“Was man an Kraft spart, muss man an Weg zusetzen.”
— Galileo Galilei
VIII.1Kraftverstärkung I: Hebel- und Keilmechanismen
VIII.1.1 Die Goldene Regel der Mechanik
Stell dir vor, du sollst eine schwere Kiste anheben, die du mit blosser Hand nicht vom Boden bekommst. Du brauchst also etwas, das deine begrenzte Muskelkraft verstärkt. Genau das leistet ein Mechanismus: eine Kopplung von Bauteilen, bei der die Bewegung eines Teils eine Bewegung der anderen erzwingt. Dieses Kapitel sortiert die wichtigsten Mechanismen in zwei Familien: solche, die Kraft verstärken, und solche, die Rotation in Translation wandeln.
Bevor wir die einzelnen Bauformen anschauen, brauchen wir ein Gesetz, das für sie alle gilt. Es heisst Goldene Regel der Mechanik und ist im Kern eine Energiebilanz.
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VIII.1.1.1 Goldene Regel der Mechanik
W1=W2⇒F1s1=F2s2
Ohne Reibung ist die hineingesteckte Arbeit W1=F1s1 gleich der abgegebenen Arbeit W2=F2s2. F ist die Kraft, s der Weg, den ihr Angriffspunkt zurücklegt.
Anschaulich heisst das: ein Mechanismus kann dir Kraft schenken, aber niemals geschenkt. Wenn die Ausgangskraft F2 zehnmal so gross ist wie die Eingangskraft F1, dann musst du den Eingang über den zehnfachen Weg bewegen. Was man an Kraft spart, muss man an Weg zusetzen. Diese eine Aussage erklärt jeden Mechanismus auf dieser Seite.
DefinitionMechanismus
Kopplung von Maschinenelementen, bei der jede Bewegung eines Elements eine Bewegung der anderen bewirkt.
FormelGoldene Regel
F1s1=F2s2
Kraft mal Weg bleibt erhalten (reibungsfrei).
VIII.1.2 Hebel und Hebelvarianten
Der einfachste Kraftverstärker ist der Hebel. Eine Stange dreht um einen festen Drehpunkt; auf der einen Seite greift die Eingangskraft F1 im Abstand l1 an, auf der anderen die Ausgangskraft F2 im Abstand l2. Aus dem Momentengleichgewicht um den Drehpunkt (F1l1=F2l2) folgt sofort der Zusammenhang.
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VIII.1.2.1 Hebelgesetz
F2=l2l1F1
Je grösser das Verhältnis der wirksamen Hebelarme l1/l2, desto grösser die Kraftverstärkung. Der lange Arm gehört zur kleinen Kraft.
In Worten: ein langer Eingangsarm und ein kurzer Ausgangsarm machen aus einer kleinen Handkraft eine grosse Nutzkraft. Genau so hebelst du mit einer langen Brechstange einen schweren Deckel auf.
Je nach Anordnung von Drehpunkt und Kräften unterscheidet man drei Bauformen. Beim einseitigen Hebel liegen beide Kräfte auf derselben Seite des Drehpunkts. Beim zweiseitigen Hebel liegt der Drehpunkt zwischen den Kräften (wie bei einer Wippe). Beim Winkelhebel stehen die beiden Arme in einem Winkel zueinander, sodass die Kraftrichtung umgelenkt wird. In allen drei Fällen gilt dasselbe Hebelgesetz, man muss nur die jeweils wirksamen (senkrechten) Hebelarme einsetzen.
FormelHebelgesetz
F2=l2l1F1
Langer Arm zur kleinen Kraft, kurzer Arm zur grossen Kraft.
DefinitionWirksamer Hebelarm
Senkrechter Abstand zwischen Drehpunkt und Wirkungslinie der Kraft.
VIII.1.3 Reihenschaltung von Hebeln und Kniehebel
Ein einzelner Hebel verstärkt vielleicht um den Faktor fünf. Brauchst du mehr, schaltest du mehrere Hebel hintereinander: der Ausgang des ersten ist der Eingang des zweiten. Die Verstärkungsfaktoren multiplizieren sich dann einfach.
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VIII.1.3.1 Reihenschaltung von Hebeln
F3=l2l1⋅l4l3F1
Jeder Hebel bringt seinen eigenen Faktor; die Gesamtverstärkung ist das Produkt. Ein Bolzenschneider erreicht so insgesamt das 60- bis 90-fache der Handkraft.
Eine besonders wirkungsvolle Sonderform ist der Kniehebel. Zwei Glieder sind über ein Gelenk wie ein leicht angewinkeltes Knie verbunden. Drückt man das Knie Richtung Strecklage, wandert der Endpunkt fast nicht mehr weiter, die Kraft am Ausgang wächst dafür ins Extreme. Die Winkel α1 und α2 messen, wie weit die beiden Glieder noch von der gestreckten Lage entfernt sind.
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VIII.1.3.2 Kniehebel
F2=tan(α1)+tan(α2)F1
Je kleiner die Winkel α1 und α2 (je näher an der Strecklage), desto kleiner der Nenner und desto grösser F2. Das nennt man progressive Kraftverstärkung.
Beim symmetrischen Kniehebel (α1=α2=α) vereinfacht sich das zu F2=F1/(2tan(α)). Eine echte Kraftverstärkung (k>1) bekommt man nur, wenn 2tan(α)<1 ist, also für α<26,57∘. Erst nahe der Strecklage zahlt sich der Kniehebel aus.
FormelKniehebel
F2=tan(α1)+tan(α2)F1
Progressive Verstärkung, am stärksten nahe der Strecklage.
MerkeReihenschaltung: Verstärkungsfaktoren der einzelnen Stufen werden multipliziert.
VIII.1.4 Schiefe Ebene, Keil und Schraube
Die zweite Familie der Kraftverstärker arbeitet nicht mit Drehpunkten, sondern mit schrägen Flächen. Schiebt man eine Last über eine flache Rampe statt sie senkrecht zu heben, braucht man weniger Kraft, dafür einen längeren Weg, ganz im Sinne der Goldenen Regel.
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VIII.1.4.1 Schiefe Ebene
FG=sin(α)1Fz
Fz ist die Kraft längs der Rampe (Eingang), FG die gehaltene Gewichtskraft (Ausgang). Je kleiner der Steigungswinkel α, desto grösser die Kraftverstärkung 1/sin(α).
Ein Keil ist nichts anderes als zwei gegeneinander gestellte schiefe Ebenen. Treibt man ihn mit der Kraft F1 über den Weg s1 ein, drückt er die Gegenseite mit F2 über den viel kürzeren Weg s2 auseinander.
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VIII.1.4.2 Keil
F2=s2s1F1=tan(α)1F1
Der flache Keil (kleiner Keilwinkel α) verstärkt stark, lässt sich aber nur über einen langen Weg eintreiben. s1 und s2 sind die Wege von Eingang und Ausgang.
Eine Schraube schliesslich ist ein auf einen Zylinder aufgewickelter Keil: das Gewinde ist die schiefe Ebene, der Steigungswinkel φ spielt die Rolle des Keilwinkels. Drehst du mit der Umfangskraft FU am Schraubenkopf, entsteht in Achsrichtung die viel grössere Kraft F.
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VIII.1.4.3 Schraube
F=tan(φ)1FU
FU ist die tangential am Gewinde angreifende Umfangskraft, F die erzeugte Axialkraft. Kleiner Steigungswinkel φ bedeutet feines Gewinde und grosse Kraftverstärkung.
DefinitionKeil
Zwei gegeneinander gestellte schiefe Ebenen. F2=(1/tan(α))F1.
DefinitionSchraube
Auf einen Zylinder aufgewickelter Keil. F=(1/tan(φ))FU.
Hebel und Keil verstärken über Längen und Winkel. Der Flaschenzug verstärkt anders: er nutzt aus, dass in einem durchlaufenden, reibungsfreien Seil die Zugkraft überall gleich gross ist. Verteilt man eine Last auf mehrere Seilstränge, trägt jeder Strang nur einen Bruchteil.
Zuerst die zwei Grundbausteine. Eine feste Rolle hängt ortsfest an der Decke. Sie verstärkt nicht, sondern lenkt nur die Richtung um: du ziehst nach unten, die Last geht nach oben. Eine lose Rolle dagegen hängt im Seil und wird von der Last mitgetragen. An ihr greifen zwei Seilstränge, also halbiert sich die nötige Zugkraft.
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VIII.2.1.1 Feste und lose Rolle
feste Rolle:F2=F1lose Rolle:F2=2F1
F1 ist die Zugkraft am Seil, F2 die gehaltene Last. Die feste Rolle ändert nur die Richtung (F2=F1), die lose Rolle verdoppelt die Tragkraft (F2=2F1).
DefinitionFeste Rolle
Ortsfest. Lenkt nur die Kraftrichtung um, keine Verstärkung: F2=F1.
DefinitionLose Rolle
Hängt im Seil, wird mitgetragen. Verdoppelt die Tragkraft: F2=2F1.
VIII.2.2 Flaschenzug mit mehreren Seilsträngen
Kombiniert man feste und lose Rollen, addieren sich die tragenden Seilstränge. Der Trick beim Lesen eines Flaschenzugs: zähle, wie viele Seilstränge die untere (bewegliche) Flasche mit der Last tragen. Diese Zahl n ist der Verstärkungsfaktor.
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VIII.2.2.1 Flaschenzug allgemein
F2=nF1
n ist die Anzahl der tragenden Seilstränge an der losen Flasche. Bei sieben Strängen genügt ein Siebtel der Last als Zugkraft. Achtung: dieses n ist die Strangzahl, nicht die Drehzahl aus VIII.3.
Auch hier gilt die Goldene Regel: wer die Kraft auf ein Siebtel drückt, muss das Seil sieben Mal so weit einziehen. Ein Flaschenzug spart Kraft, kostet aber Seilweg und damit Zeit.
FormelFlaschenzug
F2=nF1
n = Anzahl tragender Seilstränge an der beweglichen Flasche.
Merke
Mehr Stränge = weniger Kraft, aber mehr Seilweg. Goldene Regel bleibt gewahrt.
VIII.3Rotation in Translation I: Schubkurbel und Kurbelschleife
VIII.3.1 Schubkurbel und zentrische Schubkurbel
Bisher ging es um Kraft. Jetzt um Bewegung: wie macht man aus einer drehenden Welle eine geradlinige Hin- und Herbewegung? Denk an die Nadel einer Nähmaschine oder den Kolben eines Motors. Das klassische Bauteil dafür ist die Schubkurbel (englisch slider crank).
Sie besteht aus drei Gliedern: die Kurbel (Länge R) dreht sich, das Pleuel (Länge L) greift die Bewegung ab, und der linear geführte Stössel übernimmt nur den geradlinigen Anteil. So wird die Drehung der Kurbel in eine Translation des Stössels verwandelt.
Sitzt die Drehachse genau auf der Stösselachse, spricht man von der zentrischen Schubkurbel. Dann ist die Geometrie besonders einfach: der Stössel läuft zwischen zwei Totlagen hin und her, die genau einen Kurbeldurchmesser auseinanderliegen.
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VIII.3.1.1 Hublänge und Taktzeit
H=2Rt=n1
Die Hublänge H (gesamter Verfahrweg) ist der doppelte Kurbelradius. Die Taktzeit t für einen vollen Umlauf ist der Kehrwert der Drehzahl n. Hin- und Rückweg dauern bei der zentrischen Schubkurbel gleich lang.
Hub gleich Kurbeldurchmesser, Taktzeit gleich Kehrwert der Drehzahl.
VIII.3.2 Schubstangenverhältnis und Kräfte
Ob der Stössel gleichmässig läuft oder ruckelt, hängt vom Verhältnis von Kurbel- zu Pleuellänge ab. Diese Kennzahl heisst Schubstangenverhältnisλ.
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VIII.3.2.1 Schubstangenverhältnis
λ=LR=sin(α)sin(β)
α ist der Kurbelwinkel, β der Schwenkwinkel des Pleuels gegen die Stösselachse. In der Praxis liegt λ meist zwischen 0,1 und 0,4. Ein kleineres λ (langes Pleuel) bedeutet ein gleichmässigeres Geschwindigkeits- und Beschleunigungsprofil.
Treibt ein konstantes Moment Man die Kurbel an, dann ändert sich die Kraft am Stössel ständig, weil sich die Winkel α und β während eines Umlaufs ändern. Die Stösselkraft FS folgt aus der Zerlegung der Kurbelkraft über das Pleuel.
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VIII.3.2.2 Kraft am Stössel
FS=sin(α+β)Rcos(β)Man
Man ist das Antriebsmoment an der Kurbel, R der Kurbelradius. Die Stösselkraft ist nicht konstant, sondern hängt über α und β von der momentanen Kurbelstellung ab.
FormelSchubstangenverhältnis
λ=LR=sin(α)sin(β)
Klein (langes Pleuel) = ruhiger Lauf. Meist 0,1≤λ≤0,4.
VIII.3.3 Exzentrische Schubkurbel und Zeitenverhältnis
Verschiebt man die Drehachse um eine Exzentrizitäte aus der Stösselachse heraus, passiert etwas Nützliches: der Stössel bewegt sich in die eine Richtung schneller als in die andere. Die beiden Totlagen liegen dann nicht mehr symmetrisch, sondern um einen Winkel δ versetzt. Diesen Versatz findet man über zwei Hilfswinkel γ1 und γ2 zu den beiden Totlagen.
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VIII.3.3.1 Versatzwinkel der exzentrischen Schubkurbel
cos(γ1)=L−Re,cos(γ2)=L+Re,δ=γ2−γ1
In der näheren Totlage stehen Pleuel und Kurbel auf Differenz (L−R), in der ferneren auf Summe (L+R). Der Versatzwinkel δ ist die Differenz der beiden Hilfswinkel.
Den Effekt beschreibt das ZeitenverhältnisQ: das Verhältnis der Zeit für den langsamen Hub zur Zeit für den schnellen Hub. Es hängt allein vom Versatzwinkel δ ab.
Bei δ=0 (zentrische Schubkurbel) ist Q=1, Hin- und Rückhub dauern gleich lang. Je grösser δ, desto stärker der Eilrücklauf.
FormelZeitenverhältnis
Q=180∘−δ180∘+δ
Q=1 bei zentrischer Kurbel, Q>1 mit Exzentrizität.
NotationNotation: e und δ e = Exzentrizität (Achsversatz), δ = Versatzwinkel der Totlagen.
VIII.3.4 Kreuzkurbelschleife und Kurbelschleife
Statt eines Pleuels kann man auch eine Schleife (einen Schlitz) verwenden, in der ein Kurbelzapfen gleitet. Die Kreuzkurbelschleife (englisch Scotch Yoke) erzeugt damit eine perfekte Sinusbewegung des Stössels und heisst deshalb auch Sinus-Generator. Im Gegensatz zur Schubkurbel ist ihr Bewegungsprofil exakt harmonisch, ohne den Oberwellen-Anteil, den das endliche Pleuel sonst hineinbringt.
Die Kurbelschleife (englisch Quick Return) ist die zweite Schleifen-Bauform. Eine kurze Kurbel (R1) treibt über einen Gleitstein eine längere Schwinge (R2) an, die wiederum den Stössel schiebt. Auch sie liefert einen ausgeprägten Eilrücklauf. Versatzwinkel δ und Hub H folgen aus der Geometrie.
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VIII.3.4.1 Kurbelschleife
sin(2δ)=eR1undsin(2δ)=2R2H⇒H=e2R2R1
R1 ist die Kurbellänge, R2 die Schwingenlänge, e die Exzentrizität. Der Versatzwinkel δ hängt nur von R1 und e ab; der Hub H zusätzlich von der Schwingenlänge R2.
DefinitionScotch Yoke
Kreuzkurbelschleife, erzeugt eine exakte Sinusbewegung (Sinus-Generator).
FormelHub der Kurbelschleife
H=e2R2R1
Aus sin(δ/2)=R1/e=H/(2R2).
VIII.4Rotation in Translation II: Kurvenscheiben und Kurventrommeln
VIII.4.1 Kurvengetriebe und Kurvenform
Schubkurbel und Kurbelschleife liefern feste Bewegungsprofile (sinusähnlich). Was aber, wenn der Stössel einer ganz bestimmten, frei gewählten Bewegung folgen soll, etwa: schnell hoch, oben kurz verharren, langsam runter? Dafür gibt es das Kurvengetriebe (englisch cam mechanism).
Eine drehende Kurvenscheibe (cam) mit unrunder Kontur drückt einen abtastenden Stössel (follower) hin und her. Die Form der Kurve programmiert das Bewegungsgesetz: jeder gewünschte Verlauf von Hub, Geschwindigkeit, Beschleunigung und Ruck lässt sich in die Kontur einarbeiten.
Übliche Standard-Kurvenformen werden nach ihren Phasen benannt, etwa RF, RFRF, DRDF oder DRFRF. Sie unterscheiden sich darin, wie sanft Hub, Geschwindigkeit, Beschleunigung und Ruck ineinander übergehen. Je weicher die Übergänge, desto kleiner die Stoss- und Massenkräfte bei hoher Drehzahl.
DefinitionKurvengetriebe
Drehende Kurvenscheibe (cam) bewegt einen abtastenden Stössel (follower) nach einem frei gestaltbaren Gesetz.
Merke
Die Kurvenform programmiert Hub, Geschwindigkeit, Beschleunigung und Ruck.
VIII.4.2 Kurventrommel und Bauformen
Liegt die Kurve nicht als flache Scheibe, sondern als Nut auf einem Zylinder vor, spricht man von einer Kurventrommel (englisch barrel cam). Der Stössel läuft in der umlaufenden Nut und wird parallel zur Drehachse hin und her geschoben. Weil die Nut den Stössel von beiden Seiten führt, ist die Bewegung formschlüssig, der Stössel kann nicht abheben.
Aus den Grundbausteinen lassen sich reichhaltige Mechanismen bauen: Kurvengetriebe mit zwei Stösseln, die von einer Scheibe gleichzeitig zwei Abtriebe steuern, oder Kurvengetriebe mit zwei Kurven, bei denen jede Drehrichtung eine eigene Kontur abtastet. So entstehen aus einer einzigen drehenden Welle ganze Bewegungsabläufe, der Kern jeder Automatisierungs- und Verpackungsmaschine.
DefinitionKurventrommel
Kurve als Nut auf einem Zylinder. Formschlüssige Führung, Stössel bewegt sich axial.
Aufgaben mit Musterlösungen
Fünf Aufgaben zu den Mechanismen dieses Kapitels. Rechne jede zuerst selbst, dann prüfe deinen Weg gegen die Musterlösung.
Aufgabe 1
Ein Winkelhebel wird mit der Kraft F1=1400N unter 35∘ betätigt. Die wirksamen Hebelarme sind l1=600mm und l2=400mm. Wie gross ist die resultierende Kraft F2?
Lösungsweg
Schritt 1: Wirksame Kraftrichtung
Am Winkelhebel wirkt nur die Komponente der Kraft senkrecht zum Hebelarm.
Die schräg unter 35∘ angreifende Kraft wird mit cos(35∘) projiziert, bevor das Hebelgesetz greift.
F2=l2l1cos(35∘)F1
Schritt 2: Einsetzen
Alle Grössen sind gegeben.
F2=400600⋅cos(35∘)⋅1400N=1720,2N
Aufgabe 2
Eine Presse besteht aus zwei in Reihe geschalteten Kniehebeln und wird mit F1=20kN betätigt. Die Winkel betragen α=32∘ und β=14∘. Wie gross ist die Anpresskraft F2?
Lösungsweg
Schritt 1: Reihenschaltung
Zwei Kniehebel hintereinander multiplizieren ihre Faktoren.
Jeder symmetrische Kniehebel hat den Faktor 1/(2tan(⋅)).
F2=2tan(β)1⋅2tan(α)1F1
Schritt 2: Einzelfaktoren
Erst die beiden Kraftverstärkungsfaktoren ausrechnen.
k1=2tan(14∘)1=2,01,k2=2tan(32∘)1=0,80
Schritt 3: Ergebnis
Faktoren mit der Eingangskraft multiplizieren.
F2=2,01⋅0,80⋅20kN=32,1kN
Aufgabe 3
Der Hebelmechanismus einer Baggerschaufel hat die Längen c=625mm, d=750mm, e=625mm und r=1550mm. Die Hydraulik stellt FZ=64kN bereit. Wie gross ist die Kraft FL an der Schaufelspitze? (Reibung vernachlässigt.)
Lösungsweg
Schritt 1: Momentengleichgewicht oberes Gelenk
Die Hydraulikkraft erzeugt über den Arm c eine Kraft im Verbindungsstab über den Arm d.
FZc=Fdd⇒Fd=dcFZ
Schritt 2: Verbindungsstab
Der Pendelstab überträgt die Kraft unverändert auf das untere Gelenk.
Fe=Fd
Schritt 3: Momentengleichgewicht unteres Gelenk
Über die Arme e und r folgt die Kraft an der Schaufelspitze.
FL=reFe=dc⋅reFZ
Schritt 4: Einsetzen
Zahlen einsetzen.
FL=750625⋅1550625⋅64kN=21,5kN
Aufgabe 4
Ein Flaschenzug mit sieben tragenden Seilsträngen soll eine Last F2=4200N halten. Wie gross ist die dafür nötige Zugkraft F1?
Lösungsweg
Schritt 1: Last auf die Stränge verteilen
Im reibungsfreien Seil ist die Zugkraft überall gleich; die Last hängt an sieben tragenden Strängen.
F2=nF1=7F1
Schritt 2: Nach der Zugkraft auflösen
Gleichung nach F1 umstellen.
F1=7F2=74200N=600N
Aufgabe 5
Ein Kurbelschleifen-Mechanismus hat die Kurbellänge R1=56mm, die Schwingenlänge R2=260mm und die Exzentrizität e=130mm. Wie gross ist der Hub H?
Lösungsweg
Schritt 1: Versatzwinkel aus der Kurbel
Der halbe Versatzwinkel folgt aus Kurbellänge und Exzentrizität.
sin(2δ)=eR1
Schritt 2: Hub aus der Schwinge
Derselbe Winkel verbindet Hub und Schwingenlänge.
sin(2δ)=2R2H⇒H=2R2⋅eR1
Schritt 3: Einsetzen
Zahlen einsetzen.
H=2⋅260⋅13056mm=224mm
MerkeErst selbst rechnen, dann Lösung prüfen!
Variablen-Glossar (42 Einträge)
F1eingeleitete Kraft (Eingang) eines MechanismusN
F2abgegebene Kraft (Ausgang) eines MechanismusN
kKraftverstärkungsfaktor, k=F2/F1-
Wmechanische Arbeit, W=F⋅sJ
szurückgelegter Weg entlang der Wirkungslinie der Kraftm
l1wirksame Länge des Eingangs-Hebelarms (Abstand der Eingangskraft vom Drehpunkt)mm
l2wirksame Länge des Ausgangs-Hebelarmsmm
αWinkel: Steigung der schiefen Ebene / Keilwinkel / Kniehebelwinkel / Kurbelwinkel der SchubkurbelGrad
α1oberer Kniehebelwinkel gegen die StrecklageGrad
α2unterer Kniehebelwinkel gegen die StrecklageGrad
φSteigungswinkel des Gewindes (die Schraube ist ein aufgewickelter Keil)Grad
FzKraft längs der schiefen Ebene (Eingang)N
FGgehaltene Gewichtskraft / Last an der schiefen Ebene (Ausgang)N
FUUmfangskraft am Schraubengewinde (tangentialer Eingang)N
s1Verschiebeweg der Eingangsseite des Keilsmm
s2Verschiebeweg der Ausgangsseite des Keilsmm
nAnzahl tragender Seilstränge am Flaschenzug; getrennt davon: Drehzahl der Kurbel- bzw. 1/min
RKurbellänge (Radius) der Schubkurbelmm
LPleuellänge (Länge der Schubstange)mm
HHublänge, der gesamte Verfahrweg des Stösselsmm
tTaktzeit für einen vollen Umlauf, t=1/ns
λSchubstangenverhältnis, λ=R/L-
βSchwenkwinkel des Pleuels gegen die StösselachseGrad
ManAntriebsmoment an der KurbelNm
FSKraft am Stössel der SchubkurbelN
eExzentrizität, Versatz der Drehachse aus der Stösselachsemm
δVersatzwinkel zwischen den beiden Totlagen der exzentrischen Schubkurbel bzw. KurbelschleifeGrad
γ1Hilfswinkel zur näheren Totlage der exzentrischen SchubkurbelGrad
γ2Hilfswinkel zur ferneren TotlageGrad
QZeitenverhältnis, Zeit des langsamen Hubs geteilt durch Zeit des schnellen Hubs-
R1Kurbellänge der Kurbelschleifemm
R2Länge der Schwinge der Kurbelschleifemm
F3abgegebene Kraft am Ausgang einer Reihenschaltung von zwei HebelnN
l3wirksame Länge des Eingangs-Hebelarms der zweiten Hebelstufemm
l4wirksame Länge des Ausgangs-Hebelarms der zweiten Hebelstufemm
cwirksamer Hebelarm der Hydraulikkraft am oberen Gelenk des Baggerschaufel-Mechanismusmm
dwirksamer Hebelarm der Stabkraft am oberen Gelenk des Baggerschaufel-Mechanismusmm
rwirksamer Hebelarm der Schaufelkraft am unteren Gelenk des Baggerschaufel-Mechanismusmm
FZKraft der Hydraulik am Baggerschaufel-Mechanismus (Eingang)kN
FLKraft an der Schaufelspitze des Baggerschaufel-Mechanismus (Ausgang)kN
FdKraft im Verbindungsstab am oberen Gelenk des Baggerschaufel-MechanismuskN
FeKraft im Verbindungsstab am unteren Gelenk (gleich Fd, der Pendelstab überträgt unverändert)kN