1.1 Definition

Sei f:DR3Rf: D \subset \mathbb{R}^3 \to \mathbb{R} ein differenzierbares Skalarfeld. Der Gradient grad(f)\operatorname{grad} (f) ordnet jedem Punkt rD\vec{r} \in D den Vektor der ersten partiellen Ableitungen zu. Das Resultat ist ein Vektorfeld auf demselben Definitionsbereich DD.

Drei in Vorlesung und Prüfung übliche Schreibweisen sind im Umlauf. Sie beschreiben dasselbe mathematische Objekt; je nach Kontext ist eine Variante ausdrucksstärker als eine andere. Die koordinatenfreie Form mit dem Nabla-Operator \vec{\nabla} ist kompakt und transformiert elegant unter Identitäten wie rot(grad(f))=0\operatorname{rot}(\operatorname{grad} (f)) = \vec{0}. Die Komma-Notation f,if_{,i} schreibt sich kurz und passt zur Einsteinschen Summenkonvention der Tensorrechnung. Die explizite Komponentenform ist diejenige, mit der man konkret rechnet, wenn ff ausgeschrieben gegeben ist.

Gradient: koordinatenfrei
grad(f)  =  f\operatorname{grad}(f)\;=\; \vec{\nabla} f
=(x,y,z)\vec{\nabla} = (\partial_x, \partial_y, \partial_z)^\top ist der formale Vektor der partiellen Ableitungen. Wendet man \vec{\nabla} auf ein Skalarfeld an, entsteht ein Vektorfeld.
Gradient: Index-Komma-Notation
(grad(f))i  =  f,i,i{1,2,3}(\operatorname{grad} (f))_i \;=\; f_{,i}, \qquad i \in \{1, 2, 3\}
Komma-Konvention: f,i=f/xif_{,i} = \partial f / \partial x_i. Subskript nach Komma steht für die partielle Ableitung. ii läuft über die Raumdimensionen.
Gradient: Komponenten
grad(f(r))  =  (f/xf/yf/z)  =  (fxfyfz)\operatorname{grad} (f(\vec{r})) \;=\; \begin{pmatrix} \partial f / \partial x \\ \partial f / \partial y \\ \partial f / \partial z \end{pmatrix} \;=\; \begin{pmatrix} f_x \\ f_y \\ f_z \end{pmatrix}
Drei partielle Ableitungen. fx,fy,fzf_x, f_y, f_z ist Kurzform für f/x\partial f/\partial x usw. Die Tiefstellung x,y,zx, y, z ohne Komma signalisiert die Variable, nach der abgeleitet wird.
Definition Gradient
Vektorfeld grad(f)=(xf,yf,zf)\operatorname{grad} (f) = (\partial_x f, \partial_y f, \partial_z f)^\top. Komponenten sind die partiellen Ableitungen erster Ordnung.
Merke Notations-Äquivalenz
f,i=f/xif_{,i} = \partial f / \partial x_i. Komma-Index ist Kurzform für partielle Ableitung.
Merke Wann welche Notation
Koordinatenfrei für Sätze und Identitäten. Index-Komma für Tensorrechnung. Komponenten für konkretes Rechnen.

1.2 Geometrische Bedeutung

Der Gradient grad(f(r))\operatorname{grad} (f(\vec{r})) zeigt am Punkt r\vec{r} in Richtung des steilsten Anstiegs von ff. Sein Betrag grad(f(r))|\operatorname{grad} (f(\vec{r}))| misst die Änderungsrate von ff längs dieser Richtung. Diese geometrische Lesart liefert das pädagogische Bild der Höhenkarte: ff ist die Höhe, die Niveaulinien {f=const}\{f = \text{const}\} sind die Isohypsen, und der Gradient zeigt orthogonal zur Höhenlinie bergauf.

Aus dieser Lesart folgt direkt eine zentrale Eigenschaft: der Gradient steht senkrecht auf den Niveaulinien (im R2\mathbb{R}^2) beziehungsweise Niveauflächen (im R3\mathbb{R}^3). Algebraisch sieht man das aus der Definition der Niveaumenge: längs einer Niveaulinie ändert sich ff nicht, also ist die Richtungsableitung längs der Tangente null, und das Skalarprodukt von Gradient und Tangentenvektor verschwindet.

Wo Niveaulinien dicht beieinander liegen, ist der Gradient gross (steiler Anstieg). Wo sie weit auseinanderlaufen, ist der Gradient klein (flacher Anstieg). Das Bild von Wetterkarten mit Isobaren ist deshalb auch unmittelbar das Bild des Druckgradienten: starke Druckänderung bedeutet enge Isobaren bedeutet starker Wind.

Tangenten-Eigenschaft
grad(f(r))    Tr{f=c}\operatorname{grad} (f(\vec{r})) \;\perp\; T_{\vec{r}}\,\{f = c\}
Der Gradient steht senkrecht auf der Tangentialebene der Niveaufläche durch r\vec{r}.
Abb. 1: Gradient steht senkrecht auf den Niveaulinien.
Merke Merke: grad(f)\operatorname{grad} (f) steht senkrecht auf den Niveaulinien und zeigt in Richtung des steilsten Anstiegs.
Formel Steilster Anstieg
fu^\vec{\nabla} f \cdot \hat{\vec{u}}
Richtungsableitung von ff in Richtung u^\hat{\vec{u}}. Maximal genau für u^=f/f\hat{\vec{u}} = \vec{\nabla} f / |\vec{\nabla} f|.

1.3 Gradientenfeld

Das Vektorfeld grad(f)\operatorname{grad} (f) heisst Gradientenfeld von ff. Es ist ein konkretes Vektorfeld, dessen Komponenten am Punkt r\vec{r} aus den partiellen Ableitungen von ff am gleichen Punkt entstehen. Damit wird die Brücke zwischen den beiden zentralen Begriffen aus VI.1 geschlagen: aus einem Skalarfeld entsteht durch Anwendung des Gradient-Operators ein Vektorfeld.

Vektorfelder, die als Gradientenfeld eines Skalarfelds geschrieben werden können, heissen konservativ. Sie haben besondere Eigenschaften: ihre Feldlinien laufen senkrecht zu den Niveauflächen des erzeugenden Skalarfelds, und sie sind wirbelfrei in dem Sinne, dass rot(grad(f))=0\operatorname{rot}(\operatorname{grad} (f)) = \vec{0} überall gilt (siehe Abschnitt 5.2). Das physikalische Standardbeispiel ist das elektrische Feld E=gradφ\vec{E} = -\operatorname{grad}\varphi aus dem elektrostatischen Potential φ\varphi in Kap. 2.

Der Gradient ist ein Operator: er nimmt eine Funktion (Skalarfeld ff) und liefert eine andere Funktion (Vektorfeld grad(f)\operatorname{grad} (f)). Diese Sichtweise wird im weiteren Verlauf wichtig, weil sich Operatoren verketten lassen: divgrad(f)=Δf\operatorname{div}\operatorname{grad} (f) = \Delta f ist der Laplace-Operator (Abschnitt 4).

Gradient als Operator
grad:    {Skalarfelder}    {Vektorfelder},f    grad(f)\operatorname{grad}: \;\;\{\text{Skalarfelder}\} \;\longrightarrow\; \{\text{Vektorfelder}\}, \qquad f \;\mapsto\; \operatorname{grad} (f)
Operator: Funktion auf Funktion. Eingabe ist ein Skalarfeld, Ausgabe ein Vektorfeld auf demselben Definitionsbereich.
12
Abb. 2: Skalarfeld f und sein Gradientenfeld grad f.
Definition Gradientenfeld
Vektorfeld der Form F=grad(f)\vec{F} = \operatorname{grad} (f) mit einem Skalarfeld ff (Potential).
Definition Konservativ
Vektorfeld F\vec{F} mit F=gradφ\vec{F} = \operatorname{grad}\varphi für ein Potential φ\varphi. Notwendig: rotF=0\operatorname{rot}\vec{F} = \vec{0}.
Folgt Abschnitt 5.2 (rot grad = 0)

2.1 Definition

Die Divergenz div(v)\operatorname{div}\left( \vec{v} \right) eines Vektorfelds v\vec{v} ist die Spur der Jacobimatrix von v\vec{v}. Konkret: die Summe der partiellen Ableitungen jeder Komponente viv_i nach derselben Variablen xix_i. Das Resultat ist ein Skalarfeld, also eine Zahl an jedem Ort.

Wie beim Gradienten gibt es drei in Vorlesung und Prüfung übliche Schreibweisen für dieselbe Definition. Die Notation v\vec{\nabla} \cdot \vec{v} macht deutlich, dass die Divergenz die formale Skalarprodukt-Anwendung des Nabla-Operators auf das Vektorfeld ist. Die Index-Komma-Form vi,iv_{i,i} macht die Einsteinsche Summenkonvention explizit. Die Komponentenform ist diejenige, mit der man konkret rechnet.

Divergenz: koordinatenfrei
div(v)  =  v\operatorname{div}\left( \vec{v} \right) \;=\; \vec{\nabla} \cdot \vec{v}
Formales Skalarprodukt: v=xv1+yv2+zv3\vec{\nabla} \cdot \vec{v} = \partial_x v_1 + \partial_y v_2 + \partial_z v_3. Resultat ist ein Skalar.
Divergenz: Index-Komma-Notation
div(v)  =  vi,i  =  v1,1+v2,2+v3,3\operatorname{div}\left( \vec{v} \right) \;=\; v_{i,i} \;=\; v_{1,1} + v_{2,2} + v_{3,3}
Einsteinsche Summenkonvention: doppelt vorkommender Index ii wird summiert. vi,i=vi/xiv_{i,i} = \partial v_i / \partial x_i.
Divergenz: Komponenten
div(v(r))  =  v1x+v2y+v3z\operatorname{div}(\vec{v}(\vec{r})) \;=\; \frac{\partial v_1}{\partial x} + \frac{\partial v_2}{\partial y} + \frac{\partial v_3}{\partial z}
Drei partielle Ableitungen, je eine pro Komponente und eigene Variable. Summe ergibt den Skalar.
Definition Divergenz
Skalarfeld div(v)=xv1+yv2+zv3\operatorname{div}\left( \vec{v} \right) = \partial_x v_1 + \partial_y v_2 + \partial_z v_3. Spur der Jacobimatrix.
Merke Notations-Äquivalenz
vi,i=ivi/xiv_{i,i} = \sum_i \partial v_i / \partial x_i (Einsteinsche Summenkonvention).

2.2 Geometrische Bedeutung

Die Divergenz misst die infinitesimale Quellstärke eines Vektorfelds an einem Punkt. Anschaulich: wieviel Feld pro Volumeneinheit aus einem winzigen Volumen um den Punkt herausströmt minus wieviel hineinströmt. Eine positive Divergenz signalisiert eine Quelle, eine negative eine Senke. Verschwindet die Divergenz überall, heisst das Feld quellenfrei.

Die exakte Brücke von der lokalen Divergenz zum globalen Fluss durch eine Hülle liefert der Satz von Gauss (Kap. VI.5). Lokal ist die Divergenz definitorisch eine Summe partieller Ableitungen; integriert über ein Volumen entspricht sie dem Nettofluss durch dessen Oberfläche.

Standardbeispiele: das Feld v(r)=r\vec{v}(\vec{r}) = \vec{r} hat div(v)=3\operatorname{div}\left( \vec{v} \right) = 3 (homogene Quelle, jeder Punkt wirkt wie eine konstante Quelldichte). Das Wirbelfeld v(x,y)=(y,x)\vec{v}(x, y) = (-y, x) hat div(v)=0\operatorname{div}\left( \vec{v} \right) = 0 (reine Rotation, keine Quellen). Das Coulombfeld einer Punktladung hat div(E)=0\operatorname{div}\left( \vec{E} \right) = 0 überall ausser am Ursprung selbst (Singularität, siehe Abschnitt 2.3).

1.0
12
Abb. 3: Divergenz als infinitesimale Quellstärke.
Definition Quellenfrei
Vektorfeld v\vec{v} mit div(v)=0\operatorname{div}\left( \vec{v} \right) = 0 überall. Lokal kein Nettofluss aus einem infinitesimalen Volumen.
Merke Merke: div(v)>0\operatorname{div}\left( \vec{v} \right) > 0 Quelle, div(v)<0\operatorname{div}\left( \vec{v} \right) < 0 Senke, div(v)=0\operatorname{div}\left( \vec{v} \right) = 0 quellenfrei.
Folgt Kap. VI.5 Divergenzsatz

2.3 Beispiele

Homogenes Feld. Für v(r)=a\vec{v}(\vec{r}) = \vec{a} mit konstantem aR3\vec{a} \in \mathbb{R}^3 ist jede partielle Ableitung null, also div(v)0\operatorname{div}\left( \vec{v} \right) \equiv 0. Ein konstantes Feld hat keine Quellen und keine Senken.

Rotationsfeld. Für v(r)=ω×r\vec{v}(\vec{r}) = \boldsymbol{\omega} \times \vec{r} ergeben die drei partiellen Ableitungen v1,x=0v_{1,x} = 0, v2,y=0v_{2,y} = 0, v3,z=0v_{3,z} = 0 (jede Komponente hängt nicht von ihrer eigenen Variable ab), also div(v)0\operatorname{div}\left( \vec{v} \right) \equiv 0. Reine Rotation ist quellenfrei.

Coulombfeld. Das elektrische Feld E(r)=γer3r\vec{E}(\vec{r}) = \frac{\gamma e}{r^3}\,\vec{r} einer Punktladung ee im Ursprung erfüllt div(E)=0\operatorname{div}\left( \vec{E} \right) = 0 überall ausser am Ursprung. Die explizite Rechnung benutzt die Quotientenregel: E1/x=γe(r23x2)/r5\partial E_1 / \partial x = \gamma e \cdot (r^2 - 3 x^2) / r^5 und analog für die anderen Komponenten. Aufaddiert ergibt sich div(E)=γe(3r23x23y23z2)/r5=0\operatorname{div}\left( \vec{E} \right) = \gamma e \cdot (3 r^2 - 3 x^2 - 3 y^2 - 3 z^2) / r^5 = 0. Am Ursprung selbst ist das Feld nicht definiert (Singularität); der Satz von Gauss liefert dort eine Delta-Distribution.

Magnetfeld eines geraden Leiters. Mit B(r)=(2J/(x2+y2))(y,x,0)\vec{B}(\vec{r}) = (2J / (x^2 + y^2)) \cdot (-y, x, 0)^\top ergibt eine analoge Rechnung divB=0\operatorname{div}\vec{B} = 0 ausserhalb der z-Achse. Die Quellenfreiheit des Magnetfelds ist eine der Maxwellgleichungen (siehe Kap. 3 Magnetfeld).

Hagen-Poiseuille. Das Strömungsfeld v(r)=(0,0,C(a2x2y2))\vec{v}(\vec{r}) = (0, 0, C(a^2 - x^2 - y^2))^\top einer laminaren Rohrströmung erfüllt div(v)=0\operatorname{div}\left( \vec{v} \right) = 0, weil keine Komponente von der eigenen Koordinate abhängt. Konsistent mit der Inkompressibilität des Mediums.

Divergenz Coulombfeld (ausserhalb 0)
div ⁣(γer3r)  =  0fu¨r0\operatorname{div}\!\left(\frac{\gamma e}{r^3}\,\vec{r}\right) \;=\; 0 \quad \text{für } \vec{r} \neq \vec{0}
Singularität am Ursprung. Im Sinne von Distributionen: div(E)=(e/ε0)δ(r)\operatorname{div}\left( \vec{E} \right) = (e / \varepsilon_0)\,\delta(\vec{r}) (Maxwell-Gleichung).
1.0
12
Abb. 4: Divergenz physikalischer Beispielfelder.
Merke Quellenfreie Felder
Homogen, Rotationsfeld, Coulomb (ausserhalb 0), Magnetfeld, Hagen-Poiseuille: alle erfüllen div=0\operatorname{div} = 0.

3.1 Definition

Die Rotation rot(v)\operatorname{rot}\left( \vec{v} \right) eines Vektorfelds ist das formale Kreuzprodukt des Nabla-Operators mit dem Feld. Resultat ist wieder ein Vektorfeld auf demselben Definitionsbereich; im Gegensatz zur Divergenz, die einen Skalar liefert.

Auch hier sind drei Notations-Varianten gebräuchlich. Die koordinatenfreie Form ×v\vec{\nabla} \times \vec{v} macht die Antisymmetrie sichtbar (Kreuzprodukt antikommutiert). Die Index-Komma-Form mit dem Levi-Civita-Symbol εijk\varepsilon_{ijk} zeigt die Antisymmetrie explizit. Die Komponenten-Form ist diejenige, mit der man konkret rechnet.

Rotation: koordinatenfrei
rot(v)  =  ×v\operatorname{rot}\left( \vec{v} \right) \;=\; \vec{\nabla} \times \vec{v}
Formales Kreuzprodukt. Ergebnis ist ein Vektorfeld.
Rotation: Index-Komma-Notation
(rot(v))i  =  εijkvk,j(\operatorname{rot}\left( \vec{v} \right))_i \;=\; \varepsilon_{ijk}\, v_{k,j}
εijk\varepsilon_{ijk} Levi-Civita-Symbol (vollständig antisymmetrisch, ε123=+1\varepsilon_{123} = +1). Einsteinsche Summenkonvention über j,kj, k.
Rotation: Komponenten
rot(v(r))  =  (v3/yv2/zv1/zv3/xv2/xv1/y)  =  (v3,yv2,zv1,zv3,xv2,xv1,y)\operatorname{rot}(\vec{v}(\vec{r})) \;=\; \begin{pmatrix} \partial v_3 / \partial y - \partial v_2 / \partial z \\ \partial v_1 / \partial z - \partial v_3 / \partial x \\ \partial v_2 / \partial x - \partial v_1 / \partial y \end{pmatrix} \;=\; \begin{pmatrix} v_{3,y} - v_{2,z} \\ v_{1,z} - v_{3,x} \\ v_{2,x} - v_{1,y} \end{pmatrix}
Drei Komponenten, jede ist Differenz zweier partieller Ableitungen. Zyklische Permutation in xyzxx \to y \to z \to x.
Definition Rotation
Vektorfeld rot(v)=×v\operatorname{rot}\left( \vec{v} \right) = \vec{\nabla} \times \vec{v}. Komponenten enthalten Differenzen partieller Ableitungen.
Merke Levi-Civita
εijk=+1\varepsilon_{ijk} = +1 bei zyklischer Permutation, 1-1 bei antizyklischer, 00 sonst.
Merke Eselsbrücke
Determinanten-Schreibweise des Kreuzprodukts: ×v=det ⁣(x^y^z^xyzv1v2v3)\vec{\nabla} \times \vec{v} = \det\!\begin{pmatrix} \hat{\vec{x}} & \hat{\vec{y}} & \hat{\vec{z}} \\ \partial_x & \partial_y & \partial_z \\ v_1 & v_2 & v_3 \end{pmatrix}

3.2 Geometrische Bedeutung

Die Rotation misst die infinitesimale Wirbelstärke eines Vektorfelds an einem Punkt. Anschaulich: stelle ein winziges Paddel-Rad in das Feld; sein Drehverhalten gibt Richtung und Betrag der lokalen Rotation an. Die Achse des Rads richtet sich nach rot(v)\operatorname{rot}\left( \vec{v} \right), die Drehrate ist proportional zu rot(v)/2|\operatorname{rot}\left( \vec{v} \right)|/2.

Im R2\mathbb{R}^2 hat ein Vektorfeld nur einen relevanten Rotationsanteil: die z-Komponente (rot(v))z=v2/xv1/y(\operatorname{rot}\left( \vec{v} \right))_z = \partial v_2 / \partial x - \partial v_1 / \partial y. Sie ist positiv für Wirbel im Gegenuhrzeigersinn (rechte-Hand-Regel mit Daumen aus der Bildebene heraus), negativ im Uhrzeigersinn. Verschwindet die Rotation überall, heisst das Feld wirbelfrei.

Die exakte Brücke von der lokalen Rotation zur globalen Zirkulation um eine Schleife liefert der Satz von Stokes (Kap. VI.8). Lokal ist die Rotation definitorisch eine Differenz partieller Ableitungen; integriert über ein Flächenstück entspricht sie der Zirkulation um den Rand.

1.0
Abb. 5: Rotation und Paddle-Räder.
Definition Wirbelfrei
Vektorfeld v\vec{v} mit rot(v)=0\operatorname{rot}\left( \vec{v} \right) = \vec{0} überall. Lokal kein Drehen eines Probe-Rads.
Merke Merke: Paddle-Rad-Bild. rot(v)\operatorname{rot}\left( \vec{v} \right) Drehachse, rot(v)/2|\operatorname{rot}\left( \vec{v} \right)|/2 Winkelgeschwindigkeit.

3.3 Beispiele

Homogenes Feld. Für v(r)=a\vec{v}(\vec{r}) = \vec{a} mit konstantem a\vec{a} verschwinden alle partiellen Ableitungen, also rot(v)0\operatorname{rot}\left( \vec{v} \right) \equiv \vec{0}. Ein homogenes Feld ist wirbelfrei.

Rotationsfeld. Für v(r)=ω×r\vec{v}(\vec{r}) = \boldsymbol{\omega} \times \vec{r} mit konstanter Winkelgeschwindigkeit ω\boldsymbol{\omega} ergibt die explizite Rechnung rot(v)=2ω\operatorname{rot}\left( \vec{v} \right) = 2\,\boldsymbol{\omega}. Die Rotation des Rotationsfelds ist also doppelt so gross wie die zugehörige Winkelgeschwindigkeit. Das ist die mathematische Begründung für den Faktor 2 im Paddle-Rad-Bild.

Coulombfeld. Direkte Komponentenrechnung liefert rot(E)=0\operatorname{rot}\left( \vec{E} \right) = \vec{0} für r0\vec{r} \neq \vec{0}. Das radiale 1/r21/r^2-Feld ist wirbelfrei. Konsistent mit der Tatsache, dass E\vec{E} als Gradientenfeld E=gradφ\vec{E} = -\operatorname{grad}\varphi darstellbar ist (siehe rot grad = 0 in 5.2).

Magnetfeld eines geraden Leiters. Hier wird es interessant: rot(B)=0\operatorname{rot}\left( \vec{B} \right)= \vec{0} überall ausser auf der z-Achse, wo das Feld singulär ist. Globalmässig (Linienintegral um den Leiter herum) liefert das Ampèresche Gesetz Bdl=μ0I\oint \vec{B} \cdot d\vec{l} = \mu_0 I. Im Sinne von Distributionen gilt rot(B)=μ0J\operatorname{rot}\left( \vec{B} \right)= \mu_0 \vec{J} (Maxwell-Gleichung).

Rotation des Rotationsfelds
rot(ω×r)  =  2ω\operatorname{rot}(\boldsymbol{\omega} \times \vec{r}) \;=\; 2\,\boldsymbol{\omega}
Konstanter Faktor 2 zwischen Wirbelvektor und Winkelgeschwindigkeit. Der Paddle-Rad-Faktor.
1.0
Abb. 6: Rotation physikalischer Beispielfelder.
Merke Wirbelfreie Felder
Homogen, Coulomb (ausserhalb 0), Gradientenfelder allgemein: rot=0\operatorname{rot} = \vec{0}.
Merke Faktor 2
rot(ω×r)=2ω\operatorname{rot}(\boldsymbol{\omega} \times \vec{r}) = 2\boldsymbol{\omega}. Mathematische Begründung des Faktors im Paddle-Rad-Bild.

4.1 Laplace-Operator

Der Laplace-Operator Δ\Delta ist die Verkettung aus Gradient und Divergenz: Δf=divgrad(f)\Delta f = \operatorname{div}\operatorname{grad} (f). Wendet man grad\operatorname{grad} auf ein Skalarfeld ff an, entsteht ein Vektorfeld; wendet man darauf div\operatorname{div} an, entsteht wieder ein Skalarfeld. Resultat ist die Spur der Hesse-Matrix von ff, also die Summe der zweiten partiellen Ableitungen.

Der Laplace-Operator taucht in nahezu jeder Differentialgleichung der Physik auf: Wärmeleitung (tu=DΔu\partial_t u = D\,\Delta u), Wellengleichung (t2u=c2Δu\partial_t^2 u = c^2\,\Delta u), Poisson-Gleichung der Elektrostatik (Δφ=ρ/ε0\Delta\varphi = -\rho / \varepsilon_0), stationäre Schrödinger-Gleichung mit kinetischem Term 2/(2m)Δψ-\hbar^2/(2m)\,\Delta\psi. Funktionen mit Δf=0\Delta f = 0 heissen harmonisch.

Drei Notations-Varianten parallel zu Gradient und Divergenz: koordinatenfrei mit =2\vec{\nabla} \cdot \vec{\nabla} = \vec{\nabla}^2, Index-Komma als f,iif_{,ii}, Komponenten als Summe der reinen zweiten Ableitungen.

Laplace: koordinatenfrei
Δf  =  f  =  2f  =  divgrad(f)\Delta f \;=\; \vec{\nabla} \cdot \vec{\nabla} f \;=\; \vec{\nabla}^2 f \;=\; \operatorname{div}\operatorname{grad} (f)
Vier äquivalente Schreibweisen. 2\vec{\nabla}^2 entspricht ()(\vec{\nabla} \cdot \vec{\nabla}), also Skalarprodukt von Nabla mit sich selbst.
Laplace: Index-Komma-Notation
Δf  =  f,ii  =  f,11+f,22+f,33\Delta f \;=\; f_{,ii} \;=\; f_{,11} + f_{,22} + f_{,33}
Doppelter Index ii wird summiert. f,ii=2f/xi2f_{,ii} = \partial^2 f / \partial x_i^2.
Laplace: Komponenten
Δf(r)  =  2fx2+2fy2+2fz2\Delta f(\vec{r}) \;=\; \frac{\partial^2 f}{\partial x^2} + \frac{\partial^2 f}{\partial y^2} + \frac{\partial^2 f}{\partial z^2}
Spur der Hesse-Matrix von ff. Drei reine zweite Ableitungen, je eine pro Variable.
1.0
Abb. 7: Laplace = div grad und Diffusion.
Definition Laplace-Operator
Δf=divgrad(f)=x2f+y2f+z2f\Delta f = \operatorname{div}\operatorname{grad} (f) = \partial_x^2 f + \partial_y^2 f + \partial_z^2 f. Spur der Hesse-Matrix.
Definition Harmonisch
Skalarfeld mit Δf=0\Delta f = 0. Beispiele: Real- und Imaginärteil holomorpher Funktionen, elektrostatisches Potential im ladungsfreien Raum.
Merke Anwendungen
Wärmegleichung, Wellengleichung, Poisson-Gleichung, Schrödinger-Gleichung. Praktisch jede zentrale PDE der Physik.

4.2 Operator-Diagramm

Die Differentialoperatoren bilden ein zusammenhängendes Diagramm. Skalarfelder und Vektorfelder sind die zwei Funktionsklassen; die Operatoren sind die Pfeile dazwischen.

Operator Eingabe Ausgabe Notation
grad Skalarfeld ff Vektorfeld f\vec{\nabla} f f\vec{\nabla} f
div Vektorfeld v\vec{v} Skalarfeld v\vec{\nabla} \cdot \vec{v} v\vec{\nabla} \cdot \vec{v}
rot Vektorfeld v\vec{v} Vektorfeld ×v\vec{\nabla} \times \vec{v} ×v\vec{\nabla} \times \vec{v}
Δ Skalarfeld ff Skalarfeld 2f\vec{\nabla}^2 f Δf\Delta f = div grad f
Operator-Diagramm

Aus dem Diagramm ergeben sich die natürlichen Verkettungen. Aus einem Skalarfeld kann man durch grad ein Vektorfeld machen, dann durch div wieder ein Skalarfeld; das ist der Laplace. Aus einem Vektorfeld kann man durch rot ein neues Vektorfeld machen; aus dem wieder durch div einen Skalar (immer 0, siehe 5.1) oder durch rot ein neues Vektorfeld. Aus einem Skalar durch grad und dann rot wieder ein Vektor (immer 0\vec{0}, siehe 5.2).

Abb. 9: Operator-Diagramm.
Merke Merke: Skalar grad\xrightarrow{\operatorname{grad}} Vektor div\xrightarrow{\operatorname{div}} Skalar. Vektor rot\xrightarrow{\operatorname{rot}} Vektor. ASCII-Variante: Skalar →grad→ Vektor →div→ Skalar + Vektor ↻rot↻ Vektor.

5.1 div rot v = 0

Für jedes zweimal stetig differenzierbare Vektorfeld v\vec{v} gilt div(rot(v))=0\operatorname{div}(\operatorname{rot}\left( \vec{v} \right)) = 0. Die Identität ist eine direkte Folge der Vertauschbarkeit gemischter partieller Ableitungen (Satz von Schwarz). In Index-Komma-Notation sieht man das schnell: div(rot(v))=i(εijkvk,j)=εijkvk,ji\operatorname{div}(\operatorname{rot}\left( \vec{v} \right)) = \partial_i (\varepsilon_{ijk}\,v_{k,j}) = \varepsilon_{ijk}\,v_{k,ji}. Der Levi-Civita-Tensor ist antisymmetrisch in i,ji, j; die zweite Ableitung vk,jiv_{k,ji} ist symmetrisch in i,ji, j. Antisymmetrisch mal symmetrisch summiert ergibt null.

Konsequenz: jedes Vektorfeld der Form B=rotA\vec{B} = \operatorname{rot}\vec{A} ist quellenfrei. In der Elektrodynamik ist das die Begründung für divB=0\operatorname{div}\vec{B} = 0 (Maxwell-Gleichung): das Magnetfeld besitzt überall ein Vektorpotential A\vec{A} mit B=rotA\vec{B} = \operatorname{rot}\vec{A}, also automatisch divB=0\operatorname{div}\vec{B} = 0.

Erste Identität
div(rot(v))  =  (×v)  =  0\operatorname{div}(\operatorname{rot}\left( \vec{v} \right))\;=\; \vec{\nabla} \cdot (\vec{\nabla} \times \vec{v}) \;=\; 0
Gilt für jedes C2C^2-Vektorfeld. Folgt aus Antisymmetrie von ×\vec{\nabla} \times und Symmetrie der gemischten zweiten Ableitungen.
Index-Komma-Beweis
i(εijkvk,j)  =  εijkvk,ji  =  0\partial_i (\varepsilon_{ijk}\, v_{k,j}) \;=\; \varepsilon_{ijk}\, v_{k,ji} \;=\; 0
εijk\varepsilon_{ijk} antisymmetrisch in i,ji, j. vk,ji=vk,ijv_{k,ji} = v_{k,ij} symmetrisch in i,ji, j (Schwarz). Antisymm. mal symm. summiert = 0.
Merke Konsequenz
B=rotA\vec{B} = \operatorname{rot}\vec{A} impliziert divB=0\operatorname{div}\vec{B} = 0. Quellenfreiheit aus Vektorpotential.
Querverweis Verweise
→ Kap. 3 Magnetfeld

5.2 rot grad f = 0

Für jedes zweimal stetig differenzierbare Skalarfeld ff gilt rot(grad(f))=0\operatorname{rot}(\operatorname{grad} (f)) = \vec{0}. Die Begründung ist analog zu 5.1: in Komponenten ist die i-te Komponente der Rotation eines Gradienten εijk(f,k),j=εijkf,kj\varepsilon_{ijk}\,(f_{,k})_{,j} = \varepsilon_{ijk}\,f_{,kj}. Antisymmetrisch in j,kj, k mal symmetrisch in j,kj, k ergibt null.

Konsequenz: jedes Gradientenfeld F=gradφ\vec{F} = \operatorname{grad}\varphi ist wirbelfrei. Aus geometrischer Sicht: das Skalarfeld φ\varphi definiert Niveauflächen; der Gradient steht senkrecht auf diesen Flächen; ein lokales Drehen wäre nur möglich, wenn die Niveauflächen sich kreuzen, was bei einem wohldefinierten φ\varphi unmöglich ist.

Auf einem einfach zusammenhängenden Gebiet gilt sogar die Umkehrung: jedes wirbelfreie Vektorfeld besitzt ein Potential. Das ist die Brücke zur Theorie konservativer Kräfte und zum Hauptsatz für Kurvenintegrale.

Zweite Identität
rot(grad(f))  =  ×(f)  =  0\operatorname{rot}(\operatorname{grad} (f)) \;=\; \vec{\nabla} \times (\vec{\nabla} f) \;=\; \vec{0}
Gilt für jedes C2C^2-Skalarfeld. Folgt aus Antisymmetrie von ×\vec{\nabla} \times und Symmetrie der gemischten zweiten Ableitungen.
Index-Komma-Beweis
(rot(grad(f)))i  =  εijk(f,k),j  =  εijkf,kj  =  0(\operatorname{rot}(\operatorname{grad} (f)))_i \;=\; \varepsilon_{ijk}\, (f_{,k})_{,j} \;=\; \varepsilon_{ijk}\, f_{,kj} \;=\; 0
εijk\varepsilon_{ijk} antisymmetrisch in j,kj, k. f,kj=f,jkf_{,kj} = f_{,jk} symmetrisch in j,kj, k (Schwarz). Antisymm. mal symm. summiert ergibt 0. Gleiche Struktur wie 5.1: zweimal verkettete Operatoren, eine zweite Ableitung wird gegen ein antisymmetrisches Symbol kontrahiert.
Merke Konsequenz
F=gradφ\vec{F} = \operatorname{grad}\varphi impliziert rotF=0\operatorname{rot}\vec{F} = \vec{0}. Wirbelfreiheit aus Potential.
Merke Umkehrung
Auf einfach zusammenhängenden Gebieten: rotF=0\operatorname{rot}\vec{F} = \vec{0} impliziert die Existenz eines Potentials φ\varphi mit F=gradφ\vec{F} = \operatorname{grad}\varphi.
Folgt Kap. VI.10 Konservative Felder

5.3 Numerische Verifikation

Die beiden Identitäten lassen sich numerisch sichtbar machen, indem man jeweils das Resultat des verketteten Operators auf einem Gitter auswertet. Erwartung: das Resultat ist nicht exakt null (zentrale Differenzen führen Rundungsfehler ein), aber um Grössenordnungen kleiner als das Zwischen-Resultat. Genau das macht die folgende Figur sichtbar: Panel C ist das Resultat-Panel und erscheint nahezu uniform in der Mittel-Farbe der Palette.

Im Modus div(rot v) zeigt Panel A die Feldgrösse v|\vec{v}|, Panel B die Rotation (rotv)(\operatorname{rot}\vec{v}), Panel C den Laplace von (rotv)(\operatorname{rot}\vec{v}), der als Proxy für das zweite Verkettungsresidual steht. Im Modus rot(grad f) zeigt Panel A das Skalarfeld ff, Panel B den Gradienten gradf|\operatorname{grad} f|, Panel C die numerisch berechnete Rotation des Gradienten. Beide Panel-C-Heatmaps zeigen nahezu uniform die Null-Farbe der Palette.

Abb. 8: Numerische Verifikation der Identitäten.
Merke Numerische Sicht
Die Identitäten gelten exakt für glatte Felder. Auf einem Gitter mit zentralen Differenzen bleibt ein Pixel-Rauschen, das mit feinerem Gitter und glatterem Feld kleiner wird.

Aufgaben mit Musterlösungen

Übungsaufgaben werden in Kürze ergänzt.

Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.

MerkeErst selbst rechnen, dann Lösung prüfen!