1.1 Definition

Ein Skalarfeld ordnet jedem Punkt eines Gebiets DRnD \subset \mathbb{R}^n eine reelle Zahl zu. Formal ist es eine Abbildung T:DRT: D \to \mathbb{R}, die einem Ortsvektor rD\mathbf{r} \in D den Funktionswert T(r)T(\mathbf{r}) zuweist.

Die Werte eines Skalarfelds tragen Vorzeichen und Einheit, aber keine Richtung. Im R2\mathbb{R}^2 schreibt man T(x,y)T(x, y), im R3\mathbb{R}^3 meist T(x,y,z)T(x, y, z). Hängt TT zusätzlich von der Zeit ab, schreibt man T(r,t)T(\mathbf{r}, t) und nennt das Feld zeitabhängig oder instationär (siehe Abschnitt 4).

Skalarfeld
T:DRnR,rT(r)T: D \subset \mathbb{R}^n \to \mathbb{R}, \qquad \mathbf{r} \mapsto T(\mathbf{r})
n ist die Raumdimension. Werte tragen eine Einheit, aber keine Richtung.
Definition Skalarfeld
Abbildung T:DRnRT: D \subset \mathbb{R}^n \to \mathbb{R}. Der Wert T(r)T(\mathbf{r}) ist eine reelle Zahl ohne Richtung.

1.2 Beispiele

Klassische physikalische Skalarfelder, alle aus dem Vorlesungs-Kapitel VI.1 bekannt:

Temperaturfeld T(x,y,z,t)T(x, y, z, t): misst die Temperatur in einem Raum oder Festkörper. Einheit Kelvin oder Grad Celsius. Im stationären Fall T(x,y,z)T(x, y, z).

Druckfeld p(r)p(\mathbf{r}): gibt den Druck eines Fluids an jedem Ort an. In einer ruhenden Atmosphäre nimmt pp mit der Höhe ab; lokal kann pp stark schwanken (Wetterfronten, Schallwellen).

Potentialfeld V(r)V(\mathbf{r}): ein Skalarfeld, dessen Gradient ein zugehöriges Vektorfeld liefert. Tritt in der Elektrostatik (elektrisches Potential, Gradient ergibt das E\mathbf{E}-Feld), in der Gravitation (Gravitationspotential) und in der Mechanik (potentielle Energie pro Probegröße) auf. Die formale Behandlung folgt in Kap. VI.10.

Höhenfeld h(x,y)h(x, y): ordnet jedem Punkt der Erdoberfläche die Höhe über Meeresspiegel zu. Topografische Karten visualisieren hh über Höhenlinien (siehe Niveaulinien, Abschnitt 1.3).

Massendichte ρ(r)\rho(\mathbf{r}): misst die lokale Masse pro Volumenelement, Einheit kg/m³. Konstant bei homogenen Körpern, ortsabhängig bei inhomogenen Materialien.

Beispiele Skalarfelder
T(x,y,z),p(r),V(r),h(x,y),ρ(r)T(x,y,z),\quad p(\mathbf{r}),\quad V(\mathbf{r}),\quad h(x,y),\quad \rho(\mathbf{r})
Fünf Standard-Beispiele aus Thermodynamik, Strömungslehre, Elektrostatik, Geografie und Kontinuumsmechanik.
Merke Merke: Skalarfelder erzeugen Niveaulinien beziehungsweise Niveauflächen, die in Abschnitt 1.3 behandelt werden.

1.3 Niveaulinien und Niveauflächen

Niveaulinien (im R2\mathbb{R}^2) und Niveauflächen (im R3\mathbb{R}^3) sind die Mengen aller Punkte, an denen ein Skalarfeld einen festen Wert annimmt. Für ein zweidimensionales Skalarfeld T(x,y)T(x, y) ist die Niveaulinie zum Wert cc die Punktmenge {(x,y):T(x,y)=c}\{(x, y) : T(x, y) = c\}. Im R3\mathbb{R}^3 ist sie typischerweise eine Fläche.

Niveaulinien sind die mathematische Grundlage von Höhenkarten (Isohypsen), Wetterkarten (Isobaren, Isothermen) und der Kartografie. Zwei Niveaulinien zu verschiedenen Werten schneiden sich nie, sonst hätte das Feld an dem Punkt zwei verschiedene Werte gleichzeitig.

Wo Niveaulinien dicht beieinander liegen, ändert sich das Feld stark. Wo sie weit auseinander liegen, ist die Änderung klein. Diese Beobachtung führt direkt zum Gradienten in Kapitel VI.2: er zeigt senkrecht zu den Niveaulinien in Richtung des steilsten Anstiegs, sein Betrag misst die Änderungsrate.

Niveaulinie / Niveaufläche zum Wert c
Nc  =  {rD:T(r)=c}N_c \;=\; \{\mathbf{r} \in D : T(\mathbf{r}) = c\}
Im R2\mathbb{R}^2 typischerweise eine Kurve, im R3\mathbb{R}^3 typischerweise eine Fläche.
1.0
0.0
Abb. 1: Skalarfeld als Heatmap mit Niveaulinien.

Lösungsweg

  1. Schritt 1: Grundkonzept der Niveaulinien (Höhenlinien)
    Wie visualisiert man eine Funktion mit zwei Variablen z=f(x,y)z = f(x,y) flach auf einem Blatt Papier?
    Durch Niveaulinien. Anstatt die "Höhe" zz in einem 3D-Koordinatensystem einzuzeichnen, schneiden wir die Fläche auf einer konstanten Höhe CC ab. Alle Punkte (x,y)(x,y), die diese gleiche Höhe erreichen, bilden eine Kurve. Für die Funktion f(x,y)=x2y2f(x,y) = x^2 - y^2 setzen wir den Funktionswert auf eine Konstante CC und sehen es entsteht die allgemeine Hyperbel-Gleichung:
    x2y2=Cx^2 - y^2 = C
  2. Schritt 2: Das Nullniveau
    Was passiert genau auf dem Niveau C=0C=0?
    Die Gleichung vereinfacht sich zu x2y2=0x^2 - y^2 = 0. Mit der 3. binomischen Formel lässt sich das direkt faktorisieren. Ein Produkt ist null, wenn einer der Faktoren null ist. Das liefert uns zwei Fälle: y=xy = -x und y=xy = x. Die Niveaulinie zum Niveau 0 besteht also aus zwei sich schneidenden Geraden (Sattelpunkt).
    (x+y)(xy)=0    {y=xy=x(x+y)(x-y) = 0 \implies \begin{cases} y = -x \\ y = x \end{cases}
  3. Schritt 3: Positive und negative Niveaus (C0C \neq 0)
    Wie verhalten sich die Kurven, wenn wir "bergauf" oder "bergab" gehen (z.B. für C=4C=4 oder C=4C=-4)?
    Wir erhalten Hyperbeln. Für C>0C>0 (z. B. C=4C=4) lautet die Gleichung x2y2=4x^2 - y^2 = 4, die Äste öffnen sich nach links und rechts. Ist das Niveau negativ (z. B. C=4C=-4), können wir die Gleichung durch Multiplikation mit 1-1 umformen. Dadurch tauschen xx und yy die Rollen, und es wird sofort klar: Diese Hyperbel öffnet sich nun entlang der y-Achse (nach oben und unten).
    {x2y2=4fu¨C=4x2y2=4    y2x2=4fu¨C=4\begin{cases} x^2 - y^2 = 4 & \text{für } C = 4 \\ x^2 - y^2 = -4 \implies y^2 - x^2 = 4 & \text{für } C = -4 \end{cases}
Definition Niveaumenge
Nc={r:T(r)=c}N_c = \{\mathbf{r} : T(\mathbf{r}) = c\}. Im R2\mathbb{R}^2 Kurve, im R3\mathbb{R}^3 Fläche.
Merke Merke: Niveaulinien zu verschiedenen Werten schneiden sich nie. Der Gradient steht senkrecht auf der Niveaulinie.
Merke Gradient-Vorausschau
Die gelben Pfeile sind der Gradient T\nabla T. Er steht überall senkrecht auf den Niveaulinien und zeigt in Richtung des stärksten Anstiegs. Das ist die Brücke zu Kapitel VI.2 Differentialoperatoren.
Folgt Kap. VI.2 Differentialoperatoren

2.1 Definition

Ein Vektorfeld ordnet jedem Punkt eines Gebiets DRnD \subset \mathbb{R}^n einen Vektor zu. Formal ist es eine Abbildung v:DRn\mathbf{v}: D \to \mathbb{R}^n, die einem Ortsvektor r\mathbf{r} den Vektorwert v(r)\mathbf{v}(\mathbf{r}) zuweist. Im R3\mathbb{R}^3 schreibt man explizit v(x,y,z)=(v1(x,y,z),v2(x,y,z),v3(x,y,z))\mathbf{v}(x, y, z) = (v_1(x,y,z),\, v_2(x,y,z),\, v_3(x,y,z)) mit drei Komponentenfunktionen v1,v2,v3v_1, v_2, v_3.

Anders als ein Skalarfeld liefert ein Vektorfeld an jedem Ort sowohl eine Richtung als auch einen Betrag. Visualisiert wird ein Vektorfeld typischerweise durch Pfeile an Gitterpunkten oder durch Feldlinien (Abschnitt 3). Die Pfeillänge wird üblicherweise auf den Betrag v(r)|\mathbf{v}(\mathbf{r})| skaliert, um den lokalen Feldverlauf erkennbar zu machen.

Vektorfeld
v:DRnRn,rv(r)=(v1(r),,vn(r))\mathbf{v}: D \subset \mathbb{R}^n \to \mathbb{R}^n, \qquad \mathbf{r} \mapsto \mathbf{v}(\mathbf{r}) = (v_1(\mathbf{r}), \ldots, v_n(\mathbf{r}))
Drei Komponentenfunktionen im R3\mathbb{R}^3. Jeder Komponentenwert ist ein Skalarfeld.
Ebenes Vektorfeld
v:BR2R2\mathbf{v}: B \subset \mathbb{R}^2 \to \mathbb{R}^2
Die allgemeine Definition oben für die Dimension n=2n = 2. Im Vorlesungsverlauf treten sowohl ebene als auch räumliche Vektorfelder auf.
12
1.0
Abb. 2: Vektorfeld als Pfeil-Plot.
Definition Vektorfeld
Abbildung v:DRnRn\mathbf{v}: D \subset \mathbb{R}^n \to \mathbb{R}^n. Jedem Ort wird ein Vektor zugewiesen, mit Richtung und Betrag.
Definition Ebenes Vektorfeld
Abbildung v:BR2R2\mathbf{v}: B \subset \mathbb{R}^2 \to \mathbb{R}^2. Die Vektorfeld-Definition aus 2.1 für die Dimension n=2n = 2.

2.2 Strömungsfeld

Ein Strömungsfeld ist ein Vektorfeld, dessen Werte die Geschwindigkeit eines fließenden Mediums an jedem Ort angeben. Klassisches Beispiel: das Geschwindigkeitsfeld v(r,t)\mathbf{v}(\mathbf{r}, t) einer Flüssigkeit oder eines Gases. Die Einheit ist m/s, die Werte sind tangential zur lokalen Strömungsrichtung.

In einem stationären Strömungsfeld ist v\mathbf{v} zeitunabhängig: v(r)\mathbf{v}(\mathbf{r}). Das gesamte Strömungsbild bleibt zeitlich konstant; ein Teilchen bewegt sich entlang einer festen Bahn (siehe Feldlinie, Abschnitt 3). In einem instationären Feld ändert sich die Geschwindigkeit auch mit der Zeit; Strömungsbild und Teilchenbahnen unterscheiden sich.

Typische Vektorfelder in Physik und Ingenieurwissenschaften sind Wind (Luftströmung), elektrostatische Kraft, Magnetfeld, Wärmefluss und die Strömung einer Flüssigkeit. Sie alle ordnen jedem Ort einen Vektor mit Richtung und Betrag zu und dienen als Standardbeispiele, an denen sich die Begriffe der Vektoranalysis entwickeln lassen.

Zwei besonders einfache Bauformen treten häufig auf. Ein homogenes Vektorfeld ist konstant: v(r)=a\mathbf{v}(\mathbf{r}) = \mathbf{a} mit einem festen Vektor aR3\mathbf{a} \in \mathbb{R}^3. Beispiele sind die Strömung einer idealen Flüssigkeit in einem reibungsfreien Rohr und das elektrische Feld im Inneren eines dünnen Plattenkondensators. Die Feldlinien sind parallele Geraden in Richtung von a\mathbf{a}.

Ein Rotationsfeld entsteht aus einer konstanten Winkelgeschwindigkeit ω\boldsymbol{\omega}: v(r)=ω×r\mathbf{v}(\mathbf{r}) = \boldsymbol{\omega} \times \mathbf{r}. An jedem Ort steht der Feldvektor senkrecht zu r\mathbf{r} und zu ω\boldsymbol{\omega}, sein Betrag wächst linear mit dem senkrechten Abstand zur Drehachse. Die Feldlinien sind Kreise um die Drehachse, deren Normalenvektor parallel zu ω\boldsymbol{\omega} liegt.

Homogenes Vektorfeld
v(r)=a,aR3 konstant\mathbf{v}(\mathbf{r}) = \mathbf{a}, \qquad \mathbf{a} \in \mathbb{R}^3 \text{ konstant}
Strömung idealer Flüssigkeit im reibungsfreien Rohr; elektrisches Feld im Inneren eines dünnen Plattenkondensators. Feldlinien sind parallele Geraden in Richtung von a\mathbf{a}.
Rotationsfeld
v(r)=ω×r=(ω2zω3yω3xω1zω1yω2x)\mathbf{v}(\mathbf{r}) = \boldsymbol{\omega} \times \mathbf{r} = \begin{pmatrix} \omega_2 z - \omega_3 y \\ \omega_3 x - \omega_1 z \\ \omega_1 y - \omega_2 x \end{pmatrix}
ω\boldsymbol{\omega} Winkelgeschwindigkeit. Feldlinien sind Kreise um die Drehachse mit Normalenvektor parallel zu ω\boldsymbol{\omega}.
1.0
0
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Abb. 3: Homogenes Strömungsfeld einer idealen Flüssigkeit.
Definition Strömungsfeld
Vektorfeld, dessen Werte Geschwindigkeit eines fließenden Mediums sind. Einheit m/s.
Definition Homogenes Vektorfeld
Konstantes Vektorfeld v(r)=a\mathbf{v}(\mathbf{r}) = \mathbf{a}. Feldlinien sind parallele Geraden.
Definition Rotationsfeld
Vektorfeld v(r)=ω×r\mathbf{v}(\mathbf{r}) = \boldsymbol{\omega} \times \mathbf{r}. Feldlinien sind Kreise um die Drehachse ω\boldsymbol{\omega}.

2.3 Kraftfeld

Ein Kraftfeld ordnet jedem Ort die Kraft zu, die ein dort befindliches Probeobjekt erfahren würde. Beispiele: das elektrische Feld E(r)\mathbf{E}(\mathbf{r}) wirkt auf Probeladungen mit F=qE\mathbf{F} = q\,\mathbf{E}, das Gravitationsfeld g(r)\mathbf{g}(\mathbf{r}) wirkt auf Probemassen mit F=mg\mathbf{F} = m\,\mathbf{g}.

Kraftfelder sind eines der zentralen physikalischen Modelle. Statt für jedes Paar wechselwirkender Objekte die Kraft direkt zu berechnen, definiert man ein Feld, das ein einzelnes Quellobjekt im Raum erzeugt, und liest die Kraft auf andere Objekte aus dem Feldwert ab.

1.0
12
Abb. 4: Kraftfeld einer Punktladung (Vorgriff auf 5.1).
Definition Kraftfeld
Vektorfeld, dessen Werte die Kraft auf ein Probeobjekt am jeweiligen Ort sind.

3.1 Definition

Eine Feldlinie eines Vektorfelds v\mathbf{v} ist eine Kurve, deren Tangente an jedem Punkt parallel zum Feldvektor am selben Ort verläuft. Formal: eine differenzierbare Kurve s(t):ID\mathbf{s}(t): I \to D heißt Feldlinie zu v\mathbf{v}, wenn v(s(t))=s˙(t)λ(t)\mathbf{v}(\mathbf{s}(t)) = \dot{\mathbf{s}}(t)\,\lambda(t) mit einem Skalar λ(t)R{0}\lambda(t) \in \mathbb{R} \setminus \{0\} für alle Parameter tIt \in I gilt.

Der skalare Faktor λ(t)\lambda(t) trägt der Tatsache Rechnung, dass nur die Richtung der Tangente, nicht ihr Betrag, durch das Feld festgelegt ist. Die geometrische Linie selbst bleibt invariant unter Reparametrisierung. Im Spezialfall λ1\lambda \equiv 1 liest sich die Bedingung als s˙(t)=v(s(t))\dot{\mathbf{s}}(t) = \mathbf{v}(\mathbf{s}(t)).

Feldlinien sind eine geometrische Visualisierungshilfe, kein dynamisches Konzept. Bei einem stationären Strömungsfeld stimmen sie mit den Bahnen von Fluidteilchen überein, sofern diese mit der Geschwindigkeit v\mathbf{v} mitschwimmen. Bei einem instationären Feld unterscheiden sich Feldlinien (Momentaufnahme der Tangentenrichtung) und Teilchenbahnen (zeitintegrierte Trajektorien) im Allgemeinen.

Zwei Feldlinien schneiden sich nie. An einem Schnittpunkt müsste die Feldrichtung in zwei verschiedene Richtungen zeigen, was bei einer wohldefinierten Funktion v\mathbf{v} ausgeschlossen ist.

Feldliniengleichung
v(s(t))  =  s˙(t)λ(t),λ(t)R{0}\mathbf{v}(\mathbf{s}(t)) \;=\; \dot{\mathbf{s}}(t)\,\lambda(t), \qquad \lambda(t) \in \mathbb{R} \setminus \{0\}
Skalarer Faktor λ(t)\lambda(t), da nur die Richtung relevant ist. Tangente und Feldvektor zeigen am gleichen Ort in dieselbe (oder entgegengesetzte) Richtung.
1.0
16
300
Abb. 5: Feldlinien eines Vektorfelds mit Strömungsteilchen.
Definition Feldlinie
Kurve s(t)\mathbf{s}(t) mit v(s(t))=s˙(t)λ(t)\mathbf{v}(\mathbf{s}(t)) = \dot{\mathbf{s}}(t)\,\lambda(t), λ(t)0\lambda(t) \neq 0. Tangente überall parallel zum Feld.
Merke Merke: Feldlinien sind keine Teilchenbahnen, außer das Feld ist stationär.

3.2 Konstruktion und Tangenteneigenschaft

Eine Feldlinie wird konstruktiv durch Wahl eines Startpunkts r0\mathbf{r}_0 und Fortführung in der lokalen Feldrichtung erzeugt. Mit der allgemeinen Tangentenbedingung v(s(t))=s˙(t)λ(t)\mathbf{v}(\mathbf{s}(t)) = \dot{\mathbf{s}}(t)\,\lambda(t) aus Abschnitt 3.1 darf die Parametrisierung beliebig gewählt werden; der Skalar λ(t)0\lambda(t) \neq 0 regelt die Reparametrisierungsfreiheit, die geometrische Linie selbst bleibt invariant.

Ist v\mathbf{v} ein stationäres Strömungsfeld, so stimmen die Feldlinien gerade mit den Bahnen der Teilchen überein, die mit der lokalen Geschwindigkeit mitschwimmen. Genau diese Eigenschaft macht Feldlinien zu einem natürlichen Werkzeug für die Visualisierung stationärer Strömungen. Die Visualisierung selbst (Streamlines plus Partikel) ist in Abschnitt 3.1, Abb. 5 gezeigt.

Die Dichte der Feldlinien in einem Bereich kann als grobes Maß für die Feldstärke gedeutet werden. Dort wo viele Feldlinien dicht beieinander verlaufen, ist v|\mathbf{v}| tendenziell groß. Für quantitative Aussagen ist diese Heuristik nur begrenzt zuverlässig; exakte Aussagen liefert das Flussintegral (Kap. VI.4).

Merke Heuristik: dichte Feldlinien deuten auf großes v|\mathbf{v}| hin. Quantitative Aussagen liefert das Flussintegral.
Querverweis Verweise
→ VI.4 Der Fluss

4.1 Definition und Vergleich

Ein Vektorfeld v(r,t)\mathbf{v}(\mathbf{r}, t) heißt stationär, wenn es nicht von der Zeit abhängt: v/t=0\partial \mathbf{v} / \partial t = \mathbf{0}. In diesem Fall schreibt man kurz v(r)\mathbf{v}(\mathbf{r}). Andernfalls heißt das Feld instationär.

In einem stationären Feld bleibt das Strömungsmuster zeitlich konstant. Ein Teilchen, das mit der lokalen Geschwindigkeit mitschwimmt, bewegt sich entlang einer festen Feldlinie. In einem instationären Feld ändern sich die Feldlinien selbst mit der Zeit; Teilchenbahnen (zeitintegrierte Trajektorien) und Feldlinien (Momentaufnahme der Tangentenrichtung) stimmen im Allgemeinen nicht mehr überein.

Die meisten in dieser Vorlesung behandelten Felder sind stationär: das Coulombfeld einer ruhenden Ladung, das Magnetfeld eines konstanten Stroms, das Gravitationsfeld einer ruhenden Masse, die laminare Hagen-Poiseuille-Strömung. Instationäre Felder treten im weiteren Verlauf der Vorlesung an verschiedenen Stellen auf.

Stationaritätskriterium
vt=0v(r,t)=v(r)\frac{\partial \mathbf{v}}{\partial t} = \mathbf{0} \quad \Longleftrightarrow \quad \mathbf{v}(\mathbf{r}, t) = \mathbf{v}(\mathbf{r})
Im stationären Fall reicht eine ortsabhängige Funktion.
1.0
0.00
Abb. 6: Stationäres Feld (links) und instationäres Feld (rechts) im Vergleich.
Definition Stationär
v/t=0\partial \mathbf{v} / \partial t = \mathbf{0}. Feld zeitunabhängig.
Definition Instationär
v\mathbf{v} hängt von der Zeit ab. Feldlinien und Teilchenbahnen unterscheiden sich.
Merke Merke: Feldlinien gleich Teilchenbahnen nur im stationären Fall.

5.1 Coulombfeld

Das Coulombfeld einer Punktladung QQ am Ursprung ist das elektrische Feld, das diese Ladung im umgebenden Raum erzeugt. Es ist gegeben durch E(r)=14πε0Qr2r^\mathbf{E}(\mathbf{r}) = \frac{1}{4\pi\varepsilon_0}\,\frac{Q}{r^2}\,\hat{\mathbf{r}}, wobei r=rr = |\mathbf{r}| und r^=r/r\hat{\mathbf{r}} = \mathbf{r}/r der radiale Einheitsvektor ist.

Das Coulombfeld zeigt für Q>0Q > 0 radial nach außen, für Q<0Q < 0 radial nach innen. Sein Betrag fällt mit 1/r21/r^2. Diese Form folgt aus der Kugelsymmetrie der Punktladung in Verbindung mit der Erhaltung der Feldlinien (siehe Satz von Gauss in Kap. VI.5 sowie die ausführliche Behandlung in Kap. 2 Elektrische Felder).

Auf eine Probeladung qq am Ort r\mathbf{r} wirkt die Coulomb-Kraft F=qE(r)\mathbf{F} = q\,\mathbf{E}(\mathbf{r}). Bei gleichem Vorzeichen von qq und QQ ist sie abstoßend, bei ungleichem anziehend.

Coulombfeld einer Punktladung
E(r)  =  14πε0Qr2r^\mathbf{E}(\mathbf{r}) \;=\; \frac{1}{4\pi\varepsilon_0}\,\frac{Q}{r^2}\,\hat{\mathbf{r}}
r^=r/r\hat{\mathbf{r}} = \mathbf{r}/|\mathbf{r}|. Radial gerichtet, 1/r21/r^2-Abfall.
1.0
1.0
Abb. 7: Coulombfeld einer positiven Punktladung.
Formel Coulombfeld
E(r)=14πε0Qr2r^\mathbf{E}(\mathbf{r}) = \frac{1}{4\pi\varepsilon_0}\,\frac{Q}{r^2}\,\hat{\mathbf{r}}
Radial gerichtetes elektrisches Feld einer Punktladung.
Formel Coulomb-Kraft
F=qE\mathbf{F} = q\,\mathbf{E}
Kraft auf Probeladung qq im Feld E\mathbf{E}.
Querverweis Verweise
→ Kap. 2 Elektrische Felder
Folgt Kap. VI.5 Divergenzsatz

5.2 Magnetfeld eines stromdurchflossenen Leiters

Das Magnetfeld eines unendlich langen, geraden Leiters mit Stromstärke II verläuft auf konzentrischen Kreisen um den Leiter. In Zylinderkoordinaten mit Leiter entlang der z-Achse: B(r)=μ0I2πρφ^\mathbf{B}(\mathbf{r}) = \frac{\mu_0 I}{2\pi\rho}\,\hat{\boldsymbol{\varphi}}, wobei ρ\rho der senkrechte Abstand zum Leiter und φ^\hat{\boldsymbol{\varphi}} der azimutale Einheitsvektor ist.

Die Richtung von B\mathbf{B} folgt der Rechten-Hand-Regel: zeigt der Daumen in Stromrichtung, geben die gekrümmten Finger die Feldrichtung an. Der Betrag fällt mit 1/ρ1/\rho (nicht 1/ρ21/\rho^2 wie beim Coulombfeld), eine Konsequenz der zylindrischen anstatt sphärischen Symmetrie.

Im Gegensatz zum Coulombfeld hat dieses Feld keine Quellen oder Senken. Mathematisch: B=0\nabla \cdot \mathbf{B} = 0 überall (eine der Maxwell-Gleichungen). Ausführliche Behandlung in Kap. 3 Magnetisches Feld.

Magnetfeld eines geraden Leiters
B(r)  =  μ0I2πρφ^\mathbf{B}(\mathbf{r}) \;=\; \frac{\mu_0 I}{2\pi\rho}\,\hat{\boldsymbol{\varphi}}
ρ\rho senkrechter Abstand zum Leiter. φ^\hat{\boldsymbol{\varphi}} azimutaler Einheitsvektor.
1.0
1.0
Abb. 8: Magnetfeld eines stromdurchflossenen Leiters.
Formel Magnetfeld eines Leiters
B=μ0I2πρφ^\mathbf{B} = \frac{\mu_0 I}{2\pi\rho}\,\hat{\boldsymbol{\varphi}}
1/ρ1/\rho-Abfall; Richtung nach Rechte-Hand-Regel.
Merke Merke: B=0\nabla \cdot \mathbf{B} = 0. Magnetfelder haben keine Quellen oder Senken.
Querverweis Verweise
→ Kap. 3 Magnetisches Feld

5.3 Gravitationsfeld

Das Gravitationsfeld einer Punktmasse MM am Ursprung beschreibt die Beschleunigung, die eine Probemasse an jedem Ort erfahren würde. Es ist gegeben durch g(r)=GMr2r^\mathbf{g}(\mathbf{r}) = -\frac{GM}{r^2}\,\hat{\mathbf{r}}, mit der Gravitationskonstanten G6,6741011m3kg1s2G \approx 6{,}674 \cdot 10^{-11}\,\mathrm{m^3\,kg^{-1}\,s^{-2}}.

Das Minuszeichen drückt die Anziehung aus: g\mathbf{g} zeigt zur Quellmasse hin, nicht von ihr weg. Die Struktur ist sonst identisch zu der des Coulombfelds einer negativen Ladung: zentral, 1/r21/r^2-Abfall, kugelsymmetrisch. Auf eine Probemasse mm wirkt die Kraft F=mg\mathbf{F} = m\,\mathbf{g}.

Bedeutung: Trotz formaler Ähnlichkeit zum Coulombfeld gibt es keine negativen Massen. Gravitation ist immer anziehend, das Gravitationsfeld einer Quelle bricht keine Symmetrie.

Gravitationsfeld einer Punktmasse
g(r)  =  GMr2r^\mathbf{g}(\mathbf{r}) \;=\; -\frac{GM}{r^2}\,\hat{\mathbf{r}}
Anziehend: g\mathbf{g} zeigt zur Quellmasse. Kraft auf Probemasse mm: F=mg\mathbf{F} = m\mathbf{g}.
1.0
Abb. 9: Gravitationsfeld einer Punktmasse.
Formel Gravitationsfeld
g=GMr2r^\mathbf{g} = -\frac{GM}{r^2}\,\hat{\mathbf{r}}
1/r21/r^2-Anziehungsfeld; gleiche Form wie negative Coulombladung.
Merke Merke: Gravitation ist immer anziehend. Es gibt keine negativen Massen.

5.4 Hagen-Poiseuille-Strömung

Die Hagen-Poiseuille-Strömung beschreibt die laminare, stationäre Strömung einer inkompressiblen, viskosen Flüssigkeit durch ein gerades Rohr mit kreisförmigem Querschnitt. Bei vorgegebenem Druckgradienten Δp/L\Delta p / L und Rohrradius RR ergibt sich ein parabolisches Geschwindigkeitsprofil über den Querschnitt: v(ρ)=vmax(1ρ2/R2)v(\rho) = v_{\max}\,\bigl(1 - \rho^2 / R^2\bigr), mit ρ[0,R]\rho \in [0, R] als radialem Abstand zur Rohrachse.

Die maximale Geschwindigkeit liegt im Zentrum (ρ=0\rho = 0) und beträgt vmax=ΔpR24ηLv_{\max} = \frac{\Delta p\,R^2}{4\eta L}, mit der dynamischen Viskosität η\eta. An der Rohrwand (ρ=R\rho = R) ist die Geschwindigkeit null. Diese Haftbedingung ist eine charakteristische Eigenschaft viskoser Flüssigkeiten an festen Wänden.

Hagen-Poiseuille ist das Modellbeispiel für eine stationäre, laminare, viskose Strömung. Es zeigt, dass auch in einem makroskopisch homogenen Druckgefälle die Geschwindigkeit räumlich variiert, sobald innere Reibung (Viskosität) ins Spiel kommt.

Hagen-Poiseuille-Profil
v(ρ)=vmax ⁣(1ρ2R2),vmax=ΔpR24ηLv(\rho) = v_{\max}\!\left(1 - \frac{\rho^2}{R^2}\right), \qquad v_{\max} = \frac{\Delta p\,R^2}{4\eta L}
RR Rohrradius. η\eta dynamische Viskosität. ρ\rho Abstand zur Rohrachse.
1.0
1.0
Abb. 10: Parabolisches Geschwindigkeitsprofil im Rohr.
Definition Haftbedingung
An festen Wänden ist die Strömungsgeschwindigkeit null. Folge der inneren Reibung viskoser Flüssigkeiten.
Formel Maximalgeschwindigkeit
vmax=ΔpR24ηLv_{\max} = \frac{\Delta p\,R^2}{4\eta L}
Mitte des Rohrs, hängt von Druckgefälle, Radius² und Viskosität ab.
Merke Merke: Stationäre, laminare, viskose Rohrströmung; Profil parabolisch in ρ\rho.

Aufgaben mit Musterlösungen

Übungsaufgaben werden in Kürze ergänzt.

Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.

MerkeErst selbst rechnen, dann Lösung prüfen!