1Allgemeine Transformation und Jacobi-Matrix

1.1 Allgemeine Transformation und Jacobi-Matrix

V.2 hat das Polar-Flächenelement geometrisch hergeleitet, über Bogenlängen-Tortenstückchen. Aber was, wenn die Koordinaten nicht Polar sind? Eine Ellipse mit unterschiedlichen Halbachsen, ein schiefes Parallelogramm, ein Roboterarm mit zwei Gelenken, eine Kugelschicht in drei Dimensionen. Für jede dieser Situationen das geometrische Argument neu zu erfinden, ist mühsam und fehleranfällig. Wir brauchen eine allgemeine Methode.

Setup. Eine Koordinatentransformation in der Ebene ist eine Abbildung, die einem Paar neuer Variablen (u,v)(u, v) einen Punkt (x,y)(x, y) in der alten Ebene zuordnet. Mit der Vektor-Notation lautet das kompakt:

!!
Allgemeine Trafo in zwei Variablen
r⃗(u,v)=(x(u,v),  y(u,v))\vec{r}(u, v) = (x(u, v),\; y(u, v))
Mitschrift. (u,v)(u, v) sind die neuen Variablen, (x,y)(x, y) die alten. Spezialfall Polar: x(ρ,φ)=ρcos⁡(φ)x(\rho, \varphi) = \rho\cos(\varphi), y(ρ,φ)=ρsin⁡(φ)y(\rho, \varphi) = \rho\sin(\varphi).

Tilde-Konvention. Wie schon in IV.8 §2.1 und V.2 §1 markieren wir mit einem Tilde, dass eine Grösse in den neuen Variablen ausgewertet ist. Eine Funktion f(x,y)f(x, y) wird zu f~(u,v)=f(x(u,v), y(u,v))\tilde{f}(u, v) = f(x(u, v),\, y(u, v)), das Integrationsgebiet BB in den alten Variablen wird zu B~\tilde{B} in den neuen, mit B=r⃗(B~)B = \vec{r}(\tilde{B}). Wert identisch, Adresse anders.

Was kommt als nächstes. In §2 zeigen wir, dass das transformierte Flächenelement dF\mathrm{d}F einen Korrekturfaktor braucht, der wie in V.2 §2 für Polar geometrisch motiviert ist, jetzt aber für jede Trafo gilt. Dieser Faktor ist der Betrag der Determinante einer 2×22 \times 2-Matrix, der Jacobi-Matrix JJ. §3 zeigt, dass Polar als Spezialfall direkt herausfällt. §4 verallgemeinert auf drei Dimensionen, §5 und §6 spezialisieren auf Zylinder- und Kugelkoordinaten, §7 enthält die Anwendungen.

Notation JJ hat in V drei Bedeutungen
Pflicht: JJ in V.4 ist die Jacobi-Matrix der Trafo. Konflikt: J0J_0 (V.1 §5 und V.4 §3) ist polares Flächenträgheitsmoment, JJ (V.2 §4) ist Gauss-Integral-Wert. Drei verschiedene Objekte, Kontext entscheidet.
Notation r⃗\vec{r} vs rr
r⃗\vec{r} mit Pfeil == Trafo-Vektorfunktion (x(u,v),y(u,v))(x(u,v), y(u,v)). Skalares rr ohne Pfeil bekommt in §3 (Roboterarm-Segment), §6 (Kugel-Radius) und §7 (Grav-Integrationsvariable) andere Rollen. Pfeil entscheidet.
Notation Tilde-Konvention
f~(u,v):=f(x(u,v), y(u,v))\tilde{f}(u,v) := f(x(u,v),\, y(u,v)), B~\tilde{B} ist Urbild von BB unter r⃗\vec{r}, also B=r⃗(B~)B = \vec{r}(\tilde{B}). Wert identisch, Variablen anders. Konsistent mit V.2 §1 und IV.8 §2.1, in 3D analog V~\tilde{V}, K~\tilde{K}.
Definition Koordinatentransformation
Glatte Abbildung r⃗:B~→B\vec{r}: \tilde{B} \to B, (u,v)↦(x(u,v), y(u,v))(u,v) \mapsto (x(u,v),\, y(u,v)). Beispiele: Polar, Ellipsenkoord, Roboterarm-Konfiguration.
Formel Spickzettel Tilde
f~(u,v)=f(x(u,v), y(u,v))\tilde{f}(u, v) = f(x(u,v),\, y(u,v))
Funktion in den neuen Variablen ausgewertet. Wert identisch, Adresse anders.

2Flächenelement dF = |det J| du dv

2.1 Flächenelement dF = |det J| du dv

Die infinitesimale Trafo-Box ist kein Quader mehr, sondern ein Parallelogramm. Seine Fläche kennen wir aus der Linearen Algebra: Betrag der Determinante der zwei Kantenvektoren. Genau das geben wir dem Flächenelement.

Bild im Kopf. Starte bei einem Punkt AA mit Adresse (u,v)(u, v). Gehe um du\mathrm{d}u in uu-Richtung weiter zu BB mit Adresse (u+du, v)(u + \mathrm{d}u,\, v). Gehe um dv\mathrm{d}v in vv-Richtung zu CC mit Adresse (u, v+dv)(u,\, v + \mathrm{d}v). In den alten (x,y)(x, y)-Koordinaten sind das die Punkte r⃗(u,v)\vec{r}(u, v), r⃗(u+du, v)\vec{r}(u + \mathrm{d}u,\, v) und r⃗(u, v+dv)\vec{r}(u,\, v + \mathrm{d}v). Die kleinen Kantenvektoren AB⃗\vec{AB} und AC⃗\vec{AC} sind die ersten Taylor-Glieder der Trafo:

Infinitesimale Kantenvektoren
AB⃗=r⃗u(u,v) du=(xu, yu) duAC⃗=r⃗v(u,v) dv=(xv, yv) dv\begin{aligned} \vec{AB} &= \vec{r}_u(u, v)\,\mathrm{d}u = (x_u,\, y_u)\,\mathrm{d}u \\ \vec{AC} &= \vec{r}_v(u, v)\,\mathrm{d}v = (x_v,\, y_v)\,\mathrm{d}v \end{aligned}
Mitschrift. Im Grenzwert du,dv→0\mathrm{d}u, \mathrm{d}v \to 0 sind die Kanten exakt linear, das verzerrte Viereck ist exakt ein Parallelogramm.

Fläche des Parallelogramms. Aus LinAlg: Betrag des Kreuzprodukts der Kantenvektoren. Auch wenn wir in der Ebene rechnen, fassen wir die Kanten als Vektoren im Raum mit dritter Komponente 00 auf, dann hat das Kreuzprodukt nur eine zz-Komponente, und ihr Betrag ist genau die gewünschte Parallelogramm-Fläche:

Parallelogramm-Fläche via Kreuzprodukt
dF=∣r⃗u×r⃗v∣ du dv=∣xu yv−xv yu∣ du dv\begin{aligned} \mathrm{d}F &= \lvert \vec{r}_u \times \vec{r}_v \rvert\,\mathrm{d}u\,\mathrm{d}v \\ &= \lvert x_u\,y_v - x_v\,y_u \rvert\,\mathrm{d}u\,\mathrm{d}v \end{aligned}
Die zz-Komponente des Kreuzprodukts von (xu,yu,0)(x_u, y_u, 0) und (xv,yv,0)(x_v, y_v, 0) ist gerade xuyv−xvyux_u y_v - x_v y_u, also die Determinante einer 2×22 \times 2-Matrix.

Pack die vier Ableitungen xu,xv,yu,yvx_u, x_v, y_u, y_v als Jacobi-Matrix JJ zusammen, dann ist xuyv−xvyu=det⁡Jx_u y_v - x_v y_u = \det J. Das ist die zentrale Aussage des Kapitels:

!!!
Satz, Flächenelement unter Trafo
dF=∣det⁡J∣ du dvJ=(xuxvyuyv)\begin{aligned} \mathrm{d}F &= \lvert\det J\rvert\,\mathrm{d}u\,\mathrm{d}v \\ J &= \begin{pmatrix} x_u & x_v \\ y_u & y_v \end{pmatrix} \end{aligned}
Mitschrift. JJ enthält die vier partiellen Ableitungen der Trafo-Komponenten. Spalten = Ableitung nach neuer Variable, Zeilen = Komponenten der alten Variable.
!!!
Trafo-Integral in zwei Variablen
∬Bf(x,y) dF=∬B~f~(u,v) ∣det⁡J∣ du dv\iint_B f(x, y)\,\mathrm{d}F = \iint_{\tilde{B}} \tilde{f}(u, v)\,\lvert\det J\rvert\,\mathrm{d}u\,\mathrm{d}v
Linke Seite in alten Variablen, rechte Seite in neuen. B=r⃗(B~)B = \vec{r}(\tilde{B}). Mitschrift.
λ 1.3
k 0.4
|det J| = λ 1.3
Zelle du·dv 0.25
Bild = |det J|·du·dv 0.325
1.30
0.40
Abb. 1: Koordinaten-Transformation. Das Flächenelement skaliert mit ∣det⁡J∣|\det J|.
Definition Jacobi-Matrix JJ
J=(xuxvyuyv)J = \begin{pmatrix} x_u & x_v \\ y_u & y_v \end{pmatrix}. Matrix der vier partiellen Ableitungen der Trafo-Komponenten. Spalten indizieren die neuen Variablen u,vu, v.
Formel Spickzettel Flächen-Trafo
dF=∣det⁡J∣ du dv\mathrm{d}F = \lvert\det J\rvert\,\mathrm{d}u\,\mathrm{d}v
Ersetzt dx dy\mathrm{d}x\,\mathrm{d}y unter Trafo. Faktor ∣det⁡J∣\lvert\det J\rvert ist die lokale Flächen-Skalierung.
Merke Betrag Pflicht
Merke: ∣det⁡J∣\lvert\det J\rvert, nicht det⁡J\det J. det⁡J\det J darf negativ sein (Orientierungswechsel), Flächeninhalt ist immer positiv. Häufige Vorzeichen-Falle, besonders bei Kugelkoord.
Prüfungstipp det⁡J\det J einer 2×22\times 2-Matrix: Diagonale minus Anti-Diagonale, also xuyv−xvyux_u y_v - x_v y_u. Direkt aus dem Kreuzprodukt-Argument ablesbar, nichts auswendig.

3Polarkoordinaten als Anwendung

3.1 Polarkoordinaten als Anwendung

Erster Test: kann unser Satz das Polar-Element aus V.2 reproduzieren? Ja, und in einer Zeile.

Die Polar-Trafo r⃗(ρ,φ)=(ρcos⁡(φ), ρsin⁡(φ))\vec{r}(\rho, \varphi) = (\rho\cos(\varphi),\, \rho\sin(\varphi)) hat die vier Ableitungen xρ=cos⁡(φ)x_\rho = \cos(\varphi), xφ=−ρsin⁡(φ)x_\varphi = -\rho\sin(\varphi), yρ=sin⁡(φ)y_\rho = \sin(\varphi), yφ=ρcos⁡(φ)y_\varphi = \rho\cos(\varphi). Aus IV.8 §2.1 kennen wir das schon. Daraus folgt die Jacobi-Matrix und ihre Determinante:

!!!
Polar-Jacobi und Determinante
J=(cos⁡(φ)−ρsin⁡(φ)sin⁡(φ)ρcos⁡(φ))det⁡J=ρcos⁡2(φ)+ρsin⁡2(φ)=ρ\begin{aligned} J &= \begin{pmatrix} \cos(\varphi) & -\rho\sin(\varphi) \\ \sin(\varphi) & \rho\cos(\varphi) \end{pmatrix} \\ \det J &= \rho\cos^2(\varphi) + \rho\sin^2(\varphi) = \rho \end{aligned}
Mitschrift. Diagonal-Produkt minus Anti-Diagonal: cos⁡(φ)⋅ρcos⁡(φ)−(−ρsin⁡(φ))⋅sin⁡(φ)\cos(\varphi) \cdot \rho\cos(\varphi) - (-\rho\sin(\varphi))\cdot\sin(\varphi). Pythagoras kürzt das.
!!
Wiederherstellung Polar-dF\mathrm{d}F
dF=∣det⁡J∣ dρ dφ=ρ dρ dφ\mathrm{d}F = \lvert\det J\rvert\,\mathrm{d}\rho\,\mathrm{d}\varphi = \rho\,\mathrm{d}\rho\,\mathrm{d}\varphi
Genau das geometrische Resultat aus V.2 §2 (Bogenlängen-Argument). Allgemeiner Satz reproduziert den Spezialfall.

Erstes Anwendungs-Beispiel: polares Flächenträgheitsmoment der Vollellipse. Mitschrift. Bestimme J0J_0 durch den Schwerpunkt der Vollellipse x2a2+y2b2≤1\tfrac{x^2}{a^2} + \tfrac{y^2}{b^2} \leq 1 mit Halbachsen a,b>0a, b > 0. Wir benutzen Ellipsenkoordinaten (s,t)(s, t), eine an die Form angepasste Trafo, mit ss als skaliertem Radius und tt als Winkel.

Ellipsen-Parametrisierung
x(s,t)=a s cos⁡(t),    y(s,t)=b s sin⁡(t)t∈[0,2π],    s∈[0,1]\begin{aligned} x(s, t) &= a\,s\,\cos(t),\;\; y(s, t) = b\,s\,\sin(t) \\ t &\in [0, 2\pi],\;\; s \in [0, 1] \end{aligned}
Mitschrift. Für s=1s = 1 läuft t∈[0,2π]t \in [0, 2\pi] den Ellipsenrand ab, für s<1s < 1 kleinere Ellipsen darin. s=0s = 0 ist der Schwerpunkt.
a 1.4
b 0.9
Zelle bei s 0.7
det J = a·b·s 0.882
Zellfläche ≈ 0.092
1.40
0.90
Abb. 2: Ellipsenkoordinaten. Das (s,t)(s, t)-Gitter füllt die Ellipse, det⁡J=a b s\det J = a\,b\,s.

Lösungsweg polares Flächenträgheit der Vollellipse

  1. Schritt 1: Jacobi-Matrix und Determinante
    Wende die Ellipsen-Trafo auf den Allgemeinen Satz aus §2 an. Vier Ableitungen ablesen, dann det⁡J\det J:
    J=(acos⁡(t)−a s sin⁡(t)bsin⁡(t)b s cos⁡(t))det⁡J=ab s cos⁡2(t)+ab s sin⁡2(t)=ab s\begin{aligned} J &= \begin{pmatrix} a\cos(t) & -a\,s\,\sin(t) \\ b\sin(t) & b\,s\,\cos(t) \end{pmatrix} \\ \det J &= ab\,s\,\cos^2 (t) + ab\,s\,\sin^2 (t) = ab\,s \end{aligned}
  2. Schritt 2: Integral in Ellipsenkoord
    Im Integranden steht x2+y2x^2 + y^2, in den neuen Variablen wird das a2s2cos⁡2(t)+b2s2sin⁡2(t)a^2 s^2 \cos^2 (t) + b^2 s^2 \sin^2 (t). Flächenelement dF=∣det⁡J∣ dt ds=ab s dt ds\mathrm{d}F = \lvert\det J\rvert\,\mathrm{d}t\,\mathrm{d}s = ab\,s\,\mathrm{d}t\,\mathrm{d}s.
    J0=∫01∫02πs2 (a2cos⁡2(t)+b2sin⁡2(t)) ab s dt dsJ_0 = \int_0^1 \int_0^{2\pi} s^2\,(a^2\cos^2 (t) + b^2\sin^2 (t))\,ab\,s\,\mathrm{d}t\,\mathrm{d}s
  3. Schritt 3: tt-Integral via Symmetrie
    Die Integrale ∫02πcos⁡2(t) dt\int_0^{2\pi}\cos^2 (t)\,\mathrm{d}t und ∫02πsin⁡2(t) dt\int_0^{2\pi}\sin^2 (t)\,\mathrm{d}t sind beide gleich π\pi. (Standard, oder über ∫02π=4∫0π/2\int_0^{2\pi} = 4\int_0^{\pi/2} und ∫0π/2cos⁡2(t) dt=π/4\int_0^{\pi/2}\cos^2 (t)\,\mathrm{d}t = \pi/4.)
    J0=ab∫01s3 (a2π+b2π) ds=π ab (a2+b2)∫01s3 dsJ_0 = ab \int_0^1 s^3\,(a^2\pi + b^2\pi)\,\mathrm{d}s = \pi\,ab\,(a^2 + b^2) \int_0^1 s^3\,\mathrm{d}s
  4. Schritt 4: ss-Integral und Endwert
    ∫01s3 ds=1/4\int_0^1 s^3\,\mathrm{d}s = 1/4:
    J0=π ab (a2+b2)4J_0 = \frac{\pi\,ab\,(a^2 + b^2)}{4}

Zweites Anwendungs-Beispiel: Roboterarm mit zwei Segmenten. Mitschrift. Ein zweigliedriger Arm steht im Ursprung. Das erste Segment hat Länge RR und Winkel φ\varphi zur xx-Achse, das zweite Segment hat Länge rr und macht zum ersten Segment einen Innenwinkel von π−γ\pi - \gamma (also γ\gamma ist die Abweichung von der gestreckten Lage). Die Spitze des zweiten Segments hat in (x,y)(x, y) die Koordinaten:

Roboterarm-Parametrisierung
x(φ,γ)=Rcos⁡(φ)+rcos⁡(φ−γ)y(φ,γ)=Rsin⁡(φ)+rsin⁡(φ−γ)φ,γ∈[0,π]\begin{aligned} x(\varphi, \gamma) &= R\cos(\varphi) + r\cos(\varphi - \gamma) \\ y(\varphi, \gamma) &= R\sin(\varphi) + r\sin(\varphi - \gamma) \\ \varphi, \gamma &\in [0, \pi] \end{aligned}
Mitschrift. Trafo von Gelenkwinkeln (φ,γ)(\varphi, \gamma) auf kartesische Spitzen-Position (x,y)(x, y).

Was bringt die Jacobi-Matrix hier? Eine direkte physikalische Interpretation: wenn sich die Gelenkwinkel mit Geschwindigkeiten φ˙,γ˙\dot\varphi, \dot\gamma ändern, ist die Geschwindigkeit der Armspitze (x˙y˙)=J⋅(φ˙γ˙)\begin{pmatrix} \dot x \\ \dot y \end{pmatrix} = J \cdot \begin{pmatrix} \dot\varphi \\ \dot\gamma \end{pmatrix} (Verallgemeinerte Kettenregel).

!!
Roboterarm-Jacobi und Determinante
J=(−Rsin⁡(φ)−rsin⁡(φ−γ)rsin⁡(φ−γ)Rcos⁡(φ)+rcos⁡(φ−γ)−rcos⁡(φ−γ))det⁡J=R rsin⁡(γ)\begin{aligned} J &= \begin{pmatrix} -R\sin(\varphi) - r\sin(\varphi{-}\gamma) & r\sin(\varphi{-}\gamma) \\ R\cos(\varphi) + r\cos(\varphi{-}\gamma) & -r\cos(\varphi{-}\gamma) \end{pmatrix} \\ \det J &= R\,r\sin(\gamma) \end{aligned}
Mitschrift. Nach Ausmultiplizieren kürzen sich alle Terme mit φ\varphi raus, übrig bleibt nur die Form R r (cos⁡(φ−γ)sin⁡(φ)−sin⁡(φ−γ)cos⁡(φ))=R rsin⁡(γ)R\,r\,(\cos(\varphi{-}\gamma)\sin(\varphi) - \sin(\varphi{-}\gamma)\cos(\varphi)) = R\,r\sin(\gamma) (Additionstheorem).
φ 55°
γ 70°
det J = R·r·sin γ 1.654
Status regulär: det J ≠ 0
55
70
Abb. 3: Roboterarm. Die Jacobi-Determinante det⁡J=R r sin⁡(γ)\det J = R\,r\,\sin(\gamma) verschwindet in den Ausnahmestellen.

Ausnahmestellen. det⁡J=R r sin⁡(γ)\det J = R\,r\,\sin(\gamma) wird 00 für γ=0\gamma = 0 (gestreckter Arm) und γ=π\gamma = \pi (eingeklappter Arm). Geometrisch heisst das: in diesen zwei Konfigurationen sind nicht alle Geschwindigkeitsvektoren der Armspitze erreichbar, weil die Trafo dort singulär ist. Mitschrift nennt das Ausnahmepunkte. Bei jeder Trafo lohnt es sich zu prüfen, wo det⁡J=0\det J = 0 ist, das markiert die Stellen, an denen die neuen Koordinaten lokal nicht mehr funktionieren.

Notation ρ\rho in §3 ist Polar-Radius
ρ\rho hier == Polar-Radius (wie in V.2). Vorsicht: in §5 und §7 wird ρ\rho als Massendichte wieder auftauchen, im selben Beispiel sogar gemeinsam mit Zyl-Radius ρ\rho. Im Polar-Kontext immer Radius.
Notation RR vs rr im Roboterarm
Pflicht: RR == erstes Armsegment (Länge zur Schulter-Spitze), rr == zweites Armsegment. In §7 (e) wird RR neu vergeben als Grav-Abstand. Buchstaben pro Beispiel.
Notation J0J_0 vs Jacobi-JJ
Pflicht: J0J_0 in §3 == polares Flächenträgheitsmoment (Mitschrift-Konvention aus V.1 §5). NICHT zu verwechseln mit Jacobi-Matrix JJ aus §2. Tiefgestelltes 00 entscheidet.
Formel Ellipsen-J0J_0
J0=π ab (a2+b2)4J_0 = \frac{\pi\,ab\,(a^2 + b^2)}{4}
Vollellipse Halbachsen a,ba, b. Spezialfall Kreis a=b=Ra = b = R: J0=πR4/2J_0 = \pi R^4 / 2. Mitschrift.
Formel Roboter-det⁡J\det J
det⁡J=R r sin⁡(γ)\det J = R\,r\,\sin(\gamma)
Verschwindet bei γ=0\gamma = 0 (gestreckt) und γ=π\gamma = \pi (eingeklappt). Ausnahmepunkte der Trafo.
Merke Ausnahmepunkte prüfen
Merke: det⁡J=0\det J = 0 markiert Stellen, an denen die Trafo lokal singulär ist. Bei jeder neuen Trafo prüfen, wo das passiert. Polar: am Pol ρ=0\rho = 0. Roboter: bei γ=0,π\gamma = 0, \pi.

4Volumenelement dV = |det J| du dv dw

4.1 Volumenelement dV = |det J| du dv dw

Genau dasselbe Argument funktioniert in drei Dimensionen, nur dass wir jetzt einen Spat statt eines Parallelogramms haben. Eine Trafo in drei Variablen ordnet einem Tripel (u,v,w)(u, v, w) einen Punkt (x,y,z)(x, y, z) zu:

Allgemeine Trafo in drei Variablen
r⃗(u,v,w)=(x(u,v,w), y(u,v,w), z(u,v,w))\vec{r}(u, v, w) = (x(u,v,w),\, y(u,v,w),\, z(u,v,w))
Mitschrift. Setup für die Volumen-Trafo in drei Variablen. Spezialfälle: Zylinder (§5), Kugel (§6).

Das infinitesimale Volumenelement hat jetzt drei Kantenvektoren r⃗u du\vec{r}_u\,\mathrm{d}u, r⃗v dv\vec{r}_v\,\mathrm{d}v und r⃗w dw\vec{r}_w\,\mathrm{d}w. Zusammen spannen sie einen Spat auf (verzerrter Schuhkarton, Parallelepiped). Aus LinAlg: das Volumen eines Spats ist der Betrag des Spatprodukts seiner Kantenvektoren, also ∣(a⃗×b⃗)⋅c⃗∣\lvert(\vec{a} \times \vec{b}) \cdot \vec{c}\rvert. Und das Spatprodukt ist wieder eine Determinante, jetzt einer 3×33 \times 3-Matrix:

Volumen via Spatprodukt
dV=∣(r⃗u×r⃗v)⋅r⃗w∣ du dv dw\begin{aligned} \mathrm{d}V &= \lvert (\vec{r}_u \times \vec{r}_v) \cdot \vec{r}_w \rvert\,\mathrm{d}u\,\mathrm{d}v\,\mathrm{d}w \end{aligned}
Mitschrift. Drei Kanten, ein Spat, sein Volumen ist das Spatprodukt. Verallgemeinerung des Parallelogramm-Arguments auf 3D.
!!!
Satz, Volumenelement unter Trafo
dV=∣det⁡J∣ du dv dwJ=(xuxvxwyuyvywzuzvzw)\begin{aligned} \mathrm{d}V &= \lvert\det J\rvert\,\mathrm{d}u\,\mathrm{d}v\,\mathrm{d}w \\ J &= \begin{pmatrix} x_u & x_v & x_w \\ y_u & y_v & y_w \\ z_u & z_v & z_w \end{pmatrix} \end{aligned}
Mitschrift. JJ ist jetzt eine 3×33 \times 3-Matrix mit neun partiellen Ableitungen. Spalten = nach welcher neuen Variable abgeleitet.
!!!
Trafo-Integral in drei Variablen
∭Bf(x,y,z) dV=∭B~f~(u,v,w) ∣det⁡J∣ du dv dw\begin{aligned} \iiint_B f(x,y,z)\,\mathrm{d}V &= \iiint_{\tilde{B}} \tilde{f}(u,v,w)\,\lvert\det J\rvert\,\mathrm{d}u\,\mathrm{d}v\,\mathrm{d}w \end{aligned}
Mitschrift. Direkte Verallgemeinerung des Satzes in zwei Variablen aus §2. B=r⃗(B~)B = \vec{r}(\tilde{B}).
Definition Jacobi-Matrix in 3D
JJ ist die 3×33 \times 3-Matrix der neun partiellen Ableitungen ∂xi/∂uj\partial x_i / \partial u_j, mit xi∈{x,y,z}x_i \in \{x, y, z\} (Zeilen) und uj∈{u,v,w}u_j \in \{u, v, w\} (Spalten).
Formel Spickzettel Volumen-Trafo
dV=∣det⁡J∣ du dv dw\mathrm{d}V = \lvert\det J\rvert\,\mathrm{d}u\,\mathrm{d}v\,\mathrm{d}w
Ersetzt dx dy dz\mathrm{d}x\,\mathrm{d}y\,\mathrm{d}z unter Trafo. Lokale Volumen-Skalierung.
Merke Spat-Argument
Merke: Spat-Volumen == Spatprodukt-Betrag == Determinanten-Betrag. Drei Schreibweisen, dasselbe Konzept aus LinAlg.

5Zylinderkoordinaten

5.1 Zylinderkoordinaten

Zylinderkoordinaten sind Polarkoordinaten in der xyxy-Ebene plus eine zusätzliche Höhenkoordinate zz. Massgeschneidert für rotationssymmetrische Körper um eine Achse: Vollzylinder, Hohlzylinder, Schraubenfedern, Tonnen. Trafo:

Zylinder-Trafo
r⃗(ρ,φ,z)=(ρcos⁡(φ), ρsin⁡(φ), z)\vec{r}(\rho, \varphi, z) = (\rho\cos(\varphi),\, \rho\sin(\varphi),\, z)
Mitschrift. Polar in xyxy, zz bleibt zz. Standard-Bereich: ρ∈[0,R]\rho \in [0, R], φ∈[0,2π]\varphi \in [0, 2\pi], z∈[a,b]z \in [a, b].
!!
Zylinder-Jacobi
J=(cos⁡(φ)−ρsin⁡(φ)0sin⁡(φ)ρcos⁡(φ)0001)J = \begin{pmatrix} \cos(\varphi) & -\rho\sin(\varphi) & 0 \\ \sin(\varphi) & \rho\cos(\varphi) & 0 \\ 0 & 0 & 1 \end{pmatrix}
Mitschrift. Die letzte Zeile (0,0,1)(0, 0, 1) macht die Determinante besonders einfach.
!!!
Zylinder-Determinante via Entwicklung
det⁡J=1⋅(ρcos⁡2(φ)+ρsin⁡2(φ))=ρ\det J = 1 \cdot (\rho\cos^2(\varphi) + \rho\sin^2(\varphi)) = \rho
Entwicklung nach der dritten Zeile reduziert auf die 2×22\times 2-Polar-Determinante. Pythagoras schliesst.
!!!
Zylinder-Volumenelement
dV=∣det⁡J∣ dρ dφ dz=ρ dρ dφ dz\begin{aligned} \mathrm{d}V &= \lvert\det J\rvert\,\mathrm{d}\rho\,\mathrm{d}\varphi\,\mathrm{d}z \\ &= \rho\,\mathrm{d}\rho\,\mathrm{d}\varphi\,\mathrm{d}z \end{aligned}
Mitschrift. Polar-ρ\rho-Faktor wie in 2D, zz-Faktor trivial.
ρ 0.65
Δρ 0.40
Δφ 0.7
Δz 0.70
det J = ρ 0.65
ρ·Δρ·Δφ·Δz 0.127
0.65
0.70
Abb. 4: Volumenelement in Zylinderkoordinaten. Die Zelle ρ Δρ Δφ Δz\rho\,\Delta\rho\,\Delta\varphi\,\Delta z wird mit wachsendem ρ\rho breiter.
!!!
Satz, Volumenintegral in Zylinderkoord
∭Bf(x,y,z) dV=∭B~f~(ρ,φ,z) ρ dρ dφ dz\begin{aligned} \iiint_B f(x,y,z)\,\mathrm{d}V &= \iiint_{\tilde{B}} \tilde{f}(\rho, \varphi, z)\,\rho\,\mathrm{d}\rho\,\mathrm{d}\varphi\,\mathrm{d}z \end{aligned}
Mitschrift. Tilde-Konvention: f~(ρ,φ,z)=f(ρcos⁡(φ), ρsin⁡(φ), z)\tilde{f}(\rho, \varphi, z) = f(\rho\cos(\varphi),\, \rho\sin(\varphi),\, z).

Anwendungs-Beispiel: Massenträgheitsmoment des Vollzylinders um die xx-Achse. Mitschrift. Ein gerader Vollzylinder mit Radius aa, Höhe hh, homogener Massendichte 11, steht so im Raum, dass die untere Kreisfläche in der xyxy-Ebene am Ursprung liegt (also Symmetrie-Achse == zz-Achse, z∈[0,h]z \in [0, h]). Wir wollen Θx\Theta_x um die xx-Achse berechnen. Das Abstandsquadrat eines Punktes (x,y,z)(x, y, z) zur xx-Achse ist y2+z2y^2 + z^2.

Lösungsweg Vollzylinder Θx\Theta_x

  1. Schritt 1: Integral in Zyl-Koord aufstellen
    In Zyl-Koord ist y=ρsin⁡(φ)y = \rho\sin(\varphi), also y2=ρ2sin⁡2(φ)y^2 = \rho^2\sin^2(\varphi). Plus Faktor ρ\rho vom dV\mathrm{d}V:
    Θx=∫0h∫02π∫0a(ρ2sin⁡2(φ)+z2) ρ dρ dφ dz\begin{aligned} \Theta_x &= \int_0^h \int_0^{2\pi} \int_0^a (\rho^2\sin^2(\varphi) + z^2)\,\rho\,\mathrm{d}\rho\,\mathrm{d}\varphi\,\mathrm{d}z \end{aligned}
  2. Schritt 2: Innerstes ρ\rho-Integral
    Trenne in zwei Beiträge: ρ3sin⁡2(φ)\rho^3\sin^2(\varphi) und z2ρz^2 \rho. Beide Stammfunktionen sind elementar. Einsetzen der Grenzen 00 und aa:
    ∫0a(ρ3sin⁡2(φ)+z2ρ) dρ=a44sin⁡2(φ)+z2a22\int_0^a (\rho^3\sin^2(\varphi) + z^2\rho)\,\mathrm{d}\rho = \frac{a^4}{4}\sin^2(\varphi) + \frac{z^2 a^2}{2}
  3. Schritt 3: Mittleres φ\varphi-Integral
    Standard: ∫02πsin⁡2(φ) dφ=π\int_0^{2\pi}\sin^2(\varphi)\,\mathrm{d}\varphi = \pi. Der z2z^2-Beitrag ist φ\varphi-frei, gibt nur Faktor 2π2\pi:
    ∫02π(a44sin⁡2(φ)+z2a22)dφ=πa44+πa2z2\begin{aligned} \int_0^{2\pi}\left(\frac{a^4}{4}\sin^2(\varphi) + \frac{z^2 a^2}{2}\right)\mathrm{d}\varphi &= \frac{\pi a^4}{4} + \pi a^2 z^2 \end{aligned}
  4. Schritt 4: Äusseres zz-Integral
    Erster Term konstant in zz, gibt Faktor hh. Zweiter Term mit ∫0hz2 dz=h3/3\int_0^h z^2\,\mathrm{d}z = h^3/3:
    Θx=πa4h4+πa2h33\Theta_x = \frac{\pi a^4 h}{4} + \frac{\pi a^2 h^3}{3}
  5. Schritt 5: In Massenform schreiben
    Zylinder-Masse m=πa2hm = \pi a^2 h (Volumen ×\times Dichte 11). Faktorisieren:
    Θx=πa2h(a24+h23)=m(a24+h23)\Theta_x = \pi a^2 h\left(\frac{a^2}{4} + \frac{h^2}{3}\right) = m\left(\frac{a^2}{4} + \frac{h^2}{3}\right)

Vergleich: Trägheit um die Symmetrie-Achse zz. Mitschrift. Diesmal ist das Abstandsquadrat zur zz-Achse x2+y2=ρ2x^2 + y^2 = \rho^2, der Integrand schrumpft. Rechnung in zwei Zeilen:

!!
Vollzylinder Θz\Theta_z um Symmetrie-Achse
Θz=∫0h∫02π∫0aρ2⋅ρ dρ dφ dz=h⋅2π⋅a44=m a22\begin{aligned} \Theta_z &= \int_0^h \int_0^{2\pi} \int_0^a \rho^2 \cdot \rho\,\mathrm{d}\rho\,\mathrm{d}\varphi\,\mathrm{d}z \\ &= h \cdot 2\pi \cdot \frac{a^4}{4} = m\,\frac{a^2}{2} \end{aligned}
Mitschrift. Standardwert Θz=12ma2\Theta_z = \tfrac{1}{2} m a^2 für jeden homogenen Vollzylinder um die Symmetrie-Achse.

Wer ist grösser? Mitschrift-Anmerkung: je nach Verhältnis von aa und hh (bei gleichem mm) ist Θx\Theta_x oder Θz\Theta_z grösser. Konkret vergleichst du a24+h23\tfrac{a^2}{4} + \tfrac{h^2}{3} mit a22\tfrac{a^2}{2}. Bei einer dünnen, sehr hohen Stange (h≫ah \gg a) dominiert der h2/3h^2/3-Term, Θx≫Θz\Theta_x \gg \Theta_z. Bei einer flachen, breiten Scheibe (a≫ha \gg h) dominiert Θz\Theta_z. Bei h2/3=a2/4h^2/3 = a^2/4, also h=3 a/2h = \sqrt{3}\,a/2, sind beide gleich.

Koordinaten dV\mathrm{d}V ∣det⁡J∣\lvert\det J\rvert
Kartesisch (x,y,z)(x, y, z) dx dy dz\mathrm{d}x\,\mathrm{d}y\,\mathrm{d}z 11
Zylinder (ρ,φ,z)(\rho, \varphi, z) ρ dρ dφ dz\rho\,\mathrm{d}\rho\,\mathrm{d}\varphi\,\mathrm{d}z ρ\rho
Kugel (r,φ,θ)(r, \varphi, \theta) (§6) r2sin⁡(θ) dr dφ dθr^2\sin(\theta)\,\mathrm{d}r\,\mathrm{d}\varphi\,\mathrm{d}\theta r2sin⁡(θ)r^2\sin(\theta)
Volumenelement-Übersicht. Pro Koordinatensystem der korrekte Skalierungsfaktor.
Notation ρ\rho in §5 ist Zyl-Radius
Pflicht: ρ\rho in §5 == Zylinder-Radius (Polar-Radius in der xyxy-Ebene). Im Vollzylinder-Beispiel hier mit Dichte 11, also keine Massendichte-Verwechslung. In §7 (b)+(c)+(e) tritt ρ\rho als Massendichte auf, dort Vorsicht.
Formel Spickzettel Zyl-dV\mathrm{d}V
dV=ρ dρ dφ dz\mathrm{d}V = \rho\,\mathrm{d}\rho\,\mathrm{d}\varphi\,\mathrm{d}z
det⁡J=ρ\det J = \rho. Polar-Faktor in xyxy, zz trivial.
Formel Vollzylinder Θx\Theta_x
Θx=m(a24+h23)\Theta_x = m\left(\frac{a^2}{4} + \frac{h^2}{3}\right)
Quer-Achse durch die untere Kreisfläche, m=πa2hm = \pi a^2 h. Mitschrift.
Formel Vollzylinder Θz\Theta_z
Θz=m a22\Theta_z = \frac{m\,a^2}{2}
Symmetrie-Achse. Mitschrift. Standard.
Merke Drehachse bestimmt Integrand
Merke: Θx\Theta_x braucht y2+z2y^2 + z^2 im Integranden, Θz\Theta_z braucht x2+y2=ρ2x^2 + y^2 = \rho^2. Erst Achse klären, dann Integrand.

6Kugelkoordinaten

6.1 Kugelkoordinaten

Kugelkoordinaten beschreiben jeden Punkt im Raum durch drei Zahlen: Radius rr (Abstand zum Ursprung), Azimut φ\varphi (Längengrad, Ost-West-Ausrichtung in der xyxy-Ebene) und Polarwinkel θ\theta (Winkel zum Nordpol, also zur positiven zz-Achse). Ideal für punkt-symmetrische Probleme um den Ursprung: Kugeln, Kugelschalen, Punktladungen, Gravitations-Probleme. Trafo:

!!!
Kugel-Trafo
r⃗(r,φ,θ)=(rsin⁡(θ)cos⁡(φ), rsin⁡(θ)sin⁡(φ), rcos⁡(θ))\vec{r}(r, \varphi, \theta) = (r\sin(\theta)\cos(\varphi),\, r\sin(\theta)\sin(\varphi),\, r\cos(\theta))
Mitschrift. Bereich: r∈[0,∞)r \in [0, \infty), φ∈[0,2π]\varphi \in [0, 2\pi], θ∈[0,π]\theta \in [0, \pi]. Reihenfolge (r,φ,θ)(r, \varphi, \theta) ist Mitschrift-Konvention.

Bild im Kopf. Stell dir einen Globus vor. Der Radius rr ist der Abstand vom Erdmittelpunkt. Der Azimut φ\varphi ist die Längengrad-Linie (Greenwich, östlich/westlich), läuft von 00 bis 2π2\pi einmal rund um die Erde. Der Polarwinkel θ\theta misst, wie weit du vom Nordpol (θ=0\theta = 0) entfernt bist; θ=π/2\theta = \pi/2 ist der Äquator, θ=π\theta = \pi der Südpol. Achtung: das ist nicht der klassische Breitengrad (der zählt vom Äquator), sondern π/2\pi/2 minus Breitengrad.

Geometrische Identitäten. Direkt aus der Trafo folgen x2+y2+z2=r2x^2 + y^2 + z^2 = r^2 (Pythagoras im Raum) und die Länge der Projektion auf die xyxy-Ebene ist x2+y2=rsin⁡(θ)\sqrt{x^2 + y^2} = r\sin(\theta) (am Äquator maximal, an den Polen null).

!!
Kugel-Jacobi
J=(sin⁡(θ)cos⁡(φ)−rsin⁡(θ)sin⁡(φ)rcos⁡(θ)cos⁡(φ)sin⁡(θ)sin⁡(φ)rsin⁡(θ)cos⁡(φ)rcos⁡(θ)sin⁡(φ)cos⁡(θ)0−rsin⁡(θ))J = \begin{pmatrix} \sin(\theta)\cos(\varphi) & -r\sin(\theta)\sin(\varphi) & r\cos(\theta)\cos(\varphi) \\ \sin(\theta)\sin(\varphi) & r\sin(\theta)\cos(\varphi) & r\cos(\theta)\sin(\varphi) \\ \cos(\theta) & 0 & -r\sin(\theta) \end{pmatrix}
Mitschrift. Spalten: nach rr, nach φ\varphi, nach θ\theta. Die letzte Zeile hat in der mittleren Spalte 00, weil z=rcos⁡(θ)z = r\cos(\theta) nicht von φ\varphi abhängt.
!!!
Kugel-Determinante
det⁡J=−r2sin⁡(θ)\det J = -r^2\sin(\theta)
Mitschrift, via Sarrus. Vorzeichen negativ: die Kugel-Trafo kehrt die Orientierung um. Aber sin⁡(θ)≥0\sin(\theta) \geq 0 für θ∈[0,π]\theta \in [0, \pi], daher ist det⁡J≤0\det J \leq 0 überall.
!!!
Kugel-Volumenelement
dV=∣det⁡J∣ dr dφ dθ=r2sin⁡(θ) dr dφ dθ\begin{aligned} \mathrm{d}V &= \lvert\det J\rvert\,\mathrm{d}r\,\mathrm{d}\varphi\,\mathrm{d}\theta \\ &= r^2\sin(\theta)\,\mathrm{d}r\,\mathrm{d}\varphi\,\mathrm{d}\theta \end{aligned}
Mitschrift. Betrag macht das Vorzeichen positiv. Da sin⁡(θ)≥0\sin(\theta) \geq 0 in [0,π][0, \pi] gilt, ist ∣det⁡J∣=r2sin⁡(θ)\lvert\det J\rvert = r^2\sin(\theta) ohne weitere Fallunterscheidung.
r 0.9
θ 0.96
φ 3.63
|det J| = r²·sinθ 0.664
Zell-Volumen 0.087
0.90
0.96
Abb. 5: Volumenelement in Kugelkoordinaten. Die Zelle wächst mit r2r^2 und schrumpft an den Polen (sin⁡(θ)→0\sin(\theta) \to 0).
!!!
Satz, Volumenintegral in Kugelkoord
∭Vf(x,y,z) dx dy dz=∭V~f~(r,φ,θ) r2sin⁡(θ) dr dφ dθ\begin{aligned} \iiint_V f(x,y,z)\,\mathrm{d}x\,\mathrm{d}y\,\mathrm{d}z &= \iiint_{\tilde{V}} \tilde{f}(r, \varphi, \theta)\,r^2\sin(\theta)\,\mathrm{d}r\,\mathrm{d}\varphi\,\mathrm{d}\theta \end{aligned}
Mitschrift. Tilde-Konvention: f~(r,φ,θ)=f(rsin⁡(θ)cos⁡(φ), rsin⁡(θ)sin⁡(φ), rcos⁡(θ))\tilde{f}(r, \varphi, \theta) = f(r\sin(\theta)\cos(\varphi),\, r\sin(\theta)\sin(\varphi),\, r\cos(\theta)).
Notation φ\varphi ist Azimut (Längengrad)
Pflicht: φ∈[0,2π]\varphi \in [0, 2\pi] ist Azimut (Ost-West, Längengrad-ähnlich). Konsistent mit Polar- und Zyl-φ\varphi. Misst die Drehung in der xyxy-Ebene.
Notation θ\theta ist Polarwinkel zum Nordpol
Pflicht: θ∈[0,π]\theta \in [0, \pi] Winkel zur positiven zz-Achse. θ=0\theta = 0 Nordpol, θ=π/2\theta = \pi/2 Äquator, θ=π\theta = \pi Südpol. Manche Texte schreiben π/2−θ\pi/2 - \theta (klassischer Breitengrad), andere Konvention.
Notation ∣det⁡J∣\lvert\det J\rvert Betrag-Pflicht
Pflicht: det⁡J=−r2sin⁡(θ)\det J = -r^2\sin(\theta) ist negativ. dV\mathrm{d}V braucht den Betrag, also ∣det⁡J∣=r2sin⁡(θ)\lvert\det J\rvert = r^2\sin(\theta). Wer das Vorzeichen mitnimmt, kriegt negative Volumina.
Formel Spickzettel Kugel-dV\mathrm{d}V
dV=r2sin⁡(θ) dr dφ dθ\mathrm{d}V = r^2\sin(\theta)\,\mathrm{d}r\,\mathrm{d}\varphi\,\mathrm{d}\theta
Mitschrift. Auswendig. r2r^2 (radial), sin⁡(θ)\sin(\theta) (Breitenkreis-Länge).
Formel Identitäten
x2+y2+z2=r2x^2 + y^2 + z^2 = r^2
Plus: Länge der Projektion auf xyxy-Ebene ist rsin⁡(θ)r\sin(\theta). Direkt aus der Trafo.
Merke Drei klassische Fallen
Merke: (1) Betrag, nicht −r2sin⁡(θ)-r^2\sin(\theta). (2) sin⁡\sin, nicht cos⁡\cos. (3) Faktor r2r^2 nicht vergessen. Spickzettel vor jeder Rechnung mit auf den Tisch.

7Anwendungen

7.1 Anwendungen

Mit den Werkzeugen aus §1 bis §6 lösen wir jetzt die Standard-Beispiele aus der Mitschrift. Fünf Aufgaben: Vollkugel-Volumen, Vollkugel-Trägheit, Schwerpunkt einer Viertelvollkugel, Schwerpunkt mit inhomogener Dichte, Gravitationskraft einer Vollkugel auf einen Massepunkt. Jede ist ein Klausur-Klassiker, das letzte Beispiel ein Newton-Klassiker mit didaktischer Pointe.

Anwendung (a): Volumen der Vollkugel mit Radius R>0R > 0. Mitschrift. Mit f≡1f \equiv 1 und Kugelkoord-dV\mathrm{d}V:

Lösungsweg Vollkugel-Volumen

  1. Schritt 1: Integral in Kugelkoord
    f≡1f \equiv 1, also V=∭K1 dVV = \iiint_K 1\,\mathrm{d}V. Vollkugel-Bereich: r∈[0,R]r \in [0, R], φ∈[0,2π]\varphi \in [0, 2\pi], θ∈[0,π]\theta \in [0, \pi]. Konstante Grenzen, der Integrand r2sin⁡(θ)r^2\sin(\theta) separiert.
    V=∫0π∫02π∫0Rr2sin⁡(θ) dr dφ dθV = \int_0^\pi \int_0^{2\pi} \int_0^R r^2\sin(\theta)\,\mathrm{d}r\,\mathrm{d}\varphi\,\mathrm{d}\theta
  2. Schritt 2: Drei separate Integrale in einer Variable
    Weil Grenzen konstant und der Integrand multiplikativ in r,φ,θr, \varphi, \theta ist:
    V=∫0Rr2 dr⋅∫02π1 dφ⋅∫0πsin⁡(θ) dθ\begin{aligned} V &= \int_0^R r^2\,\mathrm{d}r \cdot \int_0^{2\pi} 1\,\mathrm{d}\varphi \cdot \int_0^\pi \sin(\theta)\,\mathrm{d}\theta \end{aligned}
  3. Schritt 3: Einzelwerte und Endresultat
    ∫0Rr2 dr=R3/3\int_0^R r^2\,\mathrm{d}r = R^3/3, ∫02π1 dφ=2π\int_0^{2\pi} 1\,\mathrm{d}\varphi = 2\pi, ∫0πsin⁡(θ) dθ=[−cos⁡(θ)]0π=2\int_0^\pi \sin(\theta)\,\mathrm{d}\theta = [-\cos(\theta)]_0^\pi = 2:
    V=R33⋅2π⋅2=4π3 R3V = \frac{R^3}{3} \cdot 2\pi \cdot 2 = \frac{4\pi}{3}\,R^3

Alternativen. Mitschrift-Anmerkung: man kann dasselbe Volumen kartesisch (Variante 2 via z=R2−x2−y2z = \sqrt{R^2 - x^2 - y^2}) oder polar (Variante 3 via f~(ρ,φ)=R2−ρ2\tilde{f}(\rho, \varphi) = \sqrt{R^2 - \rho^2}, vgl. V.2 §3) berechnen. Je nach Kugelausschnitt ist Variante 2 oder 3 einfacher zu rechnen als Kugelkoordinaten, etwa wenn die Begrenzung in einer Ebene liegt. Für die volle Kugel sind Kugelkoord trotzdem am elegantesten.

Anwendung (b): Massenträgheitsmoment der Vollkugel um eine Achse durch den Schwerpunkt. Mitschrift. Vollkugel KK mit Radius RR, homogene Massendichte ρ\rho. Wir nehmen die zz-Achse als Rotationsachse, das Abstandsquadrat zur zz-Achse ist x2+y2=r2sin⁡2(θ)x^2 + y^2 = r^2\sin^2(\theta) (Kugelkoord-Identität).

Lösungsweg Vollkugel-Θz\Theta_z

  1. Schritt 1: Integral mit x2+y2x^2 + y^2 als Integrand
    Trägheits-Definition: Θz=∭Kρ (x2+y2) dV\Theta_z = \iiint_K \rho\,(x^2 + y^2)\,\mathrm{d}V. Setze x2+y2=r2sin⁡2θx^2 + y^2 = r^2\sin^2\theta und dV=r2sin⁡(θ) dr dφ dθ\mathrm{d}V = r^2\sin(\theta)\,\mathrm{d}r\,\mathrm{d}\varphi\,\mathrm{d}\theta:
    Θz=∫0π∫02π∫0Rρ r2sin⁡2(θ)⋅r2sin⁡(θ) dr dφ dθ\begin{aligned} \Theta_z &= \int_0^\pi \int_0^{2\pi} \int_0^R \rho\,r^2\sin^2(\theta) \cdot r^2\sin(\theta)\,\mathrm{d}r\,\mathrm{d}\varphi\,\mathrm{d}\theta \end{aligned}
  2. Schritt 2: ρ\rho und φ\varphi rausziehen
    ρ\rho konstant (homogen), φ\varphi-Integrand 11 gibt Faktor 2π2\pi. Übrig bleiben r4r^4 und sin⁡3θ\sin^3\theta:
    Θz=2π ρ∫0π∫0Rr4sin⁡3θ dr dθ=2π ρ∫0πR55sin⁡3θ dθ\begin{aligned} \Theta_z &= 2\pi\,\rho \int_0^\pi \int_0^R r^4\sin^3\theta\,\mathrm{d}r\,\mathrm{d}\theta \\ &= 2\pi\,\rho \int_0^\pi \frac{R^5}{5}\sin^3\theta\,\mathrm{d}\theta \end{aligned}
  3. Schritt 3: sin⁡3θ\sin^3\theta-Standard
    Standard-Wert (gerade Symmetrie um π/2\pi/2): ∫0πsin⁡3θ dθ=2∫0π/2sin⁡3θ dθ=2⋅23=43\int_0^\pi \sin^3\theta\,\mathrm{d}\theta = 2\int_0^{\pi/2}\sin^3\theta\,\mathrm{d}\theta = 2 \cdot \tfrac{2}{3} = \tfrac{4}{3}.
    Θz=2π ρ⋅R55⋅43=8π15 ρ R5\Theta_z = 2\pi\,\rho \cdot \frac{R^5}{5} \cdot \frac{4}{3} = \frac{8\pi}{15}\,\rho\,R^5
  4. Schritt 4: In Massenform
    Kugelmasse m=4π3ρR3m = \tfrac{4\pi}{3}\rho R^3, also ρ=3m4πR3\rho = \tfrac{3m}{4\pi R^3}. Einsetzen:
    Θz=8πR515⋅3m4πR3=25 m R2\Theta_z = \frac{8\pi R^5}{15} \cdot \frac{3m}{4\pi R^3} = \frac{2}{5}\,m\,R^2

Anwendung (c): Schwerpunkt der Viertelvollkugel. Mitschrift. Eine Vollkugel mit Radius RR, homogene Dichte, davon nur die Viertelvollkugel KK im Bereich −π/4≤φ≤π/4-\pi/4 \leq \varphi \leq \pi/4 (also der vordere Viertel-Sektor, symmetrisch um die positive xx-Achse). Aus Symmetrie folgen sofort yS=0y_S = 0 (Spiegelsymmetrie um xzxz-Ebene) und zS=0z_S = 0 (Spiegelsymmetrie um xyxy-Ebene). Bleibt nur xSx_S.

Lösungsweg Viertelvollkugel-Schwerpunkt

  1. Schritt 1: Schwerpunkt-Formel, homogen
    Bei homogener Dichte kürzt sich ρ\rho aus xS=∭Kρx dV∭Kρ dV=∭Kx dVVx_S = \tfrac{\iiint_K \rho x\,\mathrm{d}V}{\iiint_K \rho\,\mathrm{d}V} = \tfrac{\iiint_K x\,\mathrm{d}V}{V}.
    xS=1V∭Kx dV,    V=πR33x_S = \frac{1}{V}\iiint_K x\,\mathrm{d}V,\;\; V = \frac{\pi R^3}{3}
  2. Schritt 2: ∭Kx dV\iiint_K x\,\mathrm{d}V in Kugelkoord
    Setze x=rsin⁡(θ)cos⁡(φ)x = r\sin(\theta)\cos(\varphi) und dV=r2sin⁡(θ) dr dφ dθ\mathrm{d}V = r^2\sin(\theta)\,\mathrm{d}r\,\mathrm{d}\varphi\,\mathrm{d}\theta:
    ∭Kx dV=∫0π∫−π/4π/4∫0Rr3sin⁡2(θ)cos⁡(φ) dr dφ dθ\begin{aligned} \iiint_K x\,\mathrm{d}V &= \int_0^\pi \int_{-\pi/4}^{\pi/4} \int_0^R r^3\sin^2(\theta)\cos(\varphi)\,\mathrm{d}r\,\mathrm{d}\varphi\,\mathrm{d}\theta \end{aligned}
  3. Schritt 3: Separation, Symmetrie in φ\varphi
    Konstante Grenzen, multiplikativer Integrand, Faktor 22 aus ∫−π/4π/4cos⁡(φ) dφ=2∫0π/4cos⁡(φ) dφ\int_{-\pi/4}^{\pi/4}\cos(\varphi)\,\mathrm{d}\varphi = 2\int_0^{\pi/4}\cos(\varphi)\,\mathrm{d}\varphi (gerade Funktion):
    ∭Kx dV=2∫0πsin⁡2(θ) dθ⋅∫0π/4cos⁡(φ) dφ⋅∫0Rr3 dr\begin{aligned} \iiint_K x\,\mathrm{d}V &= 2 \int_0^\pi \sin^2(\theta)\,\mathrm{d}\theta \cdot \int_0^{\pi/4}\cos(\varphi)\,\mathrm{d}\varphi \cdot \int_0^R r^3\,\mathrm{d}r \end{aligned}
  4. Schritt 4: Drei Einzelwerte
    ∫0πsin⁡2θ dθ=π/2\int_0^\pi \sin^2\theta\,\mathrm{d}\theta = \pi/2, ∫0π/4cos⁡(φ) dφ=sin⁡(π/4)=1/2\int_0^{\pi/4}\cos(\varphi)\,\mathrm{d}\varphi = \sin(\pi/4) = 1/\sqrt{2}, ∫0Rr3 dr=R4/4\int_0^R r^3\,\mathrm{d}r = R^4/4:
    ∭Kx dV=2⋅π2⋅12⋅R44=πR442\begin{aligned} \iiint_K x\,\mathrm{d}V &= 2 \cdot \frac{\pi}{2} \cdot \frac{1}{\sqrt{2}} \cdot \frac{R^4}{4} \\ &= \frac{\pi R^4}{4\sqrt{2}} \end{aligned}
  5. Schritt 5: xSx_S in drei Darstellungen
    Mit V=πR3/3V = \pi R^3/3 (Viertel von 4πR3/34\pi R^3/3):
    xS=πR4/(42)πR3/3=3R42=932 R≈0.53 R\begin{aligned} x_S &= \frac{\pi R^4 / (4\sqrt{2})}{\pi R^3 / 3} = \frac{3R}{4\sqrt{2}} \\ &= \sqrt{\frac{9}{32}}\,R \approx 0.53\,R \end{aligned}

Anwendung (d): Schwerpunkt mit inhomogener Dichte. Mitschrift. Allgemeiner: bei einer Dichte ρ(x,y,z)\rho(x, y, z), die nicht konstant ist, kürzt sich ρ\rho nicht weg, und die Schwerpunkt-Formel braucht das Massen-Integral im Nenner. In Kugelkoord:

Schwerpunkt inhomogen, allgemein
xS⋅∭Kρ dV=∭K~ρ~(r,φ,θ)⋅rsin⁡(θ)cos⁡(φ)⋅r2sin⁡(θ) dr dφ dθ\begin{aligned} x_S \cdot \iiint_K \rho\,\mathrm{d}V &= \iiint_{\tilde{K}} \tilde{\rho}(r, \varphi, \theta) \\ &\cdot r\sin(\theta)\cos(\varphi) \cdot r^2\sin(\theta)\,\mathrm{d}r\,\mathrm{d}\varphi\,\mathrm{d}\theta \end{aligned}
Mitschrift. Beide Integrale brauchen ρ~\tilde{\rho} (Dichte in den neuen Variablen ausgewertet). Bei homogener Dichte kürzt sich ρ~\tilde{\rho} raus, das ist genau der Spezialfall aus (c).

Anwendung (e): Gravitationskraft einer Vollkugel auf einen Massepunkt. Mitschrift. Ein Klassiker der Klassischen Mechanik. Vollkugel KK mit Radius aa und homogener Dichte ρ\rho. Ein Massepunkt der Masse mm liegt im Abstand h≥ah \geq a vom Kugelmittelpunkt (also ausserhalb oder am Rand). Wir wollen die Gravitationskraft der Kugel auf den Massepunkt berechnen.

Setup. Lege das Koordinatensystem so, dass der Kugelmittelpunkt im Ursprung sitzt und der Massepunkt auf der positiven zz-Achse bei (0,0,h)(0, 0, h) ist. Aus Symmetrie zeigt die Gesamtkraft entlang der zz-Achse, also K⃗=(0,0,−∣K⃗z∣)\vec{K} = (0, 0, -\lvert\vec{K}_z\rvert) (Anziehung, daher negatives Vorzeichen). Bleibt ∣K⃗z∣\lvert\vec{K}_z\rvert zu berechnen.

Volumenelement-Beitrag. Ein kleines Massenelement an einem Kugelpunkt PP (Position (r,φ,θ)(r, \varphi, \theta) in Kugelkoord) hat Masse ρ dV\rho\,\mathrm{d}V und liegt im Abstand RR zum Massepunkt. Die Gravitations-Kraft auf den Massepunkt durch dieses Element ist ∣dK⃗∣=G m ρ dV/R2\lvert\mathrm{d}\vec{K}\rvert = G\,m\,\rho\,\mathrm{d}V / R^2 (Newton). Geometrie:

Geometrie Massenelement → Massepunkt
R2=(h−rcos⁡(θ))2+(rsin⁡(θ))2=h2−2hrcos⁡(θ)+r2cos⁡(α)=h−rcos⁡(θ)R\begin{aligned} R^2 &= (h - r\cos(\theta))^2 + (r\sin(\theta))^2 = h^2 - 2hr\cos(\theta) + r^2 \\ \cos(\alpha) &= \frac{h - r\cos(\theta)}{R} \end{aligned}
Mitschrift. α\alpha ist der Winkel zwischen R⃗\vec{R} und der zz-Achse, also der Anteil der Kraft, der entlang zz wirkt.

Lösungsweg Gravitationskraft Vollkugel

  1. Schritt 1: ∣K⃗z∣\lvert\vec{K}_z\rvert als Volumenintegral
    Kraft in zz-Richtung pro Element: ∣dK⃗z∣=∣dK⃗∣⋅cos⁡(α)=G m ρ cos⁡(α) dV/R2\lvert\mathrm{d}\vec{K}_z\rvert = \lvert\mathrm{d}\vec{K}\rvert\cdot\cos(\alpha) = G\,m\,\rho\,\cos(\alpha)\,\mathrm{d}V/R^2. Aufsummieren über die Kugel:
    ∣K⃗z∣=G m ρ∫02π∫0a∫0π(h−rcos⁡(θ)) r2sin⁡(θ)(h2−2hrcos⁡(θ)+r2)3/2 dθ dr dφ\begin{aligned} \lvert\vec{K}_z\rvert &= G\,m\,\rho \int_0^{2\pi} \int_0^a \int_0^\pi \frac{(h - r\cos(\theta))\,r^2\sin(\theta)}{(h^2 - 2hr\cos(\theta) + r^2)^{3/2}}\,\mathrm{d}\theta\,\mathrm{d}r\,\mathrm{d}\varphi \end{aligned}
  2. Schritt 2: φ\varphi-Integral trivial, θ\theta separieren
    Integrand φ\varphi-frei, gibt Faktor 2π2\pi. Trenne den Zähler (h−rcos⁡(θ))sin⁡(θ)=hsin⁡(θ)−rcos⁡(θ)sin⁡(θ)(h - r\cos(\theta))\sin(\theta) = h\sin(\theta) - r\cos(\theta)\sin(\theta) in zwei Integrale I1,I2I_1, I_2 (die innere Variable ist θ\theta, ausgewertet bei festem rr):
    ∣K⃗z∣=2π G m ρ∫0ar2 (I1+I2) dr\lvert\vec{K}_z\rvert = 2\pi\,G\,m\,\rho \int_0^a r^2\,(I_1 + I_2)\,\mathrm{d}r
  3. Schritt 3: I1I_1 via Substitution u=cos⁡(θ)u = \cos(\theta)
    Direkt: du=−sin⁡(θ) dθ\mathrm{d}u = -\sin(\theta)\,\mathrm{d}\theta. Stammfunktion der inneren uu-Abhängigkeit liefert nach Vereinfachung den Wert (Details Mitschrift):
    I1=∫0πhsin⁡(θ)(h2−2hrcos⁡(θ)+r2)3/2 dθ=2h2−r2I_1 = \int_0^\pi \frac{h\sin(\theta)}{(h^2 - 2hr\cos(\theta) + r^2)^{3/2}}\,\mathrm{d}\theta = \frac{2}{h^2 - r^2}
  4. Schritt 4: I2I_2 via partielle Integration
    Hier mit v=cos⁡(θ)v = \cos(\theta) als Trennung, u′u' ist der Rest. Mitschrift zeigt die Rechnung im Detail:
    I2=∫0π−rcos⁡(θ)sin⁡(θ)(h2−2hrcos⁡(θ)+r2)3/2 dθ=−2h2−r2+2h2\begin{aligned} I_2 &= \int_0^\pi \frac{-r\cos(\theta)\sin(\theta)}{(h^2 - 2hr\cos(\theta) + r^2)^{3/2}}\,\mathrm{d}\theta \\ &= -\frac{2}{h^2 - r^2} + \frac{2}{h^2} \end{aligned}
  5. Schritt 5: Summe, rr-Integral und Endwert
    Die 1/(h2−r2)1/(h^2 - r^2)-Terme heben sich auf, I1+I2=2/h2I_1 + I_2 = 2/h^2. Damit ist das rr-Integral elementar:
    ∣K⃗z∣=2π G m ρ∫0ar2⋅2h2 dr=2π G m ρ⋅2h2⋅a33=4π G m ρ a33 h2\begin{aligned} \lvert\vec{K}_z\rvert &= 2\pi\,G\,m\,\rho \int_0^a r^2 \cdot \frac{2}{h^2}\,\mathrm{d}r \\ &= 2\pi\,G\,m\,\rho \cdot \frac{2}{h^2} \cdot \frac{a^3}{3} = \frac{4\pi\,G\,m\,\rho\,a^3}{3\,h^2} \end{aligned}
  6. Schritt 6: Newton-Form mit Kugelmasse MM
    Definiere M=4π3a3ρM = \tfrac{4\pi}{3} a^3 \rho (Kugelmasse). Damit:
    ∣K⃗z∣=G m Mh2\lvert\vec{K}_z\rvert = \frac{G\,m\,M}{h^2}
Körper Grösse Wert
Vollkugel um Schwerpunkt Θ\Theta 25 mR2\tfrac{2}{5}\,m R^2
Vollzylinder Symmetrie-Achse Θz\Theta_z 12 ma2\tfrac{1}{2}\,m a^2
Vollzylinder Quer-Achse Θx\Theta_x m(a24+h23)m\bigl(\tfrac{a^2}{4} + \tfrac{h^2}{3}\bigr)
Würfel Mittelachse parallel zur Kante Θ\Theta 23 ma2\tfrac{2}{3}\,m a^2
Viertelvollkugel xSx_S 3R42≈0.53 R\tfrac{3R}{4\sqrt{2}} \approx 0.53\,R
Standard-Trägheitsmomente Θ\Theta und Schwerpunkte, auswendig. Θ\Theta ist das Massenträgheitsmoment um eine Achse (siehe V.3 §1).
Notation Trägheitsmoment Θ\Theta
Θ\Theta (Theta) ist das Massenträgheitsmoment um eine Drehachse: ΘAchse=∭Kρ⋅(Abstand zur Achse)2 dV\Theta_{\text{Achse}} = \iiint_K \rho \cdot (\text{Abstand zur Achse})^2 \, \mathrm{d}V. Index gibt die Drehachse an: Θz\Theta_z um zz-Achse, Θx\Theta_x um xx-Achse, Θ\Theta ohne Index um die natürliche Symmetrie-Achse. Andere Texte schreiben II oder JJ; Mitschrift dieser Vorlesung nutzt Θ\Theta durchgehend. Erstmals eingeführt in V.3 §1. → V.3 §1 Θ\Theta-Definition
Notation ρ\rho in §7 ist Massendichte
Pflicht: in den Vollkugel-Beispielen (b), (c), (e) ist ρ\rho die homogene Massendichte. Konflikt mit Polar-/Zyl-ρ\rho (§3, §5) und V.2 §1 (Polar-Radius). Im Kugelkoord-Kontext keine Konfusion, weil dort der Radius rr heisst.
Notation KK ist Bereich, K⃗\vec{K} ist Kraft
Pflicht: KK ohne Pfeil == Vollkugel-Bereich (Integrationsgebiet in (a), (b), (c)). K⃗\vec{K} mit Pfeil == Gravitationskraft-Vektor in (e). K⃗z\vec{K}_z ist zz-Komponente. Pfeil entscheidet Geometrie vs. Physik.
Notation mm vs MM, aa vs RR
Pflicht in (e): mm klein == Massepunkt (angezogenes Objekt), MM gross == Kugelmasse 4π3a3ρ\tfrac{4\pi}{3}a^3\rho. aa == Kugelradius in (e), RR ist anders vergeben (Grav-Abstand zwischen Element und Massepunkt).
Notation RR in (e) ist Grav-Abstand
Pflicht in (e): RR == Abstand zwischen Volumen-Element bei (r,φ,θ)(r, \varphi, \theta) und Massepunkt. Nicht Kugelradius! Der Kugelradius in (e) heisst aa. RR aus (a) und (b) ist eine andere Variable.
Formel Vollkugel-Volumen
V=4π3 R3V = \frac{4\pi}{3}\,R^3
Mitschrift. Auswendig.
Formel Vollkugel-Θz\Theta_z
Θz=25 m R2\Theta_z = \frac{2}{5}\,m\,R^2
Mitschrift. Trägheit um Schwerpunkt-Achse, mit m=4π3ρR3m = \tfrac{4\pi}{3}\rho R^3 und ∫0πsin⁡3θ dθ=4/3\int_0^\pi \sin^3\theta\,\mathrm{d}\theta = 4/3.
Formel Viertelvollkugel-Schwerpunkt
xS=3R42≈0.53 Rx_S = \frac{3R}{4\sqrt{2}} \approx 0.53\,R
Mitschrift. Symmetrie liefert yS=zS=0y_S = z_S = 0. Klausur-Klassiker.
Formel Gravitationskraft
∣K⃗z∣=G m Mh2\lvert\vec{K}_z\rvert = \frac{G\,m\,M}{h^2}
Mitschrift. Vollkugel verhält sich wie Massepunkt der Masse M=4π3a3ρM = \tfrac{4\pi}{3} a^3 \rho im Mittelpunkt. Newton-Klassiker.
Merke Vollkugel = Massepunkt
Merke: aus der Sicht eines äusseren Massepunkts wirkt eine homogene Vollkugel wie ein Massepunkt gleicher Masse im Zentrum. Zentral für Himmelsmechanik, Planeten-Modelle, Bahn-Berechnungen.

8Aufgaben

8.1 Aufgaben

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