1Merkmale des elektrischen Stroms

1.1 Was ist elektrischer Strom?

Stell dir einen dünnen Kupferdraht vor, durch den eine Batterie Strom treibt. Was bewegt sich da eigentlich, und in welche Richtung? Bevor wir irgendetwas ausrechnen, lohnt der Blick auf drei Wirkungen, an denen man jeden elektrischen Strom erkennt:

i) magnetische Wirkung: zwei gleichgesinnte Leiter ziehen sich an, gegengesinnte stossen sich ab. Ohne diese Wirkung gäbe es keinen Elektromotor.

ii) thermische Wirkung: der Leiter erwärmt sich (Joule-Erwärmung). Genau das macht ein Bügeleisen oder einen Glühfaden heiss.

iii) chemische Wirkung: in Lösungen wandern Ionen und übertragen die Ladung (Elektrolyse). Grundlage für Akkus und Galvanik.

Wie misst man nun, wie viel Strom fliesst? Man zählt die Ladung, die pro Sekunde durch einen Querschnitt strömt. Genau das ist die Definition der Stromstärke:

!!!
Definition des Stroms
I=dQdtI = \frac{dQ}{dt}
[Q]=C=As[Q] = \mathrm{C} = \mathrm{A}\cdot\mathrm{s} (Coulomb). [I]=A=C/s[I] = \mathrm{A} = \mathrm{C/s} (Ampere).

In Worten: Strom ist Ladung pro Zeit. 1A1\,\mathrm{A} entspricht etwa 6.24×10186.24\times 10^{18} Elementarladungen, die pro Sekunde durch einen Querschnitt strömen. Eine ganze Menge.

Konvention. Per historischer Festlegung (lange vor der Entdeckung des Elektrons) zeigt I\vec I in die Richtung, in die positive Ladungsträger fliessen würden. In Metallen sind die beweglichen Träger aber Elektronen, also negativ. Folge: Elektronen bewegen sich physikalisch in die Gegenrichtung von I\vec I. Diese Konvention ist heute Standard, also lebst du mit dem Vorzeichen-Flip im Hinterkopf.

Im Draht unten siehst du genau diese zwei Richtungen: die positiven Träger laufen als rote ++-Kugeln von ++ nach -, die Elektronen als blaue --Kugeln in die Gegenrichtung. Der Speed-Schieber regelt nur das Tempo, der Schieber Ladung qq vergrössert die Träger. Achte auf die gestrichelte Querschnittslinie in der Mitte: dort misst man, wie viel Ladung pro Sekunde durchkommt, also den Strom II.

1.0
1.0
Abb. 1: Merkmale des elektrischen Stroms
Definition Strom II
Ladung pro Zeit durch einen Querschnitt: I=dQ/dtI = dQ/dt. Skalar. Einheit Ampere (A\mathrm{A}).
Merke Konvention ++\to-
I\vec I zeigt mit den positiven Trägern. In Metallen sind die beweglichen Träger Elektronen, sie wandern physikalisch in +-\to+ Richtung.
Formel Definition Strom
I=dQdtI = \frac{dQ}{dt}
Ladung pro Zeit.

1.2 Stromdichte

Wenn derselbe Strom II durch einen dicken und einen dünnen Draht fliesst: wo drängeln sich die Ladungen mehr? Die Stromstärke II allein verrät das nicht, denn sie zählt nur die Gesamtladung pro Sekunde. Was fehlt, ist eine lokale Grösse, die sagt, wie viel Strom durch jedes einzelne Stückchen Querschnitt geht. Das ist die Stromdichte.

!!!
Stromdichte
j=IA(homogen)I=AjdA(allgemein)\begin{aligned} j &= \frac{I}{A} \quad &&\text{(homogen)} \\ I &= \int_A j\,dA \quad &&\text{(allgemein)} \end{aligned}
[j]=A/m2[j] = \mathrm{A/m^2}. jj ist die lokale Stromdichte (an jedem Punkt im Leiter), II der globale Strom durch den ganzen Querschnitt AA.

In Worten: jj ist eine punktweise Grösse, II eine Gesamtgrösse. Bei homogener Stromdichte reduziert sich das Integral zu I=jAI = j\cdot A, sonst musst du über die Fläche aufsummieren. Dasselbe Pattern wie der Fluss eines Vektorfelds in der Vektoranalysis.

Die beiden Drähte unten führen denselben Strom II (Schieber), aber der untere ist viermal dünner. Beobachte: im dünnen Draht drängeln sich die Träger und fliessen sichtbar schneller, weil j=I/Aj = I/A dort viermal grösser ist. Die genauen jj-Werte für beide Drähte stehen im Readout-Streifen unter der Leinwand.

I 2.0 A
j (dick) 0.50 A/A₀
j (dünn) 2.00 A/A₀
2.0
1.0
Abb. 2: Stromdichte j=I/Aj = I/A
Definition Stromdichte jj
Lokale Grösse, Strom pro Fläche: j=I/Aj = I/A (homogen). Einheit A/m2\mathrm{A/m^2}.
Formel Stromdichte (homogen)
j=IAj = \frac{I}{A}
Lokale Grösse, Strom pro Fläche.
Prüfungstipp Querschnitt umrechnen
Drahtdurchmesser oft in mm angegeben. 1mm2=106m21\,\mathrm{mm^2} = 10^{-6}\,\mathrm{m^2}. Sonst sind alle Folgerechnungen um 6 Grössenordnungen daneben.

1.3 Ladung ist quantisiert

Kann man beliebig wenig Ladung haben, so wie man beliebig wenig Wasser abmessen kann? Nein. Ladung kommt in festen Päckchen. Das kleinste Päckchen ist die Elementarladung ee; jede Ladung, die man je gemessen hat, ist ein ganzzahliges Vielfaches davon.

!!
Definition der Ladung
Q=Idt=NeQ = \int I\,dt = N\,e
e=1.6021019Ce = 1.602\cdot 10^{-19}\,\mathrm{C} (Elementarladung). Ein Elektron trägt 1e-1\,e, ein Proton +1e+1\,e. Ladung ist quantisiert: jede beobachtete Ladung ist ein ganzzahliges Vielfaches von ee.

In Worten: Integrierst du den Strom über die Zeit, bekommst du die durchgeflossene Ladung QQ. Zählst du stattdessen die Träger, ist Q=NeQ = N\,e mit der Anzahl NN. Beide Sichtweisen liefern dasselbe QQ. Weil NN eine ganze Zahl ist, wächst QQ in winzigen, aber diskreten Stufen von je ee, nie kontinuierlich.

Unten kreuzen einzelne Elektronen die gestrichelte Querschnittslinie. Jedes Mal, wenn eines durchgeht, springt der Zähler nn um eins, und die Gesamtladung Q=neQ = n\cdot e wächst um genau ein Päckchen ee, sichtbar als Stufe auf dem Zahlenstrahl. Der Speed-Schieber beschleunigt den Durchfluss, der Reset-Knopf stellt den Zähler auf null zurück. Die Live-Werte stehen im Readout-Streifen.

n 0
Q = n·e 0·e
Q 0 C
1.0
Abb. 3: Ladungsquantisierung Q=neQ = n\cdot e
Notation Elementarladung ee
e=1.6021019Ce = 1.602\cdot 10^{-19}\,\mathrm{C}. Kleinste freie Ladung. Elektron e-e, Proton +e+e.
Merke Quantisierung
Jede Ladung ist Q=NeQ = N\,e mit ganzzahligem NN. Ladung wächst in Stufen von ee, nie kontinuierlich.
Formel Ladung aus Strom
Q=Idt=NeQ = \int I\,dt = N\,e
Zeitintegral des Stroms, gleich Trägerzahl mal ee.

1.4 Ladungsdichten λ, σ und ρ

Ladung muss nicht in einem Punkt sitzen. Sie kann auf einer Linie verschmiert sein (ein geladener Draht), auf einer Fläche (eine Kondensatorplatte) oder in einem Volumen (eine Raumladungswolke). Für jeden dieser drei Fälle gibt es eine eigene Dichte, die sagt, wie viel Ladung pro Längen-, Flächen- oder Volumeneinheit sitzt.

!!
Ladungsdichten
λ=Ql(Linie)σ=QA(Fla¨che)ρ=QV(Volumen)\begin{aligned} \lambda &= \frac{Q}{l} \quad &&\text{(Linie)} \\ \sigma &= \frac{Q}{A} \quad &&\text{(Fläche)} \\ \rho &= \frac{Q}{V} \quad &&\text{(Volumen)} \end{aligned}
Gesamtladung im Volumen: Qges=VρdVQ_{\text{ges}} = \int_V \rho\,dV. Einheiten: [λ]=C/m[\lambda]=\mathrm{C/m}, [σ]=C/m2[\sigma]=\mathrm{C/m^2}, [ρ]=C/m3[\rho]=\mathrm{C/m^3}.

Unten siehst du dieselbe Gesamtladung QQ dreimal anders verteilt: links auf einer Linie (λ\lambda), in der Mitte auf einer Fläche (σ\sigma), rechts in einem Volumen (ρ\rho). Zieh den Schieber QQ und beobachte, wie sich die Punktdichte in allen drei Spalten gleichzeitig ändert; die zugehörigen Dichtewerte aktualisieren sich live im Readout-Streifen.

λ = Q/l 1.00 μC/m
σ = Q/A 100.0 μC/m²
ρ = Q/V 1000 μC/m³
1.0
Abb. 4: Ladungsdichten λ,σ,ρ\lambda, \sigma, \rho
Definition Ladungsdichten
λ=Q/l\lambda = Q/l (Linie), σ=Q/A\sigma = Q/A (Fläche), ρ=Q/V\rho = Q/V (Volumen).
Notation Symbol-Konflikt ρ\rho, σ\sigma
Hier (1.4): ρ\rho Volumenladung (C/m3\mathrm{C/m^3}), σ\sigma Flächenladung. Ab 3.1: ρ\rho spez. Widerstand (Ωm\Omega\,\mathrm{m}), σ\sigma Leitfähigkeit. Kontext entscheidet.

1.5 Driftgeschwindigkeit und Signalgeschwindigkeit

Du drückst den Lichtschalter, und die Lampe leuchtet sofort. Rasen die Elektronen mit Lichtgeschwindigkeit durch den Draht? Überraschenderweise nein: die einzelnen Elektronen kriechen geradezu. Trotzdem kommt das Signal fast augenblicklich an. Diese zwei Geschwindigkeiten muss man auseinanderhalten.

!!
Driftgeschwindigkeit
vd=IneAv_d = \frac{I}{n\,e\,A}
nn Teilchendichte (n=N/V=ρNA/Mmn = N/V = \rho\,N_A/M_m, mit Avogadro-Zahl NAN_A und molarer Masse MmM_m). AA Querschnittsfläche, ee Elementarladung.

Drift gegen Signal. Die Driftgeschwindigkeit vdv_d ist nicht die thermische Geschwindigkeit der Elektronen. Die thermische Bewegung im Kupfer liegt bei rund 106m/s10^6\,\mathrm{m/s}, chaotisch in alle Richtungen, mittelt sich zu null. Die mittlere Drift in Stromrichtung dagegen ist nur 0.1mm/s\sim 0.1\,\mathrm{mm/s}. Trotzdem leuchtet die Lampe sofort: nicht die einzelnen Elektronen rasen durch den Draht, sondern das elektrische Signal breitet sich praktisch mit Lichtgeschwindigkeit aus, ähnlich wie ein Schubs am Anfang einer langen Murmelkette sofort am Ende ankommt.

Oben kriechen viele Elektronen mit der winzigen Driftgeschwindigkeit vdv_d nach links. Unten rast ein einzelner gelber Signal-Puls fast mit Lichtgeschwindigkeit. Mit dem Toggle blendest du nur die Drift, nur das Signal oder beide gleichzeitig ein; der Schieber Strom II erhöht vdv_d. Der gewaltige Faktor zwischen Signal und Drift steht im Readout-Streifen.

I 2.0 A
vd (Drift) 0.028 mm/s
vSignal / vd 7.1·10¹²
2.0
1.0
Abb. 5: Drift vs Signal-Geschwindigkeit
Definition Driftgeschwindigkeit vdv_d
Mittlere Geschwindigkeit der Träger in Stromrichtung: vd=I/(neA)v_d = I/(n\,e\,A). Im Cu nur 0.1mm/s\sim 0.1\,\mathrm{mm/s}.
Merke Drift ≠ Signal
Elektronen driften langsam (mm/s\mathrm{mm/s}), das elektrische Signal läuft fast mit Lichtgeschwindigkeit. Deshalb leuchtet die Lampe sofort.
Formel Driftgeschwindigkeit
vd=IneAv_d = \frac{I}{n\,e\,A}
Strom geteilt durch Trägerdichte, Ladung und Fläche.

2Spannung, Widerstand und das Ohmsche Gesetz

2.1 Spannung, Strom und das Ohmsche Gesetz

Eine Batterie pumpt Ladungen durch einen Stromkreis, ein Widerstand bremst sie. Spannung misst, wie stark die Pumpe drückt; Widerstand misst, wie stark gebremst wird. Das Ohmsche Gesetz verknüpft beide mit dem Strom. Behalte dabei die zwei Richtungen aus Abschnitt 1.1 im Kopf: der Konventionsstrom läuft ++ \to -, die Elektronen physikalisch +- \to +.

Drei Spannungen, die du auseinanderhalten musst.

UQU_Q ist die Quellspannung (oder elektromotorische Kraft, EMK). Das ist die Spannung, die die Batterie liefert, wenn kein Strom fliesst (Leerlauf).

URU_R ist die Spannung über einem Widerstand (Spannungsabfall in Stromrichtung).

UklU_{\text{kl}} ist die Klemmenspannung einer realen Batterie, also was du aussen am Pol misst, wenn ein Strom fliesst. Es gilt Ukl=UQRiIU_{\text{kl}} = U_Q - R_i\,I mit RiR_i als Innenwiderstand der Batterie.

!!!
Ohmsches Gesetz (Spannung = Potentialdifferenz)
U=RIU = R\cdot I
[U]=V=J/C[U] = \mathrm{V} = \mathrm{J/C} (Volt = Joule pro Coulomb, also Energie pro Ladung).

In Worten: UU misst die Energie, die ein Coulomb beim Durchfluss durch ein Bauteil abgibt oder aufnimmt. 1V=1J/C1\,\mathrm{V} = 1\,\mathrm{J/C}. In Stromrichtung gesehen: über einem Widerstand fällt die Spannung ab (Energie geht als Wärme an die Umgebung), über einer Batterie steigt sie (Energie wird zugeführt).

Der geschlossene Kreis unten besteht aus Batterie und einem Widerstand. Zieh die Quellspannung UQU_Q hoch oder den Widerstand RR herunter und beobachte, wie der Strom I=UQ/RI = U_Q/R steigt; rechts zeichnen zwei Mini-Diagramme den Verlauf von II und URU_R mit. Der Fluss-Knopf unter der Leinwand schaltet zwischen Konventionsstrom (rot, ++), Elektronen (blau, -) und beidem. Alle Live-Werte stehen im Readout.

UQ 12 V
R 6 Ω
I 2.00 A
UR 12.0 V
12.0
6.0
1.0
Abb. 6: Spannung am Widerstand (U=RIU = R\cdot I)
Definition Spannung UU
Energie pro Ladung zwischen zwei Punkten: U=W/QU = W/Q. Einheit Volt (V\mathrm{V}).
Notation UQU_Q, URU_R, UklU_{\text{kl}}
UQU_Q Quellspannung (Leerlauf). URU_R Spannungsabfall am Widerstand. UklU_{\text{kl}} Klemmenspannung der realen Batterie unter Last.
Formel Ohmsches Gesetz
U=RIU = R\cdot I
Spannungsabfall an einem ohmschen Widerstand.

2.2 Ohmsch oder nicht-ohmsch?

Gilt U=RIU = R\cdot I immer? Nur für brave Bauteile. Bei einem Stück Kupferdraht ist RR tatsächlich konstant. Bei einer Glühbirne, einer Diode oder einem Halbleiter dagegen hängt der Widerstand vom Arbeitspunkt ab. Solche Bauteile heissen nicht-ohmsch, und ihre Kennlinie ist keine Gerade mehr.

!!!
Elektrischer Widerstand
R=UIR = \frac{U}{I}
[R]=Ω[R] = \Omega (Ohm). Ohmsche Leiter: R=constR = \text{const}. Nicht-ohmsche Leiter: Rdiff=dU/dIR_{\text{diff}} = dU/dI (differentieller Widerstand, lokal definiert).

In Worten: Ohmsche Leiter haben einen konstanten RR, ihre U(I)U(I)-Kennlinie ist eine Gerade durch den Ursprung. Nicht-ohmsche Leiter haben gekrümmte Kennlinien. Wenn man bei ihnen trotzdem einen lokalen Widerstand definieren will, nimmt man den differentiellen Widerstand Rdiff=dU/dIR_{\text{diff}} = dU/dI, also die Tangentensteigung an einem Arbeitspunkt.

Im Plot unten ist die grüne Gerade ein ohmscher Widerstand (R=2ΩR = 2\,\Omega konstant), die orange Kurve ein nicht-ohmsches Bauteil. Schieb den Arbeitspunkt I0I_0 entlang der Kurve: die eingezeichnete Tangente ist der differentielle Widerstand Rdiff=dU/dIR_{\text{diff}} = dU/dI an dieser Stelle. Bei der Geraden bleibt er konstant, bei der Kurve ändert er sich sichtbar. Die Werte stehen im Readout.

I0 2.0 A
U0 1.41 V
Rdiff 1.06 Ω
2.0
Abb. 7: U-I-Kennlinie ohmsch vs nicht-ohmsch
Definition Widerstand RR
Verhältnis U/IU/I an einem Bauteil. Einheit Ohm (Ω\Omega). Bei ohmschen Leitern konstant.
Merke Ohmsch ⇔ Gerade durch 0
Konstanter RR heisst U(I)U(I)-Kennlinie ist eine Gerade durch den Ursprung. Krümmung heisst nicht-ohmsch (Diode, Halbleiter).
Formel Differentieller Widerstand
Rdiff=dUdIR_{\text{diff}} = \frac{dU}{dI}
Tangentensteigung der Kennlinie am Arbeitspunkt. Für nicht-ohmsche Bauteile.

3Widerstandsgesetze

3.1 Widerstand und Geometrie: R = ρ l/A

Ein Draht hat einen Widerstand. Wovon hängt er ab, und wie rechnest du ihn aus, ohne ihn zu messen? Die Antwort hat zwei Zutaten: die Geometrie (Länge ll, Querschnittsfläche AA) und das Material (spezifischer Widerstand ρ\rho). Erst die Anschauung, dann die Formel.

Geometrie-Intuition. Ein längerer Draht heisst mehr Strecke für Stösse zwischen Elektronen und Atomgitter, also mehr Widerstand: RlR \propto l. Ein dickerer Draht heisst mehr parallele Pfade für die Elektronen, also weniger Widerstand: R1/AR \propto 1/A. Beides zusammen ergibt R=ρl/AR = \rho\,l/A.

!!!
Grössenabhängigkeit
R=ρlAR = \rho \frac{l}{A}
ll Leiterlänge, AA Querschnittsfläche, ρ\rho spezifischer Widerstand mit [ρ]=Ωm[\rho] = \Omega\,\mathrm{m}.

Achtung doppelte Symbol-Belegung. In diesem Abschnitt ist ρ\rho der spezifische Widerstand (Ωm\Omega\,\mathrm{m}), und σ=1/ρ\sigma = 1/\rho ist die elektrische Leitfähigkeit (S/m\mathrm{S/m}). In Abschnitt 1.4 war ρ\rho die Volumen-Ladungsdichte (C/m3\mathrm{C/m^3}) und σ\sigma die Flächenladungsdichte (C/m2\mathrm{C/m^2}). Der Kontext entscheidet, was gemeint ist. Wenn du verwirrt bist, lies das Wort daneben.

Der Kupferdraht in der Mitte ändert seine Form mit den Schiebern: Länge ll streckt ihn, Querschnitt AA macht ihn dicker. Beobachte im Readout, wie RR reagiert: doppelte Länge gibt doppelten Widerstand, doppelter Querschnitt halbiert ihn. Das Material ist auf Kupfer festgelegt.

R = ρ·l/A 22.40 mΩ
2.0
1.5
Abb. 8: Geometrie-Abhängigkeit R=ρl/AR = \rho\,l/A
Definition Spezifischer Widerstand ρ\rho
Material-Konstante mit [ρ]=Ωm[\rho]=\Omega\,\mathrm{m}. Inverses ist die Leitfähigkeit σ=1/ρ\sigma = 1/\rho.
Notation ρ\rho und σ\sigma doppelt belegt
Hier (3.1): ρ\rho spez. Widerstand, σ\sigma Leitfähigkeit. In 1.4: ρ\rho Volumenladung, σ\sigma Flächenladung. Der Kontext klärt es.
Prüfungstipp Einheit mm2\mathrm{mm^2}
1mm2=106m21\,\mathrm{mm^2} = 10^{-6}\,\mathrm{m^2}. Vor jedem R=ρl/AR = \rho\,l/A umrechnen.
Formel RR-Formel anwenden
R=ρlAR = \rho\,\frac{l}{A}
Geometrie (ll, AA) und Material (ρ\rho) getrennt.

3.2 Temperaturabhängigkeit ρ(T)

Warum wird der Widerstand eines Metalls grösser, wenn es heiss wird? Anschaulich: bei höherer Temperatur schwingen die Atome im Gitter heftiger. Ein Elektron, das durchwill, stösst dann häufiger an, kommt schlechter durch, der Widerstand steigt. Quantitativ linearisiert man diesen Effekt mit einem Temperaturkoeffizienten α\alpha.

!!
Temperaturabhängigkeit
ρ(T)=ρ0[1+α(TT0)]\rho(T) = \rho_0 [1 + \alpha(T - T_0)]
σ=1/ρ\sigma = 1/\rho (Leitfähigkeit). [α]=1/C[\alpha] = 1/^\circ\mathrm{C}. Für Metalle α>0\alpha > 0 (Widerstand steigt mit TT); Halbleiter haben α<0\alpha < 0, da mehr freie Träger bei höherer Temperatur.

Achtung Bauteil-Falle. Das Ohmsche Gesetz mit R=constR = \text{const} gilt nur bei konstanter Temperatur. Eine Glühbirne im Betrieb wird heiss, ihr ρ\rho und damit ihr RR steigen stark an, sie ist im Betrieb also nicht-ohmsch. Genau das macht sie zu einem der nicht-ohmschen Bauteile aus Abschnitt 2.2.

Die Kurve unten ist ρ(T)\rho(T) für Kupfer. Zieh den Temperatur-Schieber: der Arbeitspunkt (Fadenkreuz) wandert die Gerade entlang, und im Readout siehst du ρ(T)\rho(T) und den Widerstand pro Meter steigen. Bei Metallen geht es bergauf, weil das Gitter mit der Temperatur heftiger schwingt.

T 20 °C
ρ(T) 1.680·10⁻⁸ Ω·m
R/m 16.80 mΩ/m
20
Abb. 9: Temperaturabhängigkeit ρ(T)\rho(T)
Notation Temperaturkoeffizient α\alpha
[α]=1/C[\alpha] = 1/^\circ\mathrm{C}. Metalle α>0\alpha > 0 (Widerstand steigt mit TT), Halbleiter α<0\alpha < 0.
Merke Glühbirne ist nicht-ohmsch
Im Betrieb heiss, also ρ\rho und RR stark erhöht. R=constR = \text{const} gilt nur bei konstanter Temperatur.
Formel ρ(T)\rho(T) linear
ρ(T)=ρ0[1+α(TT0)]\rho(T) = \rho_0[1+\alpha(T-T_0)]
Linearisiert in TT0T - T_0, gilt im engen Temperaturbereich.

3.3 Leiter, Halbleiter, Isolator

Warum leitet Kupfer den Strom mühelos, Glas praktisch gar nicht und Silizium irgendwo dazwischen? Der spezifische Widerstand ρ\rho spannt einen gewaltigen Bereich auf, über mehr als zwanzig Zehnerpotenzen. Drei Material-Klassen sollte man im Kopf haben.

Leiter (Metalle): ρ108Ωm\rho \sim 10^{-8}\,\Omega\,\mathrm{m}. Cu = 1.68×1081.68\times 10^{-8}, Al = 2.82×1082.82\times 10^{-8}, Ag = 1.59×1081.59\times 10^{-8}.

Halbleiter: ρ\rho irgendwo zwischen 10310^{-3} und 103Ωm10^{3}\,\Omega\,\mathrm{m}. Si bei Raumtemperatur 103\sim 10^3.

Isolatoren: ρ108Ωm\rho \gtrsim 10^{8}\,\Omega\,\mathrm{m}. Glas, Gummi, Keramik.

Unten sitzen die Materialien als Balken auf einer logarithmischen ρ\rho-Achse über 24 Grössenordnungen. Schieb die Probe-Linie über die Achse: der Readout zeigt ρ\rho an dieser Stelle und in welche Klasse (Leiter, Halbleiter, Isolator) sie fällt. Sieh, wie eng die Metalle links beieinander liegen und wie weit weg Glas und Gummi rechts sitzen.

ρ (Probe) 1.0·10⁰ Ω·m
Klasse Halbleiter
0.0
Abb. 10: Materialklassifikation auf log-ρ\rho-Achse
Merke ρ\rho-Grössenordnungen
Leiter: ρ108Ωm\rho \sim 10^{-8}\,\Omega\mathrm{m} (Cu, Ag, Al). Halbleiter: 10310^{-3} bis 10310^{3} (Si). Isolatoren: ρ>108\rho > 10^{8} (Glas, Gummi).

4Kirchhoffsche Regeln und Netzwerke

4.1 Knotenregel (KCL)

Sobald du Batterien und Widerstände zu einem Netzwerk verschaltest, brauchst du zwei Erhaltungssätze, um alle Ströme und Spannungen auszurechnen. Das sind Kirchhoffs Regeln. Die erste, die Knotenregel, ist nichts anderes als Ladungserhaltung an einem Verzweigungspunkt.

!!!
Knotenregel (KCL)
Ik=0\sum I_k = 0
Ladungserhaltung am Knoten: einfliessender Strom gleich ausfliessender. Vorzeichen: einlaufende Ströme positiv, auslaufende negativ (oder umgekehrt, Hauptsache konsistent).

In Worten: An jedem Verzweigungspunkt fliesst genauso viel Ladung hinein wie hinaus. Sonst würde sich Ladung am Knoten ansammeln, was bei stationärem Strom physikalisch nicht passiert.

Im Kreis unten läuft der Hauptstrom II auf den gelb markierten Knoten zu und teilt sich dort in I1I_1 und I2I_2 auf. Zieh R1R_1 und R2R_2: der kleinere Widerstand schnappt sich den grösseren Stromanteil. Im Readout siehst du, dass II1I2I - I_1 - I_2 immer null bleibt, genau das ist die Knotenregel.

I 5.00 A
I₁ 3.00 A
I₂ 2.00 A
Σ KCL 0.000 ≈ 0 ✓
4.0
6.0
1.0
Abb. 11: Knotenregel (KCL)
Definition Knoten
Verzweigungspunkt im Schaltkreis, an dem sich mehrere Zweige treffen.
Notation Ik=0\sum I_k = 0
Knotenregel (KCL): Summe aller Ströme an einem Knoten ist null. Folgt aus Ladungserhaltung.
Merke Stromteiler-Vorgriff
Kleinerer Widerstand bekommt grösseren Strom-Anteil: Ik1/RkI_k \propto 1/R_k. Details in 4.4.

4.2 Maschenregel (KVL)

Die zweite Kirchhoff-Regel betrifft eine geschlossene Schleife (Masche). Sie ist die Energieerhaltung in Schaltungsform: läufst du einmal im Kreis herum und kommst wieder am Start an, muss die Summe aller Spannungs-Hubs und -Abfälle null sein.

!!!
Maschenregel (KVL)
Ui=IkRk\sum U_i = \sum I_k\,R_k
Energieerhaltung um eine geschlossene Masche: Summe der Batteriespannungen gleich Summe aller Spannungsabfälle in derselben Masche.

In Worten: Läufst du im Kreis durch eine geschlossene Masche, kommst du am Startpunkt mit demselben Potential an, mit dem du losgegangen bist. Konkret: die Summe aller Spannungs-Hubs (Batterien) gleich der Summe aller Spannungsabfälle (Widerstände).

Unten siehst du eine geschlossene Masche mit Batterie und zwei Widerständen in Reihe. Das Balkendiagramm rechts startet beim Spannungs-Hub +UQ+U_Q der Batterie und zieht für jeden Widerstand seinen Spannungsabfall ab; am Ende landet es wieder bei 0V0\,\mathrm{V}. Zieh R1R_1 und R2R_2 und beobachte, wie sich die Abfälle umverteilen, ihre Summe aber stets gleich UQU_Q bleibt.

UQ 12 V
U₁ 4.00 V
U₂ 8.00 V
Σ KVL 0.000 ≈ 0 ✓
4.0
8.0
1.0
Abb. 12: Maschenregel (KVL) plus Spannungsbilanz
Definition Masche
Geschlossener Stromweg, der zum Startpunkt zurückführt.
Notation Ui=IkRk\sum U_i = \sum I_k R_k
Maschenregel (KVL): Summe der Quellspannungen gleich Summe der Spannungsabfälle. Folgt aus Energieerhaltung.
Prüfungstipp Kirchhoff-Rezept
1. Ströme einzeichnen. 2. KCL an jedem Knoten. 3. KVL für jede Masche. 4. Lineares Gleichungssystem auflösen.

4.3 Reihenschaltung

Was passiert, wenn du mehrere Widerstände hintereinander in einen einzigen Strompfad hängst? Es gibt keinen Abzweig, also fliesst durch alle derselbe Strom. Aus den zwei Kirchhoff-Regeln folgt sofort, wie sich die Widerstände addieren.

!!
Reihenschaltung
Rtot=RiR_{\mathrm{tot}} = \sum R_i
Gleicher Strom II durch alle Widerstände (KCL am Zwischenknoten); Spannungen addieren sich (KVL um die Masche).

Reihenschaltung erklärt. Der Strom durch alle ist gleich (KCL am Knoten zwischen zwei Widerständen). Die Spannungen addieren sich (KVL um die Masche). Daraus Rtot=RiR_{\text{tot}} = \sum R_i. Faustregel: Serie macht den Gesamtwiderstand grösser.

!!
Spannungsteiler
U1=UR1R1+R2U_1 = U\cdot\frac{R_1}{R_1+R_2}
Zwei Widerstände in Serie an Spannung UU: der grössere Widerstand bekommt den grösseren Spannungs-Anteil.

Unten hängen drei Widerstände in Reihe an einer Batterie. Derselbe Strom II läuft durch alle. Zieh die drei RR-Schieber: im Readout siehst du Rges=R1+R2+R3R_{\text{ges}} = R_1+R_2+R_3 wachsen und I=UQ/RgesI = U_Q/R_{\text{ges}} entsprechend sinken, während sich die drei Spannungsabfälle exakt zu UQU_Q aufsummieren.

Rges 10.0 Ω
I 1.20 A
ΣU 12.00 V
UQ 12 V
2.0
3.0
5.0
1.0
Abb. 13: Reihenschaltung 3 Widerstände
Merke Serie ⇒ R\sum R
Reihenschaltung macht RtotR_{\mathrm{tot}} grösser: alle Widerstände addieren sich.
Formel Spannungsteiler
U1=UR1R1+R2U_1 = U\cdot\frac{R_1}{R_1+R_2}
Serie: grosser Widerstand kriegt mehr Spannung.

4.4 Parallelschaltung

Und wenn du die Widerstände stattdessen nebeneinander zwischen dasselbe Knotenpaar hängst? Dann liegt an allen dieselbe Spannung, aber jeder zieht seinen eigenen Strom. Das Ergebnis ist umgekehrt zur Reihenschaltung: der Gesamtwiderstand wird kleiner.

!!
Parallelschaltung
1Rtot=1Ri\frac{1}{R_{\mathrm{tot}}} = \sum \frac{1}{R_i}
Gleiche Spannung UU über allen Widerständen (sie hängen am selben Knotenpaar); Ströme addieren sich (KCL am Eingangsknoten).

Parallelschaltung erklärt. Die Spannung über allen ist gleich (alle hängen am selben Knotenpaar). Die Ströme addieren sich (KCL am Eingangsknoten). Daraus 1/Rtot=1/Ri1/R_{\text{tot}} = \sum 1/R_i. Faustregel: Parallel macht den Gesamtwiderstand kleiner als jeder Einzelwiderstand.

Stromteiler. Zwei Widerstände R1,R2R_1, R_2 parallel mit Gesamtstrom II: I1=IR2/(R1+R2)I_1 = I\cdot R_2/(R_1+R_2). Achtung, umgekehrt zum Spannungsteiler: der kleinere Widerstand bekommt den grösseren Strom-Anteil.

Quickie für zwei parallele Widerstände: Rtot=R1R2/(R1+R2)R_{\text{tot}} = R_1 R_2 / (R_1+R_2) (Produkt durch Summe). Spart das Kehrwert-Hin-und-Her.

Unten hängen drei Widerstände parallel an derselben Quellspannung UQU_Q. Jeder Zweig führt seinen eigenen Strom, der kleinste Widerstand am meisten. Zieh die Schieber und beobachte: RgesR_{\text{ges}} wird kleiner als der kleinste Einzelwiderstand, und die drei Zweigströme addieren sich exakt zum Gesamtstrom (Readout).

Rges 2.00 Ω
I 6.00 A
ΣI 6.00 A ✓
UQ 12 V
6.0
12.0
4.0
1.0
Abb. 14: Parallelschaltung 3 Widerstände
Merke Parallel ⇒ 1/R\sum 1/R
Parallelschaltung macht RtotR_{\mathrm{tot}} kleiner als jeder Einzelwiderstand.
Formel Stromteiler
I1=IR2R1+R2I_1 = I\cdot\frac{R_2}{R_1+R_2}
Parallel: kleiner Widerstand kriegt mehr Strom (umgekehrt zum Spannungsteiler).
Formel Zwei parallel: Quickie
Rtot=R1R2R1+R2R_{\mathrm{tot}} = \frac{R_1\,R_2}{R_1+R_2}
Produkt durch Summe, spart das Kehrwert-Spiel.

4.5 Stern-Dreieck-Umwandlung

Manche Netzwerke lassen sich nicht durch reine Serie- oder Parallelschaltungen reduzieren. Klassisches Beispiel: drei Widerstände im Dreieck zwischen drei Knoten oder als Stern um einen zentralen Knoten. Die Stern-Dreieck-Umwandlung (auch Y-Δ-Transformation) verwandelt eine Konfiguration in die andere und löst damit das Problem.

Setup. Im Dreieck verbinden drei Widerstände Rab,Rbc,RacR_{ab}, R_{bc}, R_{ac} drei äussere Knoten a,b,ca, b, c paarweise. Im Stern führen drei Widerstände Ra,Rb,RcR_a, R_b, R_c von einem zentralen Knoten 00 zu den drei äusseren Knoten. Beide Konfigurationen sind elektrisch äquivalent, wenn sie zwischen den drei Aussenknoten dieselben Widerstände aufweisen. Die folgenden Formeln liefern den Umrechnungsmechanismus.

!!
Dreieck → Stern (Δ → Y)
Ra=RabRacRab+Rbc+RacR_a = \frac{R_{ab}\,R_{ac}}{R_{ab}+R_{bc}+R_{ac}}
Sternwiderstand am Knoten aa ist das Produkt der zwei am Knoten anliegenden Dreieckswiderstände durch die Summe aller drei. Analog für RbR_b und RcR_c.
!!
Stern → Dreieck (Y → Δ)
Rab=Ra+Rb+RaRbRcR_{ab} = R_a + R_b + \frac{R_a\,R_b}{R_c}
Dreieckswiderstand zwischen aa und bb ist die Summe der zwei anliegenden Sternwiderstände plus deren Produkt durch den dritten (RcR_c). Analog für RbcR_{bc} und RacR_{ac}.

Wann brauche ich das? Genau dann, wenn weder Serie noch Parallel allein das Netzwerk vereinfachen. Typische Beispiele: die Wheatstone-Brücke (siehe 7.1) im allgemeinen, nicht-abgeglichenen Zustand; ein Würfel mit 12 gleichen Widerständen entlang der Kanten; Drei-Phasen-Netzwerke in der Energietechnik. Symmetrie-Spezialfall: wenn alle drei Stern- oder Dreieckswiderstände gleich sind, vereinfachen sich die Formeln zu RY=RΔ/3R_Y = R_\Delta/3 beziehungsweise RΔ=3RYR_\Delta = 3\,R_Y.

Links das Dreieck mit den Widerständen Rab,Rbc,RacR_{ab}, R_{bc}, R_{ac}, rechts der äquivalente Stern. Zieh die drei Dreieckswiderstände an den Schiebern: die Sternwerte Ra,Rb,RcR_a, R_b, R_c im Readout werden live aus den Δ→Y-Formeln berechnet. Beide Schaltungen verhalten sich an den drei Aussenknoten a,b,ca, b, c exakt gleich.

Rab 3.0 Ω
Rbc 6.0 Ω
Rac 4.0 Ω
Ra 0.92 Ω
Rb 1.38 Ω
Rc 1.85 Ω
3.0
6.0
4.0
Abb. 15: Y-Δ-Transformation
Definition Y-Δ-Transformation
Umwandlung zwischen Drei-Stern-Konfiguration und Drei-Dreieck-Konfiguration mit gleicher Wirkung an den drei Aussenknoten.
Notation RaR_a, RabR_{ab}
Ra,Rb,RcR_a, R_b, R_c Sternwiderstände vom zentralen Knoten zu Aussenknoten a,b,ca, b, c. Rab,Rbc,RacR_{ab}, R_{bc}, R_{ac} Dreieckswiderstände zwischen den jeweiligen Aussenknoten.
Merke Symmetrie-Spezialfall
Bei drei gleichen Widerständen: RY=RΔ/3R_Y = R_\Delta/3 und RΔ=3RYR_\Delta = 3\,R_Y.
Formel Δ → Y
Ra=RabRacRab+Rbc+RacR_a = \frac{R_{ab}\,R_{ac}}{R_{ab}+R_{bc}+R_{ac}}
Produkt der zwei anliegenden, durch Summe aller drei.

4.6 Maschenstrom- und Knotenpotential-Methode

Bei grossen Netzwerken (mehr als drei oder vier Maschen) wird Kirchhoff per Hand schnell unübersichtlich. Zwei systematische Verfahren reduzieren das Problem auf ein lineares Gleichungssystem mit klar definierten Unbekannten: die Maschenstrom-Methode und die Knotenpotential-Methode.

Maschenstrom-Methode. Definiere für jede unabhängige Masche einen Maschenstrom JiJ_i, der die ganze Masche umrundet. Tatsächliche Zweigströme sind Summen der durchlaufenden Maschenströme: ein Zweig, der zu zwei Maschen ii und jj gehört, trägt den Strom Ji±JjJ_i \pm J_j (Vorzeichen je nach Umlaufrichtung). KVL um jede Masche liefert so viele Gleichungen wie Maschenströme. Vorteil: KCL ist automatisch erfüllt, weil jeder Maschenstrom in jeden Knoten genauso hineinfliesst wie er hinausfliesst.

Knotenpotential-Methode. Wähle einen Knoten als Bezugspunkt (Masse, φ=0\varphi = 0). Definiere für jeden anderen Knoten ein Potential φk\varphi_k. Zweigströme folgen aus dem Ohmschen Gesetz: zwischen Knoten aa und bb über Widerstand RR fliesst Iab=(φaφb)/RI_{ab} = (\varphi_a - \varphi_b)/R. KCL an jedem Knoten ausser der Masse liefert die Gleichungen. Vorteil: KVL ist automatisch erfüllt, weil ein Potential per Definition wegunabhängig ist.

!
Anzahl unabhängiger Maschen (Euler-Formel)
M=ZK+1M = Z - K + 1
ZZ Anzahl Zweige, KK Anzahl Knoten, MM Anzahl unabhängiger Maschen. Liefert die Anzahl der KVL-Gleichungen, die du aufstellen musst (bzw. die Anzahl Maschenströme).

Wann welche Methode? Faustregel über die Anzahl Unbekannter:

Maschenstrom wenn das Netzwerk wenige Maschen, aber viele Knoten hat (planare Schaltung mit wenigen Bereichen).

Knotenpotential wenn wenige Knoten, aber viele Zweige (sternförmige Topologie).

Beide Methoden sind äquivalent und liefern dasselbe Resultat. Wähle die mit weniger Unbekannten.

Unten ein Zwei-Maschen-Netzwerk. Der blaue Kreispfeil ist der Maschenstrom J1J_1 der linken Masche, der orange J2J_2 der rechten. Im gemeinsamen Widerstand R3R_3 überlagern sie sich zum echten Zweigstrom J1J2J_1 - J_2. Zieh die Schieber für UQU_Q und die drei Widerstände und beobachte im Readout, wie die drei Ströme zusammenhängen.

J₁ 1.62 A
J₂ 0.92 A
IR₃ 0.69 A
UQ 12 V
12.0
4.0
6.0
8.0
Abb. 16: Bridge mit Maschenströmen J1,J2J_1, J_2
Definition Maschenstrom JiJ_i
Hilfsvariable: ein Strom, der jeweils eine ganze Masche umrundet. Tatsächlicher Zweigstrom = Summe der durchlaufenden Maschenströme.
Definition Knotenpotential φk\varphi_k
Hilfsvariable: das Potential jedes Knotens relativ zur gewählten Masse (φ=0\varphi = 0). Spannungen folgen als Differenzen φaφb\varphi_a - \varphi_b.
Notation Z,K,MZ, K, M
ZZ Zweige, KK Knoten, M=ZK+1M = Z - K + 1 unabhängige Maschen (Euler-Formel für planare Netzwerke).
Merke Wann welche Methode
Wenige Maschen → Maschenstrom. Wenige Knoten → Knotenpotential. Wähle die Methode mit weniger Unbekannten.
Querverweis Brücke
→ 4.1 Knotenregel (KCL)

5Leistung und Energie

5.1 Mikroskopisches Bild: Stösse im Leiter

Warum wird ein Widerstand überhaupt warm, und woher kommt das I2I^2 in P=RI2P = R\,I^2? Dafür muss man tief in den Draht schauen. Dort spielt sich ein Wechselspiel aus Beschleunigung und Stössen ab, das die elektrische Energie Schritt für Schritt in Wärme verwandelt.

Mikroskopisch. Das elektrische Feld beschleunigt die Elektronen, die in Stössen mit den Atomen ihre kinetische Energie ans Gitter abgeben. Das Gitter schwingt daraufhin heftiger, was makroskopisch Erwärmung heisst. Genau deswegen wird ein Bügeleisen heiss und eine Glühbirne leuchtet (heisser Glühfaden gibt thermische Strahlung ab). Je kleiner der Querschnitt, desto enger das Gedränge und desto mehr Stösse pro Strecke, also mehr Widerstand und mehr Joule-Wärme.

Unten der Blick tief in den Draht. Die blauen Elektronen werden vom EE-Feld nach links getrieben, prallen aber ständig an den grauen Atomen ab (kurzes oranges Aufleuchten bei jedem Stoss). Genau diese Stösse geben Energie ans Gitter ab, das ist die Joule-Wärme. Der Speed-Schieber regelt das Tempo, der Schieber NN die Anzahl Elektronen. Achte darauf, dass die mittlere Drift trotz des Chaos klar nach links zeigt.

15
1.0
Abb. 17: Elektron-Atom-Kollisionen (mikroskopisch)
Merke Joule-Wärme aus Stössen
Elektronen geben bei Stössen mit dem Atomgitter Energie ab. Makroskopisch ist das die Joule-Erwärmung P=RI2P = R\,I^2.
Querverweis Brücke
→ 1.5 Driftgeschwindigkeit

5.2 Elektrische Leistung P = U·I

Wo bleibt die Energie, die die Batterie liefert, wenn ein Strom durch einen Widerstand fliesst? Sie wird im Widerstand zu Wärme (Joule-Erwärmung). Wie viel pro Sekunde, also welche Leistung, sagt eine der meistgebrauchten Formeln des ganzen Kapitels.

!!!
Leistung eines Widerstands
P=UI=RI2=U2RP = U\,I = R\,I^2 = \frac{U^2}{R}
[P]=W=VA=J/s[P] = \mathrm{W} = \mathrm{V}\cdot\mathrm{A} = \mathrm{J/s} (Watt = Joule pro Sekunde).

In Worten: Leistung ist Energie pro Zeit. An einem Bauteil mit Spannungsabfall UU und Strom II wird P=UIP = U\,I Energie pro Sekunde umgesetzt. Mit dem Ohmschen Gesetz U=RIU = R\,I folgen die zwei äquivalenten Formen P=I2RP = I^2 R und P=U2/RP = U^2/R. Welche du nimmst, hängt davon ab, was gegeben ist. Tipp: alle drei aufschreiben und die wählen, in der nur bekannte Grössen stehen.

Energie aus Leistung. Über eine Zeit tt aufaddiert: W=PtW = P\,t. Übliche Einheit für Stromrechnungen ist die Kilowattstunde, 1kWh=3.6MJ1\,\mathrm{kWh} = 3.6\,\mathrm{MJ}. Dein Stromzähler zu Hause misst genau das.

Im Kreis unten glüht der Widerstand orange, und die Stärke des Glühens folgt direkt der vom Solver berechneten Leistung PP. Zieh UU hoch oder RR herunter: der Readout zeigt, dass die drei Formen P=UI=RI2=U2/RP = U\cdot I = R\,I^2 = U^2/R stets denselben Wert ergeben. Mehr Leistung heisst sichtbar heisseres Glühen.

U 12 V
I 2.00 A
R 6 Ω
P 24.0 W
12.0
6.0
1.0
Abb. 18: Leistung mit glühendem Widerstand
Definition Leistung PP
Energie pro Zeit. Einheit Watt (W=J/s\mathrm{W} = \mathrm{J/s}). An einem Widerstand: P=UIP = U\,I.
Merke Drei P-Formen
P=UI=I2R=U2/RP = U\,I = I^2 R = U^2/R. Alle drei äquivalent über Ohm. Wähle die mit nur bekannten Grössen.
Prüfungstipp 1kWh=3.6MJ1\,\mathrm{kWh} = 3.6\,\mathrm{MJ}
Stromzähler-Einheit. W=PtW = P\,t, in kWh\mathrm{kWh} wenn PP in kW\mathrm{kW} und tt in Stunden.

5.3 Leitergeometrie und Querschnitt

In Aufgaben ist der Drahtquerschnitt fast nie direkt gegeben, sondern über den Durchmesser dd. Bevor man R=ρl/AR = \rho\,l/A einsetzen kann, muss man daraus die Fläche AA rechnen. Für einen runden Draht ist das eine kleine, aber unverzichtbare Geometrie-Formel.

!
Querschnittsfläche eines runden Leiters
A=πd24A = \frac{\pi d^2}{4}
dd ist der Drahtdurchmesser. Vor dem Einsetzen in R=ρl/AR = \rho\,l/A daran denken: 1mm2=106m21\,\mathrm{mm^2} = 10^{-6}\,\mathrm{m^2}.

Worauf achten. Weil Ad2A \propto d^2, ist der Effekt des Durchmessers überproportional: verdoppelst du dd, vervierfachst du AA und viertelst damit den Widerstand pro Meter. Das ist der Grund, warum schon kleine Durchmesser-Unterschiede den Widerstand stark verändern.

Unten vier Kupferdrähte im Querschnitt mit Durchmessern von 0.5 bis 2.6 mm. Unter jedem stehen die Fläche A=πd2/4A = \pi d^2/4 und der Widerstand pro Meter für Kupfer. Vergleiche die vier: der doppelte Durchmesser ergibt die vierfache Fläche und nur ein Viertel des Widerstands pro Meter. Der Speed-Schieber regelt die kreisenden Elektronen im Inneren.

1.0
Abb. 19: Querschnittsfläche A=πd2/4A = \pi d^2/4
Formel Querschnitt rund
A=πd24A = \frac{\pi d^2}{4}
dd Drahtdurchmesser. Ad2A \propto d^2.
Prüfungstipp Erst AA, dann RR
Aus dem Durchmesser dd zuerst A=πd2/4A = \pi d^2/4 rechnen, in m2\mathrm{m^2} umrechnen, dann in R=ρl/AR = \rho\,l/A einsetzen.

5.4 Leistungsanpassung und Wirkungsgrad

Eine reale Quelle hat einen Innenwiderstand RiR_i. Wann gibt sie die meiste Leistung an eine externe Last RextR_{\text{ext}} ab? Und ist das dasselbe wie der beste Wirkungsgrad? Überraschenderweise nicht: maximale Leistung und maximaler Wirkungsgrad sind zwei verschiedene Optimierungsziele, die sich sogar ausschliessen.

Setup. Eine reale Quelle mit Quellspannung UQU_Q und Innenwiderstand RiR_i speist eine externe Last RextR_{\text{ext}}. Strom im Kreis (KVL): I=UQ/(Ri+Rext)I = U_Q/(R_i + R_{\text{ext}}). Spannung an der Last: UL=RextIU_L = R_{\text{ext}}\,I. Daraus die abgegebene Leistung an die Last:

!!
Leistung an externer Last
Pext(R)=UQ2R(R+Ri)2P_{\text{ext}}(R) = \frac{U_Q^2\,R}{(R+R_i)^2}
R=RextR = R_{\text{ext}}, RiR_i Innenwiderstand der Quelle, UQU_Q Quellspannung. Funktion von RR allein, da UQU_Q und RiR_i Quellen-Eigenschaften sind.

Maximum bestimmen. Ableiten nach RR und null setzen: dPextdR=UQ2RiR(R+Ri)3\frac{dP_{\text{ext}}}{dR} = U_Q^2 \cdot \frac{R_i - R}{(R+R_i)^3}. Null genau bei R=RiR = R_i (Impedanzanpassung). Zweite Ableitung negativ, also Maximum. Eingesetzt:

!!!
Maximale Last-Leistung (Impedanzanpassung)
Pmax=UQ24RibeiRext=RiP_{\max} = \frac{U_Q^2}{4\,R_i} \quad \text{bei}\quad R_{\text{ext}} = R_i
Maximum hängt nur von Quellen-Eigenschaften ab. Bei jeder anderen Last gilt Pext<PmaxP_{\text{ext}} < P_{\max}.
!!
Wirkungsgrad
η=PextPges=RextRi+Rext\eta = \frac{P_{\text{ext}}}{P_{\text{ges}}} = \frac{R_{\text{ext}}}{R_i + R_{\text{ext}}}
Pges=UQIP_{\text{ges}} = U_Q\,I ist die gesamte gelieferte Leistung. Differenz PgesPext=RiI2P_{\text{ges}} - P_{\text{ext}} = R_i\,I^2 wird in RiR_i verheizt.

Der Trade-off. Bei Impedanzanpassung (Rext=RiR_{\text{ext}} = R_i) ist η=50%\eta = 50\,\%: genau die Hälfte der Energie geht in RiR_i verloren (die Batterie wird heiss). Will man hohen Wirkungsgrad, muss RextRiR_{\text{ext}} \gg R_i sein, aber dann ist die abgegebene Leistung klein. Will man maximale Leistung, ist Rext=RiR_{\text{ext}} = R_i, aber Wirkungsgrad nur 50 Prozent. Beide Ziele schliessen sich gegenseitig aus.

Im Plot unten ist die blaue Kurve die an die Last abgegebene Leistung Pext(R)P_{\text{ext}}(R), die grüne gestrichelte der Wirkungsgrad η\eta. Schieb RR: der Arbeitspunkt wandert, und genau bei R=RiR = R_i (goldener Marker) ist PextP_{\text{ext}} maximal, der Wirkungsgrad aber nur 50 Prozent. Schiebst du RiR_i, wandert das Maximum mit. Die Live-Werte stehen im Readout.

R 1.00 Ω
Pext 9.00 W
η 50.0 %
Pmax 9.00 W
1.0
1.0
Abb. 20: Pext(R)P_{\text{ext}}(R)-Kurve mit Wirkungsgrad
Definition Wirkungsgrad η\eta
Verhältnis abgegebener zu gesamter Leistung: η=Pext/Pges\eta = P_{\text{ext}}/P_{\text{ges}}. Dimensionslos, oft in Prozent.
Notation RextR_{\text{ext}}, RiR_i
RextR_{\text{ext}} externe Last (Verbraucher), RiR_i Innenwiderstand der Quelle. UQU_Q Quellspannung.
Merke Trade-off Leistung gegen Wirkungsgrad
Maximale Leistung: η=50%\eta = 50\,\%. Maximaler Wirkungsgrad: P0P \to 0. Beide Ziele schliessen sich aus.
Formel PmaxP_{\max} bei R=RiR = R_i
Pmax=UQ24RiP_{\max} = \frac{U_Q^2}{4\,R_i}
Hängt nur von Quellen-Eigenschaften ab.

6Strom- und Spannungsmessung

6.1 Amperemeter, Voltmeter und Belastungsfehler

Wie misst du Strom und Spannung in einem Stromkreis, ohne genau das zu verfälschen, was du messen willst? Mit einem Amperemeter beziehungsweise Voltmeter. Beide Geräte haben einen endlichen Innenwiderstand, der das Messobjekt verändert. Daraus entsteht der Belastungsfehler, den man verstehen muss, um ihn klein zu halten.

Amperemeter. Misst den Strom durch einen Zweig. Wird in Reihe in den Strompfad geschaltet. Der Innenwiderstand RAR_A muss klein sein, damit der zusätzliche Spannungsabfall vernachlässigbar bleibt. Idealfall: RA=0R_A = 0.

Voltmeter. Misst die Spannung zwischen zwei Knoten. Wird parallel zum Bauteil geschaltet. Der Innenwiderstand RVR_V muss gross sein, damit der Querstrom durchs Voltmeter vernachlässigbar bleibt. Idealfall: RVR_V \to \infty.

!!
Belastungsfehler Amperemeter
Imess=UR+RA=I0RR+RAI_{\text{mess}} = \frac{U}{R + R_A} = I_0 \cdot \frac{R}{R + R_A}
I0=U/RI_0 = U/R ist der ungestörte Strom (ohne Amperemeter). Der gemessene Strom ist um den Faktor R/(R+RA)<1R/(R+R_A) < 1 kleiner. Für RARR_A \ll R vernachlässigbar.
!!
Voltmeter parallel zu Widerstand RR
Reff=RRVR+RVR_{\text{eff}} = \frac{R\,R_V}{R + R_V}
Effektiver Widerstand des Bündels RR parallel zu RVR_V. Für RVRR_V \gg R: ReffRR_{\text{eff}} \approx R (kein Belastungseffekt). Für RVRR_V \sim R: deutliche Verfälschung.

Vergleichsbeispiel. Strom durch einen 100-Ω\Omega-Widerstand bei 10 V. Ungestört: I0=10/100=0.1I_0 = 10/100 = 0.1 A. Mit Amperemeter RA=1ΩR_A = 1\,\Omega: Imess=10/1010.099I_{\text{mess}} = 10/101 \approx 0.099 A (1 Prozent Fehler). Mit billigem Voltmeter RV=1kΩR_V = 1\,\mathrm{k}\Omega parallel zum Widerstand: Reff=1001000/(100+1000)91ΩR_{\text{eff}} = 100\cdot 1000/(100+1000) \approx 91\,\Omega, also 9 Prozent Fehler. Lehre: das Voltmeter braucht RVRR_V \gg R, sonst stimmt die Messung nicht.

Unten ein Messaufbau: 9-V-Batterie, 1-kΩ-Widerstand, ein Amperemeter A1 in Reihe und ein Voltmeter V1 parallel zum Widerstand. Zieh RAR_A hoch (schlechtes Amperemeter) oder RVR_V herunter (schlechtes Voltmeter) und beobachte im Readout, wie der Belastungsfehler ΔI/I0\Delta I/I_0 bzw. ΔU/UR\Delta U/U_R wächst. Ideal ist RA0R_A \to 0 und RVR_V \to \infty.

RA 1.0 Ω
RV 100 kΩ
Imess 9.08 mA
ΔI/I₀ 0.90 %
UR 8.991 V
ΔU/UR° -0.01 %
Ideal RA=0, RV→∞
1.0
100
1.0
Abb. 21: Multimeter-Aufbau
Definition Amperemeter
Strommessgerät. In Reihe in den Zweig schalten. Innenwiderstand RAR_A klein (idealerweise null).
Definition Voltmeter
Spannungsmessgerät. Parallel zum Bauteil schalten. Innenwiderstand RVR_V gross (idealerweise unendlich).
Merke Reihe gegen Parallel
Amperemeter in Reihe (Strom muss durch). Voltmeter parallel (Spannung wird abgegriffen). Verwechslung zerstört das Messgerät.
Prüfungstipp Vorsicht bei Amperemeter
Falsch parallel geschaltet (Kurzschluss, RAR_A klein) brennt sofort durch. Erst Schaltung prüfen, dann einschalten.

7Wheatstone-Brücke

7.1 Brückenschaltung und Abgleichbedingung

Wie misst man einen Widerstand sehr genau, ohne sich auf die Skalen von Strom- und Spannungsmessern verlassen zu müssen? Mit einem Vergleich gegen bekannte Widerstände. Genau das macht die Wheatstone-Brücke: sie stellt zwei Spannungsteiler nebeneinander und sucht den Punkt, an dem beide gleich teilen.

Setup. Die Quelle mit Spannung U0U_0 speist die Schaltung. Oberer Pfad: R1R_1 und R2R_2 in Serie, mit Mittelpunkt aa. Unterer Pfad: R3R_3 und R4R_4 in Serie, mit Mittelpunkt bb. Beide Pfade hängen am gleichen Knotenpaar; die Brücken-Diagonale verbindet aa und bb über ein Galvanometer (oder ein hochohmiges Voltmeter). Die Brücke heisst abgeglichen, wenn das Galvanometer null anzeigt, also φa=φb\varphi_a = \varphi_b.

!!!
Abgleichbedingung
R1R4=R2R3R_1 \cdot R_4 = R_2 \cdot R_3
Gilt genau dann, wenn das Galvanometer null anzeigt. Äquivalent: R1/R2=R3/R4R_1/R_2 = R_3/R_4, also gleiche Spannungsteiler-Verhältnisse in beiden Pfaden.

In Worten: die Brücke ist genau dann abgeglichen, wenn das Produkt der diagonal gegenüberliegenden Widerstände gleich ist. Herleitung über den Spannungsteiler aus 4.3: das Potential am Mittelpunkt aa ist φa=U0R2/(R1+R2)\varphi_a = U_0\cdot R_2/(R_1+R_2), analog φb=U0R4/(R3+R4)\varphi_b = U_0\cdot R_4/(R_3+R_4). Gleichsetzen und umformen liefert direkt R1R4=R2R3R_1\,R_4 = R_2\,R_3. Keine neue Physik nötig.

!!
Unbekannten Widerstand bestimmen
Rx=R3R2R1R_x = R_3 \cdot \frac{R_2}{R_1}
Setzt Rx=R4R_x = R_4 als unbekannt voraus. R3R_3 ist ein Vergleichsnormal (genau bekannt), R1/R2R_1/R_2 ein einstellbares Verhältnis. Im abgeglichenen Zustand folgt RxR_x direkt aus den drei bekannten Widerständen.

Praxis. Man stellt R3R_3 (Vergleichsnormal) und das Verhältnis R1/R2R_1/R_2 ein, bis das Galvanometer null anzeigt. Aus den drei bekannten Widerständen folgt RxR_x präzise. Vorteil gegenüber der direkten Messung mit Amperemeter und Voltmeter: kein Strom-/Spannungs-Messfehler, weil der Abgleichpunkt eine Nullbedingung ist (Vergleichsmessung statt Absolutmessung). Die Genauigkeit hängt nur von den drei bekannten Widerständen und der Empfindlichkeit des Galvanometers ab.

Unten die vier Widerstände in Brückenkonfiguration, ein Voltmeter in der Diagonale. Zieh die vier Schieber: solange R1R4=R2R3R_1\cdot R_4 = R_2\cdot R_3 gilt, zeigt die Diagonale null und das grüne BALANCED erscheint. Sobald du eines verstimmst, fliesst ein Diagonalstrom und der Readout für VdiagV_{\text{diag}} schlägt aus.

R₁·R₄ 1.00·10⁶
R₂·R₃ 1.00·10⁶
Diff 0.00·10⁶
φ(a) 6.00 V
φ(b) 6.00 V
Vdiag 0.0000 V
Status balanced ✓
1000
1000
1000
1000
1.0
Abb. 22: Wheatstone-Brücke
Definition Wheatstone-Brücke
Vier-Widerstand-Schaltung zur präzisen Widerstandsmessung über Nullabgleich des Galvanometers.
Notation R1,R2,R3,R4R_1, R_2, R_3, R_4
R1,R2R_1, R_2 oberer Pfad; R3,R4R_3, R_4 unterer Pfad. φa,φb\varphi_a, \varphi_b Potentiale der Mittelpunkte. Galvanometer misst φaφb\varphi_a - \varphi_b.
Merke Abgleichbedingung
R1R4=R2R3R_1\,R_4 = R_2\,R_3 (Produkt der diagonal gegenüberliegenden Widerstände gleich).
Formel RxR_x bestimmen
Rx=R3R2R1R_x = R_3\,\frac{R_2}{R_1}
Vergleichsmessung über Nullabgleich.

Aufgaben mit Musterlösungen

Acht Aufgaben quer durch das Kapitel, von der Driftgeschwindigkeit bis zur Wheatstone-Brücke. Kreuze deine Antwort an und prüfe sie; danach klappt die vollständige Musterlösung mit Rechenweg auf. Tipp: erst selbst rechnen, dann nachlesen.

Aufgabe 1

Zwei Kupferdrähte mit Durchmessern d1=2.6mmd_1 = 2.6\,\mathrm{mm} und d2=1.6mmd_2 = 1.6\,\mathrm{mm} sind hintereinander verschweisst und werden von einem Strom I=15AI = 15\,\mathrm{A} durchflossen. Nimm an, dass jedes Kupferatom genau ein freies Leitungselektron beisteuert (Teilchendichte n=8.51028m3n = 8.5\cdot 10^{28}\,\mathrm{m^{-3}}). Wie gross ist die Driftgeschwindigkeit vdv_d der Elektronen im dickeren Abschnitt (d1=2.6mmd_1 = 2.6\,\mathrm{mm})?

Aufgabe 2

Durch einen l=10ml = 10\,\mathrm{m} langen Draht mit Widerstand R=0.20ΩR = 0.20\,\Omega fliesst ein Strom I=5.0AI = 5.0\,\mathrm{A}. Wie gross ist die elektrische Feldstärke EE im Draht?

Aufgabe 3

Bei welcher Temperatur TT hat ein Kupferdraht einen um 10%10\,\% grösseren Widerstand als bei 20C20\,^\circ\mathrm{C}? (Temperaturkoeffizient α=3.9103C1\alpha = 3.9\cdot 10^{-3}\,^\circ\mathrm{C}^{-1}.)

Aufgabe 4

Eine Brücke besteht aus vier gleichen Widerständen RR: zwei in Reihe vom Knoten aa über cc nach bb, zwei weitere in Reihe von aa über dd nach bb. Wie gross ist der Ersatzwiderstand zwischen aa und bb, und was passiert, wenn man einen fünften Widerstand RR zwischen cc und dd einfügt?

Aufgabe 5

In einer Masche liegen zwei ideale Batterien und zwei Widerstände in Reihe: U1=12VU_1 = 12\,\mathrm{V} und U2=6.0VU_2 = 6.0\,\mathrm{V} wirken einander entgegen, dazu R1=2.0ΩR_1 = 2.0\,\Omega und R2=4.0ΩR_2 = 4.0\,\Omega. Wie gross ist der Strom II im Kreis?

Aufgabe 6

Eine reale Batterie mit Quellspannung UQ=6.0VU_Q = 6.0\,\mathrm{V} und Innenwiderstand Ri=0.30ΩR_i = 0.30\,\Omega speist eine Last RR. Wie gross ist die an die Last R=5.0ΩR = 5.0\,\Omega abgegebene Leistung?

Aufgabe 7

Der Zeiger eines Galvanometers schlägt voll aus, wenn ein Strom IG=50.0μAI_G = 50.0\,\mu\mathrm{A} fliesst; der Spannungsabfall über dem Gerät beträgt dann UG=0.250VU_G = 0.250\,\mathrm{V}. Wie gross ist der Innenwiderstand RGR_G des Galvanometers?

Aufgabe 8

Dasselbe Galvanometer (IG=50.0μAI_G = 50.0\,\mu\mathrm{A} bei UG=0.250VU_G = 0.250\,\mathrm{V} Vollausschlag) soll zum Amperemeter für Ströme bis I=100mAI = 100\,\mathrm{mA} werden. Dazu schaltet man einen Widerstand R1R_1 parallel zum Messwerk (Shunt). Wie gross muss R1R_1 sein?
MerkeErst selbst rechnen, dann Lösung prüfen!
Variablen-Glossar (11 Einträge)
II Stromstärke, Ladung pro Zeit A
jj Stromdichte, Strom pro Querschnittsfläche A/m²
QQ elektrische Ladung C
nn Teilchendichte (Ladungsträger pro Volumen) 1/m³
ee Elementarladung C
vdv_d Driftgeschwindigkeit der Träger m/s
UU elektrische Spannung (Potentialdifferenz) V
RR elektrischer Widerstand Ω
ρ\rho spezifischer Widerstand (auch: Volumenladungsdichte) Ω·m
σ\sigma Leitfähigkeit (auch: Flächenladungsdichte) S/m
PP elektrische Leistung W