In einem Gebiet liegt eine Kurve mit Parametrisierung . Wie verhält sich die Funktion entlang dieser Kurve?
Stell dir vor, ist eine Höhen-Landschaft (Hügel und Täler), und die Kurve ist ein Wanderweg quer durchs Gelände. Die Frage 'wie verändert sich entlang ' wird konkret zu 'wie steil geht es auf dem Weg bergauf oder bergab?'.
Wir definieren die Höhen-Funktion entlang des Weges als Komposition aus Bahn und Skalarfeld. Wichtig: ist eine Funktion in einer Variable (dem Wegparameter), obwohl in zwei Variablen lebt. Gesucht ist die Ableitung .
Anwendungs-Vorschau. Sucht man Extremwerte von entlang einer Kurve (die z.B. den Rand des Definitionsbereichs bildet und durch parametrisiert ist), betrachtet man die Funktion . Die Kandidaten für Extrema sind dann alle inneren Punkte mit (siehe IV.5 §3.1, notwendige Bedingung Typ (i)) sowie zwingend die Randpunkte der Parametrisierung bei und .
Die Ableitung berechnen wir ganz klassisch über den Differenzenquotienten. Wenn wir die Schrittweite auf der Bahn kurz und nennen, wird der Zähler der Formel zu .
Genau diese Zähler-Differenz kennen wir aus IV.4: Wir können sie durch ihren linearen Teil (die Tangentialebene) annähern, plus einen Fehlerterm . Setzen wir in den Bruch ein, zerfällt er in drei Teile:
Was passiert mit diesen Termen, wenn ? Die letzten beiden sind einfach: . Aber für den -Term brauchen wir einen Trick: Wir erweitern den ersten Bruch mit der räumlichen Schrittweite . Das führt zu unserer Hauptgleichung:
Schauen wir uns an, wohin die einzelnen Bausteine konvergieren:
1. Der Klein-o-Rest: Der erste Bruch geht gegen 0 (das ist exakt die Definition der Approximationsdifferenz aus IV.4).
2. Die Bahngeschwindigkeit: Der Erweiterungsfaktor lässt sich umschreiben zu und konvergiert gegen . Da diese Geschwindigkeit endlich ist, ergibt . Der gesamte -Fehler stirbt also im Limes!
3. Der lineare Teil: Die Differentialquotienten am Ende werden zu den Geschwindigkeitskomponenten und .
Was übrig bleibt, ist null plus der lineare Anteil, und damit exakt die Verallgemeinerte Kettenregel: .
Der Limes liefert die Hauptaussage des Kapitels.
Vier äquivalente Schreibweisen sammeln wir in §2.4 als Cheat-Sheet. Anwendungs-Beispiel jetzt: nehmen wir und die Trochoiden-artige Bahn .
Bahngeschwindigkeit per Produktregel: und . Beide explizit ausschreiben:
Partielle Ableitungen von : und . Wenn wir die Ableitung als allgemeinen Term brauchen, müssen wir alles stur einsetzen:
Die smarte Auswertung: Wenn wir nur an einer konkreten Stelle (z.B. ) ausrechnen wollen, stecken wir nicht in diesen Riesen-Term. Stattdessen werten wir die Bausteine einzeln bei aus:
1. Bahn-Punkt: . Also und .
2. Gradient an diesem Punkt: Da ist, liefert sofort .
Damit ist das Skalarprodukt . Wir mussten die Geschwindigkeit nicht einmal ausrechnen!
Die Verallgemeinerte Kettenregel hat vier Schreibweisen, alle inhaltlich identisch. Welche du wann nutzt, entscheidet die Aufgabenstellung und der Geschmack. Im Klausur-Lösungsweg lohnt es sich, immer die Form zu wählen, die zur Anwendung am besten passt.
| Form | Ausdruck | Wann nutzen |
|---|---|---|
| explizit | wenn ausrechenbar; konkretes Beispiel | |
| subscript | kompakte Mitschrift-Notation; schnell hinschreiben | |
| Vektor | Skalarprodukt sichtbar; wenn die Geometrie zählt | |
| Gradient | koordinatenfrei; für Beweise und Niveaulinien-Argumente (§3) |
Niveaulinien wurden in IV.1 eingeführt: die Menge aller Punkte, an denen einen festen Wert annimmt. Jetzt holen wir ihre Tangenten ein, mit der Verallgemeinerten Kettenregel als Werkzeug.
Sei eine Parametrisierung einer Niveaulinie, also für alle aus dem zulässigen Bereich. Dann ist die Höhen-Funktion entlang der Bahn konstant in . Konstante Funktion, Ableitung null. Setzen wir das mit der Kettenregel zusammen:
Geometrische Bedeutung: der Gradient steht an jedem Punkt senkrecht auf der Niveaulinie durch diesen Punkt. Das ist eine Eigenschaft des Gradienten, die in IV.2 §4.2 nur als Vorschau erwähnt war (ohne Beweis); hier folgt sie direkt aus 'Höhe konstant entlang Niveaulinie + Kettenregel'.
Geometrisches Bild zum Mitnehmen: stehst du auf einem Wanderweg, der genau einer Höhenlinie folgt, dann zeigt der Gradient (Richtung des steilsten Anstiegs) immer rechtwinklig zum Weg. Mathematisch formuliert ist die momentane Höhenänderung beim Gehen exakt das Skalarprodukt . Da wir auf der Niveaulinie bleiben, ist die Änderung . Also muss das Skalarprodukt null sein, was geometrisch bedeutet, dass die Vektoren senkrecht stehen.
Eine Kurve ist oft implizit durch eine Gleichung gegeben, ohne dass man explizit als Funktion von auflösen kann. Beispiel: die Hyperbel liefert nur stückweise mit Vorzeichen-Wahl. Trotzdem gibt es eine Tangentensteigung an jedem Punkt der Kurve, und die Verallgemeinerte Kettenregel liefert sie ohne explizite Auflösung.
Setup: Sei und ein Punkt auf der Kurve. In einem Bereich um existiert eine lokale Auflösung mit . Damit gilt:
Wenn wir selbst als Kurvenparameter nutzen, können wir diese lokale Kurve parametrisieren als . Der Tangentenvektor lautet dann logischerweise .
Aus Abschnitt 3.1 wissen wir: Der Gradient steht immer senkrecht auf der Niveaulinie . Also muss das Skalarprodukt aus Gradient und Tangentenvektor an jedem Punkt null sein:
Satz Tangentensteigung. An einem Punkt auf der impliziten Kurve mit ist die Tangentensteigung der lokalen Auflösung gegeben durch , beide Ableitungen am Punkt ausgewertet. Geometrisch: die Tangente an die Kurve hat genau diese Steigung.
Standard-Klausur-Beispiel ohne explizite Parametrisierung. Die Hyperbel mit und Halbachsen . Sei ein beliebiger Kurvenpunkt mit .
Partielle Ableitungen direkt: und . Mit dem Satz aus §4.1 folgt die Tangentensteigung:
Die Punkt-Steigungs-Form der Tangente lautet . Wenn wir einsetzen und die Gleichung Schritt für Schritt umformen, können wir die Hyperbel-Bedingung ausnutzen:
Warum tauchen plötzlich Gas-Gleichungen in einem Mathe-Skript über implizite Funktionen auf? Weil thermodynamische Zustandsgleichungen der Form das absolute Paradebeispiel für implizite Funktionen in den Naturwissenschaften sind!
Genau wie wir in Abschnitt 4 eine Kurve lokal nach aufgelöst haben, können wir ein Gas lokal nach , oder auflösen.
Die partiellen Ableitungen dieser impliziten Auflösungen beschreiben messbare Materialeigenschaften. Sie sind in der Physik so extrem wichtig, dass sie eigene Namen bekommen haben:
Vorzeichen-Vorsicht. Bei steigendem Druck nimmt das Volumen ab, also ist . Per Konvention will man als positive Materialkonstante, daher steht das Minus-Vorzeichen vor dem Quotienten in der Definition. Das Minus ist kein Schreibfehler, sondern bewusste Vorzeichen-Korrektur.
Vorschau auf IV.7. Die drei Koeffizienten hängen über eine implizite Relation zusammen, die direkt aus der Verallgemeinerten Kettenregel auf die Zustands-Gleichung folgt. Die volle Herleitung folgt in IV.7, sobald wir formal mit Funktionen in drei Variablen arbeiten. Hier reichen die Definitionen.
Aufgaben werden vom Nutzer geliefert. Standard-Vorgehen: bei 'Funktion entlang Kurve'-Aufgaben Verallgemeinerte Kettenregel in der passenden Schreibweise (Cheat-Sheet §2.4) aufstellen, und ausrechnen, Skalarprodukt bilden. Bei impliziten Tangenten-Aufgaben Voraussetzung prüfen, einsetzen, gegebenenfalls mit der Implizit-Bedingung umformen (siehe §4.2 Hyperbel-Beispiel). Bei Niveaulinien-Argumenten direkt die Senkrechtstellung aus §3.1 nutzen.