z,t)\mathbf{v}(x,y,z,t) (in m/s). Beide sind orts- und zeitabhängig. Das Produkt ρv\rho\mathbf{v} heisst Massenflussdichte (kg pro m² und Sekunde): wie viel Masse pro Zeit pro Querschnitts-Fläche fliesst.

Notation ρ\rho
Hier Massendichte (kg/m³), nicht zu verwechseln mit der Ladungsdichte aus Section 5. Beide tragen denselben Buchstaben, sind aber verschiedene physikalische Grössen.
Notation ρv\rho\mathbf{v}
Massenflussdichte (kg pro m² und s). Wie viel Masse pro Zeit durch eine Einheits-Fläche senkrecht zur Strömung fliesst.

3.2 Massen-Bilanz

Die Masse im Volumen BB zur Zeit tt ist das Volumen-Integral der Dichte. Die zeitliche Änderung folgt durch Differentiation unter dem Integral (Voraussetzung: ρ\rho stetig differenzierbar in tt):

!!
Masse und ihre Änderungsrate
m(t)=Bρ(x,y,z,t)dVm(t)=BρtdV\begin{aligned} m(t) &= \iiint_B \rho(x,y,z,t)\,dV \\ m'(t) &= \iiint_B \rho_t\,dV \end{aligned}
ρt=ρ/t\rho_t = \partial\rho/\partial t. Differentiation unter dem Integral erlaubt, weil BB zeitlich fest und ρ\rho stetig differenzierbar ist.
Formel Masse im Volumen
m(t)=BρdVm(t) = \iiint_B \rho\,dV

3.3 Erhaltungssatz und Divergenzsatz

Jetzt der physikalische Schritt: Masse entsteht und verschwindet nicht. Also kann sich die Masse in BB nur dadurch ändern, dass sie durch die Hülle B\partial B ein- oder ausströmt. Konkret: was netto durch die Hülle nach aussen fliesst, fehlt im Inneren. Das ist die Erhaltungs-Aussage.

!!
Erhaltung plus Divergenzsatz
m(t)=B(ρv)ndO=B(ρv)dV\begin{aligned} m'(t) &= -\iint_{\partial B} (\rho\mathbf{v})\cdot\mathbf{n}\,dO \\ &= -\iiint_B \nabla\cdot(\rho\mathbf{v})\,dV \end{aligned}
Erste Zeile: Erhaltung. Minuszeichen, weil Aussennormale nach aussen zeigt und Abfluss die Masse im Inneren reduziert. Zweite Zeile: Divergenzsatz auf das Flussintegral.

Setze die beiden Ausdrücke für m(t)m'(t) aus 3.2 und der Erhaltungs-Zeile gleich:

!!
Bilanz im Volumen
B[ρt+(ρv)]dV=0\iiint_B \bigl[\rho_t + \nabla\cdot(\rho\mathbf{v})\bigr]\,dV = 0
Gilt für jedes Volumen BB in der Strömung. Das ist die Schlüsselbedingung.

Die Identität gilt für jedes Volumen BB. Das geht nur, wenn der Integrand punktweise verschwindet (sonst gäbe es ein kleines BB, in dem das Integral nicht null wäre).

Merke Argument
Wenn BfdV=0\iiint_B f\,dV = 0 für jedes BB und ff stetig, dann f0f \equiv 0. Das ist die Brücke vom Volumen-Integral zur punktweisen Aussage.

3.4 Hauptresultat: Kontinuitätsgleichung

!!!
Kontinuitätsgleichung der Hydrodynamik
ρt+(ρv)=0\rho_t + \nabla\cdot(\rho\mathbf{v}) = 0
Lokale Form der Massenerhaltung. Verbindet die zeitliche Änderung der Dichte mit der Divergenz der Massenflussdichte.

In Worten: die zeitliche Abnahme der Dichte (ρt-\rho_t) ist gleich der Divergenz der Massenflussdichte ((ρv)\nabla\cdot(\rho\mathbf{v})). Anschaulich: die Dichte sinkt genau dann, wenn netto Masse aus dem Punkt herausfliesst.

Merke Kontinuitätsgleichung
Lokal entsteht und verschwindet keine Masse: die Dichte ändert sich nur durch Ab- oder Zufluss.
Formel Hauptform
ρt+(ρv)=0\rho_t + \nabla\cdot(\rho\mathbf{v}) = 0

3.5 Spezialfälle: stationär und inkompressibel

Zwei Spezialfälle der Kontinuitätsgleichung tauchen in Klausur-Aufgaben und in der Praxis am häufigsten auf.

(a) Stationär. Eine Strömung heisst stationär, wenn sich die Dichte nicht mit der Zeit ändert: ρt=0\rho_t = 0. Dann reduziert sich die Kontinuitätsgleichung auf die quellenfreie Massenflussdichte:

Stationär
(ρv)=0\nabla\cdot(\rho\mathbf{v}) = 0
Stationäre Strömung: Dichte zeitlich konstant. Massenflussdichte ist quellenfrei.

(b) Inkompressibel. Ein Medium heisst inkompressibel, wenn die Dichte ρ\rho räumlich und zeitlich konstant ist, also ρ=0\nabla\rho = 0 und ρt=0\rho_t = 0. Mit der Produkt-Identität (ρv)=vρ+ρv\nabla\cdot(\rho\mathbf{v}) = \mathbf{v}\cdot\nabla\rho + \rho\,\nabla\cdot\mathbf{v} verschwindet der erste Term, und nach Teilen durch ρ\rho folgt:

!!
Inkompressibel
v=0\nabla\cdot\mathbf{v} = 0
Inkompressible Strömung: Geschwindigkeitsfeld v\mathbf{v} ist quellenfrei. Wasser bei moderaten Drücken und Geschwindigkeiten ist näherungsweise inkompressibel.
Formel Produkt-Identität
(ρv)=vρ+ρv\nabla\cdot(\rho\mathbf{v}) = \mathbf{v}\cdot\nabla\rho + \rho\,\nabla\cdot\mathbf{v}
Merke Stationär vs inkompressibel
Stationär: ρt=0\rho_t = 0, aber ρ\rho darf räumlich variieren. Inkompressibel: ρ\rho ganz konstant. Inkompressibel ist strenger.
Formel Inkompressibel
v=0\nabla\cdot\mathbf{v} = 0

4.1 Frage zuerst: wie verteilt sich Wärme?

Eine heisse Pfanne kühlt langsam ab; eine Heizkörper-Oberfläche wird warm. Die Temperatur ist nicht überall gleich, und sie ändert sich mit der Zeit. Wie beschreibt man die räumlich-zeitliche Verteilung der Temperatur u(x,y,z,t)u(x,y,z,t) in einem Körper KK?

Wir brauchen drei Material-Konstanten: die spezifische Wärme cc (Energie pro Masse pro Kelvin), die Massendichte ρ\rho (kg/m³) und die Wärmeleitfähigkeit kk (W pro m und K). Material gibt diese drei Zahlen vor. Für Wasser etwa c4180c \approx 4180 J/(kg·K), ρ1000\rho \approx 1000 kg/m³, k0,6k \approx 0{,}6 W/(m·K). Für Eisen: c450c \approx 450, ρ7870\rho \approx 7870, k80k \approx 80.

Notation u(x,y,z,t)u(x,y,z,t)
Temperatur als Skalarfeld. Manche Texte schreiben TT statt uu, das bedeutet dasselbe.
Notation Material-Konstanten
cc in J/(kg·K), ρ\rho in kg/m³, kk in W/(m·K). Pro Material drei Zahlen, die man nachschlägt.

4.2 Wärmemenge in einem Teilkörper

Sei BKB \subset K ein Teilvolumen des Körpers. Die in BB gespeicherte Wärmemenge ist die Energie, die man bräuchte, um BB aus einem Referenzzustand auf die aktuelle Temperatur uu zu heben. Das ist Masse mal spezifische Wärme mal Temperatur, integriert über das Volumen:

!!
Wärmemenge und Änderungsrate
W(t)=BcρudVW(t)=BcρutdV\begin{aligned} W(t) &= \iiint_B c\,\rho\,u\,dV \\ W'(t) &= \iiint_B c\,\rho\,u_t\,dV \end{aligned}
c,ρc, \rho Material-Konstanten (zeitunabhängig). Differentiation unter dem Integral erlaubt, weil BB zeitlich fest und uu stetig differenzierbar ist.

Auch hier ist ρ\rho die Massendichte wie in Section 3, nicht die Ladungsdichte aus Section 5. Halte die Notation in der jeweiligen Section präsent.

Notation ρ\rho in dieser Section
Wie in Section 3: Massendichte (kg/m³). In Section 5 trifft derselbe Buchstabe auf eine andere Bedeutung.

4.3 Newton-Fourier-Gesetz

Wärme fliesst von warm nach kalt, und zwar um so schneller, je steiler das Temperatur-Gefälle ist. Quantitativ formuliert das das Newton-Fourier-Gesetz: die Wärmeflussdichte q\mathbf{q} ist proportional zum negativen Gradienten der Temperatur.

!!
Newton-Fourier
q=ku\mathbf{q} = -k\,\nabla u
q\mathbf{q} Wärmeflussdichte (W/m²): wie viel Energie pro Zeit durch eine Einheits-Fläche senkrecht zum Wärmestrom fliesst. Minuszeichen: Wärme strömt von hohen zu niedrigen Temperaturen.

Auf einem Flächenstück dOdO mit Aussennormale n\mathbf{n} tritt also die Wärmemenge qndO=k(u)ndO\mathbf{q}\cdot\mathbf{n}\,dO = -k\,(\nabla u)\cdot\mathbf{n}\,dO pro Zeit aus. Negativ in Richtung n\mathbf{n}, positiv beim Eintritt.

Vorzeichen merken: wenn die Temperatur in Richtung n\mathbf{n} ansteigt ((u)n>0(\nabla u) \cdot \mathbf{n} > 0), dann fliesst Wärme entgegen n\mathbf{n}, also in das Volumen hinein. Das Minuszeichen im Newton-Fourier-Gesetz absorbiert genau das.

Formel Newton-Fourier
q=ku\mathbf{q} = -k\,\nabla u
Merke Vorzeichen-Logik
Wärme fliesst von warm nach kalt: entgegengesetzt zum Temperatur-Gradienten. Daher das Minuszeichen.

4.4 Energieerhaltung und Divergenzsatz

Energie wird im isolierten Körper weder erzeugt noch vernichtet. Die Änderung der Wärmemenge in BB kann also nur dadurch zustande kommen, dass Wärme durch die Hülle B\partial B ein- oder ausströmt. Wir setzen W(t)W'(t) aus 4.2 gleich dem Wärmezufluss durch B\partial B. Achtung Vorzeichen: WW wächst, wenn Wärme nach innen strömt, also gegen die Aussennormale; daraus folgt das Pluszeichen vor dem kuk\nabla u:

!!
Erhaltung plus Divergenzsatz
W(t)=Bk(u)ndO=kB(u)dV=kBΔudV\begin{aligned} W'(t) &= \iint_{\partial B} k\,(\nabla u)\cdot\mathbf{n}\,dO \\ &= k\iiint_B \nabla\cdot(\nabla u)\,dV \\ &= k\iiint_B \Delta u\,dV \end{aligned}
Erste Zeile: Wärmezufluss durch Rand. Zweite Zeile: Divergenzsatz. Dritte Zeile: (u)=Δu\nabla\cdot(\nabla u) = \Delta u, der Laplace-Operator.

Setze die beiden Ausdrücke für W(t)W'(t) gleich (aus 4.2 und der ersten Zeile hier) und sammle alles auf einer Seite:

Bilanz im Volumen
B[cρutkΔu]dV=0\iiint_B \bigl[c\,\rho\,u_t - k\,\Delta u\bigr]\,dV = 0
Gilt für jedes Volumen BKB \subset K. Argument wie in 3.3: Integrand verschwindet punktweise.
Formel Laplace-Operator
Δu=uxx+uyy+uzz\Delta u = u_{xx} + u_{yy} + u_{zz}
Merke Brücke
(u)=Δu\nabla\cdot(\nabla u) = \Delta u. So wird aus der Divergenz des Wärmestroms der Laplace der Temperatur.

4.5 Hauptresultat: Wärmeleitungsgleichung

Definiere die Temperaturleitfähigkeit a2:=k/(cρ)>0a^2 := k/(c\rho) > 0. Dividieren der Volumen-Bilanz durch cρc\rho und Anwenden des „für jedes BB gilt \ldots“-Arguments liefert:

!!!
Wärmeleitungsgleichung
ut=a2Δuu_t = a^2\,\Delta u
a2=k/(cρ)>0a^2 = k/(c\rho) > 0 heisst Temperaturleitfähigkeit (Einheit m²/s). Lineare partielle DGL zweiter Ordnung in uu.

In Worten: die zeitliche Änderung der Temperatur ist proportional zum Laplace der Temperatur. Anschaulich: die Temperatur an einem Punkt steigt, wenn die Umgebung im Mittel wärmer ist (positiver Laplace), und sinkt, wenn die Umgebung kälter ist (negativer Laplace).

Notation a2a^2
Temperaturleitfähigkeit, Einheit m²/s. Material-Konstante. Nicht Beschleunigung. Manche Texte schreiben α2\alpha^2 oder DD (Diffusionskoeffizient); bedeutet dasselbe.
Merke Wärmeleitungsgleichung
Lineare PDE zweiter Ordnung. Eckpfeiler der mathematischen Physik (Diffusion, Wärme, viele weitere Phänomene).

4.6 Stationärer Spezialfall

Lässt man einen isolierten Körper lange genug Zeit, so kommt er in einen Gleichgewichtszustand, in dem sich die Temperatur nicht mehr ändert: ut=0u_t = 0. Die Wärmeleitungsgleichung reduziert sich dann auf:

!!
Stationäre Wärme
Δu=0\Delta u = 0
Stationärer Zustand: Temperatur zeitlich konstant. uu erfüllt die Laplace-DGL und heisst harmonisch.
Merke Harmonisch
Eine Funktion uu heisst harmonisch, wenn Δu=0\Delta u = 0. Stationäre Temperaturverteilungen sind harmonisch.
Querverweis Verweise
→ VI.2 Laplace-Operator

5.1 Frage zuerst: vom Coulomb-Feld zur Maxwell-Gleichung

Eine Punktladung ee sitzt im Punkt r0\mathbf{r}_0 (sonst nichts im Raum). Wir wissen schon: ihr elektrisches Feld E\mathbf{E} zeigt radial weg von der Ladung und fällt mit 1/r21/r^2 ab. Das ist das Coulomb-Gesetz, eine empirische Aussage aus Experimenten.

Frage: wie verbindet sich das Coulomb-Feld einer einzelnen Punktladung mit einer kontinuierlichen Ladungsverteilung ρ(x,y,z)\rho(x,y,z), die im Raum verteilt ist? Antwort: über den Divergenzsatz. Am Ende steht eine der vier Maxwell-Gleichungen: E=4πρ\nabla\cdot\mathbf{E} = 4\pi\rho. Die machen wir jetzt Schritt für Schritt.

Notation ρ\rho in dieser Section
Achtung: Ladungsdichte (Coulomb pro m³), nicht Massendichte aus Section 3 oder 4. Dieselbe Variable, andere Bedeutung.

5.2 Coulomb-Feld einer Punktladung

Sei r\mathbf{r} ein beliebiger Aufpunkt im Raum, r0\mathbf{r}_0 der Ort der Ladung, rr0\mathbf{r} - \mathbf{r}_0 der Verbindungsvektor von Ladung zu Aufpunkt. Das Feld einer Punktladung ee ist (in Gauss-cgs-Konvention mit C=1C = 1):

!!
Coulomb-Feld
E(r)=err0rr03\mathbf{E}(\mathbf{r}) = e\,\frac{\mathbf{r} - \mathbf{r}_0}{|\mathbf{r} - \mathbf{r}_0|^3}
Gauss-cgs-Konvention mit C=1C = 1. In SI-Einheiten gilt E=e4πε0rr0rr03\mathbf{E} = \frac{e}{4\pi\varepsilon_0}\,\frac{\mathbf{r} - \mathbf{r}_0}{|\mathbf{r} - \mathbf{r}_0|^3}. Beide Konventionen sind dasselbe Feld, nur in anderen Einheiten.

Definitionsbereich: D(E)=R3{r0}D(\mathbf{E}) = \mathbb{R}^3 \setminus \{\mathbf{r}_0\}. Im Punkt r0\mathbf{r}_0 explodiert das Feld; dort ist E\mathbf{E} nicht definiert. Diese Singularität ist der entscheidende Punkt für alles, was folgt.

Formel Coulomb-Feld (Gauss-cgs)
E=err0rr03\mathbf{E} = e\,\dfrac{\mathbf{r} - \mathbf{r}_0}{|\mathbf{r} - \mathbf{r}_0|^3}
Notation Konventionen
Hier verwenden wir die Gauss-cgs-Konvention mit C=1C = 1. Daher steht weiter unten 4πe4\pi e statt e/ε0e/\varepsilon_0. Beide Schreibweisen sind in der Literatur verbreitet.

5.3 E\mathbf{E} ist quellenfrei ausserhalb der Ladung

Direktes Nachrechnen liefert eine zentrale Tatsache: überall dort, wo E\mathbf{E} definiert ist, ist die Divergenz null. Auf D(E)=R3{r0}D(\mathbf{E}) = \mathbb{R}^3 \setminus \{\mathbf{r}_0\} gilt E=0\nabla\cdot\mathbf{E} = 0. Das Feld einer Punktladung ist also quellenfrei, ausserhalb der Ladung selbst.

Das klingt zunächst paradox: ein Feld, das aus einer Quelle kommt, soll quellenfrei sein? Auflösung: in jedem Punkt ausser r0\mathbf{r}_0 ist die Divergenz tatsächlich null. Die Quelle sitzt punktuell in r0\mathbf{r}_0, und genau dort ist E\mathbf{E} nicht differenzierbar (nicht einmal definiert). Die ganze „Quellstärke“ konzentriert sich in einem einzigen Punkt.

Merke Quellenfrei (ausser im Ursprung)
E=0\nabla\cdot\mathbf{E} = 0 überall in D(E)D(\mathbf{E}). Die Quellstärke der Ladung steckt im einzigen Punkt r0\mathbf{r}_0.
Querverweis Verweise
→ VI.5 Singularität in $V$

5.4 Trick mit dem Hilfsvolumen

Wir wollen den Fluss durch eine geschlossene Hülle B\partial B um die Ladung herum berechnen. Direkter Divergenzsatz scheitert wegen der Singularität in r0B\mathbf{r}_0 \in B. Trick: schneide eine kleine Kugel KBK \subset B mit Mittelpunkt r0\mathbf{r}_0 aus dem Volumen aus. Auf dem durchlöcherten Bereich Bˉ=BK\bar B = B \setminus K ist E\mathbf{E} überall definiert, und der Divergenzsatz greift.

!!
Divergenzsatz auf das durchlöcherte Volumen
0=BˉEdV=BEndO+KEndO\begin{aligned} 0 &= \iiint_{\bar B} \nabla\cdot\mathbf{E}\,dV \\ &= \iint_{\partial B}\mathbf{E}\cdot\mathbf{n}\,dO + \iint_{\partial K}\mathbf{E}\cdot\mathbf{n}'\,dO \end{aligned}
E=0\nabla\cdot\mathbf{E} = 0 auf Bˉ\bar B. Aussennormale auf Bˉ\partial \bar B: auf B\partial B wie üblich nach aussen, auf K\partial K jedoch in das Loch hinein, also mit n=r^\mathbf{n}' = -\hat{\mathbf{r}} (umgekehrt zur Aussennormale der Kugel selbst).

Ersetze n=r^\mathbf{n}' = -\hat{\mathbf{r}} und sammle die Vorzeichen ein:

Umstellen zur Hülle-Bilanz
BEndO=KEr^dO\iint_{\partial B}\mathbf{E}\cdot\mathbf{n}\,dO = \iint_{\partial K}\mathbf{E}\cdot\hat{\mathbf{r}}\,dO
Auf K\partial K steht die Kugel-Aussennormale r^\hat{\mathbf{r}}. Der Fluss durch B\partial B ist also gleich dem Fluss aus der kleinen Kugel K\partial K.

Den Fluss durch die kleine Kugel K\partial K rechnen wir direkt aus. Auf K\partial K mit Radius rr ist Er^=e/r2\mathbf{E}\cdot\hat{\mathbf{r}} = e/r^2 (radiale Komponente, alle anderen verschwinden). Multipliziert mit der Kugel-Oberfläche 4πr24\pi r^2:

!!
Hülle-Bilanz
KEr^dO=er24πr2=4πe\iint_{\partial K}\mathbf{E}\cdot\hat{\mathbf{r}}\,dO = \frac{e}{r^2}\cdot 4\pi r^2 = 4\pi e
Resultat unabhängig vom Radius rr der Hilfskugel. Genau das macht den Trick sauber: die Kugel kann beliebig klein werden.
Merke Hilfskugel-Trick
Singularität in VV? Kleine Kugel um sie ausschneiden, Divergenzsatz auf den Rest, Hilfskugel-Fluss separat.
Prüfungstipp Vorzeichen-Disziplin
Die Aussennormale auf K\partial K als Teil von Bˉ\partial \bar B zeigt in die Kugel, also umgekehrt zur Kugel-Aussennormale r^\hat{\mathbf{r}}. Häufiger Fehler.

5.5 Allgemeine Form: Gauss-Hülle

Setze die beiden Schritte aus 5.4 zusammen:

!!!
Gauss-Hülle für eine Punktladung
BEndO={4πer0B0r0B\iint_{\partial B}\mathbf{E}\cdot\mathbf{n}\,dO = \begin{cases} 4\pi e & \mathbf{r}_0 \in B \\ 0 & \mathbf{r}_0 \notin B \end{cases}
Erste Zeile: Ladung sitzt im Volumen, Hilfskugel-Trick aus 5.4. Zweite Zeile: Ladung ausserhalb, E0\nabla\cdot\mathbf{E} \equiv 0 auf ganz BB, Divergenzsatz direkt.

In Worten: der Fluss durch eine geschlossene Hülle hängt nur davon ab, ob die Ladung im Inneren sitzt oder nicht. Die genaue Form der Hülle ist egal, der Fluss ist immer 4πe4\pi e (falls innen) oder 00 (falls aussen).

Merke Gauss-Hülle
Nur Ladungen innerhalb der Hülle tragen zum Fluss bei. Ladungen ausserhalb sind unsichtbar.

5.6 Mehrere Ladungen und Ladungsdichte

Mehrere Punktladungen e1,e2,e_1, e_2, \ldots an Orten r1,r2,\mathbf{r}_1, \mathbf{r}_2, \ldots: das Feld E\mathbf{E} ist die Summe der einzelnen Coulomb-Felder (Superpositions-Prinzip). Gauss-Hülle wendet sich auf jede Ladung einzeln an, Summen-Bilanz:

!!
Punktladungs-Summe
BEndO=4πriBei\iint_{\partial B}\mathbf{E}\cdot\mathbf{n}\,dO = 4\pi \sum_{\mathbf{r}_i \in B} e_i
Summe nur über die Ladungen, die in BB sitzen. Ladungen ausserhalb tragen null bei.

Beim Übergang zu einer kontinuierlichen Verteilung mit Ladungsdichte ρ(r)\rho(\mathbf{r}) (Coulomb pro m³) wird die Summe zu einem Volumen-Integral:

!!
Kontinuierliche Ladungsdichte
BEndO=4πBρdV\iint_{\partial B}\mathbf{E}\cdot\mathbf{n}\,dO = 4\pi \iiint_B \rho\,dV
Volumen-Integral über die Ladungsdichte. Resultat heisst Integralform der Maxwell-Gleichung.
Formel Integralform Maxwell
BEndO=4πBρdV\iint_{\partial B}\mathbf{E}\cdot\mathbf{n}\,dO = 4\pi\iiint_B \rho\,dV
Prüfungstipp Vorzeichen-Fauxpas
Positive Ladung: E\mathbf{E} zeigt nach aussen, Fluss positiv. Negative Ladung: E\mathbf{E} zeigt nach innen, Fluss negativ. Senke statt Quelle.

5.7 Hauptresultat: Differentialform per Divsatz

Wir wenden den Divergenzsatz auf die linke Seite der Integralform an. Auf jedem Volumen BB, das vollständig im Definitionsbereich von E\mathbf{E} liegt (also keine Punktladungen mehr enthält, dafür haben wir die kontinuierliche Beschreibung gewählt), gilt:

Vom Hülle-Integral zum Volumen
BEdV=4πBρdV\iiint_B \nabla\cdot\mathbf{E}\,dV = 4\pi \iiint_B \rho\,dV
Linke Seite: Divergenzsatz auf die Integralform aus 5.6. Gilt für jedes Volumen BB.

Da das für jedes Volumen BB gilt und beide Seiten Volumen-Integrale derselben Variable sind, müssen die Integranden punktweise gleich sein:

!!!
Maxwell-Gleichung der Elektrostatik
E=4πρ\nabla\cdot\mathbf{E} = 4\pi\rho
Differentialform der Maxwell-Gleichung in Gauss-cgs-Konvention. In SI-Einheiten: E=ρ/ε0\nabla\cdot\mathbf{E} = \rho/\varepsilon_0. Eine der vier Maxwell-Gleichungen (1865).
Merke Maxwell I
E=4πρ\nabla\cdot\mathbf{E} = 4\pi\rho (Gauss-cgs) oder E=ρ/ε0\nabla\cdot\mathbf{E} = \rho/\varepsilon_0 (SI). Eine der vier Maxwell-Gleichungen.

6.1 Bild zuerst: ein Stein im Wasser

Tauche einen Stein in eine Badewanne. Er wird leichter. Genauer: er erfährt eine Auftriebskraft nach oben, die genau gleich gross ist wie das Gewicht des Wassers, das er verdrängt hat. Das ist das archimedische Prinzip, eine der ältesten quantitativen Aussagen der Physik (Archimedes, 3. Jahrhundert v. Chr.). Wir leiten es jetzt elegant aus dem Divergenzsatz her.

Anschaulich: das Wasser drückt von allen Seiten auf die Oberfläche des Steins. Der Druck ist tiefer unten höher (weil mehr Wasser darüber liegt) als oben. Resultat: nach oben drückt mehr als nach unten, eine Netto-Kraft nach oben. Die genaue Stärke berechnen wir gleich.

Merke Archimedes
Auftriebskraft auf einen getauchten Körper gleich Gewicht des verdrängten Mediums. Richtung: nach oben.

6.2 Druck-Setup

Sei KK ein beliebig geformter Körper, vollständig in eine Flüssigkeit getaucht. Die Flüssigkeit habe das spezifische Gewicht γ\gamma (Gewichtskraft pro Volumen, in N/m³). Für Wasser etwa γ=ρWasserg10009,819810\gamma = \rho_{\text{Wasser}} \cdot g \approx 1000 \cdot 9{,}81 \approx 9810 N/m³.

Wähle Koordinaten so, dass die zz-Achse nach oben zeigt und der Flüssigkeitsspiegel bei z=0z = 0 liegt. Dann hat ein Punkt mit Koordinate z<0z < 0 die Tiefe z-z unter dem Spiegel. Der Druck dort ist Atmosphärendruck plus der hydrostatische Druck der darüber liegenden Wassersäule:

!!
Hydrostatischer Druck
p(z)=p0γzp(z) = p_0 - \gamma z
p0p_0 Atmosphärendruck am Spiegel, γ>0\gamma > 0 spezifisches Gewicht. z<0z < 0 unter Wasser, daher γz>0-\gamma z > 0 und p>p0p > p_0.
Notation γ\gamma in dieser Section
Spezifisches Gewicht der Flüssigkeit, Einheit N/m³. Nicht der Scherwinkel aus der Mechanik oder ein Strahlungs-Koeffizient. Achte auf die Einheit.
Merke Vorzeichen-Konvention
zz-Achse nach oben, Spiegel bei z=0z = 0, Körper z<0z < 0. Druck steigt mit der Tiefe.

6.3 Kraft auf ein Flächenstück

Auf ein Flächenelement dOdO der Hülle K\partial K wirkt der Druck der Flüssigkeit. Die Druckkraft zeigt in den Körper hinein (Druck drückt auf Flächen), also entgegengesetzt zur Aussennormale n\mathbf{n}:

!!
Differentielle Druckkraft
dA=p(z)ndO=(p0γz)ndOd\mathbf{A} = -p(z)\,\mathbf{n}\,dO = -(p_0 - \gamma z)\,\mathbf{n}\,dO
Minuszeichen, weil Druck gegen die Aussennormale drückt. Vektor-Gleichung: jede Komponente dAi=p(z)nidOdA_i = -p(z)\,n_i\,dO.

Die Gesamt-Auftriebskraft ist das Hüllen-Integral über alle Flächenstücke:

Gesamt-Auftrieb
A=K(p0γz)ndO\mathbf{A} = -\iint_{\partial K} (p_0 - \gamma z)\,\mathbf{n}\,dO
Vektor-Integral. Wir rechnen die drei Komponenten einzeln aus, jeweils per Divergenzsatz mit einem geschickt gewählten Hilfs-Vektorfeld.
Merke Druck wirkt nach innen
Daher das Minuszeichen vor n\mathbf{n}. Aussennormale zeigt aus dem Körper, Druckkraft in den Körper.

6.4 Komponentenweise per Divergenzsatz

Die elegante Idee: jede Komponente von A\mathbf{A} ist ein Oberflächen-Integral der Form p(z)nidO\iint p(z)\,n_i\,dO. Wähle ein Hilfs-Vektorfeld u\mathbf{u}, dessen ii-te Komponente p(z)p(z) ist (und alle anderen null), dann ist p(z)ni=unp(z)\,n_i = \mathbf{u}\cdot\mathbf{n}, und der Divergenzsatz wandelt das Hüllen-Integral in ein Volumen-Integral.

xx-Komponente. Wähle u=(p(z),0,0)\mathbf{u} = (p(z), 0, 0)^{\top}. Dann u=xp(z)=0\nabla\cdot\mathbf{u} = \partial_x p(z) = 0 (denn pp hängt nur von zz ab):

!!
xx-Komponente
Ax=KundO=KudV=0\begin{aligned} A_x &= -\iint_{\partial K} \mathbf{u}\cdot\mathbf{n}\,dO \\ &= -\iiint_K \nabla\cdot\mathbf{u}\,dV \\ &= 0 \end{aligned}
u=x(p0γz)=0\nabla\cdot\mathbf{u} = \partial_x(p_0 - \gamma z) = 0. Das Hüllen-Integral verschwindet, weil das Hilfs-Vektorfeld divergenzfrei ist.

yy-Komponente. Analog mit u=(0,p(z),0)\mathbf{u} = (0, p(z), 0)^{\top}. Wieder u=yp(z)=0\nabla\cdot\mathbf{u} = \partial_y p(z) = 0, also Ay=0A_y = 0.

zz-Komponente. Wähle u=(0,0,p(z))\mathbf{u} = (0, 0, p(z))^{\top}. Jetzt ist u=zp(z)=γ\nabla\cdot\mathbf{u} = \partial_z p(z) = -\gamma (der Atmosphärendruck p0p_0 ist konstant in zz, und z(γz)=γ\partial_z(-\gamma z) = -\gamma):

!!
zz-Komponente
Az=KundO=KudV=K(γ)dV=γV\begin{aligned} A_z &= -\iint_{\partial K} \mathbf{u}\cdot\mathbf{n}\,dO \\ &= -\iiint_K \nabla\cdot\mathbf{u}\,dV \\ &= -\iiint_K (-\gamma)\,dV \\ &= \gamma\,V \end{aligned}
V=vol(K)V = \operatorname{vol}(K) ist das Volumen des getauchten Körpers. Resultat: Az=+γVA_z = +\gamma V, eine positive Kraft nach oben.
Merke Trick mit Hilfs-u\mathbf{u}
Skalar-Gewichtung p(z)p(z) in Oberflächen-Integral \to Vektor-Feld ui=p(z)e^i\mathbf{u}_i = p(z)\,\hat{\mathbf{e}}_i mit leicht ausrechenbarer Divergenz.
Prüfungstipp Klassische Klausur-Frage
Warum spielt p0p_0 keine Rolle? Antwort: konstanter Druck liefert in jeder Komponente i(const)=0\partial_i(\text{const}) = 0, also Divergenz null. Atmosphärendruck wirkt von allen Seiten gleich, hebt sich auf.

6.5 Hauptresultat: archimedisches Prinzip

Aus 6.4 folgt sofort die Gesamt-Auftriebskraft. Mit unserer Konvention (zz-Achse nach oben, KK unter Wasser bei z<0z < 0) ist der Auftrieb:

!!!
Archimedisches Prinzip
A=γVe^z\mathbf{A} = \gamma\,V\,\hat{\mathbf{e}}_z
V=vol(K)V = \operatorname{vol}(K), γ\gamma spezifisches Gewicht der Flüssigkeit, e^z\hat{\mathbf{e}}_z nach oben. Auftrieb gleich Gewicht des verdrängten Mediums, Richtung nach oben.

In Worten: die Auftriebskraft auf einen getauchten Körper ist gleich dem Gewicht der von ihm verdrängten Flüssigkeit. Die Form des Körpers spielt keine Rolle; nur sein Volumen zählt. Genau das hatte Archimedes vor 2300 Jahren behauptet.

Formel Archimedes
A=γVe^z\mathbf{A} = \gamma\,V\,\hat{\mathbf{e}}_z
Merke Form egal, Volumen entscheidet
Auftrieb hängt nur vom Volumen, nicht von der Form des Körpers. Krume Steine und glatte Würfel mit gleichem Volumen haben gleichen Auftrieb.

7.1 Anwendungs-Tabelle und Hauptgleichungen

Das ist die Spickzettel-Section. Lies diese Tabelle in Klausur-Vorbereitung als ersten Anker; jede Hauptgleichung ist daneben in der Margin-Spalte als Compact-Formula nochmal aufgeführt.

Gesetz Bilanz-Aussage Resultat
Hydrodynamik Massenerhaltung ρt+(ρv)=0\rho_t + \nabla\cdot(\rho\mathbf{v}) = 0
Wärmeleitung Energieerhaltung ut=a2Δuu_t = a^2\,\Delta u
Elektrostatik Gauss-Hülle E=4πρ\nabla\cdot\mathbf{E} = 4\pi\rho
Hydrostatik Druck-Bilanz Az=γVA_z = \gamma V
Vier Anwendungen des Divergenzsatzes
Formel Kontinuität
ρt+(ρv)=0\rho_t + \nabla\cdot(\rho\mathbf{v}) = 0
Formel Wärme
ut=a2Δuu_t = a^2\,\Delta u
Formel Elektrostatik
E=4πρ\nabla\cdot\mathbf{E} = 4\pi\rho
Formel Auftrieb
A=γVe^z\mathbf{A} = \gamma V\,\hat{\mathbf{e}}_z

7.2 Vier Strategien für jede Anwendung

Alle vier Anwendungen folgen demselben Schema. Wenn du eine neue Aufgabe siehst (zum Beispiel eine Diffusions-Gleichung in der Pharmazie oder eine Bilanz in der Strömungssimulation), läufst du diese vier Schritte ab.

(1) Erhaltungs-Ansatz. Schreibe die zu erhaltende Grösse (Masse, Energie, Ladung) als Volumen-Integral. Bilde die Zeitableitung. Identifiziere die rechte Seite als Fluss durch den Rand plus eventuelle Quellterme.

(2) Divergenzsatz tauschen. Wandle den Fluss durch den Rand in ein Volumen-Integral der Divergenz. So stehen auf beiden Seiten der Bilanz Volumen-Integrale.

(3) Punktweise Gleichheit. Da die Bilanz für jedes Volumen BB gelten muss, müssen die Integranden punktweise gleich sein. Daraus folgt eine differenzielle Gleichung ohne Integrale.

(4) Hilfs-Vektorfeld bei Druck- oder Skalar-Bilanzen. Tritt im Hüllen-Integral ein Skalar ϕ(r)\phi(\mathbf{r}) auf, so wird daraus ein Vektor-Feld ui=ϕe^i\mathbf{u}_i = \phi\cdot\hat{\mathbf{e}}_i mit leicht ausrechenbarer Divergenz. So wandelt sich auch ein Druck- oder Schwerkraft-Integral in eine Volumen-Rechnung um.

Merke Vier Schritte
(1) Erhaltung als Volumen-Integral. (2) Divergenzsatz tauschen. (3) Punktweise Gleichheit. (4) Hilfs-u\mathbf{u} bei Skalar-Bilanzen.
Prüfungstipp Symmetrie nutzen
Punktquelle \to Kugel-Hülle. Linienquelle \to Zylinder-Hülle. Ebene Verteilung \to Quader-Pillendose.
Querverweis Verweise
→ VI.5 Divergenzsatz
→ VI.4 Fluss

Aufgaben mit Musterlösungen

Übungsaufgaben werden in Kürze ergänzt.

Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.

MerkeErst selbst rechnen, dann Lösung prüfen!