4.1Die Maxwell-Gleichungen

4.1.1 Der fehlende Term: Verschiebungsstrom

Lade einen Kondensator auf: zwischen den beiden Platten fliesst kein einziges Elektron, und trotzdem baut sich dort ein Magnetfeld auf. Woher kommt es? In Kap. 3 galt das Ampère-Gesetz CBdl=μ0I\oint_C \vec{B}\cdot\mathrm{d}\vec{l} = \mu_0 I: ein Magnetfeld umkreist einen Strom. Spannt man eine Fläche in die Schleife CC, zählt der Strom, der hindurchtritt.

Genau hier klemmt es. Lege die Fläche einmal so, dass der Zuleitungsdraht sie durchsticht (Strom II fliesst hindurch), und einmal so, dass sie zwischen den Platten hindurchläuft (kein Draht, kein Strom). Dieselbe Schleife, zwei Flächen, zwei verschiedene Antworten. Das alte Gesetz ist also unvollständig.

Maxwells Reparatur: zwischen den Platten wächst das elektrische Feld, also der elektrische Fluss Φel\Phi_{\text{el}}. Ein sich änderndes Φel\Phi_{\text{el}} wirkt magnetisch genau wie ein echter Strom. Maxwell nennt das den Verschiebungsstrom IvIᵥ. Er fliesst nicht wirklich, er ist die magnetische Wirkung eines wachsenden E-Feldes. Ausgeschrieben über den Fluss ist Φel=AEdA\Phi_{\text{el}} = \int_A \vec{E}\cdot\mathrm{d}\vec{A}, also misst IvIᵥ, wie schnell sich das E-Feld durch die Fläche ändert.

E zwischen Platten 0 V/m
Iᵥ 0 A
B-Feld 0 mT
1.5 A
1.0
Abb. 1: Verschiebungsstrom: ein wachsendes E-Feld wirkt magnetisch wie ein Strom
!!
Verschiebungsstrom
Iv=ε0dΦeldt=ε0ddtAEdAIᵥ = \varepsilon_0\,\frac{\mathrm{d}\Phi_{\text{el}}}{\mathrm{d}t} = \varepsilon_0\,\frac{\mathrm{d}}{\mathrm{d}t}\int_A \vec{E}\cdot\mathrm{d}\vec{A}
Φel\Phi_{\text{el}} elektrischer Fluss durch die Fläche, ε0\varepsilon_0 elektrische Feldkonstante. Ein wachsendes E-Feld zählt magnetisch wie ein Strom.
Notation Notation: Φ_el
Elektrischer Fluss, Φel=AEdA\Phi_{\text{el}} = \int_A \vec{E}\cdot\mathrm{d}\vec{A}. Mass dafür, wie viel E-Feld durch eine Fläche tritt.
Definition Verschiebungsstrom
Kein echter Ladungsfluss, sondern die magnetische Wirkung eines sich ändernden E-Feldes, Iv=ε0Φ˙elIᵥ = \varepsilon_0\,\dot{\Phi}_{\text{el}}.
Querverweis Verweise
→ Kap. 3 Ampère-Gesetz

4.1.2 Das verallgemeinerte Ampère-Gesetz

Was ändert sich am Ampère-Gesetz, wenn man IvIᵥ dazunimmt? Man addiert ihn einfach zum echten Strom. Jetzt erzeugen zwei Dinge ein umlaufendes Magnetfeld: ein Leitungsstrom II und ein sich änderndes elektrisches Feld.

Damit ist das Gesetz auch für nicht-stationäre (zeitlich veränderliche) Ströme richtig. Der neue Term μ0ε0dΦel/dt\mu_0\varepsilon_0\,\mathrm{d}\Phi_{\text{el}}/\mathrm{d}t ist genau die Brücke, über die ein E-Feld ein B-Feld erzeugt.

!!
Ampère-Maxwell-Gesetz
CBdl=μ0(I+Iv)=μ0I+μ0ε0dΦeldt\oint_C \vec{B}\cdot\mathrm{d}\vec{l} = \mu_0\,(I + Iᵥ) = \mu_0 I + \mu_0\varepsilon_0\,\frac{\mathrm{d}\Phi_{\text{el}}}{\mathrm{d}t}
μ0\mu_0 magnetische Feldkonstante. Der zweite Term ist neu gegenüber Kap. 3 und macht das Gesetz auch für nicht-stationäre Ströme richtig.
Notation Notation: μ₀
Magnetische Feldkonstante, μ0=4π×107  Tm/A\mu_0 = 4\pi\times10^{-7}\;\mathrm{T\,m/A}. Verknüpft Strom und erzeugtes Magnetfeld.

4.1.3 Die vier Maxwell-Gleichungen (Integralform)

Mit dem letzten Baustein sind alle Gesetze für elektrische und magnetische Felder beisammen. Vier Gleichungen, und sie beschreiben jedes elektromagnetische Phänomen vom Kompass bis zum Funkmast. In Integralform reden sie über ganze Flächen AA und Schleifen CC:

1.0
Abb. 2: Die vier Maxwell-Gleichungen, jede als Bild
!!!
Maxwell-Gleichungen (Integralform)
AEdA=qinnenε0ABdA=0CEdl=ddtABdACBdl=μ0I+μ0ε0ddtAEdA\begin{aligned} \oint_A \vec{E}\cdot\mathrm{d}\vec{A} &= \frac{q_{\text{innen}}}{\varepsilon_0} \\[2pt] \oint_A \vec{B}\cdot\mathrm{d}\vec{A} &= 0 \\[2pt] \oint_C \vec{E}\cdot\mathrm{d}\vec{l} &= -\frac{\mathrm{d}}{\mathrm{d}t}\int_A \vec{B}\cdot\mathrm{d}\vec{A} \\[2pt] \oint_C \vec{B}\cdot\mathrm{d}\vec{l} &= \mu_0 I + \mu_0\varepsilon_0\,\frac{\mathrm{d}}{\mathrm{d}t}\int_A \vec{E}\cdot\mathrm{d}\vec{A} \end{aligned}
Von oben nach unten: Gauss elektrisch, Gauss magnetisch, Faraday, Ampère-Maxwell.
Definition Maxwell-Gleichungen
Die vier Grundgesetze der Elektrodynamik. Zusammen legen sie E\vec{E} und B\vec{B} aus Ladungen und Strömen vollständig fest.

4.1.4 Dieselben Gesetze in Differentialform

Die Integralform beschreibt ganze Flächen und Schleifen auf einmal. Oft will man aber wissen, was an einem Punkt passiert. Mit den Sätzen von Gauss und Stokes (aus Analysis II) schrumpft jede der vier Gleichungen auf eine lokale Aussage zusammen, formuliert mit dem Nabla-Operator \nabla.

Dabei wird der Verschiebungsstrom zum Term μ0ε0E/t\mu_0\varepsilon_0\,\partial\vec{E}/\partial t, die enthaltene Ladung zur Ladungsdichte ρ\rho, der Strom zur Stromdichte j\vec{j}. Es ist dieselbe Physik, nur Punkt für Punkt statt über Flächen integriert. Diese Form brauchen wir gleich, um die Wellengleichung herzuleiten.

!!!
Maxwell-Gleichungen (Differentialform)
E=ρε0×E=BtB=0×B=μ0j+μ0ε0Et\begin{aligned} \nabla\cdot\vec{E} &= \frac{\rho}{\varepsilon_0} & \nabla\times\vec{E} &= -\frac{\partial\vec{B}}{\partial t} \\[3pt] \nabla\cdot\vec{B} &= 0 & \nabla\times\vec{B} &= \mu_0\vec{j} + \mu_0\varepsilon_0\,\frac{\partial\vec{E}}{\partial t} \end{aligned}
ρ\rho Ladungsdichte, j\vec{j} Stromdichte. \nabla\cdot ist die Divergenz (Quellstärke), ×\nabla\times die Rotation (Wirbelstärke).
Notation Notation: ∇
Nabla-Operator =(x,y,z)\nabla = (\partial_x, \partial_y, \partial_z). \nabla\cdot misst Quellen (Divergenz), ×\nabla\times misst Wirbel (Rotation).

4.1.5 Was die vier Gleichungen zusammen sagen

Bevor wir rechnen, lohnt sich ein Schritt zurück. Die beiden Gauss-Gleichungen (mit der Divergenz) regeln die Quellen: elektrische Ladungen sind Quellen des E-Feldes, magnetische Quellen gibt es nicht. Die beiden Rotations-Gleichungen (Faraday und Ampère-Maxwell) regeln, wie sich ändernde Felder einander erzeugen.

Genau in dieser Kopplung steckt die Welle. Faraday sagt: ein sich änderndes B\vec{B} macht ein wirbelndes E\vec{E}. Ampère-Maxwell sagt: ein sich änderndes E\vec{E} macht ein wirbelndes B\vec{B}. Beide stützen sich gegenseitig, und im leeren Raum (keine Ladungen, keine Ströme) bleibt diese Rückkopplung als einzige Möglichkeit übrig, sich selbst durch den Raum zu tragen.

Gleichung Operator Aussage in Worten
Gauss elektrisch E\nabla\cdot\vec{E} Ladungen sind Quellen des E-Feldes
Gauss magnetisch B\nabla\cdot\vec{B} keine magnetischen Monopole
Faraday ×E\nabla\times\vec{E} B˙\dot{\vec{B}} erzeugt E-Wirbel (Induktion)
Ampère-Maxwell ×B\nabla\times\vec{B} Strom und E˙\dot{\vec{E}} erzeugen B-Wirbel
Die vier Maxwell-Gleichungen auf einen Blick.
Merke Merke: Gauss-Gleichungen = Quellen, Rotations-Gleichungen = Kopplung. Die Kopplung trägt die Welle.

4.2Von Maxwell zur Welle

4.2.1 Die Rückkopplung: E erzeugt B erzeugt E

Was passiert eigentlich weit weg von allen Ladungen und Drähten, im leeren Raum? Dort ist ρ=0\rho = 0 und j=0\vec{j} = \vec{0}, und die beiden Rotations-Gleichungen koppeln die Felder über Kreuz: ein sich änderndes B\vec{B} erzeugt ein wirbelndes E\vec{E} (Faraday), ein sich änderndes E\vec{E} erzeugt ein wirbelndes B\vec{B} (Ampère-Maxwell).

Das ist eine Rückkopplung: das eine Feld erzeugt im Verschwinden das andere, das wieder das erste, und so schaukelt sich die Störung durch den Raum. Rechnerisch nimmt man die Rotation der einen Gleichung und setzt die andere ein. Es entsteht eine Gleichung, die nur noch ein Feld enthält, und sie hat die Form einer Wellengleichung.

Folgt Die Geschwindigkeit cc fällt in 4.2.3 aus der Rechnung.

4.2.2 Die Wellengleichung

Das Ergebnis der Rechnung ist die klassische Wellengleichung, einmal für E\vec{E} und einmal für B\vec{B}. Sie verknüpft die räumliche Krümmung des Feldes (zweite Ableitung nach dem Ort) mit seiner zeitlichen Beschleunigung (zweite Ableitung nach der Zeit). Die Konstante dazwischen ist 1/c21/c^2.

Für eine Welle, die in xx-Richtung läuft, genügt die eindimensionale Form. Allgemein im Raum schreibt man sie mit dem Laplace-Operator Δ=\Delta = \nabla\cdot\nabla, der alle drei Raumrichtungen zusammenfasst.

!!!
Wellengleichung (eindimensional, in x-Richtung)
2Ex2=1c22Et2,2Bx2=1c22Bt2\frac{\partial^2 \vec{E}}{\partial x^2} = \frac{1}{c^2}\,\frac{\partial^2 \vec{E}}{\partial t^2}, \qquad \frac{\partial^2 \vec{B}}{\partial x^2} = \frac{1}{c^2}\,\frac{\partial^2 \vec{B}}{\partial t^2}
E\vec{E}, B\vec{B} sind die Feldvektoren; die Gleichung gilt für jede Komponente. Beide Felder gehorchen derselben Gleichung mit derselben Geschwindigkeit cc.
Wellengleichung (allgemein, mit Laplace-Operator)
ΔE=1c22Et2,ΔB=1c22Bt2\Delta\vec{E} = \frac{1}{c^2}\,\frac{\partial^2 \vec{E}}{\partial t^2}, \qquad \Delta\vec{B} = \frac{1}{c^2}\,\frac{\partial^2 \vec{B}}{\partial t^2}
Δ=x2+y2+z2\Delta = \partial_x^2 + \partial_y^2 + \partial_z^2 ist der Laplace-Operator. Die räumliche Form für beliebige Ausbreitungsrichtung.
Notation Notation: Δ
Laplace-Operator Δ==x2+y2+z2\Delta = \nabla\cdot\nabla = \partial_x^2 + \partial_y^2 + \partial_z^2. Nicht mit Δ\Delta als Änderung verwechseln.
Formel Wellengleichung
Δu=1c2u¨\Delta u = \frac{1}{c^2}\,\ddot{u}
Allgemeine Form. Lösungen sind laufende Profile u=f(x±ct)u = f(x \pm ct) mit Geschwindigkeit cc.

4.2.3 Die Lichtgeschwindigkeit fällt heraus

Jetzt kommt der Moment, der die Physik des 19. Jahrhunderts umgekrempelt hat. Die Geschwindigkeit cc in der Wellengleichung ist keine frei gewählte Zahl, sie ergibt sich allein aus den beiden Konstanten ε0\varepsilon_0 und μ0\mu_0, die man aus Elektrostatik und Magnetostatik kennt.

Setzt man die gemessenen Werte ein, kommt 3,00×1083{,}00\times10^8 m/s heraus, exakt die gemessene Lichtgeschwindigkeit. Maxwells Schluss: Licht ist eine elektromagnetische Welle. Optik und Elektrodynamik sind dasselbe Fach.

!!!
Lichtgeschwindigkeit aus den Feldkonstanten
c=1μ0ε03,00×108  msc = \frac{1}{\sqrt{\mu_0\,\varepsilon_0}} \approx 3{,}00\times10^8\;\frac{\mathrm{m}}{\mathrm{s}}
Zwei Konstanten aus völlig anderen Experimenten ergeben zusammen die Lichtgeschwindigkeit. Das war der Beweis, dass Licht elektromagnetisch ist.
Notation Notation: ε₀
Elektrische Feldkonstante, ε08,85×1012  C2/(Nm2)\varepsilon_0 \approx 8{,}85\times10^{-12}\;\mathrm{C^2/(N\,m^2)}.
Definition Feldkonstanten
μ0=4π×107  Tm/A\mu_0 = 4\pi\times10^{-7}\;\mathrm{T\,m/A} und ε08,85×1012  C2/(Nm2)\varepsilon_0 \approx 8{,}85\times10^{-12}\;\mathrm{C^2/(N\,m^2)} legen zusammen cc fest.

4.2.4 Die ebene Welle

Wie sieht die einfachste Lösung konkret aus? Eine ebene Welle: das Feld schwingt sinusförmig, überall in einer Ebene senkrecht zur Laufrichtung hat es im selben Moment denselben Wert. Mathematisch ist das ein Kosinus in der Kombination ωtkx\omega t - kx.

Darin steckt die ganze Geometrie der Welle: die Amplitude E0E_0 (Maximalausschlag), die Wellenzahl kk (wie eng die Wellenberge im Raum stehen), die Kreisfrequenz ω\omega (wie schnell sie zeitlich schwingen) und die Phasenkonstante φ\varphi (Verschiebung des Ganzen).

λ ...
k = 2π/λ ...
T = 1/ν ...
ω = 2πν ...
c = λν ...
1.5 (rel.)
1.0 (rel.)
1.0
Abb. 3: Ebene Welle E(x,t) = E₀ cos(ωt − kx), räumlich und zeitlich
!!!
Ebene Welle
E(x,t)=E0cos(ωtkx+φ)\vec{E}(x, t) = \vec{E}_0\,\cos(\omega t - kx + \varphi)
E0\vec{E}_0 Amplitude, φ\varphi Phasenkonstante. Das B-Feld schwingt im Gleichtakt mit derselben Form, B=B0cos(ωtkx+φ)\vec{B} = \vec{B}_0\cos(\omega t - kx + \varphi).
Wellenzahl, Dispersionsrelation, Wellenlänge
k=2πλω=ckλ=cν\begin{aligned} k &= \frac{2\pi}{\lambda} & \omega &= c\,k & \lambda &= \frac{c}{\nu} \end{aligned}
ω=ck\omega = c\,k ist die Dispersionsrelation im Vakuum: alle Wellenlängen laufen gleich schnell.
Notation Notation: k, ω, λ, ν
k=2π/λk = 2\pi/\lambda Wellenzahl (1/m), ω\omega Kreisfrequenz (rad/s), λ\lambda Wellenlänge (m), ν\nu Frequenz (Hz).

4.2.5 k, ω, ν, T und λ sauber sortiert

Hier verwechselt man leicht fünf eng verwandte Grössen. Sortieren wir sie. Die zeitlichen Grössen beschreiben das Schwingen an einem festen Ort: die Frequenz ν\nu (Schwingungen pro Sekunde), die Periode T=1/νT = 1/\nu (Dauer einer Schwingung) und die Kreisfrequenz ω=2πν\omega = 2\pi\nu. Die räumlichen Grössen beschreiben das Muster zu einem festen Zeitpunkt: die Wellenlänge λ\lambda (Abstand zweier Berge) und die Wellenzahl k=2π/λk = 2\pi/\lambda.

Verbunden sind beide Welten durch die Geschwindigkeit: die Phasengeschwindigkeit v=ω/kv = \omega/k ist im Vakuum gerade cc, und daraus folgt sofort die wohl wichtigste Eselsbrücke des Kapitels: c=λνc = \lambda\,\nu.

!!
Zeit und Raum verknüpft
ω=2πν=2πTv=ωk=λν=c\begin{aligned} \omega &= 2\pi\nu = \frac{2\pi}{T} & v &= \frac{\omega}{k} = \lambda\,\nu = c \end{aligned}
T=1/νT = 1/\nu Periode. Im Vakuum ist die Phasengeschwindigkeit vv gleich cc für jede Wellenlänge.
Merke Merke: zeitlich ν,T,ω\nu, T, \omega; räumlich λ,k\lambda, k; verbunden durch c=λνc = \lambda\nu.
Folgt Geschwindigkeit in Materie und Dispersion in Kap. 5.

4.3Aufbau einer Lichtwelle

4.3.1 E, B und Ausbreitung stehen senkrecht

In welche Richtung zeigen E\vec{E} und B\vec{B} in einer Lichtwelle? Nicht in Laufrichtung, sondern quer dazu. Die elektromagnetische Welle ist eine Transversalwelle: E\vec{E} und B\vec{B} stehen senkrecht aufeinander, und beide stehen senkrecht auf der Ausbreitungsrichtung k\vec{k}.

Die drei bilden in dieser Reihenfolge ein Rechtssystem. Die Laufrichtung zeigt entlang E×B\vec{E}\times\vec{B}, also genau dorthin, wohin auch die Energie fliesst (das greifen wir in 4.4.3 wieder auf).

|E| E₀
|B| B₀
E / B = c
λ ...
1.4 (rel.)
1.0
Abb. 4: Elektromagnetische Welle: E und B stehen senkrecht und laufen mit c
!!
Ausbreitungsrichtung
k    E×B\vec{k}\;\parallel\;\vec{E}\times\vec{B}
Rechte-Hand-Regel: Finger in Richtung E\vec{E}, krümmen zu B\vec{B}, Daumen zeigt die Laufrichtung. Die Welle ist transversal.
Merke Merke: EBk\vec{E} \perp \vec{B} \perp \vec{k}. Die Welle läuft entlang E×B\vec{E}\times\vec{B}.
Folgt Polarisation (Folge der Transversalität) in Kap. 5.

4.3.2 E und B sind gekoppelt: E = cB

Wie gross ist das B-Feld einer Lichtwelle im Vergleich zum E-Feld? Die Maxwell-Gleichungen koppeln die beiden Amplituden fest aneinander: in jedem Moment gilt E=cB|\vec{E}| = c\,|\vec{B}|. Sie schwingen im Gleichtakt, gehen gleichzeitig durch null und erreichen gleichzeitig ihr Maximum.

Weil cc riesig ist, ist die Zahl für E|\vec{E}| (in V/m) viel grösser als die für B|\vec{B}| (in T). Das verleitet zum Trugschluss, das elektrische Feld sei das wichtigere. In Wahrheit tragen beide exakt gleich viel Energie, wie der nächste Abschnitt zeigt.

!!
Amplitudenrelation
E=cB|\vec{E}| = c\,|\vec{B}|
Gilt für die Beträge in jedem Augenblick. E|\vec{E}| in V/m, B|\vec{B}| in T, cc in m/s.
Formel Amplitudenkopplung
E=cB|\vec{E}| = c\,|\vec{B}|
Festes Verhältnis der Feldbeträge in einer EM-Welle.

4.3.3 Wellenfronten

Verbinde alle Punkte, die im selben Moment denselben Schwingungszustand haben (etwa alle gerade auf einem Wellenberg). Diese Flächen heissen Wellenfronten. Sie stehen überall senkrecht auf der Ausbreitungsrichtung.

Bei einer ebenen Welle sind die Fronten parallele Ebenen, bei einer Punktquelle sind es Kugelschalen, die nach aussen wachsen (eine Kugelwelle). Weit weg von der Quelle wird ein kleiner Ausschnitt einer Kugelwelle praktisch eben, deshalb darf man fernes Sternenlicht als ebene Welle behandeln. Dieses Frontbild ist der Ausgangspunkt für das Huygenssche Prinzip in Kap. 5 und Kap. 7.

1.0
Abb. 5: Wellenfronten, eben (ferne Quelle) und kugelförmig (Punktquelle)
Definition Wellenfront
Fläche gleicher Phase, senkrecht zur Ausbreitungsrichtung. Eben bei der ebenen Welle, kugelförmig bei der Punktquelle.
Folgt Huygenssches Prinzip in Kap. 5 und Kap. 7.

4.4Energie, Intensität und Impuls

4.4.1 Energiedichte

Sonnenlicht wärmt die Haut, also trägt eine elektromagnetische Welle Energie. Wie viel steckt pro Volumen im Feld? Die Energiedichte wemw_{\text{em}} setzt sich aus einem elektrischen und einem magnetischen Anteil zusammen, und wegen E=cB|\vec{E}| = c\,|\vec{B}| sind diese beiden Anteile gleich gross.

Man kann wemw_{\text{em}} deshalb auf drei gleichwertige Arten schreiben: nur über E|\vec{E}|, nur über B|\vec{B}|, oder gemischt. Alle drei liefern denselben Wert.

!!
Energiedichte einer EM-Welle
wem=wel+wmag=ε0E2=B2μ0=EBμ0cw_{\text{em}} = w_{\text{el}} + w_{\text{mag}} = \varepsilon_0 |\vec{E}|^2 = \frac{|\vec{B}|^2}{\mu_0} = \frac{|\vec{E}|\,|\vec{B}|}{\mu_0 c}
Elektrischer und magnetischer Anteil sind gleich gross. Einheit J/m3\mathrm{J/m^3}.
Notation Notation: w_em
Energiedichte des elektromagnetischen Feldes, Energie pro Volumen, [wem]=J/m3[w_{\text{em}}] = \mathrm{J/m^3}.

4.4.2 Mittelung und Effektivwert

Das Feld schwingt schnell auf und ab, ein typisches Lichtfeld milliardenfach pro Sekunde. Kein Messgerät folgt dem; man misst immer den zeitlichen Mittelwert. Und hier steckt ein Faktor, den man nicht vergessen darf: der Mittelwert von cos2\cos^2 über eine Schwingung ist nicht eins, sondern 12\tfrac{1}{2}.

Deshalb führt man den Effektivwert (RMS-Wert) ein: Eeff=E0/2E_{\text{eff}} = E_0/\sqrt{2}. Mit ihm rechnet sich der Mittelwert einer quadratischen Grösse so einfach, als wäre die Welle konstant. Genau dieselbe Idee kennst du schon vom Effektivwert der Wechselspannung aus Kap. 1.

!
Zeitmittel und Effektivwert
cos2(ωt)=12,Eeff=E02\langle \cos^2(\omega t)\rangle = \tfrac{1}{2}, \qquad E_{\text{eff}} = \frac{E_0}{\sqrt{2}}
\langle\cdot\rangle bedeutet Zeitmittel. Der Faktor 12\tfrac{1}{2} taucht überall auf, wo eine schwingende Grösse quadriert und gemittelt wird.
Notation Notation: E_eff
Effektivwert (RMS), Eeff=E0/2E_{\text{eff}} = E_0/\sqrt{2}. Gleiche Idee wie bei Wechselspannung in Kap. 1.

4.4.3 Intensität und Poynting-Vektor

Eine Solarzelle interessiert nicht die Energie im Volumen, sondern wie viel Leistung pro Fläche ankommt. Das ist die Intensität IemI_{\text{em}}: die mittlere Energiedichte, multipliziert mit der Geschwindigkeit cc, mit der sie vorbeiströmt.

Die Richtung des Energieflusses fasst der Poynting-Vektor S\vec{S} zusammen. Er zeigt entlang E×B\vec{E}\times\vec{B}, also in Laufrichtung, und sein zeitlicher Mittelwert hat als Betrag genau die Intensität. Mit E=cB|\vec{E}| = c\,|\vec{B}| lässt sich die Intensität auch allein über die E-Amplitude schreiben, das ist oft die handlichste Form.

|S| ...
I = ½ε₀c E₀² ...
wₑm ...
1.0 (rel.)
1.0
Abb. 6: Energiefluss S = (E × B)/μ₀ und Intensität I ∝ E₀²
!!
Poynting-Vektor
S=E×Bμ0\vec{S} = \frac{\vec{E}\times\vec{B}}{\mu_0}
Energiestromdichte: Richtung des Energieflusses, Betrag in W/m2\mathrm{W/m^2}.
!!!
Intensität
Iem=wemc=EeffBeffμ0=12E0B0μ0=12ε0cE02=SI_{\text{em}} = \langle w_{\text{em}}\rangle\,c = \frac{E_{\text{eff}} B_{\text{eff}}}{\mu_0} = \frac{1}{2}\,\frac{E_0 B_0}{\mu_0} = \frac{1}{2}\,\varepsilon_0 c\,E_0^2 = \lvert\langle\vec{S}\rangle\rvert
Mehrere gleichwertige Formen. Die letzte, 12ε0cE02\tfrac{1}{2}\varepsilon_0 c E_0^2, braucht nur die E-Amplitude.
Notation Notation: S, I_em
S\vec{S} Poynting-Vektor (Energiestromdichte, W/m2\mathrm{W/m^2}). Iem=SI_{\text{em}} = \lvert\langle\vec{S}\rangle\rvert Intensität (zeitgemittelt).

4.4.4 Impuls und Strahlungsdruck

Licht trägt nicht nur Energie, sondern auch Impuls. Eine Welle mit Energie EemE_{\text{em}} transportiert den Impuls p=Eem/cp = E_{\text{em}}/c. Trifft sie auf eine Fläche und wird absorbiert, gibt sie diesen Impuls ab und übt einen Druck aus.

Dieser Strahlungsdruck ist winzig, aber real: er drückt die Schweife von Kometen von der Sonne weg und treibt Sonnensegel an. Bei vollständiger Absorption ist PS=Iem/cP_{\text{S}} = I_{\text{em}}/c; wird das Licht stattdessen vollständig reflektiert, kehrt sein Impuls um, und der Druck verdoppelt sich auf 2Iem/c2 I_{\text{em}}/c (wie ein Ball, der zurückprallt, mehr Stoss gibt als einer, der liegen bleibt).

Druck Pₛ ...
Faktor 1× (I/c)
1.5 (rel.)
1.0
Abb. 7: Strahlungsdruck: Licht überträgt Impuls
Impuls einer EM-Welle
p=Eemcp = \frac{E_{\text{em}}}{c}
EemE_{\text{em}} transportierte Energie. Licht hat Impuls, obwohl es masselos ist.
!
Strahlungsdruck
PS=Iemc    (Absorption),PS=2Iemc    (Reflexion)P_{\text{S}} = \frac{I_{\text{em}}}{c} \;\;(\text{Absorption}), \qquad P_{\text{S}} = \frac{2 I_{\text{em}}}{c} \;\;(\text{Reflexion})
Druck auf eine Fläche. Reflexion kehrt den Impuls um und verdoppelt den Druck.
Merke Merke: Licht trägt Impuls p=Eem/cp = E_{\text{em}}/c. Strahlungsdruck I/cI/c bei Absorption, 2I/c2I/c bei Reflexion.

4.5Das elektromagnetische Spektrum

4.5.1 Eine Familie, viele Wellenlängen

Radiowellen, Mikrowellen, Licht, Röntgenstrahlung: das klingt nach sehr verschiedenen Dingen, ist aber alles dieselbe elektromagnetische Welle. Alle laufen im Vakuum mit cc, sie unterscheiden sich nur in Frequenz und Wellenlänge, fest gekoppelt über c=λνc = \lambda\,\nu.

Das sichtbare Licht ist dabei nur ein winziger Ausschnitt, etwa von 400 nm (violett) bis 780 nm (rot). Darüber und darunter geht das Spektrum noch über viele Grössenordnungen weiter, vom Kilometer der Radiowellen bis zum Bruchteil eines Atomdurchmessers bei Gammastrahlung.

Bereich Sichtbar
λ ...
ν ...
Photon E ...
55 %
1.0
Abb. 8: Das elektromagnetische Spektrum: eine Familie, viele Wellenlängen
!!
Frequenz mal Wellenlänge
c=λνc = \lambda\,\nu
Im Vakuum für jede elektromagnetische Welle. Grosse Wellenlänge bedeutet kleine Frequenz und umgekehrt.
Bereich Wellenlänge λ Typische Quelle
Radiowellen > 1 m Antenne, Rundfunk
Mikrowellen 1 m bis 1 mm Radar, Mikrowellenherd
Infrarot 1 mm bis 780 nm Wärmestrahlung
Sichtbares Licht 780 bis 400 nm Sonne, Glühlampe
Ultraviolett 400 bis 1 nm Sonne, UV-Lampe
Röntgenstrahlung 1 nm bis 1 pm Röntgenröhre
Gammastrahlung < 1 pm Kernzerfall
Das elektromagnetische Spektrum, geordnet nach Wellenlänge.
Notation Notation: ν, λ
ν\nu Frequenz in Hz (Schwingungen pro Sekunde), λ\lambda Wellenlänge in m. Gekoppelt über c=λνc = \lambda\,\nu.
Merke Merke: Sichtbares Licht ist nur 400 bis 780 nm, ein winziger Teil des ganzen Spektrums.
Folgt Eigenschaften des Lichts (Brechung, Polarisation) in Kap. 5.

4.5.2 Wie Wellen entstehen: Dipolstrahlung

Woher kommen elektromagnetische Wellen überhaupt? Aus beschleunigten Ladungen. Eine Ladung, die ruht oder gleichförmig fliesst, strahlt nicht; eine, die hin und her schwingt, schon. Das einfachste Beispiel ist der schwingende Dipol, also eine Sendeantenne, in der Ladung periodisch auf und ab läuft.

Die abgestrahlte Intensität ist nicht in alle Richtungen gleich: senkrecht zur Antenne ist sie maximal, genau entlang der Antennenachse strahlt der Dipol gar nicht. Das abgestrahlte E-Feld ist dabei parallel zur Antenne, die Welle ist also polarisiert. Umgekehrt funktioniert eine Empfangsantenne, weil das ankommende Wechselfeld in ihr eine Spannung induziert (Faraday, Kap. 3).

Abstrahlung max. quer zur Achse
1.0
Abb. 9: Sendedipol: beschleunigte Ladungen strahlen
Merke Merke: Nur beschleunigte Ladungen strahlen. Ein Dipol strahlt maximal quer zur Achse, null längs der Achse.
Querverweis Verweise
→ Kap. 3 Induktion (Empfang)

Aufgaben mit Musterlösungen

Aufgaben zu diesem Kapitel folgen. Wähle eine Aufgabe aus der Sidebar und aktiviere die Checkbox, um die vollständige Musterlösung mit Rechenweg zu sehen.

Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.

MerkeErst selbst rechnen, dann Lösung prüfen!
Variablen-Glossar (14 Einträge)
E\vec{E} elektrisches Feld V/m
B\vec{B} magnetisches Feld (Flussdichte) T
cc Lichtgeschwindigkeit im Vakuum m/s
ε0\varepsilon_0 elektrische Feldkonstante C²/(N·m²)
μ0\mu_0 magnetische Feldkonstante T·m/A
IvIᵥ Verschiebungsstrom A
Φel\Phi_{el} elektrischer Fluss V·m
kk Wellenzahl 1/m
ω\omega Kreisfrequenz rad/s
ν\nu Frequenz Hz
λ\lambda Wellenlänge m
S\vec{S} Poynting-Vektor (Energiestromdichte) W/m²
wemw_{em} Energiedichte J/m³
IemI_{em} Intensität W/m²