1.1 Eine Frage zuerst

Die vier Maxwell-Gleichungen sind das Skelett der klassischen Elektrodynamik. Drei davon sind direkte Konsequenzen der zwei grossen Integralsätze: E=4πρ\nabla\cdot\mathbf{E} = 4\pi\rho und B=0\nabla\cdot\mathbf{B} = 0 folgen aus dem Divergenzsatz (Kap. VI.5/VI.6), und rotE=μ0Ht\operatorname{rot}\mathbf{E} = -\mu_0\mathbf{H}_t sowie rotB=4πJ\operatorname{rot}\mathbf{B} = 4\pi\mathbf{J} folgen aus dem Stokes'schen Satz (diese Page).

Was als physikalisches Experiment beobachtet wird (Faradays Induktionsversuch, Ampères Schleifenintegral um einen Stromleiter), wird durch den Stokes-Tausch zur lokalen Differentialgleichung. Aus einer Integralidentität wird eine Felderzeugungs-Regel, die an jedem Punkt im Raum gilt. Genau das macht die Maxwell-Theorie überhaupt erst zu einer Feldtheorie.

Merke Kern-Idee
Stokes verwandelt experimentelles Schleifen-Gesetz (Faraday) in lokale Differentialgleichung. Aus integraler Aussage wird Punkt-Aussage am Feld.

1.2 Roadmap der Page

Wir behandeln zwei Anwendungen. Das Faraday-Gesetz in Section 2 entlarvt die Spannung-Induktion durch eine Magnetfeld-Änderung als Stokes-Brücke zwischen Wegintegral und Flussintegral. Das Ampère-Gesetz in Section 3 erschliesst die Wirbelstärke des Magnetfelds um einen Stromleiter als Stokes-Folgerung der Mini-Form Bdr=4πJ\oint \mathbf{B}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} = 4\pi J aus VI.7.

Section 4 stellt alle vier Maxwell-Gleichungen in Übersicht zusammen, sodass du die zwei Stokes-Anwendungen im Kontext des ganzen Maxwell-Quartetts siehst. Section 5 ist der Spickzettel-Block mit den Klausur-Mantras.

Merke Roadmap
Sec 2: Faraday. Sec 3: Ampère. Sec 4: alle vier Maxwell-Gleichungen. Sec 5: Spickzettel + Strategien.
Notation H\mathbf{H} vs B\mathbf{B}
Mitschrift nutzt H\mathbf{H} (Magnetfeldstärke) in der Faraday-Herleitung mit Faktor μ0\mu_0, sodass B=μ0H\mathbf{B} = \mu_0\mathbf{H} implizit bleibt. Andere Texte schreiben direkt B\mathbf{B} und Faraday als rotE=Bt\operatorname{rot}\mathbf{E} = -\mathbf{B}_t. Inhaltlich identisch.

2.1 Setup: Drahtring im wechselnden Magnetfeld

Stell dir einen Drahtring vor, fest im Raum montiert, im Inneren ein wechselndes Magnetfeld. Sei H(x,y,z,t)\mathbf{H}(x,y,z,t) ein instationäres Magnetfeld (zeit- und ortsabhängig). CC ist die geschlossene Schleife des Drahts, mit festgelegtem Durchlaufsinn. SS ist eine Fläche, die in den Drahtring eingespannt ist (Section VI.8 Sec 2.3 hat erlaubt, dass du jede Fläche mit S=C\partial S = C wählen darfst). n\mathbf{n} ist ihr Normaleneinheitsvektor mit Daumenregel zum Durchlaufsinn von CC.

Der Fluss von H\mathbf{H} durch SS ist eine zeitabhängige Skalarfunktion:

!!
Fluss durch die Schleife
Z(t)=SHndOZ(t) = \iint_S \mathbf{H}\cdot\mathbf{n}\,\mathrm{d}O
H\mathbf{H} Magnetfeldstärke, instationär. SS Fläche mit Rand CC. Manche Texte schreiben Φ(t)\Phi(t) statt Z(t)Z(t); identisches Objekt.

In Worten: Z(t)Z(t) ist die Menge magnetischer „Feldlinien“, die durch die in den Drahtring gespannte Fläche treten, gemessen pro Zeitpunkt. Der Wert hängt nur von der Schleife CC ab, nicht von der Wahl der Fläche SS (Konsequenz aus VI.8 Sec 4.3 für quellenfreies B\mathbf{B}): jede in den Ring gespannte Fläche liefert denselben Fluss.

Notation Z(t)Z(t)
Magnetischer Fluss durch SS. Manche Texte: Φ(t)\Phi(t) oder ΦB(t)\Phi_B(t). Selbe Definition SHndO\iint_S \mathbf{H}\cdot\mathbf{n}\,\mathrm{d}O.
Notation CC vs WW vs S\partial S
CC in dieser Page ist eine geschlossene Schleife (Drahtring). Synonym zu WW aus VI.7 für geschlossene Wege oder S\partial S aus VI.8 für Ränder. Stokes verlangt geschlossen, daher C=SC = \partial S für eine geeignete Fläche SS.

2.2 Faradays experimentelles Gesetz

Faraday hat experimentell gefunden: ändert sich der Fluss durch eine Schleife, wird im Drahtring eine Spannung induziert, die proportional zur zeitlichen Ableitung des Flusses ist. Das Vorzeichen ist so gewählt, dass die induzierte Spannung der Flussänderung entgegenwirkt (Lenz-Regel).

!!
Faraday-Gesetz, integrale Form
Vind=μ0Z(t)=μ0SHtndOV_{\text{ind}} = -\mu_0\,Z'(t) = -\mu_0\iint_S \mathbf{H}_t\cdot\mathbf{n}\,\mathrm{d}O
μ0\mu_0 magnetische Feldkonstante. Ht=H/t\mathbf{H}_t = \partial \mathbf{H}/\partial t. Differentiation unterm Integral, weil SS zeitlich fest.

Anschaulich: wer den Magnetfluss schneller ändert (dünnere Schleife in stärkeres Feld bewegen, B-Feld schneller wechseln), erzeugt mehr Spannung. Wer den Fluss konstant hält, kriegt nichts. Das Minus ist die Lenz-Regel und steckt das Energie-Erhaltungs-Argument direkt ins Vorzeichen.

Definition Faraday-Gesetz
Induzierte Spannung gleich negative magnetische Feldkonstante mal Zeit-Ableitung des Flusses: Vind=μ0Z(t)V_{\text{ind}} = -\mu_0\,Z'(t). Experimentelle Eingabe.
Notation VindV_{\text{ind}}
Induzierte Spannung in Volt. Andere Buchstaben: ε\varepsilon (klassische Elektrodynamik), UindU_{\text{ind}} (deutsche Schulbuch-Tradition). Selbe Spannung.
Notation Ht,Et\mathbf{H}_t,\, \mathbf{E}_t
Partielle Zeit-Ableitung: Ht=H/t\mathbf{H}_t = \partial \mathbf{H}/\partial t, Et=E/t\mathbf{E}_t = \partial \mathbf{E}/\partial t. Komponenten-Konvention wie in Kap. VI.2.

2.3 Stokes-Brücke zur Wegintegral-Form

Die induzierte Spannung ist gleichzeitig die Arbeit pro Probeladung des induzierten elektrischen Felds E\mathbf{E} entlang der Schleife CC. Das ist die Definition der Spannung als Wegintegral aus Kap. VI.7 Sec 6.3. Stokes verbindet das Wegintegral mit dem Flussintegral der Rotation:

!!
Spannung als Stokes-Brücke
Vind=CEdr=StokesSrotEndO\begin{aligned} V_{\text{ind}} &= \int_C \mathbf{E}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} \\ &\stackrel{\text{Stokes}}{=} \iint_S \operatorname{rot}\mathbf{E}\cdot\mathbf{n}\,\mathrm{d}O \end{aligned}
Erste Zeile: Definition Spannung als Wegintegral des E\mathbf{E}-Felds. Zweite Zeile: Stokes-Tausch für die geschlossene Schleife C=SC = \partial S.

Was hier passiert: die Spannung kennen wir aus zwei Lesarten. Einmal als Wegintegral (Definition), einmal als Flussintegral der Rotation (Stokes). Wir haben jetzt zwei Ausdrücke für VindV_{\text{ind}}: einer aus Faradays Experiment (Section 2.2), einer aus Stokes.

Merke Zwei Lesarten der Spannung
(1) Vind=CEdrV_{\text{ind}} = \int_C \mathbf{E}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} (Definition). (2) Vind=SrotEndOV_{\text{ind}} = \iint_S \operatorname{rot}\mathbf{E}\cdot\mathbf{n}\,\mathrm{d}O (Stokes). Beide gleich.

2.4 Identifikation und Maxwell-Gleichung

Setze die zwei Ausdrücke für VindV_{\text{ind}} gleich. Die Stokes-Form aus 2.3 und die Faraday-Form aus 2.2 müssen denselben Wert ergeben:

!!
Identifikation der zwei Ausdrücke
SrotEndO=μ0SHtndOS(rotE+μ0Ht)ndO=0\begin{aligned} \iint_S \operatorname{rot}\mathbf{E}\cdot\mathbf{n}\,\mathrm{d}O &= -\mu_0\iint_S \mathbf{H}_t\cdot\mathbf{n}\,\mathrm{d}O \\ \iint_S \bigl(\operatorname{rot}\mathbf{E} + \mu_0\mathbf{H}_t\bigr)\cdot\mathbf{n}\,\mathrm{d}O &= 0 \end{aligned}
Erste Zeile: Stokes-Form gleich Faraday-Form. Zweite Zeile: alles auf eine Seite, Integranden zusammenfassen.

Diese Gleichheit gilt für jede Wahl der Fläche SS (mit korrekter Orientierung), nicht nur für eine spezielle. Dann muss der Integrand selbst überall verschwinden, sonst könnte man durch geschickte Flächenwahl einen Widerspruch konstruieren. Daraus folgt die punktweise Aussage:

!!!
Faraday-Maxwell-Differentialform (3. Maxwell-Gleichung)
rotE=μ0Ht\operatorname{rot}\mathbf{E} = -\mu_0\,\mathbf{H}_t
Die dritte Maxwell-Gleichung. Aus dem experimentellen Faraday-Gesetz wird durch Stokes eine punktweise Beziehung zwischen elektrischem Wirbel und Magnetfeld-Änderungsrate.
Formel Differentialform
rotE=μ0Ht\operatorname{rot}\mathbf{E} = -\mu_0\,\mathbf{H}_t
Merke Lenz-Regel
Minuszeichen erzwingt: induzierter Wirbel wirkt der Flussänderung entgegen. Energie-Erhaltung als Vorzeichen-Bedingung.
Merke Argument „für jedes SS
Integrand verschwindet, weil die Gleichung für jede Fläche gilt. Spezielle Flächenwahl mit Vorzeichen-Sign liefert Widerspruch, falls Integrand ≢0\not\equiv 0.

3.1 Setup: Mini-Form aus VI.7

Aus Kap. VI.7 Sec 6.4 wissen wir: das Magnetfeld B\mathbf{B} um einen unendlichen geradlinigen Stromleiter mit Strom JJ erfüllt eine Mini-Form des Ampère-Gesetzes. Wenn der Weg WW den Leiter genau einmal umschliesst, ist das Wegintegral universell:

!!
Ampère-Mini-Form
WBdr=4πJ\oint_W \mathbf{B}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} = 4\pi J
Resultat unabhängig von Radius und Form des Wegs WW, solange der Leiter genau einmal umrundet wird. Eingeführt in VI.7 Sec 6.4.
Querverweis Verweise
→ VI.7 Mini-Form

3.2 Verallgemeinerung auf Stromdichte

In realen Aufgaben sitzt der Strom selten in einem dünnen Draht. Im Allgemeinen ist er über einen Bereich verteilt. Statt eines diskreten Leiters mit Strom JJ betrachten wir eine Stromdichte J(x,y,z)\mathbf{J}(x,y,z): ein Vektorfeld, dessen Richtung den Stromfluss anzeigt und dessen Betrag die Stromstärke pro Querschnittsfläche misst.

Der umschlossene Strom durch eine Fläche SS ist das Flussintegral der Stromdichte:

!!
Umschlossener Strom
Jenc=SJndOJ_{\text{enc}} = \iint_S \mathbf{J}\cdot\mathbf{n}\,\mathrm{d}O
J\mathbf{J} Stromdichte (Vektor). JencJ_{\text{enc}} Gesamt-Strom (Skalar) durch SS. Bei dünnem Leiter reduziert sich JencJ_{\text{enc}} auf die Stromstärke JJ aus VI.7.

Damit verallgemeinert sich Ampères Mini-Form zur integralen Form: für jede Schleife C=SC = \partial S gilt CBdr=4πJenc\oint_C \mathbf{B}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} = 4\pi J_{\text{enc}}, mit JencJ_{\text{enc}} dem Gesamt-Strom durch eine beliebige Fläche SS, deren Rand CC ist.

!!
Ampère-Gesetz, integrale Form
CBdr=4πJenc\oint_C \mathbf{B}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} = 4\pi J_{\text{enc}}
C=SC = \partial S geschlossene Schleife, SS beliebige Fläche mit Rand CC. Resultat unabhängig von der Wahl von SS, weil J\mathbf{J} in stationären Fällen quellenfrei ist.
Notation Stromdichte J\mathbf{J}
Vektor in Stromfluss-Richtung, Betrag gleich Strom pro Querschnittsfläche [A/m²]. NICHT zu verwechseln mit Stromstärke JJ (Skalar, [A]) aus VI.7 Sec 6.4.
Formel Integrale Form
CBdr=4πJenc\oint_C \mathbf{B}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} = 4\pi J_{\text{enc}}

3.3 Stokes-Brücke und Differentialform

Wende Stokes auf die linke Seite an. Wegintegral wird Flussintegral der Rotation:

!!
Identifikation Ampère-Stokes
SrotBndO=4πSJndOS(rotB4πJ)ndO=0\begin{aligned} \iint_S \operatorname{rot}\mathbf{B}\cdot\mathbf{n}\,\mathrm{d}O &= 4\pi\iint_S \mathbf{J}\cdot\mathbf{n}\,\mathrm{d}O \\ \iint_S \bigl(\operatorname{rot}\mathbf{B} - 4\pi\mathbf{J}\bigr)\cdot\mathbf{n}\,\mathrm{d}O &= 0 \end{aligned}
Erste Zeile: Stokes-Form gleich integraler Ampère. Zweite Zeile: alles auf eine Seite, Integranden zusammenfassen.

Die Gleichheit gilt für jede Fläche SS. Daher muss der Integrand 0\equiv 0 sein, mit demselben Argument wie bei Faraday in 2.4:

!!!
Ampère-Maxwell stationär (4. Maxwell-Gleichung, Vakuum-Form)
rotB=4πJ\operatorname{rot}\mathbf{B} = 4\pi\mathbf{J}
Die vierte Maxwell-Gleichung in stationärer Form (ohne Verschiebungsstrom). Aus der globalen Schleifen-Aussage wird durch Stokes eine punktweise Beziehung zwischen Magnetfeld-Wirbel und lokaler Stromdichte.
Formel Differentialform stationär
rotB=4πJ\operatorname{rot}\mathbf{B} = 4\pi\mathbf{J}
Notation Gauss-cgs vs SI
Mitschrift in Gauss-cgs (4π4\pi-Konvention). SI-Form schreibt rotB=μ0J\operatorname{rot}\mathbf{B} = \mu_0\mathbf{J}. Identische Physik, andere Einheit.

3.4 Vorgriff: Verschiebungsstrom-Korrektur

Die Form rotB=4πJ\operatorname{rot}\mathbf{B} = 4\pi\mathbf{J} ist im stationären Fall (zeitunabhängige Felder, kein wechselnder elektrischer Fluss) korrekt. Maxwell hat sie 1865 um den Verschiebungsstrom μ0ε0Et\mu_0\varepsilon_0\mathbf{E}_t erweitert, sodass die Gleichung auch für zeitlich wechselnde elektrische Felder konsistent bleibt:

!!
Ampère-Maxwell vollständig (Vorgriff)
rotB=4πJ+μ0ε0Et\operatorname{rot}\mathbf{B} = 4\pi\mathbf{J} + \mu_0\varepsilon_0\,\mathbf{E}_t
Volle Form mit Verschiebungsstrom. Nur als Vorgriff erwähnt; volle Behandlung in der Magnetfeld-Page Sec 3.4.2. Stationärer Fall (Et=0\mathbf{E}_t = \mathbf{0}): Term verschwindet, rotB=4πJ\operatorname{rot}\mathbf{B} = 4\pi\mathbf{J} bleibt.

Hier reicht uns die stationäre Form, weil sie der reine Stokes-Tausch ist. Die Verschiebungsstrom-Korrektur kommt aus einem zusätzlichen physikalischen Argument (Konsistenz mit der Kontinuitätsgleichung der Ladung), nicht aus dem Integralsatz selbst, und wird in der Magnetfeld-Page voll behandelt.

Merke Stationär vs voll
Stationär: rotB=4πJ\operatorname{rot}\mathbf{B} = 4\pi\mathbf{J}. Voll mit Verschiebungsstrom: +μ0ε0Et+\,\mu_0\varepsilon_0\mathbf{E}_t. Der Zusatzterm ist NICHT aus Stokes.

4.1 Vier Gleichungen im Überblick

Das ganze Maxwell-Quartett auf einen Blick. Zwei Divergenz-Gleichungen (Gauss für E\mathbf{E} und B\mathbf{B}) plus zwei Rotations-Gleichungen (Faraday und Ampère). Drei davon sind Integralsatz-Konsequenzen, eine ist empirisch (Gauss für B\mathbf{B}, kein magnetischer Monopol).

Gleichung Differentialform Quelle
Gauss für E\mathbf{E} E=4πρ\nabla\cdot\mathbf{E} = 4\pi\rho Divergenzsatz (VI.6)
Gauss für B\mathbf{B} B=0\nabla\cdot\mathbf{B} = 0 Divergenzsatz + Empirik
Faraday rotE=μ0Ht\operatorname{rot}\mathbf{E} = -\mu_0\mathbf{H}_t Stokes (Sec 2)
Ampère stat. rotB=4πJ\operatorname{rot}\mathbf{B} = 4\pi\mathbf{J} Stokes (Sec 3)
Vier Maxwell-Gleichungen, jeweils Differentialform plus Quelle
Merke Drei aus vier sind Stokes/Gauss
Gauss für E\mathbf{E}: Divergenzsatz. Gauss für B\mathbf{B}: Divergenzsatz + empirisch (ρmagn=0\rho_{\text{magn}} = 0). Faraday: Stokes. Ampère: Stokes.
Prüfungstipp Magnetische Monopole
B=0\nabla\cdot\mathbf{B} = 0 folgt aus dem Divergenzsatz plus der experimentellen Tatsache, dass keine magnetischen Monopole existieren. Reine Mathematik liefert nur den Tausch.

4.2 Strukturelle Lesart

Lies das Quartett als Bilanz-Tabelle. Die zwei Divergenz-Gleichungen sagen, was die Quellen sind: Quelle des elektrischen Flusses ist die elektrische Ladung; magnetischer Fluss hat keine Quellen. Die zwei Rotations-Gleichungen sagen, was die Wirbel sind: Wirbel von E\mathbf{E} entstehen durch Magnetfeld-Änderungen; Wirbel von B\mathbf{B} entstehen durch Stromfluss (plus, mit Verschiebungsstrom-Korrektur, durch E-Feld-Änderungen). Die vier zusammen sind die vollständige lokale Beschreibung der klassischen Elektrodynamik.

Merke Zwei Beine
Maxwell-Theorie steht auf: (1) Vektoranalysis (Divergenzsatz + Stokes) plus (2) vier experimentellen Eingaben. Mehr braucht es nicht.

5.1 Anwendungs-Tabelle

Beide Stokes-Anwendungen auf einer Zeile pro Anwendung, jeweils integrale und differentiale Form gegenübergestellt. Bei Klausur-Aufgaben entscheidest du nach Aufgabentyp, welche Form direkt ansetzbar ist.

Anwendung Wegintegral-Form Differentialform
Faraday CEdr=μ0Z(t)\oint_C \mathbf{E}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} = -\mu_0 Z'(t) rotE=μ0Ht\operatorname{rot}\mathbf{E} = -\mu_0\mathbf{H}_t
Ampère stat. CBdr=4πJenc\oint_C \mathbf{B}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} = 4\pi J_{\text{enc}} rotB=4πJ\operatorname{rot}\mathbf{B} = 4\pi\mathbf{J}
Faraday und Ampère: Wegintegral und Differentialform
Merke Spickzettel
Diese Tabelle ist die Cheat-Sheet-Seite des Kapitels. Beide Anwendungen, integrale plus differentiale Form.
Prüfungstipp Welche Form?
Konkrete Schleife (Drahtring, Spulen-Querschnitt): integrale Form. Lokale Aussage am Punkt (Maxwell-Konsistenz, Feldgleichung): differentiale Form.

5.2 Strategien-Liste

Für jede Aufgabe mit Faraday- oder Ampère-Bezug läufst du diese Reihenfolge durch.

(1) Welche Form, integral oder differential? Bei konkreter Schleife (Drahtring, Spulen-Querschnitt): integrale Form direkt nutzen. Bei lokalen Punkt-Aussagen (Feld an einem Ort, Maxwell-Konsistenz-Check): differentiale Form.

(2) Faraday: Fluss-Änderungsrate berechnen. Häufige Aufgaben-Typen: (a) konstantes B\mathbf{B}, Schleife rotiert oder verformt sich; (b) konstante Schleife, B\mathbf{B} ändert sich zeitlich. Beide laufen auf Vind=μ0dZ/dtV_{\text{ind}} = -\mu_0\,\mathrm{d}Z/\mathrm{d}t hinaus. Die Komplexität sitzt im Differenzieren von Z(t)Z(t), nicht in Stokes selbst.

(3) Ampère: Symmetrie nutzen. Bei Aufgaben mit hoher Symmetrie (gerader Leiter, Toroid, lange Spule) ist die Mini-Form direkt anwendbar. Wähle eine geschickte Schleife, typischerweise eine Kreisbahn um die Symmetrie-Achse, sodass B\mathbf{B} tangential und konstant entlang CC ist und das Wegintegral zu BLC|\mathbf{B}| \cdot L_C wird.

(4) Maxwell-Konsistenz prüfen. In Aufgaben mit gegebenem E\mathbf{E} oder B\mathbf{B}: ist B=0\nabla\cdot\mathbf{B} = 0? Erfüllt rotE=μ0Ht\operatorname{rot}\mathbf{E} = -\mu_0\mathbf{H}_t? Die Konsistenz-Checks sind oft schnellere Lösungswege als direkte Integration. Wer ein Feld vor sich hat, das eine der vier Maxwell-Gleichungen verletzt, hat eine fehlerhafte Vorgabe oder einen Rechenfehler.

Merke Reihenfolge
(1) Form wählen. (2) Faraday: Z(t)Z(t) differenzieren. (3) Ampère: Symmetrie-Schleife. (4) Maxwell-Konsistenz check.
Prüfungstipp Klausur-Mantra
Vor jeder Faraday-Rechnung: CC-Richtung, SS-Wahl, n\mathbf{n}-Daumenregel. Erst dann Vorzeichen.
Querverweis Verweise
→ VI.10 Potentialfelder

Aufgaben mit Musterlösungen

Übungsaufgaben werden in Kürze ergänzt.

Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.

MerkeErst selbst rechnen, dann Lösung prüfen!