1Die Modellgleichung der gedämpften Schwingung

1.1 m·ẍ + d·ẋ + k·x = F(t)

Welche eine DGL beschreibt eine Masse an einer Feder mit Reibung und externer Kraft? Genau diese 2.-Ordnungs-Bauart, mit drei physikalisch bedeutsamen Parametern. Schwingungssysteme stecken überall: in der Autofederung, im Uhrwerk, in einer Brücke unter Wind, in jedem Lautsprecher und in jedem elektrischen Schwingkreis. Die Vorlesung packt all diese Systeme in eine einzige Gleichung.

!!!
Modellgleichung der gedämpften, angeregten Schwingung
mx¨+dx˙+kx=F(t)m\,\ddot{x} + d\,\dot{x} + k\,x = F(t)
m>0m > 0: Masse. d0d \geq 0: Dämpfungskonstante. k>0k > 0: Federkonstante. F(t)F(t): externe Kraft (Antrieb). Drei Terme links, ein Antrieb rechts.

In Worten: links drei innere Kräfte (Trägheit, Reibung, Rückstellung), rechts der Antrieb von aussen. Die Bauart ist linear (jeder Term in 1. Potenz von xx oder einer Ableitung) mit konstanten Koeffizienten, also genau die Klasse, für die der Apparat aus VII.10 funktioniert.

Normalform. Wir teilen die ganze Gleichung durch mm und führen zwei Abkürzungen ein, die in der ganzen Vorlesung als Standardnotation gelten:

!!
Normalform mit Abklingkonstante δ und Eigenfrequenz ω₀
x¨+2δx˙+ω02x=f(t)δ=d2mω02=kmf(t)=F(t)m\begin{aligned} \ddot{x} + 2\delta\,\dot{x} + \omega_0^2\,x &= f(t) \\ \delta &= \frac{d}{2m} \\ \omega_0^2 &= \frac{k}{m} \\ f(t) &= \frac{F(t)}{m} \end{aligned}
δ\delta: Abklingkonstante (Einheit 1/s). ω0\omega_0: Eigenfrequenz des ungedämpften Systems (Einheit 1/s). Faktor 22 vor δ\delta ist Konvention, macht die Wurzel im char. Polynom sauber.

Warum der Faktor 22 vor δ\delta? Im charakteristischen Polynom (§2.1\S 2.1) entsteht λ2+2δλ+ω02\lambda^2 + 2\delta\lambda + \omega_0^2, also λ=δ±δ2ω02\lambda = -\delta \pm \sqrt{\delta^2 - \omega_0^2} ohne lästige Halbierungen. Am Vorzeichen der Diskriminante liest du sofort Schwingfall, kritisch oder Kriechfall ab (§2.2\S 2.2 bis §2.4\S 2.4).

Notation Notation: δ\delta
Abklingkonstante, δ=d/(2m)0\delta = d/(2m) \geq 0, Einheit 1/s. Eine reelle Zahl. Nicht zu verwechseln mit der Dirac-Distribution δ(t)\delta(t).
Notation Notation: ω0\omega_0
Eigenfrequenz des ungedämpften Systems, ω0=k/m\omega_0 = \sqrt{k/m}. Einheit 1/s. Property des Schwingers, nicht der Anregung.
Formel Modellgleichung
mx¨+dx˙+kx=F(t)m\,\ddot{x} + d\,\dot{x} + k\,x = F(t)
Drei innere Kräfte links, Antrieb rechts.

1.2 Mechanisches Pendant Masse-Feder-Dämpfer

ω0=k/m\omega_0 = \sqrt{k/m} 2.00
δ=d/(2m)\delta = d/(2m) 1.00
Fall Schwingfall (δ < ω₀)
1.0
2.0
4.0
Abb. 1: Masse-Feder-Dämpfer. Die Masse schwingt frei (ohne Antrieb), rechts läuft die Auslenkung x(t) mit. Aus m, d, k folgen ω₀ und δ und damit der Schwingungstyp.

Schau auf das Newton'sche 2. Gesetz für eine Masse, an der drei Kräfte ziehen: Feder, Dämpfer, externe Anregung. Genau die DGL aus §1.1 fällt heraus. Wir leiten sie einmal sauber her, damit du jeden Buchstaben physikalisch verorten kannst.

Aufbau: eine Masse mm hängt an einer Feder mit Federkonstante kk. Parallel zur Feder bremst ein Dämpfer (ein Kolben in Öl) mit Dämpfungskonstante dd. Ausserdem wirkt von aussen eine zeitabhängige Kraft F(t)F(t). Die Auslenkung x(t)x(t) misst die Abweichung der Masse von ihrer Ruhelage.

Drei Kräfte auf die Masse. Die Feder zieht zurück: FFeder=kxF_{\text{Feder}} = -k\,x (Minus weil rückstellend). Der Dämpfer bremst proportional zur Geschwindigkeit: FDa¨mpfer=dx˙F_{\text{Dämpfer}} = -d\,\dot{x} (Minus weil reibend).

Plus die externe Kraft F(t)F(t). Newton 2 fasst die Summe zu Masse mal Beschleunigung zusammen:

!!
Newton 2 für Masse-Feder-Dämpfer
mx¨=kxdx˙+F(t)m\,\ddot{x} = -k\,x - d\,\dot{x} + F(t)
Drei Kräfte rechts (Feder rückstellend, Dämpfer bremsend, äussere Kraft), Trägheitsterm links.

Umsortiert auf die Form mit allen Termen, die xx enthalten, auf der linken Seite, ergibt das wortwörtlich die Modellgleichung aus §1.1. Die Herleitung kostet drei Zeilen, der Rest dieses Kapitels lebt davon.

Definition Masse-Feder-Dämpfer
Klassischer 1D-Schwinger: Masse mm an Feder kk, parallel ein Dämpfer dd, externe Kraft F(t)F(t). Auslenkung x(t)x(t) aus der Ruhelage.
Merke Drei Rollen
Feder: kx-k\,x (rückstellend). Dämpfer: dx˙-d\,\dot{x} (bremsend). Antrieb: +F(t)+F(t) (treibend). Zusammen ergibt Newton 2 die Modellgleichung.

1.3 Elektrisches Pendant RCL-Schaltkreis (Querverweis VII.5)

Was hat ein RCL-Schaltkreis mit einer Masse an einer Feder zu tun? Sie folgen genau derselben DGL, die Buchstaben heissen anders, die Mathematik ist identisch. Wir setzen den RCL-Reihenkreis kurz auf und vergleichen.

Aufbau: in Reihe geschaltet eine Spule mit Induktivität LL, ein Widerstand RR und ein Kondensator mit Kapazität CC. Eine Spannungsquelle U(t)U(t) treibt den Kreis von aussen. Bezeichne mit q(t)q(t) die Ladung auf dem Kondensator. Der Strom ist i=q˙i = \dot{q}.

Kirchhoffs Maschenregel: die Summe der Spannungsabfälle entlang der Masche gleicht der Quellspannung. Spule: UL=Li˙=Lq¨U_L = L\,\dot{i} = L\,\ddot{q}. Widerstand: UR=Ri=Rq˙U_R = R\,i = R\,\dot{q}. Kondensator: UC=q/CU_C = q/C. Aufaddiert:

!!
RCL-Reihenkreis
Lq¨+Rq˙+qC=U(t)L\,\ddot{q} + R\,\dot{q} + \frac{q}{C} = U(t)
qq: Ladung am Kondensator. LL: Induktivität (Spule). RR: Widerstand (Ohmsches Element). CC: Kapazität. U(t)U(t): Quellspannung.

Identisch zur Mechanik. Symbol für Symbol mit §1.1: qq spielt xx, LL ersetzt mm, RR ersetzt dd, 1/C1/C ersetzt kk. Beide sind strukturell dieselbe lineare DGL 2. Ordnung mit konstanten Koeffizienten.

Folge: jede Aussage für x(t)x(t) (Schwingfall, Resonanz, Q-Faktor) gilt wortgleich für q(t)q(t), du musst nur die Buchstaben austauschen.

Mechanisch Elektrisch Rolle in der DGL
Masse mm Induktivität LL Trägheit (Vorfaktor von x¨\ddot{x} bzw. q¨\ddot{q})
Dämpfung dd Widerstand RR Reibung (Vorfaktor von x˙\dot{x} bzw. q˙\dot{q})
Federkonstante kk Inverse Kapazität 1/C1/C Rückstellung (Vorfaktor von xx bzw. qq)
Kraft F(t)F(t) Spannung U(t)U(t) Antrieb von aussen (rechte Seite)
Mechanisches und elektrisches Pendant

Mit den Abkürzungen δ=R/(2L)\delta = R/(2L) und ω02=1/(LC)\omega_0^2 = 1/(LC) steht der RCL-Kreis exakt in der Normalform q¨+2δq˙+ω02q=U(t)/L\ddot{q} + 2\delta\,\dot{q} + \omega_0^2\,q = U(t)/L. Aus VII.5 §6 kennst du schon den RC-Kreis (ohne Spule), das war eine DGL 1. Ordnung. Sobald die Spule dazukommt, springst du auf 2. Ordnung, und damit auf das ganze Spektrum aus Schwingungen, Dämpfung und Resonanz.

Notation Doppelbelegung: RR
In §1.3 ist RR der Widerstand (Ohm) im RCL-Kreis. Ab §3.3 ist R(Ω)R(\Omega) die Amplitude der stationären Antwort, immer mit Argument. Zwei Grössen, ein Symbol, im Kontext eindeutig.
Formel RCL-Pendant
Lq¨+Rq˙+qC=U(t)L\,\ddot{q} + R\,\dot{q} + \frac{q}{C} = U(t)
Merke Strukturgleichheit
qxq \leftrightarrow x, LmL \leftrightarrow m, RdR \leftrightarrow d, 1/Ck1/C \leftrightarrow k, U(t)F(t)U(t) \leftrightarrow F(t). Identische DGL, andere Buchstaben.

2Freie Schwingung (homogen)

2.1 ẍ + 2δ·ẋ + ω₀²·x = 0 und charakteristisches Polynom

x0x_0 1.00
δ\delta 0.40
ωd=ω02δ2\omega_d = \sqrt{\omega_0^2 - \delta^2} 1.96
Fall Schwingfall
0.40
Abb. 2: Freie Schwingung x(t) der homogenen DGL. Schiebe δ über die kritische Schwelle ω₀: links Schwingfall (klingt schwingend ab), Mitte aperiodischer Grenzfall, rechts Kriechfall (kriecht ohne Schwingen).

Normierungs-Form ohne externe Anregung. Was sagt das charakteristische Polynom über die Lösungen? Wir setzen F(t)0F(t) \equiv 0 in der Modellgleichung und studieren das Eigenverhalten des Schwingers. Sprich: einmal angestossen oder ausgelenkt, dann sich selbst überlassen.

!!
Homogene Schwingungs-DGL
x¨+2δx˙+ω02x=0\ddot{x} + 2\delta\,\dot{x} + \omega_0^2\,x = 0
Normalform aus §1.1, externe Kraft auf null gesetzt. Reines Eigenverhalten.

Anwendung von VII.10: lineare DGL mit konstanten Koeffizienten, also schreibe das charakteristische Polynom (§2\S 2 von VII.10) auf, indem du x=eλtx = e^{\lambda t} einsetzt. Wegen x˙=λeλt\dot{x} = \lambda\,e^{\lambda t} und x¨=λ2eλt\ddot{x} = \lambda^2\,e^{\lambda t} fällt eλte^{\lambda t} heraus, übrig bleibt:

!!!
Charakteristisches Polynom und seine Wurzeln
λ2+2δλ+ω02=0λ1,2=δ±δ2ω02\begin{aligned} \lambda^2 + 2\delta\,\lambda + \omega_0^2 &= 0 \\ \lambda_{1,2} &= -\delta \pm \sqrt{\delta^2 - \omega_0^2} \end{aligned}
Quadratische Gleichung in λ\lambda. Die Diskriminante δ2ω02\delta^2 - \omega_0^2 entscheidet die ganze Dynamik.

Anschauung: die Wurzeln λ1,2\lambda_{1,2} sind die Eigenexponenten des Systems. Sie entscheiden, ob die Lösung schwingt, monoton abklingt oder explodiert. Der reale Teil sagt dir, wie schnell die Amplitude schrumpft (oder wächst). Der imaginäre Teil sagt dir die Schwingfrequenz. Das ganze Eigenverhalten steckt in diesen zwei Zahlen.

Drei Fälle, je nach Diskriminante. Schau auf das Vorzeichen von δ2ω02\delta^2 - \omega_0^2:

Fall A (δ<ω0\delta < \omega_0, Diskriminante negativ): komplexe Wurzeln, das System schwingt. Heisst Schwingfall, §2.2.

Fall B (δ=ω0\delta = \omega_0, Diskriminante null): doppelte reelle Wurzel, kein Schwingen, optimales Abklingen. Heisst kritischer Fall, §2.3.

Fall C (δ>ω0\delta > \omega_0, Diskriminante positiv): zwei reelle Wurzeln, träges Kriechen ohne Schwingung. Heisst Kriechfall, §2.4.

Rechne die Klassifikation mit Zahlen durch. Masse m=1m = 1 kg, Feder k=4k = 4 N/m, Dämpfer d=2d = 2 kg/s. Daraus ω0=4=2\omega_0 = \sqrt{4} = 2 und δ=2/2=1\delta = 2/2 = 1. Wegen δ=1<ω0=2\delta = 1 < \omega_0 = 2 ist es Schwingfall (Fall A).

Verstärkst du den Dämpfer auf d=4d = 4, wird δ=2=ω0\delta = 2 = \omega_0 (kritisch, Fall B); bei d=6d = 6 ist δ=3>2\delta = 3 > 2 (Kriechfall, Fall C). So liest du aus drei Materialzahlen direkt den Schwingungstyp ab.

Notation Drei Frequenzen im Vergleich
ω0\omega_0: Eigenfrequenz ungedämpft (System). ωd\omega_d: Schwingfrequenz gedämpft (System, §2.2). Ω\Omega: Anregungsfrequenz von aussen (§3.1). Drei verschiedene Rollen, niemals durcheinanderwerfen.
Formel Char. Polynom
λ2+2δλ+ω02=0\lambda^2 + 2\delta\,\lambda + \omega_0^2 = 0
Merke Diskriminante entscheidet
δ2ω02<0\delta^2 - \omega_0^2 < 0: Schwingfall. =0= 0: kritisch. >0> 0: Kriechfall.

2.2 Schwache Dämpfung (Schwingfall, δ < ω₀)

Wenig Reibung: das System schwingt weiter, aber die Amplitude klingt langsam ab. Wie genau? Bei δ<ω0\delta < \omega_0 ist die Diskriminante des char. Polynoms negativ. Die Wurzeln werden komplex und treten als konjugiertes Paar auf:

!!
Komplexe Wurzeln und gedämpfte Schwingfrequenz
λ1,2=δ±iωdωd:=ω02δ2\begin{aligned} \lambda_{1,2} &= -\delta \pm i\,\omega_d \\ \omega_d &:= \sqrt{\omega_0^2 - \delta^2} \end{aligned}
ωd\omega_d: gedämpfte Schwingfrequenz, immer echt kleiner als ω0\omega_0. Definiert nur für δ<ω0\delta < \omega_0, sonst nicht-reell.

Rezept aus VII.10 §3.3: komplexe Wurzeln δ±iωd-\delta \pm i\,\omega_d erzeugen Basislösungen eδtcos(ωdt)e^{-\delta t}\cos(\omega_d\,t) und eδtsin(ωdt)e^{-\delta t}\sin(\omega_d\,t). Die allgemeine homogene Lösung ist ihre Linearkombination:

!!!
Schwingfall-Lösung
x(t)=eδt(Acos(ωdt)+Bsin(ωdt))x(t) = e^{-\delta t}\bigl(A\cos(\omega_d\,t) + B\sin(\omega_d\,t)\bigr)
A,BRA, B \in \mathbb{R}: zwei freie Konstanten, durch Anfangsbedingungen x(0),x˙(0)x(0), \dot{x}(0) festgelegt. eδte^{-\delta t}: abklingende Hüllkurve. cos,sin\cos, \sin: die eigentliche Oszillation.

In Worten: innerhalb einer schwindenden Hüllkurve eδte^{-\delta t} schwingt das System mit Frequenz ωd\omega_d. Ein zerfallender Hüll-Faktor mal eine schnelle Oszillation: die Amplitude schrumpft, das Vorzeichen wechselt periodisch.

Polarform. Oft praktischer ist die Darstellung mit Amplitude R0R_0 und Phasen-Offset φ0\varphi_0:

!!
Polarform der Schwingfall-Lösung
x(t)=R0eδtcos(ωdtφ0)R0=A2+B2tan(φ0)=BA\begin{aligned} x(t) &= R_0\,e^{-\delta t}\cos(\omega_d\,t - \varphi_0) \\ R_0 &= \sqrt{A^2 + B^2} \\ \tan(\varphi_0) &= \frac{B}{A} \end{aligned}
Mathematisch äquivalent zur (A,B)(A, B)-Darstellung. Die Polarform macht Anfangsamplitude und Anfangsphase direkt sichtbar.
Notation Notation: ωd\omega_d
Gedämpfte Schwingfrequenz, ωd=ω02δ2\omega_d = \sqrt{\omega_0^2 - \delta^2}. Index dd für „damped“. Immer echt kleiner als ω0\omega_0. Nur definiert im Schwingfall δ<ω0\delta < \omega_0.
Formel Schwingfall-Lösung
x(t)=eδt(Acos(ωdt)+Bsin(ωdt))x(t) = e^{-\delta t}\bigl(A\cos(\omega_d\,t) + B\sin(\omega_d\,t)\bigr)
Merke Zwei Faktoren
Abklingende Hüllkurve eδte^{-\delta t} mal oszillierender Anteil. Das Vorzeichen wechselt, die Amplitude schrumpft.

2.3 Kritische Dämpfung (aperiodischer Grenzfall, δ = ω₀)

Welche Dämpfung bringt das System am schnellsten zur Ruhe, ohne ein einziges Mal zu überschwingen? Genau die kritische Dämpfung mit δ=ω0\delta = \omega_0, Auto-Ingenieure kalibrieren Stossdämpfer auf exakt diesen Wert. Bei δ=ω0\delta = \omega_0 verschwindet die Diskriminante, das char. Polynom hat eine doppelte reelle Nullstelle:

!
Doppelte Nullstelle im kritischen Fall
λ1,2=δ    (doppelt)\lambda_{1,2} = -\delta \;\; (\text{doppelt})
Die Wurzel der Diskriminante ist null, beide Eigenexponenten fallen zusammen.

Rezept aus VII.10 §3.2: bei einer doppelten Nullstelle ist neben eλte^{\lambda t} auch teλtt\,e^{\lambda t} Basislösung (der Faktor tt ist die Resonanz-Korrektur, ganz analog zur Variation der Konstanten). Die allgemeine Lösung:

!!
Kritische Lösung
x(t)=(A+Bt)eδtx(t) = (A + B\,t)\,e^{-\delta t}
A,BRA, B \in \mathbb{R}: zwei freie Konstanten. Faktor tt kommt aus der doppelten Nullstelle, nicht vergessen.

Anschauung: keine Oszillation, die Lösung läuft monoton in die Ruhelage. Höchstens ein einziges Mal kann sie die Nulllinie kreuzen, je nach Vorzeichen von AA und BB. Das System kommt so schnell wie möglich zur Ruhe.

Praktische Bedeutung. Auf diesen Punkt zielt man bei Stossdämpfern, Messgeräten, Tür-Schliessern: alles, was rasch ohne Nachwippen zur Ruhe soll. Weniger Dämpfung schwingt nach (Schwingfall), mehr pegelt langsamer ein (Kriechfall). Der kritische Punkt ist das Optimum.

Formel Kritische Lösung
x(t)=(A+Bt)eδtx(t) = (A + B\,t)\,e^{-\delta t}
Merke Schnellste Ruhe ohne Überschwingen
Genau δ=ω0\delta = \omega_0 ist der optimale Punkt für Stossdämpfer, Messgeräte, Tür-Schliesser. Etwas weniger schwingt nach, etwas mehr ist zu träge.

2.4 Starke Dämpfung (Kriechfall, δ > ω₀)

Was passiert, wenn die Reibung so gross wird, dass das System gar nicht mehr schwingt? Es kriecht träge in die Ruhe-Lage zurück, beide Wurzeln des charakteristischen Polynoms sind reell und negativ. Bei δ>ω0\delta > \omega_0 ist die Diskriminante positiv, die Wurzel des Polynoms reell:

!
Zwei reelle, negative Wurzeln
λ1,2=δ±δ2ω02λ1,λ2<0\begin{aligned} \lambda_{1,2} &= -\delta \pm \sqrt{\delta^2 - \omega_0^2} \\ \lambda_1, \lambda_2 &< 0 \end{aligned}
Beide Wurzeln reell und negativ. Begründung: δ2ω02<δ\sqrt{\delta^2 - \omega_0^2} < \delta, also bleibt auch die „obere“ Wurzel negativ.

Rezept aus VII.10 §3.1: zwei einfache reelle Wurzeln ergeben Basislösungen eλ1te^{\lambda_1 t} und eλ2te^{\lambda_2 t}. Allgemeine Lösung:

!!
Kriechfall-Lösung
x(t)=Aeλ1t+Beλ2tx(t) = A\,e^{\lambda_1 t} + B\,e^{\lambda_2 t}
A,BRA, B \in \mathbb{R}. Beide Exponenten negativ, beide Terme klingen exponentiell ab. Kein Vorzeichenwechsel, keine Oszillation.

Anschauung: die Lösung ist die Summe zweier Abklingkurven, einer schnellen (eλ1te^{\lambda_1 t}, grosses λ|\lambda|) und einer langsamen (eλ2te^{\lambda_2 t}, kleines λ|\lambda|).

Für grosse tt dominiert die langsamere, die schnelle ist längst weg. Das System schleicht zur Ruhe, höchstens mit einem Vorzeichenwechsel, nie mit echter Oszillation.

Praktisches Bild: ein Türschliesser im Winter, in dem das Öl zäher geworden ist. Du lässt die Tür los, sie schwingt nicht zurück, sondern kriecht langsam in den Rahmen. Oder eine Pendeluhr, getaucht in Sirup. Das System hat zu viel Reibung, um seinen natürlichen Rhythmus zu finden.

Bedingung Wurzeln λ1,2\lambda_{1,2} Allgemeine Lösung x(t)x(t)
δ<ω0\delta < \omega_0 (Schwingfall) δ±iωd-\delta \pm i\,\omega_d, komplex eδt(Acos(ωdt)+Bsin(ωdt))e^{-\delta t}\bigl(A\cos(\omega_d\,t) + B\sin(\omega_d\,t)\bigr)
δ=ω0\delta = \omega_0 (kritisch) δ-\delta, doppelt reell (A+Bt)eδt(A + B\,t)\,e^{-\delta t}
δ>ω0\delta > \omega_0 (Kriechfall) δ±δ2ω02-\delta \pm \sqrt{\delta^2 - \omega_0^2}, reell Aeλ1t+Beλ2tA\,e^{\lambda_1 t} + B\,e^{\lambda_2 t}
Zusammenfassung der drei Dämpfungsfälle (homogene Lösung)
Formel Kriechfall-Lösung
x(t)=Aeλ1t+Beλ2tx(t) = A\,e^{\lambda_1 t} + B\,e^{\lambda_2 t}
Merke Träges Einpegeln
Beide Wurzeln reell und negativ, beide Terme zerfallen exponentiell. Keine Oszillation. Höchstens ein Nulldurchgang.

3Angeregte Schwingung mit periodischer Kraft

3.1 ẍ + 2δ·ẋ + ω₀²·x = A·cos(Ωt)

Ω\Omega 1.50
R(Ω)R(\Omega) 0.51
Phase φ\varphi 0.48
1.50
0.30
Abb. 3: Angeregte Schwingung. Das System startet in Ruhe und wird mit A·cos(Ωt) getrieben. Zuerst der Einschwingvorgang, dann die reine stationäre Schwingung (gestrichelt) mit Frequenz Ω.

Jetzt mit periodischer äusserer Anregung der Frequenz Ω\Omega. Welche partikuläre Lösung beantwortet diese Anregung? Wir setzen den Antrieb auf eine sauber sinusförmige Kraft mit konstanter Amplitude AA und Frequenz Ω\Omega, und suchen das System-Verhalten:

!!
Angeregte gedämpfte Schwingung
x¨+2δx˙+ω02x=Acos(Ωt)\ddot{x} + 2\delta\,\dot{x} + \omega_0^2\,x = A\cos(\Omega\,t)
AA: konstante Anregungsamplitude. Ω\Omega: Anregungsfrequenz (extern vorgegeben, nicht ω0\omega_0). Linke Seite identisch zur homogenen DGL aus §2.

Lösungsstruktur aus VII.9 §3: die allgemeine Lösung ist x=xh+xpx = x_h + x_p, also homogene Lösung (eine der drei Fälle aus §2) plus eine partikuläre Lösung xpx_p. Die homogene Lösung kennen wir bereits. Hier suchen wir nur noch xpx_p, eine einzelne, durch die Anregung erzwungene Antwort.

Eigenfrequenz und Anregungsfrequenz strikt trennen. ω0\omega_0 ist eine Eigenschaft des Systems (aus mm und kk), Ω\Omega eine Eigenschaft der Anregung (frei wählbar, von aussen).

Beide haben Einheit 1/s und stehen in derselben Formel, haben aber physikalisch nichts miteinander zu tun, ausser im Spezialfall Ωω0\Omega \approx \omega_0 (Resonanz, §5).

Notation Notation: Ω\Omega
Anregungsfrequenz, extern vorgegeben (z.B. Drehzahl eines Motors). Einheit 1/s. Gross-Ω\Omega, klar abgegrenzt von der Eigenfrequenz ω0\omega_0 (klein-omega).
Merke ω0Ω\omega_0 \neq \Omega
ω0\omega_0 gehört zum System, Ω\Omega zur Anregung. Beide haben Einheit 1/s, aber unterschiedliche Rollen. Resonanz entsteht, wenn sie zusammenfallen.

3.2 Komplexer Ansatz (Rechenweg zur stationären Lösung)

Warum komplexe Exponentiale, wenn die DGL reell ist? Weil der Ansatz z=CeiΩtz = C\cdot e^{i\Omega t} kürzer rechnet als cos\cos und sin\sin getrennt, und der Realteil am Schluss die reelle Lösung liefert. Das ist der Rechenweg zu der in der Vorlesung notierten stationären Form x0=Acos(σt+α)x_0 = A\cos(\sigma t + \alpha) (reeller Ansatz, siehe Kasten rechts); weil die Vorlesung die Rechnung ans Skript verweist, führen wir sie hier mit dem komplexen Ansatz aus. Trick: betrachte die DGL über C\mathbb{C} mit komplexer rechter Seite, und gewinne am Schluss den reellen Realteil zurück.

Komplexe Begleit-DGL. Definiere eine komplexe Funktion z(t)z(t) als Lösung von

!!
Komplexe Begleit-DGL
z¨+2δz˙+ω02z=AeiΩt\ddot{z} + 2\delta\,\dot{z} + \omega_0^2\,z = A\,e^{i\,\Omega\,t}
Erweitert die reelle DGL auf komplexe Lösungen. Wegen Acos(Ωt)=Re(AeiΩt)A\cos(\Omega\,t) = \operatorname{Re}(A\,e^{i\Omega t}) liefert x=Re(z)x = \operatorname{Re}(z) die reelle Lösung der ursprünglichen DGL.

Warum funktioniert das? Die DGL hat reelle Koeffizienten. Setzt man z(t)=u(t)+iv(t)z(t) = u(t) + i\,v(t) ein und sortiert nach Real- und Imaginärteil, lösen uu und vv jeweils einzeln die DGL mit dem entsprechenden reellen Teil der rechten Seite.

Hier ist AeiΩt=Acos(Ωt)+iAsin(Ωt)A\,e^{i\Omega t} = A\cos(\Omega t) + i\,A\sin(\Omega t), also löst u=Re(z)u = \operatorname{Re}(z) die DGL mit Antrieb Acos(Ωt)A\cos(\Omega t) und v=Im(z)v = \operatorname{Im}(z) mit Asin(Ωt)A\sin(\Omega t). Beide Fälle in einem Streich.

Ansatz: z(t)=CeiΩtz(t) = C\,e^{i\Omega t} mit unbekannter komplexer Konstante CC. Ableitungen: z˙=iΩCeiΩt\dot{z} = i\,\Omega\,C\,e^{i\Omega t}, z¨=Ω2CeiΩt\ddot{z} = -\Omega^2\,C\,e^{i\Omega t}. Einsetzen und eiΩte^{i\Omega t} herauskürzen:

!!
Bestimmung der komplexen Amplitude
C(Ω2+2iδΩ+ω02)=AC=Aω02Ω2+2iδΩ\begin{aligned} &C\,\bigl(-\Omega^2 + 2i\,\delta\,\Omega + \omega_0^2\bigr) = A \\ &C = \frac{A}{\omega_0^2 - \Omega^2 + 2i\,\delta\,\Omega} \end{aligned}
Eine algebraische Gleichung für eine Zahl CCC \in \mathbb{C}. Kein Integral, keine Variation der Konstanten. Genau hier zahlt sich der komplexe Ansatz aus.

Aus einer DGL ein Bruch. Die ursprüngliche DGL hat sich auf eine einzige algebraische Gleichung reduziert. CC ist eine komplexe Zahl, die in Polarform Amplitude und Phase der stationären Antwort kodiert. Genau diesen Bruch in Amplitude und Phase auseinanderzunehmen, ist die Aufgabe von §3.3.

Merke Komplexer Ansatz
Statt Acos(Ωt)+Bsin(Ωt)A\cos(\Omega t) + B\sin(\Omega t) schreibe z=CeiΩtz = C\,e^{i\Omega t} mit CCC \in \mathbb{C}. Reelle Lösung am Schluss: xp=Re(z)x_p = \operatorname{Re}(z). Rechentechnik zur in der Vorlesung notierten reellen Form x0=Acos(σt+α)x_0 = A\cos(\sigma t + \alpha) (Vorlesungs-Notation).
Formel Komplexe Amplitude
C=Aω02Ω2+2iδΩC = \frac{A}{\omega_0^2 - \Omega^2 + 2i\,\delta\,\Omega}

3.3 Amplitude und Phase als Funktion von Ω

Ω\Omega 1.50
R(Ω)/AR(\Omega)/A 0.51
φ(Ω)\varphi(\Omega) 0.48
0.30
Abb. 4: Frequenzgang. Stationäre Amplitude R(Ω)/A (gold) und Phasenverzug φ(Ω)/π (violett) gegen die Anregungsfrequenz, beide auf 0 bis 1 normiert. Ziehe den Frequenz-Marker; bei Ω = ω₀ ist φ genau π/2.

Die partikuläre Lösung hat die Form R(Ω)cos(Ωtφ(Ω))R(\Omega)\cos(\Omega\,t - \varphi(\Omega)). Wie hängen Amplitude RR und Phase φ\varphi von der Anregungsfrequenz ab? Wir schreiben die komplexe Konstante CC aus §3.2 in Polarform C=ReiφC = R\,e^{-i\varphi} und lesen Betrag und Argument ab.

Betrag. Der Nenner ω02Ω2+2iδΩ\omega_0^2 - \Omega^2 + 2i\,\delta\,\Omega hat Realteil ω02Ω2\omega_0^2 - \Omega^2 und Imaginärteil 2δΩ2\delta\Omega. Sein Betrag ist die Wurzel aus der Summe der Quadrate. Da CC als Quotient A/NennerA / \text{Nenner} entsteht, ist C=A/Nenner|C| = A / |\text{Nenner}|.

!!!
Amplitude der stationären Antwort
R(Ω)=C=A(ω02Ω2)2+4δ2Ω2R(\Omega) = |C| = \frac{A}{\sqrt{(\omega_0^2 - \Omega^2)^2 + 4\,\delta^2\,\Omega^2}}
R(Ω)>0R(\Omega) > 0 für alle Ω\Omega. Wird gross, wenn der Nenner klein wird, also wenn Ω\Omega in der Nähe von ω0\omega_0 liegt und die Dämpfung klein ist. Genau hier sitzt die Resonanz (§5).

Phase. Das Argument einer komplexen Zahl a+bia + bi ist arctan(b/a)\arctan(b/a) (mit Quadranten-Korrektur). Da C=A/NennerC = A / \text{Nenner} und A>0A > 0 reell ist, gilt arg(C)=arg(Nenner)\arg(C) = -\arg(\text{Nenner}). Wir definieren φ(Ω)\varphi(\Omega) als die positive Phasenverschiebung der Antwort gegenüber der Anregung:

!!
Phase der stationären Antwort
tan(φ(Ω))=2δΩω02Ω2\tan\bigl(\varphi(\Omega)\bigr) = \frac{2\,\delta\,\Omega}{\omega_0^2 - \Omega^2}
φ(Ω)[0,π]\varphi(\Omega) \in [0, \pi]. Antwort hinkt der Anregung um φ(Ω)\varphi(\Omega) hinterher. Bei Ω=0\Omega = 0: φ=0\varphi = 0 (in Phase). Bei Ω=ω0\Omega = \omega_0: φ=π/2\varphi = \pi/2 (Viertelperiode Verzug). Bei Ω\Omega \to \infty: φπ\varphi \to \pi (gegenphasig).

Zusammensetzen. Mit C=ReiφC = R\,e^{-i\varphi} wird z(t)=Rei(Ωtφ)z(t) = R\,e^{i(\Omega t - \varphi)}. Realteil:

!!
Partikuläre Lösung in reeller Form
xp(t)=R(Ω)cos(Ωtφ(Ω))x_p(t) = R(\Omega)\cos\bigl(\Omega\,t - \varphi(\Omega)\bigr)
Antwort ist eine reine Schwingung mit der Anregungsfrequenz Ω\Omega (nicht ω0\omega_0, nicht ωd\omega_d). Amplitude RR und Phase φ\varphi hängen von Ω\Omega ab. Das ist genau die in der Vorlesung notierte stationäre Form x0=Acos(σt+α)x_0 = A\cos(\sigma t + \alpha), mit A=R(Ω)A = R(\Omega) und α=φ(Ω)\alpha = -\varphi(\Omega) (Vorlesungs-Buchstaben σ,A,α\sigma, A, \alpha).

Physikalisch: das System antwortet immer mit der Anregungsfrequenz Ω\Omega, nicht mit seiner eigenen, phasenverschoben (es hinkt hinterher) und in der Amplitude umskaliert. Bei niedriger Anregung fast in Phase, bei hoher zunehmend hinterher, bei genau ω0\omega_0 um eine Viertelperiode.

Notation R(Ω)R(\Omega) vs. RR
R(Ω)R(\Omega) mit Argument: Amplitude der stationären Antwort. RR ohne Argument: ohmscher Widerstand aus §1.3. Beim Schreiben das Argument bewusst mitnehmen.
Formel Amplitude R(Ω)R(\Omega)
R(Ω)=A(ω02Ω2)2+4δ2Ω2R(\Omega) = \frac{A}{\sqrt{(\omega_0^2 - \Omega^2)^2 + 4\,\delta^2\,\Omega^2}}
Formel Phase φ(Ω)\varphi(\Omega)
tan(φ)=2δΩω02Ω2\tan(\varphi) = \frac{2\,\delta\,\Omega}{\omega_0^2 - \Omega^2}
Merke Antwortfrequenz
Antwort schwingt immer mit der Anregungsfrequenz Ω\Omega. Amplitude und Phase hängen von Ω\Omega ab.

4Stationäre Lösung und Einschwingvorgang

4.1 yₕ klingt ab, yₚ bleibt

x0x_0 1.20
δ\delta 0.45
Einschwingzeit 5/δ5/\delta 11.1
0.45
Abb. 5: Einschwingvorgang. Die volle Lösung (gold) ist Summe aus abklingendem homogenem Teil xhx_h (rot gestrichelt) und stationärem xpx_p (grün). Nach kurzer Zeit ist xhx_h weg, übrig bleibt xpx_p.

Warum verschwindet die homogene Lösung mit der Zeit, während die partikuläre Lösung bestehen bleibt? Bei jeder Dämpfung δ>0\delta > 0 klingt xh(t)x_h(t) exponentiell ab, übrig bleibt die reine partikuläre Antwort. Die volle Lösung ist x(t)=xh(t)+xp(t)x(t) = x_h(t) + x_p(t), und wir studieren das Langzeit-Verhalten.

Homogener Anteil xhx_h: in allen drei Fällen aus §2 (Schwingfall, kritisch, Kriechfall) tragen die Basislösungen einen Faktor eδte^{-\delta t} (oder zwei verschieden schnelle Abklingfaktoren eλ1t,eλ2te^{\lambda_1 t}, e^{\lambda_2 t} mit λi<0\lambda_i < 0). Folge: für tt \to \infty und δ>0\delta > 0 gilt xh(t)0x_h(t) \to 0, exponentiell schnell.

Partikulärer Anteil xpx_p: die in §3.3 gefundene Funktion xp(t)=R(Ω)cos(Ωtφ(Ω))x_p(t) = R(\Omega)\cos(\Omega\,t - \varphi(\Omega)) schwingt mit konstanter Amplitude R(Ω)R(\Omega) unbeschränkt weiter. Sie klingt nicht ab, weil sie ständig von der Anregung gespeist wird.

!
Langzeit-Verhalten
x(t)=xh(t)klingt ab+xp(t)bleibttxp(t)x(t) = \underbrace{x_h(t)}_{\text{klingt ab}} + \underbrace{x_p(t)}_{\text{bleibt}} \xrightarrow{t \to \infty} x_p(t)
Gilt für jede Dämpfung δ>0\delta > 0. Im ungedämpften Grenzfall δ=0\delta = 0 bleibt xhx_h als reine Oszillation bestehen, das ist ein Sonderfall.

Konsequenz für die Praxis: Anfangsbedingungen sind nach hinreichend langer Zeit irrelevant. Egal mit welcher Auslenkung oder Geschwindigkeit du startest, nach kurzer Wartezeit hat das System seine Vergangenheit vergessen und schwingt nur noch nach Anregung.

Diese Wartezeit heisst Einschwingvorgang, die danach erreichte Schwingung stationärer Zustand (§4.2).

Merke Asymptotik
Für δ>0\delta > 0 gilt xh(t)0x_h(t) \to 0 exponentiell. Nur xpx_p bleibt. Anfangsbedingungen werden weggewischt.
Prüfungstipp Faustregel Einschwingzeit
t5/δt \approx 5/\delta: eδte^{-\delta t} ist auf etwa 1% gefallen. Stationärer Zustand praktisch erreicht.

4.2 Stationärer Zustand

Was siehst du, wenn du das System lange genug laufen lässt? Eine reine Oszillation mit der Anregungsfrequenz Ω\Omega, fester Amplitude und fester Phase. Genau diesen Zustand nennt man stationär. Wir definieren ihn präzise und sammeln seine Eigenschaften.

!!
Stationärer Zustand
xstat(t)=R(Ω)cos(Ωtφ(Ω))x_{\text{stat}}(t) = R(\Omega)\cos\bigl(\Omega\,t - \varphi(\Omega)\bigr)
Reiner partikulärer Anteil aus §3.3. Schwingt mit der Anregungsfrequenz Ω\Omega, mit festen Werten von Amplitude R(Ω)R(\Omega) und Phase φ(Ω)\varphi(\Omega).

Drei Eigenschaften des stationären Zustands:

1. Frequenz: immer Ω\Omega (Anregung), nie ω0\omega_0 oder ωd\omega_d (System). Die Anregung diktiert das Tempo.

2. Amplitude R(Ω)R(\Omega): hängt vom Verhältnis Ω/ω0\Omega/\omega_0 und der Dämpfung δ\delta ab. Maximal bei der Resonanzfrequenz ΩR\Omega_R (§5.1).

3. Phase φ(Ω)\varphi(\Omega): Antwort hinkt der Anregung hinterher. Bei niedriger Anregung kaum, bei Ω=ω0\Omega = \omega_0 exakt eine Viertelperiode, bei sehr hoher Anregung fast eine halbe Periode.

Wichtig: stationär heisst nicht zeitlich konstant. Stationär heisst, dass die Antwort eine wohldefinierte Bauart hat (Sinusschwingung mit festen R,φR, \varphi), die sich nicht mehr ändert. Die Funktion xstat(t)x_{\text{stat}}(t) schwingt natürlich weiter, aber ihr Charakter ist stabil. In statistischer Sprache: stationär im Sinn der Verteilungs-Eigenschaften, nicht im Sinn von zeit-konstant.

Definition Stationärer Zustand
Die langfristige Antwort des Systems nach Abklingen der homogenen Lösung. Reine Schwingung mit der Anregungsfrequenz Ω\Omega, mit festen R(Ω),φ(Ω)R(\Omega), \varphi(\Omega).
Merke Anregung diktiert
Frequenz der Antwort = Anregungsfrequenz Ω\Omega, nicht Eigenfrequenz ω0\omega_0. Das System darf nur über RR und φ\varphi mitreden.

5Resonanz

5.1 Resonanzfrequenz

δ\delta 0.30
ΩR=ω022δ2\Omega_R = \sqrt{\omega_0^2 - 2\delta^2} 1.95
Gipfel R(ΩR)/AR(\Omega_R)/A 0.84
0.30
Abb. 6: Resonanzkurven R(Ω) für mehrere Dämpfungen. Je kleiner δ, desto höher und schärfer der Berg. Die gestrichelte Linie verbindet die Gipfel bei ΩR=ω022δ2\Omega_R = \sqrt{\omega_0^2 - 2\delta^2}.

Bei welcher Anregungsfrequenz wird die stationäre Amplitude maximal? Genau dort liegt die Resonanz. Wir suchen das Maximum der Funktion R(Ω)R(\Omega) aus §3.3.

Ableitung gleich null setzen. R(Ω)R(\Omega) wird gross, wenn der Nenner (ω02Ω2)2+4δ2Ω2(\omega_0^2 - \Omega^2)^2 + 4\,\delta^2\,\Omega^2 klein wird.

Statt RR direkt zu differenzieren, leite den Nenner ab (Wurzel und Konstante stören die Extremstelle nicht) und setze null:

!
Nenner-Minimierung
N(Ω):=(ω02Ω2)2+4δ2Ω2N(Ω)=4Ω(ω02Ω2)+8δ2ΩN(Ω)=0\begin{aligned} N(\Omega) &:= (\omega_0^2 - \Omega^2)^2 + 4\delta^2\Omega^2 \\ N'(\Omega) &= -4\Omega(\omega_0^2 - \Omega^2) + 8\delta^2\Omega \\ N'(\Omega) &= 0 \end{aligned}
Ableitung des Nenners nach Ω\Omega, dann null setzen. Lösung liefert die Resonanzfrequenz.

Auflösen. Ω\Omega ausklammern und durch 4Ω4\,\Omega teilen (für Ω0\Omega \neq 0): (ω02Ω2)+2δ2=0-(\omega_0^2 - \Omega^2) + 2\,\delta^2 = 0, also Ω2=ω022δ2\Omega^2 = \omega_0^2 - 2\,\delta^2.

!!!
Resonanzfrequenz
ΩR=ω022δ2\Omega_R = \sqrt{\omega_0^2 - 2\,\delta^2}
Anregungsfrequenz, bei der die stationäre Amplitude maximal wird. Existenz-Bedingung: δ<ω0/2\delta < \omega_0 / \sqrt{2}. Sonst fällt R(Ω)R(\Omega) monoton mit Ω\Omega, kein Resonanz-Peak.

Existenz-Bedingung. Die Wurzel ist nur reell für ω02>2δ2\omega_0^2 > 2\,\delta^2, also δ<ω0/2\delta < \omega_0 / \sqrt{2}. Bei stärkerer Dämpfung verschwindet das Maximum (zu träg für einen Peak), und R(Ω)R(\Omega) fällt monoton mit Ω\Omega.

Spezialfall schwache Dämpfung. Für δω0\delta \ll \omega_0 gilt ΩRω0\Omega_R \approx \omega_0. Im schwach gedämpften Limit liegt die Resonanz fast bei der Eigenfrequenz. Erst bei merklicher Dämpfung verschiebt sie sich nach unten.

Maximale Amplitude. Setze Ω=ΩR\Omega = \Omega_R in R(Ω)R(\Omega) ein und vereinfache:

!!
Maximale stationäre Amplitude
R(ΩR)=A2δω02δ2R(\Omega_R) = \frac{A}{2\,\delta\,\sqrt{\omega_0^2 - \delta^2}}
Maximalwert der stationären Amplitude. Wächst über alle Grenzen für δ0\delta \to 0, das ist die Resonanz-Katastrophe (§5.2).
Notation Notation: ΩR\Omega_R
Resonanzfrequenz, ΩR=ω022δ2\Omega_R = \sqrt{\omega_0^2 - 2\,\delta^2}. Liegt etwas unter der Eigenfrequenz ω0\omega_0. Nur reell für δ<ω0/2\delta < \omega_0 / \sqrt{2}.
Formel Resonanzfrequenz
ΩR=ω022δ2\Omega_R = \sqrt{\omega_0^2 - 2\,\delta^2}
Merke Bedingung für Peak
Resonanz-Peak existiert nur für δ<ω0/2\delta < \omega_0 / \sqrt{2}. Bei stärkerer Dämpfung fällt R(Ω)R(\Omega) monoton mit Ω\Omega.

5.2 Verhalten bei δ → 0

Was passiert mit der Amplitude, wenn die Dämpfung auf null geht und die Anregung genau auf ω0\omega_0 trifft? Wir untersuchen den Grenzfall δ0\delta \to 0 und Ωω0\Omega \to \omega_0 und entdecken die Resonanz-Katastrophe.

Amplitude bei Resonanz. Im Limit δ0\delta \to 0 wird ΩRω0\Omega_R \to \omega_0, und die Maximalamplitude aus §5.1 vereinfacht sich. Setze Ω=ω0\Omega = \omega_0 in R(Ω)R(\Omega) ein:

!!
Amplitude bei exakter Resonanz
R(ω0)=A0+4δ2ω02=A2δω0R(\omega_0) = \frac{A}{\sqrt{0 + 4\,\delta^2\,\omega_0^2}} = \frac{A}{2\,\delta\,\omega_0}
Bei Ω=ω0\Omega = \omega_0 verschwindet der Realteil im Nenner. Übrig bleibt der Imaginärteil 2δΩ2\delta\Omega. Die Amplitude wird umgekehrt proportional zu δ\delta.

Resonanz-Katastrophe. Für δ0\delta \to 0 divergiert R(ω0)R(\omega_0) \to \infty: ein ungedämpfter Schwinger, mit seiner Eigenfrequenz angeregt, baut beliebig grosse Amplituden auf. Mathematisch kein endlicher Grenzwert, physikalisch gibt das Material irgendwann nach (Verformung, Bruch).

Reale Systeme. Echte Systeme haben immer eine kleine Dämpfung, also keine echte Singularität. Aber sie können trotzdem riesige Amplituden erreichen, weit über das normale Betriebsmass hinaus. Genau deshalb ist Resonanz die ingenieurstechnische Feindzahl Nummer eins.

Berühmte Beispiele.

Tacoma-Narrows-Brücke (1940): aerodynamische Schwingung, ausgelöst durch Wirbelablösungen im Wind, traf die Torsions-Eigenfrequenz der Brücke. Innerhalb von Stunden Aufschaukelung bis zum Einsturz. Klassischer Lehrbuch-Fall.

Singende Weingläser, zerspringendes Glas: Ton trifft die Eigenfrequenz des Glases, Resonanz bringt es zum Schwingen, irgendwann übersteigt die Materialspannung die Bruchgrenze.

Mikrofon-Rückkopplung: Lautsprecher-Signal trifft Mikrofon, wird verstärkt, geht wieder in den Lautsprecher, baut sich exponentiell auf. Das durchdringende Pfeifen ist Resonanz im akustischen Verstärkungskreis.

Ingenieurs-Konsequenz. Bei jeder Maschine, Brücke, jedem Gebäude muss man die Eigenfrequenzen kennen und sicherstellen, dass keine Betriebsfrequenz in ihre Nähe gerät. Sonst Materialermüdung, im Extremfall katastrophales Versagen. Standard-Werkzeug: Modalanalyse, Frequenzgang-Messung, gezielte Dämpfungs-Erhöhung.

Merke Resonanz-Katastrophe
Für δ0\delta \to 0 und Ω=ω0\Omega = \omega_0 wächst RR unbeschränkt. Reale Systeme zeigen riesige Amplituden, oft mit Materialversagen.
Prüfungstipp Klassiker
Tacoma-Narrows-Brücke (1940), singende Weingläser, Mikrofon-Rückkopplung. Alles dieselbe DGL, dieselbe Resonanz-Bedingung.

5.3 Q-Faktor und Bandbreite

Wie breit ist die Resonanz eigentlich, und was bedeutet das physikalisch? Der Q-Faktor misst genau das, eine dimensionslose Kennzahl, die jeden Resonator in einer einzigen Zahl charakterisiert.

!!
Q-Faktor (Gütefaktor)
Q=ω02δQ = \frac{\omega_0}{2\,\delta}
Dimensionslos. Hohes QQ: scharfe Resonanz, schmaler Peak (lange Nachschwingzeit). Niedriges QQ: breite Resonanz, flacher Peak (schnelles Abklingen).

Anschaulich: QQ ist die Anzahl Schwingungen, die das System nach einem einzelnen Anstoss in etwa noch macht, bis seine Amplitude auf eπe^{-\pi} (etwa 4%) gefallen ist. Hohes QQ heisst: das System klingt langsam aus, hat eine ausgeprägte Eigenfrequenz, antwortet selektiv. Niedriges QQ heisst: das System klingt schnell ab, antwortet auf einen breiten Frequenzbereich.

Halbwertsbreite. Eine andere Lesart von QQ: wie breit ist der Resonanz-Peak von R(Ω)R(\Omega)? Misst man die Breite ΔΩ\Delta\Omega bei halber maximaler Leistung (also R2R^2-Peak halbiert), gilt für Q1Q \gg 1:

!
Halbwertsbreite des Resonanz-Peaks
ΔΩω0Q\Delta\Omega \approx \frac{\omega_0}{Q}
Gilt im Limit hoher Güte (Q5Q \gg 5). Bandbreite umgekehrt proportional zur Schärfe.

Praktische Q-Werte:

Quarz-Resonator (in jeder Armbanduhr): Q106Q \approx 10^6. Extrem scharfe Resonanz, deshalb extrem genaue Frequenz, deshalb genaue Zeit.

Klavier-Saite: Q103Q \approx 10^3. Ton klingt langsam aus, eindeutiger Pitch.

Auto-Stossdämpfer: Q1Q \approx 1. Bewusst flach gehalten, damit das Auto nicht in irgendwelchen Frequenzen klingelt.

Mensch-Stimmbänder: QQ im einstelligen Bereich, je nach Vokal und Tonhöhe.

Notation Notation: QQ
Gütefaktor (Q-Faktor, engl. Quality), Q=ω0/(2δ)Q = \omega_0 / (2\,\delta). Dimensionslos. Misst Schärfe der Resonanz.
Formel Q-Faktor
Q=ω02δQ = \frac{\omega_0}{2\,\delta}
Merke Q hoch \leftrightarrow schmaler Peak
Quarz Q106Q \sim 10^6 (extrem scharf). Klavier Q103Q \sim 10^3. Auto-Dämpfer Q1Q \sim 1 (flach). Hohes QQ = lange Nachschwingzeit.

6Linearisierung für allgemeinere Probleme

6.1 Kleine Auslenkungen um Gleichgewicht

Was machen wir, wenn das System nicht-linear ist, etwa sin(θ)\sin(\theta) statt θ\theta enthält? Wir linearisieren um den Gleichgewichtspunkt.

Damit fällt der nicht-lineare Schwinger in die Klasse zurück, die wir in §1 bis §5 vollständig gelöst haben.

Aufgabenstellung. Betrachte einen allgemeinen 1D-Schwinger der Bauart x¨=f(x)\ddot{x} = -f(x), mit einer beliebigen Funktion ff (nicht notwendigerweise linear). Eine Gleichgewichts-Lage xx^* ist ein Punkt, an dem keine Kraft wirkt, also f(x)=0f(x^*) = 0. Dort kann das System ruhig stehen bleiben.

Trick: Taylorentwicklung um xx^*. Bei kleinen Auslenkungen u=xxu = x - x^* (mit uu klein) entwickeln wir ff in eine Taylor-Reihe und behalten nur den linearen Term:

!
Taylor 1. Ordnung um Gleichgewicht
f(x+u)=f(x)+f(x)u+O(u2)=f(x)u+O(u2)\begin{aligned} f(x^* + u) &= f(x^*) + f'(x^*)\,u + O(u^2) \\ &= f'(x^*)\,u + O(u^2) \end{aligned}
Der konstante Term f(x)=0f(x^*) = 0 entfällt nach Definition des Gleichgewichts. Übrig bleibt der lineare Term f(x)uf'(x^*)\,u. Quadratische und höhere Korrekturen O(u2)O(u^2) vernachlässigen wir, solange uu klein ist.

Einsetzen. Mit x¨=u¨\ddot{x} = \ddot{u} (Konstante xx^* verschwindet beim Ableiten) wird die DGL zu u¨=f(x)u+O(u2)\ddot{u} = -f'(x^*)\,u + O(u^2). Vernachlässige die quadratischen Terme:

!!
Linearisierte DGL um Gleichgewicht
u¨+f(x)u=0\ddot{u} + f'(x^*)\,u = 0
Falls f(x)>0f'(x^*) > 0 (stabiles Gleichgewicht): harmonische Schwingung mit ω02=f(x)\omega_0^2 = f'(x^*). Falls f(x)<0f'(x^*) < 0: instabiles Gleichgewicht (Lösung wächst exponentiell).

Zwei Fälle, je nach Vorzeichen von f(x)f'(x^*). f(x)>0f'(x^*) > 0: stabiles Gleichgewicht, kleine Auslenkungen geben harmonische Oszillation mit ω0=f(x)\omega_0 = \sqrt{f'(x^*)}, genau das System aus §2.

f(x)<0f'(x^*) < 0: instabiles Gleichgewicht, die Lösung wächst exponentiell, jede Auslenkung entfernt das System weiter. Ein Bleistift auf der Spitze.

Mit Dämpfung und Anregung. Hat das ursprüngliche System auch einen Reibungsterm dx˙-d\,\dot{x} und eine äussere Kraft F(t)F(t), dann steht in der linearisierten Form genau dieselbe Bauart wie die Modellgleichung §1.1: u¨+2δu˙+ω02u=fext(t)\ddot{u} + 2\,\delta\,\dot{u} + \omega_0^2\,u = f_{\text{ext}}(t). Der ganze Apparat aus §2 bis §5 ist anwendbar.

Notation Notation: u,xu, x^*
xx^*: Gleichgewichts-Lage, erfüllt f(x)=0f(x^*) = 0. u=xxu = x - x^*: Auslenkung aus dem Gleichgewicht, klein gehalten für Linearisierung.
Merke Linearisierungs-Rezept
Gleichgewicht xx^* finden, u=xxu = x - x^* setzen, ff um xx^* in 1. Ordnung entwickeln. Ergebnis: lineare DGL mit ω02=f(x)\omega_0^2 = f'(x^*).

6.2 Pendelgleichung als Beispiel

θ0\theta_0 30°
volle Periode TT 2.04
Abweichung +1.7 %
30
Abb. 7: Pendel θ(t), linear gegen voll. Die Kleinwinkel-Lösung θ₀·cos(ω₀t) (gold) gegen das exakte Pendel mit sin(θ) (violett). Bei kleinem θ₀ deckungsgleich, bei grossem θ₀ wird das echte Pendel langsamer.

Wie wird aus dem nicht-linearen Pendel die harmonische Schwingung aus §2? Durch Linearisierung, sin(θ)θ\sin(\theta) \approx \theta bei kleinen Winkeln, und der Rest ist VII.10-Apparat. Aus θ¨+(g/)sin(θ)=0\ddot{\theta} + (g/\ell)\sin(\theta) = 0 wird damit eine lineare DGL 2. Ordnung mit konstanten Koeffizienten.

Aufbau. Eine Punktmasse mm hängt an einem masselosen, starren Stab der Länge \ell. Der Auslenkungswinkel θ\theta misst die Abweichung aus der Senkrechten. Die einzige rückstellende Kraft ist die Komponente der Schwerkraft entlang des Bogens, mgsin(θ)-m\,g\sin(\theta). Newton 2 entlang des Bogens (mit Bogenlänge s=θs = \ell\,\theta) gibt mθ¨=mgsin(θ)m\,\ell\,\ddot{\theta} = -m\,g\sin(\theta), also:

!!
Mathematisches Pendel (exakt)
θ¨+gsin(θ)=0\ddot{\theta} + \frac{g}{\ell}\sin(\theta) = 0
gg: Erdbeschleunigung. \ell: Pendellänge. Nicht-linear wegen sin(θ)\sin(\theta). Gleichgewicht: sin(θ)=0\sin(\theta^*) = 0, also θ=0\theta^* = 0 (Pendel hängt senkrecht nach unten).

Linearisierung um θ=0\theta^* = 0. Setze f(θ)=(g/)sin(θ)f(\theta) = (g/\ell)\sin(\theta). Ableitung: f(θ)=(g/)cos(θ)f'(\theta) = (g/\ell)\cos(\theta). Am Gleichgewicht θ=0\theta^* = 0: f(0)=g/f'(0) = g/\ell. Die linearisierte DGL ist also:

!!
Linearisiertes Pendel (Kleinwinkel-Näherung)
θ¨+gθ=0ω0=gT=2πg\begin{aligned} \ddot{\theta} + \frac{g}{\ell}\,\theta &= 0 \\ \omega_0 &= \sqrt{\frac{g}{\ell}} \\ T &= 2\,\pi\,\sqrt{\frac{\ell}{g}} \end{aligned}
Harmonische Schwingung mit Eigenfrequenz ω0\omega_0 und Periode TT. Periode hängt nur von Länge und Schwere ab, nicht von der Amplitude (im linearisierten Bereich).

Anschaulich: für kleine Auslenkungen ist sin(θ)θ\sin(\theta) \approx \theta, und das nicht-lineare Pendel wird zur reinen harmonischen Schwingung. Die Periode hängt nur von Pendellänge und Schwere ab, nicht von der Amplitude. Diese Isochronie beobachtete Galileo, allerdings nur näherungsweise im Kleinwinkel-Limit.

Gültigkeit. Die Näherung sin(θ)θ\sin(\theta) \approx \theta ist gut, solange θ0.2|\theta| \lesssim 0.2 rad (etwa 12°). Bei grösseren Auslenkungen wird die echte sin\sin-Korrektur spürbar, und die Periode hängt schwach von der Amplitude ab (man sagt: das nicht-lineare Pendel ist nicht isochron). In Klausuren reicht meistens die Kleinwinkel-Form, ausser es ist ausdrücklich der nicht-lineare Fall gefragt.

Dämpfung und Anregung dazu. Hat das Pendel auch eine Reibung im Lager und wird periodisch angetrieben (z.B. ein Hand-Stoss), kommt die volle Schwingungs-DGL aus §1 in θ\theta heraus: θ¨+2δθ˙+(g/)θ=fext(t)\ddot{\theta} + 2\,\delta\,\dot{\theta} + (g/\ell)\,\theta = f_{\text{ext}}(t). Alle Aussagen über Schwingfall, Resonanz, Q-Faktor übertragen sich auf das Pendel ohne Anpassungen.

Formel Linearisiertes Pendel
θ¨+gθ=0\ddot{\theta} + \frac{g}{\ell}\,\theta = 0
Formel Periode (Kleinwinkel)
T=2πgT = 2\,\pi\,\sqrt{\frac{\ell}{g}}
Merke Gültigkeit
Linearisierung gut für θ0.2|\theta| \lesssim 0.2 rad (etwa 12°12°). Darüber wird die Periode amplitudenabhängig (nicht-isochrones Pendel).
Prüfungstipp Galileos Pendel-Uhr
Isochronie ist näherungsweise wahr im Kleinwinkel-Limit. Pendel-Uhren halten die Auslenkung absichtlich klein, um die lineare Periode zu garantieren.

Aufgaben mit Musterlösungen

Übungsaufgaben werden in Kürze ergänzt.

Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.

MerkeErst selbst rechnen, dann Lösung prüfen!