1Was ist Knicken?

1.1 Warum knickt ein Lineal, lange bevor es bricht?

Nimm ein dünnes Stahllineal und drück es an beiden Enden in Längsrichtung zusammen. Erst tut sich gar nichts: das Lineal bleibt schnurgerade und wird nur ein winziges Stück kürzer. Du erhöhst die Kraft, immer noch nichts, und dann passiert auf einen Schlag etwas Dramatisches: das Lineal biegt sich seitlich weg und wölbt sich zu einem Bogen. Es ist nicht zerbrochen, das Material ist völlig intakt. Es ist geknickt. Genau dasselbe siehst du an einem Trinkhalm, einer langen Spaghetti oder einer dünnen Stütze unter Dachlast.

Das Verblüffende: das passiert weit unterhalb der Bruchgrenze. Die Druckspannung im Lineal beim Knicken ist viel kleiner als die Spannung, bei der Stahl zerquetscht würde. Das Bauteil versagt also nicht, weil das Material überfordert ist, sondern weil seine gerade Form instabil wird. Das ist ein ganz neuer Versagenstyp, den wir in den Kapiteln 1 bis 12 noch nie hatten.

Festigkeit gegen Stabilität. Bisher hiess Versagen immer: die Spannung wird zu gross, das Material fliesst oder bricht (Festigkeits-Versagen, Kap. 5). Beim Knicken ist die Spannung harmlos. Was versagt, ist das Gleichgewicht der geraden Form. Wir nennen das Stabilitäts-Versagen. Ein schlanker Druckstab kann also auf zwei völlig verschiedene Arten versagen, und Knicken ist oft die gefährlichere, weil sie früher kommt.

Die zwei Grössen, um die sich alles dreht. Wir drücken den Stab mit einer axialen Druckkraft FF (ein Betrag, immer positiv gezählt). Wenn er ausweicht, beschreibt die seitliche Auslenkung v(x)v(x), wie weit sich der Stab an der Stelle xx aus seiner geraden Achse herausbiegt. Solange v(x)=0v(x) = 0 ist, steht der Stab gerade; sobald v(x)0v(x) \neq 0 wird, ist er geknickt. Die ganze Theorie sucht den Wert von FF, bei dem das Geradebleiben kippt.

Notation Notation: FF, v(x)v(x)
FF = axiale Druckkraft (Betrag, positiv gezählt). v(x)v(x) = seitliche Auslenkung der Stabachse an der Stelle xx. Gerade Form: v(x)=0v(x) = 0.
Merke Zwei Versagenstypen
Festigkeit: Spannung zu gross (Kap. 5). Stabilität: gerade Form kippt (Knicken). Immer den kritischeren Fall nehmen.

1.2 Stabiles, indifferentes und instabiles Gleichgewicht

Stell dir eine Kugel auf drei verschiedenen Untergründen vor. In einer Schüssel (Mulde) liegt die Kugel am tiefsten Punkt. Stösst du sie an, rollt sie zurück in die Mitte: das Gleichgewicht ist stabil. Auf einer ebenen Platte bleibt die Kugel einfach liegen, wo du sie hinschiebst: indifferentes Gleichgewicht. Auf der Kuppe eines Hügels balanciert die Kugel nur theoretisch; der kleinste Stoss lässt sie davonrollen: das Gleichgewicht ist instabil.

Genau dieses Bild beschreibt den Druckstab. Stör den geraden Stab durch einen winzigen seitlichen Schubs und schau, was passiert. Bei kleiner Druckkraft FF federt der Stab in die gerade Lage zurück, wie die Kugel in der Schüssel: die gerade Form ist stabil. Steigerst du FF, wird das Rückstellen immer schwächer. Bei einem ganz bestimmten Wert, der kritischen Last FkritF_{\text{krit}}, kehrt der Stab nicht mehr zurück und bleibt in der ausgelenkten Lage stehen: indifferent, wie die Kugel auf der Platte. Über FkritF_{\text{krit}} hinaus drückt jede kleine Störung den Stab immer weiter weg, die gerade Form ist instabil, und er knickt aus.

FkritF_{\text{krit}} ist die Grenze zwischen gerade und krumm. Diese kritische Last (man nennt sie auch Verzweigungslast, weil sich dort der gerade und der gebogene Lösungsast verzweigen) ist die zentrale Grösse des ganzen Kapitels. Liegt die wirkende Druckkraft darunter, ist der Stab sicher; erreicht sie FkritF_{\text{krit}}, knickt er.

Notation Notation: FkritF_{\text{krit}}
Kritische Last (auch Verzweigungslast). Die Druckkraft, bei der die gerade Form ihre Stabilität verliert. Einheit [Fkrit]=[F_{\text{krit}}] = N.
Merke Drei Gleichgewichtszustände
Kugel in der Mulde = stabil (F<FkritF < F_{\text{krit}}). Kugel auf der Platte = indifferent (F=FkritF = F_{\text{krit}}). Kugel auf der Kuppe = instabil (F>FkritF > F_{\text{krit}}).

1.3 Woher diese Formeln kommen: ein Hinweis zur Quelle

Ein ehrliches Wort vorab, von einem Mitstudenten an dich. Die Vorlesungsunterlagen zu Mechanik II behandeln das Knicken nicht im Detail. Die Resultate auf dieser Seite sind die klassische Knicktheorie nach Leonhard Euler (1744), das Standardresultat in jeder Festigkeitslehre und in jedem Maschinenbau-Lehrbuch. Sie sind sauber hergeleitet und überall anerkannt, aber sie stammen nicht aus dem Stoff, den wir in der Vorlesung gesehen haben.

Warum dieser Hinweis wichtig ist. In dieser Vorlesung zählt am Schluss die Konvention der Vorlesung. Eine andere Schreibweise für die Knicklänge, ein anderer Sicherheitsbeiwert oder eine leicht abweichende Definition könnten in der Prüfung erwartet werden. Nimm die folgenden Formeln also als das, was sie sind: das verlässliche Standard-Werkzeug, mit dem du das Phänomen verstehst und rechnest, aber gleiche es kurz mit den Knick-Folien der Vorlesung ab, sobald sie verfügbar sind.

Prüfungstipp Klassisches Standardresultat
Die Euler-Formeln dieser Seite sind das anerkannte Standard-Werkzeug (Euler 1744), aber nicht aus dem Vorlesungsstoff. Gegen die Knick-Folien der Vorlesung verifizieren.

2Die Euler-Knicklast

2.1 Wie entsteht die Knickgleichung aus der Biegung?

Frage: Was passiert, wenn der leicht verbogene Stab unter Druck steht? Denk dir den Stab nicht als perfekt gerade, sondern um eine winzige Auslenkung v(x)v(x) seitlich ausgelenkt. Die Druckkraft FF greift oben und unten an. Weil der Stab jetzt seitlich versetzt ist, hat die Kraft einen Hebelarm: an der Stelle xx erzeugt sie ein Biegemoment M=Fv(x)M = F \cdot v(x). Die Kraft wirkt also wie eine Hand, die den schon verbogenen Stab noch weiter krümmt.

Hier steckt die gefährliche Rückkopplung. Mehr Auslenkung vv heisst mehr Moment M=FvM = F\,v, mehr Moment heisst mehr Krümmung, mehr Krümmung heisst noch mehr Auslenkung. Solange FF klein ist, fängt sich diese Schleife (der Stab bleibt gerade). Wird FF gross genug, schaukelt sie sich auf, und der Stab knickt.

Verknüpfen mit der Biege-Differentialgleichung. Aus Kap. 6 kennen wir den Zusammenhang zwischen Krümmung und Biegemoment, EIv(x)=M(x)E\,I\,v''(x) = M(x), mit der Biegesteifigkeit EIE\,I (Elastizitätsmodul mal Flächenträgheitsmoment). Setzen wir das Knickmoment M=FvM = -F\,v ein (das Vorzeichen sorgt dafür, dass die Kraft rückstellend gegen die Auslenkung wirkt), entsteht eine geschlossene Gleichung, in der nur noch vv und ihre zweite Ableitung stehen. Das ist die Knickgleichung.

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Knickgleichung (homogene Biege-DGL unter Druck)
EIv(x)+Fv(x)=0v(x)+FEIv(x)=0E\,I\,v''(x) + F\,v(x) = 0 \quad\Leftrightarrow\quad v''(x) + \frac{F}{E\,I}\,v(x) = 0
Klassischer Euler-Ansatz. EIE\,I = Biegesteifigkeit aus Kap. 6. Die Gleichung ist homogen: v(x)=0v(x) = 0 ist immer eine Lösung (der gerade Stab).
Notation Notation: EIE\,I
Biegesteifigkeit: Elastizitätsmodul EE mal Flächenträgheitsmoment II. Je grösser, desto schwerer biegt sich der Stab. Siehe Kap. 6.

2.2 Die kritische Last FkritF_{\text{krit}}

Frage: Bei welcher Kraft hat die Knickgleichung eine ausgelenkte Lösung? Wir lösen die Gleichung v+(F/EI)v=0v'' + (F/EI)\,v = 0 für den einfachsten Fall: einen Stab der Länge LL, der an beiden Enden gelenkig gelagert ist (er kann sich an beiden Enden frei drehen, aber nicht seitlich verschieben). Die Lagerung verlangt v(0)=0v(0) = 0 und v(L)=0v(L) = 0: an beiden Enden ist die Auslenkung null.

Die Lösung ist eine Sinus-Halbwelle. Die Gleichung wird von v(x)=Csin(F/EI  x)v(x) = C\,\sin(\sqrt{F/EI}\;x) gelöst. Die Randbedingung v(L)=0v(L) = 0 erzwingt, dass der Sinus bei x=Lx = L wieder null wird. Das geht nur, wenn das Argument ein ganzzahliges Vielfaches von π\pi ist. Die kleinste nicht-triviale Möglichkeit ist eine einzige Halbwelle, die genau zwischen die beiden Lager passt:

Knickeigenform (gelenkig-gelenkig, erste Mode)
v(x)=Csin ⁣(πxL)v(x) = C\,\sin\!\left(\frac{\pi\,x}{L}\right)
Halbe Sinuswelle: null an beiden Enden (x=0x = 0 und x=Lx = L), maximal in der Mitte. CC ist eine beliebige (kleine) Amplitude, sie bleibt unbestimmt.

Daraus fällt die kritische Last heraus. Setzt man diese Eigenform in die Knickgleichung ein, liefert die zweite Ableitung den Faktor (π/L)2(\pi/L)^2, und der Vergleich mit F/EIF/EI ergibt direkt die gesuchte Kraft. Es ist die berühmte Euler-Knicklast für den beidseitig gelenkigen Stab.

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Euler-Knicklast (Fall 2, beidseitig gelenkig)
Fkrit=π2EIL2F_{\text{krit}} = \frac{\pi^2\,E\,I}{L^2}
Die kritische Druckkraft des beidseitig gelenkigen Stabes. EIE\,I = Biegesteifigkeit, LL = Stablänge.

Warum nur die erste Halbwelle zählt. Mathematisch erlaubt die Randbedingung auch zwei, drei oder nn Halbwellen; jede gehört zu einer höheren Last Fn=n2π2EI/L2F_n = n^2\,\pi^2 E I / L^2. Aber der Stab knickt schon bei der kleinsten dieser Lasten aus, und das ist n=1n = 1. Die höheren Moden (n=2,3,n = 2, 3, \dots) sind nur erreichbar, wenn man den Stab künstlich daran hindert, in der ersten Mode auszuweichen. Physikalisch relevant ist daher fast immer n=1n = 1, also Fkrit=π2EI/L2F_{\text{krit}} = \pi^2 E I / L^2.

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Höhere Knickmoden (zur Einordnung)
Fn=n2π2EIL2,n=1,2,3,F_n = \frac{n^2\,\pi^2\,E\,I}{L^2}, \qquad n = 1, 2, 3, \dots
nn = Anzahl der Sinus-Halbwellen. n=1n = 1 gibt die kleinste und damit die kritische Last; höhere Moden treten praktisch nicht von selbst auf.
Formel Euler-Knicklast
Fkrit=π2EIL2F_{\text{krit}} = \frac{\pi^2\,E\,I}{L^2}
Kritische Last des beidseitig gelenkigen Stabes. I=IminI = I_{\min}.
Notation Notation: I=IminI = I_{\min}
II in der Knickformel ist das kleinste Hauptträgheitsmoment IminI_{\min}, denn der Stab knickt um die weiche Achse. Nicht das polare IpI_p aus Kap. 9.

3Die vier Euler-Fälle: Knicklänge

3.1 Warum die Lagerung alles ändert

Frage: Spielt es eine Rolle, ob die Enden eingespannt oder gelenkig sind? Sehr sogar. Stell dir denselben Stab einmal an beiden Enden fest eingespannt (wie ein Träger, der oben und unten einbetoniert ist) und einmal unten eingespannt, oben frei (wie ein Fahnenmast). Beide knicken bei völlig verschiedenen Lasten, obwohl Material, Länge und Querschnitt gleich sind. Der Unterschied steckt allein in der Lagerung.

Der Trick: die Knicklänge LkL_k. Statt für jede Lagerung eine neue Formel herzuleiten, führt man eine einzige effektive Länge ein. Die Knicklänge LkL_k ist die Länge derjenigen gelenkig-gelenkigen Sinus-Halbwelle, die zur tatsächlichen Knickform passt. Anders gesagt: man misst, über welche Strecke sich die geknickte Form wie eine reine Halbwelle verhält, und nennt diese Strecke LkL_k. Dann gilt die Euler-Formel von Sec. 2 unverändert, man ersetzt nur LL durch LkL_k.

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Allgemeine Euler-Knicklast mit Knicklänge
Fkrit=π2EILk2F_{\text{krit}} = \frac{\pi^2\,E\,I}{L_k^2}
LkL_k = effektive Knicklänge, hängt nur von der Lagerung ab. Beim beidseitig gelenkigen Stab ist Lk=LL_k = L, dann ist es wieder die Formel aus Sec. 2.

Die vier klassischen Lagerungsfälle. Euler hat vier Standardfälle durchgerechnet. Jeder hat seinen eigenen Faktor zwischen LkL_k und der geometrischen Länge LL. Die folgende Tabelle fasst sie zusammen; in der dritten Spalte steht, um welchen Faktor die Knicklast gegenüber dem gelenkig-gelenkigen Fall (unserem Bezugsfall mit F2=π2EI/L2F_2 = \pi^2 E I / L^2) steigt oder fällt.

Lagerung LkL_k FkritF_{\text{krit}} relativ
Eingespannt, frei (Kragstab) 2L2\,L 0,25F20{,}25\,F_2
Gelenkig, gelenkig LL 1,0F21{,}0\,F_2
Eingespannt, gelenkig 0,7L\approx 0{,}7\,L 2,0F2\approx 2{,}0\,F_2
Eingespannt, eingespannt 0,5L0{,}5\,L 4,0F24{,}0\,F_2
Die vier Euler-Fälle. LL = geometrische Stablänge, LkL_k = effektive Knicklänge, F2F_2 = Knicklast des gelenkig-gelenkigen Falls.
Notation Notation: LkL_k
Knicklänge (freie Knicklänge). Länge der äquivalenten gelenkig-gelenkigen Sinus-Halbwelle, Lk=cLL_k = c\,L mit dem Lagerungsfaktor cc. Einheit [Lk]=[L_k] = mm.
Merke Die vier Faktoren
Lk=2LL_k = 2L (eingespannt-frei), Lk=LL_k = L (gelenkig-gelenkig), Lk0,7LL_k \approx 0{,}7\,L (eingespannt-gelenkig), Lk=0,5LL_k = 0{,}5\,L (eingespannt-eingespannt).
Formel Allgemeine Form
Fkrit=π2EILk2F_{\text{krit}} = \frac{\pi^2\,E\,I}{L_k^2}
Nur LkL_k ändert sich mit der Lagerung, der Rest bleibt gleich.

4Schlankheit und kritische Spannung

4.1 Vom Trägheitsmoment zum Trägheitsradius

Frage: Wie fasst man Grösse und Form eines Querschnitts in einer einzigen Längenzahl zusammen? Das Flächenträgheitsmoment II hat die unhandliche Einheit mm⁴ und vermischt Fläche und Formverteilung. Für die Knickbeurteilung ist es praktischer, beides in eine reine Länge zu pressen. Diese Länge ist der Trägheitsradius ii.

Anschauung. Der Trägheitsradius beantwortet die Frage: In welchem Abstand von der Achse müsste man die gesamte Querschnittsfläche zu einem dünnen Ring konzentrieren, damit derselbe Wert von II herauskommt? Ein grosses ii heisst also: das Material sitzt im Mittel weit von der Achse weg (wie bei einem Rohr). Ein kleines ii heisst: das Material klumpt nahe der Achse (wie bei einem Vollstab). Formal ist ii die Wurzel aus dem Verhältnis von Trägheitsmoment zu Fläche.

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Trägheitsradius
i=IAi = \sqrt{\frac{I}{A}}
I=IminI = I_{\min} (kleinstes Hauptträgheitsmoment, dieselbe Achse wie bei FkritF_{\text{krit}}), AA = Querschnittsfläche. Einheit [i]=[i] = mm.
Notation Notation: ii
Trägheitsradius, i=I/Ai = \sqrt{I/A} mit I=IminI = I_{\min}. Reine Länge (mm), fasst Querschnittsgrösse und -form in einer Zahl zusammen.

4.2 Der Schlankheitsgrad λ\lambda

Frage: Wann ist ein Stab schlank genug, um zu knicken? Wir haben bisher zwei Längen: die Knicklänge LkL_k (wie lang ist der Stab effektiv?) und den Trägheitsradius ii (wie dick und gut verteilt ist der Querschnitt?). Es liegt nahe, beide ins Verhältnis zu setzen. Genau das ist der Schlankheitsgrad λ\lambda: eine einzige dimensionslose Zahl, die über die Knickgefahr entscheidet.

Anschauung. Der Schlankheitsgrad sagt, wie oft der Trägheitsradius in die Knicklänge passt. Ein langer, dünner Stab (grosses LkL_k, kleines ii) hat ein grosses λ\lambda und ist stark knickgefährdet. Ein kurzer, dicker Stab hat ein kleines λ\lambda und knickt nicht, der wird eher gestaucht. λ\lambda ist also das Mass für die Schlankheit im wörtlichen Sinn.

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Schlankheitsgrad
λ=Lki\lambda = \frac{L_k}{i}
Dimensionslos. LkL_k = Knicklänge (Lagerung steckt drin), ii = Trägheitsradius. Gross = schlank = knickgefährdet.
Notation Notation: λ\lambda
Schlankheitsgrad, λ=Lk/i\lambda = L_k/i (dimensionslos). Hier kein Eigenwert, sondern das Mass für die Schlankheit des Druckstabes. Gross = knickgefährdet.
Merke Was λ\lambda entscheidet
Grosses λ\lambda = schlanker Stab = Euler-Knicken. Kleines λ\lambda = gedrungener Stab = Stauchen/Fliessen statt Knicken.

4.3 Kritische Spannung σkrit\sigma_{\text{krit}} und die Euler-Hyperbel

Frage: Welche Spannung herrscht im Stab im Moment des Knickens? Bisher haben wir die kritische Kraft FkritF_{\text{krit}}. Für den Vergleich mit Materialkennwerten brauchen wir die kritische Spannung. Die bekommt man, indem man die Knicklast durch die Querschnittsfläche teilt: σkrit=Fkrit/A\sigma_{\text{krit}} = F_{\text{krit}}/A. Setzt man Fkrit=π2EI/Lk2F_{\text{krit}} = \pi^2 E I / L_k^2 ein und benutzt die beiden Definitionen i2=I/Ai^2 = I/A und λ=Lk/i\lambda = L_k/i, kürzt sich die Geometrie zu einer überraschend einfachen Formel zusammen.

Die Rechnung in einem Schritt. Es ist σkrit=Fkrit/A=π2EI/(Lk2A)\sigma_{\text{krit}} = F_{\text{krit}}/A = \pi^2 E I / (L_k^2\,A). Mit I/A=i2I/A = i^2 wird der Bruch zu π2Ei2/Lk2=π2E/(Lk/i)2\pi^2 E\,i^2/L_k^2 = \pi^2 E/(L_k/i)^2, und Lk/iL_k/i ist gerade λ\lambda. Übrig bleibt:

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Kritische (Euler-)Spannung
σkrit=FkritA=π2Eλ2\sigma_{\text{krit}} = \frac{F_{\text{krit}}}{A} = \frac{\pi^2\,E}{\lambda^2}
Betrag der kritischen Druckspannung. Hängt nur noch von EE und vom Schlankheitsgrad λ\lambda ab, nicht mehr von der absoluten Grösse des Stabes.

Die Euler-Hyperbel. Trägt man σkrit\sigma_{\text{krit}} über λ\lambda auf, ergibt sich wegen des 1/λ21/\lambda^2 eine fallende Kurve, die Euler-Hyperbel. Je schlanker der Stab (grosses λ\lambda), desto kleiner die Spannung, bei der er knickt. Sehr schlanke Stäbe knicken also schon bei winzigen Spannungen.

Achtung beim Vorzeichen. Knicken ist ein Druck-Phänomen. In der Vorzeichen-Konvention dieser Vorlesung ist Druck negativ: die wirklich im Stab herrschende Normalspannung ist σx=N/A\sigma_x = N/A mit N<0N < 0, also negativ. Die kritische Spannung σkrit\sigma_{\text{krit}} dagegen ist ein Betrag (eine positive Kennzahl). Beim Nachweis vergleicht man deshalb den Betrag der wirkenden Druckspannung σx=N/A|\sigma_x| = |N|/A mit σkrit\sigma_{\text{krit}}: solange σx<σkrit|\sigma_x| < \sigma_{\text{krit}}, ist der Stab knicksicher.

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Wirkende Druckspannung im Stab
σx=NA,N<0  (Druck)\sigma_x = \frac{N}{A}, \qquad N < 0 \;\text{(Druck)}
Mech-II-Konvention: σ>0\sigma > 0 Zug, σ<0\sigma < 0 Druck. Knicken setzt Druck voraus, also N<0N < 0. Verglichen wird der Betrag σx|\sigma_x| mit σkrit\sigma_{\text{krit}}.
Formel Kritische Spannung
σkrit=π2Eλ2\sigma_{\text{krit}} = \frac{\pi^2\,E}{\lambda^2}
Betrag der Euler-Spannung. Fällt mit 1/λ21/\lambda^2 (Euler-Hyperbel).
Notation Notation: σkrit\sigma_{\text{krit}}
Kritische (Euler-)Spannung, ein Betrag. Die wirkende Druckspannung σx=N/A\sigma_x = N/A ist negativ (N<0N < 0); verglichen wird σx|\sigma_x| mit σkrit\sigma_{\text{krit}}.

4.4 Grenzschlankheit λgrenz\lambda_{\text{grenz}}: wo Euler aufhört zu gelten

Frage: Gilt die Euler-Formel immer? Nein, und das ist eine der wichtigsten Einsichten des Kapitels. Die ganze Herleitung steckte im Hookeschen Gesetz EIv=ME\,I\,v'' = M, das nur gilt, solange das Material elastisch bleibt, also unterhalb der Fliessgrenze σF\sigma_F. Sobald die Euler-Spannung σkrit\sigma_{\text{krit}} die Fliessgrenze σF\sigma_F überschreiten würde, fliesst das Material vorher, und die Euler-Formel ist nicht mehr gültig.

Die Grenze findet man durch Gleichsetzen. Der Übergang liegt genau dort, wo die kritische Knickspannung gerade die Fliessgrenze erreicht: σkrit=σF\sigma_{\text{krit}} = \sigma_F. Setzt man π2E/λ2=σF\pi^2 E/\lambda^2 = \sigma_F und löst nach λ\lambda auf, ergibt sich die Grenzschlankheit λgrenz\lambda_{\text{grenz}}, ein reiner Materialkennwert (er hängt nur von EE und σF\sigma_F ab).

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Grenzschlankheit
λgrenz=πEσF\lambda_{\text{grenz}} = \pi\,\sqrt{\frac{E}{\sigma_F}}
σF\sigma_F = Fliessgrenze des Materials (Kap. 5). Aus σkrit=σF\sigma_{\text{krit}} = \sigma_F, also π2E/λ2=σF\pi^2 E/\lambda^2 = \sigma_F. Trennt schlanke von gedrungenen Stäben.

Zwei Regime, eine Grenze. Die Grenzschlankheit teilt alle Druckstäbe in zwei Klassen. Ist λ>λgrenz\lambda > \lambda_{\text{grenz}}, ist der Stab schlank, die kritische Spannung bleibt unter der Fliessgrenze, und das elastische Euler-Knicken gilt: Fkrit=π2EI/Lk2F_{\text{krit}} = \pi^2 E I/L_k^2 ist massgebend. Ist λ<λgrenz\lambda < \lambda_{\text{grenz}}, ist der Stab gedrungen, er versagt durch Stauchen / Fliessen (oder unelastisches Knicken), bevor Euler greifen kann. Dann darf man die Euler-Last nicht verwenden, sie würde eine viel zu hohe und damit unsichere Tragfähigkeit vortäuschen.

Formel Grenzschlankheit
λgrenz=πEσF\lambda_{\text{grenz}} = \pi\,\sqrt{\frac{E}{\sigma_F}}
Aus σkrit=σF\sigma_{\text{krit}} = \sigma_F. Über λgrenz\lambda_{\text{grenz}}: Euler. Unter λgrenz\lambda_{\text{grenz}}: Fliessen.
Notation Notation: σF\sigma_F
Fliessgrenze des Materials (Festigkeitskennwert, Kap. 5). Nicht verwechseln mit σkrit\sigma_{\text{krit}} (Stabilitätskennwert aus der Geometrie).
Merke Zwei Regime
λ>λgrenz\lambda > \lambda_{\text{grenz}}: schlank, elastisches Euler-Knicken. λ<λgrenz\lambda < \lambda_{\text{grenz}}: gedrungen, Stauchen/Fliessen.

5Beispiel: knicksichere Auslegung einer Druckstütze

5.1 Beispiel: kritische Last und Schlankheit eines gelenkigen Stabes

Worum geht es? Wir ziehen den ganzen Kapitel-Stoff einmal an einem typischen Auslegungsfall durch: eine gerade Druckstütze der Länge LL aus einem Material mit Elastizitätsmodul EE und Fliessgrenze σF\sigma_F, an beiden Enden gelenkig gelagert, belastet durch eine axiale Druckkraft. Querschnittsfläche AA und kleinstes Hauptträgheitsmoment IminI_{\min} gelten als bekannt (aus Kap. 6). Gesucht ist, ob die Stütze knickt und bei welcher Last. Wir rechnen rein symbolisch, ohne Zahlen, damit der Weg klar bleibt; Zahlen setzt du ganz am Schluss ein.

Lösungsweg in 5 Schritten

  1. Schritt 1: Lagerung erkennen und Knicklänge bestimmen
    Die Lagerung legt die Knicklänge LkL_k fest. Beide Enden gelenkig ist der Bezugsfall 2.
    Für den beidseitig gelenkigen Stab ist die Knicklänge gleich der geometrischen Länge:
    Lk=LL_k = L
  2. Schritt 2: das massgebende Trägheitsmoment wählen
    Der Stab knickt um seine weiche Achse, also entscheidet das kleinste Hauptträgheitsmoment. Nie das grössere II und nie das polare IpI_p aus der Torsion nehmen.
    Massgebend ist I=IminI = I_{\min}, das kleinste Hauptträgheitsmoment des Querschnitts.
  3. Schritt 3: kritische Knicklast aufstellen
    Jetzt die Euler-Formel mit LkL_k und IminI_{\min} anschreiben.
    Fkrit=π2EIminLk2=π2EIminL2F_{\text{krit}} = \frac{\pi^2\,E\,I_{\min}}{L_k^2} = \frac{\pi^2\,E\,I_{\min}}{L^2}
  4. Schritt 4: Trägheitsradius und Schlankheitsgrad
    Für die Frage, ob Euler überhaupt gilt, brauchen wir die Schlankheit. Erst der Trägheitsradius, dann der Schlankheitsgrad.
    i=IminA,λ=Lki=Lii = \sqrt{\frac{I_{\min}}{A}}, \qquad \lambda = \frac{L_k}{i} = \frac{L}{i}
  5. Schritt 5: Euler oder Fliessen? Grenzschlankheit prüfen
    Vergleiche den Schlankheitsgrad λ\lambda mit der Grenzschlankheit λgrenz=πE/σF\lambda_{\text{grenz}} = \pi\sqrt{E/\sigma_F}. Erst dieser Vergleich sagt, welche Formel gilt.
    Ist λ>λgrenz\lambda > \lambda_{\text{grenz}}, gilt das elastische Euler-Knicken, und Fkrit=π2EImin/L2F_{\text{krit}} = \pi^2 E I_{\min}/L^2 ist massgebend (kritische Spannung σkrit=π2E/λ2\sigma_{\text{krit}} = \pi^2 E/\lambda^2). Ist λ<λgrenz\lambda < \lambda_{\text{grenz}}, versagt die Stütze durch Stauchen/Fliessen bei σx=σF|\sigma_x| = \sigma_F, und die Euler-Last darf nicht verwendet werden.
Merke Vorgehen in 5 Schritten
1. LkL_k aus Lagerung. 2. I=IminI = I_{\min}. 3. Fkrit=π2EImin/Lk2F_{\text{krit}} = \pi^2 E I_{\min}/L_k^2. 4. ii, dann λ=Lk/i\lambda = L_k/i. 5. λ\lambda gegen λgrenz\lambda_{\text{grenz}} prüfen.
Notation Einheiten-Check
EE, σF\sigma_F in N/mm² (MPa), II in mm⁴, AA in mm², Längen in mm \Rightarrow FkritF_{\text{krit}} in N, λ\lambda dimensionslos.

Aufgaben mit Musterlösungen

Aufgaben zum Knicken folgen. Die Übungsserien decken dieses Thema nicht ab (das Übungsmaterial endet bei Kapitel 12). Bis dahin: rechne die symbolische Druckstütze aus Sec. 5 mit eigenen Zahlen für ein Standardprofil durch (zum Beispiel einen Vollkreis oder ein Rohr, IminI_{\min} aus Kap. 6), bestimme Fkrit=π2EImin/Lk2F_{\text{krit}} = \pi^2 E I_{\min}/L_k^2 sowie den Schlankheitsgrad λ=Lk/i\lambda = L_k/i und prüfe mit der Grenzschlankheit λgrenz=πE/σF\lambda_{\text{grenz}} = \pi\sqrt{E/\sigma_F}, ob das elastische Euler-Knicken massgebend ist.

Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.

MerkeErst selbst rechnen, dann Lösung prüfen!