1Motivation, warum neue Koordinaten?

1.1 Symmetrie ausnutzen, Beispiele Polar-, Zylinder-, Kugelkoordinaten

Anwendungs-Vorschau. Oft lässt sich die mathematische Formulierung eines Problems durch die Wahl von geeigneten Koordinaten vereinfachen. Wenn die Symmetrie der Funktion zu den Koordinaten passt, schrumpfen Rechnungen zusammen, die in kartesischen Variablen seitenlang wären.

Bild im Kopf für Polar: ein gleichmässiges (ρ,φ)(\rho, \varphi)-Gitter in der neuen Koordinaten-Ebene wird unter der Polar-Transformation zu einem krummlinigen Gitter aus Kreisen (festes ρ\rho) und Strahlen (festes φ\varphi) in der (x,y)(x, y)-Ebene. Eine Funktion f(x,y)f(x, y) als Skalarfeld auf der Ebene wird in den neuen Variablen zu einer transformierten Funktion f~(ρ,φ)=f(x(ρ,φ),y(ρ,φ))\tilde{f}(\rho, \varphi) = f(x(\rho, \varphi), y(\rho, \varphi)).

Drei Standard-Wechsel begleiten dich durch das ganze Studium: Polarkoordinaten in R2\mathbb{R}^2 (für radiale Symmetrie um einen Punkt), Zylinderkoordinaten in R3\mathbb{R}^3 (für axial-symmetrische Probleme um eine Achse) und Kugelkoordinaten in R3\mathbb{R}^3 (für punkt-symmetrische Probleme um den Ursprung). Mitschrift S. 33 nennt diese drei explizit als Standard-Repertoire.

Die Tilde markiert: gleicher Funktionswert, andere Variablen. ff lebt über (x,y)(x, y), f~\tilde{f} über (ρ,φ)(\rho, \varphi). Inhaltlich derselbe Skalar an jedem Raumpunkt, nur mit anderen Adressen versehen.

Kernfrage des Kapitels. Wie verhalten sich partielle Ableitungen unter solchen Transformationen? Konkret: wie hängt f~ρ\tilde{f}_\rho mit fxf_x und fyf_y zusammen, und wie sieht der Laplace-Operator Δf=fxx+fyy\Delta f = f_{xx} + f_{yy} in den neuen Variablen aus? Antwort kommt in §2 bis §5, Anwendung auf die Wellengleichung in §6.

Radius ρ = 1.60
Winkel φ = 50° (0.87 rad)
x = ρ cos φ 1.029
y = ρ sin φ 1.226
f(P) = exp(−ρ) 0.20190
f bei φ+180° 0.20190
Symmetrie |f(P) − f(φ+180°)| 0.0e+0 (= 0)
1.60
50
6
0.0
Abb. 1: Links das (ρ, φ)-Karogitter, rechts sein Polar-Bild aus Kreisen und Strahlen.
Definition Transformierte Funktion f~\tilde{f}
f~(ρ,φ):=f(x(ρ,φ),y(ρ,φ))\tilde{f}(\rho, \varphi) := f(x(\rho, \varphi), y(\rho, \varphi)). Gleiche Funktion in den neuen Variablen ausgewertet. Wert identisch, Variablen anders.
Notation Tilde-Konvention ff vs f~\tilde{f}
ff ist die originale Funktion in (x,y)(x, y), f~\tilde{f} dieselbe Funktion ausgewertet über die Substitution (x(ρ,φ),y(ρ,φ))(x(\rho, \varphi), y(\rho, \varphi)). Derselbe Wert, andere Variablen, neue Ableitungs-Notation f~ρ\tilde{f}_\rho statt fxf_x.
Merke Drei Standard-Wechsel
Repertoire: Polar in R2\mathbb{R}^2 (radiale Symmetrie), Zylinder in R3\mathbb{R}^3 (axial), Kugel in R3\mathbb{R}^3 (punkt-symmetrisch). Jede Wahl hat ihren Symmetrie-Trigger.

2Polarkoordinaten als Beispiel

2.1 Definition x=ρcos(φ)x = \rho \cos(\varphi), y=ρsin(φ)y = \rho \sin(\varphi) und partielle Ableitungen

Wir starten mit dem Standard-Beispiel: Polarkoordinaten. Jeder Punkt der Ebene ausser dem Ursprung wird durch einen Abstand ρ>0\rho > 0 zum Ursprung und einen Winkel φ[0,2π)\varphi \in [0, 2\pi) zur positiven xx-Achse eindeutig adressiert. Das ist die Polar-Parametrisierung der Ebene.

!!!
Polarkoordinaten Definition
x(ρ,φ)=ρcos(φ),    y(ρ,φ)=ρsin(φ)x(\rho, \varphi) = \rho \cos(\varphi),\;\; y(\rho, \varphi) = \rho \sin(\varphi)
Standard-Konvention: ρ\rho ist der Abstand zum Ursprung, φ\varphi der Winkel zur positiven xx-Achse. Mitschrift S. 33.

Eine Skalarfunktion f(x,y)f(x, y) wird über die Polar-Parametrisierung in den neuen Variablen ausgedrückt. Wert identisch, Adresse anders:

Transformierte Funktion f~\tilde{f}
f~(ρ,φ)=f(x(ρ,φ),y(ρ,φ))\tilde{f}(\rho, \varphi) = f(x(\rho, \varphi),\, y(\rho, \varphi))
Komposition f~=f(x,y)\tilde{f} = f \circ (x, y). ff in den alten Variablen, f~\tilde{f} in den neuen.

Für die Verallgemeinerte Kettenregel aus IV.6 §2.3 brauchen wir die partiellen Ableitungen der Polar-Parametrisierung. Das sind vier Ableitungen: jede der beiden Komponenten x,yx, y einmal nach ρ\rho und einmal nach φ\varphi.

!!
Partielle Ableitungen der Polar-Transformation
xρ=cos(φ),xφ=ρsin(φ)yρ=sin(φ),yφ=ρcos(φ)\begin{aligned} x_\rho &= \cos(\varphi), & x_\varphi &= -\rho \sin(\varphi) \\ y_\rho &= \sin(\varphi), & y_\varphi &= \rho \cos(\varphi) \end{aligned}
Diese vier Ableitungen bilden die Einträge der sogenannten Jacobi-Matrix, die wir uns in §3 genauer ansehen werden. Achtung Vorzeichen bei xφx_\varphi: das Minus stammt aus ddφcos(φ)=sin(φ)\frac{d}{d\varphi}\cos(\varphi) = -\sin(\varphi). Häufige Vorzeichen-Falle.

Geometrische Lesart: für ein festes φ\varphi ist die Abbildung ρ(x(ρ,φ),y(ρ,φ))=(ρcos(φ),ρsin(φ))\rho \mapsto (x(\rho, \varphi), y(\rho, \varphi)) = (\rho \cos(\varphi), \rho \sin(\varphi)) die Parametrisierung eines Strahls aus dem Ursprung mit Steigungs-Richtung (cos(φ),sin(φ))(\cos(\varphi), \sin(\varphi)). Für ein festes ρ\rho wird die Abbildung φ(ρcos(φ),ρsin(φ))\varphi \mapsto (\rho \cos(\varphi), \rho \sin(\varphi)) zur Kreislinie mit Radius ρ\rho. Strahlen und Kreise zusammen bilden das Polar-Gitter in der (x,y)(x, y)-Ebene.

Die vier Ableitungen sind nicht abstrakt: sie sind genau die zwei Richtungspfeile, in die du am Punkt PP läufst, wenn du an einem der beiden Regler drehst. Drehst du nur an ρ\rho (radial nach aussen), bewegt sich PP in Richtung (xρ,yρ)=(cos(φ),sin(φ))(x_\rho, y_\rho) = (\cos(\varphi), \sin(\varphi)), dem radialen Pfeil eρ\vec{e}_\rho mit Länge 11. Drehst du nur an φ\varphi (entlang des Kreises), bewegt sich PP in Richtung (xφ,yφ)=(ρsin(φ),ρcos(φ))(x_\varphi, y_\varphi) = (-\rho \sin(\varphi), \rho \cos(\varphi)), dem tangentialen Pfeil eφ\vec{e}_\varphi mit Länge ρ\rho. Abb. 2 zeigt beide Pfeile direkt am Polargitter.

eᵨ-Spalte (xᵨ, yᵨ) (cos φ, sin φ) = (0.766, 0.643)
eᵩ-Spalte (xᵩ, yᵩ) (−ρ sin φ, ρ cos φ) = (−1.157, 1.379)
|eᵨ| 1.000 (immer 1)
|eᵩ| ρ = 1.800
det J = xᵨ·yᵩ − xᵩ·yᵨ ρ = 1.800
Kontrolle |eᵨ| cos²φ + sin²φ = 1.000
1.80
40
0.0
Abb. 2: Die zwei Jacobi-Spalten an P: grün der radiale eᵨ (Länge 1), gold der tangentiale eᵩ (Länge ρ).
Definition Polarkoordinaten
x=ρcos(φ)x = \rho \cos(\varphi), y=ρsin(φ)y = \rho \sin(\varphi) mit ρ0\rho \geq 0 und φ[0,2π)\varphi \in [0, 2\pi). Adressiert jeden Punkt der Ebene ausser dem Ursprung eindeutig.
Notation φ\varphi in IV.8 ist Polar-Winkel (Pflicht)
Pflicht: φ\varphi in §2 bis §5 ist Polar-Winkel. SIEBTE Bedeutung in Kap. IV: Hilfsfunktion (IV.3 §2.2), IB-Komponente (IV.3 §3, IV.7 §3.3), Approximations-Differenz (IV.4 §3.1, IV.6 §2.1), lokale Auflösung (IV.6 §4.1), jetzt Polar-Winkel.
Notation ρ\rho vs Mitschrift-Symbol
Mitschrift schreibt den Polarradius handschriftlich mit einem Symbol, das wie ss aussieht; gemeint ist ρ\rho (rho). In dieser Page durchgehend ρ\rho, um Verwechslung mit Bogenlängen-ss aus IV.6 zu vermeiden.
Formel Spickzettel Polar
x=ρcos(φ),  y=ρsin(φ)x = \rho \cos(\varphi),\; y = \rho \sin(\varphi)
Standard-Definition. Vier Jacobi-Komponenten in Tabelle in §2.2 (Cheat-Sheet A).

2.2 Verallgemeinerte Kettenregel: f~ρ\tilde{f}_\rho und f~φ\tilde{f}_\varphi

Mit den Jacobi-Komponenten aus §2.1 und der Verallgemeinerten Kettenregel aus IV.6 §2.3 sind die Polar-Ableitungen f~ρ\tilde{f}_\rho und f~φ\tilde{f}_\varphi direkt ablesbar. Die Mechanik: f~=f(x,y)\tilde{f} = f \circ (x, y) ist eine Komposition, also gilt die Kettenregel mit allen Beiträgen entlang aller Variablen.

!!!
f~ρ\tilde{f}_\rho in Polarkoordinaten
f~ρ=fxxρ+fyyρ=fxcos(φ)+fysin(φ)\tilde{f}_\rho = f_x\, x_\rho + f_y\, y_\rho = f_x \cos(\varphi) + f_y \sin(\varphi)
Skalarprodukt aus Gradient und der Spalte (xρ,yρ)=(cos(φ),sin(φ))(x_\rho, y_\rho)^\top = (\cos(\varphi), \sin(\varphi))^\top. Geometrisch: Steigung von ff in radiale Richtung.
!!!
f~φ\tilde{f}_\varphi in Polarkoordinaten
f~φ=fxxφ+fyyφ=fxρsin(φ)+fyρcos(φ)\tilde{f}_\varphi = f_x\, x_\varphi + f_y\, y_\varphi = -f_x\, \rho \sin(\varphi) + f_y\, \rho \cos(\varphi)
Faktor ρ\rho in beiden Termen, weil xφ,yφx_\varphi, y_\varphi proportional zu ρ\rho sind. Geometrisch: Steigung in tangentiale Richtung mal Bogenlänge ρdφ\rho \,d\varphi.

Beispiel aus Mitschrift S. 34. Sei f(x,y)=x2y2f(x, y) = x^2 - y^2 und die Transformation x(u,v)=ucoshvx(u, v) = u \cosh v, y(u,v)=usinhvy(u, v) = u \sinh v. Diese hyperbolischen Koordinaten sind kein Polar-Wechsel, illustrieren aber dieselbe Mechanik. Bestimme f~v\tilde{f}_v.

Beispiel-Setup hyperbolische Koordinaten
f(x,y)=x2y2x(u,v)=ucoshv,    y(u,v)=usinhvfx=2x,    fy=2yxv=usinhv,    yv=ucoshv\begin{aligned} f(x, y) &= x^2 - y^2 \\ x(u, v) &= u \cosh v,\;\; y(u, v) = u \sinh v \\ f_x &= 2x,\;\; f_y = -2y \\ x_v &= u \sinh v,\;\; y_v = u \cosh v \end{aligned}
Vier Bauteile: Funktion, Transformation, partielle Ableitungen von ff, Jacobi-Komponenten in vv-Richtung. Genug für Verallgemeinerte Kettenregel.
!!
Beispiel f~v\tilde{f}_v Berechnung
f~v=fxxv+fyyv=2(ucoshv)(usinhv)2(usinhv)(ucoshv)=0\begin{aligned} \tilde{f}_v &= f_x\, x_v + f_y\, y_v \\ &= 2(u \cosh v)(u \sinh v) - 2(u \sinh v)(u \cosh v) = 0 \end{aligned}
Die zwei Terme heben sich exakt auf. f~v0\tilde{f}_v \equiv 0 heisst: f~\tilde{f} ist konstant in vv. Test im nächsten Block.
Beispiel Test, f~\tilde{f} direkt
f~=(ucoshv)2(usinhv)2=u2(cosh2vsinh2v)=u2konstant in v    f~v=0  \begin{aligned} \tilde{f} &= (u \cosh v)^2 - (u \sinh v)^2 \\ &= u^2 (\cosh^2 v - \sinh^2 v) = u^2 \\ &\text{konstant in } v \;\Longrightarrow\; \tilde{f}_v = 0 \;\checkmark \end{aligned}
Direkte Verifikation per Identität cosh2vsinh2v=1\cosh^2 v - \sinh^2 v = 1. Beide Wege liefern dasselbe Resultat, das Cross-Check funktioniert.
u, v u = 1.30, v = 0.60
x = u cosh v 1.546
y = u sinh v 0.837
f = x² − y² 1.690
Soll u² (konstant in v) 1.690
f̃ᵥ = fₓ xᵥ + f_y yᵥ 0.0e+0 (= 0)
1.30
0.60
5
0.0
Abb. 3: Hyperbolisches Beispiel. P läuft bei festem u die Hyperbel entlang, f = x² − y² bleibt konstant.
Variable nach ρ\rho nach φ\varphi
x=ρcos(φ)x = \rho \cos(\varphi) cos(φ)\cos(\varphi) ρsin(φ)-\rho \sin(\varphi)
y=ρsin(φ)y = \rho \sin(\varphi) sin(φ)\sin(\varphi) ρcos(φ)\rho \cos(\varphi)
det\det ρ\rho (regulär für ρ>0\rho > 0)
Cheat-Sheet A: Polarkoordinaten, Jacobi auf einen Blick. Spalten = Ableitung nach neuer Variable.
Formel Spickzettel f~ρ\tilde{f}_\rho
f~ρ=fxcos(φ)+fysin(φ)\tilde{f}_\rho = f_x \cos(\varphi) + f_y \sin(\varphi)
Steigung in radiale Richtung. Skalarprodukt aus Gradient und Polar-Einheitsvektor (cos(φ),sin(φ))(\cos(\varphi), \sin(\varphi)).
Formel Spickzettel f~φ\tilde{f}_\varphi
f~φ=ρ(fxsin(φ)+fycos(φ))\tilde{f}_\varphi = \rho(-f_x \sin(\varphi) + f_y \cos(\varphi))
Faktor ρ\rho ausgeklammert. Tangentiale Steigung mal Bogen-Skalierung.
Merke Argumente bei fx,fyf_x, f_y
Merke: fxf_x und fyf_y werden in (x(ρ,φ),y(ρ,φ))(x(\rho, \varphi), y(\rho, \varphi)) ausgewertet, NICHT direkt in (ρ,φ)(\rho, \varphi). Reihenfolge: erst Ableitung in (x,y)(x, y), dann Polar-Substitution einsetzen.

3Verallgemeinerte Kettenregel in Matrix-Vektor-Form

3.1 Jacobi-Matrix JJ und kompakte Schreibweise

Schreibt man f~ρ\tilde{f}_\rho und f~φ\tilde{f}_\varphi als Zeilenvektor und packt die vier Jacobi-Komponenten in eine Matrix, wird die Verallgemeinerte Kettenregel zu einer Matrix-Multiplikation. Das ist die kompakte Form, die im Bachelor- und Master-Studium der Standard ist.

!!!
Matrix-Vektor-Form Polar
(f~ρf~φ)=(fxfy)JJ=(cos(φ)ρsin(φ)sin(φ)ρcos(φ))\begin{aligned} \begin{pmatrix} \tilde{f}_\rho & \tilde{f}_\varphi \end{pmatrix} &= \begin{pmatrix} f_x & f_y \end{pmatrix} \cdot J \\ J &= \begin{pmatrix} \cos(\varphi) & -\rho \sin(\varphi) \\ \sin(\varphi) & \rho \cos(\varphi) \end{pmatrix} \end{aligned}
JJ ist die Jacobi-Matrix der Polar-Transformation. Einträge Jij=xi/ujJ_{ij} = \partial x_i / \partial u_j mit alten Variablen xi=(x,y)x_i = (x, y) und neuen Variablen uj=(ρ,φ)u_j = (\rho, \varphi).

Diese Form ist die Verallgemeinerte Kettenregel für mehrere Variablen in Matrix-Vektor-Schreibweise. Sie skaliert direkt auf drei und mehr Variablen mit grösserer Jacobi-Matrix. Vergleich zur Form in IV.7 §4.1: dort hatten wir das Skalarprodukt grad(f)r˙\operatorname{grad}(f) \cdot \dot{\vec{r}} für eine Raumkurve. Hier ist es Vektor mal Matrix statt Skalarprodukt, also analog. Genau genommen ist grad(f)r˙\operatorname{grad}(f) \cdot \dot{\vec{r}} der Spezialfall mit einer Variable tt als 'neuer Koordinate', dann ist JJ einspaltig und das Matrix-Produkt wird zum Skalarprodukt.

fₓ, f_y an P fₓ = 2.949, f_y = 2.065
cos φ, sin φ cos φ = 0.819, sin φ = 0.574
Kettenregel f̃ᵨ = fₓ cos φ + f_y sin φ 3.600
Soll h'(ρ) exakt 2ρ = 3.600
Fehler |f̃ᵨ − h'(ρ)| 0.0e+0 (= 0)
Kontrolle grad f · eᵨ 3.600
1.80
35
0.0
Abb. 4: Radiale Polar-Ableitung f~ρ=fxcosφ+fysinφ\tilde{f}_\rho = f_x \cos\varphi + f_y \sin\varphi als Steigung von ff längs eρ\vec{e}_\rho.
Definition Jacobi-Matrix JJ
Matrix der partiellen Ableitungen alter nach neuen Variablen: Jij=xi/ujJ_{ij} = \partial x_i / \partial u_j. Zeilen sind alte Variablen, Spalten sind neue Variablen.
Notation Zeile mal Matrix von rechts
Mitschrift-Konvention: (f~ρ,f~φ)=(fx,fy)J(\tilde{f}_\rho, \tilde{f}_\varphi) = (f_x, f_y) \cdot J. Manche Texte schreiben Spaltenvektoren mit der Matrix von links; das ist die transponierte Variante, inhaltlich identisch.
Formel Spickzettel Matrix-Form
(f~ρ,f~φ)=(fx,fy)J(\tilde{f}_\rho, \tilde{f}_\varphi) = (f_x, f_y) \cdot J
Kompakteste Form. Skaliert direkt auf nn Variablen mit n×nn \times n Jacobi-Matrix.

4Umkehrtransformation, von neuen zu alten partiellen Ableitungen

4.1 J1J^{-1} multiplizieren, Polar-Beispiel

Manchmal hat man die transformierten Ableitungen f~ρ,f~φ\tilde{f}_\rho, \tilde{f}_\varphi und sucht die kartesischen fx,fyf_x, f_y zurück. Multiplikation mit J1J^{-1} von rechts dreht die Transformation um. Die Inverse J1J^{-1} existiert genau dann, wenn detJ0\det J \neq 0. Für Polar gilt detJ=ρcos2(φ)+ρsin2(φ)=ρ\det J = \rho \cos^2(\varphi) + \rho \sin^2(\varphi) = \rho, also überall regulär ausser am Pol ρ=0\rho = 0.

!!
J1J^{-1} für Polar
J1=(cos(φ)sin(φ)1ρsin(φ)1ρcos(φ))\begin{aligned} J^{-1} &= \begin{pmatrix} \cos(\varphi) & \sin(\varphi) \\ -\tfrac{1}{\rho} \sin(\varphi) & \tfrac{1}{\rho} \cos(\varphi) \end{pmatrix} \end{aligned}
Standard-Inversion einer 2×22 \times 2-Matrix mit detJ=ρ\det J = \rho. Faktor 1/ρ1/\rho in der zweiten Zeile bringt die Singularität am Pol ρ=0\rho = 0.

Aus (f~ρ,f~φ)=(fx,fy)J(\tilde{f}_\rho, \tilde{f}_\varphi) = (f_x, f_y) \cdot J folgt durch Rechts-Multiplikation mit J1J^{-1} direkt (fx,fy)=(f~ρ,f~φ)J1(f_x, f_y) = (\tilde{f}_\rho, \tilde{f}_\varphi) \cdot J^{-1}. Komponentenweise ausgeschrieben:

!!!
Auflösung nach fxf_x und fyf_y
fx=f~ρcos(φ)f~φ1ρsin(φ)fy=f~ρsin(φ)+f~φ1ρcos(φ)\begin{aligned} f_x &= \tilde{f}_\rho \cos(\varphi) - \tilde{f}_\varphi \cdot \tfrac{1}{\rho} \sin(\varphi) \\ f_y &= \tilde{f}_\rho \sin(\varphi) + \tilde{f}_\varphi \cdot \tfrac{1}{\rho} \cos(\varphi) \end{aligned}
Geometrische Lesart: fxf_x ist gewichtete Summe aus radialer Ableitung mit Faktor cos(φ)\cos(\varphi) und tangentialer Ableitung mit Faktor (1/ρ)sin(φ)-(1/\rho)\sin(\varphi). fyf_y analog mit anderen trigonometrischen Faktoren.

Die kartesische Ableitung ist also eine gewichtete Summe der Polar-Ableitungen: ein Stück 'Radialgewicht' (Faktoren cos(φ),sin(φ)\cos(\varphi), \sin(\varphi)) plus ein Stück 'Tangentialgewicht' (Faktoren mit 1/ρ1/\rho). Der Faktor 1/ρ1/\rho in den tangentialen Beiträgen ist die Bogenlängen-Korrektur: am Polargitter ist der Bogen pro Winkel-Schritt ρdφ\rho \, d\varphi, beim Wechsel von Bogenlänge auf Winkel teilt man durch ρ\rho.

Polar-Ableitungen f̃ᵨ, f̃ᵩ an P f̃ᵨ = 3.000, f̃ᵩ = 0.000
rek. fₓ = f̃ᵨ cos φ − f̃ᵩ (1/ρ) sin φ 2.298
rek. f_y = f̃ᵨ sin φ + f̃ᵩ (1/ρ) cos φ 1.929
analytisch direkt fₓ, f_y fₓ = 2.298, f_y = 1.929
Fehler |grad f_rek − grad f| 0.0e+0 (= 0)
det J = ρ 1.500 (regulär für ρ > 0)
1.50
40
0.0
Abb. 5: Aus f̃ᵨ, f̃ᵩ per J⁻¹ den kartesischen grad f zurück. Gold (rekonstruiert) deckt blau (direkt).
Definition Umkehrtransformation
Multiplikation der Polar-Ableitungen mit J1J^{-1}: (fx,fy)=(f~ρ,f~φ)J1(f_x, f_y) = (\tilde{f}_\rho, \tilde{f}_\varphi) \cdot J^{-1}. Existiert wo detJ0\det J \neq 0, also für Polar überall ausser am Pol ρ=0\rho = 0.
Notation Singuläre Jacobi am Pol ρ=0\rho = 0 (Pflicht)
Pflicht-Hinweis: bei ρ=0\rho = 0 ist detJ=0\det J = 0, J1J^{-1} existiert NICHT. Polar-Adresse selbst entartet (jeder Winkel führt zum Ursprung), daher f~φ\tilde{f}_\varphi am Pol nicht definiert. Umkehrung versagt nur dort und nur dort.
Merke Drei Vorzeichen-Stellen
Pass auf: xφ=ρsin(φ)x_\varphi = -\rho \sin(\varphi) (Minus!), J1J^{-1}-Eintrag (1/ρ)sin(φ)-(1/\rho)\sin(\varphi) (Minus!), und im fxf_x-Ausdruck f~φ(1/ρ)sin(φ)-\tilde{f}_\varphi \cdot (1/\rho)\sin(\varphi) (Minus!). Alle drei aus derselben sin(φ)\sin(\varphi)-Ableitung.
Formel Spickzettel J1J^{-1} Polar
J1:(cos(φ),sin(φ);1ρsin(φ),1ρcos(φ))J^{-1}: (\cos(\varphi), \sin(\varphi);\, -\tfrac{1}{\rho} \sin(\varphi), \tfrac{1}{\rho} \cos(\varphi))
Zeilen-Schreibweise der Inverse-Matrix. Erster Block ist Radialgewicht, zweiter mit Faktor 1/ρ1/\rho ist Tangentialgewicht.

5Höhere Ableitungen, Laplace in Polarkoordinaten

5.1 f~ρρ\tilde{f}_{\rho\rho} und f~φφ\tilde{f}_{\varphi\varphi} Herleitung

Zweite Ableitungen in den neuen Koordinaten sind die nächste Stufe. Die Rechnung ist mechanisch, aber lang: Verallgemeinerte Kettenregel zweimal hintereinander, plus Produktregel, plus Schwarz für die Mischableitungen. Genau dasselbe Pattern wie im Beweis aus IV.4 §3.2, hier nur ohne Klein-o-Limes.

Aus §2.2 wissen wir f~ρ=fxcos(φ)+fysin(φ)\tilde{f}_\rho = f_x \cos(\varphi) + f_y \sin(\varphi). Erneut nach ρ\rho ableiten: cos(φ)\cos(\varphi) und sin(φ)\sin(\varphi) sind konstant in ρ\rho, daher entfällt die Produktregel. Jeder Faktor fx,fyf_x, f_y ist Funktion in (x(ρ,φ),y(ρ,φ))(x(\rho, \varphi), y(\rho, \varphi)), also wirkt die Verallgemeinerte Kettenregel: (fx)ρ=fxxcos(φ)+fxysin(φ)(f_x)_\rho = f_{xx} \cos(\varphi) + f_{xy} \sin(\varphi) und analog (fy)ρ=fyxcos(φ)+fyysin(φ)(f_y)_\rho = f_{yx} \cos(\varphi) + f_{yy} \sin(\varphi). Mit Schwarz fxy=fyxf_{xy} = f_{yx} und Sortieren ergibt sich:

!!
f~ρρ\tilde{f}_{\rho\rho} Resultat
f~ρρ=fxxcos2(φ)+2fxycos(φ)sin(φ)+fyysin2(φ)\tilde{f}_{\rho\rho} = f_{xx} \cos^2(\varphi) + 2 f_{xy} \cos(\varphi) \sin(\varphi) + f_{yy} \sin^2(\varphi)
Quadratische Form in (cos(φ),sin(φ))(\cos(\varphi), \sin(\varphi)) mit Hesse-Matrix-Einträgen fxx,fxy,fyyf_{xx}, f_{xy}, f_{yy} als Koeffizienten.

Symmetrische Rolle für f~φφ\tilde{f}_{\varphi\varphi}, aber jetzt hängen sin(φ)\sin(\varphi) und cos(φ)\cos(\varphi) von φ\varphi ab, daher Produktregel notwendig. Aus f~φ=ρ(fxsin(φ)+fycos(φ))\tilde{f}_\varphi = \rho(-f_x \sin(\varphi) + f_y \cos(\varphi)) erneut nach φ\varphi ableiten: ρ\rho ist konstant in φ\varphi, fx,fyf_x, f_y sind Funktionen in (x,y)(x, y) und damit auch in φ\varphi via Substitution, sin(φ),cos(φ)\sin(\varphi), \cos(\varphi) direkt φ\varphi-abhängig. Drei Anwendungen der Produktregel plus Verallgemeinerte Kettenregel:

!!
f~φφ\tilde{f}_{\varphi\varphi} Resultat
f~φφ=ρ2(fxxsin2(φ)2fxycos(φ)sin(φ)+fyycos2(φ))    ρf~ρ\begin{aligned} \tilde{f}_{\varphi\varphi} &= \rho^2 \bigl( f_{xx} \sin^2(\varphi) - 2 f_{xy} \cos(\varphi) \sin(\varphi) + f_{yy} \cos^2(\varphi) \bigr) \\ &\;\; - \rho \cdot \tilde{f}_\rho \end{aligned}
Erster Klammer-Block: quadratische Form mit vertauschten cos\cos- und sin\sin-Rollen vs f~ρρ\tilde{f}_{\rho\rho}, plus Vorzeichen-Wechsel im Mischterm. Zusätzlicher Term ρf~ρ-\rho \cdot \tilde{f}_\rho aus der Produktregel auf fxsin(φ)f_x \cdot \sin(\varphi) und fycos(φ)f_y \cdot \cos(\varphi).
f̃ᵨᵨ Formel = fₓₓ cos²φ + 2 fₓᵧ cos φ sin φ + f_yy sin²φ 2.000
f̃ᵨᵨ gemessen (radialer 2. Diff.-Quotient) 2.000
f̃ᵩᵩ Formel = ρ²(…) − ρ f̃ᵨ 0.000
f̃ᵩᵩ gemessen (tangentialer 2. Diff.-Quotient) 0.000
Fehler |Formel − gemessen| ρρ: 2.0e−4, φφ: 2.0e−4
1.50
35
0.0
Abb. 6: Die zwei zweiten Ableitungen als Krümmung durch P: grün radial (⇒ f̃ᵨᵨ), gold tangential (⇒ f̃ᵩᵩ).
Merke Pattern: zwei Kettenregeln plus Produktregel plus Schwarz
Mechanik: f~ρ\tilde{f}_\rho aus §2.2 erneut ableiten, Verallgemeinerte Kettenregel anwenden, Produktregel wo nötig, Schwarz für Mischableitungen. Identisches Pattern wie im IV.4 §3.2-Beweis.
Notation Schwarz erlaubt fxy=fyxf_{xy} = f_{yx}
Bei stetig differenzierbaren ff gilt Schwarz, daher fxyfyxf_{xy} \equiv f_{yx}. In der Sortierung der Resultate wird das implizit verwendet, deshalb taucht im Mischterm der Faktor 22 statt zwei separater fxyf_{xy}-, fyxf_{yx}-Beiträge auf.
Formel Spickzettel f~ρρ\tilde{f}_{\rho\rho}
fxxcos2(φ)+2fxycos(φ)sin(φ)+fyysin2(φ)f_{xx}\cos^2(\varphi) + 2 f_{xy}\cos(\varphi) \sin(\varphi) + f_{yy}\sin^2(\varphi)
Quadratische Form ohne Vorfaktoren ρ\rho. Alle drei Terme sind direkt verwertbar.
Formel Spickzettel f~φφ\tilde{f}_{\varphi\varphi}
ρ2(fxxsin22fxycos(sin)+fyycos2)ρf~ρ\rho^2 (f_{xx}\sin^2 - 2 f_{xy}\cos(\sin) + f_{yy}\cos^2) - \rho \tilde{f}_\rho
Faktor ρ2\rho^2 vorne, dann sin/cos\sin/\cos-Rollen vertauscht plus negatives Misch-Vorzeichen, plus Korrektur-Term.

5.2 Laplace-Operator in Polarkoordinaten

Aus den Herleitungen in §5.1 folgt direkt der Laplace-Operator in Polarkoordinaten, mit einem auf den ersten Blick unerwarteten 1/ρ1/\rho-Term. Erst die Definition in zwei Variablen wiederholen: das ist der zweidimensionale Spezialfall des Laplace aus IV.7 §4.2 (dort Δf=fxx+fyy+fzz\Delta f = f_{xx} + f_{yy} + f_{zz} für drei Variablen).

Laplace in zwei Variablen, Definition
Δf:=fxx+fyy\Delta f := f_{xx} + f_{yy}
Summe der zweiten partiellen Ableitungen nach xx und yy. Zentral in Physik (Wärmeleitung, Wellengleichung, Poisson-Gleichung).

Hauptsatz dieses Sections: in Polarkoordinaten lautet der Laplace-Operator nicht einfach f~ρρ+f~φφ\tilde{f}_{\rho\rho} + \tilde{f}_{\varphi\varphi}, sondern enthält zusätzlich einen 1/ρ1/\rho-Term und einen 1/ρ21/\rho^2-Faktor.

!!!
Laplace-Operator in Polarkoordinaten
Δf=fxx+fyy=f~ρρ+1ρf~ρ+1ρ2f~φφ\begin{aligned} \Delta f &= f_{xx} + f_{yy} \\ &= \tilde{f}_{\rho\rho} + \tfrac{1}{\rho}\, \tilde{f}_\rho + \tfrac{1}{\rho^2}\, \tilde{f}_{\varphi\varphi} \end{aligned}
Drei Terme statt zwei. Mittlerer Term (1/ρ)f~ρ(1/\rho) \tilde{f}_\rho ist die Geometrie-Korrektur, die vom Polar-Flächenelement ρdρdφ\rho \, d\rho \, d\varphi stammt.

Beweis-Skizze

  1. Schritt 1: Terme addieren
    Wir betrachten die Summe der transformierten Ableitungen aus §5.1.
    Addition von f~ρρ\tilde{f}_{\rho\rho} und 1ρ2f~φφ\frac{1}{\rho^2}\tilde{f}_{\varphi\varphi}.
    f~ρρ+1ρ2f~φφ\tilde{f}_{\rho\rho} + \frac{1}{\rho^2} \tilde{f}_{\varphi\varphi}
  2. Schritt 2: Hauptterme vereinfachen
    Mit cos2(φ)+sin2(φ)=1\cos^2(\varphi) + \sin^2(\varphi) = 1 vereinfachen sich fxxf_{xx} und fyyf_{yy}, während sich der Mischterm exakt aufhebt.
    Sortieren nach kartesischen Ableitungen.
    fxx(cos2(φ)+sin2(φ))+fxy(2cos(φ)sin(φ)2cos(φ)sin(φ))+fyy(sin2(φ)+cos2(φ))=fxx+fyy\begin{aligned} &f_{xx}(\cos^2(\varphi) + \sin^2(\varphi)) \\ &+ f_{xy}(2\cos(\varphi)\sin(\varphi) - 2\cos(\varphi)\sin(\varphi)) \\ &+ f_{yy}(\sin^2(\varphi) + \cos^2(\varphi)) \\ &= f_{xx} + f_{yy} \end{aligned}
  3. Schritt 3: Korrekturterm ausgleichen
    Der Restterm aus der f~φφ\tilde{f}_{\varphi\varphi}-Ableitung bleibt übrig.
    Identifizieren des Fehlbetrags.
    f~ρρ+1ρ2f~φφ=(fxx+fyy)1ρf~ρ\tilde{f}_{\rho\rho} + \frac{1}{\rho^2} \tilde{f}_{\varphi\varphi} = (f_{xx} + f_{yy}) - \frac{1}{\rho} \tilde{f}_{\rho}
Drei Polar-Terme f̃ᵨᵨ = 2.000, (1/ρ)·f̃ᵨ = 2.000, (1/ρ²)·f̃ᵩᵩ = 0.000
Summe Δf (Polar) = f̃ᵨᵨ + (1/ρ)f̃ᵨ + (1/ρ²)f̃ᵩᵩ 4.000
kartesisch fₓₓ + f_yy (am Punkt) 4.000
Fehler |Δf_polar − (fₓₓ + f_yy)| 0.0e+0 (= 0)
Geometrie-Korrektur (1/ρ)·f̃ᵨ 2.000 (ohne ihn falsch)
1.50
35
0.0
Abb. 7: Der Polar-Laplace Δf = f̃ᵨᵨ + (1/ρ) f̃ᵨ + (1/ρ²) f̃ᵩᵩ an P, geprüft gegen fₓₓ + f_yy.

Anwendungs-Vorschau. Wärmeleitungs- und Wellengleichung in Polarkoordinaten (radial-symmetrisch um eine Punktquelle) profitieren direkt von dieser Form. Volle Behandlung in Analysis III, hier nur die Grundlagen.

Koordinaten Δf\Delta f Bemerkung
kartesisch fxx+fyyf_{xx} + f_{yy} Definition
Polar f~ρρ+(1/ρ)f~ρ+(1/ρ2)f~φφ\tilde{f}_{\rho\rho} + (1/\rho) \tilde{f}_\rho + (1/\rho^2) \tilde{f}_{\varphi\varphi} drei Terme statt zwei
Cheat-Sheet B: Laplace in zwei Koordinatensystemen.
Definition Δf\Delta f in zwei Variablen
Δf:=fxx+fyy\Delta f := f_{xx} + f_{yy}. Spezialfall des Laplace aus IV.7 §4.2, dort mit drittem Term fzzf_{zz} für drei Variablen.
Notation Drei Terme im Polar-Δ\Delta
Δf=f~ρρ+(1/ρ)f~ρ+(1/ρ2)f~φφ\Delta f = \tilde{f}_{\rho\rho} + (1/\rho) \tilde{f}_\rho + (1/\rho^2) \tilde{f}_{\varphi\varphi}. Mittlerer Term ist Geometrie-Korrektur aus dem Polar-Flächenelement, nicht 'doppelt gezählt'.
Formel Spickzettel Polar-Laplace
Δf=f~ρρ+1ρf~ρ+1ρ2f~φφ\Delta f = \tilde{f}_{\rho\rho} + \tfrac{1}{\rho} \tilde{f}_\rho + \tfrac{1}{\rho^2} \tilde{f}_{\varphi\varphi}
Drei Terme in Polar. Bei radial-symmetrischen Funktionen f=h(ρ)f = h(\rho) entfällt der dritte Term, ODE in ρ\rho allein bleibt.

6Anwendung: Wellengleichung und d'Alembert-Lösung

6.1 Substitution u=x+ctu = x+ct, v=xctv = x-ct, allgemeine Lösung F(x+ct)+G(xct)F(x+ct) + G(x-ct)

Die eindimensionale Wellengleichung wird durch die richtige Substitution in die einfachste mögliche partielle Differentialgleichung überführt: f~uv0\tilde{f}_{uv} \equiv 0. Daraus folgt direkt die Form jeder Lösung. Das ist d'Alembert-Substitution, und sie ist das Standard-Werkzeug für hyperbolische PDEs in einer räumlichen Variable.

!!
Eindimensionale Wellengleichung
ftt=c2fxx,    c>0f_{tt} = c^2 \cdot f_{xx},\;\; c > 0
Zwei zweite Ableitungen: fttf_{tt} in der Zeit, fxxf_{xx} im Raum. Konstante cc ist die Ausbreitungs-Geschwindigkeit der Welle.
Substitutions-Definition
u=x+ct,    v=xct    x=u+v2,    t=uv2cu = x + c t,\;\; v = x - c t \;\Longleftrightarrow\; x = \tfrac{u+v}{2},\;\; t = \tfrac{u-v}{2c}
Charakteristische Variablen der Wellengleichung. Linearer Wechsel zwischen (x,t)(x, t) und (u,v)(u, v). Mitschrift S. 36 unten.

Die transformierte Funktion ist die Komposition von ff mit der Substitution. Wir wenden gleich die Verallgemeinerte Kettenregel zweimal an, um f~uv\tilde{f}_{uv} in den kartesischen Ableitungen fxx,fxt,fttf_{xx}, f_{xt}, f_{tt} auszudrücken. Erst die transformierte Funktion explizit, dann die Jacobi-Komponenten:

Transformierte Funktion f~\tilde{f} in (u,v)(u, v)
f~(u,v)=f(x(u,v),t(u,v))\tilde{f}(u, v) = f(x(u, v),\, t(u, v))
Komposition f~=f(x,t)\tilde{f} = f \circ (x, t). x,tx, t als Funktionen in (u,v)(u, v) aus der Substitution oben.
Jacobi-Komponenten in (u,v)(u, v)
xu=12,xv=12tu=12c,tv=12c\begin{aligned} x_u &= \tfrac{1}{2}, & x_v &= \tfrac{1}{2} \\ t_u &= \tfrac{1}{2c}, & t_v &= -\tfrac{1}{2c} \end{aligned}
Vier Konstanten. Vorzeichen-Stelle: nur tv=1/(2c)t_v = -1/(2c) hat Minus, alle anderen drei sind positiv. Häufige Fehlerquelle.

Herleitung: f~uv=0\tilde{f}_{uv} = 0

  1. Schritt 1: Erste Ableitung f~u\tilde{f}_u
    Wir wenden die Verallgemeinerte Kettenregel auf f~\tilde{f} an.
    Einsetzen der Jacobi-Komponenten xu=12x_u = \tfrac{1}{2} und tu=12ct_u = \tfrac{1}{2c}.
    f~u=fxxu+fttu=12fx+12cft\tilde{f}_u = f_x\, x_u + f_t\, t_u = \tfrac{1}{2}\, f_x + \tfrac{1}{2c}\, f_t
  2. Schritt 2: Zweite Ableitung f~uv\tilde{f}_{uv} ansetzen
    Wir leiten f~u\tilde{f}_u nach vv ab. Dazu brauchen wir die Kettenregel für fxf_x und ftf_t mit den Komponenten xv=12x_v = \tfrac{1}{2} und tv=12ct_v = -\tfrac{1}{2c}.
    Komponentenweise Anwendung.
    (fx)v=fxxxv+fxttv=12fxx12cfxt(ft)v=ftxxv+ftttv=12ftx12cftt\begin{aligned} (f_x)_v &= f_{xx}\, x_v + f_{xt}\, t_v = \tfrac{1}{2} f_{xx} - \tfrac{1}{2c} f_{xt} \\ (f_t)_v &= f_{tx}\, x_v + f_{tt}\, t_v = \tfrac{1}{2} f_{tx} - \tfrac{1}{2c} f_{tt} \end{aligned}
  3. Schritt 3: Einsetzen und Sortieren
    Nach Einsetzen in (f~u)v(\tilde{f}_u)_v und Ausmultiplizieren heben sich die gemischten Ableitungen dank dem Satz von Schwarz (fxt=ftxf_{xt} = f_{tx}) gegenseitig auf.
    Ausmultiplizieren und Kürzen.
    f~uv=12(fx)v+12c(ft)v=14fxx14cfxt+14cftx14c2ftt=14(fxx1c2ftt)\begin{aligned} \tilde{f}_{uv} &= \tfrac{1}{2}(f_x)_v + \tfrac{1}{2c}(f_t)_v \\ &= \tfrac{1}{4} f_{xx} - \tfrac{1}{4c} f_{xt} + \tfrac{1}{4c} f_{tx} - \tfrac{1}{4c^2} f_{tt} \\ &= \tfrac{1}{4}\bigl( f_{xx} - \tfrac{1}{c^2}\, f_{tt} \bigr) \end{aligned}
  4. Schritt 4: Wellengleichung nutzen
    Nun nutzen wir, dass ff die Wellengleichung ftt=c2fxxf_{tt} = c^2 f_{xx} erfüllt. Damit wird der Klammerterm zu fxxfxx=0f_{xx} - f_{xx} = 0.
    Einsetzen der Wellengleichung (WG).
    f~uv=(WG)14(fxxfxx)=0\tilde{f}_{uv} \stackrel{(\text{WG})}{=} \tfrac{1}{4}\bigl( f_{xx} - f_{xx} \bigr) = 0

Aus f~uv0\tilde{f}_{uv} \equiv 0 folgt per IV.2 §5.3-Resultat (Lösung von fxy0f_{xy} \equiv 0 in zwei Variablen): f~(u,v)=F(u)+G(v)\tilde{f}(u, v) = F(u) + G(v) mit beliebigen Funktionen F,GF, G in einer Variable. Rück-Substitution mit u=x+ctu = x + ct und v=xctv = x - ct liefert die volle Lösungsstruktur:

Allgemeine Form von f~\tilde{f}
f~(u,v)=F(u)+G(v),    F,G beliebig\tilde{f}(u, v) = F(u) + G(v),\;\; F, G \text{ beliebig}
Zwei Funktionen in einer Variable. Aus IV.2 §5.3: jede Lösung von fxy0f_{xy} \equiv 0 ist Summe einer Funktion in nur xx und einer Funktion in nur yy, hier mit u,vu, v statt x,yx, y.
!!!
d'Alembert-Lösung
f(x,t)=F(x+ct)+G(xct)f(x, t) = F(x + c t) + G(x - c t)
Klassische Lösungsdarstellung. FF und GG sind beliebige zweimal differenzierbare Funktionen in einer Variable. Anfangs-Wert-Daten (f(,0),ft(,0))(f(\cdot, 0), f_t(\cdot, 0)) legen FF und GG eindeutig fest.
Probe x₀, f(x₀, t) = F(x₀+ct) + G(x₀−ct) x₀ = 0.00, f = 1.000
G-Spitze bei x₀_peak + ct x = 0.800
fₜₜ, c²·fₓₓ an x₀ fₜₜ = 0.000, c²·fₓₓ = 0.000
Residuum |fₜₜ − c²·fₓₓ| 0.0e+0 (= 0)
Aufteilung F(x₀+ct), G(x₀−ct) F = 0.500, G = 0.500
0.80
1.00
0.0
Abb. 8: Die d'Alembert-Lösung. Blau das linkslaufende F(x+ct), orange G(x−ct), grün die Summe f = F + G.

Beispiel. Die harmonische Welle aus IV.1 lautet f(x,t)=Asin(2πT(xct)+φ0)f(x, t) = A \sin\bigl(\tfrac{2\pi}{T}(\tfrac{x}{c} - t) + \varphi_0\bigr). Sie hat die Form G(xct)G(x - ct) (mit G(ξ)=Asin(2πTcξ+φ0)G(\xi) = A \sin(\tfrac{2\pi}{Tc}\xi + \varphi_0)) und ist damit ein Spezialfall der d'Alembert-Lösung, also automatisch Lösung der Wellengleichung.

Harmonische Welle Beispiel
f(x,t)=Asin ⁣(2πT(xct)+φ0)f(x, t) = A \sin\!\bigl( \tfrac{2\pi}{T}\bigl(\tfrac{x}{c} - t\bigr) + \varphi_0 \bigr)
Amplitude AA, Periodendauer TT, Geschwindigkeit cc, Phase φ0\varphi_0. φ0\varphi_0 ist hier Phase, NICHT der Polar-Winkel aus §2 bis §5.
Schritt Was tun Resultat
1. Substitution u=x+ctu = x + ct, v=xctv = x - ct neue Variablen
2. Kettenregel f~uv\tilde{f}_{uv} via Jacobi und Wellengleichung f~uv0\tilde{f}_{uv} \equiv 0
3. fxy0f_{xy} \equiv 0-Lösung aus IV.2 §5.3-Resultat f~=F(u)+G(v)\tilde{f} = F(u) + G(v)
4. Rück-Substitution u,vx,tu, v \to x, t f=F(x+ct)+G(xct)f = F(x+ct) + G(x-ct)
Cheat-Sheet C: d'Alembert-Lösung Schema, vier Schritte zur allgemeinen Lösung der Wellengleichung.
Definition d'Alembert-Lösung
f(x,t)=F(x+ct)+G(xct)f(x, t) = F(x + ct) + G(x - ct) ist die allgemeine Lösung der Wellengleichung ftt=c2fxxf_{tt} = c^2 f_{xx} in einer räumlichen Variable. F,GF, G beliebige zweimal differenzierbare Funktionen.
Notation φ0\varphi_0 Phase vs Polar-φ\varphi (Pflicht)
Pflicht-Hinweis: φ0\varphi_0 in der harmonischen Welle ist die Phase, NICHT der Polar-Winkel φ\varphi aus §2 bis §5. Index 00 unterscheidet die Phase vom laufenden Polar-Winkel.
Notation (u,v)(u, v) in §6.1 vs §2.2
(u,v)(u, v) in §6.1 sind d'Alembert-Substitutionen u=x+ctu = x+ct, v=xctv = x-ct. In §2.2 waren (u,v)(u, v) hyperbolische Koordinaten. Lokal pro Beispiel klar; verschiedene Rollen, nur die Buchstaben-Wahl überlappt.
Formel Spickzettel d'Alembert
f=F(x+ct)+G(xct)f = F(x+ct) + G(x-ct)
Allgemeine Wellengleichungs-Lösung. FF links wandernd, GG rechts wandernd, beide mit Geschwindigkeit cc.

7Aufgaben

7.1 Aufgaben

Aufgaben werden vom Nutzer geliefert. Standard-Vorgehen: bei Polar-Aufgaben Jacobi-Komponenten aus Cheat-Sheet A in §2.2 anwenden, gegebenenfalls M1M^{-1} aus §4.1 für die Umkehrung. Bei höheren Ableitungen das Pattern aus §5.1 zweimal anwenden (Verallgemeinerte Kettenregel plus Produktregel plus Schwarz). Bei PDE-Aufgaben passende Substitution wählen (charakteristische Variablen u=x+ctu = x+ct, v=xctv = x-ct für hyperbolische PDEs wie die Wellengleichung, Polar ρ,φ\rho, \varphi für radial-symmetrische Probleme), dann auf f~\tilde{f}-Gleichung reduzieren und gegebenenfalls IV.2 §5.3 für die Lösungsstruktur einsetzen.