Was bekommst du, wenn die rechte Seite eines Systems aus VII.12 gleichzeitig linear in den Komponenten und zeitunabhängig wird? Die einfachste interessante Klasse, die das ganze Kapitel VII vorher nur für einzelne DGLs gemacht hat. Diese Klasse ist die Brücke zwischen der DGL-Theorie aus VII.10 und der LinAlg aus dem ersten Semester.
Wir starten von einem allgemeinen System wie in VII.12 §1 und schränken die rechte Seite zweifach ein.
darf in nur linear sein (jede Komponente eine Summe der mal feste Zahlen) und nicht von abhängen (autonom). Übrig bleibt eine Matrix-Vektor-Form:
In Worten: die Geschwindigkeit jedes Punktes hängt linear vom Ort ab, und das Verhalten der Koeffizienten ändert sich mit der Zeit nicht. Komponentenweise heisst das für . Die Matrix ist nur ein kompakter Block aus diesen Zahlen.
Anschaulich: denk an als Position eines Teilchens im . An jedem Ort zeigt in die Richtung, in die es sich bewegen will. Da konstant ist, ist dieses Geschwindigkeitsfeld zeitlich starr, und genau das macht das System diagonalisierbar und lösbar.
Wann brauche ich das? Diese Form deckt viel Physik ab: gekoppelte Schwingungen, Räuber-Beute-Modelle nach Linearisierung, Mehrkreis-RCL-Netzwerke, lineare Reaktionskinetik. Wo immer mehrere Grössen sich gegenseitig linear und zeitlich fest beeinflussen, landest du bei .
Warum diese Form, nicht eine kompliziertere? Weil sie der einzige Fall ist, für den die Lineare Algebra das ganze System in einem Schritt zerlegt. Sobald zeitabhängig wird () oder nichtlinear, fällt die Diagonalisierung zusammen und du brauchst andere Werkzeuge (numerisch, Linearisierung). VII.13 ist genau der Sweet Spot.
Was passiert im Glücksfall, wenn schon diagonal ist? Dann zerfällt das ganze System in unabhängige 1D-DGLs, jede für sich lösbar mit dem Exponentialansatz aus VII.10. Diese eine Beobachtung ist das Vorbild für alle weiteren Methoden in diesem Kapitel.
Sei mit Diagonalelementen und allen Nicht-Diagonal-Einträgen null. Komponentenweise heisst dann
Anschaulich: die Diagonalmatrix ist ein Mischpult. Jeder Regler steuert genau eine Komponente, keiner greift in einen anderen ein. So einfach ist die Lösung: jede Komponente löst ihre eigene 1D-DGL.
Jede dieser 1D-DGLs kennen wir bereits aus VII.10 §1.1. Die Lösung ist das Exponential mit Konstante . Damit hast du die volle Lösung des Systems:
In Worten: die Diagonal-Einträge sind die Wachstums-Raten der Komponenten. Positives heisst exponentielles Anschwellen der -ten Komponente, negatives heisst Abklingen, heisst Konstantbleiben. Da jede Komponente nichts von den anderen weiss, kann jede ihre eigene Geschichte schreiben.
Wann ist das einfach? Wenn dir das System schon diagonal in die Hand gedrückt wird, ist die Rechnung in drei Zeilen erledigt. In der Praxis ist das selten, aber §2 zeigt, wie du jedes diagonalisierbare in genau diese Form bringst: Eigenwerte werden zu den , Eigenvektoren zur Basis, fertig.
Was sind die natürlichen Richtungen von , in denen die Matrix wie eine reine Streckung wirkt, ohne zu drehen?
Das beantwortet die Eigenwert-Theorie aus dem ersten Semester, der Schlüssel zur Lösung des Systems.
Definition aus LinAlg. Ein Vektor heisst Eigenvektor von zum Eigenwert , wenn
Anschaulich: ein Eigenvektor ist eine bevorzugte Achse der Matrix. In dieser Richtung streckt den Vektor um den Faktor (oder staucht, oder spiegelt), dreht ihn aber nicht. Alle anderen Richtungen werden im Allgemeinen sowohl gestreckt als auch gedreht. Die Eigenrichtungen sind also die einfachsten Richtungen der Matrix.
Wie findest du sie? Schreibe als . Eine nicht-triviale Lösung gibt es nur, wenn .
Das ist das charakteristische Polynom in , vom selben Bauplan wie in VII.10 §2.1, nur für eine Matrix statt eine DGL.
Wie sieht die allgemeine Lösung von aus, wenn diagonalisierbar ist? Eine Linearkombination von Exponentialen mal Eigenvektoren. Jede Mode wächst oder klingt mit ihrer eigenen Rate, jede Richtung gehört zu ihrem eigenen Eigenwert.
Beobachtung. Sei ein Eigenwert mit Eigenvektor . Setze in die DGL ein:
Beide Seiten gleich löst die DGL. Die Eigenvektor-Richtung bleibt erhalten, nur die Länge wächst (oder schrumpft) mit der Exponential-Rate . Diese eine Lösung heisst Eigenmode von .
Superpositionsprinzip. Da linear ist, ist auch jede Linearkombination von Lösungen eine Lösung (VII.9 §1). Hat also linear unabhängige Eigenvektoren zu Eigenwerten , lautet die allgemeine Lösung:
Anschaulich: jede Eigenmode hat zwei Merkmale: eine Wachstumsrate (wie schnell sie sich entwickelt) und eine Richtung (wo sie sich entfaltet). Die allgemeine Bewegung ist die Summe aller Moden, gewichtet mit den , die die Anfangsbedingung festlegt.
Wann ist das einfach? Bei einer -Matrix mit zwei verschiedenen reellen Eigenwerten ist die ganze Rechnung in fünf Zeilen erledigt: char.Pol aufstellen, zwei Eigenwerte finden, zwei Eigenvektoren bestimmen, zusammensetzen, fertig. Beispiel §4.1 macht das vor.
Was änderst du am Rezept aus §2.2, wenn ein Eigenwert komplex ist oder mehrfach auftritt? Drei Fälle, drei kleine Modifikationen.
Die Struktur „Exponential mal Richtung“ bleibt, nur die Details brauchen Sorgfalt.
Fall A: alle Eigenwerte reell und einfach. Das ist der Standard-Fall aus §2.2. Du bekommst verschiedene Eigenwerte und linear unabhängige Eigenvektoren. Die allg. Lösung ist die Eigenmoden-Summe ohne Zusatzkomplikation. Beispiel §4.1 macht das vor.
Fall B: komplex konjugiertes Eigenwertpaar. Bei reeller Matrix kommen komplexe Eigenwerte stets paarweise als (), die Eigenvektoren ebenso konjugiert.
Aus dem komplexen Lösungspaar bildest du per Real- und Imaginärteil zwei reelle Lösungen, genau das Manöver aus VII.10 §3.3 für komplexe Nullstellen einer skalaren DGL.
Fall C: mehrfache Eigenwerte. Tritt mit Vielfachheit auf, liefert aber weniger Eigenvektoren (Matrix nicht diagonalisierbar), brauchst du verallgemeinerte Eigenvektoren. Die Lösung bekommt Terme , analog zum Resonanzfall in VII.10 §3.2. Methode 2 in §3 ist hier oft schneller als das volle Jordan-Verfahren.
| Eigenwert-Typ | Bauteil der Lösung | Geometrie der Trajektorie |
|---|---|---|
| reell, einfach | Strahl entlang , Knoten am Ursprung | |
| reell, mehrfach (nicht diagonalisierbar) | für | entarteter Knoten (Tangenten-Trajektorien) |
| komplex einfach | Spirale () oder Kreis () | |
| komplex mehrfach | -Mischung | selten in der Klausur |
Wie reduzierst du ein -System auf eine einzige DGL 2. Ordnung, ohne überhaupt Eigenwerte zu berechnen? Du differenzierst die erste Gleichung und eliminierst eine der beiden Komponenten. Übrig bleibt eine skalare DGL, für die du den vollen Apparat aus VII.10 anwerfen kannst.
Sei und mit . Aus der ersten Gleichung folgt .
Differenzieren der ersten gibt . Einsetzen der zweiten und Substituieren von liefert nach kurzer Algebra:
Anschaulich: aus dem -System wird eine skalare DGL 2. Ordnung mit konstanten Koeffizienten. Eben die Klasse aus VII.10! Das char.Polynom dieser DGL lautet , und das ist identisch mit aus §2.1.
Zwei Wege, ein Polynom. Egal ob du den Diagonalisierungs-Weg oder den Überführungs-Weg gehst, du landest beim selben charakteristischen Polynom und denselben Eigenwerten. Die zwei Methoden sind nur verschiedene Verkleidungen desselben Apparates. Diese Übereinstimmung ist die elegante Pointe von Kapitel VII.13.
Diagonalisierung oder Überführung. Welche Methode greifst du in der Klausur? Die Antwort hängt davon ab, wie sauber sich diagonalisieren lässt und wie gross das System ist. Eine kurze Faustregel hilft bei der Wahl.
Methode 1 (Diagonalisierung) verlangt: Eigenwerte und Eigenvektoren von explizit ausrechnen. Sie ist die saubere LinAlg-Methode und liefert die geometrische Sicht (Eigenmoden, Eigenrichtungen). Sie funktioniert glatt, wenn diagonalisierbar ist. Bei nicht-diagonalisierbarem (defekt) wird sie umständlich.
Methode 2 (Überführung) umgeht die Eigenvektoren: du differenzierst und löst die skalare DGL aus VII.10 §3 (inkl. Vielfachheits-Rezept). Sie ist robust auch bei defektem , weil der -Trick in VII.10 schon eingebaut ist. Sie ist allerdings auf und praktikabel, bei grösseren Systemen wird das Eliminieren mühsam.
| Methode | Vorteil | Wann? |
|---|---|---|
| Methode 1: Diagonalisierung | Geometrische Sicht (Eigenmoden, Richtungen); für beliebige | ist diagonalisierbar und Eigenvektoren leicht zu finden |
| Methode 2: Überführung | Vielfachheits-Trick aus VII.10 inklusive; kein Eigenvektor nötig | Kleines System ( oder ), evtl. defekt |
Wie sieht das Standardbeispiel für Methode 1 (Diagonalisierung) aus? Wir nehmen eine symmetrische -Matrix mit knappem char.Polynom. Eigenwerte und Eigenvektoren in zwei Zeilen, dann fertig.
Gegeben. Das System , . In Matrix-Form mit
Eigenwerte: char.Polynom . Nullstellen und . Zwei verschiedene reelle Eigenwerte, also diagonalisierbar.
Eigenvektoren: für gibt gerade , wähle . Für gibt gerade , wähle .
Beide Eigenvektoren stehen senkrecht aufeinander, weil symmetrisch ist.
Anschaulich. In Richtung wächst der Zustand mit Rate , in Richtung klingt er mit Rate ab. Für grosse dominiert die wachsende Mode, das System läuft entlang ins Unendliche. Liegt der Anfangsvektor genau in Richtung (), klingt es sauber zum Nullpunkt ab.
Was passiert geometrisch bei komplex konjugierten Eigenwerten? Statt geradliniger Bewegung dreht sich das System. Die Trajektorien sind Spiralen (mit Realteil ) oder geschlossene Kreise (Realteil ). Wir rechnen das klassische Beispiel.
Gegeben. Das System , . In Matrix-Form mit
Eigenwerte: char.Polynom , also . Komplex konjugiertes Paar mit Realteil und Imaginärteil .
Komplexer Eigenvektor: für : , erste Zeile , also . Wähle . Realteil , Imaginärteil .
Reelle Lösung: mit der Formel aus §2.3 (, ) lauten die zwei reellen Eigenmoden und . Allg. Lösung:
Anschaulich. Der Realteil heisst: kein Anwachsen, kein Abklingen. Reine Drehung. Das System verharrt auf dem Kreis mit Radius . Wäre gewesen, wären es nach aussen laufende Spiralen (instabiler Strudelpunkt aus VII.14); bei nach innen laufende Spiralen (asymptotisch stabiler Strudelpunkt).
Verbindung zu Schwingungen. Das System , ist genau die Vektor-Form von (setze ), also die harmonische Schwingung aus VII.10 §4.1 mit .
Phasenraum-Bild und Schwingungs-Bild sind dieselbe Lösung in zwei Sprachen.
Wie schwingen zwei mit einer Feder verbundene Pendel? Nicht chaotisch, sondern in zwei Normalmoden: eine synchrone und eine gegenphasige.
Wir leiten beide Moden sauber her und zeigen, dass jedes Verhalten eine Linearkombination dieser zwei Moden ist.
Aufbau. Zwei mathematische Pendel, je Pendellänge , je Masse , je Auslenkung bzw. aus der Ruhelage. Verbunden durch eine Feder (Federkonstante ), die in der Ruhelage entspannt ist. Im Kleinwinkel-Bereich liefert Newton 2:
Vereinfachung. Teile beide Gleichungen durch und setze , . Es entsteht ein System von zwei DGL 2. Ordnung mit konstanten Koeffizienten:
Normalmoden-Ansatz. Statt und einzeln benutzen wir (symmetrisch, beide gleich ausgelenkt) und (antisymmetrisch, gleich gross aber entgegengesetzt).
Addieren und Subtrahieren der beiden Bewegungsgleichungen liefert nach kurzer Rechnung:
Die zwei Normalmoden. Jede Mode ist eine harmonische Schwingung mit eigener Frequenz:
Anschaulich. In der symmetrischen Mode () schwingen beide Pendel synchron, die Feder wird nie gestreckt. Nur die Schwerkraft stellt zurück, daher ist identisch mit der eines einzelnen freien Pendels.
In der antisymmetrischen Mode () schwingen die Pendel gegeneinander, die Feder wird abwechselnd gestreckt und gestaucht und stellt zusätzlich zurück. Schwerkraft und Feder addieren sich, daher ist stets grösser als .
Allgemeine Lösung. Jede Bewegung ist eine Linearkombination der zwei Moden: und .
Zurück in ergibt das vier freie Konstanten, passend zur Ordnung des Systems (zwei DGL 2. Ordnung).
Übungsaufgaben werden in Kürze ergänzt.
Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.