Die vier Maxwell-Gleichungen sind das Skelett der klassischen Elektrodynamik. Drei davon sind direkte Konsequenzen der zwei grossen Integralsätze: und folgen aus dem Divergenzsatz (Kap. VI.5/VI.6), und sowie folgen aus dem Stokes'schen Satz (diese Page).
Was als physikalisches Experiment beobachtet wird (Faradays Induktionsversuch, Ampères Schleifenintegral um einen Stromleiter), wird durch den Stokes-Tausch zur lokalen Differentialgleichung. Aus einer Integralidentität wird eine Felderzeugungs-Regel, die an jedem Punkt im Raum gilt. Genau das macht die Maxwell-Theorie überhaupt erst zu einer Feldtheorie.
Wir behandeln zwei Anwendungen. Das Faraday-Gesetz in Section 2 entlarvt die Spannung-Induktion durch eine Magnetfeld-Änderung als Stokes-Brücke zwischen Wegintegral und Flussintegral. Das Ampère-Gesetz in Section 3 erschliesst die Wirbelstärke des Magnetfelds um einen Stromleiter als Stokes-Folgerung der Mini-Form aus VI.7.
Section 4 stellt alle vier Maxwell-Gleichungen in Übersicht zusammen, sodass du die zwei Stokes-Anwendungen im Kontext des ganzen Maxwell-Quartetts siehst. Section 5 ist der Spickzettel-Block mit den Klausur-Mantras.
Stell dir einen Drahtring vor, fest im Raum montiert, im Inneren ein wechselndes Magnetfeld. Sei ein instationäres Magnetfeld (zeit- und ortsabhängig). ist die geschlossene Schleife des Drahts, mit festgelegtem Durchlaufsinn. ist eine Fläche, die in den Drahtring eingespannt ist (Section VI.8 Sec 2.3 hat erlaubt, dass du jede Fläche mit wählen darfst). ist ihr Normaleneinheitsvektor mit Daumenregel zum Durchlaufsinn von .
Der Fluss von durch ist eine zeitabhängige Skalarfunktion:
In Worten: ist die Menge magnetischer „Feldlinien“, die durch die in den Drahtring gespannte Fläche treten, gemessen pro Zeitpunkt. Der Wert hängt nur von der Schleife ab, nicht von der Wahl der Fläche (Konsequenz aus VI.8 Sec 4.3 für quellenfreies ): jede in den Ring gespannte Fläche liefert denselben Fluss.
Faraday hat experimentell gefunden: ändert sich der Fluss durch eine Schleife, wird im Drahtring eine Spannung induziert, die proportional zur zeitlichen Ableitung des Flusses ist. Das Vorzeichen ist so gewählt, dass die induzierte Spannung der Flussänderung entgegenwirkt (Lenz-Regel).
Anschaulich: wer den Magnetfluss schneller ändert (dünnere Schleife in stärkeres Feld bewegen, B-Feld schneller wechseln), erzeugt mehr Spannung. Wer den Fluss konstant hält, kriegt nichts. Das Minus ist die Lenz-Regel und steckt das Energie-Erhaltungs-Argument direkt ins Vorzeichen.
Die induzierte Spannung ist gleichzeitig die Arbeit pro Probeladung des induzierten elektrischen Felds entlang der Schleife . Das ist die Definition der Spannung als Wegintegral aus Kap. VI.7 Sec 6.3. Stokes verbindet das Wegintegral mit dem Flussintegral der Rotation:
Was hier passiert: die Spannung kennen wir aus zwei Lesarten. Einmal als Wegintegral (Definition), einmal als Flussintegral der Rotation (Stokes). Wir haben jetzt zwei Ausdrücke für : einer aus Faradays Experiment (Section 2.2), einer aus Stokes.
Setze die zwei Ausdrücke für gleich. Die Stokes-Form aus 2.3 und die Faraday-Form aus 2.2 müssen denselben Wert ergeben:
Diese Gleichheit gilt für jede Wahl der Fläche (mit korrekter Orientierung), nicht nur für eine spezielle. Dann muss der Integrand selbst überall verschwinden, sonst könnte man durch geschickte Flächenwahl einen Widerspruch konstruieren. Daraus folgt die punktweise Aussage:
Aus Kap. VI.7 Sec 6.4 wissen wir: das Magnetfeld um einen unendlichen geradlinigen Stromleiter mit Strom erfüllt eine Mini-Form des Ampère-Gesetzes. Wenn der Weg den Leiter genau einmal umschliesst, ist das Wegintegral universell:
In realen Aufgaben sitzt der Strom selten in einem dünnen Draht. Im Allgemeinen ist er über einen Bereich verteilt. Statt eines diskreten Leiters mit Strom betrachten wir eine Stromdichte : ein Vektorfeld, dessen Richtung den Stromfluss anzeigt und dessen Betrag die Stromstärke pro Querschnittsfläche misst.
Der umschlossene Strom durch eine Fläche ist das Flussintegral der Stromdichte:
Damit verallgemeinert sich Ampères Mini-Form zur integralen Form: für jede Schleife gilt , mit dem Gesamt-Strom durch eine beliebige Fläche , deren Rand ist.
Wende Stokes auf die linke Seite an. Wegintegral wird Flussintegral der Rotation:
Die Gleichheit gilt für jede Fläche . Daher muss der Integrand sein, mit demselben Argument wie bei Faraday in 2.4:
Die Form ist im stationären Fall (zeitunabhängige Felder, kein wechselnder elektrischer Fluss) korrekt. Maxwell hat sie 1865 um den Verschiebungsstrom erweitert, sodass die Gleichung auch für zeitlich wechselnde elektrische Felder konsistent bleibt:
Hier reicht uns die stationäre Form, weil sie der reine Stokes-Tausch ist. Die Verschiebungsstrom-Korrektur kommt aus einem zusätzlichen physikalischen Argument (Konsistenz mit der Kontinuitätsgleichung der Ladung), nicht aus dem Integralsatz selbst, und wird in der Magnetfeld-Page voll behandelt.
Das ganze Maxwell-Quartett auf einen Blick. Zwei Divergenz-Gleichungen (Gauss für und ) plus zwei Rotations-Gleichungen (Faraday und Ampère). Drei davon sind Integralsatz-Konsequenzen, eine ist empirisch (Gauss für , kein magnetischer Monopol).
| Gleichung | Differentialform | Quelle |
|---|---|---|
| Gauss für | Divergenzsatz (VI.6) | |
| Gauss für | Divergenzsatz + Empirik | |
| Faraday | Stokes (Sec 2) | |
| Ampère stat. | Stokes (Sec 3) |
Lies das Quartett als Bilanz-Tabelle. Die zwei Divergenz-Gleichungen sagen, was die Quellen sind: Quelle des elektrischen Flusses ist die elektrische Ladung; magnetischer Fluss hat keine Quellen. Die zwei Rotations-Gleichungen sagen, was die Wirbel sind: Wirbel von entstehen durch Magnetfeld-Änderungen; Wirbel von entstehen durch Stromfluss (plus, mit Verschiebungsstrom-Korrektur, durch E-Feld-Änderungen). Die vier zusammen sind die vollständige lokale Beschreibung der klassischen Elektrodynamik.
Beide Stokes-Anwendungen auf einer Zeile pro Anwendung, jeweils integrale und differentiale Form gegenübergestellt. Bei Klausur-Aufgaben entscheidest du nach Aufgabentyp, welche Form direkt ansetzbar ist.
| Anwendung | Wegintegral-Form | Differentialform |
|---|---|---|
| Faraday | ||
| Ampère stat. |
Für jede Aufgabe mit Faraday- oder Ampère-Bezug läufst du diese Reihenfolge durch.
(1) Welche Form, integral oder differential? Bei konkreter Schleife (Drahtring, Spulen-Querschnitt): integrale Form direkt nutzen. Bei lokalen Punkt-Aussagen (Feld an einem Ort, Maxwell-Konsistenz-Check): differentiale Form.
(2) Faraday: Fluss-Änderungsrate berechnen. Häufige Aufgaben-Typen: (a) konstantes , Schleife rotiert oder verformt sich; (b) konstante Schleife, ändert sich zeitlich. Beide laufen auf hinaus. Die Komplexität sitzt im Differenzieren von , nicht in Stokes selbst.
(3) Ampère: Symmetrie nutzen. Bei Aufgaben mit hoher Symmetrie (gerader Leiter, Toroid, lange Spule) ist die Mini-Form direkt anwendbar. Wähle eine geschickte Schleife, typischerweise eine Kreisbahn um die Symmetrie-Achse, sodass tangential und konstant entlang ist und das Wegintegral zu wird.
(4) Maxwell-Konsistenz prüfen. In Aufgaben mit gegebenem oder : ist ? Erfüllt ? Die Konsistenz-Checks sind oft schnellere Lösungswege als direkte Integration. Wer ein Feld vor sich hat, das eine der vier Maxwell-Gleichungen verletzt, hat eine fehlerhafte Vorgabe oder einen Rechenfehler.
Übungsaufgaben werden in Kürze ergänzt.
Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.